Die TORToUR trifft… Elkin Soto

Zwei Dinge wissen wir mit Sicherheit. Erstens, bei manchen Spielen ist es derart scheißegal, wie sie ausgegangen sind, man müsste glatt ein neues Wort dafür erfinden. Und zweitens, Die TORToUR ist nicht tot, sie riecht nur komisch. Alle Gedanken in unserem Team gelten heute nur einem: Elkin Soto! Deswegen haben wir im Archiv unser Interview mit einem der größten Mainzer Helden der Neuzeit ausgegraben, und veröffentlichen es heute auch online.

Wir wünschen dir schnelle, gute Genesung, Elkin!

Elkin Soto in seinem Element. (Foto: TORToUR-Archiv – Zaunsturm1905.de)

Elkin Soto in seinem Element. (Foto: TORToUR-Archiv – Zaunsturm1905.de)

IMMER AUF BALLHÖHE

Jahrelang haben wir uns auf dieses Interview vorbereitet! In der Volkshochschule Spanischkurse belegt, um endlich mit Elkin Soto sprechen zu können, unserem kolumbianischen Kampftechniker. Es war glorreich!

¿Porqué tú aún estás aquí? ¿Porqué no estás jugando en Hamburgo, en Schalke, quiza en Inter Milán? ¿Cómo esta es posible retener a un jugador como tú… ¿como ti? ¿como ta te ti to tu? – durante sie­te u ocho años? ¡Eres muy fuerte pa­ra Maguncia pequeña!

„Nein, Elkin“, sagt Spari, „auf deutsch. Du kannst Deutsch.“ Und geht weg. Glück für die TORToUR, denn die Frage, warum die Großen uns den Elkin nie wegkaufen wollten, war die einzige, die wir auf messfremd hingekriegt hätten, und die war schon schwierig genug. Elkin, so schüchtern, wie man es ihm gar nicht zutrauen würde, wenn man ihn nur vom Fußballplatz kennt, ist uns wehrlos ausgeliefert. Taut aber schnell auf.

Ich habe mich in Mainz vom ersten Tag an sehr wohl gefühlt. Meine beiden Töchter sind hier geboren. In meinem Kopf ist nur Mainz.

Das hat man gemerkt, als du vor ein paar Wochen in Manizales als Sportler des Jahres geehrt wurdest. Ganz Mainz hat sich wie verrückt gefreut über deinen Gruß bei Facebook.
Die Journalisten haben mich gewählt, weil ich in einer großen Liga Stammspieler bin. Das habe ich Mainz und unseren Fans zu verdanken. Ich kann nur hier spielen, weil Mainz das will.

Aber bist du nicht zu gut für Mainz?
Mainz ist doch sehr gut. Die Leute, die Fans… Alle haben mir sehr geholfen, als ich zweimal schwer verletzt war. Dafür bin ich dankbar.

Wie hast du dich über Mainz informiert, als das Angebot kam?
Das war Ende Dezember 2006. Mein Berater hat mich gefragt, ob ich nach Deutschland will und ich habe ja gesagt. Von Mainz oder Mainz 05 hatte ich noch nie gehört. Im Internet habe ich mich über den Verein und seine Geschichte informiert und den Verein auf dem letzten Tabellenplatz gesehen. Mein Traum war es aber immer, in Europa zu spielen, also war mir die Platzierung egal. Und die Entscheidung war richtig.

War das die erste Anfrage aus Europa?
Im Juni 2006 hatte ich ein Angebot aus Kroatien. Da stand ich aber noch in Ecuador bei Barcelona Guayaquil unter Vertrag. Dort habe ich ein Jahr gespielt, bevor ich nach Mainz kam.

Den Südamerikapokal hast Du aber mit deinem Heimatverein Once Caldas gewonnen, oder?
Ja, 2004. Die Copa Libertadores ist so etwas wie die Champions League in Europa. Das war ein großer Erfolg in meiner Karriere. Auch dem Verein und meiner Heimatstadt hat es viel bedeutet. Sechs Monate später haben wir in Tokio das Interkontinentalfinale gegen Porto gespielt und erst im Elfmeterschießen verloren.

0:0 nach 120 Minuten, dann 7:8. Soto wurde nach 99 Minuten ausgewechselt. Diego, der Wolfsburger, damals noch beim FC Porto, sah im Elfmeterschießen Gelb-Rot.

Ein solches Spiel erlebt nicht jeder. Wer es gewinnt, ist Weltmeister – mit einem Verein, dem man schon den Copa-Sieg nicht zugetraut hat.
Unser Ziel war, die erste Runde zu überstehen. Und wir haben gewonnen! Im Finale haben wir gegen die Boca Juniors gespielt. Im Hinspiel in Buenos Aires 0:0, dann in Kolumbien eine Woche später 1:1. Im Elfmeterschießen haben wir es entschieden. Ich habe geschossen und getroffen.

Als einer von zwei Schützen. Insgesamt.

Welches Spiel ist größer? Das gegen Boca Juniors oder das gegen Bayern München? Kann man das vergleichen?
Schwer zu sagen. Gegen Boca Juniors war es ein Finale. Gegen die Bayern spielen wir jedes Jahr. Aber sie sind einer der größten Vereine der Welt, das ist immer etwas Besonderes. Ich habe alle Spiele genossen und werde sie weiter genießen.

Bist du in den Gedanken der Fans in Kolumbien noch präsent? Du fliegst alle paar Wochen zur Nationalmannschaft, sitzt auf der Bank und fliegst wieder zurück…
Das stimmt. Aber ob ich spiele oder nicht: Ich bin ein Teil dieser Mannschaft, die für unser Land spielt. Ich bin sehr stolz, dabei sein zu können.

Wer ist noch dabei? Falcao von Atlético…
Fast alle spielen in Europa. Unsere Innenverteidiger spielen beim AC Mailand: Cristián Zapata und Mario Yepes. In Neapel spielen die Verteidiger Zúñiga und Armero. Ospina, unser Torwart, spielt in Nizza. Fredy Guarín bei Inter Mailand. Jackson Martínez beim FC Porto. Aguilar bei La Coruña in Spanien. Und Adrián Ramos in Berlin. Falcao von Atlético Madrid ist unser Bester. Ein sehr guter Torjäger, der zweimal den Europapokal gewonnen hat.

Zurück zu Mainz 05. In deinem ersten Spiel, gegen Cottbus, hast du direkt nach sieben Minuten ein Tor vorbereitet. Dann kamen die erste Verletzung, der Abstieg, eine lange Sperre, der Kreuzbandriss. Hast du daran gezweifelt, es in Mainz zu schaffen?
Das waren schwierige Momente. Aber auch die Verletzungen haben mich stärker gemacht. Mein Traum war, in Europa zu spielen. Das ging ein Jahr lang fast gar nicht, aber ich war in Europa und wusste, dass ich es schaffen werde.

Nach dem Comeback wurdest du immer nur eingewechselt – und dann gab es diesen Freistoß gegen Kaiserslautern…
Das wisst ihr noch?

Das weiß jeder Mainzer noch.

Und Elkin strahlt, flüstert fast:

Dieses Tor war super. Ich habe es genossen… Aber es stimmt: Bei Jørn Andersen hatte ich keine große Chance zu spielen. Ich bin ein Jahr fast nur von der Bank gekommen. Aber ich kannte meine Stärken und wusste, dass ich nur nur Geduld brauche.

Wer hat dich eigentlich zum defensiven Mittelfeldspieler gemacht?
In der Nationalmannschaft habe ich immer links außen gespielt. Unser Trainer Thomas hat mich vor einem Freundschaftsspiel in Bad Kreuznach gegen Duisburg gefragt: Elkin, kannst du als Sechser spielen? Viele Spieler waren mit der Nationalmannschaft unterwegs. Ich habe gesagt: Ich versuche es. Es hat gut funktioniert. Er war zufrieden. Seitdem bin ich Sechser. Ich fühle mich sehr wohl auf dieser Position, weil ich dort viele Ballkontakte habe und immer mit dem Ball spielen will.

Seitdem macht unser Fanfotograf in jedem Spiel das gleiche Bild: Elkin Soto quer in der Luft, eine Hand am Boden, die Augen auf dem Ball, ein Bein am Ball, das andere Bein irgendwo…

Elkin lacht sich kaputt.

Wo gibt es dieses Bild? Ich muss es sehen!

Manch ein Spieler bricht seinem Gegner auf diese Art alle Knochen. Aber wenn man die lateinamerikanische Sense kann, wundert sich der Gegner nur: Wo ist der Ball? Eben war er noch da! Jetzt ist er weg!
Diese Grätsche mache ich gern. Nach meiner Verletzung hatte ich etwas Angst, aber nach einiger Zeit hatte ich wieder Vertrauen in sie.

Vor ein paar Monaten ist diese Grätsche ja früh im Spiel zweimal schiefgegangen, der Schiedsrichter hat dich ermahnt und dich damit völlig aus dem Spiel genommen…
Aaah, gegen Nürnberg! Er hat mich gewarnt, dass ich beim nächsten Mal Gelb bekomme, vielleicht sogar Rot. Dabei versuche ich immer, nur zum Ball zu gehen. Ich will ja niemanden verletzen. Im Fußball ist halt immer ein bisschen Risiko dabei, egal was man macht.

Beitrag aus: Die TORToUR #32, April 2013

Beitrag aus: Die TORToUR #32, April 2013

Ist es schwierig, so weit weg von der Familie und den Freunden zu leben?
In den ersten sechs Monaten war ich ganz alleine. Das war schwierig. Meine Frau hatte noch kein Visum und konnte erst im Sommer nachkommen. Ich war auch noch wochenlang verletzt. Meine Familie ist in Kolumbien, aber meine Frau und meine Töchter sind hier. Mainz ist unser Zuhause, hier ist unser Leben. Meine ältere Tochter fühlt sich im Kindergarten sehr wohl, sie mag ihre Kindergärtnerin sehr. Wir freuen uns aber, wenn wir in Kolumbien unsere Verwandten sehen. Wenn ich aufhöre mit Fußball, gehen wir wieder zurück. Meine Frau will dann wieder arbeiten. Sie ist Physiotherapeutin. Aber das dauert noch ein paar Jahre. Ich will dann vielleicht mit Kindern als Trainer arbeiten. Das fände ich toll. Vorhin war ich am Stadion, da haben mich Kinder erkannt und sind zu mir gekommen und wollten Autogramme. Ich war als Kind genauso.

Wie alt sind eure Kinder?
Laura ist vier Jahre alt, die Kleine, Valerie, neun Monate. Sie schläft schon von zehn Uhr bis um zwei oder drei. Dann wird sie wach, aber will nur eine Babyflasche und weiterschlafen. Das ist ganz normal. Wir sind sehr geduldig.

Hast du eigentlich noch Kontakt zu Félix Borja?
Der spielt jetzt in Mexiko. Wir schreiben uns oft.

Der hat mir im Trainingslager meinen ersten spanischen Satz beigebracht, den ich heute noch kann: Quiero una cerveza y una mujer.

Und da muss er wieder lachen, der Elkin. Übersetzt es selbst.

cka, clatra, hilde

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