05-Liebe (6) | (Fußball ist…) Gut gegen Heimweh

Wenn ich an Mainz 05 denke, dann denke ich an meine Kindheit. Wie ich im alten Bruchwegstadion auf rotsandiger Tribüne stehe. Dort Spieler wie Charly Mähn gegen Eintracht Bad Kreuznach oder Hassia Bingen anfeuere und mich auf die heiße Brotworscht in der Pause freue. Auch an spätere Zweitligazeiten, als ein gewisser Wolfgang Frank taktisches Neuland beschreitet und – was ich damals noch nicht weiß – den Grundstein für eine Dimension legen sollte, die ich nie für möglich gehalten hätte, vielleicht höchstens mal davon geträumt habe.

Ronald und Stend

Machen wir einen mittelgroßen Zeitsprung ins Jahr 2007. Ich bewege mich damals erstmals von meiner rheinland-pfälzischen Heimat weg nach Osthessen. Nach Hessen? Hessen? Hier sind an Autos überall diese roten Adler befestigt. Und dazwischen steht ein noch nicht angemeldetes Mainzer Auto mit 05-Aufkleber. Und da kommt schon einer und sagt anerkennend zu mir: „Endlich mol en gescheite Club.“ Muss wohl en Offenbacher sein, denk ich mir.

Recht schnell merke ich, wie weit Mainz 05 weg ist. Ich hänge immer noch am Verein. Ich gehe immer noch hin. Jetzt vielleicht sogar noch mehr als vorher. Ich war nie permanent dort, aber immer wieder. Um Höhen und Tiefen mitzubekommen. Der Verein hat sich verändert. Er ist moderner geworden. Wenn ich jetzt hingehe, sehe ich viel Neues. Und mache auch viel Neues. Mit 49 Jahren fange ich an, auswärts mitzufahren.

Eintracht im Pokal

Auswärts? Habe ich früher nie gemacht. Himmel, ich bin heutzutage „bekloppter“ als früher. Und warum? Weil mir jedes Mal, wenn ich jetzt hinfahre, der Club auch ein Stück Mainz zurückbringt, das ich am Ende des Tages mit nach Osthessen nehme. Die Schulterklopfer von Leuten, die ich mit Namen oder auch ohne kenne, sind geblieben. Man kennt sich. Auch das unterscheidet Mainz von vielen anderen. Und deshalb liebe ich Mainz noch immer. Vielleicht sogar mehr als früher….

[Text und Bilder: Ronald Willms]

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 bei Hertha BSC

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Vor dem zweiten Auswärtsspiel der Mainzer in Folge habe ich mit Marc Schwitzky von Herthabase 1892 gesprochen.

1510502834853Hallo Marc, vielen Dank, dass du dir die Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Du bist erst 22, aber rund um Hertha BSC schon länger in den sozialen Netzwerken unterwegs, als der Verein selbst. Erzähl doch mal, wie es dazu kam.
Hallo Mara, es freut mich sehr, dass ich mich nun auch zu der elitären Gruppe deiner Vorberichtsgäste zählen darf! Wie du schon sagst, bin ich ja noch recht jung, weshalb ich mit dem Aufstieg von Social Media aufgewachsen und bereits ein Drittel meines Lebens (völlig verrückt) auf Facebook angemeldet bin. Dort suchte ein Hertha-Fan-Portal einen neuen Redakteur, wodurch ich erstmals auch online Texte schreiben konnte. Im nächsten Schritt gründeten Marcel und ich „Hertha BASE 1892“ und schafften damit unseren eigenen Blog. Mit der Zeit vertrieb es mich (privat) von Facebook zu Twitter, wo ich meine digitale Heimat gefunden habe und mich mit unzähligen Fans und Co-Bloggern anderer Vereine austauschen kann. So lernten wir uns ja auch kennen.

Mit eurem Portal erreicht ihr heute allein auf Facebook fast 10.000 User. Wie stemmt ihr den täglichen Arbeitsaufwand und wie groß ist euer Team aktuell?
Momentan haben wir sieben Teammitglieder, wovon aber nur fünf regelmäßige Aufgaben übernehmen. Wir versuchen, mindestens drei Artikel pro Woche zu veröffentlichen, zuzüglich zu den alltäglichen Aufgaben der Social-Media-Betreuung und unserem zweiwöchentlich erscheinenden Podcast. Das lässt sich nur durch ein motiviertes und verlässliches Team erreichen, das an einem gemeinsamen Strang zieht. Wir sind nicht nur „Kollegen“, sondern echte Freunde geworden und das macht das Zusammenspiel wesentlich einfacher, da wir Hertha BASE neben unseren Jobs oder dem Studium betreiben.

Was kannst du über den Kontakt mit dem Verein sagen: Nimmt man euch da so ernst, wie ihr euch das vorstellt, oder steht ihr hinter den klassischen Medien an?
Ich glaube schon, dass wir auf einem guten Weg sind. Wir wurden vor eineinhalb Jahren vom Vereinssender interviewt und kennen den einen oder anderen Mitarbeiter in der Presseabteilung Herthas persönlich. Dennoch sind noch ein paar Meilensteine zu gehen, wie die Akkreditierung für Pressekonferenzen oder die Pressetribüne im Stadion. Grundsätzlich ist es aber schön, zu sehen, dass wir auf dem Radar des Vereins sind.

Obligatorische Frage, wie bist du zum Fan der „alten Dame“ geworden?
Und dazu die wohl obligatorische Antwort. Ich bin Berlin geboren und mein Vater ist Hertha-Fan. Seitdem er mich erstmals ins Olympiastadion mitnahm, bin ich Hertha verfallen. Bin ich nicht im Stadion, ist es eine absolute Tradition, jedes Spiel zusammen mit meinen Eltern zu gucken.

Auf eurem Portal habt ihr die Köpfe der Journalisten auf Spielerkörper gesetzt. Du verschmilzt mit Arne Friedrich. Was schätzt du an ihm besonders?
Zwischen den brasilianischen Paradiesvögeln wie Marcelinho, Gilberto oder Alex Alves gab es mit Arne Friedrich jemanden, der wie kein anderer für Professionalität und Konstanz stand. Er strahlte sowohl auf, als auch neben dem Feld aus, wie ein Musterprofi auszusehen hatte. Mit seiner hohen Disziplin und der nötigen Eloquenz füllte er sechs Jahre lang das Kapitänsamt bei der „alten Dame“ sehr gebührend aus. Hertha BSC war damals durchaus mit (erfolgreichem) Chaos gleichzusetzen, eine echte Diva, doch Arne Friedrich schien immer mehr in diesem Verein zu sehen. Er hätte sicherlich viele Optionen gehabt, den Verein in all den Jahren zu verlassen, um sich sportlich wie finanziell zu verbessern, jedoch blieb er, solange es ging. Hertha war irgendwann zu „seinem“ Verein geworden und nur wenige konnten diesen so lenken, wie er es tat. Es erfüllte den Hertha-Fan stets mit Stolz, solch einen renommierten Spieler auf dem Feld zu wissen. Mit Joe Simunic bildete er jahrelang eines der besten Innenverteidiger-Duos der Liga und als Frontmann der Mannschaft ging er immer voran.

Wenn ich an Hertha BSC denke, laufen immer Bilder der Relegation unter Otto Rehagel vor meinem inneren Auge ab. Ich hätte niemals mit dem sofortigen Wiederaufstieg gerechnet, geschweige denn mit der Etablierung im Oberhaus. Wie wurde das geschafft?
Die Relegation gegen Düsseldorf ist die schlimmste Wunde im blau-weißen Herzen seit sehr langer Zeit – sie schien einem Weltuntergang gleichzukommen. Michael Preetz traf recht zügig die Entscheidung, Jos Luhukay als Trainer zu installieren, der bereits viel Erfahrung im Aufsteigen hatte. Diese Personalie sollte sich auszahlen. Nach stottrigem Start war die Mannschaft nicht mehr zu besiegen, man fühlte sich wie der FC Bayern der zweiten Liga und brach auf dem Weg ins Oberhaus einige Rekorde. Die Euphorie trug den Verein auch im zweiten Jahr von Luhukay, es wurde überraschend souverän die Klasse gehalten. Im Jahr darauf fanden die Ideen des Niederländers jedoch keinen Anklang mehr, die Mannschaft wirkte plan- und motivationslos und so übernahm Pál Dárdai nach der Winterpause das Amt. Was seitdem passiert ist, ist kaum in Worte zu fassen. Zusammen mit Michael Preetz schuf er Kontinuität und ein klares Konzept, was den gesamten Verein durchzieht. In den vergangenen drei Jahren entwickelte sich Hertha BSC zu einem sehr ambitionierten Erstligisten, der durch einen festen Stamm an Leistungsträgern und vielen hoch veranlagten Talenten nur Gutes für die Zukunft erahnen lässt.

Es gab mal eine Zeit, da war Michael Preetz ein Mann, über den unter Fans viel und gerne gelacht wurde und man erwartete jederzeit seinen Rücktritt. Heute agiert er sehr ruhig im Hintergrund und scheint auch bei den Fans angekommen. Wie ist ihm das gelungen?
Zu seiner Verteidigung muss gesagt werden, dass er nach der Hoeneß-Ära ins kalte Wasser geworfen wurde und einen finanziellen Scherbenhaufen als Erbe antreten durfte. Die Kluft zwischen sportlichem Anspruch und tatsächlichen Mitteln war riesig und es musste zunächst einmal erreicht werden, den Verein zu konsolidieren. Preetz tat es sicherlich gut, mit Präsident Werner Gegenbauer einen großen Verbündeten zu haben, der vorbehaltslos auf ihn vertraute, denn in einer anderen Konstellation wäre er heute sicherlich nicht mehr unser Sportdirektor. Es ist wahr, Preetz hat in seiner Anfangszeit Fehler begangenen, vor allem auf dem Trainerstuhl, jedoch wurde ihm die Zeit gegeben, sich zu entwickeln und aus diesen Fehlern zu lernen. In diesem schnelllebigen Fußballgeschäft eine absolute Seltenheit, aber eben auch der Beweis dafür, dass Vertrauen sich auszahlen kann. Preetz überzeugt durch ein klares Konzept und hat mit Pál Dárdai einen Trainer gefunden, mit dem er es auch kontinuierlich umsetzen kann. Er schafft es nicht nur seit Jahren konstant starke Transferphasen hinzulegen, sondern auch, Hertha BSC ein neues Gesicht zu geben und den Verein für die Zukunft aufzustellen.

In der vergangenen Saison habt ihr es Mainz 05 gleichgemacht und die Quali für Europa in den Sand gesetzt. Diesmal wart ihr direkt dabei, konntet aber nicht europäisch überwintern. Was überwiegt, die Freude über die zurückliegenden Spiele oder die Enttäuschung?
Eine Mischung aus beidem. Sportlich lief es zwar nicht zufriedenstellend und besonders in solch einer „einfachen“ Gruppe hätte die K.O.-Phase erreicht werden müssen, aber die Europa League war dennoch wichtig und gut für die Mannschaft. Spieler, die sonst eher in der zweiten Reihe stehen – wie Thomas Kraft oder Fabian Lustenberger – konnten sich dank guter Leistungen nachhaltig für die Bundesliga empfehlen. Und auch unsere jungen Spieler wie Maxi Mittelstädt oder Jordan Torunarigha haben in diesem Wettbewerb Erfahrungen sammeln und sich dem Trainer anbieten können. Ohne die Europa League gäbe es nicht den gleichen Konkurrenzkampf, wie wir ihn aktuell haben.

Die bisherige Saison der Hertha unterlag mächtigen Schwankungen. Gerade scheint sich das Team zu stabilisieren, zuletzt konnte sogar Leverkusen geschlagen werden. Ist da irgendwo ein sprichwörtlicher Knoten geplatzt oder war das eine beständige Entwicklung?
Um ehrlich zu sein: keins von beidem. Vor dem beeindruckenden Sieg gegen Leverkusen gab es drei Unentschieden, die aber verschiedener kaum hätten sein können und eher die von dir erwähnten Schwankungen erkennen ließen. Der Dreier gegen die Werkself könnte der Startschuss für eine heiß ersehnte Beständigkeit sein – das Spiel gegen Mainz wird es zeigen und hat daher eine entscheidende Rolle für Herthas weiterem Saisonverlauf.

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In einem Beitrag Ende Januar beschäftigt ihr euch mit den Offensivschwächen des Teams. Kannst du eure Ergebnisse für uns zusammenfassen? Was macht Hoffnung darauf, dass es bei diesem Thema Besserung gibt?
Die geringe Torgefahr ist an sich nichts Neues bei Hertha. Seit mittlerweile drei Saisons haben wir die ligaweit geringste Anzahl an Schüssen – der Unterschied in diesem Jahr ist nur, dass die gewohnte Effizienz etwas verloren gegangen ist. Am Saisonanfang steckten Herthas Torjäger Salomon Kalou und Vedad Ibisevic in einem Formloch der Marke Mariannengraben. Als dann noch Neuzugang Mathe Leckie seine starke Torquote nicht halten konnte, hatte Hertha ein Problem. Pál Dárdai hat dieses Jahr zwei klare Ziele gesteckt: Talente an die Startelf heranzuführen und Herthas Offensivspiel attraktiver zu gestalten. Das Zweite mag sich paradox anhören, jedoch ist in einem solchen Umbruchsjahr und den taktischen Neuheiten nicht zu erwarten, dass die Mannschaft den neuen Offensivfußball sofort und konstant auf den Rasen bringen kann. Die Rückrunde zeigt bereits, dass die Spieler es immer besser verinnerlichen und so hätte man außer gegen Bremen jede Partie auch gewinnen können. Wenn die Chancenverwertung wie gegen Leverkusen gehalten wird und Spieler wie Ondrej Duda und Mitchell Weiser wieder in einen Spielrhythmus kommen, verspreche ich mir eine sichtliche Verbesserung.

Mit Langkamp, Stocker und Haraguchi habt ihr im Winter drei Spieler abgegeben, aber es gibt keine Neuzugänge. Ist das Team in der aktuellen Zusammensetzung stark genug?
Absolut, davon bin ich der festen Überzeugung. Der Kader ist so stark wie gefühlt noch nie und es war sogar notwendig, diese drei Spieler abzugeben. Alle drei hatten keine wirkliche Perspektive mehr und mussten dem bereits angesprochenen Weg, Talenten Chancen zu geben, weichen. Stocker und Langkamp waren menschlich absolute Stützen im Verein, sportlich waren ihre Abgänge aber nicht zu umgehen.

Im Sommer ist das Team an einigen Stellen verstärkt worden. Dabei fällt auf, dass neben prominenten Namen wie Davie Selke auch vier Spieler aus der eigenen U19 zu den Profis aufgerückt sind. Wie gut ist eure Jugendarbeit?
Herthas Jugendarbeit floriert. Nahezu jede Altersklasse ist sehr erfolgreich und mit dem „goldenen 1999er Jahrgang“, aus dem Arne Maier, Palko Dárdai, Julius Kade, Florian Baak und einige andere vielversprechende Eigengewächse stammen, etabliert sich das so langsam im Profi-Kader. Dazu kommen bereits geläufige Namen wie Maxi Mittelstädt und Jordan Torunarigha, die bereits sehr nahe an der Startelf sind. Bei Hertha spielen aktuell so viele Jugendnationalspieler, man kann sie kaum noch zählen. Und Pál Dárdai ist gewillt, allen eine faire Chance zu geben.

Wie zufrieden bist du generell damit, wie die Neuen in dieser Saison angekommen sind?
Wie bereits gesagt, hat die Europa League ihren Teil dazu beigetragen, dass junge Spieler auf ihre Einsatzzeiten kamen und teilweise wirklich auf sich aufmerksam machten. Mittelstädt konnte eine Zeit lang Salomon Kalou aus der Startelf verdrängen, Torunarigha lässt in den letzten Partien jeden Herthaner staunen und Arne Maier ist mit seinen 19 Jahren einfach ein Phänomen. Er spielt seine erste Profi-Saison und war bereits mit 18 Jahren nicht mehr aus der Mannschaft wegzudenken. Ein hochmoderner „Sechser“, der über alle körperlichen, technischen und strategischen Fähigkeiten verfügt, um in ein paar Jahren zu den großen Namen in Deutschland zu gehören. Er ist ein Talent, was man nur selten findet. Ich bin unglaublich zufrieden, wie sehr bei Hertha BSC auf die eigene Jugend gesetzt wird und so ist unser diesjähriger Slogan „Die Zukunft gehört Berlin“ kein billiger Marketinggag.

Mein Eindruck ist, dass die Hertha von vielen Fußballfans anderer Vereine als große, aber eben graue Maus wahrgenommen wird. Wie ist die Selbstwahrnehmung der HBSC-Fans? Welche Eigenschaften sind „typisch Hertha“?
Vor ein paar Jahren hat uns noch die selbstironische Arroganz ausgezeichnet. Der Herthaner hat überspitzt von Meisterschaften und anderen Pokalen erzählt, durch die bodenständigen Michael Preetz und Pál Dárdai hat sich dieses Bild gewandelt. Es ist schwierig zu sagen, was typisch Hertha ist. Genau daran – am Image – arbeitet der Verein gerade, durch zahlreiche Marketing-Kampagnen und einen generalüberholten Social-Media-Auftritt. Hertha kann auf keine großen Titel und wenige „magische Europa-Nächte“ zurückblicken und so ist es das Ziel, die größten Zeiten erst kommen zu lassen. Während Bundesliga-Vereine wie Hamburg, Bremen oder Stuttgart mit der Gegenwart hadern und sich nach den glorreichen Zeiten sehnen, arbeitet Hertha mit Hochdruck daran, genau solche Jahrzehnte in der Zukunft haben zu können. Deshalb wird so sehr auf die eigene Jugend gesetzt, deshalb wird sich gerade für ein eigenes Stadion stark gemacht und deshalb wird in jeder Saison ein kleiner Baustein in der spielerischen Weiterentwicklung gesetzt. Ich persönlich glaube, dass Hertha aktuell einer der spannendsten Vereine der Bundesliga ist und den Status der grauen Maus bald ablegen wird.

Welche Erwartungen hat das Umfeld daran, wo die Hertha am Ende der Saison in der Tabelle stehen wird? Und was ist deine persönliche Einschätzung?
Nach den vergangenen zwei Spielzeiten, haben einige Fans die Erwartung oder vielmehr Hoffnung, dass es auch diese Saison mit Europa klappt. Der Großteil der Anhänger wünscht sich wohl einen einstelligen Tabellenplatz und da würde ich mitgehen. Die laufende Saison ist von einer spielerischen Weiterentwicklung, von Umbruch und Talentförderung gezeichnet, daher ist der Tabellenrang tatsächlich eher nebensächlich. Erst im kommenden Jahr wird die Mannschaft daran gemessen.

Mainz reist in einer schwierigen Situation nach Berlin. Zu der eklatanten Auswärtsschwäche kommt nun der schwelende Stress zwischen Verein und Fans. Wie beurteilst du die Situation der 05er von außen? Und wie ernst nimmt man bei der Hertha diese Begegnung?
Mainz ist nicht mehr Mainz – so ist zumindest das Gefühl von außen. In der laufenden Saison oder im gesamten Jahr 2017 ist der Verein von Krisen, sportlich wie strukturell, gebeutelt und droht zu zerreißen. Es ist nicht verwunderlich, dass ein Verein wie der FSV im Abstiegskampf steckt, es ist aber erstaunlich, dass Mannschaft, Trainer und Umfeld es nicht schaffen, eine Einheit zu formen. Mainz hatte immer den Vorteil, sich voll auf den Abstiegskampf einlassen zu können, da es keine Nebengeräusche gab. Nun wirkt der Verein teils zerfahrener als der HSV oder Stuttgart und gibt ein grausames Bild ab. Dennoch nehmen alle Herthaner die Partie äußerst ernst, so sagte ich im Vorfeld des Spiels gegen Leverkusen, dass mir die Begegnung gegen Mainz mehr Sorgen bereitet. Die Spiele gegen Mainz sind seit Jahren die schlimmsten überhaupt und treiben jeden Hertha-Fan in den Wahnsinn. So kommt es nicht von ungefähr, dass Mainz die letzten beiden Aufeinandertreffen für sich entschied. Mit ihrer „dreckigen“ Spielweise, dem fast schon provokativen Hinten-Reinstellen und Spielertypen wie Donati oder De Blasis erzeugt Mainz 05 Hassgefühle in mir. Das ist nicht beleidigend gemeint: Wenn Mainz 90 Minuten lang tiefe Frustration in mir auslösen kann, müssen sie etwas richtigmachen.

Worauf müssen sich die Mainzer für die Begegnung einstellen? Und was erwartest du dir insgesamt vom Spiel am Freitagabend?
Ich erwarte keinen fußballerischen Leckerbissen. Mainz scheint sehr zu wanken und wird sich in einem Auswärtsspiel zu keinem Offensivfußball hinreißen lassen, sodass es an Hertha sein wird, das Spiel zu gestalten. Ich kann mir vorstellen, dass Pál Dárdai aus dem Hinspiel gelernt hat und sein Team mutiger in die Partie schicken wird. Auch der Sieg gegen Leverkusen wird Rückenwind geben. Je länger die Partie geht, desto schwieriger wird es für Hertha werden, ein Tor zu schießen. Sollte Hertha noch in der in der ersten Halbzeit in Führung gehen, könnte man ins Rollen kommen. Andersherum wäre eine Mainzer Führung wohl ein großes Problem für die „alte Dame“. Mainz sollte vor dem aktuell überragenden Valentino Lazaro gewarnt sein, der selbst tiefstehende Gegner durch Einzelaktionen knacken kann. Zudem ist Herthas Standardstärke ligaweit gefürchtet.

Dein Tipp fürs Ergebnis?
Ein 2:0 für Hertha.

Danke für das Gespräch!

05-Liebe (5) | Uns’re Waffe ist der Gesang

Das hier ist für alle, die FÜR etwas sind – nämlich unsere 05er –, und die das auch zeigen möchten. Lasst uns das Netz mit ganz viel Liebe für den Verein fluten. Lasst uns laut sein gegen die negative Stimmung. Lasst uns wieder fest zusammenstehen. #05liebe

„Mainz 05 ist anders.
Mainz 05 heißt Spaß
Wir scheißen auf die Kohle
Und scheißen auf den Hass

Hehe Mainz 05 uns’re Waffe ist der Gesang
Wir für euch und ihr für uns
Wir haben diese Kraft zu siegen!“

So sang, oder besser krächzte, die Band BILDungslücke einst zusammen mit dem „schlauen Rolf“ ins Mikrofon. Ziemlich knapp und überdeutlich wurde so das Gefühl von Mainz 05 vertont, die gewonnene Identität des Besonderen unters Fanvolk gepunkt. Wir sind anders, als die anderen Vereine! Wir Fans sind das Event!

Weil man auch in schwierigen Zeiten mit positiven Gedanken in die Zukunft schauen muss! geMAINZam Stark! ❤ (Foto: Jannis Mörsdorf)

Weil man auch in schwierigen Zeiten mit positiven Gedanken in die Zukunft schauen muss! geMAINZam Stark! ❤ (Foto: Jannis Mörsdorf)

„Ob wir gewinnen, oder verlieren, wir werden immer zu dir steh’n!“ heißt es in einem Lied der Szene. So sollte es sein! Überschwemmt von Eventies und geblendet von unerwarteten Zwischenhochs tritt dieses Credo derzeit allerdings immer weiter in den Hintergrund. Leider. Dabei wird nimmermüde von offizieller Seite mahnend erwähnt: „Vergesst nicht, wo wir herkommen!“

Das ist der Punkt! Dieser Satz ist eine Mutter aller Missverständnisse! Gemeint ist nämlich nicht die Herkunft des Vereins aus den Niederungen der 2. Liga, sondern vielmehr die Frage: Wo kommen wir Fans her? Was bedeutet es, Fan von 05 zu sein? Und auch hier finden wir die Antwort im musikalischen Bereich, denn als Mainz 05 die Vorrunde der 2. Liga wieder einmal auf einem Abstiegsplatz beendete, abgeschlagen vom Rest des Feldes, so, dass niemand mehr einen Pfifferling auf sie gesetzt hatte, erschien die Mainzer Funpunk-Band „Die Frohlix“ im Aktuellen Sportstudio und sang lauthals ein: „Aufstieg jetzt!“

Das ungläubige, fassungslose Lachen des Publikums wich schon bald der puren Verwunderung, denn in der kommenden Rückrunde sicherte sich Mainz 05 nicht nur den Klassenerhalt, sondern schloss die Serie gar als bestes Team ab. Der Rest ist Vereinsgeschichte. Aber genau aus diesem Selbstverständnis der Fangemeinde, das sagte „Hey, wir sind der kleine Verein aus der Fußballdiaspora, aber wir können feiern und Party machen, selbst wenn uns das Wasser bis zum Hals steht!“, aus diesem und mit diesem Selbstverständnis waren und sind wir 05er etwas ganz Besonderes.

Lasst uns das nie vergessen. Und alle Spieler fortan (vielleicht von Hanno Balitsch mal abgesehen) wurden sofort in den Bann dieser Atmosphäre gezogen und motiviert, für diese Verrückten das eine oder andere Prozentchen mehr zu gehen. Wir sind der zwölfte Mann, Freunde! Lasst uns unseren Job wieder ernst nehmen und mit dem Team nicht gegen das Team zu kämpfen. Denn wie sang schon Dogman? „Wir sind Mainz 05 – alles andre ist der Rest der Welt!“

[Text: Michael Herzog]

05-Liebe (4) | Mit Niederlagen leben lernen

Das hier ist für alle, die FÜR etwas sind – nämlich unsere 05er –, und die das auch zeigen möchten. Lasst uns das Netz mit ganz viel Liebe für den Verein fluten. Lasst uns laut sein gegen die negative Stimmung. Lasst uns wieder fest zusammenstehen. #05liebe

Zu Beginn der Fußballliebe häufen sich, wie zu Beginn jeder Liebe, die ersten Male. Denen, Hermann Hesse und so, eben ein ganz besonderer Zauber innewohnt – etwas, das nie wiederkommt; eine Magie, die schwer in Worte zu fassen ist. So weit, so Poesiealbum. Ein erstes Mal, das 05-Fans gleich welchen Alters im August 2011 erleben können, ist der Besuch der neuen Arena. Für den Zauberneffen fällt der erste Abstecher in die Bretzenheimer Felder auf einen Nachmittag im September, an dem die TSG Hoffenheim in Mainz gastiert.

Eigentlich fängt der Tag gut an, die Sonne brennt auf die Felder und bald gleicht die allgemeine Gesichtsfarbe dem Anstrich des Stadions. So aufgehitzt wie knallrot, so aufgeregt wie glücklich, nuckeln wir bei 30 Grad Plus an unserem kühlen Colaeis und freuen uns auf das Spiel. Im Stadion, das wie ein Ufo vom Mars im satten Gold der Getreidefelder thront, die völlig berechtigte Nachfrage: Wer sind wir, sprich, welche Trikotfarbe ist heute unsere – rot!

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Beim ersten Tor noch kurze Verwirrung, wer hat’s geschossen? Nein, nicht wir, die anderen. Das zweite braucht dann keine Erklärung: „Gell, das waren wir nicht“, erkennt Jakob, sichtlich betrübt, als der Elfer im Tornetz zappelt. Es ist vielleicht sein viertes Heimspiel, bislang haben die Mainzer Buben in seiner Anwesenheit noch jeden Kick gewonnen, heute sieht es bislang nicht danach aus. Und die ungewohnte Situation der drohenden Niederlage schlägt dem Kind spürbar aufs Gemüt, er ist quengelig und unleidig, zoppelt und zerrt an den Umstehenden und mosert – kurz: Er verhält sich so, wie man es selbst gerne täte, hielten einen die verdammten Umgangsregeln nicht davon ab.

Es fällt das 3:0, Jakob weigert sich, auf der Box zu stehen, die ihn in die richtige Höhe bringt, um das Spiel zu sehen. „Was ist denn los?“, die Frage kommt von mir, ebenso wie von einigen Umstehenden, die offenbar einen Hitzeschlag vermuten. Der Zwerg stampft, Tränen der Wut in den Augen, mit den Füßen auf: „Ich will nicht verlieren!“, erklärt er leidenschaftlich und setzt die Frage nach, die jeden Fan ein Leben lang begleitet: „Wieso machen die nichts?“ Gute Frage, nächste Frage. Dazu die trotzige Feststellung: „Ich gehe erst heim, wenn wir gewonnen haben.“ Mh, ja, das könnte ein langer Nachmittag werden.

Und schließlich fällt das nächste Tor, Jakob springt auf, klatscht in die Hände, strahlt: Ein Tor, schau nur, ein Tor: für uns. „Äh, ne, das war für Hoffenheim.“ Ungläubigkeit, Wut, noch mehr Trotz: „Aber es war doch einer im roten Trikot.“ Mhm, ja. Es ist dies die bittere erste Lektion in Sachen Eigentor. Das Spiel taugt mittlerweile wirklich nur noch, um Verkettungen der ungünstigsten Möglichkeiten zu erläutern.

Am Ende steht es also 4:0 für die SAP-Jünger, das Kind futtert nach dem Spiel den kompletten Kühlschrank leer mit der Erklärung: „Immer, wenn wir verlieren, habe ich so Hunger“ – was, angesichts des Saisonverlaufs bis zu diesem Zeitpunkt, allenthalben Ernährungswissenschaftler auf den Plan rufen sollte.

Am Ende, müde, aber doch halb versöhnt, offenbart sich, dass auch ein solcher Grottenkick wieder dazu beiträgt, das Spielverständnis voranzutreiben. „Weißt du“, erklärt Jakob, „ich bin jetzt sehr traurig. Aber das Gute ist, die Fans von der anderen Mannschaft, für die ist es ein schöner Tag.“ Woher soll ein Fünfjähriger auch wissen, dass Hoffenheim keine Fans hat…

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 bei der TSG Hoffenheim

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Im Vorfeld der für Mainz 05 sehr wichtigen Partie gegen die TSG Hoffenheim habe ich mit deren „guten Geist“ Marco Ripanti gesprochen.

Hallo Marco, danke, dass du dir Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Du lebst mit deiner Familie in Weinheim, hast aber italienische Wurzeln. Gibt es auch einen Verein in Italien, für den dein Herz besonders schlägt?
Hallo Mara, ich danke Dir dafür, dass ich mich hier zum Spiel äußern darf. Natürlich gibt es auch in Italien einen Verein der meine Emotionen bewegt. Mit Inter Mailand habe ich hier einen Verein der – wie die TSG – viele Höhen und Tiefen erlebt hat.

Marco Ripanti

Wie würdest du aktuell die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen der italienischen und der deutschen Liga beschreiben?
Die italienische Liga hat in den letzten Jahren viel von ihrer Größe verloren. Die glorreichen Zeiten, in denen Vereine wie AC Milan und Juventus Turin in Europa regiert haben, liegen lange zurück. In diesen Jahren wurde bei vielen Vereinen der Umbruch versäumt. Ein wenig habe ich die Hoffnung, dass man dies seit letzten Jahr in viele Vereinen erkannt hat und man sich langsam aber sicher wieder auf eine starke Serie A einstellen kann. Die Leistungsdichte in der Liga ist enger und auch die jetzige Pause in Sachen WM kann dem italienischen Fußball nur guttun. Eine Chance die man jetzt nur noch nutzen sollte.

Erzähl uns doch mal, seit wann du die TSG Hoffenheim als Fan verfolgst und wie der Verein dein Herz gewonnen hat.
Es war in der Saison 2007/08. Ein Verein quasi vor der Haustür, noch ohne historische Schrammen schickt sich an die Bundesliga zu meistern. Das klang interessant. Die offensive Spielweise und der attraktive Fußball schafften es dann schnell, mich zu fesseln. Spätestens nach der ersten Vorrunde in der Bundesliga war es dann passiert. Ich war Hoffenheim-Fan.

Bekenne Farbe

In deiner Twitter-Biografie beschreibst du dich selbst als „Guter Geist der TSG Hoffenheim“. Wie ist das gemeint? Und warum braucht die TSG einen guten Geist?
Nun, ich denke jeder Verein braucht einen „guten Geist“, oder? Es ist als TSG-Fan nicht immer leicht, aber da erzähle ich ja nichts Neues. Anders als viele andere, sehe ich manche Dinge rund um die TSG auch kritisch und bin wachsam wenn die Stimmung mal wieder am Kippen ist. Unterm Strich denke ich, dass die TSG eine absolute Bereicherung ist und viele gute Geister in ihrem Umfeld weiter an der Medientauglichkeit des Vereins arbeiten.

Mit Mäzen Dietmar Hopp im Rücken hat die TSG sich von der Kreisliga bis in die Bundesliga hochgearbeitet und dort etabliert. Diese finanzielle Unterstützung wurde von vielen Seiten kritisiert. Wie hast du das damals empfunden?
Gute Frage… Habe ich vorher noch nie gehört! ;) Ganz ehrlich? Ich denke, jeder Verein hätte diese Unterstützung angenommen. Wie sonst sollte ein Verein heute noch nach oben kommen? Gäbe es diese Unterstützer nicht, würden wir wohl bis ans Ende unserer Tage mit denselben Vereinen in Liga 1 und 2 spielen. Wäre das nicht langweilig? Ich denke, die lautesten Kritiker waren die, die bedauern, nicht selbst für ihren Verein eine ähnliche Unterstützung zu haben.

Kannst du mit Begriffen wie Retortenclub oder Traditionsverein etwas anfangen? Wie viel Romantik gestehst du dem Fußball selbst zu? Und wie positionierst du dich in Diskussionen um das Image deines Vereins?
Wir sollten aufhören, zu träumen. Wie in jeder „Branche“ hat sich auch im Profifußball sehr viel verändert. Alle Vereine sind Unternehmen, die unterm Strich Geld verdienen müssen. Geld für die Spieler, Geld für den Komfort im Stadion, Geld für die Mitarbeiter im Verein und so weiter. Ja, es muss sogar Geld dafür her, um den Fans das Gefühl von Tradition zu vermitteln. Geld gehört zum Profi-Fußball heute einfach mit dazu. Fans wünschen sich auch Jahr für Jahr den einen oder anderen TOP-Transfer. Wie soll der denn kommen, ohne das passende Kleingeld? Die TSG geht offen mit ihrem Standing als Ausbildungsverein um. Das ist kein Fehler – und wir Fans sollten schon früh damit umgehen können, dass Spieler bei uns nur auf einer Durchgangsstation sind.

Golden Moments

Kritisiert wurde in den Jahren des Aufstiegs vor allem, dass die bis dahin gute Jugendarbeit der TSG zugunsten einer raschen Entwicklung in den Hintergrund geraten sei. Wie siehst du diesen Vorwurf und wo steht die TSG in Sachen Jugendarbeit heute?
Dem kann ich so nicht zustimmen. Wir sind ganz klar die Nummer 1 in der Bundesliga, was den Durchsatz an Jugendspielern zum Profi angeht (https://www.transfermarkt.de/tsg-1899-hoffenheim/jugendarbeit/verein/533). Jahr für Jahr führen wir Jugendspieler an die Profis ran. Nicht selten schaffen es welche davon in den Stammkader für die Bundesliga.

An welchen Spielern lässt sich das Engagement in diesem Bereich verdeutlichen?
Blicken wir zurück auf einen Süle und schauen in diesem Jahr auf einen Geiger, werden alle erkennen, dass die TSG hier absolut vorbildliche Arbeit leistet.

Mit Julian Nagelsmann steht der jüngste und zugleich einer der begehrtesten Trainer der Bundesliga an der Seitenlinie in Hoffenheim. Ist das Interesse anderer Vereine an eurem Trainer der Fluch des Erfolges oder Bestätigung und Segen?
Das Thema ist mittlerweile schon langweilig geworden. Es ist doch klar, dass ein Trainer – wenn er erfolgreich ist – das Interesse anderer Vereine weckt. So war es bei Julian keine Ausnahme. In den letzten – weniger erfolgreichen – Wochen, hat sich das ja schon wieder normalisiert. Ich denke, dass keiner davon ausgeht, dass Julian bis an sein Karriereende bei der TSG bleibt, aber ein Abgang zum Ende der aktuellen Saison halte ich ebenso für ausgeschlossenen. Je eher hier Ruhe einkehrt, umso besser ist das für alle.

Spieler

Du sprichst es ja an: Wie sehr nerven die Meldungen zu angeblichen Abwerbeversuchen und glaubst du, Nagelsmann wird in seiner Arbeit dadurch beeinflusst, gar gestört?
Spurlos geht das an keinem vorbei.  Sicher macht man sich da so seine Gedanken. Es wäre seltsam, wenn nicht. Julian ist ein junger intelligenter Mann, der natürlich auch an seine Zukunft denken muss. Manche Chancen bekommt man nicht mehrfach im Leben. Er ist jedoch auch Profi genug, um sich durch die Nebengeräusche nicht von der Arbeit ablenken zu lassen.

Was würdest du Julian Nagelsmann empfehlen, wenn du sein Berater wärst?
Mich früher als seinen Berater geholt zu haben! Nein, im Ernst, ich schätze Julian klug genug ein, um durch diese Lebensphase selbst zu segeln. Die eine oder andere Welle wird ihn kentern lassen, aber er hat immer wieder die Kraft, das Boot auf Kurs zu bringen. Auf jeden Fall rate ich ihm zur Vorsicht, wenn die falschen Berater mit „guten Ratschlägen“ kommen.

In der vergangenen Saison hat die TSG sich mit dem 4. Platz der Liga fürs internationale Geschäft qualifiziert. In den Playoffs verpasste man die Qualifikation für die Champions League, auch in der Europa League konnte man nicht überwintern. Wie beurteilst du im Nachhinein die europäische Erfahrung, musste man da einfach Lehrgeld zahlen?
Die Quali war natürlich ein Traum und das Heimspiel gegen Liverpool hätte mit ein wenig mehr Glück auch ganz anders laufen können. Ab dann war es eigentlich ein „nice to have“. In der Europa League hat man natürlich viel Lehrgeld bezahlt. Spiele, die man deutlich gewinnen muss, verliert man aufgrund fehlender Cleverness und Erfahrung. Bekommen wir irgendwann mal wieder die Chance auf die Teilnahme, werden wir uns sicher besser anstellen und die gewonnen Erkenntnisse in die Waagschale werfen.

Aktuell steht Hoffenheim auf dem 9. Tabellenplatz und ist von der Relegation (8 Punkte) ähnlich weit entfernt wie vom internationalen Geschäft (5). War diese Saison – auch durch die europäischen Spiele – so zu erwarten, oder hinkt die TSG den Erwartungen hinterher?
Viele Fans haben sicher gedacht, dass man das Level aus der letzten Saison nun immer halten kann. Ich nicht! Wir haben die Abgänge nicht 1:1 ersetzen können, die Stürmer laufen nicht so rund wie in der letzten Saison und ganz ohne Verletzungspech sind wir auch nicht geblieben. In einigen Spielen haben wir – mal wieder – ohne Not Führungen verspielt und so kommt es eben, dass man da steht, wo man steht. Und eine Tabelle lügt bekanntlich nicht.

USM

Wie ist die Stimmung derzeit im Umfeld? Hast du das Gefühl, die Fans erwarten die erneute Qualifikation für Europa oder gesteht man dem Team einen Entwicklungsprozess zu?
Hier teilt sich das Lager wohl auf. Wie gesagt gehen viele Fans davon aus, dass man mit dem Kader auch in Europa spielen muss. Für mich sieht es ganz klar nach einer weiteren Entwicklungsstufe aus. Der Verein muss durch ein kleines Tief, um von dort wieder gestärkt angreifen zu können. Aktuell scheint es mal wieder so, dass man sich eigene interne Querelen schafft.

Mit Eugen Polanski trägt in dieser Saison erneut ein ehemaliger 05er eure Kapitänsbinde. Welche Rolle spielt er für das Team?
Leider aktuell keine mehr. Eugen ist Muster-Profi, der für jeden Verein von großer Bedeutung sein kann. Ganz gleich, ob er spielt oder nicht. Als Profi will er jedoch auch mehr Einsatzzeiten und so ist es bedauerlich, dass er nicht in das System-Nagelsmann auf den Platz passt. Zu euch würde er jetzt sehr gut passen.

Nach zuletzt zwei Pleiten gegen Bayer und die Bayern konnte die TSG in Berlin in einer hart umkämpften Partie einen Punkt entführen, mit ein bisschen Glück wäre auch der Sieg drin gewesen. Was für einen Auftritt erwartest du im Heimspiel gegen den FSV?
Es ist die Chance für die TSG, den Bock umzustoßen. Blickt man auf die letzten drei Spiele, muss ich sagen, dass in keinem Spiel ein Sieg verdient gewesen wäre. Leverkusen war deutlich besser, in München muss man nicht nach einer 2:0 Führung noch 5 einfangen und bei der Hertha muss man eben 90 Minuten Vollgas geben, wenn man drei Punkte mitnehmen will. Gut möglich, dass Mainz nun der genau richtige Gegner ist, um den lang ersehnten Dreier einzufahren.

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Die Auswärtsbilanz der Mainzer ist katastrophal. Wie motiviert man sein eher heimstarkes Team als Trainer vor einer solchen Begegnung?
„Wenn nicht gegen Mainz, gegen wen dann?“ Die starken Zeiten der Mainzer liegen auch schon länger zurück: Es gab Spielzeiten, da hatte ich richtig Angst vor den Spielen gegen Mainz. Aktuell sehe ich uns aber in der deutlichen Favoritenrolle und die werden wir auch ausspielen.

Im Spiel gegen die Berliner hat sich Kerem Demirbay erneut verletzt. Wie schwer trifft euch seine Verletzung? Und wer kann ihn auf dem Feld ersetzen?
Ja, es läuft aktuell echt unglücklich für Kerem. Ich denke mit Zuji haben wir eine gute Alternative gesehen und mit Amiri und Rupp könnte das ein sehr gutes Mittelfeld werden.

Hast du die Saison der 05er unter Sandro Schwarz verfolgt? Und traust du ihnen den Klassenerhalt zu?
Auf jeden Fall, denn Köln und der HSV sind einfach zu schlecht in dieser Runde. Mit ein wenig Glück, lasst ihr auch noch Wolfsburg hinter euch!

Was ist dein Tipp für die Partie am Wochenende?
Sorry, aber das wird ein 3:0 für uns. Unter anderem macht Szalai ein Tor!

|| Mit herzlichstem Dank an Meenzer on Tour für die tollen Fotos. ||