Ein Stück Lebensfreude

Wenn ich an Schorsch denke, denke ich automatisch an Pferde. Diese behuften Gefährten, die er gezüchtet hat, denen er so viel von seiner Zeit und Liebe widmete. Die ganz besondere Art und Weise, wie er mit den Tieren umging und ihnen die Angst nahm, sich unter sie mischte, als wäre er einer von ihnen. Eine meiner ersten Erinnerungen an Schorsch geht zurück in die Zeit, als Alex und ich gemeinsam im Kindergarten waren. Wir haben dort unser Sommerfest gefeiert und Schorsch kam mit Lucie, dem Schimmel, vorbei: Alle Kinder durften auf der alten Dame reiten. Er stand auf der Wiese vor dem Tor zum Innenhof des Kindergartens, das uns damals so verdammt groß vorkam; obgleich einige von uns heute mit dem Kopf daran stoßen würden. Mit der schon eher grau- als weißhaarigen Rentnerin an der Longe, die mit derselben Geduld im Kreis um ihn herumtrabte, mit der er uns Kinder auf und von ihrem Rücken hob. Die Verängstigten beruhigte er, die gar zu Übermütigen bremste er – und nicht einer von uns wurde vergessen. Weil er nichts und niemanden vergaß. Nicht die Menschen, die er in sein Herz geschlossen hatte. Nicht die Tiere, für die er Verantwortung übernommen hatte. Und auch nicht die Natur, in der er arbeitete, in der er all die Zeit verbrachte und aus der er so viel von seiner ruhigen, sanften Kraft schöpfte.

Schorsch und Lucie beim Kindergartenfest 1983. (Foto: privat)

Schorsch und Lucie beim Kindergartenfest 1983. (Foto: privat)

Sein Sohn Alexander und ich waren Kindergarten-Sweethearts. Wir küssten und prügelten uns durch diese kunterbunten, ersten Jahre. Wurden im zarten Alter von fünf vom Direktor eines afrikanischen Wanderzirkus’ mit einer echten Schlange afrikanisch verheiratet und spielten zusammen mit seinen He-Man Figuren oder meinen Puppen. Aber vor allem machten wir gemeinsam viele wundervolle Sommer lang den Bauernhof und all die umliegenden Felder seiner Eltern unsicher. Und immer war sein Vater zur Stelle, wenn wir uns dabei mal wieder selbst in Schwierigkeiten gebracht hatten.

„Na klar“, hatte mir Alex versichert, als ich damals wissen wollte, ob wir uns in dem riesigen Anhänger verstecken sollten, der mitten auf der Kuhweide stand – und der für gewöhnlich mit Milch befüllt wurde. Und ich hatte mich nicht darüber gewundert, warum er mir den Vortritt ließ, obwohl wir sonst immer darum kämpften, wer von uns der Erste bei allem sein durfte. In dem Anhänger war es kühl und die Wände warfen den Klang meiner Stimme metallen zu mir zurück. Aus den zaghaften „Alex?“-Rufen erwuchs sich bald ein erschrecktes „Hilfe, Hilfe!“, als ich begriff, ich hatte mich zwar durch die kleine, runde Oberluke hier hineinfallen lassen können, aber alleine würde ich auf diesem Weg nicht wieder herauskommen. Doch als zwei große, warme Hände schließlich den Weg zu mir herunter fanden wusste ich, hier kam meine Rettung – und natürlich war es Schorsch, der mir aus meinem Gefängnis half. Anschließend scholt er uns, seinen Sohn und mich, für unsere Unvorsichtigkeit – aber ein ganz kleines bisschen hatten wir doch beide das Gefühl, gleichzeitig auch für unseren Wagemut geadelt zu werden.

Schorsch konnte nicht nur gut mit uns Kindern, sondern mit Menschen allen Alters. Nicht alle mochten sich seiner ehrlichen Art stellen, mit der er, immer liebevoll, aber ebenso geradeheraus allen, die es ihm Wert erschienen, seine aufrichtige Meinung zu den Dingen sagte. Doch wer sich davon schrecken ließ war ein feiger Narr, denn wer das Glück hatte, mit ihm vertraut zu werden, hatte einen einzigartigen, treuen Freund gewonnen: Seine Menschen waren ihm wichtig und er hielt immer zu ihnen. „Der Schorsch hat sich vor mich gestellt und gekämpft wie ein Löwe!“, sagt seine Frau, wenn sie über schwierige Zeiten spricht, die sie und ihr Mann durchgemacht haben. Und alle, die ihre Worte hören nicken, weil das so seine Art war: kämpfen für die Menschen und Dinge, die in seinem Leben eine Rolle spielten.

„Da haben wir uns nur totgelacht, der Papa und ich!“, erzählt uns sein Sohn. „Des war einer von den albernen Abenden, weißte, den haben wir Männer mite’nander verbracht und irgendwann fing einer an mit irgend’em Quatsch und dann mussten wir alle lachen.“ – Und wieder nicken alle Anwesenden, denn auch das war seine Art: lachen. Aus vollem Herzen. Genießen. „‚Oh Schorsch, was musste dann jetz’ vorm Abendbrot noch was nasche?’“, hab ich immer geschimpft un’ dann hatter gesagt, ‚Traute, des is’ ein Stück Lebensfreude.’ Un’ so war des jeden Abend. Für wen soll ich denn jetz’ kochen, kann mir des mal einer von euch sagen?“ Die Frage macht uns alle ganz stumm, die wir da sitzen, in unseren Gedanken an Schorsch. Denn diesen Abend verbringen wir ohne ihn, aber in dem brennenden Wissen: Es ist der erste von vielen. Weil er, der Vater, Ehemann, Schwiegerpapa und Freund, uns auf dem letzten Weg vorausgegangen ist, und wir heute hier zusammengefunden haben, um unseren Abschied zu nehmen. Von einem, der viel zu früh gehen musste und dessen Abwesenheit uns noch so schrecklich fremd ist.

Unwillkürlich muss ich auch an den Tod meines Vaters denken, der mir immernoch so verdammt frisch erscheint. An all die Menschen, die mir damals gesagt haben, irgendwann würde ich mich damit trösten können, dass er so sterben durfte, wie er gelebt hat: tanzend und mit einem lachenden Herzen. Schorsch ist nicht nach seinem letzten Tanz gestorben, sondern beim Fällen eines Baumes verunglückt – und zuerst erscheint es mir, als würde diese Art des Sterbens alles noch viel schlimmer machen, so ein grausamer, sinnloser Tod, zwölf Tage vor Weihnachten. Und doch, als wir alle da sitzen und uns in den Armen halten, wird mir plötzlich klar, dass auch Schorsch so sterben durfte, wie er gelebt hat: In einem Moment des Schaffens, draußen, in seiner Natur, mit der Vorfreude auf die anstehenden Familientage im Herzen und dem Blick auf die Koppel mit seinen geliebten Pferden.

Noch ist es zu früh für diese Form von Trost, fürchte ich. Und erinnere meine eigene fassungslose Wut und Verzweiflung der ersten Wochen und Monate, in denen mich gar nichts trösten konnte oder beruhigen, sondern jeder gut gemeinte Satz nur brannte wie Salz in einer frischen Wunde. Irgendwann aber, wenn die Zeit des liebevollen Erinnerns beginnt, wird dieses Wissen jedes Herz erreichen, das ihn gekannt, geliebt hat – und sanfte Linderung darin erfahren.

[Für Traute, Alex und Sarah.]

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