Rum Diary: Vergnüglich fern der Vorlage

Literaturverfilmungen sind so eine Sache für sich. Einerseits ist die Feststellung richtig, dass der Vergleich mit der Vorlage selten zielführend ist – der Film muss auslassen, Schwerpunkte setzen, er darf abseits des Originals wandeln und Mut zur Lücke beweisen. Aber geht nicht andererseits der Leser mit einer gewissen Neugierde darauf ins Kino, um welche Bilder der Regisseur die eigene Vorstellung von einer Geschichte bereichern wird? Und will nicht eine Literaturverfilmung letztlich eben das – eine bekannte Story in einem zweiten Medium neu erzählen? Und beruft sich damit letztlich selbst (und durchaus bewusst) auf ihre Vorlage? Was den Vergleich doch geradezu fordert.

Die Macher von „Rum Diary“ (Original: „The Rum Diary“) widmen ihr Werk denn auch am Ende dem Autor des gleichnamigen Romans, Hunter S. Thompson – wäre interessant zu erfahren, wie ihm der Film gefallen hätte. So viel vorweg, man kann seine Zeit sicher schlechter investieren als in diesen Kinobesuch. Wie bereits in „Fear and Loathing in Las Vegas“ schlüpft Johnny Depp mühelos in die Story des Gonzo-Journalisten, wenn auch „The Rum Diary“ durch die schon legendäre Depp’sche Mimik bisweilen etwas überzogen wirkt: gerade in der Drogenszene – die so im Buch übrigens nicht vorkommt. Insgesamt aber machen die Schauspieler ihre Sache ordentlich und der zusätzliche Schuss Ironie schadet nicht.

Miss berechnend und Mister Gonzo, ins Gespräch vertieft... (Foto: Verleih)

Miss berechnend und Mister Gonzo, ins Gespräch vertieft… (Foto: Verleih)

Was der Geschichte allerdings keinesfalls gut tut, ist der Umstand, dass sich der Film von einer zentralen Figur trennt; mit weitreichenden Folgen. Die Story: Journalist Paul Kemp heuert in den späten Fünfzigerjahren bei einer kleinen Zeitung in Puerto Rico an. Die Zeiten sind unruhig, die Touristen sind es auch, und die Lektüre des Blatts soll alles, nur nicht die Laune trüben. Journalismus zur „Lage der Nation“ ist nicht gefragt – also besaufen sich Kemp und seine Kollegen allabendlich mit Rum und genießen dazu Burger um Burger: Ihr Job fordert sie nicht so sehr, als dass sie ihn nicht auch verkatert geschaukelt bekämen.

Kemp, Kollege Yeamon und Fotograf Sala pflegen in der gleißenden Hitze Puerto Ricos eine Männerfreundschaft mit Hindernissen: Mit Sala teilt sich Kemp eine Wohnung, was ihn aber zunehmend nervt; Yeamon wiederum lebt mit und liebt das Mädchen, das auch durch Kemps Träume spukt: Chenault. Dann wäre da noch Geschäftsmann Sanderson, mit dem Kemp sich gerne auf den einen oder anderen Drink trifft; positiver Nebeneffekt – dabei fällt ab und an ein Job für ihn ab. Ein Umstand, der ihm sein Auskommen auch dann sichern könnte, wenn die marode Zeitung tatsächlich den Bach hinunter gehen sollte.

Der Film nun streicht Yeamon – und dichtet dessen Mädchen Geschäftsmann Sanderson an. Aus einer eher naiven jungen Frau, die ohne Zögern ihr bisheriges Leben hinter sich gelassen hat, um bei dem Mann zu sein, der ihren Pulsschlag beschleunigt, wird so eine berechnende, kühle Blondine, die mehr Klischee ist als Charakter. Während Thompsons Chenault oft noch schier kindlich wirkt, ein Mädchen im Körper einer Frau, das sich seiner Wirkung auf Männer kaum bewusst ist, erschafft der Film eine stets kalkulierende Frauenfigur, die ihre weiblichen Reize ganz gezielt einsetzt, um genau das zu bekommen, was sie möchte.

Das aber ändert die Geschichte nicht nur im Bezug auf Chenault selbst, sondern ist auch wesentlich für die Rolle des Paul Kemp – weil unvorstellbar scheint, dass die Romanfigur Kemp sich für die Filmfigur Chenault (Amber Heard) interessiert hätte. Und während wiederum Thompson die Geschichte eines Mannes erzählt, der sich Stück für Stück seine Freiheit und Unabhängigkeit erarbeitet, begibt sich Kemp im Film in große Abhängigkeit von seinem Gönner Sanderson (Aaron Eckhart): Er ist es, der Kemp letztlich das Auskommen sichert, während der Journalist im Roman zumindest seine finanzielle Freiheit Stück für Stück selbst gestaltet.

Yeamons Unberechenbarkeit und sein Jähzorn, die das Männertrio in schwierige Situationen bringen und letztlich Chenault überhaupt erst in Kemps Arme, dichtet der Film Sala (Michael Rispoli) an – dessen Charakter so am Ende arg überfrachtet wirkt. Und weil es so schön amerikanisch ist, lässt Regisseur Bruce Robinson seinen Paul Kemp am Ende eine Revolution um die noblen Werte des Enthüllungsjournalismus anzetteln. Statt sich also, wie bei Thompson, die Sonne auf den Pelz scheinen und den Rum durch den Hals fließen zu lassen, wollen Robinsons Journalisten ihr Blatt mittels einer Story über die wahren Zustände im vermeintlichen Urlaubsparadies retten. Anstatt in der karibischen Hitze Burger zu futtern und Kette zu rauchen, wird für die hohe Moral des Berufsstandes geackert. Wenn auch leider vergeblich.

Macht aber am Ende irgendwie auch nichts. Draußen ist endlich Sommer, der Film zaubert passend zur Hitze einen wunderschönen, karibischen Bilderreigen auf die Leinwand. Das Meer war lange nicht mehr so nah, Johnny Depp interpretiert Kemp neu, aber glaubhaft – lediglich die Burger und der grenzenlos ausgeschenkte Rum fehlen der Szenerie schmerzlich. Der Film ist absolut vergnüglich; es empfiehlt sich allerdings, den Roman lediglich als lose Vorlage zu begreifen – und vor dem Kinobesuch nicht noch einmal hineinzuschauen. Danach lässt sich Thompsons Original hingegen wieder bestens genießen. Yo ho, and a bottel of rum.

Rum Diary
Buch & Regie: Bruce Robinson
Darsteller: Johnny Deep, Aaron Eckhart, Amber Heard
USA, 120 Minuten, FSK: 12

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