Zehn Jahre ist es her, dass ich einen letzten Sommer, ein letztes Frühjahr und einen letzten Herbst mit meinem Vater teilte. Zehn Jahre wird es her sein, dass wir, ganz ohne es zu ahnen, Abschied nehmen mussten voneinander, im Dunkel einer kalten Januarnacht. Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich alle Geschichten über ihn schon geschrieben, sei in einer ewigen Wiederholung der Wörter gefangen, wenn meine Gedanken es wagen, an den Orten zu verweilen, die seine Erinnerung tragen. Doch dann setzt die Parade der Buchstaben an zu einem neuen Tanz auf dem Parkett meines Herzens, bis sie einander müde und erschöpft in den Armen liegen und ich sie behutsam aufsammle und sicher zu Papier bringe.
Wäre ich mir sicher in einem Glauben, könnte ich mir vorstellen, wie mein Paps mit seinem Gott in Verhandlung trat, als das Leben ihn zum ersten Mal in Krankheit niederstreckte. Zwanzig Jahre zwischen dem ersten Herzinfarkt und dem letzten Herbst, als Nummer zwei und drei ihn gemeinsam aus unserer Mitte rissen und aus seinem eigenen Neuanfang: geschenktes Leben, bis dahin. Und wir Geschwister fühlten uns stets wohl mit der Vorstellung, er habe diese Zeit doch irgendwie für uns ausgehandelt, um uns beim Wachsen zusehen zu können, und unseren Herzen eine Form zu geben, die sie bis heute tragen, Schlag für Schlag.
Zehn Jahre und darin so viele Leben, so viele neue Erinnerungen, so viel Glück und Kummer. „Du fehlst, in jedem Lachen, jeder Träne“, das ist nicht einfach nur dahin gesagt. Es sind die großen Momente, die helles Licht und lange Schatten werfen auf unsere Leben, in denen das Bewusstsein besonders schmerzt, sie nicht mehr miteinander teilen zu können. „Du fehlst, in jedem Lachen, jeder Träne“, das birgt doch so viel mehr… Es sind die kleinen Momente, an denen man achtlos vorübergeht, in denen das Bewusstsein besonders schmerzt, sie nicht mehr teilen zu können mit ihm.
Die Welt, sie hat sich verändert, und wir uns mit. Was hätten diese zehn Jahre mit unserem Vater gemacht? Wie würde er seinen Körper nun durch die Tage tragen, welche Gedanken wären in seinem Kopf? Was würde er heute sagen zu dieser Welt, den Leben, die wir darin geformt haben und zu den Menschen, die wir geworden sind? In der Rückschau waren wir alle noch Kinder, als er starb, obwohl jeder von uns Vieren bereits so früh damit begonnen hatte, erwachsen zu werden.
Ich weiß, worüber wir miteinander lachen könnten und ahne, bei welchen Themen wir uns in den Haaren lägen. Ich vertraue still darauf, er wäre glücklich damit zu sehen, für welche Wege wir vier uns entschieden haben; auch ein bisschen stolz. Einmal noch dieses Strahlen in seinen Augen, dazu der feuchte Schimmer, wenn er platzen wollte vor Glück über etwas, das einem von uns gelungen war. Einmal noch seine Stimme hören, oder aus dem Autofenster sehen, wie er zum Abschied winkt: Ciao, Mädel. Ciao, Paps.
Ein ganzes Jahrzehnt, das überbrückt werden muss, um überhaupt ein Bild mit ihm aus den Schatullen meiner Gedanken heben zu können. So viel Zeit, die schmerzt in der Distanz, die sie schafft, und dabei doch auch ein Geschenk offenbart: Das Erinnern ist zärtlich geworden an ihr. Das Vermissen ist ein ruhiger, dunkler Ton, der in der Melodie aller Tage schwingt und mit seinem Klang den scharfen Schmerz sanft abgedrängt hat. Mein Vater wird nie wieder hier sein, und ist doch überall. Ich erinnere den Klang seiner Stimme nicht mehr, und höre doch den seines Herzens, in jedem Schlag meines eigenen. Daran verliert die Distanz der Jahre alle Bedeutung.


Unfassbar, wie mich deine Worte immer wieder gefangen nommen.
Wie sie mich durchgerüttelt und ein Mischbad der Gefühle hinterlassen.
DANKE! Deine Gedanken haben mich tief berührt! Auch wir müssen mit dem Verlust unseres Vaters umgehen lernen….und du sprichst mir aus der Seele
Dankeschön für die lieben Worte. Es freut mich, wenn die meinen berühren.
Danke, Mara.
Genau so ist es.
Ich danke dir. Von Schwimmerin zu… Du weißt.