Scars

Ich habe ein paar alte Narben, die nun, wo ich braungebrannt in der Flughafenhalle stehe, besonders gut zu sehen sind. Eine kleine, auch jetzt kaum sichtbar, nur ein dünner, weißer Streifen auf dem Gelenk meines Mittelfingers an der linken Hand. Eine alte, etwas größere, auf der Innenseite meines rechten Arms, die zwar noch zu sehen ist; aber nicht mehr zu spüren. Während ich sie mit dem Finger sanft berühre, fahre ich mir mit der Zunge neugierig über die Oberlippe und schiebe den feuchten, schmalen Muskel noch ein Stück weit darüber hinaus, so nah an die Nase heran, wie ich kann, denn auf dem Weg dorthin befindet sich eine weitere Narbe. Klein, kreuzförmig und verwachsen. Ein schmaler, unsauberer Kreuzstich in meinem sonnenverbrannten Gesicht.

Es war so wahnsinnig heiß und schwül in diesen Urlaubswochen, ohne das kleinste barmherzige Lüftchen, so dass ich fast den ganzen Tag auf meiner Luftmatratze auf dem Meer getrieben bin; nun spannt jeder Millimeter meiner Haut. Ich versuche mir vorzustellen, wie viel früher die Falten in meinem Gesicht zu tiefen Schluchten werden, dank dieser Zeit, dank der Hitze, der Sonne. Und muss an den vorwurfsvollen Gesichtsausdruck meiner Schwester denken, als diese mir kürzlich beinahe wütend verkündete, sie habe trotz ihrer jüngeren Jahre bereits mehr Falten als ich. Ich taste mit einer Hand vorsichtig über den Stoff meiner Jeans, vornübergebeugt, mit der zweiten Hand auf meinem Koffer aufgestützt, wobei ich bete, dass dieser kein Übergewicht hat. Dort, wo meine Hand vorsichtig und ein wenig ungelenk entlangfährt, in der Mitte des linken Knies, befindet sich noch eine Narbe. Ich kann meine umgekrempelte Jeans nicht weit genug hochschieben, um sie zu sehen, aber ich weiß, sie ist da. Eine tiefe, kraterförmige Schlucht, von fast brutaler Zerschlagenheit; und wunderschön.

Think of me and I'll be there. (Foto: M. Braun)

Think of me and I’ll be there. (Foto: M. Braun)

Ein Stück weiter das dünne, lange Bein hinunter weiß ich um eine weitere Narbe, die sogar unter der Arbeiterhose hervorblitzt, doch ich habe mich bereits wieder aufgerichtet und beachte sie nicht. Ihre Form kann ich sehen, wenn ich die Augen schließe, ihre Farbe ist weißer als weiß, und sie erscheint fast frisch. Sommer. Meer. Urlaub. Lanzerote. Riff. 1998. Ein anderes Leben. Noch ein Stück tiefer, auf dem rechten Bein aber, die nächste – doch erst noch im Werden. Wie eine rittlings umgestürzte Schweinsbohne mit 1000 dünnen Ärmchen und Beinchen. Rot und blutig, die Entzündung gerade abgeklungen, aber noch erkennbar in dem verhärteten Eiter, der gelb und ätzend durch die ansonsten dunkle Kruste hindurchschimmert. Ein aufgekratzter Mückenstich, der mir dreckige Nägel, meine Wut auf die Mücken, das Jucken, und mich selbst, irgendwie, der mir den Sand und das Meer und ständiges wieder an-ihm-herumpulen erheblich übler genommen hat, als ich es zunächst erwartet konnte.

Die Narbe am linken Knie ist von einem Sturz mit dem Fahrrad. Ich weiß, dass ich noch ein Kind war, blond, pausbäckig, mit großen, durstigen Augen. Unsere Straße, in der wir damals das Haus Nummer 4 bewohnten, später dann die Nummer 2, hatte eine Seitengasse: sehr steil und von einer scharfen Kurve in zwei ungleiche Hälften aufgeteilt. Oben wohnten nur zwei Familien. Die eine hatte zwei Söhne und viele, viele Katzen, von denen mich eine, die wildeste, als Kind angriff und mit wütenden Bissen verletzte. Ich erinnere mich daran, und auch an die Wut auf meine Mutter, weil sie mir nicht glauben wollte, dass sich das Katzengebiss so sehr in meinen Schenkel verkeilt hatte, dass es auch nichts nützte, als ich laut schreiend und wild umherhüpfend damit durch die Luft wedelte, das Tier wollte nicht von mir lassen, und irgendwann glaubte ich zu erkennen, dass es sogar das Maul geöffnet hielt, aber trotzdem nicht von meinem Bein abfiel, weil sich die Zähne so tief in mein Fleisch gebohrt hatten. Hinterher hatte ich jahrelang Angst vor Hunden, ohne dass ich dafür eine vernünftige Erklärung hätte abgeben können.

Mein Vater war damals mit mir oben bei den Nachbarn, zur Gegenüberstellung, und beim Anblick der Katze sprang ich mit einem Satz auf seinen Arm und begann laut und jämmerlich zu heulen. Die Katzenbesitzerin, eine mächtige Doppel-D, die sich Jahre später zum Entsetzen meines Vaters die Brüste chirurgisch verkleinern ließ, hörte auf, ihre Unschuld zu beteuern und schwenkte um auf Bedauern. Ich hasste sie dennoch in diesem Moment, die Katze aber tat mir leid, nun, da ich erfahren hatte, dass sie nicht im Haus schlafen durfte, sondern nachts in den Hof verbannt wurde. So wurde das Tier für mich unschuldig und es war, als hätte mich an seiner statt die Besitzerin gebissen. Die Familie gegenüber hatte ebenfalls zwei Kinder, aber viel ältere. Das Mädchen, soviel weiß ich noch, hieß Annette. Ich mochte sie, zumindest meistens. Eigentlich nur dann nicht, wenn wir fein eingeladen waren, bei Snob-Freunden meiner Mutter, denn dann musste Annette mir einen französischen Zopf flechten, was ziepte, meine Mutter nicht konnte – und ich nicht leiden.

Meine jüngere Schwester, Annette und ich haben manchmal gemeinsam mit ihrem großen Bruder süße Erbsen aus ihren Hüllen gepult und im Sichtschatten einer Hecke gegessen, während die Erwachsenen im Sommer an lauen Abenden auf der Terrasse hinter dem Haus grillten. Von Annettes Vater durfte ich die alten Goofy Comics leihen, Hefte, in denen es nur um den sympathischen, trotteligen Hund im roten Pullover ging, und die ich nicht gekannt hatte, bevor ich sie eines Tages bei ihm entdeckte. Annettes Vater ist vor ein paar Jahren an seinem Geburtstag gestorben. Beim Kaffeetrinken vom Stuhl gekippt, einfach so, den Kuchen noch auf der Gabel. Herzinfarkt. „Zu früh, der arme Kerl“, hat mein Vater damals gesagt, denn für ihn kam der Tod fast immer zu früh, und mit traurigem Gesicht und ungläubigem Kopfschütteln rechnete er an manchen Samstagen das Alter der Verstorbenen aus den Todesanzeigen aus und schien ehrlich darunter zu leiden. Und dann sagte er noch, „aber ein schöner Tod, so beim Feiern, und Kuchen zum Abschied!“ – oder zumindest wünsche ich mir das.

goodbye my friend it’s hard to die
when all the birds are singing in the sky
now that the spring is in the air
pretty girls are everywhere
think of me and i’ll be there
[Terry Jacks: Seasons in the Sun, 1973]

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