Vergiftete Hoffnung: Fußball gehört ins Stadion

Ein halbes Jahr ist es her, dass Vergiftete Hoffnung im Societäts-Verlag erschienen ist. Es war ein halbes Jahr, in dem ich keine Lesungen halten konnte, in dem das Buch deshalb auch viel weniger sichtbar war, als 2018 der Vorgänger Im Schatten der Arena. Im März veröffentliche ich deshalb vier Ausschnitte aus dem 05-Krimi. Begleitet werden diese von den eingelesenen Kapiteln.

Beim Frühstück hängt Luca über der Spieltagsseite der AZ und versucht, die Namen der erwarteten Aufstellung zu lesen. Einige kann er schon völlig eigenständig entziffern, bei manchen braucht er Hilfe. Wieder andere kann er nicht wirklich lesen, hat sich aber die Reihenfolge der Buchstaben wie ein Bild gemerkt und trägt sie deshalb besonders selbstbewusst vor.
„Mama. Schöbamäh spielt, hast du gesehen.“
„Ja. Und Brosinski.“
Der Name seines Lieblingsspielers gehört zu jenen, die Luca weder lesend noch erinnernd erkennt, was ihn sehr ärgert. Jo hat es sich deshalb zur Angewohnheit gemacht, ihm den Außenverteidiger immer direkt aufzuzeigen.
Luca nickt wissend und Jo beobachtet liebevoll, wie er nach dem Namen eines zweiten Außenspielers sucht. Schließlich entdeckt er Donati und schaut sie mit hochrotem Kopf an. „Du, Mama, wenn Tschullio dabei ist, dann spielt Brosi heute wohl auf links.“

Jo nickt und lächelt. „Das denke ich auch, Cookie. Und weißt du denn, was heute etwas Besonderes ist bei dem Spiel?“
Luca strahlt. Nonna hat ihm am Freitag das Interview seiner Mutter mit Danny Latza vorgelesen. „Latza muss heute schon vier Tore schießen, damit er besser ist als letztes Mal.“
Jo lacht. „Das wird glaube ich schwierig, Schatz.“
„Aber nicht unmöglich, Mama. Benni Auer hat auch mal vier Tore für uns geschossen. Aber wir sind trotzdem nicht aufgestiegen, leider, leider.“ Er sieht sie aus großen Augen an.
Jo beugt sich vor und küsst ihren Sohn auf die Stirn. Es ist schwer zu erklären, wieso es sie derart rührt, dass er Fußballerlebnisse aus dem Ärmel schütteln kann, bei deren Entstehung er nicht einmal geboren war. Aber sie spürt eine heiße, heftige Liebe in ihrer Brust aufflammen und würde Luca am liebsten nie mehr loslassen.
„Stimmt doch, Mama, oder?“
Jo lächelt ihn an. „Stimmt absolut. Du bist so klug.“

Luca beobachtet sie angestrengt. „Aber du meinst was anderes. Oder, Mama?
„Jein. Latza ist etwas ganz Besonderes für das Spiel heute, das stimmt. Aber überleg mal, wer noch?“ Sie breitet die Arme neben dem Körper aus und schwingt sie auf und ab.
„Kackt uns eine Taube auf den Kopf?“ Luca rümpft die Nase.
„Nein, du Quatschkopf. René Adler steht heute bei uns im Tor – und der hat lange für den HSV gespielt.“
Luca ist nicht beeindruckt. „Ach sooo. Aber Mama, das interessiert den doch gar nicht mehr. Der ist ja jetzt Mainzer.“

Luca soll mit seiner zuversichtlichen Einschätzung falsch liegen, der langjährige HSVer René Adler scheint an diesem Nachmittag sehr beeindruckt davon, zum ersten Mal gegen seinen Ex-Verein zu spielen. Weil aber Maxim die Mainzer nach nur zwei Minuten in Führung bringt, fällt die deutliche Unsicherheit des Schlussmanns erstmal nicht ins Gewicht. Luca bejubelt beim Tor weniger den Schützen als den Vorlagengeber: Donati. „Hast du gesehen, das war Tschullio!“, erklärt er strahlend Stefan, der seit vielen Jahren neben ihm im S-Block steht.
„Ja, das hat er prima gemacht“, nickt der. „Aber für Maxim war es das erste Tor für Mainz 05, wusstest du das?“
Luca sieht auf die Anzeigetafel, die den Treffer für einen Moment festhält. „Eeehrlich? Das allererste?“
Stefan nickt.

„Mama. Gell, Maxim kommt aus Rumanien.“
„Rumänien, Luca. Und schau mal, jetzt hat Hamburg den Ball.“
Der Dotz umfasst mit beiden Händen einen Wellenbrecher, legt den Kopf darauf ab und beobachtet, wie der Ball zwischen den Mannschaften hin und her geht. Hamburg scheint gerade ein wenig die Oberhand zu bekommen. „Mama, hilf mir mal.“ Er hängt nun halb unter dem Wellenbrecher, beide Füße darum geklammert. Jo hievt ihn auf die Stange, damit er besser sieht.
„Hast du hinter dir gefragt, ob das okay ist?“ Luca dreht sich zu dem Ehepaar in seinem Rücken. „Seht ihr noch was?“ Die beiden rücken ein wenig nach außen und schauen nun links und rechts an ihm vorbei. „So geht es.“

Jo holt tief Luft und lächelt in sich hinein. Sie weiß nicht, wie die beiden heißen, wohl aber, dass sie verheiratet sind. Sie hat keine Ahnung, wo sie leben oder was ihre Jobs sind, aber sie weiß ohne Zweifel, ihre Herzen schlagen für Mainz 05. Sie könnte nicht sagen, ob sie Geschwister haben, an Gott glauben oder in der freien Zeit gerne schwimmen gehen, aber sie hat mit ihnen in den letzten Jahren Momente der Nähe geteilt, wie sie sie sonst nur mit engen Freunden oder vertrauten Familienmitgliedern erlebt.

Das Stadion ist ein magischer Ort und die Begegnungen, die sie dort alle zwei Wochen erlebt, sind mindestens so wichtig, wie das Geschehen auf dem Platz. Sie dreht sich zur Seite, um Lucas Gezappel auf dem Wellenbrecher und Stefans so konzentriertes Gesicht gleichzeitig beobachten zu können. Deswegen ahnt sie, was auf dem Spielfeld passiert sein muss, bevor Klaus Hafners sonore Stimme es ihr über die Stadionanlage mitteilen kann: der Ausgleich.

„Mama. Der große Mann ohne Haare hat ein Tor geschossen, weil Stefan Bell nicht richtig aufgepasst hat.“ Luca schaut vorwurfsvoll, und an der Seitenlinie rastet Sandro Schwarz mit dem ganzen Körper aus. Er geht zu Co-Trainer Jan-Moritz Lichte, der die Ersatzspieler alle auf einmal zum Aufwärmen schickt. Jo grinst.
„Stimmt, Schatz. Da sah Bell nicht gut aus.“
„Ich weiß nicht, was es da zu lachen gibt, Mama.“
Der strenge Ton ihres Sohnes kitzelt ihr Lachzentrum noch mehr als seine leicht altkluge Einschätzung zu Stefan Bells Schnarcherei vor dem Gegentreffer. Sie schielt ein wenig neidisch auf das Bier ihres Nebenstehers und schüttelt sich. „Tut mir echt leid, Cookie. Es war so ein doofes Tor, manchmal muss man auch lachen, weil etwas besonders doof war.“
„Meinst du, René Adler hat jetzt eine Herzspaltung? Weil er doch immer noch in Hamburg wohnt.“ Die Tatsache, dass der Torwart nicht Haus und Hof an der Elbe für die zwei Jahre in Mainz aufgegeben hat, macht ihrem Sohn zu schaffen.
„Ich denke nicht, Cookie. Aber vielleicht ist er schon besonders nervös heute. Stell dir mal vor, du müsstest bei Skribb.lio gegen Nonna und mich ran.“ Das grob an die Montagsmaler angelehnte Onlinespiel zocken sie neuerdings zu dritt gegen Lucas Freund Emil, dessen älteren Bruder und seine Mutter.
„Ui, Mama, das wäre sehr kompliziert in mir drin.“ Er schlägt sich leicht mit der Faust gegen die Brust.
„Siehst du. Und so geht es René Adler gerade.“

Vergiftete Hoffnung, Kapitel 15

aus: Vergiftete Hoffnung, Mainz-05 Krimi | Kapitel 15

Das Buch kann über jede Buchhandlung bezogen werden. Online ist es u.a. erhältlich im Shop der Autorenwelt.

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