Siebenundneunzig

Als ich aus dem Flugzeug stieg konnte ich sehen, dass sie geweint hatte. Ein ganzes Jahr war ich weggewesen und hatte hoffnungsvoll daran geglaubt, die Dinge würden sich ändern in dieser Zeit. Mit der glanzlosen Wahrhaftigkeit meiner jugendlichen Naivität tief im Herzen verschlossen, hatte ich von einer Ankunft geträumt, die besser zu mir sein würde als es die Abreise vor zehn Monaten gewesen war; und hatte mich doch geirrt. „Ich bin so froh, dass du wieder da bist!“, flüsterte sie mir ins Ohr, die Hand zum Griff um meinen Nacken gelegt. „Denn mir geht’s so beschissen.“ In diesen zwei Sätzen lag die ganze jämmerliche Wahrheit über den Sinn meiner Existenz, damals. „Jetzt bin ich ja wieder da!“, lächelte ich hoffnungsvoll und in Breitband. „Jetzt wird alles gut, versprochen.“

Aber etwas hatte sich doch verändert, zuhause. Es war noch kühler geworden und der Umgang miteinander war so scharfkantig, dass es mich schreckte. Irgendwann vertraute sie mir zwischen zwei lauen Frühstückskaffees an: „Wir hätten uns fast getrennt, während du weg warst. Aber dann dachten wir, man teilt eine Familie nicht, während sie unvollständig ist.“ Doch ich wusste, da war noch mehr, nämlich die stille Hoffnung darauf, ich würde zurückkehren als der sichere Puffer, der ich immer zwischen ihnen gewesen war – und so könnte es doch wieder funktionieren. Doch ich war nicht mehr das Kind, als das ich meine Heimat verlassen hatte, sondern eine junge Frau, die in der Fremde das Leben gekostet hatte und nun neugierig darauf war, ihre Zukunft zu gestalten, mit jedem neuen Tag. Ich spürte, wie ich mich innerlich distanzierte und wusste, die Entwicklung war auch ihr längst aufgegangen.

Foto: Petra Schmidt/pixelio.de

Foto: Petra Schmidt/pixelio.de

Ich erinnere mich, wie sie einmal in mein Zimmer kam, während ich telefonierte, worauf ich höflich, doch unter albernem Gekicher das Telefonat mit der Freundin beendete. Sie sah mich an und die Schärfe ihres Blickes schnitt bluttropfend eine kleine Wunde, als sie sagte: „Schön, dass du dich so gut amüsierst, obwohl ich es hier so schwer habe.“ Und weil ihre Worte mich immer schlechter erreichten, holte sie bald vor jedem Schlag noch weiter aus; viele davon trafen mich an Stellen, die heute noch blaulila schimmern von ihrer Wut. Der Winter verging, doch die Kälte in unseren vier Wänden blieb. Es wurde viel diskutiert und geschrieen und ich lernte, meine Ohren nach innen zu verkehren beim Versuch, wenigstens die eine oder andere Auseinandersetzung zu überhören. Doch in die meisten wurde ich ohnehin hineingezogen, um Rat zu geben oder Stellung zu beziehen – um das eine bemühte ich mich redlich, beim anderen scheiterte ich bereits im bloßen Ansatz.

Der Frühling raste an uns vorbei und als darauf der Sommer kam verschwand sie für vier Wochen in einen Kurort am Bodensee. Die beiden anderen flogen zehn Tage gemeinsam auf die Kanaren, ich hatte nur kurz gezögert und mich dann stattdessen für ein paar ruhige Tage allein daheim entschieden. Am Ende wurden sie weder ruhig noch alleine, wieder war das Haus erfüllt von Krach, doch diesmal drang er lachend aus bierseligen Kehlen und ich spürte das Leben durch meine Adern pochen, als habe es den Weg hierher erst jetzt gefunden. Am Ende des Sommers packten meine Mädels und ich den blauen Golf voll mit Zelten, Taschen und Bier und hinterließen unseren Eltern Zettel an den Kühlschränken, die verkündeten: „Sind in Holland.“ Dort vergaßen wir für eine Woche, was uns jeweils daheim beschränkte und stießen nachts, wenn der Regen gegen das Zeltdach trommelte, auf unsere Zukunft an. Doch wenn die anderen schliefen kehrte das Brennen in meine Augen zurück und die Angst davor, was Zuhause passierte, während ich weg war.

Als wir vier Familienbruchstücke uns im Herbst wieder trafen, an dem Ort, den wir einst mit Überzeugung im Herzen unser Zuhause genannt hatten, da wussten wir, dass es vorbei war. Doch hofften noch, wenn wir nur lange genug an der Tatsache vorbeischielten, würde der Sturm die Richtung vielleicht noch einmal ändern. Aber die Streitereien wurden immer unerträglicher und längst hatte sich das Salz auf den Gesichtern beider Generationen verkrustet. Die Kleine und ich sprachen kaum darüber und spürten doch mit einem Blick, unsere Herzen schlugen denselben Takt; nur konnten sie einander nicht helfen – noch. Eines Abends öffnete sich mit einem wütenden Zittern die Tür zu meinem Zimmer: „Ich gehe!“, verkündete sie und hielt ihre Hand bereits, als umschließe die den Henkel eines Koffers, doch bis jetzt hatte sie ihn nur in Gedanken gepackt. „Wer kommt mit?“ Ich erinnere mich an alte Tränen und neue Erleichterung. Und dass ich damals glaubte, nun sei das Schlimmste überstanden. Doch in Wahrheit fing es gerade erst an.

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