Schwimmen in den Gezeiten

Die Nacht, in der mein Vater starb, machte den Samstag zum Sonntag. Ich wollte ihn besuchen am nächsten Tag, und bei unserem letzten Telefonat hatte er mir stolz berichtet, nun hinge auch die letzte Lampe in seinem neuen Heim. Dass er den guten Rotwein aus dem Keller geholt hatte, für unseren Abend. Mir im Gästezimmer seines Häuschens das Bett gerichtet. Eigentlich sei das ohnehin mein Zimmer, da ich von den vier Kindern am weitesten weg wohnte: Sicher würde ich deswegen häufiger über Nacht bleiben als die anderen, die bequem in ein paar Minuten daheim waren: Und keiner bleibt allein. Dann hatten wir kurz geschwiegen, gerührt davon, wie gut und schön alles war.

Als das Telefon klingelte, in dieser Nacht von Samstag auf Sonntag, war ich noch wach. Am anderen Ende der Leitung erkannte ich meinen Schwager, und weil er vom Telefon meiner Schwester anrief, um diese späte Zeit, bekam ich einen furchtbaren Schreck, ihr könnte etwas passiert sein. „Nein, alles okay. Aber dein Vater hatte einen Herzinfarkt.“ Da war ich zuerst noch erleichtert. Denn das Herz meines Vaters schlug unruhig, seit 21 Jahren. Damals hatte er den ersten Herzinfarkt gehabt und seitdem, mit der Regelmäßigkeit von Schaltjahren, muckte der lebensstiftende Muskel in seiner Brust immer wieder auf. Wir Kinder hatten uns auf seltsam unaufgeregte Art und Weise daran gewöhnt. Unser Paps strahlte einen unerschütterlichen Glauben an seine eigene Unsterblichkeit aus, und wir zweifelten diesen Glauben nicht an, sondern teilten ihn längst – und vermehrten ihn so scheinbar noch. Nur langsam, ganz langsam begriff ich, dass diesmal alles anders war. Endgültig. Weil sich das Vaterherz nicht bloß verschlagen hatte, nicht nur aus dem Takt gekommen war – sondern Stille eingekehrt in seiner Brust.

Der Moment der Stille in deiner Herzhöhle. (Foto: Aka/pixelio)

Der Moment der Stille in deiner Herzhöhle. (Foto: Aka/pixelio)

Wir vier Kinder trafen uns zuerst bei der jüngsten Schwester, am ersten Tag im Leben ohne unseren Vater. Berieten uns, trösteten. Zankten auch ein wenig, darüber, was wie zu lösen sei. Wir fuhren ins Beerdigungsinstitut, suchten einen Sarg aus. Ein Kissen, für seine letzte Ruhe. Formulierten den Text der Todesanzeige. Heulten einander gegenseitig in die Hemdsärmel. Bestimmten einen Anzug, in dem er beerdigt werden sollte. Wir fuhren zu seinem neuen Haus, das wir mit ihm gerade erst fertig eingerichtet hatten. Die Kleider, die er am Vorabend ausgezogen hatte, bevor er das Haus zum Tanzen verließ, lagen im Schlafzimmer. Alles sah aus, als wäre er nur kurz Brötchen holen; das ganze Haus roch lebendig nach ihm. Niemand konnte etwas sagen, das tröstete. Wer mir vom Tod seiner Großeltern erzählte, davon, wie einschneidend das gewesen sei, den warf ich sofort aus meiner Wohnung. Wer mir erklärte, mein Vater hätte nicht gewollt, dass ich so leide, durfte nur zwei Minuten länger bleiben. Hatte ich alle abgewiesen und rausgeworfen, fühlte ich mich verlassen. Versuchte, mich nützlich zu machen, indem ich Schreibkram erledigte, den mein Vater hinterlassen hatte. Und wollte dabei doch nicht zu schnell sein, weil es schien, als verschwände er mit jedem zugeklebten Briefkuvert ein wenig endgültiger.

Ich bekam viele traurige Geschichten zu hören in dieser Zeit. Wenn ich davon erzählte, dass mein Vater gestorben war, schien das bei Menschen, die selbst schon einen ähnlichen Verlust erlebt hatten, ein Ventil zu öffnen, und ihre Erlebnisse im Umgang mit der eigenen Trauer wurden hervorgespült. Ich war dankbar für diesen Reflex, weil die Geschichten mich ablenkten von den eigenen Tränen, und weil ich im Trost, den ich anderen spendete, auch wieder Hoffnung fand für mich selbst. Trauern ist wie Ebbe und Flut. Und ich bin es, die in den Gezeiten schwimmt und sich mit ihnen arrangieren muss, weil ich es bin, die noch am Leben ist. So lerne ich mit der Zeit, meinen Vater loszulassen, ohne dabei Angst davor zu haben, dass ich ihn damit verliere. Erfahre das Glück, wenn die Erinnerung zärtlich wird, statt immer nur schmerzhaft zu sein. Und kann mich auch wieder an Streitigkeiten mit meinem Paps erinnern, ohne in Tränen auszubrechen. Denn ich brauche mir nicht vorzumachen, alles zwischen uns sei perfekt gewesen; das ist es nie.

Etwas von mir hat aufgehört zu existieren, in der Nacht als mein Paps gestorben ist. Da ist eine Wunde zurückgeblieben, die sich niemals richtig schließen wird. Und manchmal, wenn das Wetter umschlägt, ziept sie besonders, im Vermissen. Doch gleich daneben ist auch etwas Neues entstanden. Eine Kraft, aus der Liebe, die er zurückgelassen hat. Und das Wissen darum, dass zwar nicht alles gut wird, es aber immer weiter geht, wenn man sich nur traut.

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