Sternenhimmel über der Wüste: Die Farbe der Nacht

Gut 30 Jahre sind vergangen, seit Mae ihre Geliebte Laurel zuletzt gesehen hat. Nun entdeckt sie diese wieder – im Fernsehen, als eine der ungläubigen, verstörten Beobachter der einstürzenden Türme des 11. September. Durch dieses Quasi-Wiedersehen geht eine Wunder auf, so will es dem Leser zunächst erscheinen; bald schon wird aber klar, Mae ist längst selbst zur Wunde geworden – offen stehend und blutend. Der Blick, den Autor Madison Smartt Bell durch die Augen seiner Ich-Erzählerin auf das Amerika der letzten sechs Jahrzehnte wirft, ist ein schonungsloser. Er schickt seine Figur in eine durch und durch abartige Welt, umgeben von perfiden Menschen wandelt sie in zunehmender Abgestumpftheit durch den Morast ihres Lebens. Dessen Szenen sind in ihrer Eindeutigkeit fast schon zu banal – der Bruder, der sie missbraucht und dann für eine andere Frau „verlässt“, die Eltern, die sie vernachlässigen, die Gesellschaft, in der sie keinen Halt findet – und wirken doch nie platt oder beliebig.

Die Farbe der Nacht – ein Leseerlebnis, das lange nachwirkt. (Foto: Verlag)

Die Farbe der Nacht – ein Leseerlebnis, das lange nachwirkt. (Foto: Verlag)

In den Sechzigerjahren wird Mae Teil einer Kommune, für deren zerstörerische nächtliche Feldzüge Bell sich Charles Manson zum Vorbild nimmt. Gewalt, Mord, Drogen und Sex greifen bei den Sektenmitgliedern ineinander wie die stumpfen Zacken eines Zahnrades und können jederzeit zur Orgie anschwellen. Angst und Euphorie, Blutrausch und Erregung, das alles schafft Einheit und wird zu einer zerstörerischen Bewegung, mit der die Gruppe zuerst andere, aber letztlich auch sich selbst vernichtet, da sich ihre Mitglieder zu sicher fühlen. Als die Polizei die Kommune hochnimmt, sind es alleine Mae und Laurel, die sich zuerst verstecken können und dann gemeinsam fliehen. Für eine Weile bleiben beide in scheinbarer Unbeschwertheit zusammen, wirken befreit aus den Klauen der Sekte; bis sie ihren Anführer in der Wüste treffen und eine erneute Bluttat sich so zwischen die Frauen schiebt, dass ihre Wege sich fürderhin trennen.

Mae lebt in einer Wohnwagensiedlung, als der Leser ihr begegnet. Sie arbeitet in einem Casino in Nevada, vögelt mal für den Rausch und mal gegen Geld, berauscht sich neben dem Sex an Drogen und Gewalt. Wenn sich die Wüste abkühlt, zieht sie mit ihrem Gewehr unter dem Sternenhimmel durch die nächtliche Einsamkeit, umgeben von derselben Stille, die ihre gewalttätigen Streifzüge einst kennzeichnete. Diese äußere Stille schafft eine innere Ruhe, die Mae sonst vergeblich sucht, zugleich schafft sie für den Leser kleine Inseln der Erholung im atemlosen Tempo der Geschichte. Mae wird Laurel aufsuchen, so viel ist klar – aber was passiert, wenn die beiden Frauen sich nach all der Zeit gegenüberstehen? Und feststellen, die gemeinsame Zeit hat eine von ihnen in einem Leben der Zerrüttung wieder ausgespuckt, während die andere ihres seit der Trennung in der Wüste in die Formen der gesellschaftlichen Erwartung gegossen hat?

Als ich erwachte, saß ich auf meiner Veranda. Das kalte Telefon in beiden Händen. Der Akku war leer, er hatte sich klaglos verbraucht. Wie oft ich wohl angerufen hatte. Wieder und wieder, Stunde um Stunde. Aber nie eine Antwort, kein einziges Mal.

Bells Buch ist schnell und intensiv, seine Geschichte und ihre Figuren wirken lange nach. Ein Phänomen ist zudem, wie er es schafft, in all der scheinbaren Eindeutigkeit dieser Schilderungen nie ein Urteil über seine Hauptfigur zu fällen, ihr vielmehr sogar Momente der Nähe mit dem Leser erlaubt. Die Sprache der Erzählung bohrt sich unter die Haut, sie ist poetisch und eindringlich und Bell findet Bilder, die weder zu schwach wirken noch überzogen – sondern immer genau richtig. Ein absolut empfehlenswertes, aufwühlendes Leseerlebnis.

Madison Smartt Bell
Die Farbe der Nacht
238 Seiten
Verlag: Liebeskind
Preis: 18,90 Euro

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