Aus dem Adlerinnenhorst (22/17): Chance gewahrt

Nach der zurückliegenden Länderspielpause und den DFB-Pokal-Halbfinals sind die Vereine der Bundesliga (f) am Wochenende in den Saison-Endspurt gestartet. Mit einem hart erkämpften 2:1-Sieg haben die Eintracht-Frauen dabei im Heimspiel gegen Bayer 04 Leverkusen ihre Chancen auf Rang 3 in der Tabelle – und somit die Qualifikation für die Champions League (UWCL) – gewahrt.

Nach einer torlosen ersten Hälfte, in der von verletzungs- und krankheitsbedingt ungewöhnlich formatierten Frankfurterinnen wenig zu sehen war, hatte Annika Enderle die am Ostermontag gegen Potsdam aus dem DFB-Pokal ausgeschiedenen Gästinnen zunächst in der 52. Minute mit 1:0 in Führung gebracht. Nur fünf Minuten später gelang Sandrine Mauron aber nach Vorlage von Sophia Herne der1:1- Ausgleich. In der 85. Minute einer umkämpften Partie netzte dann Barbara Dunst zum 2:1-Endstand ein.

Die Siegtorschützin zeigte sich nach dem Spiel und dem gemeinschaftlichen Kraftakt gegen corona-geschwächte Leverkusenerinnen in der zweiten Hälfte erschöpft und glücklich über den wichtigen Dreier: „Wir haben heute bis zur letzten Minute gekämpft. Ich bin unfassbar stolz, Teil dieser Mannschaft zu sein“, betonte Dunst.

Mit Dunst lief im Mittelfeld von Beginn an Tanja Pawollek auf. Nach ihrem Kurzeinsatz am vergangenen Spieltag stand die Kapitänin (schönes Portrait hier: klick) nach ihrer Verletzung zum ersten Mal wieder über die vollen 90 Minuten auf dem Platz. Auch daraus können die Adlerinnen Kraft für den spannenden Saisonendspurt schöpfen. Auch eine Kader-Premiere hab es zu verzeichnen: Erstmals war Dilara Acikgöz aus der U20 dabei.

In der ersten Halbzeit stand Leverkusen sehr kompakt, weshalb wir versucht haben, vor allem die Räume hinter der Kette zu bespielen. Das ist uns zunächst nicht so gut gelungen, erst im zweiten Durchgang konnten wir es besser umsetzen.“

Siegtorschützin Barbara Dunst

Cheftrainer Niko Arnautis lobte den Willen und die absolute Bereitschaft seines Teams: „Wir wussten, dass wir heute über unsere Grenzen hinausgehen müssen.“ Es mache ihn als Coach „sehr stolz“, wie die Spielerinnen nach dem Rückstand zurückgekommen sind und am Ende noch gewonnen haben.

Mit 40 Punkten stehen die Adlerinnen nach dem 20. Spieltag jetzt auf dem 4. Tabellenrang und lassen vorerst die TSG Hoffenheim hinter sich, die gegen Turbine Potsdam unterlag. Für Eintracht Frankfurt steht das direkte Duell gegen Turbine nun ebenfalls mehr denn je im Fokus. Auch bei einem Sieg in Potsdam stünde Frankfurt aber noch hinter dem Team von Sofian Chahed, da dieses die bessere Tordifferenz aufweist.

Für Sportvorstand Sigfried Dietrich ist das Glas dennoch halb voll: „Es ist toll, dass wir nach dem Pokalfinale in der ersten Eintracht-Saison jetzt auch in der Liga zum Saisonende von Spielzeit zwei noch ein Ziel vor Augen haben und den nächsten Schritt in Richtung Champions League bei den Turbinen im ewigen Klassiker gehen wollen.“

SCHOTT goes Mainz 05 (22/16): Rundenstart geglückt

Mit einem souveränen 7:0 sind die Frauen des TSV SCHOTT Mainz am Sonntag, 24. April, gegen den saarländischen SV Dirmingen in die Abstiegsrunde der Regionalliga Südwest gestartet. Den Frust darüber, auf den letzten Metern den sechsten Platz – und damit die fast sicher geglaubte Berechtigung zur Teilnahme an der Aufstiegsrunde für die 2. Liga – verpasst zu haben, hatte sich das Team schon in der 2. Runde des Verbandspokals Südwest vom Leib geschossen.

Dort gelang gegen die Wormatia aus Worms, die sich in der Liga an SCHOTT vorbei auf den 6. Platz geschoben hatte, am Ostermontag ein überzeugendes 9:3. Gegen den SV Dirmingen, vor der Partie mit fünf Punkten auf Rang 12 der Tabelle, knüpften die #SCHOTTgoes05-Frauen zuhause nahtlos an die torreiche Pokalpartie an. Bereits in der 12. Minute netzte Kapitänin Heiðrún Sigurðardóttir zur 1:0-Führung. Nur drei Minuten später erhöhte Lisa Gürtler auf 2:0.

Gürtler, im Pokalspiel am Montag noch Eigentorschützin ebenso wie Doppelschützin ins richtige Tor, gelang diesmal ein lupenreiner Hattrick, ihrem 2:0 ließ sie auch das 3:0 (17.) sowie das 4:0 (20.) folgen. Mit diesem Zwischenstand ging es nach einer überlegenen ersten Hälfte in die Pause.

In der 56. Minute wechselte das Trainerteam doppelt, für Inga Joest (12) und Aicha Dali (25) kamen Jana Loeber (5) und Lisa Hering (20) aufs Feld. Die optische Überlegenheit bestätigten die Frauen quasi zeitgleich mit dem 5:0 durch ein weiteres Tor: Maren Michelchen traf und verließ kurze Zeit später den Platz für Annabel Rink, die prompt das 6:0 besorgte (70.). Quasi mit dem Abpfiff schoss Jule Stendebach in der 90. Minute gegen chancenlose Gegnerinnen das 7:0. Glückwunsch!

Bevor ich mich uffresch ist es mir lieber egal – or is it?

In der letzten Woche habe ich mit mehreren Leuten darüber gesprochen, ob nach dem bisherigen Saisonverlauf die Karten bei den Schiedsrichtern besonders locker sitzen, wenn es um Bo Svensson geht. Meinungen dazu gingen auseinander, persönlich vermute ich jenen Effekt, den manche von uns womöglich aus der Schule erinnern oder wiederum bei ihren Kindern beobachten: Wer einmal negativ aufgefallen ist, kommt aus der Schublade schwerlich wieder raus. Nicht ganz zufällig wurde das Thema dann auch bei der Pressekonferenz unter der Woche diskutiert, an der ich wegen eines parallelen Drehtermins nicht teilnehmen konnte.

Es scheint jedenfalls kaum vorstellbar, dass Svensson nicht mindestens Gelb, wenn nicht gar Gelb-Rot gesehen hätte, wäre er an der Seitenlinie am Freitagabend ähnlich ausgerastet wie Florian Kohfeldt, dessen massives Einfordern einer Roten Karte absolut unsportlich war. Die Erkenntnis ist ärgerlich, Svensson weiß aber selbst am besten, wie schwierig es für ihn sein wird, seine Rolle da wieder loszuwerden.

Ich glaube, dass ich mittlerweile bei den Schiris einen Ruf habe, das habe ich mir selbst erarbeitet.“

Chefcoach Bo Svensson zu seinen Gelben Karten

Insgesamt bin ich durchaus der Meinung, auch die Entwicklung mit den Karten für Trainer darf mal allgemeiner diskutiert werden, sprich: Was ist mittlerweile die Intention? Wenn es nicht darum geht, Respektlosigkeiten zu unterbinden und ahnden, sondern jede negative Emotion, jedes Widerwort abgestraft wird, kann man das durchaus kritisch ansprechen. Jürgen Klopp hätte mit dem derzeitigen Verfahren in seiner Bundesligazeit wohl jedes fünfte Spiel verpasst. Ist das die Idee?

Ein echter Nackenschlag in Wolfsburg

Die Partie am Freitag in Wolfsburg hallt natürlich ins Wochenende nach. Ganz überraschend kommt der Nackenschlag aus meiner Sicht nicht. Die „Auswärtswoche“ hat Mainz 05 Körner gekostet, vor allem in Sachen Selbstzutrauen. Mit einer bisher insgesamt ergebnisschwachen Auswärtsbilanz in der Saison nun drei Spiele am Stück auf unterschiedliche Arten ärgerlich und in Teilen auch etwas unglücklich zu verlieren, kann an einem Team kaum spurlos vorbeigehen, das war schon gegen Stuttgar zu sehen. Noch so eine ärgerliche Erkenntnis, keine Frage.

Eine Frage, die aus meiner Sicht aber gestellt werden muss, ist, wie ein guter Umgang damit ausschaut. Persönlich kann ich nur wiederholen, dass ich erschrocken bin darüber, wie wenig Kredit Trainer, Team und Staff offenbar in einigen Teilen des Umfeldes genießen. Es ist eine Sache, sich zu ärgern und das zu formulieren, auch Kritik ist vollkommen okay: Die sich wiederholende Behauptung, in Mainz sei es verboten, zu kritisieren wird nicht wahrer, je öfter man sie aufstellt. Aber es ist schon eine Frage des „Wie“ und eine der Grundhaltung in Sachen Erwartung.
Ein Thema, das wir auch in der Gästekurve gestreift haben:

Christian Heidel hat seinerzeit bei der PK zur Verpflichtung von Bo Svensson als Coach etwas gesagt, woran ich oft denke: In Mainz machen die Verantwortlichen Leute zu Trainern, von denen sie glauben, diese haben das Talent für die Bundesliga. Und: „Wir wollen mit Bo ein neues Projekt bei Mainz 05 starten.“ Wie gut sind bitte diese beiden Sätze? Menschen, die bei Mainz 05 arbeiten, dürfen sich entwickeln. Sie dürfen Fehler machen, auch mal in Entscheidungen danebenliegen. Man gibt ihnen den Raum, um besser zu werden. Sie dürfen lernen und wachsen.

Niederlagenserien mit Jürgen Klopp

Kann sich eigentlich niemand mehr erinnern, wie schlecht einige Saisonphasen in den Zeiten mit Jürgen Klopp waren? Und wie ist der zu dem Trainer geworden, der er heute ist? Weil Menschen ihm vertraut und an ihn geglaubt haben. Ohne wäre das so nicht möglich gewesen. Wenn ich in Interviews danach gefragt werden, wie es sein kann, dass Trainergrößen wie Klopp und Tuchel gerade aus Mainz kommen, muss ich immer genau daran denken: Weil sie sich entwickeln durften.

Es gab Zeiten, in denen auch weite Teile des Umfeldes diese Entwicklung mitgetragen haben, zu der Rückschläge dazu gehören. Gemeckert wurde immer, ist doch normal, Fußball ist emotional. Aber der Ton blieb so, dass man sich wieder in die Augen schauen konnte – und beim nächsten Spiel standen natürlich alle hinter ihrem Team. Ist das noch so? Persönlich halte ich es für keine gute Entwicklung, wenn der Verein das Gefühl hat, nach einer Niederlage – und sei sie noch so heftig – mit einer Nachricht wie dieser reagieren zu müssen.

Bo Svensson spricht über die Niederlage in Wolfsburg. (Foto: Screenshot Mainz 05)

Grundtugenden bei den Fans

Einige haben gestern bei Kigges darüber philosophiert, am Ende der Saison drohe die Relegation, während andere scheinbar genussvoll das Eintreffen ihrer negativen Prophezeiungen feierten. Ich habe das diese Woche schon mal angesprochen, aber: Wie kann es sein, dass dieser Club die Klasse hält – und Fans es teilweise nicht mal mitbekommen? Diese scheinbare Lust am Untergang, die bei einigen herrscht, ist mir einfach unbegreiflich.

Wenn die Spieler kommen und gehen, wenn Verantwortliche irgendwann weiterziehen, dann ist die Art und Weise, wie die Menschen im und um den Verein miteinander umgehen das, was Mainz 05 im Kern ausmacht. Es wird sportlich gerne von Grundtugenden gesprochen, die von dem Team in jedem Spiel erwartet werden. Stimmen die Grundtugenden derzeit bei den Anhänger*innen noch? Vielleicht ist gerade ein guter Zeitpunkt, um darüber mal nachzudenken – und sich selbst neu zu justieren im Saisonendspurt.

Die Woche am Bruchweg (22/16): Stiller Klassenerhalt

Diese Woche habe ich in der Frankfurter Rundschau in einem Artikel, in dem es vermeintlich um den Zustand von Borussia Mönchengladbach ging, die Behauptung gelesen, es sei „kein Wunder, dass sich manch einer die nicht lange zurückliegende Zeit zurückwünscht, in denen Fußballspiele in Geisterhäusern ausgetragen wurden. Keine Atmosphäre, aber auch kein testosterongetriebenes Alphatiergehabe.“ Viel mehr muss man nicht darüber wissen, wie diese Gesellschaft Fans sieht – und dass sich daran vermutlich auch nichts mehr ändern wird.

Ehrlich gesagt finde ich das ziemlich frustrierend. Egal wie viele Stunden Anhänger*innen von Vereinen in soziale Projekte beispielsweise während der Corona-Pandemie stecken, in Hilfe für Hochwasseropfer, kostenlose Bildungsarbeit rund um Diskriminierungen oder in ganz konkrete Hilfsangebote beispielsweise für Betroffene von sexualisierten Übergriffen, die sehr heterogene Gruppe wird immer wieder reduziert auf eine Handvoll Fans, die sich an Spieltagen nicht im Griff habt, die negativ auffallen oder aus der Reihe tanzen.

Danke an die Fanprojekte!

Noch dazu wird bei dieser eindimensionalen Betrachtung alles in einen Topf geworfen und vermischt: Pyrotechnik, Alkohol, Fangesänge, Gewalt, gruppendynamische Prozesse. Also Themen, die wirklich kritisch sind und über die geredet werden muss mit Punkten, die einige schlicht als persönlich störend empfinden. Unfair ist das, nervig: ein echtes Dilemma.

Spezialist für Fans, Fanbelange und Fanarbeit: Thomas Beckmann. (Foto: Felix Ostermann)

Ein Hoch auf die Fanprojekte, die sich dieser Auseinandersetzung inhaltlich Tag für Tag stellen, die so wichtige Jugend- und Sozialarbeit leisten, ein Hoch auf Menschen in Vereinen, die ihren Anhang differenzierter sehen und offen sind für Dialog, ein Hoch auf die wenigen Medienvertreter*innen, die Szenen nicht aburteilen sondern offen und kritisch begleiten. Eure Arbeit und euer Engagement ist von unfassbarem Wert. Danke, dass es euch gibt.

Live in Mainz: U23 und SCHOTTgoes05

Wie kriege ich jetzt die Kurve zu Mainz 05? Vielleicht mal mit der trockenen Feststellung, dass dieser Verein sicher keine Sehnsucht nach Geisterspielen hat: zum Glück. Wer es nicht schafft, die Profis am Freitag nach Wolfsburg zu begleiten, sei hier auf gleich zwei tolle Chancen hingewiesen, Fußball auch an diesem Wochenende live in Mainz zu sehen: Am Samstag um 14 Uhr tritt die U23 auf der Bezirkssportanlage Mombach im Stadtderby gegen TSV SCHOTT Mainz an, am Sonntag, ebenfalls um 14 Uhr, spielen die #SCHOTTgoes05-Frauen am Kunstrasenplatz in Mombach gegen den SV Dirmingen. Letzteres ist eine tolle Chance, um dem Team schon jetzt zu zeigen, dass sie im Verein herzlich willkommen sind – darüber habe ich diese Woche auch in meiner Kolumne für die Allgemeine Zeitung geschrieben.

Aufsteiger. (Foto: Mainz 05)

Apropos U23: In die oberste Ausbildungsmannschaft der Mainzer rücken zur nächsten Saison mit Leon Hoffmann, Finn Müller, Keanu Kraft, Lasse Wilhelm, Marlon Roos Trujillo und Danny Schmidt gleich sechs Spieler aus der U19 auf. Am längsten aus diesem Sextett ist Lasse Wilhelm im Verein, der 2010 in die U8 wechselte. Diese kontinuierliche Entwicklung von jungen Spielern bleibt ein wichtiger Baustein für die Arbeit des Vereins.

Die innere Erregung regulieren

Wie schwer es manchmal dennoch ist, sich bei den Profis durchzusetzen, zeigen derzeit Beispiele wie Paul Nebel oder David Nemeth, auf die Bo Svensson nach seinem großen Interview in der Allgemeinen Zeitung bei der Pressekonferenz angesprochen wurde. Der Coach hatte erklärt, einige der jungen Spieler entwickelten sich nicht ganz so, wie er das gehofft habe. Er wollte sich aber vor dem Ende der Saison nicht mehr dazu äußern, wohin bei den entsprechenden Spielern derzeitige Überlegungen gehen. Persönlich sehe ich derzeit die Gefahr, dass dieses Thema unter Druck von mehreren Seiten deutlich zu heiß gekocht wird und kann mich nur wiederholen: Allein die Einsatzminuten bei den Profis sind hier überhaupt kein Gradmesser.

Muss manchmal auch ein bisschen grinsen: Bo Svensson. (Foto: Screenshot Mainz 05)

Schwierige Phasen bei den Nachwuchsspielern sind zudem völlig normal, Burkardt und Barreiro können aus ihrer eigenen Vergangenheit ein Lied davon singen. Und selbst in einem Verein wie Mainz 05 wird es nicht jedes Talent dauerhaft im Profibereich schaffen. Es ist imho bedenklich, wenn sowohl Christian Heidel als auch Bo Svensson erneut die hohe Erwartung im Umfeld des Clubs thematisieren, wobei der eine auf mich eher amüsiert, der andere eher mahnend wirkt.

Zeit für Entwicklung

Heidel hatte schon bei seiner Rückkehr in den Club vor anderthalb Jahren viel Zeit auf dieses Thema verwendet. Eventuell muss man ja in einer Saison, in der so früh und ungefährdet der Klassenerhalt geschafft wurde (die Lizenz gibt es übrigens ohne Auflagen), nicht zwingend lauter Stressschauplätze aufmachen – aber das ist nur meine bescheidene Meinung, andere können sich da gerne auspowern.

Sportvorstand. (Foto: Ostermann)

Bo Svensson selbst hat in der PK am Donnerstag dazu Folgendes geäußert: „Wir sind immer noch Mainz in der Bundesliga. Wir kommen aus einer Phase, wo es jahrelang hier nicht besonders stabil lief, und wir sollen jetzt erwarten, dass wir in jedem Spiel 90 überlegene Minuten abliefern. Da sind die Erwartungen sehr hoch.“ Braucht übrigens, auch das wurde bei seiner Antwort klar, niemand glauben, dass er selbst nicht sehr ehrgeizig wäre. Aber wie soll sich bitte etwas entwickeln, wenn einem Team die Zeit für Entwicklung abgesprochen wird?

Ja, in den Auswärtsspielen kommen wenige Punkte rum, fast jede dieser in Sachen Ausbeute ärgerlichen Spiele hat aber sogar in sich eine Entwicklung gezeigt. Manchmal frage ich mich, was hier los wäre, wenn Mainz 05 für ein paar Jahre zurück in der 2. Liga kicken müsste. Aber darüber müssen wir zum Glück nicht nachdenken, weil der Klassenerhalt wieder mal gelungen ist. Ich kann mich nicht erinnern, dass es darüber größeren Jubel gegeben hätte – und wenn wir aufhören, in Mainz den Klassenerhalt zu feiern, dann aber gute Nacht.

Jetzt aber erstmal ein gutes Spiel. In Wolfsburg. Und ein schönes Wochenende.

Die Woche am Bruchweg (22/15): Widersprüche aushalten

Ambiguitätstoleranz. So wunderschön das Wort, so wenig verbreitet die Fähigkeit. Widersprüche aushalten. Sich von Schwarz-und-Weiß trennen. Anerkennen können, das mehrere Dinge gleichzeitig wahr sein können, gut oder schlecht. Eine Eigenschaft, die in diesen Zeiten immer wichtiger wird, aber eine Bereitschaft erfordert, hinter die Fassade zu schauen, die leider nicht allen Menschen gegeben ist.

Große Worte zum Einstieg, I know. Aber bekanntlich finden gerade auch mal wieder ziemliche Verschiebungen statt auf der Welt – und irgendwie suchen wir wohl alle unsere Wege, damit umzugehen. Ist ja nicht so, als wären wir im dritten Jahr einer weltweiten Pandemie, immer noch, als Grundrauschen, unter allem anderen.

Frustrierende Punktausbeute

Und Fußball? Vereint manchmal auch scheinbar Widersprüchliches. Wie den berechtigten Frust über die geringe Punktausbeute der 05er in diesen drei Spielen binnen sechs Tagen. Das Hadern mit einer unerklärlichen Schwäche nach Standards und dem fehlenden Quäntchen Glück. Aber auch das Wissen darum, wenn Mainz 05 nach 29 Spieltagen mit 38 Punkten auf dem 10. Platz steht und mit dem Abstieg nichts mehr zu tun hat, dann sprechen wir von einer guten Saison.

Bedient nach nur einem Punkt aus drei Partien: Bo Svensson. (Foto: Screenshot Mainz 05)

Vielleicht würde der Cheftrainer selbst dem widersprechen. Weil er sich mit dem Team nicht den Klassenerhalt als Ziel gesetzt hat, sondern – so muss man seine Worte verstehen – sie im Kollektiv nach Höherem streben. Und ist das nicht ein weiterer Grund zur Freude? Ein Coach, der mit seinem Staff und der ehemals völlig blockierten Mannschaft sensationell die Klasse hält, möchte mit den Jungs in der Folgesaison mehr als das. Ich kann dem extrem viel abgewinnen.

Warum die Störgeräusche?

Die Nebengeräusche sind dennoch bereits wieder laut und eindringlich. Wohin ich in diesen Tagen gehe, als Eine, die immer auch mit Mainz 05 assoziiert wird, stellen die Menschen mir die Frage: „Woher kommt diese Unruhe im Umfeld des Clubs? Warum sind Teile der Fans scheinbar immer unzufrieden?“ Ich kann das ehrlich nicht beantworten, glaube aber, es ist einem Verein nicht zuträglich, wenn seine Anhänger*innenschaft so wahrgenommen wird.

Talente: Weiper und Schulz. (Foto: Mainz 05)

Ein gern behandeltes Thema ist die Frage danach, wie viel Zeit die NLZ-Spieler für die Erste Mannschaft aufs Feld bringen. Ich glaube ehrlicherweise, den Wert eines Nachwuchsspielers für seinen Verein nur an den Einsatzminuten im Profiteam zu messen, ist, wie einen Stürmer nur nach seinen Toren zu bewerten. Kann man machen, führt aber nicht wirklich irgendwo hin.

Die Spieler im Nachwuchsleistungszentrum wissen um ihre Aufstiegschancen. Sie werden frühzeitig mit Profiverträgen ausgestattet und spüren, dass sie in einem Club spielen, der ihnen eine Chance geben wird. Die Aufmerksamkeit Svenssons für den Nachwuchs, eine gemeinsame Linie in Taktik und Ausbildung, Training mit den Profis und Kaderzeiten lassen diese jungen Spieler nicht unberührt. All das hat einen Wert, der nicht immer sichtbar ist.

Und es gehört auch dazu, mit sich selbst ein bisschen ehrlicher zu sein. Was, wenn nun die Jugendspieler vermehrt auf dem Platz stehen und die Leistung nicht wie erhofft liefern würden? Die Vorwürfe an Svensson, er verspiele die Chance auf Europa, würden imho schnell laut. Ein bisschen mehr Ruhe würde bei diesem Thema guttun.

Hofmann ab Mai im Hauptamt

Stefan Hofmann bei den Dreharbeiten zu Wortpiratin rot-weiß. (Foto: Malino Schust)

Ruhig bleibt es auch im Vorstand des Vereins, wo Stefan Hofmann ab dem 1. Mai seine Arbeit hauptamtlich ausführen darf. Das einstimmige Votum des Aufsichtsrates kommt nicht überraschend, zuvor hatte bereits die Mitgliederversammlung ihr Okay für die derzeitige Amtsperiode gegeben. Als neue Zuständigkeitsbereiche kommen die Bereiche Organisation, Personal und Recht hinzu.

Das von den Mitgliedern und dem Aufsichtsrat gleichermaßen entgegengebrachte Vertrauen ehrt mich. Mainz 05 ist für mich bisher kein Teilzeitjob gewesen, sondern schon immer eine Herzensangelegenheit, der ich mich ganz und gar verschrieben habe.“

Stefan Hofmann, Vereinsvorsitzender

Und eine weitere Personalentscheidung hat der Club bekanntgegeben. Die seit dem Abgang von Michael Welling vakante Position als Direktor Marketing wird mit Christoph Reisenauer als Direktor Marketing und Vertrieb neu besetzt. Der Veranstaltungsmanager war zuvor 16 Jahre bei Eintracht Frankfurt tätig. Es wird spannend, zu beobachten, wie der Wechsel vom Main an den Rhein ihm gelingt.

Don’t call it „Frauenfußball“

Apropos Wechsel, erschienen ist in dieser Woche meine Videokolumne mit SCHOTT-Kapitänin Heiðrún Sigurðardóttir. Wir sprechen über die Kooperation von Mainz 05 mit den Fußballfrauen, was es ihr bedeutet, bald in Rot-Weiß aufzulaufen, warum der Begriff „Frauenfußball“ sie nervt und wie es war, als kickender Drilling aufzuwachsen. Eine ausführliche Audioversion des Interviews findet ihr hier.

Ich verabschiede mich in eine kleine und dringend notwendige Osterpause und hoffe, ihr könnt in den nächsten Tagen ebenfalls ein bisschen Zeit und Abstand gewinnen. Passt auf euch und auf einander auf.