Thomas Tuchel: Die Biografie

In einem seiner seltenen Einwürfe auf Twitter betont Thomas Tuchel im April 2020, dass er an der zu seiner Person erschienenen Biografie weder mitgearbeitet, noch sie autorisiert habe. Man will dem Trainer, dessen Profikarriere beim 1. FSV Mainz 05 begann, da gerne zurufen, dass weder die abgelehnte Mitarbeit eine kluge Entscheidung war, noch die Distanzierung eine solche ist.

Bei Daniel Meuren, der Tuchel in seiner Mainzer Zeit als Journalist begleitet hat, und Tobias Schächter, der ihm als Spieler zu Regionalligazeiten begegnete, wäre Tuchel in guten Händen gewesen. Die bisherige Laufbahn ist es auch ohne seine Unterstützung, wobei die im Verlag Die Werkstatt erschienene Betrachtung „Thomas Tuchel – Die Biografie“ sicher von persönlichen Gesprächen mit dem taktischen Mastermind noch profitiert hätte.

Das Gefühl, Einblicke in Tuchels sportliche Denke und in die Herangehensweise an seinen Job zu bekommen, stellt sich beim Lesen dennoch ein. Das liegt vor allem daran, dass Meuren den Trainer während seiner Arbeit in Mainz in regelmäßigen Medienrunden erlebte, aus denen er einerseits seine Eindrücke von der Person Thomas Tuchel speist und zum anderen Zitate ins Buch einfließen lässt.

Gerade in der Betrachtung der Zeit beim FSV gerät der Umstand, dass Tuchel für Gespräche bei der Arbeit an dem Buch nicht zur Verfügung stand, teilweise völlig in Vergessenheit. Das ist auch der lebendigen Schreibe des Autorenduos zu verdanken. Wenn sie Tuchel zu Beginn seiner Trainerkarriere im Profibereich zitieren, legen die Worte des damals 35-Jährigen die Basis für die weitere Betrachtung seines Wirkens im Buch:

„Ich habe vom ersten Tag an bei Mainz 05 Rückendeckung und Wertschätzung für mich und meine Arbeit gespürt.“

Thomas Tuchel

Die Wertschätzung ist, so liest es sich, essentiell für den Trainer, der überall da besonders aufblüht, wo sie ihm entgegengebracht wird. Gleichzeitig ergibt sich bei der Lektüre dieser Biografie das Bild eines Menschen, der für Sympathien keine Kompromisse eingeht, wenn es um seine Werte oder die eigene Jobauffassung geht. Was nicht bedeutet, dass ihm menschliche Differenzen egal sind, er setzt nur andere Prioritäten. Das bekamen auch in ihren Vereinen verdiente Spieler zu spüren, deren Ansprüche auf Einsätze er auf ihre Leistung herunterbrach – und nicht erfüllte.

Wertschätzung gegenüber dem Menschen

Tuchel ist niemand, der sich darum bemüht, beliebt zu sein, das gibt sein Fokus nicht her. Im Job zweimal auf den so emotionalen Jürgen Klopp gefolgt zu sein, kann deshalb für den Schwaben keine leichte Aufgabe gewesen sein. Meuren und Schächter betrachten die Schwierigkeiten, die Tuchel beim BVB – neben dem sportlichen Erfolg – bald hatte, mit wohltuender Distanz und sie verlieren dabei niemals die Wertschätzung gegenüber dem Menschen.

Es mag ein „Mainzer Blick“ auf Thomas Tuchel sein, der beim FSV Spieler und Trainer geprägt und den Verein in ungeahnte Tabellenregionen geführt hat. Unkritisch ist er nie. Anzumerken ist ihm die wohltuende Bereitschaft zur Differenzierung, die vielen bei der Betrachtung Tuchels abgeht.

So schnell, wie sich das Rad hinsichtlich der Karriere von Thomas Tuchel weiterspinnt, wäre schon bald die Zeit für eine Neuauflage und Fortschreibung gekommen. Vielleicht lässt Tuchel sich ja im zweiten Versuch darauf ein, Teil dieses guten Projekts zu werden. Es würde sich für alle Beteiligten lohnen. Auch in der vorliegenden Fassung gibt’s eine klare Leseempfehlung.

Thomas Tuchel – Die Biografie

Verlag Die Werkstatt

Paperback 19,90 Euro
eBook 14,99 Euro

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