George Pelecanos: Der coolste Autor Amerikas

Manchmal ist das Fernsehen selbst dann zu etwas gut, wenn gerade keine Sportschau läuft. Dann ist allerdings selten das deutsche Programm zu loben, sondern eher der US-Bezahlsender HBO.  Der produziert nämlich in beeindruckender Regelmäßigkeit Fernsehserien, die in ihrer Qualität jeden hiesigen TV-Film um lockere Längen hinter sich lassen. Das allein ist schon positiv, doch mit dem Überschwappen eben jener Serien nach Deutschland ist noch längst nicht Schluss: Auch manch ein Musiker oder Autor, der hierzulande leider viel zu lange unter dem allgemeinen Radar flog, wird damit einem breiteren Publikum bekannt. Und das ist eine wirklich gute Nachricht, schließlich stolpert nicht jedermann zufällig über Steve Earle oder George Pelecanos – um nur mal zwei Beispiele zu nennen.

George Pelecanos auf dem 2008er Brooklyn Book Festival. (Foto: David Shankbone/CC 3.0)

Pelecanos auf dem Brooklyn Book Festival. (Foto: David Shankbone – CC 3.0)

Die Bekanntschaft mit Earle, dem genialen Troubadour, habe ich dem Soundtrack zu „Brokeback Mountain“ zu verdanken, die mit Pelecanos, dem phantastischen (Krimi-)Autor, dem Bücherregal meines Freundes. Für alle, die sich bislang weniger glücklich schätzen konnten, kommen beide seit einiger Zeit auch via „The Wire“ ins Wohnzimmer. Die in Baltimore angesiedelte Crime-Serie ist nicht nur für sich genommen eine kleine Sensation, sie wird inzwischen auch von Pelecanos mitgeschrieben und produziert. Und Earle glänzt darin nicht nur durch Gastauftritte, sondern liefert in Staffel 5 auch seine Version der Titelmelodie „Way Down in the Hole“ – im Original übrigens von Tom Waits; wer den noch nicht auf dem Radar hat, dem ist allerdings nicht zu helfen.

Pelecanos wird häufig als Amerikas coolster Autor tituliert; eine Behauptung, die man gerne hinnimmt. Der Nachkomme griechischer Einwanderer hat zuerst mit seiner „Nick-Stefanos“-Trilogie („A Firing Offense“, „Nick’s Trip“, und „Down by the River Where the Dead Men Go“) auf sich aufmerksam gemacht, in der er seinen Protagonisten mit der eigenen griechischen Herkunft ausstattet. Drogen, Alkohol, Frauen, Waffen und Kriminalität in Washington DC – was in der Synopsis beliebig wirken könnte, bekommt bei Pelecanos einen ganz eigenen Klang, eine besondere Dichte und ein sehr spezielles Tempo. Den Klang erzeugen neben der Sprache des Autors seine ausführlichen Beschreibungen der Musik, die den Soundtrack zum Leben seiner Figuren bildet. Die Dichte entsteht aus der großen Nähe zu eben diesen Figuren und, ebenso wie das Tempo, dank der zahlreichen Dialoge. Gleichzeitig ist der Fluss der Story an sich – anders, als man es von Krimis vielfach kennt – kein reißender: Pelecanos muss keine Reifen quietschen oder Gebäude explodieren lassen, muss seine Helden nicht in wüste Ballereien schicken, um Spannung zu erzeugen. Die entsteht vielmehr aus seinen Figuren heraus, ihren Haltungen, inneren Kämpfen und Kollisionen mit der Welt um sie herum.

Dem Krimi wird gerne vorgeworfen, er sei „bloße Unterhaltung“ und somit nicht tauglich, auch als Literatur durchzugehen. Fraglos gibt es viele schlechte Krimis – wohl auch, weil in den letzten Jahren aus einem wahnsinnigen Hype heraus per se zu viele Krimis veröffentlicht wurden. Und vor allem, weil es eben in jedem Genre (auch) schlechte Bücher gibt. Wer aber ein Gefühl dafür bekommen möchte, wie literarisch Krimis sein können, der sollte sich in der Buchhandlung seines Vertrauens einen Roman von George Pelecanos bestellen. Die Verfasserin dieser Zeilen hat neben seiner Erstlingstrilogie (nur auf Englisch erschienen) auch „Drama City“ (2005) und „The Cut“ (2011) gelesen, kann aber – schlussfolgernd und aus zweiter Hand – auch fast alles andere empfehlen, was der Mann zu Papier gebracht hat.

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