flügel beissen

Purple Sky

That’s a lot to carry

That's a lot to carry
„All these years
feeling small and misplaced
has made you
glow in the dark.“
[Tina Dico]

Unbemerkt

Ein Abschied wirft keine langen Schatten. Und hinter dieser Wahrheit verbirgt sich ein Teil des Schmerzes, der ihm innewohnt. Weil wir nicht begreifen, was wir haben, bevor es uns verloren geht. In einem Moment, den wir erst dann wahrnehmen, wenn er [uns] zerbricht.

Der Moment, den wir erst dann wahrnehmen, wenn er [uns] zerbricht. (Foto: Lutz Stallknecht/pixelio.de)

Der Moment, den wir erst dann wahrnehmen, wenn er [uns] zerbricht. (Foto: Lutz Stallknecht/pixelio.de)

***

Das Leben hatte es gut gemeint mit Thalmut Kirchner. Als erste Professorin ihres Fachs hatte sie an der Universität ein Institut aufgebaut, das nun ihren Namen trug. Die Kollegen schätzten ihre Fachkompetenz, die Studierenden schauten zu ihr auf – und neben den beruflichen Erfolgen, hatte sie in den letzten Jahren den einen oder anderen Flirt mitgenommen. Und sich so bewiesen, dass Erfolg auch in ihrem Alter noch sexy machte. Ihr Mann, der ihren Aufstieg stets unterstützt hatte, vermisste die gemeinsamen Abende mit Thalmut, doch stets fand sie neue Ausreden, warum sie ihn immer wieder versetzte. Hätte sie gewusst, dass Joachims Herz, gleich einer Küchenuhr, festgestellt war auf den einen Moment, in dem es Alarm schlagen – und anschließend verstummen würde. Hätte sie geahnt, dass alle Erfolge ihr länger erhalten bleiben würden als die Zweisamkeit mit ihrem Mann – vielleicht hätte sie aufgehört, seine fragenden Augen zu ignorieren. Und in seinen Armen die lang verblasste Nähe zugelassen, die sie später, für Jahre, vergeblich an seinem Grab suchte.

Damals, in der vierten Klasse, saß Peter immer neben Klara. Er sprach kein Wort, während er den ganzen Vormittag an ihrer Seite verbrachte, weil er nicht wusste, was er sagen konnte, um ihre Aufmerksamkeit für jetzt und immer zu fesseln. Tagelang verbrachte er damit, nach dem perfekten Satz zu grübeln, doch so lange ihm der nicht einfallen wollte begnügte er sich mit einem breiten Lächeln, das er ihr jeden Morgen schenkte, wenn sie auf dem Stuhl neben dem seinem Platz nahm. Hätte er gewusst, dass Klaras Vater für eine Firma arbeitete, die ihn und seine Familie häufig versetzte. Hätte er geahnt, dass der Platz neben ihm eines Morgens einfach leer bleiben würde, ganz ohne Vorankündigung – vielleicht hätte er sich mit einem Vorboten des perfekten Satzes begnügt. Anstatt nach jenem Dienstag, an dem Klara nicht mehr kam, fassungslos stumm zu bleiben neben dem leeren Stuhl. Bis die Schulglocke ihn um die Mittagszeit erlöste und er auf dem Heimweg heimliche Tränen weinte, um all die Sätze, die er nur gedacht, nie aber ausgesprochen hatte.

Brigitte kam aus einem strengen Elternhaus, doch wenn man sie nach den Bedingungen ihrer Herkunft fragte bekam man die simple Auskunft, es habe ihr nicht geschadet. Die eitle Strenge gab sie als Mutter an ihre drei Töchter weiter, von denen sie nie weniger als absolute Perfektion einforderte – ganz so, wie sie es selbst einst Zuhause erlebt hatte. Hätte sie den Schmerz zugelassen, den ihre eigene Kindheit ihr tief in die Herzfalten geschnitten hatte. Hätte sie geahnt, um wie viel sensibler als die Schwestern, oder sie selbst, Hannah gestrickt war – vielleicht hätte ihr Herz im Umgang mit dem jüngsten Kind die sanftmütige Liebe gelernt, nach der die Kleine sich sehnte. Und sich so den Anblick verhindert, von baumelnden Füßen, sechzig Zentimeter über der Erde. Und einem schmalen Hals, blau vom zerrenden Strick.

***

Als du zum ersten Mal einen Schritt zurückgestolpert bist von dem, was zwischen uns war, hat sich mein Stolz vor die Regungen meines Herzens geschoben. Und als du mir fragenden Blickes immer weiter abhanden kamst, habe ich ins Meer deiner Augenblicke gelächelt und behauptet, dass uns nichts verbindet, was die Ufer der Alltäglichkeit zu fluten vermag. Hätte ich in dieser einen Nacht gewusst, es würde die letzte sein, die ich in deinen Armen verbringe, deinen Kopf an meiner Schulter, deine Hand fest um meine geschlossen. Deine Brust an meinem Rücken, deinen ruhigen Atem in meinem Nacken – vielleicht wäre ich all diese Stunden neben dir wach geblieben, dir zu lauschen; diesen letzten Moment zu genießen. Bevor der eine kam, der uns trennte – und dem ich noch ins Gesicht lachte, als wäre nichts dabei.

Wir hätten es schön gehabt

Manchmal fällst du mir noch ein, wenn ich abends an deinem Haus vorbeigehe, jetzt, wo es wärmer wird. Denn der Sommer, das war unsere Jahreszeit. Wir sind dann abends oft in den Park gegangen, du und ich. Mit unseren großen, kühlen Bierflaschen in der Hand, später, zuerst waren es noch Dosen gewesen, die konntest du in deiner Faust klein quetschen, wenn sie leer waren. Wir tranken die gleiche Sorte, von Anfang an. Ich habe dir erzählt, dass ich als Kind geglaubt hatte, Bier sei grün, während wir unser Füße ins lauwarme Wasser des Brunnens hielten – und uns an den Händen.

Du hast mir zugehört. Wir haben viel gelacht. Dann habe ich meinen Kopf in deinen Schoß gekuschelt und mit dem Blick in den dunklen Himmel dieser Sommernächte deinen Geschichten gelauscht, die du nur dann unterbrochen hast, wenn dein Gesicht mir näher kam und deine warmen, weichen Lippen meine zum Kuss umschlossen. Ich habe dich so sehr geliebt, damals, dass ich ganz voll davon war. In dieser Zeit gab es keinen einzigen Tag, an dem ich dich nicht geheiratet hätte, mit dir nach Vegas durchgebrannt wäre oder einfach ans Ende der Welt. Ich wollte die Mutter deiner Kinder werden und mit dir alt. Es war mir egal, dass du keine Kinder eingeplant hattest und schon vor mir gealtert warst, weil mein Herz im Takt der Gewissheit schlug, dass unsere Liebe alles richten würde.

Wir hätten es schön gehabt

Stattdessen aber begann ich mich zu richten. Nach deinem Leben, deinem Rhythmus, deinen Wünschen, Vorstellungen und Ansprüchen. Und schnell war das Leben, das wir teilten, nicht mehr ein gemeinsames sondern deines, dem wir beide Gestalt gaben, während ich meine eigene verlor und dabei fast nichts von mir übrig blieb. Und doch war es nie genug, warst du nie zufrieden, dein Gesicht nicht mehr von dem glücklichen Strahlen erleuchtet, in das ich mich zu Beginn so heftig verliebt hatte. Hinter deiner Unzufriedenheit und dem Missmut erschien mir plötzlich schrecklich klar das, was von dir übrig blieb, wenn man die Faszination und Begeisterung der ersten Tage abstrich.

Und ich entdeckte einen bitteren, alten Mann, der nicht bereit war Kompromissen einzugehen, weil zu versessen auf seine Kontrollsucht – und nicht in der Lage zu lieben, zumindest noch, zumindest sich – und so am Ende niemanden. Den Kampf habe ich trotzdem aufgenommen, um dich, um uns, um diese Liebe, derer ich mir so sicher gewesen war. Du aber hast mich nicht ernst genommen, als ich schwer bewaffnet gegen den schleichenden Verlust von Nähe, Zauber und Liebe ins Feld zog. Hast mich nicht angehört, als ich versucht habe dir zu erklären, dass es so nicht weitergeht, weil ich längst nicht mehr konnte – und dass du mich verlieren wirst. Es ist eine lange, schwere Schlacht gewesen, doch eines Morgens bin ich wach geworden und habe gespürt, es ist vorbei.

Wäre dein Herz mir wacher gewesen, hätten wir uns retten können, damals. Und dich mit. Wir hätten es schön gehabt, du und ich. Stattdessen hast du mich verloren. Manchmal tut mir das Leid. Denn plötzlich bist du es, dem es nicht gut geht, nicht mehr, jetzt, alleine. So, wie vor langer Zeit ich im „wir“ gelitten habe, schmerzt dich nun das „du“. Und ich? Habe mich wieder gefunden. Bin ein bisschen ramponiert gewesen, nach all der Zeit. Da habe ich mir den Staub von der Seele geklopft und mich mit dem Kopf zuerst aus dem Fenster gehängt, einen halben Sommer lang, bis meine Seele nur noch eine einzige Falte von dir geworfen hat. Danach habe ich mir einen neuen Park gesucht.

One is the loneliest Number

Die einzigen Stimmen, die ich seit Tagen gehört habe, sind die in meinem Kopf, sie flüstern leise „er ist fort“ und ich denke – wieder. Mein Blick schweift aus dem Fenster über die Lichter meiner Stadt und hinunter zu dem abgetretenen Fleck vor meiner Haustür, dort hat er oft gestanden, geklingelt, gewunken und in die Sprechanlage gelacht, bevor ich ihn hineingelassen habe. Nun steht er nicht mehr dort, steht da niemand mehr, weil es kein scheiß Film ist, den ich von hier oben betrachte, sondern mein Leben. In dem eben niemand mit Rosen vor meiner Tür steht, sondern meine traurig-müde Feststellung, dass es besser für uns sei, einander nicht mehr zu sehen, klaglos und ohne Nachfragen akzeptiert wird.

Was hätten Rosen gebracht, jetzt, wo die Lüge zwischen uns Platz genommen hat. (Foto:  Gerhard Hermes/pixelio.de)

Was hätten Rosen gebracht, jetzt, wo die Lüge zwischen uns Platz genommen hat. (Foto: Gerhard Hermes/pixelio.de)

„Als ob“, kichern hämisch die Stimmen in meinem Ohr, brennend dringen ihre Zungen über die kleine Muschel in meine Seele ein und schreien: „Alleine seid ihr ja nie gewesen!“ „Nein“, stimmte ich leise zu. Da waren immer Fremde bei uns. Mal ist es die Andere gewesen, die den Platz zwischen uns größer gemacht und dabei meine Luft weggeatmet hat, weil da nur Luft war für zwei. Ein andermal der Rest der Welt, der ihn auch nicht glücklich machen kann, so wie niemand, nicht einmal er selbst, weil es nicht in ihm ist, nie war – oder er es verloren hat; was macht das noch für einen Unterschied. Dann wieder hat die alte Hure Vertrautheit sich zu uns gesellt, die nie etwas wegatmet von der Luft, die uns Zweien zur Verfügung steht, sondern sie anzündet, damit wir uns erwärmen können an ihr, an uns, einander, näherrücken, er zu mir, ich zu ihm, Trost finden in einer Umarmung, von der wir wissen, sie wird zerbrechen am Licht des herbeieilenden Tages – und uns doch willig ihr ergeben, immer wieder, klammern gegen das Verlieren.

Schließlich hat uns die Angst besucht, ihre kleine Schwester Zweifel fest an der Hand hinter sich her zerrend und alles kaputt gemacht, was da gepflanzt und in ängstlicher Liebe bewacht worden ist. Und immer war es er, der Wache gehalten hat in den Nächten des Angst-Besuches, dabei nicht aufmerksam genug gewesen ist, sondern abgeschweift mit seinen Gedanken, in eine Welt, die ihn lockte, mit ihren falschen Versprechungen. So ist es wieder kalt geworden in unserer Höhle, ungemütlich, weil die Welt hineingebrochen kam, uns zu erschrecken. Nun also die Lüge – und da ist es still geworden zwischen uns. Er redet noch und bittet um Vergebung, doch ich kann seine Worte nicht hören, denn die Lüge hat mich getrennt von ihm, alle Verbindungen abgekappt, so sehe ich nur die Bewegung seiner Lippen, aber verstehe nicht ihren Klang. Zu groß die Angst, es könnten mehr Unwahrheiten folgen und das beleidigen, was war, bevor ich ging, als dass ich seinen Worten noch Gehör schenken könnte. Unten, im Herzhof, liegt unsere Liebe, die nie sein durfte, doch das ist nicht neu, dort haben wir sie schon vor langer Zeit versteckt, auch vor uns selbst. Jetzt schaufelt der Winter eine zweite Grube im Pfeifen des Windes, in der wird unsere Freundschaft beerdigt. Die Andacht ist heute, er wird nicht kommen. Ich habe ihn von der Gästeliste gestrichen.