05-Liebe (2) | Heile, heile Gänsje

Das hier ist für alle, die FÜR etwas sind – nämlich unsere 05er –, und die das auch zeigen möchten. Lasst uns das Netz mit ganz viel Liebe für den Verein fluten. Lasst uns laut sein gegen die negative Stimmung. Lasst uns wieder fest zusammenstehen. #05liebe

Neulich begegnete mir der Begriff Resilienz. Er bezeichnet die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und gestärkt aus diesen hervorzugehen. Das Sprichwort „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker“ bringt das Prinzip auf den Punkt. Man kann sich aber auch die Geschichte von Mainz anschauen, um zu verstehen, was Resilienz bedeutet. Unsere Stadt wurde belagert, besetzt, zerbombt, die Mainzer hatten Kriege, Pest und Hochwasser zu ertragen, sogar der Dom brannte vor seiner Einweihung ab.

Man weiß in dieser Stadt wie in kaum einer anderen, dass trotz aller Tragödien das Leben weitergeht, dass es wieder gut wird, dass auch morgen und übermorgen Rhein und Wein fließen werden, dass Mainz Mainz bleibt wie’s singt und lacht. Dieses Lebensgefühl findet seinen Ausdruck in der Fastnacht – und es spiegelt sich wider in Mainz 05.

Jürgen Klopp war 2003 schon lange genug in Mainz, um das verinnerlicht zu haben, als er nach dem erneut knapp verpassten Aufstieg seine legendäre Rede auf dem Theaterbalkon hielt: „Wenn man zweimal, dreimal, viermal hin­gefal­len ist, dann gibt es keine bessere Stadt als diese hier, um immer wieder auf­zuste­hen.“ Und genau das taten die Mainzer.

Eine Saison später wurde der Traum von der Bundesliga wahr. Drei Jahre lang durfte der FSV dort spielen, sogar europäisch, ehe es wieder nach unten ging. „Wir kommen wieder, keine Frage“, versprach Kloppo nach dem Abstieg vom Rasen des Bruchwegstadions. Und wieder sollte er Recht behalten, wenn auch die Rückkehr ins Oberhaus erst nach seinem eigenen Abgang gelang.

Gaensje

Seitdem hat der Verein zuvor Undenkbares erlebt und geleistet, Spieler entwickelt und für viel Geld weiterverkauft, Trainern zum Durchbruch verholfen, ein neues Stadion bezogen, in der Europa League gespielt und bis zum 21. Spieltag der Saison 2017/18 nie wieder auf einem Abstiegsplatz gestanden. Aus Mainz 05 ist ein etablierter Bundesligist geworden, der – mit zwar immer noch bescheidenen Mitteln – auf der großen Fußballbühne mitspielt. So weit, so bekannt.

Aber zurück zum Thema Resilienz. Der Zusammenhang, in dem mir das Wort erschien, war ein Artikel über das Phänomen der in Deutschland stärker als in vielen anderen Ländern verbreiteten Angst vor der Zukunft. Nun ist die „German angst“ kein neues Phänomen, aber dass ausgerechnet in Zeiten, in denen es einem Großteil der Deutschen im Vergleich zu den allermeisten anderen Menschen auf der Erde verhältnismäßig gut geht, die Angst vor sozialem Abstieg, Klimawandel, vor Terror und Glyphosat hierzulande besonders ausgeprägt ist, lässt einen stutzen.

Einige Soziologen erklären das damit, dass die Resilienz der deutschen Gesellschaft schon lange nicht mehr auf die Probe gestellt wurde. Der letzte Hungerwinter, der letzte Krieg, die Hyperinflation, das alles ist ein Menschenleben her. Das Land ist wohlhabend geworden, auch hier und da ein bisschen träge. Man muss schon lange nicht mehr zusammenrücken, um zu überleben, Individualität steht höher im Kurs als die Gemeinschaft, Risse tun sich auf im Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält.

Und hier musste ich an die Situation von Mainz 05 denken: Die großen Dramen liegen lange zurück, im schnelllebigen Fußballgeschäft fast eine Ewigkeit. Kein Spieler von damals steht mehr auf dem Platz und auch der eine oder andere Fan hat sich längst neuen Lebensinhalten zugewandt.

Nur wenige scheinen noch zu wissen, welcher Anstrengung es bedarf, unseren Verein in die Bundesliga zu bringen und dort zu halten. Dass dazu alle – Spieler, Trainer, Verein, Fans – zusammenstehen müssen. Dass krisenfreie Jahre nicht normal sind, sondern Ergebnis einer außergewöhnlichen Leistung. Und dass Teil davon zu sein der geilste Grund überhaupt ist, ins Stadion zu gehen. Sandro Schwarz beschwor es vor dem Spiel gegen Stuttgart: „Es gilt, die Dinge gemeinsam anzugehen – und Spaß dabei zu haben.“ Und er hat Recht!

Wahrscheinlich reicht es dann noch in dieser Saison zum Klassenerhalt. Und wenn am Ende mal wieder der Umweg über die 2. Liga genommen werden muss? Was bitte soll uns daran schrecken? Wir sind Mainzer! Einer der großen Fastnachter dieser Stadt hat es einst gesungen: „Heile, heile Gänsje / Es is bald widder gut.“

[Text und Foto: Oli Heil]

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