Se7en Seconds

Ich habe mal gelesen, dass wir unterbewusst binnen sieben Sekunden entscheiden, ob wir mit unserem Gegenüber ins Bett gehen – theoretisch. Vielleicht sind es auch nur zwei. Oder doch neun. Jedenfalls eine verdammt kurze Zeit, um auch nur irgendetwas über den Menschen zu erfahren, der da plötzlich neben uns sitzt und sein Bier bestellt, um anschließend mit einem charmanten „Hi, und du bist also…“ herüberzulächeln. Zu kurz, um irgendetwas Sinnvolles über diese unbekannte Person herauszufinden, außer vielleicht, dass sie einem ein bisschen im Bauch kribbelt und auch noch ein bisschen woanders – ganz ohne dass man weiß warum; oder etwas dagegen tun kann. Es ist nun nicht so, dass ich ein Verfechter dieser Regel bin, die sicherlich irgendetwas damit zu tun hat, was unser Körper am anderen ausmacht, ob unsere Genpools gut zusammenpassen und wie schlau und überlebensfähig unsere Kinder wären, wenn wir denn welche bekommen würden, miteinander, versteht sich. Aber man muss eine Sache nicht unbedingt verfechten, um ihr zu verfallen…

With a little help from my Guinness... (Foto: Andreas Senftleben/pixelio.de)

With a little help from my Guinness… (Foto: Andreas Senftleben/pixelio.de)

Ich jedenfalls kann mich nicht in einen Mann verlieben, der mir nicht beim ersten Treffen derart in den Magen fährt, dass mir schwindelig davon wird, mein Mund trocken, meine Hände feucht, mein Kopf so leer wie die nächtliche Wüste; mein Hormonhaushalt aufgewühlt. Natürlich rede ich auch mit Männern, in deren Gegenwart mir nicht schwindelig wird und mein Puls unter 120 bleibt, aber sie landen mit dem ersten Blick in der „guter Freund“-Kiste und kommen da schlicht und ergreifend nie wieder raus. Das Tolle daran ist, dass ich mehr als eine handvoll großartiger männlicher Freunde habe, die ein wichtiger Baustein in meinem Leben sind, mit denen ich garzugern Glühwein trinkend über den Weihnachtsmarkt wandere, Fußball schaue oder nächtelang Gespräche führe. Aber sie sind für mich geschlechtslos. Und obwohl ich die bange Vermutung habe, dass auch in einer Freundschaft Frauen für die beteiligten Männer immer Frauen bleiben, mit kleinen oder großen Brüsten, schönen oder langweiligen Augen und einem spektakulären bis untragbaren Hintern, möchte ich mich gerne der Illusion hingeben, dass auch sie in mir keine Frau, sondern nur die gute Freundin sehen.

Die Sieben-Sekunden-Männer aber fahren mir zuerst tief in den Magen und anschließend mit meinen Hormonen Karussell, ohne dass ich noch in der Lage bin, irgendetwas anderes zu tun, als mich in ihrer Nähe herumzudrücken, und dabei das aufregende Kribbeln in jeder Pore meines Körpers zu genießen. Und eigentlich gar keine Lust habe, vor den Satz „zu mir oder zu dir?“ noch irgendwelche Umwege einzubauen. Für das, was ab jetzt über die Leinwand meines Kopfkinos flimmert, bin ich eigentlich mindestens zu schüchtern. Gut also, wenn ich über einen solchen Mann nicht gerade morgens im Büro stolpere, sondern abends in der Kneipe, wo das eine oder andere alkoholische Kaltgetränk dabei behilflich sein kann, etwaige Hemmungen abzubauen. Von gewissen Schüchternheitsblockaden abgesehen ist aber die eigentliche Kunst keinesfalls, den Sieben-Sekunden-Mann ins heimische Bett zu locken, um dort eine schlaflose, schwitzige Nacht lang miteinander die Laken zu zerwühlen; die Kunst ist vielmehr, genau das nicht zu tun, sondern zu erkunden, ob er auch für mehr als das taugt, und sich dabei nicht von den Kanonenkugeln, die er auf den eigenen Magen loslässt, wohlig beirren zu lassen.

Denn ich bin mir zwar sicher, dass ich der Zwei-Sieben-Neun-Sekunden-Regel die eine oder andere verdammt aufregende und unvergessliche Nacht verdanke, habe aber auch den bösen Verdacht, dass sie umgekehrt die eine oder andere Beziehung mitverschuldet hat, aus der mir später ein unangenehmes „warum bin ich noch mal mit diesem Typen zusammen gewesen?“-Gefühl zurückgeblieben ist. Sich bei der Partnerwahl allein auf die körperliche Anziehung zu verlassen, schafft zwar vielleicht neben genialem Sex auch besonders intelligenten und robusten Nachwuchs, leider ist dabei aber nicht gesagt, ob man sich – wenn der erste Spieltrieb nachlässt – auch darüber hinaus noch etwas zu sagen hat. Ich würde deswegen aber natürlich niemals irgendwem dazu raten, dem Reiz der Sieben-Sekunden-Männer (oder Frauen) abzuschwören. Aber vielleicht gibt es neben dem Kribbeln im Bauch ein paar andere Dinge, die man heimlich in der ersten Nacht erkunden kann. Den anderen nach dem Sex also nicht gleich rausschmeißen, sondern ein bisschen von seiner Nähe kosten. Seinen Geruch tief in die Nase ziehen, um zu sehen, ob auch das ein Kribbeln auslöst. Ihn heimlich beim Schlafen beobachten – und vielleicht mal ausprobieren, wie gut der eigene Kopf in die Armkuhle des fremden Menschen passt. Einfach um zu wissen, was man hier gerade erlebt hat: Ein aufregendes kleines Abenteuer; oder doch den stürmischen Anfang von etwas ganz Besonderem…

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