Zu Gast bei Flutlicht: Helden? Aber bitte mit Haltung!

Anlässlich des Todes der rheinland-pfälzischen Boxlegende Karl Mildenberger ging es am 14. Oktober in der Sendung Flutlicht um das Thema Helden. Moderiert von Holger Wienpahl beschäftigte die Gäste Hartmut Scherzer (Sportjournalist), Frank Busemann (Ex-Leichtathlet) und mich die Frage, ob wir heute noch Helden brauchen. In einem eingespielten Experteninterview hatte Sportpsycholge Prof. Michael Macsenaere dies verneint mit der Begründung, unserer Gesellschaft gehe es aktuell zu gut und sie sei zu satt für Helden.

SWR

Jetzt bin ich grundsätzlich sicher keine Anhängerin einer blinden Heldenverehrung, ganz im Gegenteil. Wenn es aber um die Frage nach Idolen oder Vorbildern geht, so glaube ich, dass die in der heutigen Zeit nach wie vor eine durchaus sinnvolle Rolle einnehmen könnten, allerdings haben sich dazu, wie ich finde, die Voraussetzungen geändert. Entsprechend habe ich denn auch mein abschließendes Statement formuliert.

Wenn ich mir angucke, wie die Gesellschaft sich gerade in den letzten paar Jahren verändert hat, bin ich sogar eher der Meinung, dass wir Helden sehr wohl wieder brauchen würden. Aber die Rolle hätte sich halt verändert. Wenn ich beispielsweise überlege, was sich rund um die Nationalmannschaft nach der WM abgespielt hat, da wäre glaube ich jeder Spieler bei einer nicht geringen Anzahl von Fans zum Helden geworden, der mal die Eier in der Hose gehabt hätte, sich zu der Özil-Geschichte zu äußern. Ich glaube, um heute zum Helden zu werden, bräuchte es sowas wie Haltung, aber die ist leider sehr stark verloren gegangen.

Die ganze Sendung steht nun für ein Jahr in der Mediathek von ARD und SWR zum Abruf bereit. Die Einspieler dürfen online allerdings nicht gezeigt werden, wohl aber die Talkrunde, in der es auch um die Nationalmannschaft und um gefallene Helden ging.

Ein Blog, ein Buch, ein Brunnen: Rebellenlesung in Mainz

Würde man eine Lesung der Wochenendrebellen vorab inszenieren wollen, wäre das eine heikle Angelegenheit. Die Einsätze! Das Timing! Die Gags! Die Regie hinter der Bühne käme vermutlich ziemlich ins Schwitzen. Doch es gibt keine Inszenierung, ergo auch keine Regie und bei der Lesung im Fanhaus Mainz nicht mal eine Bühne, da ohne mehr Interessierte ins Kick’n Rush, die ureigene Kulturkneipe, passen. Stattdessen einen Tisch, an dem Jason sich ausgebreitet und Vater Mirco (s)ein Eckchen zugewiesen hat, damit „das Setting hier gleich mal die Hierarchie in der Familie klarmacht“, wie Letzterer schmunzelnd verkündet. Und es gibt natürlich Regeln, unter anderem die, dass der Sohnemann bestimmen darf, wie es läuft.

Das Kick'n Rush ist die Kulturkneipe im Fanhaus Mainz. (Foto: WP)

Das Kick’n Rush ist die Kulturkneipe im Fanhaus Mainz. (Foto: WP)

Jason erkundigt sich denn auch direkt selbstbewusst nach der Gästeliste, da es aufgrund einer aktuellen Grippewelle einige kurzfristige Absagen bei der von der Fanabteilung des FSV Mainz 05 organisierten Lesung gegeben hat. Die Namen wolle er auf seine Hassliste setzen, erklärt er, wobei es ihm am liebsten wäre, Papsi würde vorher überall anrufen, um zu klären, wer begründet und wer gedankenlos abgesagt hat. Denn er hasst zwar Unzuverlässigkeit – Ungerechtigkeit ist ihm aber gleichfalls zuwider. Ein paar der Gäste wirken verunsichert. Ist das jetzt ein Scherz? Doch Jason verzieht keine Miene, stattdessen liest er die Einführung aus Wir Wochenendrebellen, dem Buch, das Vater und Sohn gemeinsam geschrieben haben.

Darin geht es um die gemeinsamen Fußballreisen der beiden, in deren Mittelpunkt Jasons Suche nach „seinem“ Fußballverein steht. Daneben erzählt das Buch die Geschichte einer Familie, zu der neben Vater und Sohn auch Mutter Fatime und Tochter Lani gehören, von der großen Liebe, die sie verbindet, der Herzenswärme, die sie einander entgegenbringen.

Die Rebellen bei einem früheren Mainz-Besuch. (Foto: WP)

Die Rebellen bei einem früheren Mainz-Besuch. (Foto: WP)

Und es geht auch um etwas, was Jason selbst für sein Leben als „Behinderung und Behilflichkeit“ beschreibt: Er ist Asperger-Autist. Für die Lesung liefert diese Tatsache zahlreiche Anekdoten über die Erfahrungen, die sie als Familie bereits mit der Presse gemacht haben. Mirco erzählt davon, wie schwierig es sei, die gängigen Klischees aufzubrechen und zu verhindern, dass Jason als skurriler Sonderling porträtiert wird, der am Leben leidet, Zahlen jongliert und in seiner eigenen Welt lebt. „Er lebt in derselben Welt wie wir.“

Zwar ist Autismus eine Diagnose, aber man spricht weder von Krankheit noch von Behinderung, sondern einem „Spektrum“. Es gibt übereinstimmende Merkmale, doch letztlich ist jeder Autismus anders. Man unterscheidet zwischen frühkindlichem und atypischem Autismus, der Autismus-Spektrum-Störung und eben: Asperger-Autismus. „Entwicklungsstörung“, schreibt Mirco im Buch und es ist spürbar, wie seine Stirn unwillige Falten schlägt. „Ein Fachbegriff, der nicht nur meine Frau und mich ratlos zurücklässt. Wir sehen da nichts Störendes in seiner Entwicklung.“

Die Rebellen bitten um ihr Handzeichen! (Foto: WP)

Die Rebellen bitten um ihr Handzeichen! (Foto: WP)

Jason selbst erklärt dem Publikum in Mainz, er hätte gerne einen Bruder wie sich und will von Papsi wissen, wie der das sieht. Dass sie die geplante Abstimmung im Publikum zu der Frage am Ende der Lesung vergessen haben, dürfte ihn später noch geärgert haben. Aber immerhin wird darüber abgestimmt, welche Kapitel an dem Abend vorgetragen werden und zum Glück gehört dazu jenes, in dem das Duo zunächst im Nachtzug unterwegs ist und dann ein Spiel auf St. Pauli sieht. Die Beschreibung des Vaters über das Glück der ungewohnten Nähe mit seinem Sohn, der Körperkontakt meidet, wo es geht, im engen Schlafwagen-Bett, gehört zu den berührendsten Stellen im Buch. Die Pinkel-Problematik auf dem Stadionklo wiederum macht schmerzhaft klar, welche Hindernisse der Alltag oft stellt.

Wer das große Vergnügen hatte, die zwei schon häufiger zu erleben, sieht an einem Abend wie diesem, welchen Weg Jason und mit ihm die Familie schon gegangen ist. Er wirkt recht vergnügt, hat das Spiel mit dem Publikum durchaus verstanden und genießt es, Papsi zur Verzweiflung zu bringen, indem er immer wieder verzögernde Elemente bringt. Das Publikum wiederum fremdelt anfangs kurz, ist dann aber vollends gefangen von der Show-Lesung der beiden, die sich auf die Suche nach einem Verein für Jason machten und dabei so viel mehr gefunden haben als das.

Es ist ganz viel Liebe unterwegs an diesem Abend im Fanhaus, der mit Mircos Appell endet, sich dem Guten zuzuwenden. Aufrecht zu sein und klar in Worten und Taten, sich dem, was in dieser Gesellschaft aktuell schiefläuft, entschieden entgegenzustellen.

Schon 56 Brunnen in Gemeinden und 57 Brunnen inklusive Sanitäranlagen an Schulen hat die Stiftung realisiert. (Foto: Screenshot)

Schon 56 Brunnen in Gemeinden und 57 Brunnen inklusive Sanitäranlagen an Schulen hat die Stiftung realisiert. (Foto: Screenshot)

Die Welt zu verbessern, das ist auch ein Wunsch des Sohnemanns, und deshalb unterstützen die Wochenendrebellen die Neven Subotic Stiftung. Insgesamt 25.000 Euro für eine Sanitäranlage wollen sie am Ende spenden, über 16.000 Euro sind schon zusammen. Wer kann, sollte die beiden und den ehemaligen Mainzer Spieler unterstützen. Worte sind wichtig, Taten bringen uns (noch) weiter. Und natürlich dabei nicht vergessen, „Wir Wochenendrebellen“ zu kaufen, zu lesen und am besten noch zehn bis zwanzig Mal zu verschenken. Ein wichtiges Buch, das zu berühren vermag.

Podcastliebe: Fußball aus dem Hinterhof

Der geneigte 05-Fan auf Twitter rubbelte sich in den letzten Wochen verwundert die Augen: Da ploppte plötzlich ein neuer Account auf, folgte allen aus dem Umfeld des Vereins, quatschte Fans und Journalisten von der Seite an und tickerte die Auswärtsspiele. Der Name des Neulings, „Die Hinterhofsänger“, gab ebenfalls Rätsel auf. Wer sind die Menschen zu diesem Account? Und was haben sie vor? Ein Gespräch über Fußball, Kultur und was das alles miteinander zu tun hat.

AccountHallo ihr drei! Auf Twitter nennt ihr euch Buddi, Berts und Boos. Verratet ihr, wer sich hinter diesen Spitznamen versteckt? Und was ist ihre Bedeutung?
Felicitas: Grundlegend stammen die Spitznamen von unseren Nachnamen, wobei nur meiner nicht verniedlicht wurde. Also: Bene Engel-berts, Jan Budde und Felicitas Boos.

Wie ist euer Bezug zu Mainz und dem Verein? Und woher kennt ihr euch untereinander?
Bene: Felicitas und ich sind gebürtig aus Rheinland-Pfalz, Jan hingegen kommt aus Wuppertal. Wie der hierhin gekommen ist, fragen wir uns eh immer wieder. Wir haben uns im R-Block beim Streiten kennengelernt, damals noch über die Leistung von Júnior Díaz. Seitdem standen wir jedes Mal zusammen und haben uns schließlich angefreundet. Jan und Felicitas studieren beide in Mainz und sind deswegen auch hierhin gezogen.

Logo? Logo! (Design: Jan Budde)

Logo? Logo! (Design: Jan Budde)

Jan, Felicitas, ihr studiert beide Buchwissenschaften. Wie lang müsst ihr denn noch? Wie seht ihr die Verbindung zwischen Kultur und Fußball? Und was macht Bene eigentlich?
Felicitas: Wir müssen beide noch unsere Masterarbeit schreiben.
Jan: Kultur wird von vielen immer mit Bildung gleichgesetzt, aber das sehen wir drei nicht so. Kultur hat was mit der Lebensart jedes einzelnen zu tun. Auch Fußball ist für uns Kultur – unabhängig von Status und Herkunft. Felicitas und ich stammen ja aus der Buch- respektive Kulturbranche. Da lernt man zwangsläufig, mit bescheidenen Mitteln das Maximum aus seinen Möglichkeiten zu machen. Mainz 05 geht es nicht anders und den FSV macht diese Tatsache auch so interessant. Bene hat ja schon erwähnt, dass ich aus Wuppertal stamme. In Nordrhein-Westfalen gibt es im Gegensatz zu Rheinland-Pfalz riesige freie Szenen. Mainz ist diesbezüglich leider kulturelles Ödland. Das hat viel mit kreativem Freiraum in der Stadt, mit Mieten und einigem mehr zu tun. So blieb uns eigentlich nur dieser Online-Kanal, bei dem keine Kosten entstehen, um kulturell aktiv zu werden. Und da ist Bene als Informatiker unser Hausherr.
Bene: Gut, dass du nicht Hausmeister gesagt hast (lacht). Ich arbeite bei einem Anbieter für geförderte Weiterbildung in Wiesbaden. Wie Jan gerade schon gesagt hat, ist Fußball für uns Kultur – und so wie wir uns kennengelernt haben, steht er eben auch für Streitkultur.

Wie seid ihr auf den Namen „Die Hinterhofsänger“ gekommen? Der Untertitel „Wenn Klatschpappen reden könnten“ erscheint ja schon fast selbsterklärend …
Felicitas: Die Hinterhofsänger sind ja eigentlich nicht nur wir drei, sondern ein Freundeskreis aus dem R-Block. Wir haben wahnsinnig viel Spaß, machen allerlei Spökes und unterhalten immer alle in unserer näheren Umgebung. Der Name ist ganz klar an die Mainzer Hofsänger angelehnt und wir 90er-Kids haben Fußball noch in Hinterhöfen und nicht nur an der Konsole gespielt. Außerdem: Hinterhof ist genau das Gegenteil von höfisch vornehm. Du siehst, hier findet sich auch wieder unser Verständnis von Fußball als Kultur wieder.

Klatschpappen können zwar nicht reden, treffen aber manchmal trotzdem eine Aussage. (Foto: WP)

Klatschpappen können zwar nicht reden, treffen aber manchmal trotzdem eine Aussage. (Foto: WP)

Im Vorfeld der ersten Sendung habt ihr bereits fleißig euren Twitter-Account befüllt, Spiele getickert oder nachverfolgt, was ehemalige 05er in ihren Vereinen so treiben. Was ist euer Ansatz? Wie oft wollt ihr produzieren? Und trefft ihr euch dafür, oder nehmt ihr online auf?
Jan: Wir degustieren die Heimspiele.
Bene: Exakt. Generell ist alles, was um Mainz 05 herum passiert, für uns interessant, aber auch, was die Stadt angeht. Dadurch, dass wir uns die Heimspiele vorknöpfen, wird es wohl mehr oder weniger ein Zwei-Wochen-Rhythmus. Wir treffen uns in der Innenstadt und bereiten die Spiele nach. Wie die Profis brauchen wir halt einen Tag Regenerationspause und müssen noch verarbeiten, was wir erlebt haben. Der Folgetag ist dann kommunikatives Ausradeln, das heißt spielen wir samstags, erscheinen wir montags.

In eurer Twitter-Bio schreibt ihr: „Der Hinterhofsänger-Talk, die Super Slow-Mo unglücklicher Zusammenpralle unter den Talks, ab Oktober online“. Was genau habt ihr inhaltlich vor? Und ist euer Ansatz eher Zahlen & Statistik oder Spaß & Emotion – oder beides?
Jan: Sowohl als auch und noch viel mehr. Wir greifen auf unseren Erfahrungsschatz zurück. So wird es unter anderem auch eigene Hörspiel-Sequenzen geben. Zahlen und Statistiken verwenden wir nur dann, wenn es auch Sinn ergibt. Dass wird halt ein lustiger Haufen sind, wird sich wohl kaum verschweigen lassen. Wir wollen das Heimspiel besprechen. Das beinhaltet Kritik, Emotion und reicht von der eigenen Haustür über die Stadionwurst bis hin zum Pressespiegel.

Wird es auch Gäste in der Sendung geben?
Bene: Ja …
Felicitas: Nein, es wird noch nichts verraten.

Kultur braucht Raum. Der kann auch virtuell sein. (Foto: WP)

Kultur braucht Raum. Der kann auch virtuell sein. (Foto: WP)

Welche Podcasts hört ihr selbst? Gibt es klassische Vorbilder? Und wo ordnet ihr euch in der Szene ein?
Felicitas: Klassische Vorbilder gibt es in dem Sinne nicht. Unser Ziel ist es, unterhaltsam zu sein, ohne langatmig zu werden. Ich finde das furchtbar, wenn man Menschen 60 Minuten lang nur beim Denken zuhört, obwohl ich persönlich gerne „Fest und Flauschig“ höre. Aber ich meine, dass ein Talkformat unheimlich davon profitiert, wenn es aus drei Personen besteht. Wir wollen kompakt, kommunikativ und unterhaltsam sein, und da Jan und ich unter anderem für RPR1 gearbeitet haben, wollen wir uns mehr am Radio als am typischen Podcast orientieren.

Wie informiert ihr euch über den Verein? Gibt’s schon eine Rückmeldung zu eurem Tun?
Bene: Wir informieren uns vielfältig: in der Tageszeitung, beim Online-Lesen, beim Radio-Hören oder wie letztens, als wir unseren neuen Marketing-Chef in der Innenstadt gesehen haben. Aber klar, auch in Gesprächen mit Fans und Freunden.
Jan: Die Rückmeldungen sind bisher tatsächlich durchweg positiv und wir stoßen auf großes Interesse. Das freut uns natürlich mega, aber erhöht auch den Druck für die Premiere. Uns hat vor kurzem eine Expertin und Kolumnistin irgendwelche Fragen per Twitter zugeschickt …
Felicitas: Kennst du die … Moment, hier steht’s irgendwo: Wortpiratin?
Bene: Mir kein Begriff.
Jan: Egal.

Haha. Jetzt verstehe ich das auch mit dem lustigen Hauf… Äh. Apropos Rückmeldungen: Wie erreicht man euch und können die Hörer Fragen stellen, die ihr in der Sendung aufgreift?
Felicitas: Klar, schreibt uns, merkt was an oder wenn ihr eine Idee habt, meldet euch unter horschemol@hinterhofsaenger.de
Jan: Kritik landet im Spamordner.
Bene: Neben Twitter und Soundcloud geht hoffentlich ab dem 8. Oktober dann auch unsere Internetseite online.
Jan: Hört einfach ab Montag rein.

Vielen Dank für das Gespräch und ganz viel Erfolg mit dem Auftakt!

Der Fall Özil: Blaupause für den Zustand des Landes

Die Fußball-Europameisterschaft 2024 wird in Deutschland ausgetragen und so richtig weiß der geneigte Fan aktuell nicht, was er davon halten soll. Zwar bemühten sich die Verantwortlichen im Vorfeld redlich, zu betonen, wie sehr der Fußball uns alle vereine. Doch der WM-Sommer 2018 mit unter anderem der Debatte um und dem Rücktritt von Mesut Özil wirkt bei vielen nach. Den DFB mag das nicht kümmern, weil Vereinsfans und die Fans der Nationalmannschaft nicht zwangsläufig dieselben Menschen sind und es unter den hardgesottenen N11-Anhängern durchaus einige gibt, die froh sind, dass Özil weg ist. Doch über den Zustand des Landes sagt das, was im Spätsommer passiert ist, einiges aus und so manchem Fußballfan grüßte beim Bewerbungsvideo für die EM der Kaffee rückwärts im Halse.

Nur wenige Wochen nach der Weltmeisterschaft in Russland legte Dietrich Schulze-Marmeling im VERLAG DIE WERKSTATT ein Buch zum Scheitern der deutschen Nationalmannschaft und den Geschehnissen um Mesut Özil vor, Titel: „Der Fall Özil. Über ein Foto, Rassismus und das deutsche WM-Aus“. Ich kann aus eigener Erfahrung berichten, das Thema bewegt die Menschen in diesem Land weiter. In dem Buch während einer Bahnfahrt, im Café oder sonstwie öffentlich zu lesen, löste in aller Regel sehr emotionale Reaktionen aus. Die meisten richteten sich klar gegen den Spieler von Arsenal London, der am 22. Juli 2018 erklärt hat, seinen Dienst im Trikot der deutschen Nationalelf zu quittieren, so lange er weiter das Gefühl haben muss, dort schlagen ihm Rassismus und Respektlosigkeit entgegen. Erstaunlich viele Fans fühlen sich von Özils Haltung angegriffen und vergessen dabei zweierlei: Die Angriffe, die der in Gelsenkirchen geborene Spieler seitens türkischer Fans aushalten musste, als er sich für den DFB entschied. Und die Tatsache, dass Özil selbst sich angegriffen fühlte durch die Behandlung, die er seitens Fans und Verbandes erfahren hat. Eine Kränkung, die natürlich sein weiteres Handeln mitprägte.

Schulze-Marmeling hat ein Buch mit klarer Haltung geschrieben und das tut dem Thema nicht nur gut, es ist dafür sogar notwendig. Seine Abhandlung bleibt dabei auch deshalb unabhängig von der eigenen Meinung sehr gut lesbar, weil der Autor klar differenziert, sprich, im Detail unterschiedlich wertet, indem er beispielsweise den Fototermin des Spielmachers mit Recep Tayyip Erdoğan klar kritisiert, gleichzeitg aber nicht durchgehen lässt, welch unverhohlener Rassismus Özil dafür teils entgegenschlug. Wie bigott die Haltung vieler Kritiker ist, macht er unter anderem daran fest, dass der in Wetzlar geborene Cenk Tosun, der ebenfalls bei dem Termin war, sich – anders als Özil und İlkay Gündoğan – keinerlei Kritik für das Foto gefallen lassen musste. Mutmaßlich, weil er für die türkische Nationalmannschaft spielt und deswegen die deutschen Fans bei ihm keinen „Verrat“ witterten – oder er sie ohnehin nicht interessiert.

Der Fall Oezil

Schulze-Marmeling und der Verlag mussten sich bei der Veröffentlichung des Buches von einigen Seiten die Kritk gefallen lassen, wie es möglich sei, so schnell nach der Weltmeisterschaft eine Veröffentlichung zu dem Thema vorzulegen. Die Frage ist einfach beantwortet, einmal ist der Autor kein Neuling der Materie, sondern beschäftig sich bereits länger mit einzelnen Aspekten des neuen Buches. Zum anderen behandelt er nicht nur die so genannte Causa Özil, sondern spürt der besonderen Rolle jener Spieler für die Nationalmannschaft nach, deren Familien einst aus der Türkei kamen, die aber selbst in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Dabei benennt und kritisiert er sehr deutlich, das, was in Deutschland als Hass oder Ablehnung gegenüber Ausländern gelte, habe in Wahrheit immer die Türken gemeint, als die erste größere Bevölkerungsgruppe, die neben einer fremden Kultur auch einen anderen Glauben pflegte. Sehr deutlich beschreibt er, wie vorschnell viele von uns über eine Situation urteilen, die uns doch gänzlich unbekannt ist: Als Kind zweier Welten, Kulturen und Länder aufzuwachsen, mit dem unbedingten Wunsch, beiden gerecht zu werden und im Wissen darum, mit jeder Entscheidung eine der beiden Seiten zu verprellen. All das nutzt der Autor jedoch nicht, um Verhaltensweisen zu entschuldigen, sondern vielmehr, um Versäumnnisse bei der Integration zu illustrieren, die wir uns letztlich alle zuzuschreiben haben.

„Der Fall Özil“ ist ein wichtiges, unaufgeregtes, ein sehr klares und schlüssiges Buch geworden. Abgerundet wird es nicht nur durch viele Zitate von unter anderem Journalisten während des Turniers in Russland, sondern auch durch Beiträge von Sportwissenschaftler Diethelm Blecking, Migrationsforscher Robert Claus und İlker Gündoğan, dem Bruder von Ilkay Gündoğan, der als Doktorand an der Ruhr-Universität Bochum aktuell den Forschungsschwerpunkt politische und wirtschaftliche Entwicklungen im chinesischen Fußball betreibt. Insgesamt ein absolut wichtiger Debattenbeitrag, dem viele Leser zu wünschen sind.

|| Disclaimer: Der Autor zitiert im Buch an zwei Stellen aus meinen Kolumnen in der Allgemeinen Zeitung rund um die WM 2018, weshalb der Verlag mir ein kostenloses Exemplar zur Verfügung gestellt hat. Diese Tatsache hat meine Besprechung in keinster Weise beeinflusst. ||

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne: 05-Verliebung

Acht Jahre kommt der Zauberneffe jetzt schon mit zum Fußball. Mit der Partie gegen Schalke 04 steht am Samstag nach den Kurztrips zu Darmstadt 98 in deren Erstligajahren nun die erste große Auswärtsfahrt an. Vom Beginn einer großen Liebe.

„Fünf!“, sagt meine Schwester. Fünf Jahre soll Jakob alt sein, beim ersten Stadionbesuch. Doch die Sache hat einen gewaltigen Haken, denn dann wird er den Bruchweg nicht mehr erleben, nie erzählen können, wie er an der altheiligen Heimspielstätte seine ersten Spiele gesehen hat. Also gibt sich die Mama geschlagen, das erste Spiel wird der Saisonauftakt 2010/11 gegen Stuttgart, der Bub ist vier Jahre und zwei Monate alt.

Da plötzlich, Nervosität: Was, wenn es ihm nicht gefällt, es ihm zu voll ist, zu laut? Wenn er, kaum angekommen, verkündet, er wolle wieder heim? Wenn das Stadion ihn nicht beeindruckt, wenn all das, was mich dort begeistert, nicht auf ihn überspringt? Was, wenn Fußball im Allgemeinen, wenn Mainz 05 im Speziellen, ihn einfach doch nicht interessiert?

Liebe auf den ersten Blick. (Foto: WP)

Liebe auf den ersten Blick. (Foto: WP)

Am Vorabend des Spiels: eine Familienfeier; natürlich in Hessen. Jakob, der allen Gästen mit Aufregung in der Stimme erzählt: „Morgen gehen wir zum Fußball! Ins Stadion in Mainz!“ Erstaunen in den Gesichtern des Freundeskreises. „Zu welcher Mannschaft?“ „Mainz Fünf!“, verkündet Jakob, Gelächter, er korrigiert sich: „Mainz Null Fünf. Da spielen wir.“

Das ist nach wie vor nicht aus ihm herauszubekommen, da sind alle Erklärungen nutzlos und auch eine Stippvisite im leeren Stadion, erste heimliche Schritte auf dem Rasen, haben nicht geholfen. „Sie spielen Fußball?“, fragt ein Gast interessiert. „Nein, wir schauen nur zu.“ „Und die Mara schießt nie ein Tor“, ergänzt Jakob, mit leichtem Vorwurf in der Stimme.

Am nächsten Tag aber ist es endlich soweit, der Zwerg steckt in seinem Trikot und verkündet: „Ich hatte mich schon gefragt, wann du mich endlich mal mitnimmst ins Stadion.“ Die letzten Schritte zum Bruchweg gehen nur Huckepack, es ist heiß. „Willst du das Trikot lieber ausziehen?“ – Kopfschütteln, energisch. Vorm Stadion, allgemeine Begrüßung, Jakob macht große Augen: So viele Leute!

Das erste Heimspiel in der neuen Arena. (Foto: Sebastian Gölz)

Das erste Heimspiel in der neuen Arena. (Foto: Sebastian Gölz)

Ist das Einbildung, oder wirkt er ein wenig ehrfürchtig, als er das Stadion betritt? Im Block sitzt er auf dem vordersten Geländer. Aufmerksam blickt er auf den Rasen, dabei zählt er leise und verkündet schließlich strahlend: „Wir haben schon fünf Tore geschossen!“ Tatsächlich hat das Spiel noch nicht angefangen, der Torwart wird bloß warmgesmacht.

In die anderthalb Stunden bis Spielbeginn passen viele Fragen, über die Trikotfarben der Teams, warum manche Fans sitzen und andere stehen, wieso es zwei Tore gibt. Während Klaus Hafner die Aufstellung verkündet, schweigt Jakob andächtig; als die Spieler schließlich nach und nach aus dem Tunnel auf den Rasen perlen, juchzt er vor Freude: „Es geht los!“

Und dann lässt er sich tatsächlich mitreißen vom Spiel, drückt sich die Nase am Absperrgitter platt und ist beim Strafstoß gegen Wetklo nicht zu halten: „Der darf nicht ins Tor, sonst verlieren wir!“, fleht er – und hüpft und schreit vor Begeisterung, als Wetti hält. Als das 1:0 fällt, tanzt Jakob auf dem Geländer, lacht und jubelt: „Wir haben gewonnen!“ Ein paar Details also sind noch zu klären, aber der Einstand ist wundervoll und schreit nach mehr…

Und als ich den Zwerg später durch die Wohnsiedlung nahe des Bruchwegs zum Auto trage, flüstert er müde: „Hier würde ich gerne wohnen!“ „Warum?“ „Weil das ganz nah bei dir ist, und wir dann immer zum Fußball gehen könnten.“ Herz, was willst du mehr?