Liebeserklärung mit Biberfellmütze: Moonrise Kingdom

Es hätte nicht viel gefehlt am Ende von „Moonrise Kingdom“, und die Zuschauer wären in Applaus ausgebrochen. Kein Wunder. So nah wirkte der Film, so lebendig – man fühlte sich eher, als falle der letzte Vorhang im Theater. Verklinge die letzte Zugabe bei einem atemberaubenden Konzert. Stattdessen – die Kinoleinwand, dunkel nun. Und noch ein Vergleich – dieses Auftauchen, wie aus einem Buch, beinahe; so weit die Rückkehr. Als habe man einen verzauberten Wald verlassen. Und trage nun etwas von diesem Zauber in sich… Ein Feuerwerk der Kreativität, die Formulierung klingt ein wenig bemüht. Und gilt für den neuen Film des Texaners Wes Anderson doch in bestem Sinne. Denn der strotzt nur so: vor Kreativität und Ideen, vor Spielfreudigkeit der Darsteller, vor Farbe, Wärme, Gefühl und Geräusch – vor Magie und entzückenden Einfällen.

Die Crew für beste Unterhaltung: Wes Anderson calling his troops. (Foto: Verleih)

Die Crew für beste Unterhaltung: Wes Anderson calling his troops. (Foto: Verleih)

Es ist nicht seine Geschichte, die ihn zu etwas so besonderem macht, sondern die leichte, verspielte Hand, mit der Anderson sie erzählt. Die sympathische Skurrilität der Darsteller, die knallbunten Bilder, der absolute Wille zum Abstrusen. All das hätte auch daneben gehen können; das tut es schließlich oft genug. In „Moonrise Kingdom“ aber fügen sich die einzelnen Teile zu einem wunderbaren und berührenden Puzzle, das man nicht mehr vergisst: Sam liebt Suzy. Suzy liebt Sam. So weit, so gut – nur, dass Sam (Jared Gilman) und Suzy (Kara Hayward) im Sommer 1965 gerade zwölf Jahre alt sind. Und sich deswegen von den Erwachsenen mit der absurden Vorstellung konfrontiert sehen, ihr gemeinsames Leben noch einige Jahre aufschieben zu müssen. Dem wollen sich die beiden nicht fügen und flüchten gemeinsam; ein nicht ganz einfaches Unterfangen, wenn das eigene Zuhause Teil einer geradezu lächerlich kleinen Insel ist, der sich ein Sturm unbekannten Ausmaßes nähert. Und doch nicht hoffnungslos.

Für die Erwachsenen bedeutet die Flucht der Kinder nichts als Scherereien. Scout Master War (Edward Norton) muss ob des verlorenen Schützlings um seine Position innerhalb der Pfadfindergruppe fürchten, Inselpolizist Captain Sharp (herrlich selbstironisch: Bruce Willis), darum bangen, seine Affäre mit Suzys Mutter (Frances McDormand) könne auffliegen. Und die Mutter selbst wirkt ohnehin verbogen. Im Zweifel davon, neben ihrer Familie herzuleben, die die Anwältin im weitläufigen Anwesen schon mal per Megafon zu Tisch bittet. Derweil schlagen Sam und Suzy ihr Lager am Strand auf. Reden über Bücher und Musik. Fangen Fische und grillen. Überwinden trotz allen gebotenen Ernstes ihrer Liebe federleicht deren erste Krise (Suzy offenbart sich Sam und der lacht sie aus), tanzen – und Sam darf beim Küssen Suzys Brüste berühren. Da hat er ihr bereits Ohrringe aus Angelhaken gebastelt und ihr damit, weil Suzy gar keine Ohrlöcher hat, selbige gestochen. Und unter seiner Biberfellmütze heraus hat er dem Mädchen mit dem knalltürkisenen Lidschatten, das für ihn den magischen Feldstecher abgenommen hat, seine Liebe gestanden; sie hat das Bekenntnis erwidert.

Der Soundtrack, den Alexandre Desplat dem Film als gar nicht so heimlichen Hauptdarsteller mitgegeben hat, ist dabei regelmäßig mehr als das: Fällt mit einem Schnitt in die Szene, wenn die Musik diese plötzlich nicht mehr abstrakt umschmeichelt, sondern Hank Williams aus Captain Sharps Autoradio durch die Einsamkeit des traurigen Bullen bricht – wunderbar. Sharp ist es auch, der aus der eigenen Melancholie die Traurigkeit der beiden Ausreißer begreift. Ihr Glück darüber, in ihrem Gefühl, aus der Welt gefallen zu sein, ein Gegenüber gefunden zu haben. Der dieses Glück ernst nimmt, ohne dass Anderson ihn dafür aus der Verantwortung lässt, die Zuschauer auch zum Lachen zu bringen. Und der sich schließlich so weit auf die Seite von Sam und Suzy schlägt, dass der Rest der apathischen, desillusionierten Welt der Erwachsenen sich mitschlagen lässt, lassen muss.

Das Ende des Films gerät denn auch etwas kitschig, doch das ist verzeihlich. Schließlich haben wir es hier mit einem Märchen zu tun, irgendwie. Was aber nicht bedeutet, dass sich darin keine kleinen Weisheiten über das Leben finden ließen. Wen man sich nur traut, hinabzusteigen in die Seelenbilder des Wes Anderson. Im wahrsten Wortsinn: großes Kino.

Moonrise Kingdom
Buch: Wes Anderson, Roman Coppola
Regie: Wes Anderson
Darsteller: Bill Murray, Bruce Willis, Tilda Swinton
USA, 94 Minuten, FSK: 12

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