Hemingway: One cat just leads to another

Dem Autor Charles Dickens wird der Ausspruch zugeschrieben: „What greater gift than the love of a cat!“ Über die Schriftstellerin Patricia Highsmith heißt es: „She was very happy among cats. They gave her a closeness that she could not bear in the long-term from people. She needed cats for her psychological balance.“ Und wie beschrieb es der unvergleichliche Ernest Hemingway? „A cat has absolute emotional honesty: human beings, for one reason or another, may hide their feelings, but a cat does not.“

Wie viele ihrer Kollegen waren die drei Autoren erklärte Katzenmenschen und teilten das Leben mit den schnurrenden Vierbeinern. Besonders für Hemingway, aber auch für Highsmith spuckt die Internetsuche zahlreiche Fotos aus, die diese Liebe zeigen, wobei Hemingways Gefährten („One cat just leads to another“) offenbar grenzenlose Freiheiten genossen: Sie sitzen beim Essen genauso selbstverständlich neben seinem Teller, wie sie ihm während der Arbeit über den Schreibtisch spazieren.

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Da wir bei unserer Geburt nach einem komplizierten, streng geheimen System unabänderlich in Katzen- und Hundemenschen unterteilt werden, erscheint es aussichtslos, die Faszination zu beschreiben, die von den sanftohrigen Tigern ausgeht: Die einen wissen ohnehin darum und die anderen werden kaum zu belehren sein. Fest steht, wer einmal in einer hoffnungslos stressigen oder herzlos traurigen Situation eine schnurrende Katze zu einer warmen Kugel in seinem Schoß eingerollt hatte, sich dem Gefühl hingebend, das ihr gleichmäßiges, sonores Brummen auszulösen vermag, dem feinen Vibrieren, das von dem sanften, selbstzufriedenen Fellknäuel ausgeht, wird den Tigern zwangsläufig verfallen: Eine zufriedene Katze ist der Inbegriff von ausgeglichener Ruhe und ihre zärtlichen Hingabe zu jenen Menschen, die sie sich erwählt, hat birgt ein Vertrauen, das grenzenlos ist und über jeden Zweifel erhaben.

Hemingway und Luminara

Katzen sind treu und klug, haben einen eigenen Kopf und einen unbestechlichen Charakter. Sie sind Individualisten, die ihre Freiheit lieben und sich nicht vorschreiben lassen, zu wem sie gehören; auch nicht davon, wo ein gefüllter Futternapf auf sie wartet. Ihre Zuneigung ist ehrlich und geht keine Umwege. Genauso selbstverständlich, wie sie die Gesellschaft anderer suchen und genießen, schaffen sie sich andererseits Freiräume, in die sie sich vor zu viel Nähe flüchten wie in eine schützende Höhle. Sie sind die bestmöglichen Gefährten – und besser, als mit einer Katze zu leben, ist es womöglich nur, sein Leben mit zwei Katzen zu teilen.

Hinweis Buch

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 beim VfL Wolfsburg

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Diesmal spreche ich mit Rebecca, die unter anderem neu den feministischen, fußballverliebten, cinephilen, lauten, politischen, offenen Podcast Reichlich Randale betreibt – und die ihr Herz an den VfL Wolfsburg verloren hat.

VfL-Fan Rebecca. (Foto: Dennis Fuisz)

VfL-Fan Rebecca. (Foto: Dennis Fuisz)

Liebe Becci, du lebst in Potsdam, kommst aber aus dem niedersächsischen Bleckede. Reicht das als Entschuldigung aus, wieso du Fan des VfL Wolfsburg geworden bist? Nein, ganz im Ernst: Wann und wie ist deine Liebe zu den Wölfen entbrannt?
Haha, die Klassikerfrage gleich zum Einstieg. Mein Vater (ein alter HSV-Fan, der das auch auf meinen Bruder übertragen hat) behauptet ja bis heute scherzhaft, es sei ein „Akt der Abnabelung“ gewesen, aber an die Theorie glaube ich nicht so richtig. Dafür viel mehr daran, dass man sich seinen Verein nicht aussucht – der Verein sucht dich aus. So war es nämlich auch bei mir. Als ich um die EM 1992 herum mit fünf Jahren angefangen habe, mich für Fußball zu interessieren, fand ich die Bayern gut, rund um Mehmet Scholl und Lothar Matthäus, deren Fußball mich damals faszinierte. Dann stellt man irgendwann fest, dass das mit den Bayern so eine Sache ist… und in die Phase fiel die Aufstiegssaison vom VfL (1996/1997). Da nahm ich den Verein das erste Mal wahr – und es war um mich geschehen. Ich sag immer „Ich habe es gespürt“, auch wenn ich eigentlich gar kein esoterischer Typ bin. Aber es war einfach ein Match. In der Rückschau kann ich wohl auch nicht bestreiten, dass die räumliche Nähe ebenfalls eine Rolle gespielt haben muss. Es ist schon schön, wenn man weniger als zwei Stunden Anfahrtsweg ins Stadion hat.

(Natürlich stand das Interview an dieser Stelle kurz vor dem Aufbruch. Mainz-Fans erinnern sich mit Grauen an jene VfL-Aufstiegssaison… Aber man ist ja Profi genug! *räusper)

Wie sehr nervt dich eigentlich das bei vielen Fans immer noch sehr schlechte Image eures Vereins? Und wie reagiert dein grün-weißes Herz auf den häufigen Spott? Ich kann ja gar nicht damit umgehen, wenn jemand auf meinem Verein rumhackt…
Das schlechte Image selbst nervt nicht gar nicht so sehr – auch wenn ich es persönlich natürlich nicht so richtig nachvollziehen kann; aber wir sind es nicht anders gewohnt, und ich weiß es ja besser. Der Spott und die ewige Reduzierung auf ein und dieselbe Sache, nämlich die Tatsache, dass VW am VfL beteiligt ist, sind auf die Dauer viel nervtötender. Fundierte Kritik am Spielsystem, an der Leistung auf’m Platz, an der Vereinsführung, an der Einstellung einiger Spieler in der Vergangenheit – da bin ich die Letzte, die sagen würde: „Lass das!“ Da können wir ja letztlich nur profitieren und das kritisiere ich auch selbst. Und natürlich darf man Vereine unsympathisch finden, ist bei mir ja auch so.
Wenn aber Leute immer und immer wieder die gleichen Sätze fallen lassen – sowas wie „So viel Kohle, wie ihr in den letzten Jahren raushaut, das ist doch pure Hybris und geht nur dank VW“ – ohne mal gegenzuchecken, dass die Transferbilanz zwei Jahre hintereinander positiv war, oder wenn von einem „reinen Plastikverein“ die Rede ist, der ja „gar keine richtigen Fans hat“ – da bin ich schnell auf 180, rante auf Twitter oder muss auch schon mal weinen. Wie verletzend sowas sein kann, können wohl nur Fans verstehen. Umso mehr enttäuscht es mich letztlich, wenn andere Fans das machen. Das ist einfach nicht meine Art, über Fußball zu reden. Das soll aber nicht heißen, dass ich Witze über uns oder andere Vereine doof finde – da kann ich herzlich drüber lachen.

Begegne den Spöttern doch mal mit harten Zahlen: Wie sah es bei euch in der letzten Saison mit der Stadionauslastung aus, kannst du das beantworten? Und wie viele Anhänger waren im Schnitt auswärts dabei?
Unser Stadion wurde 2002 eröffnet. Damals spotteten viele, dass 30.000 Plätze viel zu viele wären für eine Stadt mit nur 125.000 Einwohnern (immer noch hat in der 1. Bundesliga nur Sinsheim weniger) und vermeintlich ohne Tradition. Am Anfang waren im Schnitt auch nur ungefähr 2/3 der Plätze besetzt. Spätestens seit der Meistersaison 2008/09 haben wir uns aber auf eine über 90%ige Auslastung eingependelt, letzte Saison 92%, um es genau zu nehmen; sechs Spiele waren ausverkauft. Was mich aber ehrlich gesagt viel mehr interessiert, ist die Stimmung im Stadion und im Speziellen in der Nordkurve. Und die war letzte Saison – trotz ja wirklich teilweise echten Spielen zum Haare raufen – hervorragend! Viel Gesang bis zur Heiserkeit, unfassbare Motivation, wenig Auspfeifen. Ich habe mich sehr wohlgefühlt, und man hat einfach gemerkt, dass die Extremsituation der Abstiegsangst Fans und Verein noch mehr zusammengeschweißt hat. Das war schon was Besonderes. Das kennt ihr ja vielleicht auch.
Auswärtsfahrer*innen musste ich ehrlich gesagt selbst nachlesen, ich stecke da in den Zahlen nicht so drin. Es waren wohl im Schnitt 1.400 und gegen Ende der Saison wurden es verständlicherweise mehr, eben auch wegen dem, was zwischen Verein und Fans passiert ist. In Hamburg am letzten Spieltag waren wir 6.000, das war schon eine tolle gemeinschaftliche Stimmung, die ich sehr genossen habe. Bis zu Luca Waldschmidt

Flutlichtatmosphäre im Stadion des VfL. (Foto: Fanfotos.net)

Flutlichtatmosphäre im Stadion des VfL. (Foto: Fanfotos.net)

Du bist Konfliktforscherin. Was denkst du dir bei Szenen wie dem Platzsturm in Kiel letzte Woche und was würdest du – solche Chaoten ausgenommen – Fans und Verbänden raten, um wieder in einen dauerhaft konstruktiven Dialog zu kommen?
Zufällig war ich an dem Dienstag in Kiel, hatte aber keine Karten mehr bekommen und war deshalb nicht im Holstein-Stadion, wie ich es eigentlich geplant hatte. Von außen betrachtet war der Platzsturm unsinnig, unvernünftig und Spieler gefährdend, das geht eigentlich gar nicht. Gerade weil mir Holstein als Verein am Herzen liegt, hat mich das ein bisschen traurig gemacht – auch weil ich befürchte, dass das mal wieder das Bild des Ultras™ und der wichtigen Arbeit, die in Ultra-Szenen für die Vereine – aber auch gegen Rechts etc. – geleistet wird, verwischen wird.
Und jetzt soll ich Fans und Vereinen etwas raten, ja? Ein ganz schön schwerer Auftrag – auch und gerade für eine Konfliktforscherin. Ist ja nicht so, dass keine Dialoge zwischen Fans und Vereinen stattfinden würden. Und wir dürfen auch die DFL als dritten Player hier nicht vergessen, die ja gerade aktuell für einen Großteil der aufgeheizten Stimmung verantwortlich ist. Ich bin grundsätzlich ein Fan von Protest, auch kreativ, und finde es wichtig, die Stimmen der Fans zu hören, wenn es um die aktuellen Entwicklungen im Fußball allgemein und in den einzelnen Vereinen geht. Wäre es nicht schön, wenn Fans und Vereine sich gemeinsam gegen bestimmte Entwicklungen positionieren würden? Ach, ich drifte schon wieder in Utopien ab. Du siehst, es bleibt schwierig. Und so lange möchte ich alle Fans nur ermutigen, sich Gehör zu verschaffen.

Im wunderbaren Podcast Rasenfunk hast du mit Max Ost in der Sommerpause auf die letzte Saison zurückgeblickt. Da war ganz viel Erleichterung zu spüren, aber auch Optimismus. Jetzt gab’s nach nur vier Spieltagen den Trainerwechsel. Warum musste Jonker so schnell gehen?
Ich bin halt eine unverbesserliche Optimistin (und das, obwohl eines meiner Podcastprojekte „Die Kulturpessimisten“ heißt, lustig oder?) und natürlich war ich nach der frisch überstandenen Relegation auch wirklich ausgesprochen erleichtert und gewillt, das Positive zu sehen. Tatsächlich ist die Meinung zur frühen Entlassung von Jonker nun sehr gespalten unter den Fans. Ich gehöre zu denen, die ziemlich traurig und unzufrieden mit der Entscheidung waren und ihm gerne noch mehr Zeit gegeben hätten. Er hat eine positive Geschichte mit dem VfL und hat eigentlich sehr gut zu uns gepasst, genauso wie sein Co-Trainer Ljungberg, der ja auch gehen musste. Der relativ schlechte Saisonbeginn hatte natürlich auch damit zu tun, dass unsere komplette Innenverteidigung längerfristig ausgefallen ist und wir nun in diesem ohnehin in der vergangenen Saison schon wackeligen Mannschaftsteil mit relativ jungen und unerfahrenen Spielern antreten mussten.
Wie ich schon angedeutet habe, gibt es aber auch andere Stimmen. Unser Spiel hat sich unter Jonker nicht weiterentwickelt, das System war unflexibel und so konnte wenig auf die Spieler, die der Trainer tatsächlich zur Verfügung hatte, reagiert werden. So hat sich beispielsweise in den ersten Saisonspielen die Befürchtung bestätigt, dass unsere Flügel eine echte Schwäche darstellen. Vielleicht ging da auch in der Transferperiode schon etwas schief – Jonker und Rebbe haben uns eher im Zentrum verstärkt. Und so musste Jonker nun vermutlich auch gehen, um Platz für ein neues System zu machen.

Gestatten, ich bin der Neue. (Foto: Fanfotos.net)

Gestatten, ich bin der Neue. (Foto: Fanfotos.net)

Euer neuer Trainer heißt Martin Schmidt. Der Schweizer hatte bei uns in Mainz seine erste Station als Profitrainer in der Bundesliga. Wie sehr hat dich die Personalie überrascht?
Was heißt überrascht. Ich hatte ihn natürlich auf dem Zettel als einen, der jetzt frei war. Aber ganz oben stand er nicht auf meiner Liste. Vielleicht ist es aber genau das, was ihn zu einer guten Wahl macht: Er ist anders als Jonker, und er ist anders als viele VfL-Trainer vor ihm. Er steht dafür, über Emotionen zu kommen und Fußball zu leben, er steht für Mannschaften, in denen jeder für jeden fightet, und nicht zuletzt für eine fannahe Kommunikation – was alles ganz hervorragend zum Slogan „Arbeit Fußball Leidenschaft“ passt, den der VfL dieses Jahr von einem inoffiziellen Fan-Motto zum Status eines offiziellen Vereinsmottos aufgewertet hat. So mögen wir unseren VfL! Vielleicht ist Martin Schmidt also bei aller Überraschung auch der logische Schritt, der nach einigen Misserfolgen mit bewährten Strategien jetzt anstand.

In den ersten beiden Spielen unter dem Neuen habt ihr zwei Punkte geholt – einen davon wohlgemerkt in München. Wie ist dein bisheriger Eindruck von Schmidt und was hat er in der Mannschaft verändert?
Ich bin positiv gestimmt, was vor allem an teilweise sehr klugen Interviews von Schmidt liegt. Nach dem Spiel gegen Bremen mit einer guten ersten und einer katastrophalen zweiten Halbzeit hat er ehrlich die Schwächen und Fehler der Mannschaft benannt, ohne zu versprechen, dass das alles von jetzt auf gleich geändert werden kann. Er redet nicht drumrum und schafft es, auch ohne Phrasendrescherei eine Aufbruchsstimmung zu vermitteln.
Diese Aufbruchsstimmung zeigte sich dann sehr schön im Spiel gegen Bayern. Welche Mentalität und Haltung die Mannschaft dort gezeigt hat, nach einem 2:0-Rückstand in München zurückzukommen! Dafür war der Mut nötig, den Schmidt schon in den Tagen vor dem Spiel ausgestrahlt hatte, Und dabei gingen sie geordnet und zielgerichtet vor, spielten kluge Pässe, und ja, sogar über unsere Flügel ging was. Man merkt schon jetzt, dass Schmidt sich Gedanken zu den Schwächen im System macht, das bisher auf Flanken auf den Spitzenstürmer Gomez angewiesen war und wenig andere Möglichkeiten zu erfolgreichen Angriffen bot. Das macht Lust darauf, ihm dabei zuzuschauen, was er noch für Ideen für die Mannschaft in petto hat.

Aus der Entfernung betrachtet wirkt es, als fehle bei VfL-Sportchef Olaf Rebbe die klare Linie. Valérien Ismaël wurde erst gestärkt, dann gefeuert, mit Jonker geht man in die neue Saison, nur um ihn nach vier Spielen zu entlassen. Tue ich ihm Unrecht? Wie siehst du seine Rolle?
Ja, ich glaube, du tust ihm ein bisschen Unrecht. Ismaëls Vertrag als langfristiger Cheftrainer war das „Abschiedsgeschenk“ von Klaus Allofs an den VfL und in meinen Augen neben der Nichtfreigabe von Julian Draxler im letzten Sommer die größte Fehlentscheidung der letzten Saison. Aber es war eben auch Allofs’ Fehlentscheidung. Rebbe musste dann schauen, wie er mit der Situation umgehen sollte, dass kurz vor seinem Amtsantritt ein neuer Cheftrainer installiert worden war. Nicht nur ich war sehr dankbar, dass die Zusammenarbeit mit Ismaël dann doch recht bald beendet wurde, denn da lief so einiges schief, was ich jetzt gar nicht alles aufzählen kann. In der Situation Jonker zu holen, hat sich letztendlich bewährt, auch wenn es vielleicht nicht die langfristige Lösung für den Verein war. Aber nach dem Trainer, der jeglichen Rückhalt bei den Fans und scheinbar auch bei großen Teilen der Mannschaft verloren hatte, einen zu holen, mit dem viele schon positive Emotionen verknüpften, war – gerade für den Abstiegskampf – ein guter Schachzug. Wir werden sehen, ob sich die Schmidt-Entscheidung jetzt bewährt. Ich bin gewillt, Rebbe zu vertrauen, sich etwas bei den Entscheidungen der letzten Wochen gedacht zu haben; er ist ein sehr strategisch denkender Mensch, der es in kurzer Zeit geschafft hat, sich trotz seines jungen Alters ein gewisses Standing im Verein zu erarbeiten.

Jung und ambitioniert: Olaf Rebbe. (Foto: Fanfotos.net)

Jung und ambitioniert: Olaf Rebbe. (Foto: Fanfotos.net)

In den letzten zwölf Monaten saßen beim VfL vier Trainer auf der Bank. Was spricht dafür, dass nun Kontinuität einkehrt? Und als wie chaotisch hast du selbst diese Zeit empfunden? Manchmal sieht es von außen ja schlimmer aus als in der Binnensicht.
Wie ich schon geschrieben habe, kam es mir gar nicht unbedingt chaotisch vor. Ich würde eher unsicher als charakterisierendes Attribut für das letzte Jahr wählen. Viele Entscheidungen nach Allofs erscheinen sehr bedacht – aber klar, du hast Recht, wenn du sagst, dass sie nicht gerade zu Kontinuität geführt haben. Das sorgt für Unsicherheitsgefühle bei allen: Fans, Spielern, Beobachter*innen von außen. Wird nun Kontinuität einkehren? Ich bin ehrlich, ich habe keine Ahnung. Vielleicht ist es auch noch ein bisschen zu früh, um zu beurteilen, wie gut es zwischen dem VfL und Schmidt auf Dauer funktionieren wird. Tatsächlich wird die VfL-Führungsetage vielleicht ein bisschen schneller nervös als die anderer Vereine, wenn die Leistungen sich nicht fix genug in Richtung des Anspruchs entwickeln. Mein Wunsch wäre ja, hier ein bisschen mehr Gelassenheit an den Tag zu legen und Entwicklungen zuzulassen. Die Entscheidung für Schmidt interpretiere ich als einen Schritt in diese Richtung, lässt man sich mit ihm doch auf etwas ganz Neues ein.
Unsicher über die Zukunft des VfL bin ich immer noch, daran hätte gerade vermutlich keine spontane Entscheidung etwas ändern können. Dafür ist mein Vertrauen, dass es am Ende schon irgendwie klappen wird, in der letzten Saison doch reichlich erschüttert worden. Damit stehe ich auch nicht alleine da, wenn ich mich in der Fanszene so umschaue. Dieses Vertrauen jetzt wieder aufzubauen, wird auch eine der Aufgaben von Schmidt sein.

Derzeit geistert die Meldung durch die Medien, Edin Džeko könne sich nach dieser Saison erneut den Wölfen anschließen. Spricht daraus die Sehnsucht nach der erfolgreichen Zeit des VfL? Džeko ist ein Gesicht der Meistermannschaft.
Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehnsüchtig ich und auch andere nach der erfolgreichen Zeit sind. Und damit meine ich gar nicht unbedingt Titel, sondern schlicht das Gefühl, dass im Verein gerade alles richtig läuft, dass toller Fußball gespielt wird, dass ich nicht schon 48 Stunden vor dem Spieltag mit Bauchschmerzen zu Hause sitzen und mich fragen muss, was dieses Mal wieder schiefgehen wird. Immer wenn es mir wegen des VfL schlecht geht, schaue ich mir das Meisterschaftsspiel gegen Bremen 2009 oder das Pokalfinale 2015 gegen Dortmund an, das ist so ein bisschen zu meiner persönlichen Wohlfühl-Therapie geworden, auch wenn ich mir natürlich bewusst bin, dass da ganz viel Verdrängung mitspielt. Ich glaube, niemand würde laut „Nein“ schreien, wenn sich die Gerüchte um Džeko bestätigen würden. Wir hatten eine tolle und erfolgreiche Zeit miteinander, natürlich schwingt da ganz viel Nostalgie mit, und man muss sich dessen bewusst sein, dass er nicht mehr der Spieler von vor sieben Jahren ist und sich auch das Setting drum herum geändert hat. Gleichzeitig kann aber von der Verpflichtung eines solchen Spielers, der sich immer mit der Mannschaft identifiziert hat und mit dem sich auch die Fans identifiziert haben, eine Aufbruchsstimmung ausgehen, die wir gut gebrauchen könnten.

Meisterlich: Die VfL-Damen.

Meisterlich: Die VfL-Damen.

Stichwort Meistermannschaft: Die VfL-Damen feiern seit Jahren national und international große Erfolge. Weil die Männer die Relegation noch vor der Brust hatten, durften sie aber ihre Meisterschaft erstmal nicht feiern. Wie hast du das empfunden?
Ich versuche, mein Leben nach feministischen Prinzipien auszurichten, engagiere mich in diesem Feld und mache jetzt auch einen Podcast zu feministischen Themen. Zudem finde ich Frauenfußball extrem spannend und bin öfter bei Turbine Potsdam im Stadion zu den Heimspielen, wahrscheinlich auch am Sonntag gegen die Hoffenheimerinnen. Natürlich hat mich das auch aufgeregt – zumal davon auszugehen ist, dass das andersherum nicht passiert wäre. Die vorgeschobene Begründung, man hätte gewollt, dass die Frauen die volle Aufmerksamkeit bekommen, hat es nicht besser gemacht. Gleichzeitig möchte ich aber in zwei Punkten relativieren – was nichts daran ändert, dass die Aktion unüberlegt und falsch war, aber den Diskurs in eine Richtung verschiebt, die mir wichtig wäre:
1. Die Damenmannschaft musste nicht auf ihre Meisterinnenfeier verzichten, weil die Herren die Relegation noch vor der Brust hatten. Vielmehr war die Feier für den gleichen Tag wie das Relegationsspiel in Wolfsburg angesetzt (für dessen Ansetzung der VfL nichts kann) und aufgrund der Brisanz der Konstellation mit Braunschweiger Auswärtsfans in der Stadt wurde auch aus Sicherheitsgründen dagegen entschieden, die Feier stattfinden zu lassen. Wenn ich mir anschaue, wie die Situation für Wolfsburger Fans in Braunschweig beim Rückspiel war (die sich teilweise kaum aus dem Stadion heraus getraut haben), dann zeigt sich, dass Sicherheitsgründe durchaus ein relevantes Argument sein können. Wohlgemerkt: können, nicht müssen. Vielleicht hätte es andere Lösungen gegeben.
2. Ich bin mir sicher, dass das bei jedem anderen Verein genauso gelaufen wäre. Was hier passiert ist, ist kein VfL-Problem, sondern ein Problem des Fußballs und der Fußballverantwortlichen genauso wie der Fanszenen: Sexismus ist einfach präsent und zieht sich als Muster durch. Die Ungleichbehandlung des Frauenfußballs in eigentlich allen relevanten Punkten ist unsäglich und muss sich meiner Meinung nach dringend ändern. Dafür ist aber eine Bewusstmachung und ein Eingestehen bei Verantwortlichen wie bei Fans notwendig – und kein Ablenken dahingehend, dass das ja „typisch für einen bestimmten Verein“ sei. Wir müssen das strukturell und gemeinsam und selbstkritisch angehen. (Diesbezüglich kann ich euch sehr Karstens Artikel „Männerfußball“ bei Halbfeldflanke ans Herz legen.)

Was können die Herren denn von der erfolgreichen Damenmannschaft lernen?
Wie man mit Konstanz in der Arbeit und dem Dranbleiben an bestimmten Themen ohne Grundaufregung zum Erfolg kommen kann. Und natürlich die ausgezeichnete Symbiose von Mannschaft und Trainer. Ralf Kellermann und die VfL-Damen, das war einfach was ziemlich Großes – und das über neun Jahre hinweg und ohne Skandal bei seinem Wunsch, jetzt etwas Anderes zu machen. So etwas wünsche ich mir für die Herren auch.

Die Mainzer mussten nach einem starken Auftritt gegen Hoffenheim als Verlierer vom Platz, gegen Berlin gab es nach einem mäßigen Kick drei Punkte. Wie erwartest du das Team?
Ich bin ehrlich gesagt keine große Mainz-Beobachterin. Von den Hertha-Fans aus meinem Umfeld höre ich große Unzufriedenheit darüber, dass man am Wochenende gegen die Mainzer nicht zu mehr Chancen gekommen ist, weil beide sich nicht gerade als offensivstark gezeigt haben. Wenn das Mainzer Spiel nach vorne nicht so druckvoll ist, kommt das dem VfL und seinem System sicher entgegen, da unsere Abwehr so verletzungsgeschwächt ist. Das Hoffenheim-Spiel fand ich tatsächlich sehr stark, zumal mir Hoffenheim insgesamt eigentlich ausgesprochen gut gefällt bisher. Ich kann nur hoffen, eher das Mainz vom Wochenende zu erleben.

Lieber keine Prognosen wagen... (Foto: privat)

Lieber keine Prognosen wagen… (Foto: privat)

Und was erwartet umgekehrt die 05er beim Spiel in Wolfsburg? Welche Mannschaft siehst du nach der zurückliegenden englischen Woche in der Favoritenrolle?
Mit dem Spiel gegen die Bayern ist der Optimismus bei einigen von uns zurückgekehrt – und das gar nicht unbedingt wegen des erfreulichen Ergebnisses. Es war einfach schön zu sehen, wie die Mannschaft gut angefangen und sich nach dem unglücklichen Rückstand nicht hat hängen lassen. Sie haben weitergespielt, und sind zurückgekommen. Und sie haben Fußball gespielt! Dabei hat Schmidt, obwohl er erst drei Trainingseinheiten mit der Mannschaft hatte, von Beginn an mutige Entscheidungen getroffen, wie zum Beispiel den jungen Itter gegen Robben spielen zu lassen. Ich kann mir vorstellen, dass er auch gegen Mainz wieder eine Überraschung in petto hat. Mit dem Bayernspiel im Rücken und der Tatsache, dass das ja ein Heimspiel für uns ist, sehe ich uns am Samstag leicht in der Favoritenrolle. Ich tippe 1-0.

Wie lautet deine Prognose für die restliche Saison, fängt sich der VfL oder müsst ihr wieder bis zum Schluss zittern?
Meine Prognosen in den letzten Jahren waren immer ziemlich mies, von daher würde ich mir da nicht unbedingt vertrauen. Ich verkaufe es lieber als Hoffnung denn als Prognose: Ich hoffe, wir pendeln uns um Platz 10 herum ein, und bringen vor allem ein bisschen Ruhe in die ganze Situation. Einstellig wäre schön, aber eine Prognose traue ich mich diesbezüglich nicht abzugeben… Nach vier Trainern innerhalb von einem Jahr würde ein bisschen Durchatmen meinen Nerven jedenfalls sehr gut tun. Für den Anfang würde es aber auch eine Stabilisierung in der Abwehr tun. Spätestens mit der Rückkehr von Brooks und Bruma nach ihren Verletzungen muss es soweit sein!

Vielen Dank für das Gespräch!

|| Mit großem Dank an Fanfotos.net für die zur Verfügung gestellten Fotos. ||

Schreiben für Kinder | Always Team Toni

Gelegentlich schreibe ich für „Kruschel – Deine Zeitung“, die Kinderzeitung der Verlagsgruppe Rhein Main. Für einen Beitrag über Blutkrebs hatte ich kürzlich mit der DKMS zu tun. Im Nachgang meldete sich Julia Runge, die mir dort meine Fragen rund um Leukämie beantwortet hatte, um zu fragen, ob ich anlässlich des Weltkindertags am 20. September einen Gastbeitrag für den DKMS-Blog schreiben könnte. Darin sollte ich meine ganz persönliche Herangehensweise beim Schreiben für Kinder darlegen. Ich schätze die Arbeit der DKMS sehr und habe das deshalb gerne getan. Mein Text findet sich hier. Im Blog veröffentliche ich ihn für Tonis Familie auf Englisch.

Toni with her mom and dad and her brother Kam. (Foto: The Marino Family)

Toni with her mom and dad and her brother Kam. (Foto: The Marino Family)

There’s this saying: Be who you needed when you were younger. Like for many quotes, the internet identifies different sources so I can’t say exactly who it is from. But to be the person you needed when you were younger seems like a good thing to do when writing for kids, too. As I think it’s generally a good idea to remind us of the times we ourselves were children with oh so many questions. Back then, nothing was more annoying than a grown up telling us we were too little to understand.

I once attended a workshop on writing for children and the teacher back then explained to us, when doing so it’s really not WHAT but HOW that matters most. Which is to say, as a journalist you can offer children pretty much every topic. The important thing is how you deal with said topic. Which pretty much matches the childhood memory of always wanting to know everything.

Of course, this also means there’s quite a margin of judgement. But this, on the other hand, is true for the profession in general: The chief editor has to decide which topics to cover, the head of local news can only make so many appointments and every journalist decides each and every time anew how to deal with a certain subject. So, the margin of judgement is not only at work when writing for kids but rather part of the job itself.

Tonis Geschichte in der Kinderzeitung Kruschel. (Quelle: VRM/Kruschel)

Tonis Geschichte in der Kinderzeitung Kruschel. (Quelle: VRM/Kruschel)

When my nephew who is now eleven years old asks me about something I will probably answer his question somewhat different from how I did a couple of years ago. If he asks me again in four years my answer will yet again differ. Of course, not in its substance but in the way I talk to him and explain things. I might be more detailed every time and with growing age tell him things I once held back to protect him. In our day-to-day routine we handle these things very intuitively and I believe we should keep this intuition at heart when writing for kids as journalists.

How did grandpa find his way to heaven? Why does war exist? Why do people detonate bombs on their body? Why do children have to die? Kids have so many questions and some of them might scare us as adults. It’s a natural reflex to want to protect them from all of this. But protecting them from these topics means protecting them from the world we – they! – live in.

We can’t find explanations for everything but we can try, open doors, talk about things and with that take some of the fears away that children experience. And it’s okay to write that there’s not an answer to everything and that sometimes when sad or stressed its best just to hug your dad or cuddle up to your little sister. War, terror, illnesses, misery – all of this is real and exists all around us. It is important, not to keep this knowledge from children. But it is just as important to handle these topics in a way that assures them rather than scares them.

Yes, there’s a deadly war going on in Syria and that’s quite scary. Families run off and leave everything behind that’s dear to them. We can’t change anything about that. But we can tell children how it’s possible to help these refugees in our countries, how they can collect toys and games for them or be extra niece to the new girl in their class. Yes, it is unsettling how Mum cries all day. But she has an illness called depression. It’s like a broken bone in her soul. She’s sick and it’s never ever the child’s fault. She still loves her kids, she just can’t show it. Yes, cancer is scary, especially if it’s a kid who fights it. But one learns to live with it because there’s no other way. And as a family it’s even possible to grow with the situation, against all odds.

The one and only Toni Macaroni. (Foto: The Marino Family)

The one and only Toni Macaroni. (Foto: The Marino Family)

Whenever I write for children I imagine a child I’m explaining something to. A lot of times it’ll be my nephew. He once asked his mom why it is that not everybody donates their organs. That way death would still be very sad but at least everyone dying would help another person to live. This show’s that sometimes children have the best explanations after all. Because of that it’s very important for a journalist to be a good listener.

This is how I stuck with Toni’s story. I met her mom Lacy when spending a year in the US in my teens. Shortly before her 9th birthday Toni was diagnosed with leukemia. In the children’s newspaper “Kruschel – Deine Zeitung” her story reads like this:

A short while before her ninth birthday, the doctors diagnosed Toni Marino with leukemia. This happened in October 2013 and was a real shock for her family. Luckily, at first the chemotherapy destroyed the cancer-cells in Toni’s body. But unfortunately, she didn’t stay in remission very long. The cancer returned in the summer of 2014. It was then that her little brother Kam did something really heroic: He became a donor for his sister! Toni was brave and a bold fighter. She did miss her friends and the school, though. And the stupid cancer kept returning… Toni died on December 26th, 2016. Her family is very sad and misses her so much! But they’re also very thankful for what Kam did. He says: “I was scared to give my bone marrow, but it didn’t hurt that bad. I was glad that we had that option to help my sister, Toni. We were able to make a lot more memories because I donated my bone marrow.” They think about Toni very often and when Kam misses her most, he cuddles with Smokey, the dog Toni rescued from a shelter.

Of course, it’s unbelievably sad that Toni had to die. But there’s also so much hope in her story because her family pulled through and grew stronger while a lot of families in similar situations fall apart under the painful pressure. To show this hope in the story is the matter of HOW I was writing about earlier. If we succeed in doing this as journalists we don’t overburden children but rather help them along their way of finding out that the world’s made up of good and bad, joy and sorrow, laughter and tears.

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 beim FC Bayern

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Diesmal beantwortet Justin meine Fragen, der für den Bayernblog Miasanrot über die Münchner – aber auch über ihre Gegner – schreibt.

Das Logo des Bayernblogs Miasanrot. (Foto: Miasanrot)

Das Logo des Bayernblogs Miasanrot. (Foto: Miasanrot)

Hallo Justin! Schön, dass du dir die Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Für Mainz geht es am Wochenende zum FC Bayern. Klassische Einstiegsfrage: Wie bist du zum Fan der Roten geworden?
Als jemand, der in der Nähe von Berlin geboren ist, liegt es nah, mich als Erfolgsfan zu betiteln. Ganz verneinen würde ich dies nicht. Es war durchaus die erfolgreiche Generation um Oliver Kahn, Stefan Effenberg, Giovane Élber, Bixente Lizarazu & Co., die mich dazu gebracht hat, mich in diesen Klub zu verlieben. Erst später kamen andere Argumente, wie beispielsweise die Landauer-Geschichte, dazu. Als Kind ist diese Entscheidung ja doch immer etwas zufällig. Entweder bestimmt das Umfeld, welchen Fußballklub du zuerst unterstützt – oder es ist der Erfolg. Vielleicht war Letzteres ausschlaggebend, aber es ist heute längst nicht mehr der wichtigste Grund für mich.

Du bist Teil von Miasanrot, einer Plattform, die sich in Blogbeiträgen und einem Podcast den Bayern widmet. Ihr deckt alle Themen von den Profis über die Frauen zu den Amateuren ab. Welche Themen beackerst du klassischerweise?
Seit Anfang 2016 darf ich für den größten deutschsprachigen Bayern-Blog schreiben. Wenn man so möchte, kann man seitdem das Vorschauformat als meine Hauptaufgabe betrachten. Hin und wieder analysiere ich auch ein Spiel oder gebe meinen Senf in einem Kommentar zu aktuellen Themen dazu, die Spielvorschau ist aber quasi mein Baby. Darin versuche ich, den Bayern-Fans unseren jeweils nächsten Gegner so genau wie möglich vorzustellen und diesem so eine Bühne zu geben. Der Fokus liegt schon im taktischen Bereich, aber auch andere Themen spielen eine wichtige Rolle. Fußball ist ohne Frage ein komplexer Sport. Mein Ziel ist es, dies zum einen den Lesern bewusst zu machen, sie auf der anderen Seite aber nicht mit Verkomplizierungen abzuschrecken. Wenn ich mir die daraus entstehenden Diskussionen und unsere Leserzahlen anschaue, dann scheint das bisher ganz gut zu funktionieren, wenngleich ich sehr selbstkritisch bin.

Erinnern an Kurt Landauer. (Foto: FCBM1900)

Erinnern an Kurt Landauer. (Foto: FCBM1900)

Du lebst bei Potsdam, richtig? Ich habe das Privileg, in einer halben Stunde im Stadion zu sein und stelle es mir immer sehr schwierig vor, wenn man die Spiele ausschließlich im TV sehen kann. Wie geht es dir da und zu wie vielen Partien schaffst du es pro Saison?
Ich sehe in dieser Distanz Vor- und Nachteile. Positiv ist in jedem Fall, dass die Stadionerlebnisse, die ich habe, umso besonderer sind. Ganz einfach, weil ich länger warten muss. In der Theorie wäre es aufgrund meiner Kontakte nicht so schwer, jeden Monat mal nach München zu fahren. Zeitaufwand fürs Studium, Einkommen und Privatleben machen dem aber regelmäßig einen Strich durch die Rechnung. Wenn der FCB in Berlin zu Gast ist, bin ich immer im Stadion, den Rest kann man an einer Hand abzählen. Vielleicht ändert sich daran etwas, wenn ich mein erstes Geld nach dem Studium verdiene.

Anhänger des FC Bayern müssen sich oft des Generalverdachts erwehren, erfolgsverwöhnte Prosecco-Trinker zu sein. Wie sehr nervt das eigentlich? Und was entgegnest du auf solche Pauschalisierungen?
Unsachliche Argumente versuche ich wegzulächeln. Manchmal schafft es der eine oder andere aber doch, mich zu provozieren. Es nervt schon sehr, wenn man in eine Schublade gesteckt wird. Ich ziehe da immer ganz gern den Vergleich zur Schulzeit. Jeder kennt diese/n Schüler/in, der/die geheult hat, weil eine 2 oder 3 auf dem Zeugnis stand, während andere mit deutlich weniger zufrieden waren. Ich finde das durchaus berechtigt, wenn eine 2 oder 3 eben dazu führt, dass die Ziele nicht erreicht werden können. Probleme sind nun mal Probleme, egal auf welchem Niveau. Man kann meines Erachtens nicht über Luxusprobleme lachen und Quervergleiche zu schlimmeren Dingen ziehen. Ich denke, dieses Unverständnis anderer gehört einfach dazu, das muss man dann so akzeptieren. Und ein klein wenig kann ich es auch verstehen. Manchmal übertreiben wir es schon ein bisschen.

Mein Eindruck ist, dass viele Fans auch in der zweiten Saison nach Guardiola noch nicht so wirklich im Ancelotti-Zeitalter angekommen sind. Weshalb diese Sehnsucht nach dem Ex, obwohl die Beziehung am Ende auch alles andere als einfach war?
Ich habe es damals schon gesagt und wurde von einem Teil belächelt, vom anderen erhielt ich Zustimmung: Wenn Pep Guardiola den Verein verlässt, werden viele erst merken, was Bayern an ihm hatte. Es war damit zu rechnen, dass es nach ihm nicht besser wird. Das ging auch gar nicht. Die Münchner spielten herausragenden Fußball. Sogar einen attraktiveren als die Triple-Mannschaft. Guardiola übernahm Spieler, die 2013 auf dem Zenit waren und mit deren Einbruch eigentlich von Jahr zu Jahr zu rechnen war. Er hat es dennoch geschafft, sie erneut weiterzuentwickeln. Dass es am Ende nicht zum Champions-League-Titel reichte, war eine Mischung aus eigenen Fehlern (erste Saison), Verletzungspech (zweite Saison) und Pech in der Spielgeschichte (dritte Saison). Es sollte halt nicht sein. Die Champions League ist ein Bonus und ein Geschenk. Im Duell mit den ganz Großen entscheiden manchmal andere Dinge als die sportliche Leistung. Ich finde es verständlich, dass viele Fans ihn vermissen. Dennoch muss der Blick jetzt nach vorn gehen. Bayern hat einen Umbruch zu bewältigen und da wird die Diskussion über Guardiola nicht helfen.

Carlo Ancelotti auf dem Trainingsplatz. (Foto: Rufus 64 | CC 3.0)

Carlo Ancelotti auf dem Trainingsplatz. (Foto: Rufus 64 | CC 3.0)

Wie beurteilst du eure Sommertransfers? Hat der FC Bayern sich sinnvoll verstärkt? Was erwartest du dir von den Neuen?
Bayern muss auf dem Transfermarkt seinen eigenen Weg gehen. Die großen Summen können und wollen sie nicht bezahlen, also braucht es Alternativen. Das Triple holte man dank einer starken Jugendarbeit und gutem Scouting (Lahm, Schweinsteiger, Alaba, Müller, Kroos, Badstuber usw.) sowie klugen Transfers von Spielern wie Robben oder Boateng, die keine einfache Zeit hatten, bevor sie kamen. Hinzu kamen die besten Spieler Deutschlands beziehungsweise aus der Bundesliga, wenn ich mich da an Neuer, Gómez, Mandzukic und Dante erinnere. Diese Mischung und ein Trainer, der für den Kader die perfekte Mischung aus Menschlichkeit und taktischer Vorgabe fand, führten zum Erfolg. Mit Rudy und Süle kamen jetzt zwei der besten Fußballer des Landes für relativ wenig Ablöse. Tolisso war wie schon Martínez oder Sanches ein bewusst kalkuliertes Risiko. Entweder geht es gut oder man kann den Transfer trotz der Ablöse gerade noch verkraften. James ist für mich eher in der Kategorie von Robben und Boateng. Man hatte die Chance, ein großes Talent ohne finanzielles Risiko zu holen, das in den letzten beiden Jahren Schwierigkeiten hatte. Von allen erwarte ich Druck für die Etablierten. Ich glaube schon, dass jeder einzelne von ihnen den Kader verstärken kann und bin daher auch zufrieden.

Aktuell schlägt ein Spiegel-Interview Wellen, in dem Robert Lewandowski kritisiert, es sei – verkürzt gesprochen – zu defensiv eingekauft worden. Wie erklärst du dir dieses Interview? Ihm muss doch klar gewesen sein, was er damit (auch für sich persönlich) lostritt…
Ich bin nicht seiner Meinung. Bayern muss nicht tiefer in die Tasche greifen, sondern allgemein eine Strategie finden, um mit den Großen mitzuhalten. Lewandowski sieht dies derzeit nicht gegeben und das kann ich nachvollziehen. Die Führung der Bayern wirkt nicht mehr so souverän und ich habe nicht den Eindruck, dass da professionell gehandelt wird. Man schwimmt etwas im eigenen Saft und versucht, die Dinge so zu lösen, als wären wir wieder in den 2000ern. Bayern muss moderner, innovativer und cleverer werden, wenn sie auf Dauer mit denen konkurrieren wollen, die unmoralische Summen ausgeben. Lewandowski sagt mit seinem Interview lediglich, dass er weg ist, wenn sich der Trend bestätigt. Das kann man ihm nicht verübeln. Immerhin ist er ehrlich und spielt niemandem etwas vor. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass er es in dieser unruhigen Zeit eher intern geäußert hätte.

Die Münchner Allianz Arena. (Fotos: FCBM1900)

Die Münchner Allianz Arena. (Fotos: FCBM1900)

Wie weit darf der Verein aus deiner Sicht gehen, um (einen wie) Lewandowski zu halten? Er wirkt schon eher unersetzlich…
So weit, dass er nicht das komplette Gefüge sprengt. Kein Spieler ist größer als der Klub. Auf der einen Seite hat er bis 2021 Vertrag, auf der anderen winkt Bayern eine hohe Ablösesumme, sollte er es wirklich erzwingen können. Und dann gibt es noch die Möglichkeit, dass der Verein endlich Perspektiven aufzeigt, um den Umbruch zu gestalten. Dann, da bin ich mir sicher, wird Lewandowski auch bleiben.

Wie oft denkst du eigentlich noch wehmütig an Bastian Schweinsteiger?
Sehr oft. Gar nicht aus sportlicher Sicht. Der Wechsel war damals folgerichtig. Schweinsteiger ist in die Jahre gekommen und hatte nicht mehr das Spitzenniveau, um in München eine zentrale Rolle zu spielen. Allein menschlich vermisse ich ihn aber schmerzlich. Eine Leaderfigur wie ihn gibt es derzeit nicht im Kader. Vidal ist zu überemotional und Kimmich noch nicht so weit. Auch Neuer, Hummels, Boateng und Müller sind eher andere Typen als Schweinsteiger. Ich verfolge seine Karriere in den USA aber wöchentlich und freue mich, dass er dort glücklich ist. Irgendwann kehrt er hoffentlich in irgendeiner Funktion zurück.

Lewandowski ist nicht die einzige Unruhe-Quelle. Auch über Thomas Müller und seine Rolle unter Ancelotti wurde zuletzt viel öffentlich diskutiert. Angeblich soll Müller einem Wechsel inzwischen nicht mehr abgeneigt sein. Wie empfindest du diese Debatte – und wie siehst du die Rolle des Trainers?
Ich sehe das ähnlich wie Müller. Ob seine Qualitäten wirklich vom Trainer gebraucht werden, ist genau die richtige Frage. Es scheint, als würde Ancelotti mit seinem Spielertypus nicht warm werden. Auch bei Guardiola hat es etwas gedauert, aber der konnte ihn schließlich so einbinden, dass er ein Gewinn für das System war. Müller ist speziell und meine Ansicht ist, dass es sich lohnt, das eigene System an ihn anzupassen. Ancelotti ist wohl anderer Meinung. Mich nervt am meisten an der Debatte, dass Müller sogar bei Teilen der Fans massiv an Kredit verloren hat. Er sollte keinesfalls unantastbar sein, dafür war die letzte Saison zu schwach. Aber ein wenig Respekt gehört sich da schon und es ist ärgerlich, wie zum Teil mit ihm umgegangen wird. Ich mache mir allerdings keine Sorgen um Müller. Er wird seinen Weg gehen und das auch bei den Bayern, davon bin ich überzeugt. Bevor er den Wechselwunsch einreicht, wird Ancelotti weg sein.

Rot-weiße Kurve. (Foto: FCBM1900)

Rot-weiße Kurve. (Foto: FCBM1900)

Wer aus der Favoritenrolle heraus agiert, den sehen die anderen gerne mal verlieren. Will heißen, die Niederlage der Bayern in Hoffenheim hat allein deshalb etwas für sich, weil die Meisterschaft ein bisschen länger offen bleibt. Aber wieso habt ihr eigentlich verloren?
An anderer Stelle sprach ich von der Komplexität des Sports. Genau das war der Grund für die Niederlage in Hoffenheim. Bayern hatte einen super Matchplan und hat den Gegner rund 30 Minuten lang kontrolliert und an die Wand gespielt. Es fehlte das Tor. Nagelsmann stellte anschließend um und seine Mannschaft bekam die Situation so etwas besser in den Griff. Bayern pennte in einer Situation und es stand plötzlich 0:1 für den Gegner. Innerhalb von wenigen Minuten. Entweder hast du jetzt einen Plan B und reagierst auf die veränderte Spielsituation, oder diese kurze Phase macht dich kaputt. Bei Bayern ist es derzeit Letzteres. Die individuelle Klasse ist enorm und solange das Spiel zugunsten der Münchner läuft, ist alles gut. Allerdings zeigte sich gegen Leverkusen, Hoffenheim und auch vergangene Saison gegen Madrid, dass sie mit Veränderungen nicht mehr so gut klarkommen. Das macht sie angreifbar.

Droht bei den Bayern tatsächlich eine Krise? Und ist die eher sportlich begründet oder bringt auch die Rückkehr von Uli Hoeneß Unruhe? Salopp gesagt, hat es ja ohne ihn gut geklappt…
Dass Uli Hoeneß, der Macher des FC Bayern, zurückkehrte, war nicht nur zu erwarten, sondern auch folgerichtig. Mir gefällt aber die Rolle nicht, die er einnimmt. Hätte er seine unfassbare Strahlkraft zum Wohle des Klubs im Hintergrund eingesetzt, um den einen oder anderen Transfer oder Deal zu machen, wäre das sehr gut gewesen. So wirkt es für mich, als wolle er mit aller Macht die Zeit zurück, in der es sein FC Bayern war. Ihm hat es vielleicht nicht so geschmeckt, dass Bayerns Gesichter externe Leute wie Reschke, Sammer oder Guardiola waren. Auch Rummenigge machte eine exzellente Figur ohne Hoeneß. Das Kuriose: All diese Personen hat er selbst noch geholt. Seine Aussagen – in denen er richtigerweise vom Bayern-Weg philosophiert – und die Realität sind einfach weit auseinander. Da fängt alles an. Die sportliche Entwicklung hat viele Ursachen. Zum Beispiel einen Trainer, der für den Umbruch nicht geeignet ist. Ein Vorwurf an die Entscheider, nicht an Ancelotti. Und passt man nicht auf, droht die Krise tatsächlich.

Wie siehst du eigentlich die Rolle Ancelottis? Und warum glaubst du, dass er nicht über die Saison hinaus Trainer bleiben wird?
Ancelotti ist ein Pragmatiker. Er kann gut mit Stars, er kann einen Kader zusammenhalten und ein System finden, das, wenn die Spieler auf dem Höhepunkt sind, wie ein Uhrwerk funktioniert. Beim FC Bayern sind viele Spieler aber über dem Zenit. Deshalb braucht es Innovation und taktische Qualität. Beides bringt Ancelotti nicht mit. Überdies sind junge Spieler wichtig und auch die Entwicklung dieser. Auch das sehe ich nicht als Kernkompetenz des Italieners an. Wir sehen also dieses Anforderungsprofil für den Umbruch und können dann mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass Ancelotti erfahrungsgemäß nicht der richtige Mann dafür ist. Wer auch immer diese Entscheidung getroffen hat, lag damit einfach falsch. Ich rechne damit, dass Bayern – je nach Saisonverlauf – spätestens zur neuen Saison einen jüngeren Trainer hat, möchte aber kein Namedropping veranstalten.

Der neue Mainzer Chefcoach Sandro Schwarz. (Foto: Fotografie Torsten Zimmermann)

Der neue Mainzer Chefcoach Sandro Schwarz. (Foto: Fotografie Torsten Zimmermann)

Mainz konnte die Bayern tatsächlich schon öfter ärgern. Was für ein Spiel erwartest du und was müsst ihr tun, um die Punkte zu behalten? Wie stark siehst du die 05er unter dem neuen Trainer Sandro Schwarz? Und wie viel Rückenwind gibt euch der Sieg gegen Anderlecht?
Konzentriert sein und die erste halbe Stunde aus Hoffenheim wiederholen. Da war Bayern strukturiert, griffig, laufstark und gut im Gegenpressing. Der Gegner konnte kaum atmen. Was noch fehlte, war die letzte Durchschlagskraft im letzten Drittel. Da müssen die Münchner bessere Lösungen finden. Den Sieg gegen Anderlecht würde ich jetzt nicht allzu hoch hängen, haben die doch auch einige Probleme derzeit. Mainz hat unter dem neuen Trainer interessante Ansätze gezeigt und auch überraschende. Erstmals habe ich diesen Klub in einigen Phasen auf Ballbesitz spielen sehen. Solide Strukturen und viele Passdreiecke erlaubten ihnen, das Spielgerät länger zirkulieren zu lassen. Natürlich ist dieser Stil nicht ohne Risiko, dafür jedoch ein sehr mutiger, der mir gefällt. Ich wünsche Sandro Schwarz, dass er daran arbeiten kann und der Liga zeigt, dass dieses Risiko belohnt wird. Aber gern erst nach dem Bayern-Spiel.

Worauf müssen die Mainzer sich taktisch einstellen?
Auf immensen Druck. Gerade in der heimischen Arena wird Bayerns Pressing sehr hoch sein. Aber es ist eben nicht mehr so strukturiert wie früher und phasenweise chaotischer. Schafft Mainz es, genau in diesen Phasen die Lücken zu finden, können sie mit viel Tempo auf die Verteidigung zugehen. Das ist die einzige Chance. Hinzu kommt, dass sie gut verteidigen müssen und das Glück dafür buchen sollten, dass die Münchner aus ihren Chancen nichts machen. Ich erwarte viel Ballbesitz. Mainz muss klug verschieben, die Räume im Zentrum eng machen und die erwähnten Momente nutzen.

Justin liebt Dreiecke, offensiven, strukturierten Ballbesitzfußball und Joshua Kimmich.

Justin liebt Dreiecke, offensiven, strukturierten Ballbesitzfußball und Joshua Kimmich. (Foto: privat)

Auf welchen Tabellenplätzen erwartest du die beiden Teams, wenn wir uns zu Beginn der Rückrunde erneut begegnen?
Ich bleibe dabei, dass der FC Bayern Meister wird. Zwar deutet vieles darauf hin, dass sie nun erstmals fallen könnten, doch ich sehe noch keinen Konkurrenten, der die nötige Konstanz aufbringt, um das zu packen. Dortmund hat diese Chance noch am ehesten, aber auch die sehe ich noch schwächeln. Bei Mainz war ich mir vor der Saison sicher, dass es ganz eng wird mit dem Klassenerhalt. Die Ansätze des Trainers stimmen mich positiver, aber ich denke, dass der FSV bestenfalls in der oberen zweiten Hälfte der Tabelle, schlimmstenfalls noch weiter unten platziert sein wird, wenn sie den Rekordmeister empfangen.

Mit „Rot und Weiß ein Leben lang“ steht ab November ein Buch in den Regalen, das du mit einem Blog-Co-Autor verfasst hast. Es ist beileibe nicht das erste Buch zu den Bayern und auch nicht das erste in der Reihe der Fußballbücher dieses Verlages. Warum sollte man es trotzdem kaufen?
Uns ist natürlich bewusst, dass wir den dritten Band der Reihe schreiben und sich der zweite nicht mehr so gut verkauft hat, wie der erste. Wir sind aber optimistisch, dass wir uns von beiden Büchern abgegrenzt haben und etwas komplett Neues anbieten. Vielfältige Themen und auch der Blick in die Zukunft machen dieses Werk lesenswert. Wir bleiben dabei auch nicht unkritisch und betrachten alles durch eine Fanbrille, sondern thematisieren durchaus Probleme und Sorgen. Für jeden Bayern-Fan dürfte etwas dabei sein und ich denke, dass das Buch sogar für Nicht-Fans an einigen Stellen sehr spannend sein könnte.

Vielen Dank für das Gespräch!

|| Mit großem Dank an FBM1990 & Torsten Zimmermann für die zur Verfügung gestellten Fotos. ||

My favorite picture of you: Für immer Dadi

Als meine Mutter mit mir hochschwanger war, fragte eine Bekannte meiner Eltern die beiden, ob sie schon eine Babysitterin hätten? Falls nicht, die Freundin ihres Sohnes lerne Erzieherin und sei noch auf der Suche nach Jobs. So einfach bist du in unsere Leben gekommen. Als Erstes warst du tatsächlich unsere Babysitterin, oder besser, wart ihr unsere Babysitter: Du und dein Freund habt, noch unverheiratet, eure Partywochenenden damit begonnen, erst auf mich, später auf mich und meine kleine Schwester aufzupassen, bis unsere Eltern von ihren Verabredungen zurückkehrten. Du warst gerade 17, als ich auf die Welt kam, Rainer 19. So lange ich denken kann, seid ihr immer da gewesen. Und wenn der Himmel unserer Kindheit sich verdunkelte, warst du der helle Stern, an dem wir uns orientieren konnten, der uns Trost spendete.

Es kam der Punkt, an dem eure Pläne fürs Wochenende sich nicht mehr damit vereinbaren ließen, auf zwei kleine Mädchen aufzupassen. Doch du wolltest uns auch nicht abgeben und schlugst so meine Eltern vor, deine Mutter könnte als Kinderfrau ein neuer Mensch in unserem Leben werden. Unsere Eltern stimmten zu und die deinen wurden ein Teil der Familie. Ich kann nicht mehr sagen, wieso du die zwei Mutti und Vati nanntest, wohl aber weiß ich, die Begriffe waren uns fremd und wir brachten sie nicht mit Eltern in Verbindung. Deswegen sagten auch Nina und ich bald Mutti und Vati zu den beiden, was für allerhand Verwirrung sorgte, wenn sie uns beispielsweise von der Schule abholten und für unsere Eltern gehalten wurden.

Liebe auf den ersten Blick.

Liebe auf den ersten Blick.

Noch lange vor der Schulzeit zogen wir Schwestern uns am Ende der Besuche bei deinen Eltern regelmäßig splitternackt aus, wenn unsere Mutter zum Abholen kam, und versteckten unsere Klamotten in Schrankfächern und Sofaritzen. Weil wir glaubten, dann nicht mit nach Hause zu müssen, sondern bei Mutti bleiben zu können. Dort aßen wir Stachelbeeren aus den Büschen und Sauerkirschen aus den Bäumen, und wir fanden Zuflucht, wenn die Situation zuhause uns wieder mal verwirrte. Wenn wir Mädchen bei deinen Eltern übernachteten, schliefen wir im ersten Stock in deinem Kinderzimmer. Nachts fürchteten wir uns manchmal in der fremden Umgebung, dann liefen wir hinunter ins Erdgeschoss. Aber dort machte uns der schwere, rote Samtvorhang vor dem Schlafzimmer noch mehr Angst als die bösen Träume und wir schlichen zurück in dein Bett, das auch Jahre nach deinem Auszug noch roch, als hättest du gerade darin gelegen.

Als in meiner wilden Teenager-Zeit die Mode der 70er mitten in den 90er Jahren anklopfte, warst du es, die mir zu kompromissloser Stilsicherheit verhalf, in dem du tütenweise alte Schlaghosen vorbeibrachtest. Und während ich meine Beine in die Hosen deines Mannes steckte, waren es deine abgelegten BHs, die mir eine erste Ahnung davon verliehen, was mich erwartete, wenn aus dem Mädchen, das ich war, eine Frau werden würde. Sie flüsterten mir die Geheimnisse zu, die ihr miteinander erlebt hattet, und bereiteten mich vor auf das, was da kommen würde.

Im Krankenhaus hat der letzte BH, den du getragen hast, achtlos in einer Tasche neben deinem Bett gelegen. Er wartete darauf, sich wieder an dich zu schmiegen, so wie die saure Limonade den Glauben nicht aufgeben wollte, noch von dir getrunken zu werden. Doch du warst in nur wenigen Tagen so schwach geworden, dass du nur noch wenig wahrgenommen hast. „Es ist Zeit“, hatte dein Mann mir am Telefon gesagt – und verständnislos hatte ich die Worte in meinem Kopf wieder und wieder nachklingen lassen. Wie war das möglich?

Be kind to one another.

Be kind to one another.

Im letzten Winter waren wir beide zeitgleich im Krankenhaus gewesen und seither hatte sich zwischen uns ein unfassbar enger Dialog entwickelt, für den ich den beiden Krankheiten ewig dankbar sein werde. Denn im Erwachsenwerden war das Band zwischen uns zwar nie gerissen, doch es hatte Phasen erlebt, in denen wir es weniger pflegten. Du hast es nie krumm genommen, wenn wir Mädchen uns eine zeitlang wenig meldeten. Im Chor der Beziehungen meiner Kindheit singen viele Stimmen, die mich lange vor der Zeit in die Rolle der Erwachsenen drängten. Bei dir aber durfte ich immer Kind sein, sogar, als ich es längst nicht mehr war. Du hast mich geschützt und behütet; dafür kann ich dir nicht genug danken. Als die Schwester im Krankenhaus uns zusammen gesehen hat, sagte sie nickend zu mir: „Sie sind die Tochter.“ Wir widersprachen nur halbherzig.

In den großen Verwirrungen meiner Jugend, als zuhause die Unwetter ausbrachen und das kleine Boot, das ich war, zu zerbrechen drohte am Brausen und Tosen, in das es geworfen wurde, wurdest du erneut mein sicherer Hafen. Ungezählt die Abende, die ich auf eurem Sofa verbrachte, einfach nur sein durfte, Luft holen und Kraft schöpfen. Die Gespräche in der Küche über kleingehäckselte Kaninchen im Spinat, Kochtipps und unaufdringliche Lebensweisheiten. Wenige Jahre später war es meine kleine Schwester, die in eurer Küche saß, der du deine Geheimnisse über Buttercreme beibrachtest und für die du der menschliche Ort wurdest, an dem sie auftanken und Luft holen konnte. Du hast uns mehr als einmal das Leben gerettet und bleibst für immer ein Teil von uns.

Die Flüssigkeiten, die aus deinem Körper laufen, haben dieselbe Farbe wie meiner Fingernägel. Deine Nägel sind frisch manikürt und wirken wie ein höhnisches Zeichen dafür, dass plötzlich alles so schnell gegangen ist. „Wie läuft deine Chemo?“ „Was machen eure Hochzeitsplanungen?“ Diese zwei Themen bestimmten unsere Gespräche der letzten Monate. Die Chemo, zuerst erfolgreich, die Hochzeit, dein wichtigstes Etappenziel: diesen Tag wolltest du mit uns verbringen. Nach dem Besuch bei dir in der Klinik in dieser Woche werde ich nachts plötzlich wach, panisch: Habe ich all die Dankesworte tatsächlich bei dir ausgesprochen, die mein Herz nach der Feier bewegt haben?

Dein Lächeln bleibt.

Dein Lächeln bleibt.

Der WhatsApp-Verlauf funkt sanfte Beruhigung. Worte voller Dankbarkeit, voller Erinnerung, voller Freude, Hoffnung und Liebe sind es, die wir im letzten Jahr miteinander gewechselt haben. Sie klingen in mir wie ein unerwarteter Schatz, für den ich unendlich dankbar bin. An deinem Krankenbett kann ich dir noch einmal all das sagen, was mein Herz bewegt. Du flüsterst leise in mein Ohr, schwach zwar, aber mit all der Liebe und Zärtlichkeit, die dich ausmacht, bis ganz zum Schluss. Den Kummer und die Angst, die dich in diesen Tagen bewegen müssen, lässt du nur in Ansätzen spüren, auch wenn du weißt, du könntest ihn bei uns abladen. Stattdessen lächelst du, gibst Handzeichen und bleibst selbst in diesen Momenten des Abschieds die Dadi, die du immer gewesen bist, würdevoll, liebend und stark.

Ich betrachte deinen fast erwachsenen Sohn und erinnere mich warm und intensiv an deine Freude darüber, Mutter zu werden. Dabei warst du das längst – doch nun würdet ihr auch ein eigenes Kind bekommen; das wurde dein größtes Glück. Ihn und deinen Mann alleine lassen zu müssen, das ist es, was dich in deinen letzten Tagen am meisten bedrückte, weil du ihnen keinen Kummer bereiten wolltest. Aber du hast die beiden mit allem ausgestattet, was sie brauchen, um in einer Welt ohne dich zu überleben. Deine Liebe brennt wie ein ewiges Licht hell und warm in den Menschen, deren Leben du berührt hast. Dich loszulassen, tut unglaublich weh. Doch verlieren werden wir dich nie.
Danke für alles, Gabi.