Mainz 05: Spielentwicklung unter Bo Svensson

Wer nach Abpfiff der Partie des 1. FSV Mainz 05 gegen den SC Freiburg in die Gesichter der Mainzer Spieler schaute, konnte ihre Freude über den späten Siegtreffer von Robin Quaison gar nicht übersehen. So, wie vieles an der Entwicklung der nun knapp drei Monate unter dem neuen Chefcoach Bo Svensson nicht zu übersehen ist. Der gute Teamgeist dieser einst abgeschriebenen Truppe. Die kämpferische Einstellung, zu der auch überragende Werte in Sachen Laufleistung gehören. Eine neue Giftigkeit in den Zweikämpfen. Der entschlossene Kampf um die zweiten Bälle, die Bereitschaft, immer füreinander einzustehen.

All das ist deutlich erkennbar und gibt in der Summe die berechtigte Hoffnung, bis zum Schluss um den Klassenerhalt mitzuspielen. Aber inwieweit lassen sich die positiven Eindrücke auch durch Zahlen belegen – und wo zeigen diese vielleicht noch Luft nach oben auf?

Mit Fußballdaten aller Art beschäftigt sich Mats Beckmann und Quirin Sterr, die Gründer von CREATE FOOTBALL. Mit dem Start-up möchten sie das hierzulande noch eher vernachlässigte Thema Datenscouting vorantreiben. Sie erheben die Zahlen nicht selbst, sondern beziehen sie von Anbietern wie InStat oder Wyscout* und interpretieren sie für Beiträge in ihrem Podcast, Blog und bei Instagram. Um einen genaueren Blick auf die Entwicklung der Mainzer Mannschaft zu werfen, habe ich ihnen einen Fragenkatalog zu den Spieldaten der 05er zukommen lassen, die sie daraufhin für mich zusammengetragen haben. Wichtig war mir, nicht nur im Vergleich mit den Spielen unter Jan-Moritz Lichte auf kurzfristige Effekte seit dem Dienstantritt von Bo Svensson zu schauen, sondern auch den Vergleich zu ziehen mit der Zeit unter Achim Beierlorzer.

Etwas überraschend ist zunächst vielleicht die Feststellung, dass die Passgenauigkeit unter Bo Svensson schlechter geworden ist. Lag sie mit Achim Beierlorzer an der Seitenlinie noch bei 78 Prozent und war unter Nachfolger Jan-Moritz Lichte mit 78,5 nahezu identisch, liegt sie derzeit im Schnitt bei 73 Prozent. Besonders schlecht war sie beispielsweise bei der Heimniederlage gegen Wolfsburg mit lediglich 64,3 Prozent. Allerdings zeigen die Vergleiche direkt, dass Statistiken im Fußball nun mal nicht alles sind: Auch bei der Partie gegen Borussia Mönchengladbach lag die Mainzer Passquote mit 67 Prozent niedrig – gewonnen haben die 05er dennoch. Zum Vergleich, die Passquote der Gladbacher lag bei 85,7 Prozent.

In Sachen Pässe spielt eben nicht nur die Genauigkeit eine Rolle, sondern auch, wo und wohin auf dem Feld sie gespielt werden, also was nach dem – bestenfalls gelungenen – Pass geschieht. Der niedrige Wert hat aber auch mit Svenssons Spielansatz zu tun, der gefährliche Pässe durchaus in Kauf nimmt, weil, vereinfacht gesagt, auch davon immer mal einer ankommt; und womöglich der entscheidende. Etwas ruhiger war das Spiel übrigens zuletzt mit Boëtius statt Latza eben gegen den SC Freiburg, was die verbesserte Passquote und der vergleichsweise hohe Ballbesitz belegen.

Auch bei der Interpretation des Spielstils können die Daten Aufschluss geben und hier sticht besonders der Wert der Balleroberungen ins Auge. Der lag unter Beierlorzer bei 81,3 pro Spiel (Lichte 78,5), seit Amtsantritt von Svensson liegt der Durchschnittswert hier bei 93,5 pro 90 Minuten. Zum Vergleich, bei Union Berlin liegt dieser Wert in der bisherigen Saison bei 85,4 und Arminia Bielefeld weist ein Balleroberungsmittel von 79 pro Spiel auf. In den letzten drei Spielen lag Mainz beim Balleroberungswert in den Top Fünf in der Liga, gegen Schalke sogar auf Rang 2.

Mit diesem Werten lässt sich bestätigen, was auch auf dem Feld erkennbar ist: Svensson setzt stark auf das Spiel gegen den Ball. Dafür spricht auch der so genannte PPDA-Wert, bei dem die Anzahl der gegnerischen Pässe erfasst wird, bevor Mainz 05 Druck auf den Ball beziehungsweise Gegenspieler erzeugt. Er liegt in Svenssons Amtszeit bei 11,5 Pässen – unter Beierlorzer lag er bei 14, unter Lichte sogar bei 15,3 Pässen. Die Mainzer Spieler bauen also deutlich früher Druck auf ihre Gegner auf, seit Svensson am Ruder ist.

Lohnenswert ist in Sachen Daten auch der Blick auf die Entwicklung einzelner Spieler. Moussa Niakhaté steht aktuell zwar in einzelnen Werten etwas schlechter da als unter Beierlorzer oder Lichte, bei dem er im Schnitt 2,4 erfolgreiche Tacklings hatte (aktueller Wert: 1,7). Allerdings weist er unter Svensson die deutlich beste Zweikampfquote von 75% auf – unter Beierlorzer lag diese fast 10 Prozent niedriger (66%). Spielmacher Kevin Stöger konnte den Wert der von ihm kreierten Torchancen unter Svensson von 0,4 (Lichte) auf 0,88 mehr als verdoppeln. Seine erfolgreichen Schlüsselpässe liegen nun bei 0,29 (0 unter Lichte).

Spannend ist auch die starke Entwicklung der Leihspieler aus Frankfurt, verglichen mit den Werten beim abgebenden Verein. So kommt Danny da Costa bei Mainz 05 im Vergleich zu den Einsätzen bei der Eintracht auf 28 (22,2) erfolgreiche Aktionen und 0,87 (0,56) kreierte Torchancen pro Spiel. Dominik Kohr glänzt mit 10 (5,8) Balleroberungen sowie 12,5 (6,5) erfolgreichen Zweikämpfen.

Bestätigen lässt sich mit den Zahlen zudem der Eindruck, dass Stefan Bell auf seine alten Tage die Saison seines Lebens spielt – zumindest fast. Lediglich 2017/18 wies Bell seit Beginn dieser Form der Datenaufzeichnung 2013/14 bessere Werte auf als in der laufenden Saison. Gemessen an den Top-5-Ligen sind seine Werte allesamt überdurchschnittlich, besonders auffällig sind die im Schnitt 14,2 Balleroberungen pro Spiel und die 3,7 Klärungsaktionen. (Für letztere weist opta sogar einen noch höheren Wert auf.) Und es gibt noch einen weiteren 05er, der bei dieser Kennzahl auffällig ist: Alexander Hack. Auch die neugewonnene defensive Stabilität des Teams unterstreichen die Zahlen demnach deutlich. Weiteren Nachholbedarf hat Mainz hingegen in der Qualität des Angriffsspiels. Zwar spielt 05 unter Svensson nach vorne aktiver, kann aber zu selten Nutzen daraus ziehen.

Fußball ist ein Puzzle, das sich aus vielen Teilen zusammensetzt, auf dem Feld ebenso wie in der Bewertung. Der Eindruck einer positiven spielerischen Entwicklung der Mainzer unter Svensson lässt sich anhand der Daten zu den Spielern und Partien bestätigen. Das ist gerade dann ein gutes Zeichen, wenn die Punkte mal ausbleiben sollten. Das Ziel, mit dem Team zum einen kurzfristig zu punkten, zum anderen aber eine spielerische Entwicklung zu schaffen, ist eines, dem sich die 05-Mannschaft gemeinsam mit dem Trainerteam Schritt für Schritt nähert.

*Bekannt ist vielen als Quelle für Daten sicher opta, deren Zahlen beispielsweise sky, DAZN oder der kicker nutzen. Vergleicht man die Daten, weichen die absoluten Zahlen bei den drei Anbietern durchaus voneinander ab, die Tendenzen sind aber vergleichbar.
**Quellen für die Fotos: Bo Svensson: 1. FSV Mainz 05 | Achim Beierlorzer, Jan-Moritz Lichte & Michael Falkenmayer: Malino Schust für Wortpiratin rot-weiß | Danny da Costa, Dominik Kohr: 1. FSV Mainz 05

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