05-Gegnerbetrachtung: Alte Dame in neuem Glanz

Die Gegnerbetrachtung ist zurück. Vor jedem Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit PodcasterInnen, JournalistInnen oder BloggerInnen aus dem Umfeld des gastgebenden Vereins. Diesmal erzählt Henry Cieslarczyk vom Podcast „Damenwahl Berlin“ von der Saison der Hertha.

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Hallo Henry, danke, dass du dir die Zeit für meine Fragen nimmst. Ich habe gelesen, du bist zur Hertha gekommen, weil du im Herbst 1996 mit Kumpels Fußball schauen wollest und ein Spiel im Olympiastadion das Beste war, was der Abend hergab. Erzähl uns von diesem ersten Stadionbesuch und warum du wiedergekommen bist.

HenryHm, was habe ich da denn erzählt? Naja, ganz falsch ist es ja nicht. Vereinsfußball fand für mich in Berlin Anfang bis Mitte der Neunziger praktisch nicht statt. Der BFC, zu dem ich manchmal in den 80ern noch gegangen bin, war für mich nicht mehr erträglich, zu Union hatte ich noch nie eine Beziehung, und der Rest der Berliner Vereine war irgendwie nicht wahrnehmbar.
Aber anders als deine Frage andeutet, bin ich schon gezielt ins Stadion gegangen. Ich weiß allerdings nicht mehr, wer der Gegner war. Was ich allerdings noch weiß ist, dass Hertha gewonnen hat und dass vielleicht 10.000 Zuschauer im Stadion waren. Vielleicht nur zur Erinnerung die Namen von zwei, drei Spielern, die auch überregional noch einen kleinen Bekanntheitsgrad haben könnten: der Stürmer Axel Kruse, der Keeper Christian Fiedler und der zum Verteidiger umgeschulte Jolly Sverrisson. Sowie ein gewisser Michael Preetz.
Offensichtlich war es kein sonderlich erinnerungswürdiger Kick. Aber immerhin hat er dafür gesorgt, dass ich wiederkommen wollte. Und das tat ich dann auch, regelmäßig. Und ich konnte zusehen, wie sich die Besucherzahl Schritt für Schritt immer weiter erhöhte. Das Ganze gipfelte dann in der für alle Herthaner inzwischen legendären Partie gegen den 1. FC Kaiserslautern, einem Montagsspiel, bei dem auch lange nach Anpfiff dem Ansturm der Massen folgend Block um Block geöffnet wurde, bis das Stadion restlos gefüllt war. 74.000 sahen einen 2:0 Heimsieg, der die Tür zum Aufstieg weit aufstieß. War eine geile Saison.

Herthaner würden die alte Dame wählen. (Foto: HS)

Herthaner würden die alte Dame wählen. (Foto: HS)

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Zusammen mit Steffen und Micha betreibst du den Podcast „Damenwahl Berlin“. Als Grund hast du mal in einem Interview angegeben, du warst es leid, die herablassenden Berichte über den Hauptstadtclub in überregionalen Medien zu lesen. Wie berichtet ihr über den Club? Und woher kennt ihr Drei euch ursprünglich?

Wir berichten so, wie sich Fußballfans auch am Stammtisch unterhalten: mal analytisch, mal emotional, mal ganz sachlich, dann wieder extrem subjektiv, mal ruhig, mal aufgeregt. Hoffentlich jedoch nie langweilig. Aber eigentlich ist es wohl öfter als notwendig so eine Art Schmerztherapie. Gegenseitiges Wundenlecken und Rückenkraulen.
Kennengelernt haben Steffen und ich uns auf dem Twitterstammtisch Berlin, dem #tpber. Zuerst waren Steffen und ich alleine, etwas später ist Michael dazu gestoßen. Auch er war vorher ein ständiger Gast auf dem Twitterstammtisch. Dazu laden wir uns regelmäßig Gäste ein: andere Herthaner, Fans anderer Vereine, aber auch Journalisten und Vereinsvertreter.

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In der Fußnote eurer Homepage steht das wunderbare Zitat: „Irgendwann wird mich dieser Verein noch ins Grab treiben“ – anonymer Fußballfan. Wunderbar, weil es auf jeden Club übertragbar ist. Und dann finde ich „treiben“ auch so viel deutlicher als „bringen“. Warum geht es trotzdem nicht ohne die alte Dame und den Fußball?

Wat willste machen? Nützt ja nüscht. Muss ja. Ohne Hertha isses ja ooch scheiße.

Dárdai als Spieler der Hertha. (Foto: Steindy / CC BY-SA 3.0)

Dárdai als Spieler der Hertha. (Foto: Steindy / CC BY-SA 3.0)

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In den 2010er Jahren ging es im Hauptstadtclub noch eher turbulent zu: Auf- und Abstiege, das wohl bekannteste Relegationsspiel der Neuzeit und öffentlicher Zoff zwischen Manager Michael Preetz und diversen Trainern. Seit Pál Dárdai als Trainer übernommen hat, scheint Ruhe eingekehrt zu sein. Was macht der Trainer richtig? Und was hat sich im Hintergrund verbessert, wie haben die Verantwortlichen sich gefangen?

Eigentlich gab es nur mit einem Trainer richtig Zoff. Das war Markus Babbel. Diese Koryphäe der Trainerzunft kann seine überragenden Qualitäten nun in der australischen Liga unter Beweis stellen. Über die Umstände des Machtwechsels von Manager Dieter Hoeneß zu Preetz im Sommer 2009 und die dramatische finanzielle Schieflage, die der Manager hinterlassen hat, ließen sich Bände füllen. Holprig waren der Übergang und die ersten Jahre auf jeden Fall. Der alte Manager hat kein geordnetes Haus übergeben und dem neuen Manager, der damals auch zielsicher in einige Fettnäpfchen trat, fehlten zu Beginn Erfahrung und Mittel, das Desaster abzuwenden. Es dauerte zwei Abstiege und zwei Aufstiege, bis sich das System wieder gefangen hatte.
Pál Dárdai kam dann zum genau richtigen Zeitpunkt. Dárdai, im Januar 1997 mit gerade mal 20 Jahren nach Berlin gewechselt, steht wie kaum ein anderer derzeit für Hertha BSC. Nach seiner aktiven Karriere begann er seine Trainerlaufbahn. Er befolgte den Rat seines Vaters, der auch Trainer war: „Beginne mit den Kindern.“ Also startete er seine Trainerlaufbahn in der Jugendabteilung von Hertha BSC. Zum Zeitpunkt seines Wechsels zum Cheftrainer stand er gerade dem Jahrgang vor, der derzeit die Augen vieler Herthaner leuchten lässt: den 99ers. Und die zieht er jetzt Schritt für Schritt hoch in den Männerbereich. Im Hintergrund hat Preetz nach der One-Man-Show Hoeneß die Strukturen verändert, ein neues Betriebsklima geschaffen, andere Verantwortlichkeiten gesetzt. Das war ein andauernder Prozess, der eigentlich auch nie ein Ende findet.

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Bei der Mitgliederversammlung im November konnte Finanzgeschäftsführer Ingo Schiller sowohl den ersten Gewinn nach Steuern seit 2014 verkünden, als auch, dass der eingetragene Verein Hertha BSC den Finanzinvestor KKR ausbezahlt hat und nun wieder 100 Prozent der Anteile der Hertha BSC & Co. KGaA hält. Was bedeutet die Loslösung vom Investor für den Verein und wie ist die finanzielle Stabilisierung gelungen?

Der Investor KKR war für Hertha ein Glücksgriff. Vom ersten Tag bis zum endgültigen Ausscheiden war von KKR nicht ein einziges Wort in der Öffentlichkeit über das Engagement bei Hertha zu hören. KKR hat geholfen, als die Hilfe nötig war, und sie sind mit dem verzinsten Einsatz ihres Investments wieder aus der Teilhaberschaft entlassen worden. Was will man mehr? Diese Jahre konnte Finanzchef Schiller nutzen, die finanzielle Sanierung des Vereins fortzusetzen. Einfach ist das nicht, und es werden derzeit auch wieder Schulden gemacht. Wollen wir mal hoffen, dass nicht wieder der alte Schlendrian einreißt.
Derzeit gehören wieder alle Anteile der KGaA dem Verein Hertha BSC. Die Geschäftsführung ist aber auf der Suche nach einem neuen Investor, der dann für das neue Paket einen wesentlich höheren Preis zahlen müssen wird, als es KKR damals getan hat.

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Beim Auswärtsspiel in Dortmund im Dezember wurden im Fanblock Bengalos abgebrannt. Die Polizei ist in den Block gegangen, was sehr ungewöhnlich ist, es kam zweifellos zu unschönen Szenen, die aber ebenso zweifellos im Nachhinein extrem hochgespielt wurden. Der Verein hat sich, so das Gefühl vieler Fans, damals gegen die Szene gestellt und im nächsten Heimspiel Fahnen und Banner verboten. Wurde die Geschichte aufgearbeitet und wie ist die Stimmung zwischen Verein und Fans aktuell?

Nach jenem Wochenende droschen sich beide Seiten, Vereinsführung und Fans, erstmal ihre gegenseitige Abneigung um die Ohren. Es waren keine schönen Tage. Aber nicht lange später taten sie das einzig Vernünftige: Sie trafen sich an einem ruhigen Ort und redeten miteinander. Seitdem hat sich die Stimmung wesentlich gebessert. Es hat auf beiden Seiten ein Einsehen gegeben, dass es keine Lösung sein kann, gegeneinander zu agieren. Zum Wohle des Vereins haben sie sich zusammengerauft.

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Die Hertha ist richtig gut in die Saison gestartet: In den ersten fünf Spielen gab es drei Siege, ein Unentschieden und erst am fünften Spieltag eine Niederlage gegen Bremen. Dann gelang ein Sieg gegen die Bayern, auf den mit einer Serie von Unentschieden und Niederlagen eine Delle folgte. Erst am 13. Spieltag gab’s wieder einen Dreier. Was lief in der Phase schief?

Zu Beginn der Saison konnte Hertha über das Zentrum ein sehr druckvolles Spiel aufbauen. Das wiederum entlastete die beiden Außen, die anders als in den Jahren zuvor nicht die Hauptlast der Offensive zu tragen hatten. Somit boten sich tolle Optionen im Angriffsspiel über die beiden Flügel.
Später konnte diese Spielweise nicht aufrechterhalten werden. Mangels Dominanz im Zentrum genügte es der gegnerischen Verteidigung meist, die Außen zuzustellen und damit das Angriffsspiel von Hertha wirksam zu behindern. Nicht zufällig fiel die Verletzung von Marko Grujic genau in diese Phase.

Blauweiße Berliner erwarten rotweiße Mainzer. (Foto: HS)

Blauweiße Berliner erwarten rotweiße Mainzer. (Foto: HS)

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In der Rückrunde gab’s eine Niederlagen gegen Wolfsburg, Siege in Nürnberg und Gladbach, das Unentschieden gegen Bremen und nach dem Aus gegen die Bayern im Pokal nun auch in der Liga eine Niederlage, die aber vermeidbar schien. Wie bewertest du die bisherige Saison insgesamt? Sehen wir da ein Team in der Entwicklung oder eines, das bisweilen unter seinen Möglichkeiten bleibt?

Wir sehen ein Team in der Entwicklung, aber mit manchmal stotterndem Motor. Es hängt noch zu viel davon ab, ob alle Leistungsträger an Bord sind. Hertha ist – wie die meisten Mannschaften der Liga – nicht oder nur eingeschränkt in der Lage, Verletzungsausfälle kompensieren zu können.
Leider hängt aber auch viel davon ab, ob auf der anderen Seite des Platzes die Spitzenteams stehen oder die Schlusslichter. Gegen die Ligaführenden tut sich Hertha in dieser Saison wesentlich leichter. Muss eine Kopfsache sein.

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Aktuell steht Hertha BSC mit 32 Punkten auf Tabellenplatz zehn und damit zwei Zähler und eine Position vor Mainz 05. Wie zufrieden ist das Umfeld mit dem oft als Niemandsland der Tabelle ausgerufenen hinteren Mittelfeld und wo will Dárdai mit dieser Mannschaft hin?

Das Ziel war ein einstelliger Tabellenplatz. Nicht ausgesprochen, aber sicher angestrebt, möchte die Mannschaft sicherlich auch gerne einen Europapokalrang erreichen. Machbar ist das sicherlich. Das Umfeld scheint mir angesichts der deutlichen spielerischen Entwicklung dieses Jahr die Situation weitaus wohlwollender zu begleiten als in früheren Spielzeiten. Die spielerischen Ausschläge sind größer. Und es sind eben regelmäßig echte Highlights zu erleben. Das wird honoriert.

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Im Spiel gegen Mainz 05 am Samstag muss Dárdai auf Karim Rekik verzichten. Der hatte im Spiel gegen die Bayern Robert Lewandowski geschubst, nachdem der ihn zuvor mit dem Fuß am Kopf getroffen hatte. Lewandowski hat darauf mit der leider üblichen Theatralik reagiert. Wie sehr nervt einerseits dieser Reflex, sich sofort das Gesicht zu halten, als würden sonst alle Zähne auf den Rasen fallen? Und wie schwer wiegt die Sperre des Verteidigers?

Wir drei vom Podcast haben Lewandowski via Twitter gute und schnelle Genesung ob seiner schweren Gesichtsverletzung gewünscht. Hoffentlich werden sich keine dauerhaften Schäden einstellen. Come back stronger, Robi! Für ein Spiel werden wird Rekiks Ausfall hoffentlich kompensieren können. Aber der Mann ist eine Wucht. Leider wird wohl auch Jordan Torunarigha fehlen. Nicht schön, aber auch nicht zu ändern.

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Auch wenn es für die Hertha zuletzt eine Niederlage setzte, am Samstag stehen sich in Berlin zwei Mannschaften gegenüber, die aktuell gut drauf sind. Mainz kommt mit dem Rückenwind vom Sieg gegen Schalke und neun Punkten aus fünf Rückrundenspielen, die Berliner haben es gegen München gut gemacht, haben daheim aber seit dem 8. Dezember nicht mehr gewonnen. Was für ein Spiel erwartest du und wer wird als Sieger vom Platz gehen?

Ich erwarte nicht gerade einen fußballerischen Leckerbissen, sondern eher einen zähen Brocken. Die beiden Mannschaften haben in ihren Spielen gegeneinander Fußball immer mehr gearbeitet als zelebriert. Am Ende gewinnt natürlich Hertha. Es wird einfach mal wieder Zeit.

KOMPAKT
Die Hertha ist der beste Club der Welt, weil … Wer auf so eine Frage eine schlüssige Antwort weiß sammelt auch Briefmarken.
Was ich an unserem Stadion besonders liebe… sind die Erinnerungen, die ich damit verbinde.
Mein ewiger Lieblingsspieler ist eindeutig … Marcelinho. Über den Tellerrand gesehen wohl Zinedine Zidane.
Wer Berlin besucht, sollte unbedingt … den Marco-Polo-Reiseführer mit den „Geheimtipps“ verbrennen und einfach drauflosstiefeln.
Besonders lecker essen Gästefans … bei meiner Mutter. Aber ich sage nicht, wo sie wohnt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Alle als Clowns nach Berlin! (Quelle: Q-Block)

Alle als Clowns nach Berlin! (Quelle: Q-Block)

LETZTE WORTE
Für den FSV Mainz 05 hat es quasi schon Tradition: An Fastnacht spielen die 05er in aller Regel auswärts. Das hält natürlich niemanden davon ab, sich zu verkleiden. Erlaubt ist, was gefällt, der Q-Block ruft aber launig alle dazu auf, als Clowns nach Berlin zu kommen.
So oder so, wir sehen uns im Block!

05-Gegnerbetrachtung: VfL-Liebe, egal, was andere sagen

Die Gegnerbetrachtung ist zurück. Vor jedem Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit PodcasterInnen, JournalistInnen oder BloggerInnen aus dem Umfeld des gastgebenden Vereins. Diesmal erzählt mir Antonia Menge von ihrer Liebe zum VfL Wolfsburg.

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AntoniaHallo Antonia, danke, dass du dir die Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Du beschreibst dich auf Twitter als „professionelle Werksclub-Feministin“. Wie bist du zum VfL Wolfsburg geworden und warum gehört Feminismus (auch) in den Fußball?

Die Antwort darauf, wie ich zum VfL gekommen bin, ist leider jedes Mal gleich langweilig: Ich wohne hier halt. Mein Vater hat den VfL immer verfolgt, ich als Kind sporadisch, und dann irgendwann richtig. Es ist schwer, dran vorbeizukommen – vor allem in der Meister-Saison 2008/09! Und Feminismus gehört so lange in den Fußball, bis ich wegen Stau zu spät ins Stadion kommen kann und nicht von wildfremden Männern hören muss: „Na, hat das Schminken zu lange gedauert?“

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Du gehörst aktuell zum Stab der Bundesliga-Fan-Experten, die für Spiegel Online vor jedem Spieltag eine Prognose über ihr Team abgeben. Wird das dein Einstieg als Sportjournalistin – oder bleibt der VfL ein reines Hobby für dich?

Ich habe schon seit 2015 immer mal wieder kleine Nebenjobs im Sportjournalismus, die mir wirklich riesig Spaß machen und für die ich sehr dankbar bin. Allerdings studiere ich Psychologie und das ist mein Berufswunsch. Ich könnte mir nicht vorstellen, mich hauptberuflich mit dem VfL zu beschäftigen. Die hängen mir schon als Hobby ab und zu zum Hals raus. ;)

Das Stadion in Wolfsburg bei der letzten Begegnung mit Mainz 05. (Foto: Rheinhessen on Tour)

Das Stadion in Wolfsburg bei der letzten Begegnung mit Mainz 05. (Foto: Rheinhessen on Tour)

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Für mein Empfinden gibt’s aktuell in der Bundesliga zwei Arten von Vereinen, über die gern gelästert wird: Solche, die andere Fans als langweilig empfinden und solche, die andere Fans als Plastikclubs empfinden. Mainz gehört in der Wahrnehmung oft zu den ersten, Wolfsburg zu den zweiten. Interessiert es dich persönlich, wie dein Verein von anderen wahrgenommen wird? Und wie siehst du die Diskussion um Werksclubs und Mäzene?

Überhaupt nicht. Vor ein paar Jahren hatte ich noch das Bedürfnis diese Diskussionen zu führen. Ja, ich bin wirklich Fan. Nein, nicht nur wenn sie erfolgreich sind. Nein, wir könnten nicht mit dem Geld von VW einfach mal Ronaldo kaufen. Wolfsburg wird immer Volkswagen sein und der VfL somit auch. Ich kenne kaum eine Stadt, bei der das Verhältnis von Arbeitgeber, Stadt und Verein so eng ist. Aber ich reagiere auf diese Vorwürfe nicht mehr. Es bringt nichts etwas zu erklären, was niemand verstehen will. Jeder, der hier war – ob Fan, Spieler oder Manager –, weiß das. Das reicht mir. Es interessiert mich nicht, wer meinen Verein als ätzend, langweilig oder als den Zerstörer des Fußballs empfindet. Ich finde die drei mitgliedsstärksten Vereine Deutschlands nämlich auch nicht so geil. Beschwere ich mich ja trotzdem nicht drüber.

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In der vergangenen Saison sah es lange nicht gut aus für den VfL. Am Ende ging der Verein mit Bruno Labbadia als drittem Trainer in die Relegation und konnte gegen Kiel die Klasse halten. Was haben die Verantwortlichen deiner Meinung nach aus dieser Saison gelernt und wie beurteilst du deren aktuelle Zusammensetzung?

Die zweite Relegation in Folge und eine Saison, die es irgendwie geschafft hat NOCH schlimmer zu sein als die 2016/17, hat den Verantwortlichen vor allem Demut gelehrt. Bisher sieht es ja ganz gut aus und trotzdem wurde das offizielle Ziel (gesichertes Mittelfeld) noch nicht nach oben korrigiert. Das wäre früher anders gewesen. Mit Bruno Labbadia, Jörg Schmadtke, Marcel Schäfer und dem aktuellen Kader zeigt der VfL endlich die Werte, für die er schon seit Jahren zu stehen versucht: Arbeit, Fußball, Leidenschaft.

Das Motto des VfL: Arbeit, Fußball, Leidenschaft. (Foto: VfL Wolfsburg)

Das Motto des VfL: Arbeit, Fußball, Leidenschaft. (Foto: VfL Wolfsburg)

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Zwischen Bruno Labbadia und den Wolfsburger Fans war das zunächst nicht unbedingt eine Liebesbeziehung. Woran lag das aus deiner Sicht, wie ist es aktuell – und welche Meinung hast du selbst zu eurem Trainer?

Bruno Labbadia kam als dritter Trainer der Saison zum VfL, nachdem Martin Schmidt das Handtuch warf, was aber kaum ein Fan wollte. Dann musste man sich also wieder an einen neuen Trainer gewöhnen, bei dem alles an der Verpflichtung nach „Plan Y“ klang. Und dieser neue Trainer konnte erstmal (Überraschung) auch aus der Trümmertruppe keine Glanzleistungen bringen. So wenig ich diese Schmähgesänge gutheißen möchte: Man muss die ganze Situation betrachten. Ich bin froh, dass Labbadia das richtig einzuordnen wusste und es jetzt besser läuft. Das kann man ihm nur hoch anrechnen! Ich muss allerdings zugeben, dass ich noch nicht vollends überzeugt bin. Ich mag die Spielweise, die er spielen lässt, finde es aber vor allem in der Rückrunde auffällig, dass es ihm bisher nicht gelang, im Spiel Fehler zu korrigieren. Und sein Faible für William – naja…

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Nach dem Auswärtssieg gegen Hertha BSC stand Wolfsburg am Ende des 20. Spieltags mit 31 Punkten auf Rang sechs. Das ist insofern bemerkenswert, als in der kompletten Vorsaison 30 Punkte gesammelt wurden. Hättest du mit einer so viel ruhigeren Saison gerechnet? Wer hat daran die größten Anteile?

Das ist wirklich Wahnsinn und der Beweis, WIE schlecht wir in der letzten Saison waren. Wir stehen übrigens auch schon bei neun Siegen – letzte Saison waren es nach 34 Spieltagen nur sechs. Ich habe damit überhaupt nicht gerechnet, dem „Umbruch“, bei dem sowohl der Trainer als auch gefühlt der ganze Kader blieb, hatte ich nicht zu viel zugetraut. Ich habe nicht nur Bruno Labbadia, sondern vor allem Jörg Schmadtke und die Qualität seiner Transfers (Jerome Roussillon, Daniel Ginczek, Wout Weghorst) unterschätzt. Ich kann nicht sagen, wer die größten Anteile an der bisher wirklich guten Saison hat, es sieht von außen wie eine gelungene Kombination von allem aus.

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Die vergangene Woche war dann für Fans der Wölfe eher nervig. Erst das Aus im DFB-Pokal gegen RB Leipzig und dann ein Unentschieden gegen Freiburg. In der Bundesligapartie war’s am Ende sogar knapp, trotz mehrfacher Führung. Wie erklärst du dir die Schwankungen?

So eine Veränderung von Grund auf klappt halt nicht in einem Sommer. Vor allem die Spieler, die schon seit 2 Jahren bei uns spielen, sieht man manchmal in alte Muster verfallen und die ziehen dann natürlich auch die anderen runter. Das Aus im DFB-Pokal war bisher vermutlich das ärgerlichste Spiel der Saison, weil die Leistung grottenschlecht und der Wille wenig bis gar nicht zu erkennen war. Das war gegen Freiburg dann wieder anders – immer wieder den Ausgleich zu kassieren, ist zwar ätzend, aber diese Spiele hätten wir letzte Saison auf jeden Fall verloren. So lange diese Schwankungen nicht überhand gewinnen, kann man sie verzeihen.

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Wie beurteilst du euren aktuellen Kader? Welche Spieler würdest du hervorheben und auf welcher Position habt ihr vielleicht Nachholbedarf?

Auch wenn ich nicht glaube, dass dieser Kader für ein Erreichen des Europapokals reicht, halte ich doch ziemlich viel von ihm. Wir dürften so nichts mit dem Abstieg zu tun haben – und das ist wirklich das Wichtigste. Von den Neuzugängen bin ich vor allem von Jerome Roussillon begeistert – einer der besten Linksverteidiger dieser Bundesliga-Saison, und das für fünf Millionen! Aber auch die Spieler, die mit uns zweimal 16. geworden sind, sind teilweise kaum wieder zu erkennen. Vor allem Yannick Gerhardt und Admir Mehmedi wissen zu überzeugen. Wir brauchen allerdings definitiv einen neuen Rechtsverteidiger – gefühlt war William diese Saison mit Brooks an 90% der Gegentore Schuld und er hat mit Paul Verhaegh und Sebastian Jung einfach nicht genug Konkurrenz um seinen Startelfplatz.

9
Bruno Labbadia ist nicht unbedingt als ein Trainer bekannt, der junge Talente fördert. Was traust du im mit dem VfL Wolfsburg zu und glaubst du, er ist ein Coach, der auf Dauer die Geschicke des Vereins mitlenken kann? Wie sichtbar ist seine Handschrift aktuell?

Ich habe schon das Gefühl, dass Labbadia versucht, junge Talente einzubinden. Gian-Luca Itter, Felix Uduokhai und John Yeboa sind auf ihre Einsätze gekommen – und das nicht nur durch eine Einwechslung in der 89. Minute. Vor allem herauszuheben ist hier aber natürlich Elvis Rexhbecaj, der schon 15 Mal gespielt hat diese Saison. Ob Labbadia derjenige sein wird, der auch im Verein Dinge verändert, weiß ich nicht. Er wird auf jeden Fall die Chance dazu bekommen – auch in einer längeren sieglosen Serie wurde er von den Verantwortlichen nicht in Frage gestellt.

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Mit Yunus Malli hat Wolfsburg einen ehemaligen 05er im Kader, der in Mainz mehr oder weniger Stammspieler war, in Wolfsburg aber meist die Bank warmhält. Wieso kommt er unter Labbadia nicht zum Einsatz?

Das Problem mit Yunus Malli ist leider seine fehlende Konstanz. Anfangs hat er einfach nicht ins System gepasst, das hatte gar nicht unbedingt etwas mit ihm zutun, aber die Chancen, die er bekommt, nutzt er leider selten. Mal ein gutes Spiel reicht dann leider auch nicht, um die schwachen Leistungen auszugleichen. Diese Probleme hatte er ja aber bei uns bei jedem Trainer, außer in der Phase mit Martin Schmidt.

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Welche Lehren wird Bruno Labbadia aus den beiden durchwachsenen letzten Spielen ziehen? Auf was für eine Taktik sollte sich Sandro Schwarz mit seiner Mannschaft einstellen und was für ein Ergebnis erwartest du im Heimspiel?

Dass es mal wieder Zeit für einen Sieg wäre! Die Tore sind gegen Freiburg gefallen, jetzt muss nur die Defensive stabiler stehen. Ich schätze, dass darauf der Fokus liegen wird, und das Spiel daher etwas zäh sein könnte. Ich bin aber für meine Verhältnisse vorsichtig optimistisch und sage: 2:1.

KOMPAKT
Der VfL Wolfsburg ist der beste Club der Welt, weil … wir nicht so tun, als wären wir Etwas, was wir gar nicht sind.
Was ich an unserem Stadion besonders liebe, ist … dass es sich, egal wie schlecht das Spiel auch sein mag, immer wie zuhause anfühlt.
Mein ewiger Lieblingsspieler ist eindeutig … Josuha Guilavogui.
Wer Wolfsburg besucht, sollte unbedingt … unvoreingenommen an die Sache rangehen. ;)
Besonders lecker essen Gästefans … im Eat With Heart!

Vielen Dank für das Gespräch!

Barreiro nach der Unterschrift seines Profivertrages im November 2018. (Foto: Mainz 05)

Barreiro nach der Unterschrift seines Profivertrages im November 2018. (Foto: Mainz 05)

LETZTE WORTE
Mit Leandro Barreiro hat nach Jonathan Burkardt und Ahmet Gürleyen in dieser Saison bereits der dritte Spieler aus dem Nachwuchsleistungszentrum des FSV Mainz 05 sein Debüt bei den Profis gefeiert. Die mit der Wahl von Vereinsvorsitzendem Stefan Hofmann erneuerte Ausrichtung des Vereins, stark auf die Kicker aus dem eigenen NLZ zu setzen, wird konsequent vorangetrieben.

Für den Youngster war es zwar ein undankbarer Auftakt, seine Leistung und der Einsatz stimmten aber. Rouven Schröder kommentierte Barreiros Einsatz im Anschluss folgendermaßen: „Das ist für alle ein Riesending. Einen aus dem Jahrgang 2000 in der Bundesliga einzusetzen, wünscht man sich einfach. Und der Trainer stellt ihn ja nicht umsonst auf. Man sieht’s im Training, wie Leandro das umsetzt. Das ist alles sehr positiv.“

Mein Fußball-Papi

Seit Februar verstärke ich das Team von 120minuten und freue mich schon sehr auf die Arbeit mit den Jungs. Diese Woche ist dort ein Text von Carmen Mayer zum Thema Fußball und Trauerkultur online gegangen. Das Thema beschäftigt mich, seit 2005 mein Vater gestorben ist, immer wieder. Deswegen ziehe ich heute einen Text von 2006 aus dem Archiv, der davon erzählt.

120minuten. Das Portal für Fußball-Longreads. (Foto: 120minuten)

120minuten. Das Portal für Fußball-Longreads. (Foto: 120minuten)

Als kleines Mädchen habe ich mit meinem Paps gebannt jede WM und EM verfolgt. Später wurde er es, der meine Liebe zur Bundesliga zu teilen vermochte. Ich weiß noch genau, wie wir beiden damals, als die deutsche Elf 1990 das Finale gegen Argentinien 1:0 gewonnen hatte, gemeinsam durchs Wohnzimmer gehüpft sind. Unser Fernseher war in einem Einbauschrank verborgen, dessen Türen weiß und weit aufklafften, wenn wir das Gerät nutzten – und zwischen diesen Türen hatte ich während des Spiels gesessen, war aufgesprungen, meinem Vater im Bild gestanden, hatte gezittert und mit den Fingern auf dem Fußboden getrommelt, bis feststand: Weltmeister.

Aus der Stadt tönte jubelnder Lärm zu uns herauf, und so hielt es auch uns nicht im Haus. Wir verabschiedeten meine Mutter – meine kleine Schwester schlief vermutlich längst –, und brausten mit dem Auto durch die glückliche Nacht, runter auf den Marktplatz, wo wir uns in die Traube der Jubelnden einreihten. Einige erklommen gerade die Statue des Landgrafen Franz, der sich unter der Last der Begeisterten sanft bog. Ich konnte sehen, wie sie ihm auf den Schultern saßen und er ihrem Gewicht nachgab, ohne jedoch zu kippen. Und ich konnte sie spüren, die Hand meines Vaters, fest um meine gebogen, mit einem warmen, sanften Druck und der Gewissheit, dieser Moment mit ihm gehörte mir ganz allein. Niemand würde mir das je wieder nehmen können.

Seit derm WM 1990 hat der Graf eine Schieflage. (Foto: WP)

Seit derm WM 1990 hat der Graf eine Schieflage. (Foto: WP)

Mit den Jahren, weit weg von Zuhause, hab ich auch die Bundesliga für mich entdeckt und hat mich mein Verein gefunden. Die Samstage gehören nun dem Sport, meiner Mannschaft, dann verlasse ich meine Alltagshülle und schlüpfe in die des Fans, der keine anderen, zumal keine größeren Probleme hat, als die nächsten drei Punkte für seine Truppe mitzuerbrüllen. Mein Vater ist der Mensch geblieben, der an meiner Begeisterung für diesen Sport wie selbstverständlich teilnimmt, und das hatte uns den einen oder anderen unerwarteten Moment der Nähe verschafft in den letzten Jahren. Er hat mit mir um die verpassten Aufstiege getrauert und sich unbändig gefreut, als es schließlich doch klappte, er war der erste Mensch der mir in jenem Mai gratulierte. So wurde es zur Gewohnheit, dass ich ihn nach jedem Abpfiff anrief.

Bis auf diesen einen Samstag vor 15 Monaten. Wir hatten auswärts gegen Hannover verloren, ich hatte das Spiel mit Freunden in einer Kneipe verfolgt. Es war unsere siebte Niederlage in Folge und ich nicht in der Lage mit irgendjemandem zu reden, so sehr riss die Enttäuschung an meinem Fanherzen. In der darauf folgenden Nacht ist mein Vater gestorben. Herzinfarkt. Einfach so. Völlig unerwartet. Seither gähnt da ein riesiges Loch, das mich immer wieder neu überrumpelt, weil ich denke, es müsse kleiner werden, besser, weniger schmerzhaft – und doch weigert es sich. Und dann die nutzlose Frage, warum wir nicht gewonnen haben an diesem Samstag, warum ich ihn nicht – wie sonst immer – angerufen habe. Nur noch einmal seine Stimme gehört.

Ich kann dich nicht sehen. Aber ich kann dich spüren, genau hier. (Foto: WP)

Ich kann dich nicht sehen. Aber ich kann dich spüren, genau hier. (Foto: WP)

Das erste Spiel nach seinem Tod, zwei Tage nach seiner Beerdigung, war ein Heimspiel gegen den Hauptstadtclub. Die Bedeutung dessen begriff ich erst, als ich schon dick eingemummelt im Stadion stand – mein Vater war Berliner gewesen, wie konnte es da Zufall sein, dass ausgerechnet dieser Verein als erster nach seinem Tod bei uns auflief. Ich ahnte in der Sekunde, dass wir das Spiel verlieren würden und mit einem 0:3 vor heimischem Publikum erwischte es uns besonders empfindlich. Aber ich bedauerte die Niederlage nicht, weil ich irgendwie das Gefühl hatte, dass das Spiel auf eine Art und Weise, die nur ich verstand meinem Vater gewidmet war.

Das Stadion ist ein Ort geblieben, an dem ich mich ihm besonders nah fühle. Ich sehe zwischen den Tribünen hindurch in den Himmel hinein, der sich weit und mächtig über uns ausdehnt, und kann seine Gegenwart spüren. Manchmal laufen Tränen nach einem Gegentor und dann weiß ich, ich weine um ihn, an einem Ort, der Sympathie wie Wellen gegen meine Brust schlagen lässt, weil die anderen um mich herum glauben, ich weine des Spieles wegen. Schlimm war die Winterpause, vielleicht, weil es Winter war, als er starb, weil alles daran erinnerte, aber da kein Fußball war, der mich ablenken konnte, kein Stadion, das mich ihm näher brachte.

Dankbar kehrte ich im Februar endlich in die Kälte meines Stehblocks zurück und feuerte von dort die Jungs auf dem vereisten Rasen wieder an, aus voller Kehle. Vor zwei Tagen wäre mein Vater 70 geworden. Dieses Wochenende geht es erneut gegen die Hauptstadt. Der Teufel steckt im Detail.

Ein Euro pro Lebensjahr für Ente Bagdad

Im August 2018 war ich zu Besuch bei den Integrationskickern von Ente Bagdad, um eine Folge meiner Videokolumne Wortpiratin rot-weiß zu drehen, die 14-tägig bei der Allgemeinen Zeitung erscheint. Zur selben Zeit tauschten sich auf Twitter viele Fans über die #Saisonspende aus, eine Aktion, bei der rund um die Aktivitäten des jeweiligen Fußballvereins – Tore, Weiterkommen im DFB-Pokal und so weiter – am Ende der Saison Geld für einen guten Zweck gespendet wird.

Mir war dann schnell klar, meine Saisonspende 2018/19 soll der tollen Arbeit von Ente Bagdad zugute kommen. Kurz darauf erreichte mich eine Nachricht von Jochen, 05er durch und durch, dass auch er für die Enten spenden wollte: 75 Euro anlässlich seines 75. Geburtstages im Januar. Am Wochenende war es nun so weit und er überreichte den Enten in ihrer Arena die Spende.

Jochen und Stefan

„Mein Besuch am Sonntagnachmittag in der Entenarena in Mainz-Bretzenheim war für mich ein besonderes Erlebnis:
 Erstens habe ich die ‚Alt-Ente‘ Stefan nun auch persönlich kennengelernt und wir hatten interessante Gespräche. Zweitens war ich, nachdem ich auf der Homepage im Vorfeld schon die Enten-Historie gelesen hatte, sehr angetan von dem, was sich in den Jahren seit 1973 alles getan hat beziehungsweise, was die Enten alles an Positivem bewegt haben
. Drittens war der Kick ‚Jung gegen Alt‘ kurzweilig, er wurde professionell (mit echtem Schiedsrichter) und mit viel Enthusiasmus ausgetragen und die gute Laune kam nicht zu kurz. Und viertens hat mich sehr beeindruckt, wie fröhlich und aufgeschlossen die jungen Enten ‚aus aller Herren Länder‘ agierten und kommunizierten – eine Sprachbarriere gab es nicht. RESPEKT!
Fazit: Es war mein erster Besuch bei den Enten, aber ganz sicher nicht der letzte!“

Auf der Homepage der Enten findet sich ein ausführliches Interview mit Jochen. Danke auch von meiner Seite für die Spende: You’ll never watschel alone.

Fastnacht bei Mainz 05: Den Abend in der Kurve gewonnen

Für mich ist es inzwischen üblich, dass ich ein Fußballspiel in verschiedenen Laufrichtungen lese. Zunächst vorwärtsgerichtet, in der Beschäftigung mit dem Gegner, Trainingseindrücken, mittels Pressekonferenz und dem, was man als „Gefühl rundherum“ beschreiben könnte. Das wird – Blick in den Rückspiegel – oft vom Verlauf der vorangegangenen Partie mitbestimmt. Es folgt mit dem eigentlichen Spiel das Echtzeiterlebnis, wobei diese Eindrücke nicht nur durch die jeweilige Partie variieren, sondern auch davon beeinflusst werden, ob ich diese im Block, auf der Pressetribüne oder vorm Fernseher verfolge. Wie isoliert gerade der TV-Eindruck in vielerlei Hinsicht ist, wie es die Wahrnehmung des Spiels beeinflusst, wenn der Blick gelenkt wird durch Kamerawechsel und -perspektiven, wird mir oft bewusst, wenn ich das Spiel im Nachgang von Band erneut ansehe.

Kolumne

Im Spielverlauf kommt mit der parallelen Beobachtung der Partie in den sozialen Medien – vor allem Twitter – eine zweite Ebene wie ein Filter hinzu. Die erhält nach Abpfiff, wenn ich zuhause Kommentare und Einschätzungen nachlese, nochmal eine besondere Bedeutung. Dann mute ich mir auch Kommentare bei Facebook zu und lese die Partie im Kigges-Forum nach. Dabei ändert sich auch wieder die Richtung der Betrachtung, die aus der Echtzeit in den Rückblick springt. Oft geht es mir dann schon so, dass ich mich frage, warum viele KommentarschreiberInnen nicht für sich in Erwägung ziehen, erst dann die eigene Meinung für die Nachwelt ins Internet zu tackern, wenn sich die unmittelbaren Emotionen wieder beruhigt haben. Aber was weiß ich schon.

Fick dich ins Knie, Internethysterie

Zu diesem Zeitpunkt einen konstruktiven Diskurs führen zu wollen, ist vergebene Liebesmüh. Das hat mit einer Thematik zu tun, die Fußballdiskussionen keinesfalls exklusiv ist: Viele verwechseln Meinungsfreiheit mit Meinungshoheit, sprich, fühlen sich in ihrer Freiheit eingeschränkt, sobald ihnen widersprochen wird. Demnach darf man, zurück zu Mainz 05, am Verein angeblich nichts kritisieren, ohne attackiert zu werden, was aber natürlich niemanden davon abhält, es lustvoll zu tun. Schwamm drüber: Kritik ist ja auch völlig in Ordnung. Was ich nur in diesem Leben nicht mehr verstehen werde, sind die sich wiederholenden, völlig kopflosen Entlassungsforderungen, ist die komplette Fehleinschätzung dessen, was der eigene Verein zu leisten imstande ist.

Wenn nach dem bisherigen Saisonverlauf, nach der vorangegangenen Transferperiode und nach dem, was diese junge, entwicklungsfähige Mannschaft schon an Potential angedeutet hat, nach einem Spiel wie gestern nicht einfach die Kritik an dieser Partie zur Sprache kommt, sondern viele Fans sofort wieder die Köpfe von Trainer und Vorstand fordern, hinterlässt mich das schon eher ratlos. Wenn in einer hasserfüllten Innbrunst beschrieben wird, der Trainer habe sich ja komplett vercoacht, dann frage ich mich, was die Leute sich eigentlich von so einer 05-Saison erwarten.

Wer ist hier beim falschen Verein?

Nochmal, jedeR hat das Recht, zu kritisieren, was vermeintlich schiefläuft. An einem gewissen Punkt muss man dann aber auch mit der Gegenfrage leben, ob es eigentlich noch geht. Oder mit der Feststellung, offenbar beim falschen Verein angeheuert zu haben, die ich dann gerne unter solche Kommentare setze. Ich meine, wo kommen wir denn da hin, wenn sich hier jemand mit 27 Punkten aus 20 Spielen am 21. Spieltag einfach mal so vercoacht! Es ist schließlich sein Job, von dem wir hier reden und sicher liegt von jenen, die da gern schnell und hart den Stab brechen, im eigenen Job nie jemand daneben. Perrrfektion!

Lustigerweise passiert es zuletzt immer häufiger, dass mir darauf entgegnet wird, vielleicht sei ich beim falschen Verein. Darüber habe ich – reflektiert, wie ich nun mal bin – nachgedacht, Ergebnis: erstes Saisonziel Klassenerhalt und falls der frühzeitig eingetütet wird, sehen wir weiter – check. Sportliche Stoßrichtung, auf eine junge Mannschaft setzen und der Zeit und Raum für Entwicklung geben (was heißt, auch ein Ergebnis wie Freitagabend zu ertragen, denn das Spiel war ja nicht so schlecht, wie es im Nachhinein aussieht) – check. Trainer und Vorstand zutrauen, dass sie in ihrem Job keine Blinden sind, sondern wissen, was sie tun – check. Nein, ich denke, ich bin definitiv nicht beim falschen Verein. Aber. Was. Weiß. Ich. Schon.

Eine Kurve sollt ihr sein

Könnte ich mir also die Reihenfolge der Beschäftigung mit dem Spiel aussuchen, so würde ich sicher nicht mit den Onlinekommentaren aufhören. Aber meinen Zeitreiseführerschein habe ich leider nicht bestanden und so bleibt eben nur, sich am Ende auf das Echtzeiterlebnis im Stadion zurückzubesinnen. Gerade nach einem Spiel wie gestern. Denn auch, wenn es sich vermutlich in den Ohren der Fernsehzuschauer seltsam anhört, tun mir die Fans tatsächlich leid, die diesmal nicht im Stadion waren. Und nein, das soll nicht im mindesten der Einstieg in eine „Besserfan-Diskussion“ sein, die also bitte nicht hineininterpretieren. JedeR muss diesen Verein nach der eigenen Façon leben und damit glücklich werden (oder eben nicht).

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Aber wer im Stadion dabei war, wird dieses Spiel später mal nicht als Katastrophe erinnern. Es wird nicht nur abgebucht sein als die zweithöchste Niederlage nach dem einst (grauenvollen) 1:6 gegen Werder Bremen und vielleicht rücken sogar die (großartigen) Fastnachtstrikots in der Erinnerung in den Hintergrund. Was bleiben wird, das ist die Reaktion auf den Rängen, für die Trainer Sandro Schwarz in der Pressekonferenz nach der Partie lobende Worte fand und der Coach, Mannschaft und Sportchef schon durch den applaudierenden Gang in die Kurve nach dem Spiel Respekt gezollt hatten. Denn, seien wir ehrlich, das hätte richtig in die Hose gehen können. Eine Mannschaft, die im Sondertrikot abgeschossen wird, hat es auch letzte Saison gegeben, und weil das Team, der Verein und die Fans keinen gemeinsamen Umgang damit fanden, klaffte hinterher eine tiefe Lücke in den diversen Beziehungen, die über Monate unterm Verband pochte.

Ein Moment für die Ewigkeit

Eine Wiederholung dieses Zerwürfnisses ist nicht zu befürchten. Nicht nur, dass die Spiele selbst nicht vergleichbar sind, es ist seitdem auch ein Jahr ins Land gezogen, in dem zwar noch nicht alles perfekt funktioniert hat in der Kommunikation, aber unter zarter Fürsorge ein Zusammenhalt gewachsen ist, aus dem Kraft auch für schwierige Situationen erwächst. Und damit meine ich nicht die zwei Niederlagen, denn sowas passiert und wird wieder passieren, ich meine echte Krisen, die eben auch wieder kommen werden. Die Art und Weise, wie beschissene Tage und harte Zeiten hier gewuppt werden, wurde gestern stimmgewaltig und aus vollen Herzen angedeutet. Wo das Spiel nun mal zur Fastnachtspartie ausgerufen worden war, wurde es auch entsprechend begangen und gegen das Treiben auf dem Rasen lautstark mit „Am Rosenmontag bin ich geboren“ angesungen und Trost im „Heile, heile Gänsje“ gesucht. Das alles im Wunsch, Zusammenhalt zu demonstrieren – und nicht etwa, die Mannschaft zu verhöhnen oder im Stich zu lassen.

Um das unmissverständlich zu unterstreichen, folgte auf die närrischen Gesänge abermals laute Unterstützung, klang ein kraftvolles „Mainz 05, wir sind da“ aus allen Kehlen. Schwarz attestierte den Fans ein „sehr gutes Gespür für meine junge Mannschaft“, was sicher stimmt, mehr noch war das aber ein sehr gutes Gespür für Mainz 05, für das, was den Verein ausmacht, immer getragen hat und was auch in Zukunft entscheidend sein wird dafür, wohin diese gemeinsame Reise geht. Bedingungsloser Zusammenhalt gehört zur DNA des Vereins. An einem Abend wie diesem sind Zuschauerzahlen und Ergebnis letztlich sekundär. Was bleiben wird sind diese Momente, dieses Gefühl für einander, die Situation, den Verein. Das ist Mainz 05. Alles andere kann weg.