Kleiner Mann, große Lücke: Fan-Liebling Pablo de Blasis

Es scheint kurz vor Ende der Saison, als ziehe es Pablo de Blasis im Sommer nach Spanien oder zurück in die Heimat. Der argentinische Kampfkobold wird in Mainz eine große Lücke reißen… Warum, das habe ich im Januar 2017 in der Kolumne für die Allgemeine Zeitung beschrieben.

Pablo de Blasis in der Saison 2016/2017 im Dress von Mainz 05. (Foto: ElPanda1987)

Pablo de Blasis in der Saison 2016/2017 im Dress von Mainz 05. (Foto: ElPanda1987)

„Es gab in Mainz schon Zeiten, da glaubte man, die Kondensstreifen vom verdampfenden Achselschweiß der sich bis zur völligen Erschöpfung aufopfernden Spieler über dem Feld schweben zu sehen. Weil jeder rannte und kämpfte, als ginge es nicht einfach nur um Punkte, sondern um alles: sein Leben. Das fehlt heute emotional betrachtet manchmal, was einer der Gründe ist, wieso der Funke zwischen Spielern und Publikum aktuell nicht immer überspringt.

Bis dann Pablo de Blasis das Feld betritt, mit all seinem Willen und seiner Geschwindigkeit, den Rasen mit den Ellenbogen umpflügt beim Laufen, sich duckt, streckt, dreht und wendet. Und damit erst aufhört, wenn alle Spieler des Gegners komplett schwindelig gespielt sind – und die eigene Mannschaft geschlossen eine Schippe draufgelegt hat, um neben ihm bestehen zu können.

Fanliebling ohne Berührungsängste. (Fotos: Jochen Weicker, Ronald Willms)

Fanliebling ohne Berührungsängste. (Fotos: Jochen Weicker, Ronald Willms)

Das ist es, was diesen Spieler, diesen Menschen, so dermaßen wertvoll macht für den Verein. Pablo mag im Kommentatoren-Alltag vor allem durch sein Alleinstellungsmerkmal auffallen, immer und überall der kleinste Mann auf dem Platz zu sein. Wir hier aber wissen: Wenn es um die Liebe zum Spiel, Leidenschaft und Kampfgeist geht, dann ist er einfach der Größte.“

Wer weiß, ob und was den Verantwortlichen in den kommenden Wochen noch einfällt, um Pablo de Blasis umzustimmen. Sollte er den Verein am Ende tatsächlich verlassen, reißt er eine große Lücke ins Fanherz. Er ist einer, dem man abnimmt, dass er sich dem Verein zu tausend Prozent verschrieben hat. Ganz zu schweigen von seiner Rolle im Abstiegskampf.

Aber egal, ob er nach dieser Saison, nächsten Sommer oder in 30 Jahren nach einer erfolgreichen Trainerkarriere aus Mainz weggeht: Pablo wird immer zu unserer 05-Elf der Herzen gehören.

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 beim BVB

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Für die letzte Folge der laufenden Saison habe ich mit Maurice Morth von Schwatzgelb.de gesprochen.

Maurice von Schwatzgelb.de ist der Junge mit dem Ball. (Foto: privat)

Maurice von Schwatzgelb.de ist der Junge mit dem Ball. (Foto: privat)

Hallo Maurice, danke, dass du dir die Zeit für meine Fragen nimmst. Du schreibst regelmäßig für schwatzgelb.de, das BVB-Online-Fanzine, das weit über die Vereinsgrenzen bekannt ist. Wie organisiert ihr euch untereinander und wie viele Redakteure und Freie machen mit?
Aktuell sind wir an die 50 Mitglieder bei Schwatzgelb.de. Fest besetzt werden bei uns im eigentlichen Sinn nur die Vor- und Spielberichte. Wem etwas auf der Seele brennt, der kann in die Tasten tippen und sich so gut wie sicher sein, dass sein Text auch auf der Homepage erscheinen wird. Wir profitieren davon, dass ein größerer Teil der Mitglieder sich kennt und/oder in Dortmund und Umgebung miteinander vernetzt ist. Organisiert sind wir aber grundsätzlich über das Online-Tool „Slack“.

Du kommst ja aus Hessen, also nicht dem direkten Dortmunder Einzugsgebiet. Wie bist du selbst zum BVB-Fan geworden – und gibt es eine Saison, die dich mit deinem Verein bisher besonders geprägt hat?
Ich weiß noch ganz genau, dass mir im Alter von drei Jahren die Farbe Gelb sehr gut gefallen hat und das in meinem Heimatort der Großteil der Kinder Fans des FC Bayern waren. Da hat das als Pendant damals ganz gut gepasst. Sich eine besondere Saison herauszupicken ist schwer, prägend war für mich aber besonders mein erster Besuch im Westfalenstadion. 1997 in der Champions League gegen Auxerre. Ich war stolz wie Oskar, dass meine Mutter Karten besorgen konnten und für mich war die Fahrt in den Ruhrpott damals wie eine halbe Weltreise. Die Borussia gewann danach den Pokal und um mich war es allerspätestens nach dem Spiel geschehen.

Hinter dem BVB liegen bewegte Jahre mit zwei ehemaligen Mainzer Trainern. Wie oft denkst du noch an Jürgen Klopp? Verfolgst du seine Arbeit mit Liverpool? Und war die Lücke, die er emotional gerissen hat, größer als gedacht? (Für Mainz würde ich das definitiv bejahen.)
Ich denke mittlerweile sehr selten an Jürgen Klopp. Speziell die erste Meistersaison 2011 liegt allerdings gut konserviert zum Abruf bereit, sollte ich mal einen schlechten Tag haben. Wehmut empfinde ich dann allerdings nicht mehr. Ich freue mich, wenn ich sehe, wie erfolgreich er nun auch in Liverpool arbeitet – die Champions League würde ich ihm von Herzen gönnen. Mit der emotionalen Lücke ist das aber eine schwierige Sache. Klopp hat eine Benchmark gesetzt, die Aufgrund seiner stark ausgeprägten Attribute wohl einzigartig ist. Das macht es natürlich für seine Nachfolger schwierig. Ich vergleiche das manchmal mit dem Ende einer Beziehung – erst, wenn du nicht mehr vergleichst, bist du richtig bereit für was Neues. Ich glaube, in Dortmund könnte diese Phase nach Jahren der Entwöhnung jetzt so langsam starten.

In einem eurer aktuellen Artikel sprecht ihr an, dass auch in der Mannschaft die emotionalen Antreiber und Identifikationsfiguren fehlen. Inwieweit haben die Bosse da Fehler gemacht?
Im Erfolg macht man die größten Fehler. Ich glaube, es wurde zu lange auf Pferde gesetzt, mit denen man sich aufgrund ihrer Geschichte emotional verbunden sah, die aber ihre beste Zeit bereits hinter sich haben. Zusätzlich wurden wiederum teurere Spieler verpflichtet, die längst nur noch von ihrem Namen, aber nicht mehr von ihrer Leistung profitieren. Insgesamt eine schwierige Gemengelage beim BVB, die bei uns auf der Homepage ja schon massenhaft Seiten gefüllt hat. Den Ursprung des Verlangens nach Identifikation finde ich selbst seltsam. Liegt es daran, dass der große Menschenfänger Klopp nicht mehr da ist? Fühlen sich die Leute in der immer rasanteren Internationalisierung verloren? Schwierig. Ich kann mich zumindest nicht daran erinnern, dass jemand in der Zeit unter Thomas Doll groß nach Identifikation schrie.

Wie viel Identifikation braucht der Fußball? Mainzer Fans beim Auswärtsspiel in Dortmund. (Foto: Meenzer on Tour)

Wie viel Identifikation braucht der Fußball? Mainzer Fans beim Auswärtsspiel in Dortmund. (Foto: Meenzer on Tour)

Die Ära Thomas Tuchel zerfällt in mehrere Puzzleteile. Lass uns zunächst auf den Sport schauen. Wie hat Tuchel den BVB deiner Meinung nach weiterentwickelt? Welche guten Entscheidungen sind unter seiner Ägide getroffen worden?
Er hat es innerhalb weniger Monate geschafft, den Fußball des BVB umzukrempeln. Ich mochte seine Idee des Ballbesitzfußballes, denn ich hatte persönlich den Eindruck, dass sich dieser raidkale Pressingansatz unter Klopp zumindest in der Bundesliga in den letzten Jahren etwas abgenutzt hatte. Lösungen wurden im letzten Spielfelddrittel deutlich weniger gefunden und tiefstehende Gegner bereiteten weitaus größere Probleme als beispielsweise noch 2012. In der ersten Tuchel-Saison zahlte sich die Umstellung zum kleinteiligen Kurzpassspiel aus, der BVB wurde der beste Zweitplatzierte der Geschichte und sezierte die Gegner phasenweise in seine Einzelteile. Nach den Abgängen von Gündogan, Hummels und Mkhitaryan wurde es nach dem Sommer dann natürlich schwierig. Hier hat gerade Dembélé viel dazu beigetragen, dass sich die Saison nicht zu einem fußballerischen Offenbarungseid entwickelt, wie wir sie aktuell erleben (immer daran gemessen, wie viel Geld man investiert).

Neben dem Platz war es für und mit Tuchel in Dortmund, so schien es, von Anfang an eher schwierig. In Mainz gab es zwischen Kloppo und Tuchel natürlich auch eine Art emotionalen Bruch, weil beide sehr unterschiedlich sind. Bei euch schien mir das aber tiefer zu gehen.
Auf der einen Seite der Menschenfänger Klopp und auf der anderen Seite Thomas Tuchel, dem etwas Klinisches und Wissenschaftliches anhaftet. Ich habe ja eben schon angesprochen, vor welche Probleme Nachfolger von Klopp gestellt werden. Das konnte auf Dauer einfach nicht gut gehen. Gerade die Nähe zu den Fans war vielen Leuten unter Klopp sehr wichtig. Tuchel konnte das durch seine distanzierte Art schlicht nicht bieten – wollte es vielleicht auch gar nicht.

Ende Legende: Jürgen Klopp ist beim BVB längst Vergangenheit. (Foto: Christopher Neundorf/Wikipedia)

Ende Legende: Jürgen Klopp ist beim BVB längst Vergangenheit. (Foto: Christopher Neundorf/Wikipedia)

Wir beide haben schon mehrfach festgestellt, dass wir beim Thema Thomas Tuchel recht weit auseinanderliegen. Vielleicht haben wir ihn unterschiedlich erlebt, sicher hat er auch hier und dort nicht identisch agiert. Woher kommt deine kritische Haltung?
Gleich vorab zwei Dinge: Sportlich bin ich von Thomas Tuchel absolut überzeugt. Ein toller Taktiker, der sich bis zum Zerreißen Gedanken darüber macht, in welcher Variation er seine elf Spieler jeden Spieltag aufstellen sollte. Wir von schwatzgelb.de sind in Dortmund eben auch ganz gut vernetzt. Intern sind Dinge vorgefallen, die nicht den Weg an die Öffentlichkeit gefunden haben und auch nicht finden sollten, als Ausnahme sei zum Beispiel die Causa-Mislintat genannt, dem Tuchel den Zugang zum Trainingsgelände verwehren wollte. Innerhalb des Vereins machen sich Manche mittlerweile Vorwürfe, im Fall Tuchel nicht viel früher die Notbremse gezogen zu haben – weit vor dem Anschlag. Intern wurde die Trennung von dem Großteil der Mitarbeiter mitgetragen – also von den Leuten, die Tuchel täglich erlebten. Ich finde da einen Aspekt ganz wichtig: Je näher die Leute am Verein dran sind, desto mehr Verständnis besteht für die Trennung von Tuchel. Dass der BVB mittlerweile mehr Leute hat, die ihm aufmerksam folgen und dadurch die Entlassung nicht nachvollziehen konnten, ist eben dem Erfolg und Wachstum des letzten Jahrzehnts geschuldet.

Du hast das Ereignis gerade schon angedeutet: Vor etwas mehr als einem Jahr wurde auf den Mannschaftsbus des BVB ein Anschlag verübt. Der beschäftigt den Verein auf verschiedenen Ebenen noch heute. Zunächst abschließend zu Tuchel: Glaubst du, der finale Bruch zwischen ihm und dem BVB wäre auch ohne das, was um den Anschlag herum passiert ist, gekommen? Oder wäre er dann zu verhindern gewesen?
Das kann ich knapp beantworten: Ja, der Bruch war schon weit vor dem Anschlag da.

Damals musste sehr schnell entschieden werden, wann das Champions League-Spiel gegen AS Monaco stattfindet und es fiel die Entscheidung, es bereits am Folgetag, dem 12. April, nachzuholen. Wie kam das damals bei den Fans an und wie beurteilst du es heute?
Ich hätte jedenfalls nicht in der Haut der Entscheider stecken wollen. Es bestand keine Klarheit, ob es sich um einen islamistisch motivierten Anschlag handelte oder nicht – dementsprechend der Druck auch aus den obersten Regierungsreihen der Bundesrepublik. Da wurde dann davon gefaselt, dass man ein Zeichen gegen den Terror setzen müsse. Nur so als Beispiel. Dazu Spieler, die in diesem Moment sicherlich nicht einmal selbst wussten, was für sie das Beste ist. Und das wiederum in einem Business, in dem Schwäche nicht toleriert wird. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Wir hätten einfach nicht antreten und ausscheiden sollen – statt die Spieler dieser absurden Situation auszusetzen.

Aktuell läuft in der Angelegenheit der Prozess. Die wie ich finde sehr offenen und mutigen Aussagen von Spielern wie Weidenfeller oder Schmelzer offenbaren, was eigentlich jedem empathischen Menschen hätte klar sein müssen, nämlich, dass der Anschlag längst nicht verarbeitet worden ist. Aus der Ferne wirkt es, als böte der Verein seinen Profis da wenig Hilfe an, auch die Kommunikation ist dürftig. Was glaubst du, woran das liegt?
Der Anschlag hat im Jahr 2017 einen Präzedenzfall geschaffen. Es gibt kein Beispiel dazu, wie man den Leistungsbetrieb aufrechterhält und gleichzeitig den Opfern die beste Betreuung bietet. Die Kommunikation des Vereins mag sicherlich nicht optimal sein – vielleicht ist es auch schlicht etwas Hilflosigkeit. Intern wird aber jedem Einzelnen Hilfe angeboten, es liegt an den Menschen, diese Hilfe anzunehmen oder die Sache mit sich zu klären.

Schwatzgelb.de bietet einen intensiven Blick auf die Borussia. (Foto: Schwatzgelb.de)

Schwatzgelb.de bietet einen intensiven Blick auf die Borussia. (Foto: Schwatzgelb.de)

Ihr habt kürzlich einen sehr interessanten Artikel darüber veröffentlicht, dass dieses Thema natürlich auch die Fans betrifft: Wie geht man mit der Mannschaft um, wie kann man sie am besten unterstützen. Seid oder kommt ihr darüber, vielleicht auch von schwatzgelb.de, auch in einen Dialog mit Spielern?
Mir ist kein solcher Dialog bekannt. Wenn man sich die neuerliche Reaktion auf die Druck-Aussage von Per Mertesacker ansieht, dann verwundert das aber nicht weiter. Im Fußball ist keine Schwäche erlaubt. Würde ein Spieler offen zugeben, dass er der Belastungssituation, jeden Spieltag im Bus sitzen zu müssen, nun nicht mehr standhält, dann wäre seine Karriere mit einem Schlag vorbei. Wer würde ihn nach dem Auslaufen seines Vertrages noch verpflichten? Marc Bartra wurde bei dem Anschlag schwer verletzt. Er hat vor Gericht zugegeben, dass er noch Probleme habe, nach dem Gerichtstermin revidierte er seine Aussage schleunigst per Social Media und teilte mit, dass er falsch zitiert worden sei. Er sei nur gewechselt, weil Stöger ihn so wenig eingesetzt hätte. Dabei ist es in dem Fall auch einfach naheliegend, dass eine räumliche Veränderung erwünscht war.

Auch wenn der Anschlag nun ein Jahr zurückliegt, wird man das Gefühl nicht los, der Verein insgesamt müsste sich nochmal mit dem Thema auseinandersetzen, quasi den erneuten Neustart in vielen Belangen auch abseits des Platzes. Wie siehst du das und was könnten Maßnahmen sein, die da helfen?
Ich bin leider kein Psychologe und Traumaspezialist. Dementsprechend schwer fällt es mir auch, etwas zu diesem Thema zu sagen. Welch schwerer Schlag den gesamten Verein getroffen hat, das wird man vielleicht erst in einigen Jahren ganz genau sehen. Eine psychologische Betreuung ist aber sicherlich im jetzigen Moment das A und O.

Kredit verspielt, ja. Kredit aufgebraucht, mitnichten: Michael Zorc. (Foto: Tim Reckmann/CC-BY-SA-3.0)

Kredit verspielt, ja. Kredit aufgebraucht, mitnichten: Michael Zorc. (Foto: Tim Reckmann/CC-BY-SA-3.0)

Wie stehen aktuell eigentlich Aki Watzke und Michael Zorc bei den Fans da? Hat sich die Sicht auf die beiden im vergangen Jahr verändert? Und welche Fehler haben auch sie aus deiner Sicht gemacht?
Beide haben Fehler gemacht, beide haben aber auch durch ihre vorherigen Leistungen einen ordentlichen Kredit. Sie sind sicherlich wieder mehr in die Schussbahn geraten, als es noch unter Klopp der Fall war, die Kritik erfolgt meiner Meinung nach aber in geregeltem Maße. Ich hatte mich vor nicht allzu langer Zeit in einem Artikel ausführlich mit den Fehlern und fehlerhaften Entwicklungen auseinandergesetzt. Das würde an dieser Stelle etwas den Rahmen sprengen. So viel sei aber gesagt: Borussia musste über eine Dekade kontinuierlich die besten Spieler abgeben, irgendwann konnte man den Leistungsverlust mit den Zukäufen nicht mehr gänzlich abfangen. Eben steigende Kaderkosten bei stagnierender und/oder fallender Leistungsfähigkeit. Hohe Ablösesummen für Spieler, die die beste Zeit hinter sich haben, wurden auch gezahlt. Und nach Klopp hat der der Verein keinerlei Idee mehr ausgearbeitet, für welchen Fußball der Verein Borussia Dortmund allumfassend stehen möchte. In den Zusammenhang fällt dann auch der Zuwachs an spielerischer Armut.

Zur neuen Saison kam Peter Bosz, der wirkte, als könne er gleich zwei Paar Schuhe füllen, also emotional an die Zeiten unter Kloppo anknüpfen und sportlich an Tuchel. Letztlich war die Aufgabe aber zu groß und er musste bereits im Dezember gehen. War Bosz einfach ein Missverständnis? Oder ist er (auch) an den Langzeitwirkungen des Anschlags gescheitert?
Bosz’ Idee vom Fußball benötigt Spieler, die bis auf den letzten Mann gewillt sind, den Weg mitzugehen. Während der radikalen Umsetzung dieses Spielsystems hat Bosz die Mannschaft ab einem gewissen Zeitpunkt verloren. Man glaubte nicht mehr daran, mit diesem System erfolgreich zu sein. Inwieweit da der Anschlag eine Rolle spielte, das kann ich nicht sagen und darüber möchte ich auch nicht spekulieren. Ich war zu Saisonbeginn schon skeptisch, ob sich dieser Spielstil so implementieren ließe, aber als Konsequenz des totalen Einbruchs war die Trennung vom sympathischen Bosz dann leider folgerichtig.

Die Verpflichtung von Peter Stöger, der kurz zuvor bei Köln gehen musste, hat dann viele überrascht und inzwischen ist auch klar, dass er nicht über die Saison hinaus bleiben wird. War er für dieses halbe Jahr trotzdem die richtige Idee? Warum? (Oder eben, warum nicht?)
Auf dem Trainermarkt war im Winter sehr wenig zu holen. Erst recht niemand, der eine langfristige Lösung für Borussia Dortmund gewesen wäre. Ich bin Peter Stöger sehr dankbar, dass er direkt nach dem harten Niedergang mit Köln bei uns anheuerte, glaube aber auch, dass er keine langfristige Lösung der Probleme bewerkstelligen wird. Entweder macht die Mannschaft nicht das, was er möchte, oder der Fußball, die Flexibilität und die Vorgaben sind arg limitiert.

Entscheidend ist auf dem Platz. Aber damit es da klappt, müssen die Bedingungen stimmen. (Foto: Meenzer on Tour)

Entscheidend ist auf dem Platz. Aber damit es da klappt, müssen die Bedingungen stimmen. (Foto: Meenzer on Tour)

Was ist aus deiner Sicht nun besonders wichtig bei der Suche nach einem neuen Trainer? Und wie kann es gelingen, generell wieder Ruhe in den Verein zu bringen?
Meiner Meinung nach muss ein Trainer gefunden werden, der Flexibilität verkörpert. Der aber gleichzeitig auch ein Spielsystem mitbringt, in dem sich der Kader wiederfindet und das allen Spielern wieder mehr Sicherheit auf dem Feld gibt, zum Beispiel durch klar einstudierte Laufwege. Ruhe wirst du in den Verein nur bekommen, wenn wieder Erfolg eintritt. Das ist leider die negative Seite, wenn einmal langfristig am Erfolg geschnuppert wurde.

Sportlich ist der BVB in dieser Saison sicher hinter den Erwartungen, auch den eigenen, zurückgeblieben. Weil die Liga insgesamt schwächelt, steht man trotzdem auf dem 3. Platz. Inwieweit kann das Erreichen der Champions League der erste Schritt sein, um wieder zurück in die Spur zu finden?
Es ist einfach ein wichtiger Faktor, um Spieler nach Dortmund zu locken. Der Verein und sein Stadion haben immer noch genügend Strahlkraft, aber gerade für jüngere Spieler ist es doch toll, wenn man sich bereits in dem Alter auf dem höchsten internationalen Niveau beweisen kann. Mit der Europa League dürfte das etwas schwieriger werden.

Über die Bedeutung des Anschlages haben wir gesprochen. So wichtig da eine Aufarbeitung ist, hat der sportliche Schluckauf sicher auch andere Gründe. Welche siehst du und wie kann eine Wiederholung eventueller Fehler vermieden werden?
Ich hatte es schon erwähnt: Der gesamte Verein braucht endlich eine klare Vorstellung davon, wie er wieder Fußball spielen möchte. Dementsprechend müssen dann auch Veränderungen im Kader vollzogen werden. So lange man sich nur darüber im Klaren ist, dass die einzige Idee der Erfolg ist, wird es in Dortmund nicht in Ruhe weitergehen.

Mainz 05 und den BVB verbindet die Unruhe der letzten beiden Jahre und der Wunsch nach neuer Konstanz. (Foto: Meenzer on Tour)

Mainz 05 und den BVB verbindet die Unruhe der letzten beiden Jahre und der Wunsch nach neuer Konstanz. (Foto: Meenzer on Tour)

Wie zufrieden warst du mit den Transfers vor und innerhalb der Saison und welche Mannschaftsteile müssen aus deiner Sicht im Sommer besonders verstärkt werden?
Viele Spieler waren langfristig verletzt, haben allerdings gute Ansätze gezeigt. Genannt werden können hier vor allem Maximilian Philipp und Jadon Sancho. Vielversprechend sind auch die Leistungen von Akanji gewesen. Großes Problem ist aber das zentrale Mittelfeld des BVB. Julian Weigl findet sich seit seiner schweren Verletzung nicht richtig zurecht, Dahoud ist neu und zeigt vielversprechende Ansätze, Castro und Sahin fehlt es an Geschwindigkeit. Gemeinsam mit dem Sturm, wo der ausgeliehene Batshuayi bis zu seiner Verletzung gute Leistungen zeigte, wird das zentrale Mittelfeld eine der größten Baustellen werden.

Das Rückspiel im Derby hat der BVB auf Schalke mit 0:2 verloren. Natürlich tun im Kampf um die internationalen Plätze die verlorenen Punkte weh. Wie sehr bitter ist es darüber hinaus aber auch emotional, nach der Schalker Aufholjagd im Hinspiel diese Partie zu verlieren bzw. wie viel Rückenwind hätte umgekehrt ein Sieg für den Saisonendspurt gebracht?
Die Mannschaft tritt in dieser Saison insgesamt so verunsichert auf, dass auch ein Sieg im Derby keinen großen Unterschied gemacht hätte. Beim BVB geht es in dieser Rückrunde ganz stark darum, mit welchen Mitteln auch immer, die Champions League zu erreichen. Aus diesem Grund hat mir die Niederlage auch nicht bedeutend mehr weh getan als andere.
Richtige Antworten wurden dann aber nach dem Derby in den Spielen gegen Leverkusen und Bremen gegeben. In beiden Spielen zeigte der Kader endlich wieder, zu welchem Fußball er eigentlich fähig ist. Dementsprechend zuversichtlich gehe ich auch in die letzten zwei Saisonspiele.

Aus den beiden genannten Spielen hat der BVB vier Punkte geholt. Mainz hat in Augsburg verloren, am Sonntag aber eine starke Partie gegen Leipzig gezeigt und drei Punkte geholt. Wie erwartest du den BVB nach diesen beiden Leistungen im letzten Heimspiel der Saison am Samstag gegen die 05er und was erwartest du von Mainz?
Mit einem Sieg im Heimspiel gegen Mainz wäre der BVB sicher für die Champions League qualifiziert und es wäre fatal, sollte er diese Chance nicht wahrnehmen. Der Sieg der Mainzer gegen Leipzig sollte ihnen zwar für die letzten Partien Aufwind geben, geht der das Spiel mit der nötigen Ernsthaftigkeit an, gibt es für mich aber nur einen logischen Spielausgang.

Danke für das Gespräch!

|| Mit großem Dank an Meenzer on Tour für seine tollen Fotos im Saisonverlauf! ||

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 beim FC Augsburg

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Diesmal habe ich mit Andreas Riedl über den FC Augsburg gesprochen.

Sehr lesenswert: die Rosenau Gatette. (Foto: Screenshot)

Sehr lesenswert: die Rosenau Gatette. (Foto: Screenshot)

Hallo Andy, danke, dass du dir die Zeit für meine Fragen nimmst. Normalerweise bloggst du zum FC Augsburg in der Rosenau Gazette. Die Erklärung für den Namen des Blogs finde ich wunderschön. Magst du meinen Lesern davon erzählen?
Die Rosenau ist die Heimat des FC Augsburg. Im Rosenaustadion trug der FCA bis 2009 seine Heimspiele aus, bevor er in die neue Arena umzog. Das Wort „Gazette“ hat für mich eine starke Verbindung mit Italien. Helmut Haller, der beste Spieler, der je für den FC Augsburg spielte, wechselte vom FCA nach Italien. Daher gibt es auch dort eine Verbindung, die in der Vereinshistorie ihren Ursprung hat. Außerdem verbinde ich mit einer „Gazette“ auch immer etwas Boulevard im besseren Sinne, das heißt eine Meinung abseits des rein faktenbasierten Journalismus. Denn am Ende ist es hauptsächlich mein persönlicher Blog, auf dem sich meine persönliche Meinung – und die anderer Autoren – wiederfindet.

Alleine für den Begriff „Fußballromantik“ muss man heute ja schon damit rechnen, belächelt zu werden. Was glaubst du, wieso Romantik oder auch Wurzeln für diesen Sport – und nicht zuletzt seine Fans – wichtig sind?
Ich bin nun selbst kein talentierter Sportler, aber habe während meiner Jugend aktiv Fußball gespielt. Mein damaliger Trainer, Horst Bergsträßer, hat mich dann irgendwann gefragt, warum ich mir das denn antun würde. Ich habe salopp etwas in der Art geantwortet: „Es ist Fußball. Jede Mannschaft kann gewinnen.“ Und das macht für mich immer noch den großen Reiz dieses Sports aus. Auch wenn deine Woche schlecht läuft und du nicht gut drauf bist, kannst Du dich aufs Wochenende freuen, denn dein Club spielt und kann gewinnen. Und wenn er das tut, dann ist die Woche gerettet. Das alles basiert auf Fairness, denn nur so ist der Sieg am Ende des Tages auch etwas wert. Diese Romantik und die Basis der sportlichen Fairness ist für mich die Essenz des Sports.

Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem FCA: Andy Riedl. (Foto: privat)

Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem FCA: Andy Riedl. (Foto: privat)

Es ist nicht neu, dass es im Fußball um Geld geht. Die Summen wurden zuletzt aber immer noch absurder und generell überwiegt an vielen Stellen der Zirkus. Für viele Fans stellt sich die Frage, was sie dem noch entgegensetzen können. Wie würdest du das beantworten?
Prinzipiell haben Fans in Deutschland noch einen erheblichen Einfluss. 50+1 sichert in den meisten Clubs den Mitgliedern eine Stimmmehrheit. Über Selbstorganisation und entsprechende Einflussnahme finden Fans immer wieder Gehör und können Entscheidungen in ihrem Sinne treffen. Dennoch stelle ich mir mehr und mehr die Frage, ob es nicht ein Kampf gegen Windmühlen ist. Selbst wenn man einen Teil der großen schweigenden Masse mobilisiert bekäme, kämpft man gegen DFB und DFL, die überkommerzialisiert und korrupt sind. Ich bin leider mittlerweile etwas desillusioniert.

Zu den Themen, die vielen Fans schwer auf der Brust liegen, gehört die stetige Erweiterung des Spieltages, zuletzt um fünf Partien pro Saison am Montagabend. In Mainz wurde bei der Partie gegen Freiburg lautstark dagegen protestiert. Was hältst du von solchen Aktionen?
Ich halte sie für dringend notwendig. Nachdem wir uns in der ersten Saison der Montagsspiele befinden, muss es jetzt noch Protest geben. Es ist ansonsten wie bei Elfmetern, die nicht gegeben werden: Es wird von Spielern und Mannschaft erwartet, dass sie protestieren. Ohne Protest wird schweigende Zustimmung angenommen. Wenn der Protest dazu noch originell und friedlich ist, dann hat das Ganze zudem einen gewissen Unterhaltungswert und freut mich noch mehr.

Ihr hattet gegen Dortmund selbst ja auch ein Montagsspiel. Wie haben sich die Fans des FCA in der Thematik positioniert und wie eng verfolgst du da von deinem Wohnort Frankfurt aus auch die Aktivitäten der Szene?
Die organisierte Augsburger Fanszene hat das Spiel – genau wie viele Dortmunder Fanclubs – boykottiert und setzt sich lange schon für fanfreundliche Anstoßzeiten und entsprechende Kilometerbegrenzungen bei Auswärtsspielen ein. Ich verfolge die Aktivitäten von Frankfurt aus doch recht aufmerksam, wobei die organisierten Fans auch in Augsburg nicht zu übermäßiger Transparenz tendieren.

Apropos Frankfurt: Fehlen dir in der Fremde die Besuche im Stadion? Und was hat dich einst zu einem Fan der Augsburger werden lassen?
Ja, die Stadiongänge sind mit Sicherheit das, was mir am meisten fehlt. Es lässt sich auch nicht ersetzen. Ich kann nicht einfach zur Eintracht oder zum FSV gehen und habe das gleiche Erlebnis. Ich identifiziere mich mit den Clubs nicht annähernd so, wie mit dem FCA und lasse es entsprechend gleich bleiben. Ich bin dann eben doch kein Eventfan. Dann hätte ich auch gleich meiner Jugendliebe, dem FC Bayern München, treu bleiben können. Der Zirkus dort hat mich allerdings irgendwann verloren und ich damit auch meine Beziehung zum Fußball zum größten Teil. In 2006 hatte ich dann die Möglichkeit, bei der WM in München zu arbeiten, bei der viele Menschen enthusiastisch diesen Sport gefeiert haben. Da hatte ich dann wieder richtig Lust. Zufällig stieg der FCA damals in die zweite Bundesliga auf und meine Familie beschloss, sich geschlossen Dauerkarten zu holen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Bundesligajahre an diese Jahre in der Rosenau jemals heranreichen können. Damals habe ich den Fußball in seiner eigentlichen Art wiederentdeckt und bin seitdem dem FCA treu geblieben.

Mainzer Fans in Augsburg im September 2016. (Foto: Meenzer on Tour)

Mainzer Fans in Augsburg im September 2016. (Foto: Meenzer on Tour)

Du hast es gerade schon erwähnt, der FC Augsburg ist 2006 in die 2. Bundesliga aufgestiegen. Seither schreibt der Verein, so nehme ich es aus der Ferne war, eine ähnliche Geschichte wie Mainz 05, will heißen, man macht aus wenig viel und die handelnden Personen sowie der Zusammenhalt sind wichtige Erfolgsfaktoren. Wer sind die wichtigsten Macher im Verein?
In Augsburg bestimmt seit vielen Jahren ein Dreigestirn aus Trainer, Manager und Präsident des e.V. bei wichtigen sportlichen Entscheidungen. Dies sind momentan Manuel Baum, Stefan Reuter und Klaus Hofmann. Wobei der wichtigste Mann beim FCA wohl Stefan Reuter ist, der die sportlichen Fäden zusammenführt und in dieser Hinsicht die Richtung vorgibt.

Als Markus Weinzierl vor der vergangenen Saison den Verein verlassen hat, haben etliche Beobachter dem FCA prophezeit, ohne den Erfolgscoach zu straucheln. Dirk Schuster war dann offenbar auch ein großes Missverständnis, aber Manuel Baum führt die Mannschaft souverän und besonnen. Warum ist er der perfekte Mann für den FCA?
Manuel Baum erfüllt zwei extrem wichtige Kriterien, die als Trainer beim FCA unerlässlich sind. Einerseits harmoniert er sehr gut mit Stefan Reuter und seinem Team. Andererseits hat er zwar eine klare Idee wie er Fußball spielen will, ist aber lernfähig, als dass er diese an die Möglichkeiten seines Teams mittlerweile anpassen kann. Wie auch in Mainz ist es in Augsburg nicht möglich, dass ein Team die Ideen seines Trainers vollständig umsetzt. Die Qualität im Kader ist hierfür nicht auf allen Positionen vorhanden. Das Team abhängig von Personal und Gegner einzustellen, ist eine große Kunst, die Manuel Baum sehr gut beherrscht.

Stichwort Missverständnis: Wieso hat es eigentlich mit Schuster und Augsburg nicht funktioniert? Und warum ist Markus Weinzierl auf Schalke nicht angekommen?
Dirk Schuster hatte keinen Erfolg, weil er seine Idee von Fußball nicht an den Kader in Augsburg angepasst hat, der deutlich mehr Potential gehabt hätte, als er aus ihm rausgeholt hat. Und Markus Weinzierl ist aus meiner Sicht zur falschen Zeit nach Schalke gewechselt. Mitten im Umbruch, ohne klare fußballerische Idee aus dem Management, dazu mit einem komplizierten Kader, musste man zu diesem Zeitpunkt noch attestieren, dass Schalke damals einfach noch Schalke war. Man sollte allerdings in diesem Zusammenhang den Einfluss von Stefan Reuter auf den Erfolg in den Weinzierl-Jahren in Augsburg berücksichtigen. Weinzierl war vor allem im Gespann mit einem sportlich kompetenten Manager, der seine Ideen und Konzepte ergänzte, sehr erfolgreich.

Die 05-Spieler bejubeln den Führungstreffer durch Jhon Córdoba. (Foto: Meenzer on Tour)

Die 05-Spieler bejubeln den Führungstreffer durch Jhon Córdoba. (Foto: Meenzer on Tour)

Was Mainz 05 und den FC Augsburg definitiv verbindet, ist der Umstand, dass richtig gute Spieler schnell zu einem größeren Verein wechseln. Ein Weg, um in der Liga trotzdem zu bestehen, ist gute Nachwuchsarbeit. Wie seid ihr da aufgestellt?
Die Nachwuchsarbeit war bei uns über viele Jahre unterentwickelt. Einerseits lag das an fehlender Infrastruktur, die erst über viele Jahre aufgebaut werden musste. Andererseits hat Markus Weinzierl den Spielern aus dem Jugendbereich auch keine Chance gegeben. Dies hat sich schon unter Dirk Schuster rapide geändert. Spätestens unter Manuel Baum zeigt sich nun, dass der Aufbau des Nachwuchsleistungszentrums sich gelohnt hat und wir in Zukunft mit mehr Spielern aus dem eigenen Nachwuchs rechnen können.

Welche Spieler haben es in den letzten Jahren aus eurem Nachwuchs bis hoch in die Bundesliga geschafft?
Die Liste ist überraschend lang, zumindest für unsere Verhältnisse. Neben Kevin Danso, Tim Rieder, Julian Günther-Schmidt und Raphael Framberger, die in der letzten Saison ihr Debüt gefeiert haben, hat in diesem Jahr Marco Richter den Sprung geschafft und scheint sich zu etablieren.

Aktuell steht der FCA mit 37 Zählern auf Rang 11 und der Klassenerhalt ist so gut wie sicher. Zwischendurch schien mal mehr drin zu sein, da schnupperte Augsburg an den europäischen Rängen. Drückt das die Stimmung im Verein oder gilt der Klassenerhalt als erste Priorität?
Manuel Baum hat letztens auf einer Pressekonferenz erneut betont, dass der Klassenerhalt unsere Meisterschaft ist. Vor der Saison sind wir von sehr, sehr vielen Experten auf Platz 18 der Tabelle getippt worden. Der Saisonverlauf und vor allem die frühe Sicherheit sind für uns eine unglaubliche Leistung. Wenn mir jemand vor ein paar Jahren erzählt hätte, was wahrscheinlicher ist: Der FC Bayern wird Serienmeister oder wir halten sieben Mal die Klasse, dann hätte ich auf die Bayern getippt. Mit dem Klassenerhalt sind alle Ziele mehr als erfüllt.

Das Ziel des FCA am Sonntag: 40er-Marke knacken. Das Ziel der 05-Fans: 3er holen. (Foto: Meenzer on Tour)

Das Ziel des FCA am Sonntag: 40er-Marke knacken. Das Ziel der 05-Fans: 3er holen. (Foto: Meenzer on Tour)

In der Saison 2016/2016 hat Augsburg in der Europa League gespielt, Partien wie die gegen Liverpool wurden begeistert gefeiert. Hat sich durch diesen Erfolg das Anspruchsdenken bei den Fans verändert? So eine tolle Saison wirkt da ja manchmal mehr als Fluch denn Segen.
Ich glaube nicht, dass sich grundsätzlich das Anspruchsdenken der Fans in Augsburg verändert hat. Das ist schon immer noch sehr familiär und bedacht. Aber klar, die normalen Mechanismen sind auch in Augsburg erkennbar. Auch bei uns wird manchmal zur Halbzeit gepfiffen und die Menschen wollen unterhalten werden.

Wie nimmst du generell das Verhältnis zwischen Fans und Vereinsführung wahr und wie intensiv ist der Austausch? Wie stark sucht auch der Verein die Kommunikation mit dem Anhang? Und wie aktiv ist eure Szene?
Es gibt Austausch, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob es ein gegenseitiges Verständnis gibt. Auch bei uns ist diese Beziehung nicht unkompliziert. Inwiefern der Verein aktiv Themen vorantreibt und angeht, ist mir nicht bekannt. Unsere Szene ist aktiv und engagiert sich in vielerlei Hinsicht in bemerkenswerter Weise. Anstatt auswärts nach Leipzig zu fahren wird zum Beispiel eine Blutspendenaktion organisiert, es gibt Engagement für Obdachlose und einen Arbeitskreis Soziales. Dazu gibt es eine Initiative, die Stehtribüne in Uli-Biesinger-Tribüne umzubenennen, nach einem der großen Augsburger Fußballhelden.

Einer der prominenten Neuzugänge vor der Saison war Michael Gregoritsch vom HSV. Und natürlich ragt der aktuell verletzte Alfred Finnbogason heraus. Wen würdest du sonst noch aus dem Kader hervorheben wollen in Sachen Leistungsstärke?
Wir haben in dieser Saison viele Spieler, die auf einem sehr guten Niveau spielen. Held der Saison ist bisher für mich Philipp Max, der für einen Linksverteidiger offensiv sehr gute Bälle spielt und so viele Torvorbereitungen auf dem Konto hat, wie noch kein Verteidiger in der Bundesliga zuvor. Darüber hinaus spielen Routiniers wie Marwin Hitz und Daniel Baier eine sehr gute Serie und unsere Innenverteidigung um Jeffrey Gouweleeuw und Martin Hinteregger ist ein Prunkstück. Zusätzlich muss ich bei Caiuby Abbitte leisten, der nochmals einen Leistungssprung gemacht hat. Offensiv setzt er unheimlich viele Akzente und auch defensiv hat er sich verbessert. Jünger wäre er für den FCA nicht zu halten.

Auch, wenn Andy Riedl etwas dagegen hat: So wollen die 05er am Sonntag wieder jubeln. (Foto: Meenzer on Tour)

Auch, wenn Andy Riedl etwas dagegen hat: So wollen die 05er am Sonntag wieder jubeln. (Foto: Meenzer on Tour)

Die letzten Heimspiele gegen Hoffenheim, München und Werder hat Augsburg verloren. Die Ziele gegen Mainz 05 sind klar: 40 Punkte erreichen und den Fans einen Heimsieg bescheren. Abgesehen davon, dass ihr es starke Gegner waren: Woran hat es daheim zuletzt gehapert?
Es mangelt an der Kaderbreite. In der Spitze haben wir einen sehr guten Kader, wenn mehrere Leistungsträger ausfallen, wie in diesen Spielen, dann können wir das nicht über mehrere Spiele auffangen. Dann stimmen die Abläufe nicht und die Routine fehlt. Außerdem mag ich nicht ausschließen, dass das letzte Quäntchen gefehlt hat, nachdem der Klassenerhalt quasi sicher ist.

Zwischen den letzten beiden Heimniederlagen gab es je einen Punkt auswärts in Wolfsburg und Leverkusen sowie nach der Niederlage gegen Hoffenheim den Dreier gegen Hannover. Was macht dich zuversichtlich vor der Partie gegen Mainz? Was macht dir Sorgen?
Sorgen machen mir der anhaltende Tinnitus von Daniel Baier und die Wade von Alfred Finnbogason. Der Trend macht mir allerdings Hoffnung. Bis zum unberechtigten Platzverweis war gegen Wolfsburg auch deutlich mehr drin und gegen Bayern haben wir deutlich besser ausgesehen, als das Ergebnis das suggeriert. Insgesamt hat die Leistung der Mannschaft gepasst und nur die Ergebnisse spiegeln das nicht ganz wieder. Zusätzlich kommt uns eure Situation entgegen, denn den Druck habt ihr, aus Augsburg etwas mitnehmen zu müssen. Mit all der gebotenen Ruhe bin ich da sehr zuversichtlich.

Welche Marschroute erwartest du am Sonntag, worauf sollte 05-Trainer Sandro Schwarz seine Mannschaft taktisch einstellen?
Insgesamt stehen wir defensiv nach der Rückkehr von Jeffrey Gouweleeuw wieder sehr gut. Offensiv werden sich die Mainzer die Zähne ausbeißen und Geduld brauchen. Nach vorne könnte Marco Richter seine Chance von Anfang an bekommen. Er hätte sie sich verdient und wir damit haben einen zusätzlichen Spieler auf dem Feld, der wie Gregoritsch durch seine individuelle Klasse den Unterschied machen kann. Ich glaube das wird am Samstag eine zähe Partie, die durch individuelle Aktionen eventuell entschieden wird. Da sehe ich uns dann allerdings vorne.

Und wie geht das Spiel aus?
2:0 für uns. Richter und eine Torvorbereitung von Max werden den Unterschied machen.

Danke für das Gespräch!

|| Danke an Meenzer on Tour für die wunderbaren Bilder aus Augsburg. ||

Mainz 05-Krimi: Im Schatten der Arena

Im Schatten der Arena

Großer Jubel, große Begeisterung: Am 11. Mai erscheint mein Mainz 05-Krimi Im Schatten der Arena im Societäts Verlag. Ich freue mich wirklich, wirklich sehr darauf. Irgendwie fühlt sich das alles ganz anders an als bei den Sachbücher, obwohl deren Themen (Mainz 05, Liebe, Geschwister) mir auch nahe waren. Aber diese Geschichte zu erzählen hat mir viel bedeutet und ich bin voller Vorfreude, dass der Krimi bald in den Regalen stehen wird. Und der Termin der Premiere steht auch schon fest: Am 18. Mai lese ich um 17.30 Uhr im Hugendubel Mainz (Am Brand). Kommt alle, das wird ein wunderschöner Abend – vor allem natürlich, wenn ihr dabei seid.

Michael Welling ist der neue Mr. Marketing bei Mainz 05

Was am Sonntag bereits von einigen Medien gemeldet wurde, hat der FSV am Montag offiziell verkündet: Die 05er sind auf der Suche nach einem Nachfolger für Dag Heydecker, der Mainz in Richtung Sandhausen verlassen hat, fündig geworden. Zum 1. Juni übernimmt Michael Welling die vakanten Bereiche Marketing und Vertrieb. Der war zuvor von 2010 bis zu seinem freiwilligen Ausscheiden im Februar hauptamtlicher 1. Vorsitzender des Rot-Weiss-Essen.

Der Neue in Mainz: Michael Welling. (Foto: Mainz 05)

Der Neue in Mainz: Michael Welling. (Foto: Mainz 05)

Der aus dem Emsland stammende Welling ist Wirtschaftswissenschaftler und war in seiner Promotionszeit beratend für den VfL Bochum und dann bis 2007 als Assistent des Vorstands tätig. Dann ging der heute 46-Jährige zum Sportrechtevermarkter Sportfive (heute Lagardère Sports Germany). Gut vorstellbar, dass seine Kontakte zum kaufmännischen Vorstand der 05er, Jan Lehmann, aus dieser Zeit stammen, denn der war vor seiner Tätigkeit bei der DFL (ab Februar 2009) beim Sportmarketingunternehmen Infront Sports & Media tätig. Lehmann kommentiert die „Neuverpflichtung“ der Mainzer so:

Ich kenne Michael Welling schon seit einigen Jahren. Er verfügt über große Kompetenz in den Themen Marketing und Vertrieb und langjährige Berufserfahrung im Fußball. Er passt mit seinem Fachwissen, seiner Leidenschaft für den Fußball und mit seiner offenen und kommunikativen Persönlichkeit sehr gut zu uns nach Mainz und zu den anstehenden Aufgaben des Vereins und ist für mich die Idealbesetzung für diese Position. Ich freue mich sehr, dass wir ihn für uns gewinnen konnten.
Jan Lehmann
1. Mainz 05

Rot-Weiss-Essen im Herzen: Uwe Strootmann. (Foto: privat)

Rot-Weiss-Essen im Herzen: Uwe Strootmann. (Foto: privat)

Ich habe Uwe Strootmann ein paar Fragen zum neuen Mann beim FSV gestellt. Strootmann bloggt seit Jahren „Im Schatten der Tribüne“ mit sehr viel Herz und Fanromantik zu Rot-Weiss. Dabei entzückt er mit so schönen Überschriften wie „Die Hoffnung ist der Regenbogen über den herabstürzenden Fußball des Lebens“ (frei nach Nietzsche) und ist immer ganz nah dran an seinem Verein. Und obwohl ich nicht alle seine Texte lesen konnte, habe ich einen Liebling.

Michael Welling hat vergangenes Jahr bei Rot-Weiss-Essen um die Auflösung seines Vertrages gebeten. Angeblich gab es bereits im Herbst Kontakte zu Mainz 05 und Essen hat deshalb auf eine festgeschriebene Ablösesumme in Wellings Auflösungsvertrag bestanden. Weißt du da Genaueres?
Das ist Kokolores. Es wurde an der Hafenstraße als Gerücht kolportiert, da bekannt wurde, dass in Mainz ein Platz im Vorstand neu zu besetzen sein wird. Es gab von ihm aus bis dato keinen Kontakt nach Mainz. Der Auflösungsvertrag geht zudem auf seine eigenen Kosten. Ernsthaft kam Michael erst später in Mainz auf die Tagesordnung. Ich glaube, für ihn galt es, erst mal den Kopf auch nur annähernd frei zu bekommen, statt sich sofort anderen Arbeitgebern zu widmen.

Welling kam nach dem finanziell bedingten Zwangsabstieg von Rot-Weiss Essen im laufenden Insolvenzverfahren zum Verein. In seiner ersten Saison gelang der direkte Wiederaufstieg von der NRW-Liga in die Regionalliga West. Der Verein ist heute schuldenfrei, die Mitgliederzahlen wurden verdoppelt und die Sponsoren von 63 auf über 400 ausgebaut. Wie viel Anteil hat Welling an diesem Erfolg?
Nun, Michael kam ja zu einer Zeit zu uns, in welcher der RWE gerne in den Medien als beispielhaft dafür herhalten durfte, wenn es inhaltlich um wirtschaftlich ruinierte und sportlich abgestürzte Traditionsvereine ging. Was im Nachgang vielleicht gar nicht so schlecht war, konnte an vielen Reaktionen im Anschluss doch festgestellt werden, dass der RWE noch in vielen Köpfen höherklassig verortet ist und gerne als sportlicher Gegner und Rivale auf Fanebene gesehen wird. So jedenfalls blieb man im Gespräch. Es ging also um einen Neuanfang in der fünften Liga, die Mannschaft rekrutierte sich vornehmlich aus der Zweitvertretung. Michaels Einfluss auf deren Zusammensetzung war also gering bis gar nicht vorhanden. Was aber vorhanden war, war ein Optimismus und die sofortige Identifikation mit dem Verein. Und das quasi auf Trümmern, denn das innig geliebte Georg-Melches Stadion wurde mehr und mehr zurückgebaut oder fiel in sich zusammen. Der Neubau an fast gleicher Stelle war noch weit entfernt zu dieser Zeit. Wir hatten doch nichts. Aber dann nahm uns die Mannschaft mit auf eine Reise durch die Saison, und Michael und sein Team konnten in diesem Fahrtwind Strukturen schaffen und in kleinen Schritten die Basis legen für den von dir beschriebenen Stand heute. Michael ist ein Teamplayer und würde das nicht als seinen Erfolg verbuchen. In dem Jahr hat damals alles gepasst. Ganz persönlich muss ich aber sagen, dass uns dieser ruhige Optimismus nebst direkter Assimilation in die „Befindlichkeit Hafenstraße“ überrascht und positiv gestimmt hat. Gestern gefühlt noch beerdigt, kommt plötzlich jemand und spricht begeistert in die Kamera: von Rahn und den ganzen anderen Dingen, warum es toll ist, ein RWE Fan zu sein. Das war definitiv ein Puzzlestück Richtung Anteil.

Bis zum Abriss 2012 die fußballerische Heimat von Welling in Essen. (Foto: Catenaccio 07)

Bis zum Abriss 2012 die fußballerische Heimat von Welling in Essen. (Foto: Catenaccio 07)

In Wellings Zeit bei RWE fällt auch die Gründung der Frauenfußball-Abteilung 2014, in die nach deren Abmeldung alle Teams von Schwarz-Weiß-Essen übernommen wurden. Welche Rolle spielt der Frauenfußball heute für den Verein, sowohl intern als auch in der Außendarstellung?
Rot-Weiss Essen ist ein Fußballverein und konnte somit gar nicht anders als „Ja“ zu sagen, als die ETB-Frauen an der Hafenstraße angeklopft haben. Vielleicht ist die Außendarstellung noch nicht die optimalste, zudem verwalten sich die Frauen selbst. Möglicherweise sind sie auch immer noch nicht zu 100% bei RWE angekommen, das kann ich nicht in Gänze beurteilen. Aber sie sollen die Rolle spielen, die eigentlich die Grundidee des Fußballs ist und eben Spaß am selbigen haben. Und ich hoffe, davon haben sie jede Menge.

RWE ist ja alles andere als ein Hochglanzprodukt. Wie passte einer wie Welling, der viel mit den alten Kollegen von Infront und der Universität gearbeitet hat, da rein? Hintergrund der Frage ist, dass ich in Mainz gewisse Ängste wahrnehme, mit Leuten wie Jan Lehmann und nun Welling, die sich erstmal nicht nach „Basis“ anfühlen, verliere der Verein (weiter) Charakter. Kannst du diese Ängste nachvollziehen? Und sind sie im Falle Welling gerechtfertigt?
Die Ängste kann ich beruhigt nehmen und ich muss direkt schmunzeln. RWE ist absolut alles andere als ein Hochglanzprodukt. Und, jetzt kommt das besonders Schöne an unserem Verein: Wir wollen sportlichen Aufstieg, dafür würden manche Fans alles geben. Aber niemals wollen wir ein Hochglanzprodukt sein. Wir sind selbsternannte Fußballunterschicht und trinken vor dem Spiel den halben Liter Stauder im VIP Bereich des kleinen Mannes, dem Hafenstübchen. Dort, wo das Bier aus dem Fenster gereicht wird. Hochglanz passt nicht in den Essener Norden nach Borbeck. Die Hafenstraße ist kein schöner, aber doch der schönste Ort für Fans, wie wir es sind. Es ist alles ein wenig rauer und dafür umso charmanter. Eigentlich sind wir alle aus der Mode gekommen. Dass da nun einer mit Doktortitel und Lehrstuhl an die Hafenstraße kam, das hat eigentlich keinen gejuckt. Der Mann hatte zu malochen, das war wichtig. Titel zählen da nicht wirklich. Zudem war das Auftreten von Michael Welling nicht das, was man sich möglicherweise von einem Professor-Doktor erwartet. Es war eher eine unglaubliche Vorfreude auf diesen speziellen Verein und ein offenes Zugehen auf alle, die damit zu tun hatten. Er wollte das unbedingt und das war zu spüren. Hier muss niemand Ängste haben.

In seinen sieben Essener Jahren war Michael Welling das Gesicht des Vereins und ein wenig liest sich diese Geschichte wie die von Christian Heidel hier in Mainz. Und wie Heidel arbeitete auch er seinen Nachfolger Marcus Uhlig ein, was im Fußball eine Seltenheit ist. Wie stark war Wellings Verbindung mit den Fans und dem Umfeld? Wie schwer wiegt sein Abgang?
Die Fans waren ihm sehr wichtig und er hat stets die offene Kommunikation mit ihnen gepflegt. Ob nach dem Aufstieg oder Jahre später nach bitteren Niederlagen und Pöbeleien am Zaun, um zu beschwichtigen. Er hat viel (für meinen Geschmack etwas zu viel) über die sozialen Medien mitgeteilt, auch, um so transparent zu sein und so viele Fans wie möglich zu erreichen. Immer im Sinne des Vereins. Was bei leider immer stärker werdender Respektlosigkeit in den Kommentarspalten oft auch Abneigung oder unreflektierte Wut zur Folge hatte. Vorzugsweise natürlich nach sportlichen Misserfolgen. Wie schwer sein Abgang wiegt, ist eine Frage, die ich so nicht beantworten wollen würde. Ich würde eher sagen, es war ein guter Zeitpunkt, um einen Schlussstrich zu ziehen, und ich finde diesen konsequenten Schritt mutig. Der ausbleibende sportliche Erfolg hat Michaels Kernkompetenzen und die vielen wirtschaftlichen Erfolge komplett übertüncht. Er stand nun quasi für jedes verlorene Spiel Pate, auch die Initiative „Hoch3“ wurde ihm vor die Füße geworfen, obwohl sie ein legitimer Versuch war, alle Kräfte zu bündeln und noch zusätzlich Gelder für Spieler zu generieren. Doch dann war Spieltag und die Mannschaft hat mal wieder alles in die Tonne gekloppt. Da musste irgendwann ein Schlussstrich kommen. Dass zudem an der Hafenstraße ein hoch emotionales Umfeld zu Hause ist, hat die Arbeit als Vereinsboss sicher nicht erleichtert. Was den Verein aber auch wieder so ausmacht. Die Menschen leiden wirklich extrem mit ihrem RWE.

Gerstensaft für durstige Essener Fans. (Foto: Catenaccio 07)

Gerstensaft für durstige Essener Fans. (Foto: Catenaccio 07)

Da so viele Vereine unterhalb der Bundesliga in Geldnöten sind, wird der Verdienst von Michael Welling um den (früher immer klammen) RWE erst richtig deutlich: Er hinterlässt einen schuldenfreien Verein auf Eigenkapitalbasis. Was hätte ich ihm auch sportlichen Erfolg gegönnt!
Uwe Strootmann
Im Schatten der Tribüne

Nach allem, was ich zu Welling gelesen habe, hatte er in Essen ohnehin immer ein offenes Ohr für die Fans. Die Auseinandersetzung, so scheint es, war dabei durchaus kritisch, aber respektvoll und auf Augenhöhe. Ein gutes Beispiel ist sein Ton in einem offenen Brief 2014. Was kannst du zu seinem Verhältnis mit Fans und Szene erzählen?
Wie schon leicht angerissen, hatten Michael und die Fans einen guten Start, fingen doch alle bei Null an. Da war es einfach, sich anzunähern. Diese offene Kommunikation und auch das Einsetzen für Fanbelange waren wir nicht gewohnt. Zudem waren auch die Gruppen auf der Westtribüne noch homogener. Nach Auflösung der Ultras Essen gab es wieder mehr Gruppen auf den Tribünen, die mit jeder Saison sportlichen Misserfolgs natürlich auch unzufriedener wurden. Und es gab für ihn als Vereinsvorsitzenden auch unangenehme Dinge durchzusetzen. So gab es viele Facetten, die sich mittlerweile auf den Tribünen rund um den Vereinsboss Michael Welling ergaben, die ich aber nicht genauer kenne und auch nicht kennen muss, da ich kein Teil der Szene bin. Die Szene hat wohl größtenteils seinen Abschied zufrieden zur Kenntnis genommen, während viele andere ihn bedauern und zurecht auf die wirtschaftlichen Erfolge unter seiner Amtsführung verweisen. Leider, leider, leider ist jedoch ein Sportverein wohl immer noch in erster Linie zu sportlichem Erfolg verpflichtet und erst dann zu schwarzen Zahlen oder sozialem Engagement. Michael hat unserem Verein nicht geschadet, sondern ihn mit ganz viel Kreativität wieder in Richtung Eigenkapital gesteuert. Was würden aktuell beispielsweise Erfurt oder Chemnitz nur für einen solchen Status geben? Geschadet hätte er dem Verein definitiv, wenn er sich auch noch auf den Platz gestellt hätte, um selbst gegen den Ball zu treten. Dann wären wir wohl mehr als einmal abgestiegen.

Im Interview mit Der Westen sagte Welling im Januar zu der Kritik, man habe sich sportlich nicht von der Stelle bewegt: „Wir sind regionalligaweit sicherlich der einzige Verein, der sich aus dem operativen Geschäft finanziert. Dennoch sind wir sportlich in den letzten Jahren stets hinter unseren eigenen Möglichkeiten zurückgeblieben. Das ist durchaus zermürbend.“ Woran liegt dieses Zurückbleiben deiner Meinung nach?
Ganz einfach: In einer verfehlten Kaderzusammenstellung. Und das über mehrere Saisons hinweg. Zudem kamen in der Ära Uwe Harttgen auch die große Eiszeit und noch mehr Spieler über den Verein. Allein die Zeit mit Harttgen hat den Verein zwei Jahre an kontinuierlicher Aufbauarbeit gekostet. Der Druck an der Hafenstraße ist immens hoch, die Sehnsucht nach sportlichem Erfolg wichtiger als der eigene Herzschlag. Das Trauma „Lübeck 2008“ wirkt zudem in den Köpfen nach und konnte nur kurzzeitig durch die Aufstiegssaison 2010/2011 verdrängt werden. Zudem ist uns komplett der Optimismus abhandengekommen. Wir brauchen einfach mal wieder diese eine Saison, in der alles passt. Aber, wie soll das gehen, wenn Jahr für Jahr der große Umbruch ansteht. So viele Spiele kamen und gingen… Das war zu viel. Und es fehlte einfach der Trainer, der es geschafft hätte, eine Aufstiegsmannschaft zu formen. Es fehlte auch das Selbstvertrauen der Spieler. Meine Güte, wenn du hier in Essen aufsteigst, bekommst du rund um die Hafenstraße ein Leben lang Stauder frei Haus. Aber es gibt im modernen Fußball als Spieler eben auch nicht mehr die Identifikation mit dem Verein, wie es mal war. Cebio Soukou ist so ein Fall: Hätte ein Großer bei uns werden können, kam aber mit zig Beratern um die Ecke und erzwang so seinen Wechsel nach Aue. Also: Wir bleiben so lange zurück, bis es die Mannschaft auf dem Platz richtet.

Glaube kann im Fußball Berge versetzen. (Foto: Catenaccio 07)

Glaube kann im Fußball Berge versetzen. (Foto: Catenaccio 07)

Am Ende stagnierte Rot-Weiss insgesamt. Warum konnte die positive Entwicklung des Vereins ab einem gewissen Punkt nicht mehr weitergeschrieben werden? War für RWE ganz einfach das Ende der Fahnenstange erreicht oder welche Gründe siehst du?
Wie gesagt, ein Sportverein steht und fällt mit der sportlichen Entwicklung! Ist diese positiv, wächst der Verein. Spielst Du Woche um Woche Grütze zusammen, interessiert kaum einen die positive Jahresabschluss-Bilanz oder ein neuer Fanartikel. Das Tragische daran: Eigentlich gibt es für den RWE kein Ende der Fahnenstange. Platzt irgendwann mal der sportliche Knoten, bekommen wir allesamt mal wieder eine positive Grundstimmung hin, beginnen die Saison mit drei oder vier Siegen… Da kann ich nur ansatzweise das Gefühl wiedergeben, was dann rund um die Hafenstraße los wäre. Sie wären alle wieder da. Jung oder Alt, Hool oder Kutte, Ultra oder kein Ultra. Die ganze Familie. Würden „Adiole“ mit einer Inbrunst singen, dass man in Gelsenkirchen erschrocken zusammenzuckt. Und ich weiß, dass Michael für genau diesen Moment gearbeitet und gelebt hat.

Neben dem Fußball hat Welling das soziale Projekt „Essener Chancen“ mit ins Leben gerufen, dessen Vorsitzender er auch war. Kannst du dazu etwas sagen?
Da selbst in einem sozialen Beruf tätig, muss ich sagen, dass ich es eine wunderbare Sache finde. Dieses Projekt hat nicht nur Menschen geholfen, sondern auch den Namen Rot-Weiss Essen wieder positiv besetzt. Und vielleicht wird es ja einer dieser Kinder und Jugendlichen mal schaffen, den entscheidenden Elfmeter für unsere Roten in der Relegation zu verwandeln. Dann hätte sich alles zusammengefügt. Dieses Projekt ist wichtig für RWE, aber noch wichtiger für diejenigen, denen man so Sozialkompetenz zukommen lässt. Das ist auch ein Verdienst von Michael nebst Team, steht aber leider im Schatten der sportlichen Misserfolge.

Bildung, Ausbildung und Integration sind nicht nur Schlüssel für die Zukunft von Kindern und Jugendlichen – auch die Gesellschaft von morgen ist darauf angewiesen. Nur wenn wir es schaffen, alle sozialen Schichten und Kulturen einzubinden, haben unsere Stadt und unsere Region eine Chance. Wir wollen mit Essener Chancen e.V. hierzu einen Beitrag leisten, Kinder und Jugendliche auch aus bildungsfernen Familien auf diesem Weg mitnehmen, sie motivieren und aktivieren, damit sie ihre Chancen für Schule, Bildung, Ausbildung und Beruf ergreifen – im Essener Norden genauso wie im Essener Süden.
Leitbild der Essener Chancen

Gegen Ende der Essener Zeit gab es durchaus auch Missstimmung gegen Welling. Ein Vorwurf, den ich gelesen habe, war, er habe sich dann mehr für Politik als für Fußball interessiert. Ein zweiter, er habe plötzlich im sportlichen Tagesgeschäft mitmischen wollen. Wie siehst du das?
Ich sehe das entspannt, da es sich – wie so vieles in der heutigen Zeit – in den sozialen Netzwerken hochgeschaukelt hat und sich heute ein jeder nun mal schnell die Welt bastelt, wie er sie gerne hätte. Eine eigene Meinung zu haben und diese zu vertreten, ist sicher noch kein Ausflug in die Politik, und definitiv wollte er nicht im sportlichen Tagesgeschäft mitmischen. Das macht dann vielleicht doch den Intellektuellen in ihm aus: Er weiß um seine Fachgebiete. Was viele nicht mehr differenzieren konnten, war, wie sehr ihm eine Niederlage der eigenen Mannschaft an die Nieren gegangen ist. Natürlich hätte er, wie jeder von uns auf den Tribünen, gerne selbst den Ball ins Tor gedroschen. Aber als Fan, wie man das als Fan halt so möchte! Natürlich war er aber das Gesicht des Vereins und es wurden daher gemeinsam in den diversen Gremien getätigte Beschlüsse von uns Fans an ihm festgemacht. Andere konnten sich dann stets zurücklehnen, im Hintergrund agieren. Als Vereinsboss kannst Du das nicht. Ja, es gab durchaus diese Missstimmung. Aber nun ist Michael weg und die Missstimmung geht weiter, da immer noch kein sportlicher Erfolg eintritt. Es braucht also doch eher Optimismus.

In Essen haben sich die Mitgliederzahlen unter Welling verdoppelt. (Foto: Catenaccio 07)

In Essen haben sich die Mitgliederzahlen unter Welling verdoppelt. (Foto: Catenaccio 07)

Mit durchschnittlich 7.352 Besuchern war Essen in der Saison 2015/16 der Regionalligist mit dem größten Zuschauerzuspruch. In Mainz ist – wenn auch auf einem ganz anderen Niveau – der Zuschauerrückgang seit Jahren großes Thema. Wie viel Hoffnung kannst du uns machen, dass Michael Welling hier gute Ideen hat, die mehr sind als reine Marketingaktionen?
Natürlich wird euch Michael nicht ad hoc die Hütte wieder füllen. Ich denke, dass auch bei euch eher die sportliche Momentaufnahme einer der Gründe sein dürfte. Und vielleicht auch die Lage des neuen Stadions. Möglicherweise der ganze Frust um die große Blase Bundesliga. Aber Michael bringt sein Handwerkszeug mit: basierend auf Kreativität, Fachwissen und Teamarbeit. Es werden gute Ideen kommen. Definitiv.

Wie würdest du abschließend Wellings Kernkompetenzen beschreiben und worauf dürfen wir uns diesbezüglich hinsichtlich seiner künftigen Rolle in Mainz besonders freuen?
Michael ist Marketingmensch und Wirtschaftswissenschaftler mit Leib und Seele. Fußballfan aus Leidenschaft. Zudem mit einer großen Portion Gelassenheit ausgestattet. Und diese Stärken kann er nun im Hintergrund dem FSV Mainz 05 zukommen lassen. Losgelöst von der Pflicht, das Gesicht eines Vereins darzustellen. Ihr könnt euch also darauf freuen, dass er einfach seinen Job macht. Und den wird er gut machen, dessen bin ich mir sicher. Nur der RWE!

Danke für das Gespräch! Und: Nur der FSV!

Zum Schluss noch ein Lesetipp zusätzlich zu den bereits verlinkten Texten: Ende letzten Jahres hat Michael Welling Catenaccio 07 ein Interview gegeben und darin auf seine ablaufende Zeit in Essen zurückgeschaut: klick. Ein Highlight, das der scheidende Vorsitzende dem RWE-Blogger über seine sieben Jahren verriet, war übrigens ein Abend, an dem er mit zwei Fans heftig in deren Bandkeller versumpfte… In diesem Sinne: Willkommen in Mainz, Michael Welling.