Gebt mir ein „U“!

Dunkel erinnere ich mich an eine Zeit, als der Frühling eine sehr entspannte Jahreszeit war. Wir feierten Ende März den Geburtstag meines Paps’, dann kam irgendwann Ostern. Es wurde in den Mai gewandert, meiner Schwester eine Ehrentagstorte gebacken… Und irgendwann dann der Sommer, mit Sonne, Eis und Freibad. Das war natürlich alles, bevor ich mich das erste Mal zu den 05ern ins Stadion mitnehmen ließ und der Bruchwegatmosphäre binnen Sekunden verfiel. Eine Zeit also, in der ich noch in Hessen lebte, statt Mainz meine Wahlheimat zu nennen – und in der ich weder wusste, was „Viererkette“ bedeutet, noch wie schrecklich fatal ein „Ballverlust im Mittelfeld“ sein kann. An diese Zeit erinnere ich mich manchmal zurück, wenn es auf das Ende der Saison zugeht. Die Zeit des Jahres also, in der Fans des 1. FSV Mainz 05 ein erhöhtes Herzinfarktrisiko haben und – so mutmaße ich – im Umfeld des Vereins etliche zwischenmenschliche Beziehungen scheitern, weil einer der beiden Partner (der Fan!) über Wochen nicht ansprechbar ist. Hätte ich eine Beziehung, wäre ich die „nicht Ansprechbare“, da ich aber Single bin, und meine Freunde sich an meinen leidenden Gesichtsausdruck im Frühjahr längst gewöhnt haben, kann ich von Ende März bis Mitte Mai ganz mit mir alleine wunderlich sein – und verprelle damit in der Regel niemanden.

Trau keinem Spiel, das du nicht selbst abgepfoffen hast. (Foto: Thomas Siepmann/pixelio.de)

Trau keinem Spiel, das du nicht selbst abgepfoffen hast. (Foto: Thomas Siepmann/pixelio.de)

Heute also war wieder so ein Tag, an dem es um alles ging. Und fraglos haben in den letzten Wochen alle Unbeteiligten Sätze gesagt wie, „das klappt doch locker!“, „euch fehlt ja nur noch ein Punkt“, oder „was soll denn da noch schief gehen?“. Als Mainz 05 Fan kann man auf solche Sätze nur mit einem unheilvollen Wackeln des Kopfes reagieren, denn wir haben uns an der Hölle des letzten Spieltages schon so oft die Füße verkohlt, dass wir mittlerweile einfach so tun, als hätten wir aufgehört, darüber Buch zu führen. Letzter Spieltag, Ausgangssituation: Wir brauchen nur ein Unentschieden. Verliert Nürnberg, die vor dem Spieltag auf Platz drei stehen, ist sowieso alles egal. Es riecht so einfach und mir ist trotzdem seit dem Aufstehen speiübel. Im Block werde ich mit Lyrik empfangen, mehr oder weniger. Tom zitiert Rilke: „Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe – und hinter tausend Stäben keine Welt“, weil sein Kollege im Block auf und ab tigert wie der verstrophte Panther im Poesiekäfig. Mir ist immer noch schlecht, aber Rilke kann nichts dafür.

Und alles zieht an mir vorüber: Die Aufstellung der Mannschaft, Stadionsprecher Klaus Hafner, der fordert, „ich will in die erste Liga“, das obligatorische „wenn nicht jetzt, wann dann?“ aus den Boxen. Erst zum „you’ll never walk alone“ kehre ich aus meinem Gedankenschloss zurück in den Block, den Rechenschieber aus alter Gewohnheit fest umklammert: „Wenn Nürnberg ein Tor schießt…“, beginne ich in Gedanken und unterbreche mich selbst mit der Feststellung: „Ist das völlig egal, solange wir gewinnen, kann nichts passieren.“ Ich bin immer noch sehr auf meinen mentalen Rechenschieber konzentriert, als um mich herum plötzlich Jubel ausbricht. Das 1:0 ist gefallen, dabei sind noch keine fünf Minuten gespielt. Sowas hätte es unter Kloppo nicht gegeben! Wo bleibt denn da die Spannung? Mir ist tatsächlich für etwa 15 Sekunden nicht mehr übel. Dann wird mir klar, es sind noch 86 Minuten zu spielen und mir ist wieder furchtbar schlecht.

Als Baljak in der 17. Minute zum zweiten Mal auf den Kasten haut und ihn tatsächlich wieder trifft, stimmen die Fans um mich herum zum ersten Mal ein zartes „nie mehr zweite Liga“ an – und ich bekomme Angst vor dieser aufschwappenden Begeisterung. Dafür ist es einfach zu früh, außerdem will ich wissen, wie es auf den anderen Plätzen… ach halt, nein, das ist ja heute vollkommen egal. Daran muss ich mich erst noch gewöhnen. In der Halbzeitpause kauere ich auf einer Stufe im Block und wirke auf Umstehende sicher, als sei mein Freund (den es ja nicht gibt) Koblenzfan und in Gefahr, heute noch abzusteigen. Aber ich lasse mich von den zwei frühen Toren nicht verschaukeln, Geschichte macht klug und niemand ist aufgestiegen, solange nicht auf allen Plätzen abgepfiffen ist.

Ich habe einmal gelesen, Welt- und Europameisterschaften böten den Menschen ein verlässliches zeitliches Raster, an dem sie sich entlanghangeln können. Alle zwei bis vier Jahre ein sportliches Großereignis, nach dem man seine Lebenszeiten einteilen kann: „Das war in dem Jahr, als Deutschland bei der Euro…“ – und so weiter. Ich finde, das passt auch auf die Liga und muss daran denken, was sich seit dem letzten Aufstieg alles verändert hat. Wie mein Leben sich von einem auf den nächsten Tag fast heimlich weiterentwickelt. Dass ich den Menschen, mit dem ich meine Freude damals als erstes geteilt habe, heute nicht mehr anrufen kann, überhaupt nie mehr… Und dabei die Frage, wieso diese nicht mehr neue Tatsache an einem Tag wie heute besonders brennt. Plötzlich fällt das 3:0 und im Block wird „we love you Mainzer, we do“, angestimmt. Es war die Astrid und ich habe mittlerweile das zweite Tor verpennt. Wie soll ich denn später mal meinen möglichen Kindern von diesem Tag erzählen, wenn ich vor lauter Aufregung und Rührseligkeit die Highlights verpasse? „Und, Mama, wie war das mit dem 3:0?“ „Also, da war die Mama gerade – in Gedanken.“ Na toll. Ab jetzt konzentriere ich mich aufs Spiel – und BAMM, fällt das 4:0. Dabei sind noch nicht einmal 70 Minuten gespielt. War das die Entscheidung?

Wenn ich in die gelösten Gesichter um mich herum blicke, beantwortet das meine Frage mit einem reichlich zuversichtlichen „Ja!“, umso mehr, als nun endlich mutig und aus voller Kehle „nie mehr zweite Liga“, angestimmt wird. Für die Beschreibung solcher Momente wird schrecklich gerne die Formulierung, „wildfremde Menschen lagen sich in den Armen“ benutzt, die ich allerdings ziemlich abgedroschen finde. Aber um mich herum haben sich viele Menschen geknuddelt, die sich jetzt nicht wirklich kannten… Auf der Südtribüne werden nun die Rufe nach Marco Rose lauter und ich stimme aus voller Kehle mit ein. Andersen schenkt einem der Leistungsträger der auslaufenden Saison seinen ganz besonderen Moment und nimmt Markus Feulner vom Platz.

Wir klatschen bis uns die Hände brennen und auf der Haupttribüne beginnen die Sitzschalen auszukühlen, weil alle aufstehen, um dem bald BVBler für die geile Zeit in Mainz zu danken. Klaus Hafner ruft, „dankeschön für alles, was du für uns getan hast“ und ich fange tatsächlich an zu heulen, weil das alles schon ganz schön rührend und bewegend ist. Das Spiel muss jetzt jeden Moment vorbei sein. Mittlerweile schwappt die Welle durchs Stadion, von den Rängen erklingt, „der FSV ist wieder da“ und obwohl das heute ja von außen betrachtet alles ziemlich glatt lief, bin ich total fertig mit den Nerven. Plötzlich ertönt der Abpfiff, da sind etliche Fans von der Südtribüne längst runtergerannt zu den Banden und ich stehe im Block und fühle mich wie berauscht. Es wäre wohl nicht einmal gelogen, wenn die Leute sich in zehn Jahren sagen, „ja aber so wie beim ersten Mal war das 2009 nicht“ – aber warum auch? Es ist und bleibt ein sensationelles Gefühl. Ich tapse über den Rasen, um mich herum fallen Leute auf die Knie und küssen ins satte Grün. Kinder bohren mit den Autoschlüsseln ihrer Eltern im Gras und schneiden sich Stücke aus der Wiese.

Ich stolpere zufällig in die Menschen, die ich ohnehin gesucht habe und stehe auf der Flucht vorm prallen Sonnenschein plötzlich vor der Haupttribüne. Da oben sitzt Jörn Andersen auf dem Spielertunnel und lacht, wirkt vollkommen gelöst – und das ist vielleicht der erste Moment, in dem ich wirklich kapiere, dass dieser Traum (erneut) wahr geworden ist. „Hinsetzen“, ruft der Trainer den Fans zu, die längst ihrerseits die Humba von ihm fordern. Und mit einem kollektiven „Plumps“ sinken wir glückstrunken in den Rasen, nur um ein paar Sekunden später zum Klang der Humba wieder auf unsere Füße zu springen, zu hüpfen und zu singen. Unseren zärtlichen Schlachtruf, an die anderen Teams in Liga eins, der bedeutet: Wir sind wieder da!

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