Willst du gehen, lass mich vor dir sterben

Weißt du wie man einfach verschwindet,
wie gut die Zeit mir dir verrinnt
die uns bleibt, bis wir gehen,
lass mich vor dir sterben…

Als ich ein kleines Mädchen war, hat meine Nachbarin oft auf mich aufgepasst, eine Frau mit einem Herzen, in dem Platz ist für die Welt und mehr. Für mich hieß sie „Tante Ilse“ und ich mochte es gerne, Zeit bei ihr zu verbringen. Es ging dort nicht streng zu, sondern warm und herzlich; außerdem konnte sie den besten Streuselkuchen der Welt backen und im Garten hinter ihrem Haus stand eine große Schaukel, auf der sie mich bis in den Himmel schubste. Mit ihr in dem kleinen Häuschen, das immer ein wenig verwunschen wirkte, wohnten ihr Mann –„Onkel Karl“, nachdem ich damals meinen Lieblingsplüschtier benannt habe – und ihr Sohn Wolf, der einmal vor Jahren, als junger Kerl, im Übereifer das neue Auto meines Vaters gegen die Grundstücksmauer gesetzt hatte. Unterm Dach, in einer kleinen Wohnung, die ich vor allem als Farbe erinnere – grün – wohnten Tante Ilses Eltern.

Selten habe ich zwei Menschen gesehen, die so zärtlich waren miteinander.  (Foto: Helene Souza/pixelio.de)

Selten habe ich zwei Menschen gesehen, die so zärtlich waren miteinander. (Foto: Helene Souza/pixelio.de)

Die beiden hätte ich als kleines Mädchen stundenlang beobachten können. Selten habe ich in meinem Leben zwei Menschen gesehen, die so zärtlich, so liebevoll waren im Umgang miteinander. Mehr als ein halbes Jahrhundert Ehe hatte die Grenzen zwischen den beiden weggewaschen und sie waren Eins geworden in ihrer aufrichtigen Zuneigung füreinander. Die Liebe, die Ilse an die Welt verteilte, hatte sie federleicht gelernt von diesen Zweien. Jahre später, als ich schon aufs Gymnasium ging, wurden beide fast gleichzeitig krank und schließlich bettlägerig. Wolf war damals längst ausgezogen – so wurde aus seinem früheren Kinderzimmer eine Krankenstation. Ich weiß noch, dass Ilse und Karl damals zwei echte Krankenhausbetten anschafften, in denen man aufrecht sitzen konnte und an deren Rand sich ein Tablett befestigen ließ, und über den Betten hin- und her bewegen.

Ich bewunderte Ilse dafür, wie sie sich um ihre Eltern kümmerte. Einen kranken Menschen rund um die Uhr zu versorgen zehrt mit der Zeit an den Kräften, auch wenn man ihn noch so liebt. Doch da war nichts Leidendes an ihr, keine stumme Fügung, fast strahlte sie so etwas wie ein stilles Glück darüber aus, ihren Eltern nun von der Liebe, Geduld und Energie zurückgeben zu können, mit der sie selbst einst von ihnen beschenkt worden war. Ab und an besuchte ich die beiden Alten nach der Schule oder am späteren Nachmittag, wenn alle Hausaufgaben erledigt waren. Dann saß ich zwischen ihren Betten und sie wollten ganz genau wissen, was in der Welt außerhalb ihres kleinen Zimmers geschah.

Mit der Zeit ging es beiden immer schlechter und ich begriff langsam, dass dies kein vorübergehendes Tief war: Sie würden sterben, beide. Der Gedanke traf mich kalt und unvermittelt – mit dem Tod war ich in meinem jungen Leben bisher noch nicht in Berührung bekommen, nun riss er sein fürchterliches Maul auf und der Gestank, der mir daraus entgegenschwappte, ängstigte und verstörte mich. Bei einem meiner Besuche schlief Ilses Vater noch, als ich kam. Ich wollte mich bereits wieder aus dem Zimmer schleichen, um ihn nicht zu wecken, aber da winkte seine Frau mich zu sich und deutete mir an, ich solle mich neben sie setzen. Ihr Atem ging schwer und sie wusste längst nicht mehr, wie sie sich legen sollte, da ihr Körper voll wunder Druckstellen war. Aber ihre Augen waren immer noch so strahlend und wach wie vor all der Zeit, als ich sie als kleines Kindergartenmädchen kennengelernt hatte.

Sie sprach leise und flüsternd, setzte ihre Worte dabei genau – und ich spürte den Ernst, der sanft über der Situation lag, auch wenn ich ihn vielleicht damals noch nicht vollständig begreifen konnte. „Weißt du, was er heute gesagt hat?“, fragte sie mich, den Blick zärtlich ihrem schlafenden Mann zugewandt. Ich schüttelte stumm den Kopf. „Ich soll ihn nicht alleine lassen.“ Sie lächelte mich an mit einer Kraft, die den Raum erhellte. „Ich hab ihm versprochen, dass ich bleibe, bis er gegangen ist.“ Dabei hielt sie mich, mit ihren alten, faltigen Händen, die schon so viel Kummer hinweggetröstet und Liebe verteilt hatten – und aus denen immer noch tiefes, ehrliches Glück über dieses Leben zu mir übersprang.

In derselben Nacht ist ihr Mann gestorben. Tante Ilse rief nachmittags bei uns an und sprach die Worte gefasst, „mein Vater ist jetzt tot“. „Wie geht’s deiner Mutti damit?“, fragte mein Paps – und ich hörte Ilses Stimme aus dem Hörer rauschen, wie sie sagte, ihre Mutter sei sehr gefasst und: „Ich denke, sie bleibt noch ein bisschen bei uns.“ Am nächsten Morgen wurde ich geweckt durch das Klingeln des Telefons. Alle außer mir schienen noch zu schlafen, doch ich konnte mich nicht überwinden, den Anruf entgegen zu nehmen. Ich wusste doch ohnehin schon, wer es war – und warum.

Schreit den Namen meiner Mutter, die mich hielt,
schreit den Namen meines Vaters, 
der mich machte
zu einem glühenden Verehrer der Sachen des Lichts.
[Tomte – Schreit den Namen meiner Mutter]

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