Er hatte sie jetzt lange genug beobachtet. Sie wohnte im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses, mit Fenstern nach Osten und einem Südbalkon; alt, mit Messinggitter und Blumentöpfen; leer. Nur Efeu, das sich um das Haus rankte, hatte es sich darin gemütlich gemacht. Sie wohnte alleine, nur mit ihrem Kanarienvogel (oder war es ein Wellensittich?). Konstantin, der nicht kokste – auch sie nur sehr selten, wenn ihr der Shit ausging und es unerträglich wurde. Sie stand um vier Uhr morgens auf, fünf Tage die Woche, um Zeitungen auszutragen, die sie niemals las, weil die Welt sie nicht interessierte. Wenn sie um halb sieben wieder nach Hause kam, setzte sie sich auf ihren Südbalkon – Sommer wie Winter. Im Sommer fast nackt, nur mit einem Hauch von Nachthemd bekleidet, im Winter mit Jogginganzug und einer dicken Decke; grün-gestreift. Sie trank heiße Milch mit Honig. Vielleicht war die Milch im Sommer kalt.
Selten las sie ein Buch, oft drang Musik aus ihrem Wohnzimmer leise über die Dächer der Stadt, dann hatte sie die Augen geschlossen und ihn interessierte, was sie wohl dachte, wenn sie so dasaß, die Beine übereinander geschlagen, den Mund zu einem Lächeln geformt, das er den Rest des Tages nie mehr an ihr sah. Sie lächelte nur morgens. Manchmal weinte sie auch, aber immer leise, nie schluchzend. Wenn sie vom Balkon aufstand ging sie ins Bett. Er sah sie den kleinen Flur durchqueren, denn der hatte ein Fenster, das ihm Einblick gewährte. Das Fenster ging nach Osten. Ihr Schlafzimmer ging nach Norden und das Fenster war klein und mit einem Vorhang verdeckt, so dass er sie aus den Augen verlor, sobald sie die Tür durchschritt. Schwere Eiche. Die Wohnung war dunkel, trotz Südbalkon; aber nicht trostlos.
Er fragte sich, was sie trug, wenn sie zwischen die Laken schlüpfte – und ob sie im Sommer Satin- und im Winter Biberbettwäsche benutzte. Auch ihre Träume hätte er gerne erfahren. Wenn sie wieder aufstand, war es meist nach zwölf. Sie fütterte den Kanarienvogel und kochte sich einen Kaffee, dazu rauchte sie eine Pfeife. Es sei denn, der Shit war ihr ausgegangen. Dann kam es vor, dass sie kokste. Er hätte gerne nur einmal ihr Kokstäschchen geleert und mit Puderzucker gefüllt, um zu sehen, ob sie niesen würde. Manchmal blutete sie aus der Nase, dann wandte er sich ab, denn er konnte kein Blut sehen.
Nach dem Kaffee ging sie in die Stadt, wo sie Vogelfutter kaufte. Er versuchte, einen Blick auf die Verpackung zu werfen, denn es interessierte ihn, ob Konstantin nun ein Kanarienvogel war oder ein Sittich. Er musste alles ganz genau wissen, aber der Vogel stand im Schlafzimmer und er konnte ihn nicht sehen. Auch wenn er ihn manchmal hörte; mit Vögeln aber kannte er sich nicht aus, wenn sie in einem Käfig saßen und sangen. Er beschloss, es sei ein Kanarienvogel. Er war orange, nicht gelb. Sie hatte keinen Fernseher und kein Radio, nur den alten Plattenspieler; er stand im Wohnzimmer, neben dem Südbalkon.
Wieso nur hielt sie den Vogel im Schlafzimmer?
Besuch kam selten. Einmal im Monat eine Frau, er vermutete, es war ihre Mutter. Den Vater hatte sie nie dabei, doch es interessierte ihn, ob es ihn gab, gegeben hatte, als Mensch. Oder nur als Samenspender, eine Nacht lang, zwischen aufgewühlten Laken, den Kopf voller Alkohol, Marihuana im Blut. Manchmal kam ein Mädchen vorbei, offensichtlich eine Freundin. Dann saßen sie gemeinsam auf dem Südbalkon und tranken Milch (Temperatur je nach Jahreszeit?), sie mit, die Freundin ohne Honig. Manchmal arbeitete sie nachmittags in einem Supermarkt, dann ging er dort hin, um seine Einkäufe zu erledigen, aber er zahlte immer an der Kasse links von ihr; es sei denn, die war geschlossen, dann tat es auch die rechte.
Einmal war sie die einzige Kassiererin gewesen. Er hatte es erst gemerkt, als er sich den Wagen schon vollgeladen hatte. Da ging er noch einmal durch die Gänge und legte seine Waren an die Plätze in den Regalen zurück, von denen er sie genommen hatte. Als er sich zum Eingang hinausschleichen wollte, saß sie nicht mehr da; stattdessen eine dicke, mit schwarzen Haaren und roten Backen, die ihm zuwinkte – er hatte schon oft bei ihr bezahlt, denn meist saß sie links. Der schwere Rotwein unter seinem langen Mantel löste keinen Alarm aus. Er trank ihn auf dem Heimweg und schlitzte sich den Mund am Flaschenhals auf, den er zerschlagen hatte – der Korkenzieher lag zu Hause in der Küchenschublade, links unten, neben dem Käseraspler und dem Schälmesser.
Oft ging sie abends weg, manchmal blieb sie auch zu Hause. Dann lag sie auf dem Sofa und schaute; tat nichts anderes, als zu schauen – wahrscheinlich dachte sie auch und er hätte gerne gewusst was. Sie war ein sehr leiser Mensch. Die meisten Menschen, mit denen er zu tun gehabt hatte, machten über kurz oder lang Krach. Sie blieb immer leise, schien jeden Schritt behutsam zu setzen und jeden Zug zu überdenken, den sie tat. Was mochte sie nur denken, in all der Zeit?
Einmal sah er, wie sie ihre Freundin zärtlich küsste und fragte sich, ob sie wohl lesbisch sei. Aber er verwarf den Gedanken wieder, denn manches Mal hatte er gesehen, wie sie abends im Pub Männer küsste – nie zweimal den gleichen. Sie trank viel Bier und aß fast nie. Er wusste, dass sie einen kleinen Bruder haben musste, denn das große Bild, das in ihrem Wohnzimmer mit Südbalkon hing, zeigte eindeutige Verwandtschaft auf. Durch Zufall erfuhr er, das der Junge vierzehn Jahre alt war und bei seinem Vater lebte; nicht ihrem – ihre Mutter aber war nur einmal verheiratet gewesen, beim zweiten Kind. Also doch nur ein Samenspender? Das Buch, das sie zurzeit las, handelte von Liebe, von Verderben und von Bürgerkrieg irgendwo in einem Land in Afrika. Er wusste, sie war nie dort gewesen; fragte sich, ob sie wohl Löwen sah, wenn sie morgens auf dem Südbalkon die Augen schloss.
Als er an diesem Abend vor dem Haus auf sie wartete, trug er eine Nelke bei sich, keine Rose, da sie diese ob der Dornen nicht mochte. Sie blickte überrascht drein und dann lächelte sie, was ihn verwunderte, da er sie bisher nur in den Morgenstunden hatte Lächeln sehen. Für einen Moment verlor sich ihr Blick auf dem Boden, zwischen seinen und ihren Füßen; sie schien nachzudenken. Als sie wieder aufschaute, rammte er ihr das Messer mit voller Wucht zwischen die Augen. Das Lächeln gefror auf ihrem Gesicht, sie taumelte, aber nur kurz; dann fiel sie leblos zu Boden. Er tötete nie, ohne zu kennen.

