Unbemerkt

Ein Abschied wirft keine langen Schatten. Und hinter dieser Wahrheit verbirgt sich ein Teil des Schmerzes, der ihm innewohnt. Weil wir nicht begreifen, was wir haben, bevor es uns verloren geht. In einem Moment, den wir erst dann wahrnehmen, wenn er [uns] zerbricht.

Der Moment, den wir erst dann wahrnehmen, wenn er [uns] zerbricht. (Foto: Lutz Stallknecht/pixelio.de)

Der Moment, den wir erst dann wahrnehmen, wenn er [uns] zerbricht. (Foto: Lutz Stallknecht/pixelio.de)

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Das Leben hatte es gut gemeint mit Thalmut Kirchner. Als erste Professorin ihres Fachs hatte sie an der Universität ein Institut aufgebaut, das nun ihren Namen trug. Die Kollegen schätzten ihre Fachkompetenz, die Studierenden schauten zu ihr auf – und neben den beruflichen Erfolgen, hatte sie in den letzten Jahren den einen oder anderen Flirt mitgenommen. Und sich so bewiesen, dass Erfolg auch in ihrem Alter noch sexy machte. Ihr Mann, der ihren Aufstieg stets unterstützt hatte, vermisste die gemeinsamen Abende mit Thalmut, doch stets fand sie neue Ausreden, warum sie ihn immer wieder versetzte. Hätte sie gewusst, dass Joachims Herz, gleich einer Küchenuhr, festgestellt war auf den einen Moment, in dem es Alarm schlagen – und anschließend verstummen würde. Hätte sie geahnt, dass alle Erfolge ihr länger erhalten bleiben würden als die Zweisamkeit mit ihrem Mann – vielleicht hätte sie aufgehört, seine fragenden Augen zu ignorieren. Und in seinen Armen die lang verblasste Nähe zugelassen, die sie später, für Jahre, vergeblich an seinem Grab suchte.

Damals, in der vierten Klasse, saß Peter immer neben Klara. Er sprach kein Wort, während er den ganzen Vormittag an ihrer Seite verbrachte, weil er nicht wusste, was er sagen konnte, um ihre Aufmerksamkeit für jetzt und immer zu fesseln. Tagelang verbrachte er damit, nach dem perfekten Satz zu grübeln, doch so lange ihm der nicht einfallen wollte begnügte er sich mit einem breiten Lächeln, das er ihr jeden Morgen schenkte, wenn sie auf dem Stuhl neben dem seinem Platz nahm. Hätte er gewusst, dass Klaras Vater für eine Firma arbeitete, die ihn und seine Familie häufig versetzte. Hätte er geahnt, dass der Platz neben ihm eines Morgens einfach leer bleiben würde, ganz ohne Vorankündigung – vielleicht hätte er sich mit einem Vorboten des perfekten Satzes begnügt. Anstatt nach jenem Dienstag, an dem Klara nicht mehr kam, fassungslos stumm zu bleiben neben dem leeren Stuhl. Bis die Schulglocke ihn um die Mittagszeit erlöste und er auf dem Heimweg heimliche Tränen weinte, um all die Sätze, die er nur gedacht, nie aber ausgesprochen hatte.

Brigitte kam aus einem strengen Elternhaus, doch wenn man sie nach den Bedingungen ihrer Herkunft fragte bekam man die simple Auskunft, es habe ihr nicht geschadet. Die eitle Strenge gab sie als Mutter an ihre drei Töchter weiter, von denen sie nie weniger als absolute Perfektion einforderte – ganz so, wie sie es selbst einst Zuhause erlebt hatte. Hätte sie den Schmerz zugelassen, den ihre eigene Kindheit ihr tief in die Herzfalten geschnitten hatte. Hätte sie geahnt, um wie viel sensibler als die Schwestern, oder sie selbst, Hannah gestrickt war – vielleicht hätte ihr Herz im Umgang mit dem jüngsten Kind die sanftmütige Liebe gelernt, nach der die Kleine sich sehnte. Und sich so den Anblick verhindert, von baumelnden Füßen, sechzig Zentimeter über der Erde. Und einem schmalen Hals, blau vom zerrenden Strick.

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Als du zum ersten Mal einen Schritt zurückgestolpert bist von dem, was zwischen uns war, hat sich mein Stolz vor die Regungen meines Herzens geschoben. Und als du mir fragenden Blickes immer weiter abhanden kamst, habe ich ins Meer deiner Augenblicke gelächelt und behauptet, dass uns nichts verbindet, was die Ufer der Alltäglichkeit zu fluten vermag. Hätte ich in dieser einen Nacht gewusst, es würde die letzte sein, die ich in deinen Armen verbringe, deinen Kopf an meiner Schulter, deine Hand fest um meine geschlossen. Deine Brust an meinem Rücken, deinen ruhigen Atem in meinem Nacken – vielleicht wäre ich all diese Stunden neben dir wach geblieben, dir zu lauschen; diesen letzten Moment zu genießen. Bevor der eine kam, der uns trennte – und dem ich noch ins Gesicht lachte, als wäre nichts dabei.

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