Spuren im Schnee

Es hatte über Nacht geschneit, obwohl in der Wettervorschau zuletzt steigende Temperaturen angekündigt worden war. Ihre Laune hätte besser nicht sein können, als sie wach wurde; doch wenig schlechter, als sie zunächst realisierte, wo sie sich befand. Und dann den weißen Puderstaub wahrnahm, der sich wie eine Decke über der Landschaft ausgebreitet hatte. Nur, dass es für sie keine schützende war, die wohlige Geborgenheit spendete, sondern eine, unter der alles an ihr zu ersticken drohte. Der Morgen kam und ging, änderte dabei nichts an ihrer Laune; zumal sie versäumt hatte, etwas zu besorgen, um ihn sich aufzuwerten. Diese englische Marmelade vielleicht, oder den neuen indischen Tee? Es schien, als sei sie auf kleinen Helfer angewiesen, um durch die Tage zu kommen. Immerhin, Kaffee hatte es gegeben, ein Vorteil gegenüber gestern. Es war nicht gut, die Nacht im Bett eines Fremden zu verbringen, zu oft konnten die Knaben am Morgen danach nicht mit Kaffee dienen. Aber wer einen Joint als den perfekten Wachmacher ansah, dem verursachte Koffein wohl ohnehin Herzrhythmusstörungen.

Spuren im Schnee

Sie hatte sich mit dem Kiffen nie angefreundet, wenn auch vermutlich nur, weil ihr bei den wenigen Versuchen, die sie mit der Droge gestartet hatte, übel geworden war. Dass sie grundsätzlich etwas gegen Drogen hätte, war so nicht haltbar; die meisten riefen nur bei ihr nicht die Wirkung hervor, für die andere die Rauschmittel schätzten. So blieb sie über die Jahre lediglich dem Rauchen treu; eher ungewöhnlich für eine Leistungssportlerin, aber, wie ihre letzten Wettkampfwerte gezeigt hatten, offenbar kaum abträglich. Sie brachte es auf etwa 30 am Tag, unbeeindruckt vom nun verstummten Wehklagen ihres Trainers, den scharfen Warnungen des Arztes und dem verständnislosen Kopfschütteln ihres Freundes. Freund, das sagte sich so, aber wo der eigentlich geblieben war – sie hatte keine Ahnung. Vielleicht trieb er sich mit anderen Frauen durch die Stadt, aber was sollte sie dagegen sagen? Immerhin trieb sie es in der einzig wahren Bedeutung des Wortes seit Wochen mit einem Kerl nach dem nächsten, allesamt ziemlich jung. Warum die Jungen, war ihr selbst nicht klar, immerhin konnte sie mittlerweile zwischen weniger gutem und schlechtem Sex unterscheiden – im Gegensatz zu den meisten dieser Anfänger.

Das Telefon klingelte, und obwohl ihr nicht der Sinn nach Unterhaltung stand, beantwortet sie sein Schrillen. „Hi, ich bin’s!“ Ihr Bruder schien aus Gründen, die sich ihr nicht erschließen wollten, der Meinung zu sein, er sei der einzige Mann, der sie mit Anrufen nervte. Dabei war ihr AB voll von „ich bin’s“ – und weiß Gott nicht alle von ihm. Andererseits, wie sollte er wissen, dass es all die Knaben gab, neben dem einen, den sie mitbrachte zu Familienfesten. „Was hältst du von ’nem Spaziergang?“ Der Schnee lockte sie nicht, dennoch sagte sie nicht ab und wenige Minuten später stand er vor ihr. „Was macht der Tennisarm?“ „Witzig, Jo! Wenn du willst, dass ich sofort wieder gehe, nur weiter so.“ „War doch nur ein Witz, stell dich nicht so an. Schmerzen?“ „Wie denn, du Depp?“ „Ich dachte, dass man…“ „Nein! Und ich will auch nicht drüber reden.“ Sie liefen schweigend die Straße hinunter, zum Wasser, dorthin zog es sie stets. Er hatte nie eine Richtung gehabt; niemand in ihrer Familie hatte eine Richtung. „Ist dir mal aufgefallen, dass im Schnee immer nur Spuren von Kindern sind? Also, nicht auf dem Gehweg, aber so daneben, in den Wiesen und so?“ Sie sah den schlaksigen Kerl betont desinteressiert an. Ein hübscher Junge, keine Frage.

„Du bist ein Trottel“, stellte sie fest, ohne auf seine Frage einzugehen. Er reagierte mit einem albernen Kichern, so als ob sie ihm ein Kompliment gemacht hätte. Schweigend gingen sie weiter. Sie dachte nach, in einer Intensität, dass sie glaubte, er müsse die Rädchen in ihrem Hirn bei jeder Bewegung quietschen hören. Aber nichts deutete darauf hin, dass er sie beobachtete oder auf eine ernsthafte Antwort auf seine eindringlich gestellte Frage wartete. Sie beantwortete sich diese im Stillen, als wolle sie ihn nicht daran teilhaben lassen, was ihr Kopf an Ergebnissen produzierte. Erwachsene glaubten, einen Weg erkannt zu haben, dem sie folgen mussten, dabei hatten sie nichts als ihre Unbeschwertheit verloren. Kinder, die wichen vom Wege ab, stürmten in die weiße Pracht, als ob es nichts Schöneres gäbe; nichts faszinierender sei als die Abdrücke ihrer kleinen Füße im leuchtenden Weiß. Je unterschiedlicher die Schuhprofile ihrer Gefährten, umso besser, es erhöhte den Zauber beim Spurenlesen. Nur unwillig erinnerte sie sich, dass als Kind auch sie den Schnee gemocht hatte.

„Schnee ist eh doof. Genau wie du. Und kleine Kinder.“ „Man, hast du eine Laune. Wie hält denn Mark das aus?“ Gar nicht, schmerzte sie, er legt meine ehemaligen Teamkolleginnen flach, während ich vom Hausmeister bis zum Vereinspräsidenten allen die Schwänze lutsche und wir uns beim Frühstück ins Gesicht lächeln und so tun, als wäre alles in Ordnung. „Och, der verträgt das ganz gut.“ „Marie, wieso willst du denn mit niemandem darüber reden?“ „Worüber?“, stellte sie sich dumm. „Den Unfall. Dass du keinen Schnee mehr magst. Und deine Klamotten bei einer Schneiderin darauf warten, abgeholt zu werden. Schreibst du mit links?“ Ich mache alles mit links, dachte sie bei sich, null Problemo, gar kein Ding, besten Dank. „Weil es nicht euer Problem ist.“ „Doch“, insistierte er, was ungewöhnlich war. „Denkst du, ich weiß nichts von Marks Affären? Oder glaubst du, deine hätten sich nicht rumgesprochen? Warum lässt du dir nicht helfen? Wieso hast du aufgehört, zum Arzt zu gehen?“

Marie spürte unvermutet ein heftiges Pochen in der rechten Schulter. Es fühlte sich an, als ob die Wunde aufplatzen wollte, auch wenn sie wusste, das war unmöglich. Jos Gequatsche machte sie wütend. Warum akzeptierte niemand, dass sie beschlossen hatte, das Thema nicht anzusprechen. Allein der Gedanken, dass ihre Sachen überhaupt bei der verdammten Schneiderin lagen, war unerträglich. Es gab Dinge, die konnte man nicht flicken. „Du willst wissen, warum ich aufgehört habe zu meinem Arzt zu gehen, du Affe?“ Jo nickte und schien tatsächlich aus ihrem Mund eine vernünftige Antwort zu erwarten; irgendwie rührend. „Weil er ein Dieb ist, Jo. Deswegen.“ „Was hat er dir denn geklaut? Geld?“ Marie verdrehte die Augen. Mit der Hand deutete sie auf ihre offenen Schnürsenkel. „Mach mal zu“, bat sie den Bruder barsch. „Wieso ich?“ „Weil ich mit links noch nicht binden kann, du Arsch“, murmelte Marie leise, und mit der Hand griff sie nach dem luftigen rechten Jackenärmel und wedelte ihrem Bruder damit vorm Gesicht.

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