Mainz 05: Vorwärts zu den Wurzeln

Mit Aufbruchsstimmung allein wird Mainz 05 die Klasse nicht halten – das weiß natürlich auch Christian Heidel. Aber ohne die richtige Stimmung, ohne Zusammenhalt, ist in einem solchen Verein wenig zu holen. Deshalb ist es nicht überraschend, dass der neue Vorstand Strategie, Sport und Kommunikation bei der gemeinsamen Antrittspressekonferenz mit Sportdirektor Martin Schmidt sehr viel über die Stimmung im Umfeld des Vereins spricht. Wer Heidel dabei zuhört, fühlt sich automatisch erinnert an frühere emotionale Ansprachen des Mainzers. Das weiß natürlich auch der neue, alte Vereinsverantwortliche und es dürfte zugleich Fluch und Segen für ihn sein.

Er ist wieder da: Christian Heidel ist zurück in sportlicher Verantwortung bei Mainz 05.

Fluch vor allem, wenn die Mission nicht gelingen sollte – wobei damit nicht in erster Linie der Klassenerhalt gemeint ist, sondern das wichtige Vorhaben, die Stadt wieder hinter den Verein zu bekommen. Segen eindeutig für den Moment, denn die warme Welle, die Heidels Auftritt auslöste, war in den sozialen Medien, die doch so lange sehr unversöhnlich waren im Umgang mit Verein und Verantwortlichen, deutlich spürbar. Diesen positiven Schwung zu nutzen birgt eine Chance, die vermutlich nur Christian Heidel dem Verein geben kann.

Das merkwürdigste Weihnachtsfest

Doch der Reihe nach. Vereinsvorsitzender Stefan Hofmann, der bei der PK nicht zugegen war, und Aufsichtsratsvorsitzender Detlev Höhne, mit Heidel und Schmidt auf dem Podium, haben am 11. Dezember Kontakt zum ehemaligen 05-Manager aufgenommen. Es folgte die Einigung unter der bereits berichteten Prämisse, dass alle in Aufsichtsrat und Vorstand hinter der Idee stehen und Rouven Schröder im Amt bleibt. Die Wertschätzung für Schröder betont Heidel mehrfach und sagt, er sei überrascht gewesen von dessen Rückzug. Beide, Heidel und Schmidt, bestätigen auch erneut, es solle vorübergehend eine weitere Zusammenarbeit mit Schröder geben. Es dürfte aber im Interesse aller Beteiligten sein, die nicht ewig in die Länge zu ziehen.

Als klar ist, dass Rouven Schröder den Verein verlassen wird, bittet Heidel um Bedenkzeit für seine eigene Rolle, die der Aufsichtsrat nun doch in der vollen sportlichen Verantwortung sieht. „Es war vielleicht das merkwürdigste Weihnachtsfest, was ich jemals erlebt habe“, gewährt Heidel Einblick in seine Gefühlswelt. Da ist zum einen die Corona-bedingte Distanz zu weiten Teilen der Familie. Da ist zum anderen der erhebliche Druck, eine Entscheidung zu treffen, die gut ist für alle: Mainz 05, ihn selbst, seine Familie – Heidels Frau und die kleine Tochter haben ihren Lebensmittelpunkt in Spanien, die großen Kinder und seine Eltern leben in Mainz. Es sei nicht angenehm gewesen, so Heidel, und er habe diese Zeit gebraucht. Am 24. Dezember spricht er zum ersten Mal mit Schmidt, von dem er weiß, er trägt sich schon länger mit der Idee einer beruflichen Veränderung weg vom Trainerposten. Die alte Vertrautheit ermöglicht es den beiden, sich auch telefonisch darüber zu verständigen: Wir machen das. Gemeinsam.

Martin Schmidt: Eine Herzensmotivation, zum Verein zurückzukehren. (Fotos: Screenshots Mainz 05)

Es sei ein Gefühl wie nach Hause zu kommen, erklärt Heidel. „Ich habe mich vorher gefragt, wie werde ich mich fühlen und ich muss sagen, ich fühle mich gut.“ Martin Schmidt betont, er verspüre eine sehr große Dankbarkeit. „Eine Herzensmotivation, hierher zurückzukommen. Ich habe Mainz 05 sehr viel zu verdanken.“ Nun wolle er Stadt und Verein gern etwas zurückgeben. Als Motto ruft Schmidt passend „Vorwärts zu den Wurzeln“ aus und erklärt, Mainz solle wieder ein Trainerverein werden. Heidel betont, die Entscheidung, Jan-Moritz Lichte zu beurlauben, habe man sich nicht leichtgemacht. Der Wunsch, die weitere Saison mit einem neuen Trainer zu bestreiten, sei aber klar gewesen – und damit verbunden schnell das Gefühl, es wäre nicht fair, Lichte ausgerechnet noch in die Partie gegen Bayern München zu schicken.

„Wir sind uns der Schwere der Aufgabe bewusst“

Die Euphorie der beiden ist während ihres kompletten Auftritts spürbar, deutlich wird aber auch, sie gehen sehr realistisch an die heikle Mission. „Wir sind uns natürlich der Schwere der Aufgabe bewusst“, sagt Heidel, der von einer „Herkulesaufgabe“ spricht. Die Konstellation ist klar: Es wäre unseriös, die Gefahr des Abstieges nicht zu thematisieren, mit der zweiten Liga wird sich dennoch niemand beschäftigen, so lange sie keine Realität ist. Sollte es so kommen, wäre auch das für Mainz normal und man müsse dann eben die Kräfte bündeln für den nächsten Angriff, verdeutlicht der Sportvorstand. So sei das nun mal in Mainz.

Warum diese Wahrheit aus dem Munde von Christian Heidel für die Menschen offenbar einen anderen Klang bekommt und sie die Worte von ihm annehmen können, mag als Fragestellung müßig erscheinen. Es ist aber tatsächlich ein Thema, das Heidel künftig noch beschäftigen wird, denn das Wort „Strategie“ in seiner Aufgabenbeschreibung steht da nicht zum Spaß. Bedeutet, der einstige Macher möchte den Verein nicht nur für den Moment in die Spur zurückkriegen, sondern bei seinem erneuten Abschied, wann auch immer das sein wird, gut bestellt hinterlassen. Dazu wird dann gehören, dass Verantwortliche neben ihm existieren, denen man ebenso Glauben und Vertrauen schenkt wie ihm – und sein Abschied nicht ein Kartenhaus zum Einsturz bringt.

Ich würde mir wünschen, dass jeder unter seiner Kritik schreibt, Mainz 05 ist mein Verein. (…) Wenn das in meinem Herzen ist, kann ich es doch nicht ablegen.

Christian Heidel, Vorstand Strategie, Sport & Kommunikation

Zugleich wehrte sich der Mainzer gegen den Eindruck, er habe bei Mainz 05 in seiner ersten Ära bis zuletzt alle Fäden alleine in der Hand halten wollen. Das Thema Neustrukturierung habe er vielmehr maßgeblich mit angeschoben – die Älteren unter uns werden sich erinnern, diese war selbstverständlich auch schon zu seinen Zeiten Thema. Ob oder aus welchen Gründen sie nicht konsequent genug zur Umsetzung kam oder ob letztlich einfach der Abschied zu schnell erfolgte, das zu klären ist tatsächlich müßig. Klar ist, die Bruchstellen aus dieser Phase sind es letztlich, mit denen der Verein seither zu kämpfen hat. Dessen ist sich auch Heidel bewusst, der den Schritt zurück in die Verantwortung wohlüberlegt und mit Überzeugung geht. Wie gut es auch für ihn persönlich funktionieren wird, innerhalb der neuen Strukturen zu arbeiten, muss die Zukunft zeigen, einen Vertrauten wie Schmidt an seiner Seite zu haben, ist sicher hilfreich.

In diese Verantwortung bezieht Heidel aber, hier schließt sich der Kreis, deutlich das Umfeld des Vereins mit ein. Er sei niemand, der ständig in den sozialen Netzwerken unterwegs sei, habe sich aber ein Bild von der Stimmung machen wollen. Was er da vorfand, habe ihn schockiert. „Ich habe lesen müssen, dass es bis tief ins Persönliche geht, es Beleidigungen, Verunglimpfungen sind. Und so blöd es klingt, das war mit ein Grund, warum ich kommen möchte.“ Seine Botschaft: „Das geht hier nur gemeinsam.“ Natürlich ist auch die nicht neu und, siehe oben, es wird eine seiner Aufgaben sein, mit daran zu arbeiten, dass diese Stadt sie nicht nur von ihm annimmt.

Für den Moment aber ist es genug, dass die Worte überhaupt wieder Anklang finden in einem sehr schwierig gewordenen Umfeld. Heidel selbst weiß am besten, dass in seiner ersten Zeit bei Mainz 05 nicht immer alles golden war und er geht bei der PK offen damit um, dass es schwierige Zeiten gab und natürlich Fehler gemacht wurden. Es ist wichtig für alle Beteiligten, diesen Teil der Realität nicht auszublenden: Nostalgie oder Naivität wären fatal. Es ist deshalb wohltuend zu erleben, dass der neue, alte Macher diesen Gefahren augenscheinlich nicht erliegt. Hinzu kommt: Heidel kehrt zurück mit den Erfahrungen seiner Zeit auf Schalke, mit dem Warnschuss, den er gesundheitlich erlebt hat und mit einem Abstand von mehreren Jahren. Er hat die seltene Gelegenheit, mit einem neuen Blick auf die Situation Dinge anders zu machen und sich zugleich das zu erhalten, was immer bestens funktioniert hat: seine Verbindung mit den Menschen in dieser Region.

Das birgt unendliche Fallhöhen und Risiken, die in den letzten Tagen zurecht hoch und runter besprochen wurden und derer man sich bewusst sein muss. Es birgt aber auch eine magische Chance. Schließlich ist Christian Heidel zurück in der Hauptstadt der Fußballwunder. Bei einem Verein, der immer einmal mehr aufsteht, als er hingefallen ist. Willkommen Zuhause.

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