Nostalgie trifft Vorfreude (6): König Fußball

Als ich am Sonntagmorgen um viertel vor neun in den Fanzug von Köln nach Mainz gestiegen bin, hätte meine Laune besser kaum sein können. Mit einer Handvoll Freunde saß ich zwischen wehenden Fahnen und an der Gepäckstange im Fahrtwind auf- und abwandernden, rot-weißen Schals und strahlte mit glückseliger Vorfreude in den Pfingsttag. Alles roch nach Aufstieg, am Ende einer Saison, in der nicht immer alles optimal gelaufen war, aber unglaublich viel richtig gemacht wurde; sich hin- und wieder auch das nötige Quäntchen Glück eingefügt hatte. Heute Köln schlagen. Nächste Woche St. Pauli. Und in der kommenden Saison zurückkehren in die erste Bundesliga – das war der Plan. Das dumme an Plänen, sie können noch so gut durchdacht sein, treffen sie nicht ein waren alle Rechenspielchen umsonst. Im Fußball kommt erschwerend hinzu, dass die Fans der Gegenseite einen Plan haben, der mit dem eigenen in der Regel unvereinbar ist – und beiden kann ein Spieltag unmöglich gerecht werden. Das macht an sich noch nichts; es sei denn, am Ende unterliegt der eigene Plan.

Und genau das ist am Sonntag schließlich passiert. Denn als das so beschworene Aufstiegshalbfinale zwischen Mainz 05 und den Geißböcken aus Köln nach 90 Minuten abgepfiffen wird, sind es die Rheinländer, denen mit Sicherheit der Sprung zurück ins Oberhaus geglückt ist – wir Mainzer torkeln leicht benommen umeinander, starren mit einiger Fassungslosigkeit aufs Feld und unsere Jungs, die wirken, als seien sie gerade gemeinschaftlich einem Schwertransporter unter die Räder gekommen. Hinter ihnen nähern sich kreischend einige Kölnfans, die das ausdrückliche Verbot, den Rasen zu betreten missachten – allerdings nicht etwa, um mit ihrem Team zu feiern, sondern um unseres zu bepöbeln.

War’s das? Hämmert es hinter meiner Brust – und sofort springt der Rechenschieber in meinem Kopf wieder an und addiert sich durch alle möglichen Endergebnisse; als hätte ich das im Verlauf der Woche nicht schon unzählige Male getan. Am Ergebnis hat sich nichts geändert: Hoffenheim muss heute unentschieden gespielt haben, nur so hätten wir am kommenden Sonntag, bei einem eigenen Sieg und einem erneuten Unentschieden oder einer Niederlage der SAP-Jungs die Chance, doch noch aufzusteigen. Als die Anzeigetafel im Rhein-Energie-Stadion zuletzt die Zwischenstände auf den anderen Plätzen angezeigt hatte, lag Hoffenheim 1:0 in Führung. Mir wird übel, ich stehe seit zwei Stunden in der Sonne, mein Kopf dreht sich und ich stürze aus dem Block. Die Idee haben außer mir noch ein paar Tausend andere Menschen. Gegen meine frustrierten Tränen anblinzelnd, bahne ich mir einen Weg durch die Menge. Als ich in den unteren Bereich des Stehblocks gelange, kommt vor der Absperrung gerade die Mannschaft an, grüßt mit leeren Gesichtern gen Fans. Die Impulse, sie alle tröstend in den Arm zu nehmen oder ihnen für dieses seltsame Spiel einen Tritt in den Hintern zu verpassen, halten sich zuerst noch die Waage, doch je länger ich in die betröppelten Mienen schaue, umso mehr will ich aufmunternde Umarmungen verteilen – und fange nun doch noch an zu heulen. Aber auch damit bin ich in dem Moment nicht alleine, um mich rum kullern die Tränen aus zahlreichen Augenpaaren und die feuchten Spuren durch die aufgeheizten Gesichter haben etwas tröstlich Verbindendes.

Vor dem Block treffe ich meine Mitfahrer wieder, die den ersten Frust bereits aus den Trikots geschüttelt haben. Denn Offenbach ist gegen Hoffenheim in letzter Minute der Ausgleich gelungen, noch ist nicht alles verloren, wir bekommen am nächsten Sonntag eine letzte Chance. So liegen wir uns in den Armen, heulen noch ein, zwei Tränchen, schimpfen ein bisschen hinterher und bis wir am Bahnhof Köln-Deutz ankommen, hat der Humor bereits wieder die Oberhand gewonnen – mag der auch reichlich gallig sein. „Ich hatte es im Gefühl, dass wir heute nicht gewinnen“, meint einer am Gleis. „So ist es doch immer bei uns – spannend bis zur letzten Sekunde.“ Und mit breitem Grinsen schiebt er hinterher: „Aber macht nichts, nächste Woche daheim aufsteigen wird viel geiler.“ Ich nippe an meinem Bier. Blinzle in die Sonne. Und versuche, die Rechenmaschine in meinem Kopf zum Stillstand zu bringen, zumindest bis zum nächsten Wochenende. Denn wir haben ja noch eine Chance, auch wenn die – ausgerechnet – an das Scheitern der Dollarschlepper aus Hoffenheim geknüpft ist. Solange sie aber überhaupt besteht, darf sich gerne daran festgehalten werden. Außerdem – daheim aufsteigen ist viel geiler. Und bei uns darf man sogar auf den Rasen.

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