Lippenbekenntnisse

Wenn zwei Menschen sich küssen, geraten ihre Körper in Aufruhr: Der Kuss kurbelt die Hormonproduktion an, die Nebenniere jagt Adrenalin durch den Körper, der Blutdruck schnellt in die Höhe und der Puls verdoppelt sich gar. Außerdem sorgen Endorphine dafür, dass die Schmetterlinge im Bauch der Zungentänzer wild umeinander flattern – und als positiver Nebeneffekt tun die Küssenden sogar etwas für ihre Abwehrkräfte, weil der fremde Speichel Bakterien enthält, die das Immunsystem des Gegenübers herausfordern. Doch wenn Zwei sich küssen, denken sie im besten Falle an nichts von alldem. Sondern geben sich dem wohligen Gefühl hin, das sie überkommt, wenn ihre Lippen die ihrer besseren Kusshälfte berühren, ohne zu erinnern, dass ihr Körper gerade das Stresshormon Kortisol in geringeren Mengen als sonst üblich produziert, oder ihr eigener, angeregter Speichelfluss für optimale Zahnpflege sorgt. Denn wenn Zwei sich küssen, denken sie im besten Falle: an gar nichts. Sind Gefühl statt Gedanke.

Gefühl, statt Gedanke. (Foto: brandtmarke/pixelio.de)

Gefühl, statt Gedanke. (Foto: brandtmarke/pixelio.de)

Wer küsst muss nicht lieben, aber wer liebt, muss küssen. Kommt die Liebe ins Spiel, bringt sie am Anfang nur Küsse von Bedeutung mit sich. Einer ihrer schönsten ist nicht der erste – sondern der zweite Kuss. Weil er das nervöse Fiebern vor sich herschiebt, die bange Frage, ob es ihn geben wird. Geht es dem anderen nach dem ersten Lippenkonzert wie mir, wünscht auch er sich, dass wir gemeinsam weiterspielen? Oder haben sich Bier und Sehnsucht bis zur Bedeutungslosigkeit in diesen ersten Kuss gemischt – so dass der zweite ausbleiben wird? Der zweite Kuss ist es, vor dem wir wie in besten Teenagertagen zittern und der uns, wenn er endlich auf unseren wartenden Lippen landet, erlöst wie Dornröschen nach hundert Jahren Schlaf. Er ist es auch, bei dem wir nach einem atemlosen, blinden Moment einmal heimlich blinzeln, um unseren Gegenüber zu sehen – ihm dabei vielleicht ins gleichfalls blinzelnde Auge schauen und darin sehen, was unser eigenes Herz zum Schwingen bringt, im Moment des aufrichtigen Lippenbekenntnisses.

Jeder erste Kuss mit einem neuen Menschen hat Schmetterlinge im Gepäck, egal wie es danach weitergeht. Ob er nun von der Neugierde getrieben, schlicht vom Bier geschwängert oder von der Leichtigkeit getragen ist, das erste Schmecken an fremden Lippen ist immer aufregend und besonders. Zu oft scheuen wir zurück vor diesem ersten Kuss, weil wir nicht sicher sind, ob er eine Bedeutung entwickeln wird im Schlagen der Zungen – und sollten ihn doch viel häufiger wagen, um uns bezaubern zu lassen; sei es einfach nur für den Moment. Im Kuss eines geliebten Menschen kann all der Trost liegen, den unser Herz in einem Moment des Zauderns oder Schmerzes benötigt, um nicht zu brechen am Schlag des Schicksals. Nichts von dem, was uns bedrückt, kann ein solcher Kuss zwar rückgängig machen, doch legt er sich über unsere Seele wie ein Vorhang, schirmt sie ab vor dem, woran sie bittere Falten wirft.

Ein zitterndes Beben jagt uns der verbotene Kuss durch den Körper, wenn wir ihm unsere Lippen öffnen. Nicht die fremde Hand am verheirateten Hintern, nicht das Aufbäumen des anderen in der Dunkelheit unseres Schoßes markiert den Betrug des Herzens, das daheim auf uns wartet, sondern dass wir die fordernden Lippen dessen, mit dem wir betrügen, gierig annehmen und erwidern. Schlechte Küsse! „Nein, vielen Dank, meine Speichelproduktion funktioniert erstklassig, du brauchst mich echt nicht mit deinem mitzuversorgen“, ist ein besonders unangenehmes Beispiel dafür. Küsse, bei denen man Angst hat vor Zungenklau, ausgeleierten Backen oder gar Kieferbruch, Ed von Schlecks, von denen nur eines zurückbleibt – eine Geschichte, über die man noch Jahre später mit schüttelndem Gesicht bei der besten Freundin lästern kann.

Der Kuss, der nicht sein sollte, weil er in einem auslöst, was der andere beschließt zu verschweigen. Und dem Tränen folgen werden, weil der erste Kuss zugleich der letzte war, obwohl man darin den Anfang von etwas Besonderem zu schmecken glaubte. Küsse zwischen Zweien, die in ihrem Alltag nicht dieselbe Sprache sprechen. Wenn das atemlose Schweigen im Moment des zarten, vorsichtigen Zurückweichens doch verstanden wird und man dann, um die nachfolgende Pause im Ansatz auszubremsen, weiterküsst, um nur nicht stammeln zu müssen – und um den Geschmack des Fremden nicht zu verlieren. Man weitergeht, unterm Sternenhimmel, eine fremde Hand so selbstverständlich und fest um die eigene geschlossen, als würden einen nicht schon tags darauf zwei Flugzeuge in verschiedene Himmelsrichtungen davontragen.

Kinderküsse, unschuldig und süß, hinter Schultüten und in Baumhäusern, mit zarten, eben noch unberührten Lippen, die nach Caprisonne und Sauerampfer schmecken. Der besorgte Kuss einer Mutter. Der tröstende Kuss eines Vaters. Der verstehende Kuss der besten Freundin. Der versteckte Kuss eines heimlichen Verehrers. Handküsse. Luftküsse. Abschiedsküsse, Begrüßungsküsse, letzte Küsse, wütende Küsse. Versöhnungsküsse. Gehauchte Küsse, leidenschaftliche Küsse. Gebissene Küsse. Liebesküsse. Und in jedem Kuss eine neue Welt.

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