Gegnerbetrachtung: Mainz 05 beim FC Schalke 04

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Diesmal beantwortet mir Hassan Talib Haji, der den FC Schalke 04 seit vielen Jahren sehr intensiv begleitet, meine Fragen.

Hallo Hassan, schön, dass du dir Zeit für mich nimmst. Du betreibst im Netz das News- und Entertainmentportal hassanscorner TV. Erzähl doch ein bisschen was zu dem Angebot.
Hallo Mara. Ja, das ist mein Newsblog. Wir filtern dort Nachrichten zum FC Schalke 04 aus der Presse, schreiben Kommentare zu bestimmten Themen und veröffentlichen exklusive Interviews, wie zum Beispiel das mit Christian Heidel kurz nach seinem Amtsantritt oder vor ein paar Wochen das Gespräch mit Guido Burgstaller. Ich bin froh, mit einem tollen Team zusammenzuarbeiten zu dürfen, es macht wirklich Spaß. Im Moment haben wir eine kleine Auszeit, aber es geht bald weiter.

Hassan Talib Haji im Gespräch mit Christian Heidel. (Foto: Uwe Bassenhoff)

Hassan Talib Haji im Gespräch mit Christian Heidel. (Foto: Uwe Bassenhoff)

Du bist in Kenia geboren und mit deiner Mutter nach Deutschland gekommen, als sie sich in einen deutschen Fabrikarbeiter verliebte. Was bedeutet Heimat für dich? Und welche Rolle spielt der Fußball/das Stadion für deinen Heimatbegriff?
Ich bin in meinem Leben schon viel herumgekommen und habe mich überall sehr wohl gefühlt. Seit 2012 lebe und arbeite ich in Gelsenkirchen. Als Mitglied und Fan des S04 ist nun Gelsenkirchen meine Heimat geworden. Die Menschen hier sind fabelhaft.

Deine erste Station in Deutschland war Kleve. Wie bist du mit Schalke 04 in Berührung gekommen? Und war es eine Liebe auf den ersten Blick?
Ja, das ist richtig. Mein Stiefvater, Freunde und Bekannte waren und sind Schalke-Fans. Sie nahmen mich mal zu einem Spiel ins Parkstadion mit – das ist mittlerweile 30 Jahre her. Es war für mich als kleiner Junge ein großes Erlebnis. Ich wollte anschließend immer wieder nach Gelsenkirchen, um die Spiele zu sehen. Das hat zwar nicht oft geklappt, aber dennoch war ich sofort vom Schalke-Virus infiziert. Und das ist bis heute so geblieben.

Es wird gerne behauptet: „Politik ist Politik und Sport ist Sport“. Ich glaube, gerade Fußball ist sehr politisch und Stadien sind ein Spiegel der Gesellschaft. Wie beurteilst du persönlich die integrative Rolle des Themas Fußball?
Der Fußball ist ein Volkssport und großer Teil der Gesellschaft, der sich politischen Einflüssen nicht entziehen kann. Gerade mit der immensen Kraft, die dieser Sport durch seine bunte Vielfalt und Aufmerksamkeit hat, sollte er auch weiterhin eine Art Sprachrohr sein. Dies sieht man ja beispielsweise an den ganzen Anti-Rassismus-Kampagnen. Zu sagen, Politik habe im Fußball nichts verloren, ist meiner Meinung nach fehl am Platz.

Für Mainzer bleibt das ungewohnt: Christian Heidel in Blauweiß. (Foto: Torsten Mannek)

Für Mainzer bleibt das ungewohnt: Christian Heidel in Blauweiß. (Foto: Torsten Mannek)

Schalke 04 hat geschafft, wovon andere nur träumen können: Christian Heidel aus Mainz wegzulocken. Wie beurteilst du euren Königstransfer nach den ersten 1,5 Jahren?
Ich bin von Christian Heidels Arbeit bislang absolut überzeugt. Er hat zwar mit Ex-Trainer Markus Weinzierl gleich danebengegriffen, so was passiert aber. Besonders auf Schalke. Ich weiß, dass Vieles von dem, was Christian auf Schalke macht, noch nicht allzu spektakulär in die Öffentlichkeit kam. Ich hatte das Glück und das Vergnügen, mit ihm kurz nach seiner Amtsaufnahme über zwei Stunden lang zu sprechen. Christian hat mir dabei sehr viele Dinge genannt, die er verändern möchte – und genau erklärt, wieso das nötig ist. Was genau das alles ist, kann ich hier aber leider nicht preisgeben, da dieses Gespräch in einem vertrauensvollen Rahmen stattfand. Doch die Begeisterung und die Tatenkraft waren direkt spürbar. Christian wird diesen wilden Verein in eine neue Ära führen. Daran glaube ich.

Wie schätzt du den Sportvorstand Heidel, wie den Menschen Christian ein?
Den Menschen Heidel kann ich nicht beurteilen, das würde ich mir auch nicht anmaßen. Christian kam in unseren Gesprächen aber stets freundlich rüber und er antwortet glücklicherweise auch, wenn ich ihn mal anschreibe und Fragen stelle. Ich schätze ihn als Sportvorstand allerdings auch so ein, dass er keine Scheu hat, knallhart seine Entscheidungen durchzuziehen. Was mir besonders imponiert, ist seine Öffentlichkeitsarbeit. Auf Schalke werden schließlich die kleinsten Themen sehr groß gemacht. Er moderiert dies aber souverän.

Schalke-Kapitän Benedikt Höwedes ist von Bord gegangen. (Foto: Torsten Mannek)

Schalke-Kapitän Benedikt Höwedes ist von Bord gegangen. (Foto: Torsten Mannek)

In Mainz war der „Don“ bekannt für seine Fannähe. In Gelsenkirchen stelle ich mir das ein Stück weit schwieriger vor, weil einfach die schiere Menge an Fans so viel größer ist. Wie empfindest du seine Präsenz und seinen Umgang mit den Fans?
Christian hat kürzlich einen Fehler gemacht. Im Zuge des Wechsels von Benedikt Höwedes hätte er mit der aktiven Szene von sich aus das Gespräch suchen sollen. Bene ist schließlich ein sehr verdienter Spieler des Klubs. Ich glaube, wenn er vorher mit den Ultras gesprochen hätte, wäre es nicht zu den Plakaten in der Nordkurve gekommen, auf denen er unter anderem als Identifikationsschänder bezeichnet wurde. Selbstverständlich ist er nicht in der Pflicht, nach jeder Entscheidung eines Spielers oder des Vereins das Gespräch zu suchen, aber in diesem speziellen Fall wäre es angebracht gewesen. Schlussendlich wurde es ja nachgeholt, was mich sehr freute.

Du sprichst es gerade an: Zu Beginn der Saison hat euer langjähriger Kapitän Benedikt Höwedes den Verein verlassen, nachdem er dieses Amtes enthoben worden war. Zunächst: Verstehst du die Entscheidung eures Trainers?
Ich kann diese Entscheidung nachvollziehen. Bene hat sich vielleicht mit den Jahren als Kapitän abgenutzt und viele haben sich oft hinter ihm versteckt. Das merkte man besonders nach verlorenen Spielen.

Wie beurteilst du Höwedes’ Abgang menschlich? Hat das die Fanseele sehr tief getroffen? Und fernab aller Emotionen, wie sehr trifft euch sein Wechsel sportlich?
Dieser Wechsel, auch wenn er vorerst nur auf Leihbasis geschah, war zunächst mal ein Paukenschlag. Bene ist ja schließlich ein Schalker Junge und hier groß geworden. Natürlich ist so ein Abgang im ersten Moment schmerzvoll. Schlussendlich war es aber seine Entscheidung. Er wollte sich nicht dem Konkurrenzkampf stellen, da er von Trainer Domenico Tedesco keine Stammplatzgarantie bekam. Tedescos Handeln empfand ich als völlig richtig. Sportlich gesehen scheint es so zu sein, dass Benes Transfer zu Juventus Turin keine Auswirkung auf die Mannschaft hatte. Schalke steht gut da und die Stimmung im Team ist prächtig.

Der Mann für eine neue Ära? 04-Trainer Domenico Tedesco. (Foto: Torsten Mannek)

Der Mann für eine neue Ära? 04-Trainer Domenico Tedesco. (Foto: Torsten Mannek)

Hat Heidels Ansehen mit dem Abgang von Höwedes gelitten?
Ich glaube nicht. Es hängt aber oft auch an gewissen Faktoren. Wäre unsere Abwehrleistung katastrophal, würden viele Schalker lauthals nach Bene schreien und Christian wäre der große Buhmann.

Die WAZ schreibt zu einem Interview mit Christian Heidel, Schalke habe die Personalkosten um 40 Prozent gesenkt. Nötig und richtig? Nötig, aber zu schnell? Fehlentscheidung?
Das ist für mich eine notwendige Maßnahme gewesen und als ich den Artikel in der WAZ las, sagte ich mir nur: ‚Endlich!‘ Das Preis-Leistungs-Verhältnis wurde nach den fetten Jahren im Europapokal endlich angepasst. Aufgrund der hohen Verbindlichkeiten, die durch den Umbau des Vereinsgeländes um weitere 95 Millionen Euro steigen, war das ein zwingend nötiger Schritt.

Wie schwierig wird es deiner Meinung nach sein, Leon Goretzka zu halten? Zumal es in seinem Interesse sein muss, zur WM 2018 zu fahren – und internationale Spiele dabei helfen könnten, seine Position bei Löw zu verbessern?
Ich glaube Leon. Er sagte ja, dass er noch keine Entscheidung getroffen hat. Er kann hier auf Schalke zu einer echten Führungsperson heranreifen. Ich hoffe sehr, dass er verlängert und noch ein paare Jahre für den S04 die Stiefel schnürt. Und wenn er wechselt, ist es halt so. Welche Entscheidung er auch treffen mag, ich wünsche ihm, dass er sich damit wohlfühlt und sie sich als völlig richtig herausstellt. Was seine Position in der Nationalelf angeht, hat er die doch bereits sicher. Joachim Löw schwärmt von ihm in höchsten Tönen. Wenn er sein Leistungsniveau hält, braucht er sich keine Sorgen um eine WM-Teilnahme zu machen.

Schalke gilt als einer der Trainer-Schleudersitze in der Bundesliga. Wie schätzt du die letzten beiden Entscheidungen diesbezüglich ein, also unter Heidel zunächst mit einem neuen Mann – Markus Weinzierl – zu starten, diesen dann aber nach der Saison zu entlassen?
Meiner Meinung nach musste Christian das Kapitel mit André Breitenreiter beenden, da er aufgrund seines Umgangs mit Mitarbeitern im Verein kaum noch Fürsprecher hatte. Markus Weinzierl war zu haben und es klang eigentlich recht vielversprechend. Doch so, wie man es vernehmen konnte, brachte Weinzierl Teile des Teams gegen sich auf und schaffte Gräben, die darin gipfelten, dass er von einem Spieler öffentlich beleidigt wurde. Dazu kam, dass man keine spielerische Linie auf dem Feld sah, keine Handschrift, keinerlei Konzept. Das wollte Heidel aber, um mit einem Trainer nachhaltig arbeiten zu können. Zwangsläufig war eine Trennung in Anbetracht der Gesamtsituation unvermeidbar – und die richtige Entscheidung.

Was läuft aktuell unter Domenico Tedesco besser als letzte Saison unter Weinzierl? Wie beurteilst du die sportliche und taktische Entwicklung des Teams und wo siehst du noch Verbesserungsbedarf?
Bislang darf man durchaus zufrieden sein. Man hört über Tedesco sehr viel Positives aus dem Verein. Er spricht sämtliche Fremdsprachen, was für die Kommunikation mit der Mannschaft ein großes Plus ist. Ich muss aber auch sagen, dass mich die ganzen Trainerentlassungen in den letzten Jahren skeptisch gemacht haben. Tedesco ist erst seit kurzer Zeit hier. Deshalb halte ich mich mit Bewertungen noch zurück.

Tedesco spricht viele Sprachen. Spricht er auch S04? (Foto: Torsten Mannek)

Tedesco spricht viele Sprachen. Spricht er auch S04? (Foto: Torsten Mannek)

Vor dem letzten Spieltag lautete eure Bilanz: 3 Siege, 3 Niederlagen, 1 Unentschieden. Nun habt ihr auswärts in Berlin gewonnen. Wie ist die Stimmung um den Verein? Und wie zufrieden bist du selbst mit der bisherigen Saison?
Es geht schlechter, wie wir letztes Jahr erlebt haben. Der Start war völlig in Ordnung. Wichtig war mir persönlich, dass wir direkt vom Start weg bei der Musik dabei sind – und das sind wir. Dementsprechend ist auch die Stimmung.

Ist für euch in dieser Saison nicht jedes Spiel ein Endspiel? Eine weitere Saison ohne internationale Platzierung kann sich der Verein ja kaum leisten.
Sicherlich lastet immer ein gewisser Druck auf Schalke. Ein Klub dieser Größe gehört eigentlich in den Europapokal. Da der Verein bereits die Halbjahresbilanz veröffentlichte und für das gesamte Geschäftsjahr von einem Verlust von 14 Millionen Euro ausgeht, wäre eine Teilhabe an den Geldtöpfen der UEFA natürlich wichtig. Auch für die Attraktivität bei Spielertransfers. Ein weiteres Verfehlen der internationalen Plätze würde den Planungen von Christian Heidel ganz sicher nicht zugute kommen.

Auf was müssen sich die Mainzer am Freitagabend taktisch einstellen? Wie breit ist die Brust der Spieler auf dem aktuell 6. Tabellenplatz?
In den Heimspielen tritt Schalke 04 immer mit breiter Brust auf. Sie werden vermutlich viel Ballbesitz haben und versuchen, ein frühes Tor zu erzielen. Zudem ist es Freitagabend, Flutlicht, volles Stadion. Mainz darf sich auf eine bis in die Haarspitzen motivierte Mannschaft freuen. Ich denke, das wird ein großer Kampf beider Teams.

Was erwartest du umgekehrt von den Mainzern? Welche Rolle können sie deiner Meinung nach unter Sandro Schwarz in der aktuellen Bundesligasaison spielen?
Im Spiel auf Schalke werden sie wohl versuchen früh zu attackieren, um unsere Abwehr in Verlegenheit zu bringen, den Spielaufbau zu stören und Fehler zu provozieren. Davon ist wohl auszugehen. Ich denke, ein einstelliger Tabellenplatz ist für Mainz drin. Mit etwas Glück vielleicht sogar mehr.

Was ist dein Tipp für das Spiel am Freitag?
Ich tippe auf ein 2:0 für die Königsblauen.

Wird Christian Heidel seine Amtszeit auf Schalke ausschöpfen? Oder gar verlängern? Und kommt er danach als Alterspräsident zurück nach Mainz?
Schwierig zu beurteilen. Frag mich aber gerne in ein bis zwei Jahren noch mal, Mara.

Mache ich und: vielen Dank für das Gespräch!

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