Die Woche am Bruchweg (8/20): Keine Keile, bitte!

Manchmal sind die inneren Themen gänzlich andere als jene, die von außen auf eine Situation projiziert werden. So hat sich beispielsweise rund um den 1. FSV Mainz 05 in den letzten zwei Wochen die Frage entzündet, wie die veränderte Bank auf die Stimmung der Mannschaft wirkt. Das ist die Außensicht. Innen, da, wo Trainer Achim Beierlorzer am Kader für das Auswärtsspiel in Wolfsburg feilt, ist hingegen die Frage nach der Besetzung der Bank nachrangig. Interessanter ist aus der Binnensicht die Frage, wie sich die veränderte Startelf auf die Ergebnisse auswirkt, denn auf die kommt es auf dem langen Weg zum erhofften Klassenerhalt nun mal an.

Drama, Baby: Dramatisch waren beim Training nur die Wolken.

Will heißen, etwaige Missklänge mag der Trainer gar nicht aufkommen, sich von außen „keinen Keil“ ins Gefüge der Gesamtmannschaft treiben lassen. „Wir brauchen jeden Spieler, das habe ich immer gesagt.“ Insofern kann es wohl als Zufall gelesen werden, dass beim Drei gegen Drei im Training am Mittwoch mit Aarón Martín, Jean-Paul Boëtius und Jean-Philippe Mateta just drei prominente Rotationskandidaten in einem Team spielten.

Der Bagger hinter den Trainingsplätzen brüllt wie eine alternde Krähe, die Sonne schickt einzelne Strahlen herab, bis die Wolken den Himmel wieder eintrüben. Die Stimmung im Team hingegen wirkt kein bisschen getrübt, auch nicht bei denen, die zuletzt von der Bank kamen oder das Spiel komplett auf selbiger verbrachten. Daran, dass Mateta – speziell mit steigender Zuschauerzahl – auch Trainingstore gerne zumindest ein wenig feiert, hat sich ebenfalls nichts geändert.

Überhaupt muss man sich vielleicht die Frage stellen, wieso eine personell veränderte Startelf für so viel Gesprächsstoff sorgt. Sicher, durch die Umstellungen müssen Spieler zumindest für den Moment in die zweite Reihe zurücktreten, von dort treten aber ja andere ins Licht, die sich in den bisherigen Ligaspielen nicht zeigen konnten. Es ließe sich also auch argumentieren, dass solche Wechsel eher zu einem allgemeinen Gleichgewicht beitragen.

Das Gleichgewicht gefunden zu haben scheint indes die Abwehr der Mainzer. Beierlorzer hebt Winterzugang Jeffrey Bruma in Sachen Stabilisation positiv hervor, will die Verbesserung aber nicht auf diese Personalie beschränkt wissen. Überhaupt möchte der Trainer solch komplexe Themen ungern vereinfacht sehen, was ihn zuweilen durchaus hadern lässt mit der einen oder anderen Frage der Journalist*innen. „Da bin ich kein Freund von“ ist dann häufig die Antwort und seine Stirn unter der Mütze, die der Schriftzug „Nullfünfer“ ziert, wirft tiefe Furchen.

Ja, das 3-4-3 hat zuletzt gut funktioniert. Nein, deswegen ist es kein Allheilmittel, siehe etwa das Heimspiel gegen Leverkusen, abgesehen vom Ergebnis eine gute Partie. Ja, statistisch gesehen hat diese Formation eher Punkte gebracht, aber Stochastik war ihm schon als Mathematiklehrer stets eine verhasste Disziplin und bringe zudem keine Zähler. Natürlich beantwortet er Fragen dazu, was für ein Typ Leandro Barreiro ist, gerne, aber doch bitte bezogen auf seine Leistung im Team und nicht das private Auftreten, denn da treffen sie sich selten.

Jene Klarheit, die Beierlorzer von seinen Spielern fordert, zeichnet ihn in Sachen Kommunikation selbst aus. Der Findungsprozess der Mannschaft sei ein permanenter, erklärt der Coach. Natürlich habe das auch mit dem jeweiligen Personal zu tun. Wenn also beispielsweise Jeremiah St. Juste, der das Training vorsichtshalber frühzeitig abgebrochen hat, plötzlich nicht zur Verfügung stehen sollte, muss er eben umplanen. Das kann dann auch das System betreffen.

Open-Air-Medienrunde am sonnigen Bruchweg. (Fotos: WP)

Vielleicht bietet sich am Sonntag in Wolfsburg aber ohnehin eine andere Formation an als bei der Hertha oder zuhause gegen Schalke 04. Da lässt er sich nicht in die Karten schauen und erst Recht nicht aus der Ruhe bringen. Er hat, das betont Beierlorzer, einen fast vollständigen Kader, aus dem er schöpfen kann. Nach den Verletzungssorgen im Verein zu Beginn der Saison eine ungewohnt komfortable Lage, die nun als Basis dienen soll, um auch die Situation in der Tabelle von Spieltag zu Spieltag komfortabler zu machen.

Die Woche am Bruchweg (6/20): Ein feiner Junge

In Sachen Wetter ist die Schiersteiner Brücke oft wie eine unsichtbare Mauer – auf der einen Seite fällt der Regen, auf der anderen scheint die Sonne. Am Dienstagmorgen ist die Mainzer Seite die sonnige: Während rund um den Bruchweg tiefe Pfützen noch von den vorangegangenen Schauern erzählen, beginnen die 05-Profis ihr Training bei aufklarendem Himmel. Unter den neugierigen Augen der Journalist*innen und einer Handvoll Trainingskiebitze liegt ein besonderer Fokus auf dem Zweikampfverhalten. „Ich habe auch so die Rückmeldung, dass ihnen das unheimlich viel Spaß macht“, sagt Achim Beierlorzer später über seine Spieler.

Kämpfen, bis die Hose reißt: Die 05-Spieler im Training.

Zugleich betont der Coach, diese Art der Einheit sei „ein kontinuierlicher Prozess“, nicht etwa eine Reaktion auf die Niederlage gegen die Münchner. Gegen dieses Team zu verlieren, ändere an ihren Abläufen tatsächlich gar nichts. Und Niedergeschlagenheit lasse man bei den Spielern ohnehin nicht aufkommen, zumal die sich in Hälfte zwei gegen den amtierenden Meister beachtlich gesteigert hatten. Einer, der sich in der Partie besonders hervortun konnte, wird an diesem Morgen allerdings noch geschont: Leandro Barreiro. Eine Vorsichtsmaßnahme für den Youngster, der am Ende des Spiels mit Krämpfen zu tun hatte und deswegen am Stop-and-Go auf dem Platz nicht teilnehmen soll.

Ein besonderes Augenmerk der Beobachter*innen am Spielfeldrand liegt an diesem Morgen auf Pierre Kunde Malong. Wie zeigt er sich im Training nach dem verweigerten Handschlag? Besonders auffällig am Kameruner sind aber nur die großen Ohrstecker, deren Steine in der Sonne funkeln – sonst trainiert er wie immer. Mag sein, dass er die erhöhte Aufmerksamkeit spürt, das lässt er sich aber nicht anmerken. Sein Trainer winkt das Thema denn auch ganz entschieden ab. „Alles gut. Das habe ich mehrfach gesagt. Kunde ist ein ganz feiner Junge und er hat alles gemacht, was man nach so einer Aktion machen muss, um ganz deutlich zu zeigen: Da bin ich jetzt über eine Grenze gegangen, die hätte ich nicht überschreiten dürfen.“

Feiner Junge mit glitzernden Ohrsteckern: Pierre Kunde Malong.

Vor dem Training stand wie immer die Videoanalyse. Diese habe, so Beierlorzer, an der einen oder anderen Stelle Themen verdeutlicht, die ihm am Spielfeldrand nicht in der Eindeutigkeit bewusst waren. „Das erste Tor können wir schon besser verteidigen.“ Ob es dann dennoch falle, lasse sich natürlich nicht sagen. „Aber da müssen wir näher am Mann sein.“ Was er von den Spielern fordert, ändere sich dennoch nicht von Spiel zu Spiel. Kontinuität. Raum, um sich zu verbessern. Leistung und Bereitschaft. Hohe Intensität. Gespräche. Der Glaube an die eigenen Fähigkeiten. Das sind Schwerpunkte, die der Trainer nicht müde wird, zu betonen. Und wenn es dann auf dem Platz mal nicht klappt? „Ich bin da auch immer am Überlegen, woran’s liegen kann.“ Er ist offen, wenn es um das Thema Fehlersuche geht, denn: „Perfekten Fußball gibt’s gar nicht. Fußball wird immer ein Fehlerspiel bleiben.“ Wichtig sei, eine Geschlossenheit zu erzeugen und immer weiter zu trainieren. Ruhe zu bewahren und Klarheit.

Ob der Negativlauf der zuletzt vier verlorenen Partien spezielle Maßnahmen erfordere, wird Beierlorzer gefragt. Vielleicht ein Kurztrainingslager? Der Coach wirkt in solchen Momenten manchmal, als müsse er sich am Riemen reißen, um bei der Antwort nicht auf den Tisch zu hauen. In Ermangelung eines solchen spricht er stattdessen von „Pfeilen“, die man „im Köcher behalten“ und „zur rechten Zeit“ auspacken müsse. Man habe „vieles im Blick“, müsse es aber „mit Verstand einsetzen“. Das mag zunächst etwas kryptisch klingen, letztlich mahnt jedes Wort des Trainers aber vor allem zur Ruhe. Ja, die ersten drei Partien der Rückrunde hat man verloren. Ärgerlich. Es folgen aber 14 weitere, in denen Punkte zu vergeben sind. Ob es dabei auch darauf ankomme, unnötige Ballverluste zu vermeiden? „Das sagt das Wort ja eigentlich schon aus.“ Da spricht wieder der Lehrer Beierlorzer, dem fast der Zeigefinger in der Hosentasche zu jucken scheint: Konzentriert euch! Stattdessen lächelt er, nickt, wartet auf die nächste Frage. Er lässt sich nicht beirren – diese Eigenschaft wird er in den kommenden Wochen noch brauchen.

Hinter dem Horizont… gibt’s Punkte? (Fotos: WP)

In Berlin erwartet Beierlorzer ein Geduldsspiel. Die Hertha stehe noch tiefer als beim Hinspiel, analysiert er. „Das war das erste, was die Trainer verändert haben. Sicher stehen, die Null halten.“ Die Mannschaft müsse mit dem Willen ans Werk gegen, den sie in der zweiten Hälfte gegen die Bayern gezeigt habet. In der Videoanalyse hat er ihnen eine Szene aus der 92. Minute gezeigt, in der nochmal alle Gas gegeben haben. „Das ist genau die Mentalität, die wir jetzt brauchen.“ Nicht nur in der 92. Minute: „Sondern über das ganze Spiel.“ Nur so könne die Mannschaft punkten. „Und Punkte brauchen wir jetzt. Darauf können wir’s eigentlich runterbrechen.“

Die Woche am Bruchweg (4/20): Der Vertrauenslehrer

Die wöchentliche Medienrunde mit dem Coach dienstags im Container der Presseabteilung hat bei Mainz 05 gute Tradition. Für die Journalist*innen sind Trainerwechsel in dieser intimen Runde besonders spürbar, schließlich hat jeder seine eigene Art, solche Termine anzugehen. In den ersten Wochen blieb Beierlorzer wenig Zeit für diesen Termin – verständlich. Nicht nur, dass er sich schnell an den Club gewöhnen musste, auch durch englische Woche und nahende Winterpause waren die Stunden knapp. Nun, zurück aus dem Trainingslager und das erste Spiel des Jahres im Rücken, zeigt er sich gelöst und mit spürbarer Lust am Austausch.

Ansprache: Beierlorzer erklärt den Spielern seinen Plan.

„Ein bisschen wie früher in der Schule: Block vergessen“, scherzt er, als ein Hörfunkjournalist sich ein Blatt vom Zeitungskollegen borgt. Die Analogie zu seinem Lehrerjob zieht er später ein zweites Mal, als er bereits so tief in der Analyse des Spiels steckt, dass er sich fühlt wie im Leistungskurs Sport. „Da würde ich das jetzt unterkringeln, weil es so ein schönes Wort ist“, bewertet er den Begriff Sauerstoffschuld. Ganz korrekt sei der aber nicht – da geht es gerade um Sondereinheiten von Mateta und Ji, die im aeroben Bereich zulegen sollen. Letztlich gehe es darum, die Spieler auf eine schnellere Regeneration hin zu trainieren.

Auf dem Platz war es zuvor ruhiger zugegangen als gewohnt, besonders die Kommandos der Spieler untereinander waren selten. Beierlorzer gibt Anweisungen auf Deutsch, übersetzt wird von einem zum anderen und dann bewegt Niko Bungert sich fast unbemerkt über den Platz und flüstert den französischsprachigen Kickern zu, was der Coach gesagt hat. Der gibt lachend zu Protokoll, bestimmte Begriffe wüssten sie ohnehin binnen kürzester Zeit. Auch was er von ihnen möchte, sei ihnen klar, sagt Beierlorzer, der lobende Worte für die Truppe findet. Viel von seiner Spielidee sieht er gut umgesetzt, man müsse nun „die entscheidenden Dinge richtigmachen.“ Da gehe es oft um Kleinigkeiten.

Von der Sonne verwöhnte Trainingseinheit neben dem Bruchweg.

Die verflixten Details also. Sie machen am Ende eben den Unterschied. Konsequenter verteidigen, in der Kompaktheit. Das habe sein Team auch schon besser gemacht, als zuletzt gegen Freiburg. Wie die „uns die Umschaltmomente genommen haben“, davon spricht er anerkennend. Der Franke ist einer, den das Spiel bis in diese Details interessiert. Wenn er über die Gegner redet, zählt er Freiburgs Spieler und die der Gladbacher in ihren möglichen Formationen ebenso flüssig auf, wie die eigenen, erklärt Stärken und Schwächen und wie sie damit umgehen wollen. Eine Idee könnte sein, für den gesperrten Kunde einen Innenverteidiger als zweiten Sechser auflaufen zu lassen. Sofern er denn mit zwei Sechsern spielt.

Welches System er im Kopf hat, das verrät er ebenso wenig wie den Namen des potentiellen IVs für die Position. „Sonst schreibt ihr das ja.“ Er lacht. Und analysiert schon wieder. Insgesamt sei ihm die Ballverlustquote zu hoch. Manchmal wünsche er sich mehr Mut, die Spieler, so sein Plädoyer, sollen einfach mal machen, es probieren. Die Gegentore fallen ihm zu einfach. „Vor dem Zweinull passiert ja nicht ein Fehler, da passieren fünf, sechs.“ Wie er das ändern will? „Am besten entscheidet man sich immer für das Richtige.“ So einfach ist das.

Move it, move it – die Spieler bei der Trainingseinheit. (Fotos: WP)

Nun sollte aber niemand den Fehler machen, seinen lockeren Umgangston als Leichtfertigkeit misszuverstehen. Spiele zu verlieren, das ist nichts, woran Beierlorzer sich gewöhnt. Fast scheint es an diesem Mittag, als sei der Trainer relativ entspannt, weil er die sich durchaus wiederholenden Fehler erst seit einigen Spieltagen erlebt – nicht schon die ganze Saison, wie alle anderen im Raum. Er strahlt den absoluten Glauben aus, die Niederlage am Samstag werfe seine Mannschaft in der Entwicklung nicht zurück. Und das ist ja gut so.

Man kann sich Beierlorzer richtig vorstellen im Einzelgespräch mit Spielern. Die nun von ihm selbst gezogenen Parallelen zu der Zeit als Lehrer, seine ruhige Art, Dinge zu erklären, zu analysieren, die eingestreuten Scherze und die demonstrative Zuversicht, das sind Bausteine, die ihn fast wie einen Vertrauenslehrer wirken lassen. Gleichzeitig hat er bereits gezeigt, dass er konkrete Erwartungen hat und auch deutlich werden kann, wenn er das Gefühl kriegt, seine Spieler setzen die nicht um.

Sein Credo, man dürfe in er Niederlage nicht kleiner werden und im Erfolg nicht größer, ist gerade für diese junge Truppe durchaus passend. Mit der Mischung aus Vertrauen und deutlichen Worten kommt er bei den Spielern bislang offenbar gut an. Am Samstag gegen Gladbach haben sie erneut die Chance, auch in den Details zu zeigen, dass sie seinen Weg verstehen und mitgehen möchten.

Rezension und mehr: Ein Hoch auf den Meenzer on Tour

Bereits auf der ersten Seite von „Zu Gast. In vielen Ecken dieser Welt“ haben zwei der Themen einen kurzen Auftritt, die im Leben von Autor Christoph Kessel eine große Rolle spielen: Reisen und Fußball. Da heißt es wörtlich: „Dank meiner Eltern hatte ich seit meiner frühesten Kindheit mehrmals im Jahr die Gelegenheit zu reisen.“ Weiter erfahren die Leser*innen, der Autor hat der Überlieferung nach am Tag des WM-Finales Deutschland gegen Holland 1974 das Laufen gelernt. „Während mein Vater in der Kneipe des Gasthauses den WM-Sieg von Kaiser Franz & Co. am Fernseher sah, schaute mir im Obergeschoss meine Mutter auf dem Flur zu, wie ich die ersten Schritte ohne Hilfe hinbekam.“

Wunderbare Strandlektüre, die sich aber auch fürs Sofa eignet. (Foto: WP)

Ein drittes Herzensthema Kessels folgt nur eine Seite später, da nämlich geht es nicht nur ums Reisen an sich, sondern auch dessen Nachhaltigkeit. Jene Nachhaltigkeit, längst nicht nur bezogen auf Flugbewegungen, nimmt seit geraumer Zeit einen großen Platz in den Gedanken und im Wirken des Autors ein, der seinen Follower*innen auch als Meenzer on Tour bekannt ist – so nämlich lautet sein Username auf den Plattformen Facebook, Twitter und Instagram, auf denen er sich rund um seine selbstgewählten Schwerpunkte bewegt.

„Zu Gast“ ist nicht Kessels erste Buchveröffentlichung, zuvor ist von ihm bereits „Nächster Halt: Darjeeling-Hauptbahnhof – Eine Weltreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln“ erschienen. Beiden gemein ist der ganz persönliche, sehr nahbare Erzählansatz, der die Leser*innen direkt mitnimmt in das beschriebene Geschehen und die Gedankenwelt des stets reflektierten Autors. Dabei geht es um Themen wie Ökotourismus in der Karibik, warum Alleinreisen nichts mit Einsamkeit zu tun hat, den längsten Flug eines Lebens versus den kürzesten Aufenthalt in einem Land, die Aufzucht von Elefanten-Waisenkindern in Sri Lanka und Spiele von Mainz 05 in der Oberliga Südwest. Letzteres im Rückblick auf die glanzlose eigene Fußballsozialisation in den 1980ern, denn natürlich ist Kessel nicht nur Fan irgendeines Vereins, sondern hält es mit dem besten Club der Welt, dem 1. FSV Mainz 05. Und das schwingt auch in seinen Büchern mit.

Ein Narrenreich für einen Turnbeutel! (Foto: Christoph Kessel)

Kessels Stärke ist es, mit Buchstaben Nähe und Überzeugung herzustellen. Wer seine Texte liest, spürt deren innere Wahrheit, das gilt auch dann, wenn Fernreisen beispielsweise nicht zu den eigenen Hauptinteressen zählen. Die Tatsache stellt kein Hindernis dar bei der Lektüre, im Gegenteil: Durch diese vermittelt sich das Gefühl, die fernen Orte auch von der heimischen Couch aus kennengelernt und, mehr noch, eine Beziehung zu ihnen entwickelt zu haben. Wer selbst viel und gerne in fremden Ländern unterwegs ist, dürfte die Gedankenreise zwischen den Buchdeckeln vermutlich sogar noch mehr genießen im Abgleich der eigenen Erfahrung.

Seine positive Wucht entfaltet das Buch aber nicht nur auf den beschriebenen Seiten, sondern auch durch die Haltung Kessels im Umgang mit seinen Worten und der Welt. Wer das Buch beim Autor selbst kauft, stellt damit sicher, dass ein Euro jedes verkauften Exemplars an eine von drei der darin beschriebenen Organisationen geht, nämlich im Einzelnen: „Tacugama“ in Sierra Leone, den „Sheldrick Wildlife Trust“ in Kenia oder „Helfende Hände für Nepal Mainz“. Nähere Informationen dazu, wie das Geld jeweils vor Ort eingesetzt wird, finden sich hier.

Meenzer für Mehrweg: die Soulbottle. (Foto: Christoph Kessel)

Diese Form der Unterstützung hat Kessel sich längst universell auf die Fahne geschrieben, oder eher: den Beutel und die Flasche. Auch mit seinem aus Bio-Baumwolle unter dem Fairtrade Logo produzierten „Meenzer on Tour“-Turnbeutel unterstützt er die wichtige Arbeit der Organisationen für Waisenkinder, Elefantenbabys und Selbsthilfe in Nepal. Außerdem bietet er seit einiger Zeit auf seiner Homepage wiederverwendbare Soulbottles als Alternative zu Wegwerf-Trinkflaschen an. Mit dem Erwerb unterstützen Käufer*innen WASH-Projekte, Viva Con Agua de St. Pauli e.V. und die Welthungerhilfe. Wer die von Kessel erdachten und vertriebenen Produkte als Foto über die sozialen Netzwerke teilt, sorgt dafür, dass er jeweils erneut 50 Cent an die vorgeschlagenen Organisationen spendet, wobei di*erjenie, di*er das Bild veröffentlicht, die Spendenempfänger festlegen kann.

Lang andauernde Verbindung. (Foto: Malino Schust)

Was beim kurzen Überfliegen klingen mag, wie ein Werbeblock, ist eine von Herzen kommende Handreichung einer Überzeugungstäterin zum anderen: Ich kenne Christoph Kessel aus dem Umfeld des FSV Mainz 05 seit vielen Jahren und verfolge mit einer hohen Anfangsbegeisterung, die über die Jahre immer weiter gewachsen ist, das, was er tut und bewegt. Für einen Verein wie Mainz 05 finde ich es sehr wichtig und positiv, einen Menschen wie ihn im Umfeld zu haben.

Für all jene Organisationen, die Kessel sich als Ziel seiner nimmermüden Unterstütung ausgesucht hat, sind seine Aktivitäten ein Geschenk. Und als solches gehören seine Produkte auch unter jeden Weihnachtsbaum. Nicht nur, weil er sie mit Liebe und Herzblut erdenkt und umsetzt, sondern weil sie Sinn stiften und Freude geben.

Die Woche am Bruchweg (50/19)

Später hell, früher dunkel, das ist die Formel, mit der sich die Lichtverhältnisse im Winter zusammenfassen lassen. Fürs Training kurz vor der Winterpause gebe es Untersuchungen, die deswegen den Ansatz nahelegen, in dieser Zeit eher eine große Trainingseinheit pro Tag anzusetzen, als zwei kleine über den Tag, erklärt Achim Beierlorzer den Journalist*innen bei der kleinen Medienrunde im Pressecontainer. So kommt es, dass die 05er am Dienstag nach der Niederlage in Augsburg von zwei bis etwa halb sechs zusammenarbeiten.

Später Trainingsbeginn am Bruchweg. (Fotos: WP)

Das Programm: Videoanalyse, Athletikt in der Halle, Training auf dem Platz bei einsetzender Dunkelheit. „Wenn wir so ein Spiel gut nachbereiten wollen, dann dauert das natürlich seine Zeit“, spricht Beierlorzer und nimmt einen Schluck von seinem Tee. Ingwer, wie bei seinem Kollegen Felix Magath, ist aufgrund der Farbe auszuschließen, eine leicht härtere Gangart in den Einheiten seit der letzten Partie scheint es dennoch gegeben zu haben. Denn so ganz kann Beierlorzer sich selbst noch keinen Reim darauf machen, wieso die Mannschaft im dritten Spiel unter seiner Verantwortung nicht mit demselben Biss zu Werke gegangen ist, wie in den ersten beiden Partien in Hoffenheim und gegen Frankfurt.

„Es waren schon einige Aspekte, wo wir es nicht so gut gemacht haben und auch zeigen müssen, wo die Konsequenz ist“, betont der Fußballlehrer, der mit dem Team eine intensive Videoanalyse absolviert hat. „In der ersten Hälfte, das muss man ganz klar so festhalten, waren wir chancenlos“, gibt er freimütig zu und es ist spürbar, dass ihm das so gar nicht schmeckt. Es geht dabei nicht nur um eine verlorene Partie, sondern um das Gesicht der Mannschaft. „In der zweiten war es ein Spiel auf Augenhöhe“, resümiert Beierlorzer, der über die Episode mit dem Videoschiedsrichter – Gott sei Dank – nicht mehr reden möchte. Lieber spricht er über die Themen Aktivität und Passivität und widmet sich der Fragestellung, wieso die Mannschaft nicht das auf den Platz gebracht hat, was sie dem neuen Trainer in den ersten beiden Spielen anbieten konnte.

Anrennen gegen die Dunkelheit.

Da ist sie also wieder, nach dem dritten Spiel unter Achim Beierlorzer, die Frage nach der Mentalität dieses Teams – und nein, da wird keine Phrase bemüht, sondern am Kern einer Problematik gerührt, die in Mainz nicht neu ist. Der Coach wird sich zwingend damit auseinandersetzen müssen, wieso diese Mannschaft den Anschein macht, als ob ein, zwei Siege schon eine gewisse Selbstzufriedenheit einkehren lassen in ihrer Mitte, die dazu führt, dass die Spieler nicht mehr an ihre Grenzen gehen – geschweige denn darüber hinaus. An der Vorbereitung auf die Partie in Augsburg könne das kaum gelegen haben, denn: „Eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, dass sie von der Spielweise überrascht waren, weil wir ihnen da wirklich alles mitgegeben haben.“

Also doch: Ursachenforschung. Training. Und: Gespräche. „Überheblichkeit, glaube ich, haben wir nicht. Also, da kenne ich die Mannschaft noch zu wenig. Aber dazu sind wir gar nicht in der Lage.“ Trotzdem habe er ein Gesicht des Teams erlebt, das er bislang in der Arbeit mit ihnen noch nicht gesehen habe, räumt Beierlorzer ein. Es geht also um Konstanz, nicht nur in der Leistung, sondern auch in Sachen Einsatzbereitschaft, Aufmerksamkeit und Willen. „Wir müssen natürlich an der Persönlichkeit jedes einzelnen arbeiten. Das ist vielleicht auch ein Problem, das in jedem selbst liegt“, überlegt der Trainer laut. Diese Seite der Mannschaft habe ihn überrascht. „Die Passivität, verbunden mit diesem Aufmerksamkeitsdefizit, müssen wir bearbeiten. Da muss jeder Spieler für sich letztlich auch die Fokussierung auf die Ausgaben finden“, sagt der Coach, der dennoch betont, es liege nicht an der Einstellung seiner Spieler.

Abschlussbesprechung.

Vermutlich wäre das dann auch zu einfach: Die Stellschrauben, die Achim Beierlorzer mit seinem Trainerteam („Ich kann mich über alle hier nur lobend äußern“) finden – und bearbeiten – muss, scheinen tiefer zu liegen. Es sind, so scheint es, dieselben, an denen sein Vorgänger mit der jungen Mannschaft gescheitert ist. Beierlorzers Aufgabe wird nun sein, mit seinem noch immer frischen Blick auf die Situation und zugleich der gewachsenen Erfahrung seines Trainerteams im Umgang mit diesen Spielern neue Wege zu finden, um die Aufmerksamkeitsspanne der Truppe für mehr als zwei Spiele am Stück aufrecht zu erhalten.