Ringelsocken

Schweißgebadet schreckte Iris aus dem Schlaf auf. Sie hatte ein Geräusch gehört, noch nicht alltäglich und doch schon ein wenig vertraut: Die Zwillinge! Sie schrieen. Genauer gesagt, einer der beiden. Iris stand aus dem Bett auf und schlurfte nach nebenan, wo die sechs Tage alten Buben lagen. Als sie das Babyzimmer betrat, stockte ihr der Atem, denn die Kinder lagen nicht mehr so im Bett, wie sie sollten. Iris hatte die beiden ordentlich nebeneinander gelegt, Pit links, Max rechts, den einen mit rotem Schnuller, den anderen mit grünem. Nun aber hatten die Babys ihre Schnuller nicht mehr im Mund, dafür hatten sie sich scheinbar gedreht. Obwohl Iris sich nicht sicher war, ob sie überhaupt schon in der Lage waren, sich selbständig zu drehen.

Vorsichtig näherte sie sich. Eins der Kinder schrie noch immer laut und jämmerlich. Die Gegenwart seiner Mutter schien es nicht zu beeindrucken, geschweige denn zu beruhigen, was Iris kränkte. „Shh!“, murmelte sie, und tappte näher ans Bett. „Schön leise sein.“ Doch das Baby schrie. Iris überlegte, ob sie den Kleinen auf den Arm nehmen sollte, aber sie war unsicher. Andere Mütter, so schien es, wussten immer instinktiv, was ihre Kinder wollen. Sie aber hatte keine Ahnung, was das schreiende Bündel erwartete. Als ihr die Hebamme die Jungs nach der Geburt in die Arme gelegt hatte, war nichts passiert. Kein Rausch, kein Glücksgefühl, keine frohen Tränen darüber, sie endlich sehen, riechen und fühlen zu können, außerhalb ihrer selbst. Es hatte sich nichts geregt, stattdessen war sie froh gewesen, als man die Kinder wieder von ihr heruntergenommen hatte und sie schlafen durfte.

Mit der Schere wie einer Trophäe in der Hand, näherte sie sich den schreienden Buben.  (Foto: WP)

Mit der Schere wie einer Trophäe in der Hand, näherte sie sich den schreienden Buben. (Foto: WP)

„Wer bist du?“, murmelte Iris, und spürte Wut in sich aufkeimen. „Welcher bist du bloß, du Schreihals, ich weiß nicht, wie ich euch auseinander halten soll.“ Der Kleine hörte nicht auf zu brüllen. Sein Bruder schlief davon völlig unbeeindruckt weiter. Iris versuchte angestrengt, sich an ein Merkmal zu erinnern, das ihr helfen würde, die Jungen voneinander zu unterscheiden – aber da war nichts. So sehr sie sich auch bemühte, ihr fiel einfach nichts ein. Warum nur hatte Ernst sie so schnell mit den Kindern alleine gelassen? Hätte er nicht noch ein paar Tage bleiben können, bevor er wieder auf Montage fuhr? Er hätte ihr sicher sagen können, welches Baby da so schrie. Er hatte ein Gefühl für so etwas, ihr Mann. „Shh!“, murmelte sie erneut. „Schön leise sein, Kind.“ Ob sie es wohl stillen sollte, fragte die junge Mutter sich. Aber sie wollte es nicht anfassen, solange sie nicht wusste, wer es war. Da plötzlich fiel Iris ein, dass sie den Babys verschiedenfarbige Ringelsocken angezogen hatte. Rot für Pit, grün für Max, genau wie die beiden ausgespuckten Schnuller. Erleichtert lüftete sie die Decke über den Füßen der Jungs – und schrak zurück. Sie hatte sich vertan. In ihrer Nervosität einen Fehler gemacht: Beide Jungen trugen eine grün- und eine rotgeringelte Socke.

Iris sank müde neben dem Bettchen nieder. Sie hatte nie Kinder gewollt, aber Ernst hatte es schließlich geschafft, sie zu überreden. Dann dieses Pech – Zwillinge. Und auch noch Jungs. Iris selbst hatte drei ältere Schwestern. Sie hatte nie gelernt, sich um ein Kind zu kümmern; sich überhaupt um irgendetwas zu kümmern oder irgendwen. Und mit Buben konnte sie ohnehin nichts anfangen. Wenn überhaupt, so hatte sie wenigstens auf eine Tochter gehofft. Das Gebrüll wurde lauter und schriller und Iris stemmte sich wieder in die Höhe, um nach ihren Söhnen zu schauen, die nun beide lauthals schrieen. Da plötzlich kam ihr eine Idee. Sie würde einfach beschließen, wer Max war und wer Pit. Immerhin kam ihr Mann erst in einigen Tagen zurück und hatte die Kinder bisher kaum gesehen. Sie würde die Namen jetzt festlegen, und dabei bliebe es dann. Anschließend musste sie sich nur einen Trick ausdenken, wie sie die beiden künftig voneinander unterscheiden könnte. Etwas Auffälliges, Einleuchtendes musste es sein, was sie nicht vergessen würde. Plötzlich hatte sie die Lösung klar vor Augen. Hektisch rannte Iris ins Badezimmer, wo sie alle Schubladen nach ihrer Nagelschere durchsuchte. Oder, überlegte sie, vielleicht war die große besser, mit der Ernst seine störrischen Fußnägel abkappte. Ihre Hebelwirkung war enorm, die Zangen beängstigend – groß und scharf. Iris berührte sie sanft.

Mit der Schere wie einer Trophäe in der Hand, näherte sie sich den schreienden Buben. Ohne lange nachzudenken setze sie die Greifer am Fußzeh eines der Kinder an. Die Berührung mit dem kalten Metall ließ den Jungen für einen kurzen Moment verstummen. In die plötzliche Stille hinein hörte Iris ein flüchtiges Knacken, begleitet von einem Laut, als ob eine überreife Tomate unter sanftem Druck aufplatzt. Die Ruhe währte nur kurz und wurde dann gebrochen von einem gurgelnden Klagelaut. Iris zuckte unter dem Geräusch kurz zusammen. Der blutige kleine Zeh des Jungen lag neben seinem winzigen Füßchen auf der Matratze, verschmierte sie mit dem roten Saft. Das Baby krisch dazu wie eine alte Säge. „Still, still!“ forderte Iris. Der zweite Knabe war ruhig geworden, gerade so, als habe es ihm die Stimme verschlagen. Iris betrachtete ihn angrifflustig. „Du hältst dich wohl für schlau, hm?“ murmelte sie, mit aufbrechender Wut auf den verstummten Säugling in der Stimme. Ohne Zögern kappte sie auch ihm einen Zeh ab, den gleichen wie zuvor seinem Bruder. Es wunderte sie, wie leicht das rosige Babyfleisch sich durchtrennen ließ. Auch der kleine Knochen leistete kaum Widerstand. Das hier war einfach, es fühlte sich gut an. Und irgendwie gerecht.

Was Ernst wohl zu den nun links vierzehigen Kindern sagen würde? Als Iris an ihren Mann dachte und die schulmeisternde Art und Weise, wie er immer auf sie deutete, wenn er etwas, das sie getan hatte, für falsch befand, strömte der Groll wie eine heiße, klebrige Welle durch ihren Körper. Sie beugte sich vornüber und legte Ernsts grobzangige Nagelschere erneut an. Mit lautem Schmatzen fielen nach und nach die Zeigefinger der Jungen blutschmierig auf die Matratze. Erst die der linken Hände, dann die der rechten. Iris spürte, wie sie langsam ruhiger wurde. Vielleicht war sie doch keine so schlechte Mutter, überlegte sie, während das Geschrei der Kinder langsam in ein klägliches Wimmern überging. Immerhin, Ernst war nicht hier, und doch schien sie die Situation in den Griff zu bekommen – ohne ihn.

Ein Problem aber galt es noch immer zu lösen, nämlich wie sie die Kinder voneinander unterscheiden konnte. Iris überlegte eine Weile, als plötzlich die Bilder der eigenen Kindheit vor ihrem inneren Auge aufstiegen, von einer kleinen, lachenden Iris mit den drei Schwestern, in rosageblümten Kleidchen und mit langen, geflochtenen Zöpfchen. Die Schere lag noch immer kühl und ruhig in ihrer Hand. Hübsche Mädchen.

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