This is not a Lovesong

Ich könnte jetzt behaupten, dass ich gar nicht mehr genau weiß, wie das zwischen uns beiden mal angefangen hat. Weil es ja schon so lange her ist. Aber es wäre gelogen. Ich erinnere mich an jeden noch so kleinen Moment. Zwölf Monate, seitdem wir uns das erste Mal bewusst gegenüberstanden. Zwölf Monate, in denen mein Herz immer nur für dich geschlagen hat. Als wir die ersten Worte miteinander wechselten, habe ich mich erinnert daran, dass ich dich auch zuvor schon das ein oder andere Mal gesehen hatte. Nur eben nie – gekannt. Du warst der mit der Freundin, die auf französische Filme stand. Und die immer wirkte, als würde sie jeder anderen Frau, die dir zu nahe kam, die Zähne in den Hals schlagen. Doch ich musste keine Angst haben um meinen Hals, damals – denn ich habe mich nicht für dich interessiert.

Mittlerweile hatte sich zwischen dich und diese Freundin ein Ex geschoben und sie schlug nun Frauen die Zähen in den Hals, die nach einem anderen Mann den Kopf drehten – ihrem Neuen. Und du schienst mir irgendwie ganz anders als früher noch, ich weiß nicht, vielleicht – reifer? Wenn ich damals schon meinen Irrtum geahnt hätte… In dem Moment der ersten Worte, damals im September, hatte ich ein Bein auf einen Mauervorsprung geschwungen, die Hand über die Augen gelegt und versuchte, trotz strahlenden Sonnenscheins etwas auf dem kleinen Drehmonitor zu erkennen, der neben meinem rechten Fuß stand. „Ein bisschen weiter zusammen, Jungs!“, rief ich den beiden Kindern vor der Kamera zu, „und dann machen wir das gleich noch mal“. Und plötzlich bist du hinter mir gestanden, wolltest auch auf den Monitor gucken, der zeigte, worauf genau dein Kumpel Max gerade die Kamera richtete. Du hast deine Hand wie selbstverständlich auf meinem rechten Knie abgelegt, dich vorgebeugt und dabei kratzig gemurmelt, „wow. Das sind mal lange Beine. Und dazu so beweglich.“

Ich erinnere mich mit jeder Faser meines Körpers an unseren ersten Kuss. (Foto: Stephan B./pixelio)

Ich erinnere mich mit jeder Faser meines Körpers an unseren ersten Kuss. (Foto: Stephan B./pixelio)

Eigentlich hätte ich dich von dem Moment an einfach dämlich finden müssen. Die mindeste Erwartung aber, die ich an mich selbst hätte haben können, damals, wäre wohl die gewesen, mir zu merken, dass du ein kleiner Macho bist. Ein Aufreißer. Ein Frauentyp. Dumm nur, dass meine Alarmglöckchen in jenem Moment offenbar zu Tisch saßen. Und darum nicht verhindern konnten, dass ich dir verfallen war, in der Sekunde, in der deine Hand mein Knie zum ersten Mal streifte, deine raue Stimme sich zum ersten Mal in mein Ohr wandt.

Ich erinnere mich mit jeder Faser meines Körpers an unseren ersten Kuss. Dein Wohnzimmer, in dem wir nach einem Abend auf der Rolle gelandet waren. Deinen Kumpel, der mit seiner Perle noch auf ein Bier mit zu dir gekommen war, nur damit du und ich einen Vorwand hatten, gemeinsam in deine Wohnung zu gehen, statt jeder alleine nach Hause. Nicht, dass wir den gebraucht hätten: Immerhin sind wir zwei erwachsene Menschen, auch wenn wir uns so nicht verhalten; zumindest nicht – miteinander. Aber irgendwie war da von Anfang an ein Zögern, vielleicht auch eine Feigheit? Und wir brauchten diesen Vorwand als Starthilfe. Als wir uns endlich zum ersten Mal küssten, dämmerte draußen bereits der Morgen. Dein Kumpel war schon Stunden zuvor nach Hause gegangen. Aber wir nahmen uns unsere Zeit. Und irgendwie war es ja auch süß, wie wir zwei da so umeinander saßen, völlig überfordert davon, dass wir uns gern hatten, gegenseitig – eigentlich doch die schönste Sache der Welt. Und dass wir scharf aufeinander waren, ganz offensichtlich, aber uns nicht mal trauten, die zwei Meter Couch zwischen uns Stück für Stück zu verringern.

Irgendwann dann, als ich mit neuem Bier aus der Küche kam, mich wieder setzte und nach den Kippen griff, die vor mir auf dem Tisch lagen, hast du meine Hand festgehalten. Du hast mich angeschaut, irgendetwas gemurmelt von Mut und vom Küssen und ich konnte nichts tun, nur atmen, ganz konzentriert atmen, weil mein Körper wie von Stromstößen geschüttelt wurde und ich mich fühlte, als würde ich explodieren, von dieser kleinen Berührung schon, wie eine bisher ungeahnte Abhängigkeit. Schließlich bist du von der Couch aufgestanden und vor mir auf die Knie gegangen, meine Hand lag noch immer warm in deiner – und da sind wir beiden verschmolzen, zum ersten Mal. Unsere Münder, erst. Unsere Körper, später. Und auch ein kleiner Teil unserer Seelen.

Doch wir hatten nicht den Mut, über das, was sich da ganz zart zwischen uns anbahnte, zu sprechen. Sind umeinander getanzt, wie um ein Feuer, dem man nicht zu nahe kommen will, weil man Angst hat, sich zu verbrennen daran. Von dem man aber auch nicht zu fern abrücken möchte, weil man doch weiß, es hält so wunderbar warm; und das eigene Gesicht strahlt fremd von diesem verwirrenden Glanz, im Widerschein der züngelnden Flammen. Reden, das hat nie funktioniert zwischen uns. Nur der ganze Rest ging wie von selbst, sich sehen, sich spüren, sich begehren, sich anvertrauen, sich zuhören, sich Zeit geben und nehmen – all das hätte so schön sein können; doch du hast es nicht zulassen wollen. Feige bist du gewesen, auch zu feige um mir zu sagen, dass dein Gefühl kleiner blieb als meines, das nicht aufhören wollte zu wachsen. Stattdessen hast du dich immer wieder auf alte Verletzungen und neue Ängste rausgeredet. Und mich nicht gehen lassen, aus Angst, erst dann zu merken – wir hätten doch beide dasselbe gewollt.

Also, festhalten, Hoffnung nähren, in dem du immer wieder an meine Seite zurückgekehrt bist, schmeichelnd, liebevoll einmal, fordernd und besitzergreifend beim nächsten – immer mit dem rechten Wort zur rechten Zeit. „Du bist doch die Beste“, „alle anderen sind blass neben dir“ – so einfach war das. Nur, wieso hast du sie dann gefickt, all die Anderen? Und bist immer wieder mit einem neuen, fremdsüßen Geruch behaftet unter meine Laken zurückgekrochen; und ich? Habe dich gelassen… Meinen Stolz vergraben, meinen Mut und meine Aufrichtigkeit, vor lauter Sehnsucht. Weil wir doch alles hatten, bevor du loszogst, es zu zerstören; ich vielleicht hoffte, die Zeit stünde auf meiner Seite und dir gut zu Gesicht. Bei all dem kann ich dir noch nicht einmal einen Vorwurf machen, weil ich mich anstecken ließ von deiner Feigheit. Weil ich sie mir übergezogen habe wie einen maßgeschneiderten Mantel und, darin eingewickelt, mit lockerer Stimme immer wieder betont, dass wir ja nur Spaß haben. Du und ich. Freundschaft Plus, haben wir das genannt, was in Wirklichkeit Freundschaft Minus war: Minus Respekt. Das Minus haben wir uns selbst eingebrockt, weil wir nicht ehrlich zueinander waren.

Die Wahrheit habe ich vor dir und auch mir selbst verborgen, bis sie sich nicht länger in Ketten legen ließ, denn ich liebte dich. Ich hatte angefangen dich zu begehren, als deine Hand auf mein Knie gefallen war. Angefangen dich zu mögen, als wir nachts, in verrauchten Clubs, die Köpfe zueinander steckten und geflirtet haben, als ginge es um mehr als nur das bisschen Sex. Und angefangen dich zu lieben, als ich die erste Nacht in der Wärme deiner Umarmung verbracht habe. Mich nicht gewälzt habe und nicht wollte, dass du gehst, sondern mich wohl gefühlt habe und sicher in deiner Nähe. „Irgendwas ist so komisch an dir!“, hast du bei unserem letzten Treffen gesagt – und mir hat eine einzelne Träne salzig im Augenwinkel gebrannt. Du konntest ja nicht wissen, dass wir uns nicht wiedersehen werden; weil ich nun anfangen muss, dich zu vergessen. Um dich zu vergessen aber, darf ich dich nicht mehr sehen. Diese Wunde halte ich nur ohne Hingabe verschlossen.

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