They call it glückstrunken

Es ist schon eine nette Geschichte, dass wir auf Facebook tagtäglich an die Geburtstage unserer Kontakte erinnert werden. Das sehe sogar ich so, die ich seit Jahrzehnten einen handschriftlichen Geburtstagskalender pflege, denn nicht jeder neue Bekannte oder Kollege hat es da eben schon hineingeschafft. Ich mache das wirklich gerne, den Festtagskindern einen Gruß zu hinterlassen oder auch mal zu schmökern, welche Nachrichten andere Leute verfassen. „Alles Gute, lass dich feiern!“ – „Danke, habe ich gemacht!“, diese Dialoge eben. Klar, wo alle Welt mitlesen kann geht man nicht ins Detail der Lebenssituationen, ist aber doch auch gar nicht nötig. Mich haben diese Grußbotschaften in den vergangenen Jahren immer sehr gefreut.

Gestern im Laufe des Tages bekam ich ein paar Nachrichten aufs Handy, die sinngemäß besagten: „Da man dir auf Facebook nicht gratulieren kann, auf diesem Wege alles Gute“, dazu einige Worte zum „Wie geht es dir? – So geht es mir…“ Gelesen, gewundert, Haken dran, am Geburtstag bleibe ich bewusst offline. Heute morgen dann die Feststellung, dass meine Pinnwand auf Facebook für Einträge gesperrt ist. Ich weiß nicht, woran das liegt, kann mich nicht erinnern, etwas geändert zu haben und inzwischen ist sie auch wieder offen. Aber am gestrigen Ehrentag mussten alle, die hier landeten, um mir zu gratulieren, leider feststellen: geschlossen. Das war überhaupt keine Absicht.

Wie passend: Kurz vorm Geburtstag hat ein lieber Freund im Urlaub „meinen“ Strand gefunden.

Wie passend: Kurz vorm Geburtstag hat ein lieber Freund im Urlaub „meinen“ Strand gefunden.

Daraus hat sich aber etwas ergeben, worüber ich kurz diese Zeilen verfassen wollte, nämlich eine wahre Flut von wunderbaren, wortreichen, sehr persönlichen Nachrichten über alle Kanäle und in sämtlichen Postfächern, die ich bislang nur angelesen habe, auf deren ungestörten Genuss in den kommenden Tagen ich mich aber wirklich freue. So viele liebe Worte, gedankenreiche Zeilen und wohlformulierte Wünsche, dass ich echt total überwältigt davon bin. Dafür von Herzen DANKE, euch allen, die ihr sie verfasst habt – und ein wenig Facebook, fürs versehentliche Verschließen meiner Pinnwand. Ich werde, versprochen, auf alle Nachrichten noch antworten.

Ansonsten war es im Online-Leben mein erster „Twitter-Geburtstag“, mit vielen lustigen und lieben Wünschen in diesem von mir sehr geschätzten Teil des Netzuniversums. Und offline? Haben meine Herzmenschen mir einen wunderschönen Tag bereitet! Ich weiß mit 38 endlich, wie gut homemade Popcorn schmeckt, hatte kuschelige Momente mit unseren Tigern und einen fabelhaften Abend in einer eindeutigen Lieblingskneipe meiner neuen Heimatstadt, in der ich wirklich angekommen bin. Heute fühle mich kein bisschen verkatert, dafür aber fast ein wenig besoffen vor lauter Glück, bin gerührt, nicht geschüttelt, und unfassbar dankbar, euch allen und diesem Leben: DANKE.

Wortpiratin trifft Rikscha-Fee

Manchmal verlangt einem der Job eine Menge ab: Nach dem Dreh für die aktuelle Videokolumne für die Allgemeine Zeitung zum Beispiel lag ich erstmal flach: We call it Frischluftschneise. Der Tag, an dem wir am Stadion gedreht haben, war der einzig kühle in jener Woche und draußen im Feld hat es gezogen wie Hechtsuppe. Meine Lippen waren am Ende beinahe blau und die Zähne haben geklappert. Spaß hatten wir trotzdem beim Dreh mit Daiana Neher. Die Rikscha-Fee kutschiert regelmäßig Fans zum Stadion an Spieltagen des FSV und hat uns erzählt, wie es dazu kam.

Ich habe eine Wassermelone getragen

Im Oktober des Jahres 1990 setzten meine Eltern mich in einen Zug in Richtung Osten. Die Deutsche Wiedervereinigung war gerade abgeschlossen und ich wollte meine Brieffreundin in Eisenach besuchen, mit der ich seit zwei Jahren, zuerst noch über die innerdeutsche Grenze hinweg, Nachrichten tauschte. Ihre Familie veranstaltete mit den beiden Töchtern regelmäßig Filmabende, und so kam es, dass ich mit zwölf Jahren in einem ostdeutschen Wohnzimmer zum ersten Mal in die kristallblauen Augen von Patrick Swayze sah: Ich war hingerissen. In meiner Erinnerung haben wir Mädchen Dirty Dancing in den folgenden Tagen sicher sechs, sieben Mal gesehen – für mich der Ausgangspunkt einer andauernden Faszination.

Als Dirty Dancing 1987 in die Kinos kam, senkte der Filmkritiker und Pulitzerpreisträger Roger Ebert den Daumen und vergab nur ein mageres Sternchen. Begründung: „Idiotischer Plot – vorhersehbare Liebesgeschichte zwischen Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft“. Gleichzeitig aber übte die absolute Low Budget Produktion auf viele Zuschauer eine solche Faszination aus, dass sie nach dem ersten Kinobesuch auf dem Absatz kehrt machten, um den Film direkt ein zweites Mal zu sehen. Dabei waren die Erwartungen der Produktionsfirma so gering gewesen, dass sie kurzerhand den Beschluss gefasst hatte, den Film nach nur wenigen Tagen im Kino direkt auf DVD herauszubringen. Co-Produzentin Eleanor Bergstein, die auch das Drehbuch geschrieben hat, stellte im Kinosaal fest, dass am Tag fünf etliche Leute um sie herum beim Themensong der Hotelangestellten kurz vor dem Finale mitsangen – und sich als so textsicher erwiesen, dass offensichtlich war: Sie hatten den Film bereits mehrfach gesehen. Da begann Bergstein zu ahnen, welchen Erfolg Dirty Dancing haben würde.

Ich habe eine Wassermelone getragen.

Ich habe eine Wassermelone getragen.

Oberflächlich betrachtet mag Ebert mit seiner Kritik Recht haben, tatsächlich aber beschränkt sich der Film nicht auf die klassische Geschichte (poor) Boy meets (rich) Girl, sondern spannt den Bogen weiter, wobei die Erzählung von der fabelhaften Musik angetrieben und getragen wird. Nach dem Dreh sollte diese an vielen Stellen ausgetauscht werden, da die Lizenzen für die von Bergstein geplanten Klassiker sehr teuer waren: Sie sollten lediglich der Untermalung beim Shooting dienen. Letztlich setzte Musikproduzent Jimmy Ienner sich dafür ein, die meisten Songs zu behalten und den Soundtrack durch Musik speziell für den Film nur zu ergänzen; für Bergstein ein Grund zum Jubeln, da sie sich die Szenen ohnehin nicht mit anderen Liedern vorstellen konnte als denen, die sie ihnen ursprünglich zugedacht hatte.

Was nun die Story der jungen Frances „Baby“ Houseman (Jennifer Grey) betrifft, die mit ihren Eltern (Jerry Orbach, Kelly Bishop) und der älteren Schwester Lisa (Jane Brucker) in den Sommerurlaub fährt, sich in Tänzer Johnny (Patrick Swayze) verguckt und für ihre Liebe kämpft, auch gegen die Wertvorstellung der Familie, so symbolisiert diese ein übergeordnetes Thema des Films: Das Kräftemessen zwischen dem Geldadel und dem Proletariat, in diesem Fall dargestellt durch die Tänzer – mit einem bessere Ende für die unterdrückten Künstler, die sich in der Schlussszene ihren Tanzraum zurückerobern. Wie es in Dirty Dancing überhaupt immer wieder um Räume geht, darum, wer wo hin gehört, sich wo aufhalten darf – und wie man private Bereiche schützt. Das gilt physisch für die Bungalows der Tanzcrew ebenso wie für den Bewegungsradius, den Johnny so definiert: „This is my dancespace, this is your dancespace.“ Denn der Tanz, wie eine Beziehung, kann nur funktionieren, wenn jeder den Bereich des anderen achtet, es aber andererseits Momente gibt, in denen Zwei ihre Grenzen bereitwillig aufgeben, um sich in einem neuen, gemeinsamen Bereich zu treffen.

Mein Tanzbereich – dein Tanzbereich.

Mein Tanzbereich – dein Tanzbereich.

Es ist dies vielleicht der perfekte erste Liebesfilm, den ein Mädchen sich anschauen kann; das liegt auch an der fast greifbaren Unschuld seiner Protagonistin. Babys Naivität offenbart sich nicht nur in der beinahe kindlichen Annäherung zu Johnny, sondern auch dem festen Glauben an das Gute in der Welt, die sie retten will, und in die Menschen, denen sie helfen möchte. Sie kennt noch keine Enttäuschung und keinen Schmerz, aber sie erkennt Ungerechtigkeiten und geht selbstverständlich und intuitiv dagegen an. So wie Johnny ihr Lehrer wird, der Baby alles über das Tanzen zeigt, bringt sie, die viel jünger und unerfahrener ist, ihm bei, sich fallen zu lassen bei einem anderen Menschen, in der Liebe füreinander da zu sein und aufzustehen. Auf der Leinwand wird jeder Tanz zum Teil dieser Geschichte, in deren Verlauf Baby zu Frances heranreift und auch Johnny sich weiterentwickelt, die beiden miteinander wachsen und sich füreinander strecken. Nebenbei behandelt der Film das Thema ungewollte Schwangerschaften und Abtreibung, wie als eindringlicher Fingerzeig an seine jungen Zuschauer(innen), dass es da ein Thema gibt, mit dem sie sich künftig noch beschäftigen müssen: Verhütung.

Zitatklassiker wie „Baby’s gonna change the world“ – „Lisa’s gonna decorate it“, „I carried a watermelon“ und „Nobody puts baby in a corner“ stehen heute für den andauernden Erfolg von Dirty Dancing und sind im Original oft treffender als in der Übersetzung. Wenn Johnny Frances da nämlich vor dem Finale mit den Worten „Mein Baby gehört zu mir“ aus der Ecke holt, wird ihr das nicht gerecht: Sie ist niemandes Baby mehr, sondern erwachsen geworden – und das Finale betont diese Entwicklung. Ursprünglich wollten die Produzenten das Paar da nämlich einen neuen Tanz aufführen lassen, schwenkten aber kurzfristig um: So ist es erneut der Mambo, den Johnny und Frances auf der Bühne vorführen. Und während sie beim ersten Auftritt noch unsicher war und sich führen ließ, ist es nun ihr gemeinsamer Tanz, sind sie einander ebenbürtig geworden und schließt diese Szene ihre Entwicklung ab. Ganz abgesehen von der inhaltlichen Bedeutung ist dieses Ende, bei dem sich die anderen Tänzer ihren Raum ebenso zurückerobern wie Johnny sich seine Liebste, einfach verdammt romantisch. Das gilt auch dann, wenn man es schon 23 Mal gesehen hat. Ich weiß, wovon ich rede…

Hinweis Buch

Saša Stanišić: Konzert der Wörter

Eigentlich sollte der Auftakt zur neuen Saison im Wiesbadener Literaturhaus Villa Clementine am Donnerstag mit der Neueröffnung des Cafés einhergehen. Anfang der Woche musste diese aber verschoben werden, unter anderem, weil die Küche im Keller nicht fertiggeworden war. Wein und Häppchen gab es aber trotzdem, wobei Häppchen eindeutig ein unzutreffender Begriff ist für die ausgefallenen kleinen Köstlichkeiten, die Betreiberin Lee Perron auf die Tabletts zauberte. Dem Café der Konditorin in der Langgasse, das sie auch nach der Eröffnung in der Villa weiter betreibt, werde ich demnächst definitiv einen Besuch abstatten.

Kultur gab es natürlich auch: Saša Stanišić las aus seinem neuen Erzählband „Fallensteller“, der im Mai 2016 bei Luchterhand erschienen ist, ebenso wie aus früheren Werken. Der 1978 in Višegrad in Bosnien-Herzegowina geboren Schriftsteller erzählte von der Flucht seiner Familie 1992 nach Deutschland, vom Aufbrechen und Ankommen und davon, wie erstaunt er heute noch manchmal ist, wenn er feststellt, was ihm alles gelingt in einer Sprache, die nicht seine erste, ursprüngliche war. Während das Thema Flucht ihn häufig in die Vergangenheit führt, ist es in dem Land, in dem er lebt, Deutschland, ein sehr aktuelles und Stanišić ist einer, der Stellung bezieht, sich einbringt, wie als Deutschlehrer für Geflüchtete, denn: „Sprache ist der Schlüssel zur Integration.“ Das klingt aus dem Munde eines Mannes mit seiner Geschichte nicht nach Phrase, sondern Lebensrealität, und die freundlich, aber sehr bestimmt in den Saal geworfene Aussage „Das erwarte ich von Ihnen allen auch“ – Geflüchteten helfend zur Seite zu stehen also – war nachdrücklich als Appell gedacht.

Unbeding live erleben: Saša Stanišić.

Unbeding live erleben: Saša Stanišić.

Dann las Stanišić, und wie. Es war ein Erzählen und Ergreifen, ein Tanzen und Sehnen, es war ein Durchdringen mit Worten und Formulierungen, ein Verbinden mit dem Publikum, ein Lachen und Weinen, eine sprachliche Leichtigkeit und poetische Schwere. Es waren Momente, in denen nichts existierte als Stanišićs Texte, die durch den unfassbar heißen Saal schwebten, in dem der letzte Abend dieses Sommers zu Ende gehen sollte. Wie ein Konzert ohne Musik, aber mit unglaublichem Tempo, mit Klang und Worten, die wie Töne nachhallen. Als wären sie gerade für diesen Moment geschrieben, für uns alle, die ihn miteinander verbringen. Und am Ende war dieses Gefühl gar nicht so falsch, aber das zu erläutern, würde den Genuss bei künftigen Lesungen schmälern. Und die sind tatsächlich genau das: ein Genuss.

So klug, so witzig, so poetisch, mutig und humorvoll ist dieser Saša Stanišić, ihr sollten ihn alle unbedingt live erleben. Und natürlich seine Bücher lesen, diese wunderbaren Schätze.

Wortpiratin meets Marko Amon

Acht Folgen „Wortpiratin rot-weiß“ haben wir bislang produziert, viele weitere Namen und Ideen stehen auf meiner ständig wachsenden Liste für die Videokolumne der Allgemeinen Zeitung Mainz. Für die aktuelle Folge habe ich mit Marko Amon gesprochen. Er betreut beim 1. FSV Mainz 05 die Blinden und Sehbehinderten beim Stadionbesuch. Die bekommen eine spezielle Audioreportage, um dem Spiel im Stadion folgen zu können.

Marko erzählt, wie das System in Mainz installiert wurde, warum diese Heim- und Auswärtsfans eine besondere Toleranz miteinander brauchen und was es mit den Leitlinien am Stadion auf sich hat. Seine großer Einsatz ist übrigens komplett ehrenamtlich, ebenso wie die des gesamten „Team barrierefrei“ und auch der Reporter. Eine tolle Sache!