Die Woche am Bruchweg (22/20): Viele Fragezeichen

Ich habe in den letzten Wochen in meinen Kolumnen für die Allgemeine Zeitung ebenso wie in den Texten hier im Blog deutlich gemacht, dass ich die Entscheidung für Geisterspiele in den Profiligen durchaus kritisch sehe. Die ersten Spieltage haben daran nichts geändert, im Gegenteil. Ich kann die Begründungen für diese Fortsetzung zwar nachvollziehen, allerdings liegt der Argumentation ein System zugrunde, das bereits lange vor Corona an vielen Stellen krankte. Ich habe auch nach wie vor Zweifel daran, wie gut das hochgelobte Hygienekonzept im Einzelnen umgesetzt wird, weshalb mich sichtbare Verstöße dagegen extrem ärgern. All das schwingt in meiner Betrachtung der Spiele seit dem Re-Start ebenso mit wie in meinem Blick auf Mainz 05 in diesen Tagen und unterm Strich ergibt das eine Verstimmung.

Rouven Schröder in der PK vor der Partie bei Union Berlin. (Foto: Screenshot)

Es ist natürlich richtig, wenn die 05-Verantwortlichen in ihren öffentlichen Äußerungen in dieser Woche neben der Klatsche gegen Leipzig auch immer wieder auf die Aufholjagd in Köln hinweisen. Und verständlich, dass sie mit einer gewissen Abwehr reagieren, wenn sie das Gefühl kriegen, nach nur einem verlorenen Spiel werde alles direkt wieder in düsteren Farben gemalt. An dieses Team zu glauben, ist ihre Aufgabe, und selbst, falls sie es gerade mal nicht tun, müssen sie diesen Glauben wenigstens nach außen vermitteln.

Die Auseinandersetzung mit all diesen Themen, die in einer Pressekonferenz nicht sichtbar sind, aber doch im Hintergrund mitschwingen, ist definitiv gegeben. Doch auch sie ändert nichts an einem gewissen Unwohlsein mit bestimmten Aussagen oder der Art und Weise, wie sie getroffen werden; zumindest nicht im Moment, zumindest nicht bei mir.

„Die Hoffnung ist riesengroß, weil’s eine riesen Chance ist für uns aufzuschließen.“ Dass wir mit Union Berlin auf Augenhöhe sind, ich glaube, da brauchen wir nicht drüber reden.“

Achim Beierlorzer, 05-Chefcoach

Dazu gehört, wie sehr sich derlei Aussagen über den Verlauf dieser Saison wiederholen. Wie gebetsmühlenartig vieles inzwischen klingt. Wie ratlos das macht. Denn müsste man nicht etwas ändern, um etwas zu ändern? Klar, gegen Köln war das ein phasenweise richtig gutes Spiel, also ist der Ansatz nachvollziehbar, beide Spiele gemeinsam betrachten zu wollen. Aber wiederholt sich nicht gerade dieses Auf und Ab? Und war es nicht mal eine Mainzer Stärke, sich nicht derart hoch zu verlieren, so einzubrechen? Insofern landet di*er Betrachter*in zwangsläufig immer wieder bei dem Team, das da in dieser Saison auf dem Platz steht.

Achim Beierlorzer in der Medienrunde nach der Niederlage gegen Leipzig. (Foto: Screenshot)

Natürlich kann ich nachvollziehen, dass Achim Beierlorzer nicht vor Begeisterung im Dreieck springt über die Frage, ob er mit Moussa Niakhaté und Aarón Martín darüber geredet habe, weshalb sie – anders als im Hygienekonzept festgelegt – während des Spiels eine Trinkflasche untereinander weitergereicht haben. „Es ist heute nicht angesprochen worden. Wir hatten definitiv wichtigere Inhalte zu besprechen.“ Ich ärgere mich über diese Antwort, egal, wie menschlich ich sie finde. Weil ich mich frage, ob beides am Ende zusammenhängt, die eine Lässigkeit mit der anderen, die Unachtsamkeit bei der Trinkflasche damit, sich so abschießen zu lassen. Weil ich mir in beiden Situationen mehr Ernsthaftigkeit wünsche.

„Der Respekt ist immer da.“

05-Sportvorstand Rouven Schröder über den Gegner Union Berlin

Noch unwohler wird mir, wenn Beierlorzer erklärt, die Spieler würden aus den Flaschen ja nicht wirklich mit dem Mund trinken, sondern das Wasser „sprutzen“. Wer so im Fokus der Öffentlichkeit steht und auch als Vorbild taugen soll, muss sich da besser verhalten. Geht es doch mal in die Hose, wünsche ich mir eine klare Ansage, intern ebenso wie öffentlich. Klar kann man kritisieren, sowas müsse doch nicht zu hoch gehängt werden. Andersherum geht es aber auch: Warum haben die Spieler solche Sachen nicht einfach mal im Griff? In der Corona-Krise müssen wir alle uns ständig anpassen und neue Dinge lernen. Auch nur den Anschein zu erwecken, das sei alles halb so wild, empfinde ich als gänzlich falschen Ansatz. (Damit zu „argumentieren“, dass auch gejubelt werde, obwohl das nicht gewollt ist, ist erst recht fatal: Weil andere Fehler machen, verlieren die eigenen Nachlässigkeiten nicht an Gewicht.)

Letztlich landen wir so immer wieder beim Thema der Einstellung. Dazu passt, was Michael Ebert diese Woche im kicker schrieb, nämlich, dass Niakhaté seiner Meinung nach die Lage bei Mainz 05 unterschätzt. Der Abwehrchef hatte sich in der Medienrunde am Montag von der verschärften Tabellensituation nicht beunruhigt gezeigt. Auch da ist natürlich die Frage der Lesart berechtigt. Könnte man es Franzosen nicht positiv auslegen, ruhig zu bleiben? Aber ehrlicherweise bin ich da inhaltlich beim Kollegen und noch dazu irritiert mich, mit welcher Körperhaltung Niakhaté bei der Runde in seinem Stuhl hing: Als ginge ihn all das nichts an.

Moussa Niakhaté beantwortet die Fragen der Journalist*innen. (Foto: Screenshot)

Ist das zu hohes Anspruchsdenken, zu erwarten, dass ein Spieler da einen gewissen Ernst, vielleicht sogar ein gewisses Feuer ausstrahlt in Haltung und Aussagen? Sind all das Details, in die unnötige Bedeutung gelegt wird? Klar, nach einem 3:3 gegen Leipzig würden solche Nebenschauplätze vielleicht eher untergehen, aber macht sie das auch unbedeutend? Ich höre die Verantwortlichen zwar sagen, wie sehr alle den Verein leben, aber bezogen auf viele der Spieler fällt es mir ehrlich gesagt schwer, das zu glauben. Wenn Beierlorzer sagt, auch die wollten nächste Saison in der 1. Liga spielen, denke ich, die wechseln dann eben den Club. Wenn jemand wie Florian Müller nach der Klatsche gegen Leipzig ernsthaft sauer und emotional vor die Kamera tritt, nehme ich das schon als totale Ausnahme war – und sehr positiv. Klar, ist halt alles nur ein Geschäft, ein Produkt, das hören wir dieser Tage ja oft. Und letztlich kann man das als eine neue Art der Ehrlichkeit loben, auch das passiert ja.

Ich frage mich dennoch, wie auf diese Art gerade in der aktuellen Situation die Verbindung zu den Fans aufrechterhalten werden soll. Mit drölfzig Merchandising-Mailings pro Woche allein dürfte das jedenfalls eher schwierig werden. Gewisse Entfremdungstendenzen hat es auch in Mainz ja schon lange vor Corona gegeben und irgendwie sehe ich momentan so gar nicht, wie die gerade in Zeiten von Geisterspielen, in denen statt Fans Werbepartner auf der Gegengerade zu sehen sind, eingedämmt werden sollen. Ja, schon klar, es geht ums Überleben. Das habe ich verstanden. Aber für wen möchte der Verein diese Phase genau überleben, wenn am Ende die Fans fehlen? Uns allen stehen harte Wochen bevor. Auf und neben dem Platz.

Vor dem Heimspiel gegen RaBa: Die 05-PK im Ticker

Am Sonntag findet im Stadion in den Bretzenheimer Feldern das erste Geister-Heimspiel der 05er statt. Die Pressekonferenz dazu gab es am Freitag, wie schon zuletzt stellte Pressesprecherin Silke Bannick Fragen, die vorab oder live von den Journalist*innen eingereicht wurden.

Führt derzeit durch die 05-Pressekonferenzen: Silke Bannick. (Quelle: Screenshot)

Wichtiger Hinweis an alle, die das Stadiongelände derzeit aktiv nutzen: Asphaltierte Flächen und Parkplätze rund ums Stadion sind aufgrund des Hygienekonzepts am Spieltag gesperrt.

  • Heimspiel ohne Fans: Ist das eine besondere Herausforderung? Ist es überhaupt noch ein Heimspiel?.
    AB: Natürlich, weil sie nicht reisen müssen, weil sie in gewohnter Umgebung unterwegs sind, deshalb fühlt es sich an wie ein Heimspiel
    Ganz klar, schade und extrem, dass sie ohne die Fans auskommen müssen, aber das haben sie ja am Sonntag gegen Köln schon sehen können.
  • Muss er da speziell motivieren?
    AB: Nein, da muss er nicht nachhelfen, gerade auch das Hinspiel wollen die Spieler so nicht stehen lassen.
  • Plant der Verein oder planen die Fans Aktionen im Stadion?
    RS: Sie sind im engen Austausch mit den Fans schon durch die ganze Corona-Situation hindurch und gehen auf die Fans zu, die haben von sich aus gesagt, sie wollen nichts planen, das nehmen sie respektvoll zur Kenntnis, dass die Fans da keine Aktionen wollen.
Im engen Austausch mit den Fans: Rouven Schröder. (Quelle: Screenshot)
  • Inwiefern ist die Organisation verändert durch das Hygienekonzept?
    RS: Unter der Woche gab es jeden Tag Meetings zum Ablauf, Abnahme des Konzeptes vor Ort, die Mitarbeiter sind da sehr wissbegierig und fleißig; sie setzen Dinge um, Beispiel veränderte Spielersatzbänke – gerade wird auch wieder desinfiziert.
  • Die Spieler waren diese Woche wieder zuhause, was haben sie ihnen da an Regeln und Anweisungen mitgegeben?
    AB: Natürlich haben sie den Spielern Regel an die Hand gegeben für Zuhause, sie sind sich alle darüber im Klaren, dass sie weiter verantwortungsvoll arbeiten müssen, damit sie die Spiele so weitermachen können.
  • Wann wurde zuletzt und wann wird wieder getestet? Was können sie zu den Ergebnissen sagen?
    RS: Alle sind weiterhin negativ, zuletzt wurde am Mittwoch getestet, am Samstagmorgen dann erneut.
  • Taugt das Spiel Leipzig gegen Freiburg als Anschauungsmaterial für Sonntag?
    AB: Klar haben sie sich das gesehen, aber „wir müssen bei uns bleiben“.
  • Wie wollen sie die Leipziger Macht knacken?
    AB: Brauchen enge Räume und kurze Abstände, um das wuchtige Spiel der Leipziger zu unterbinden, zusätzlich zum eigenen Spiel mit Ball, für das sie natürlich auch Räume brauchen.
  • Könnten Sie sich mit einem Sieg in dem Spiel ein bisschen Luft verschaffen im Abstiegskampf?
    AB: Haben ein Heimspiel vor der Brust, klar, leider ohne Fans, aber eben ein Heimspiel. Drei Punkte wären natürlich ein riesen Schritt, sie können ja die Tabelle lesen.
    RS: Haben einen haushohen Favoriten vor der Brust, gehen trotzdem mit Selbstbewusstsein rein.
  • In Dortmund ist das Team nach dem Sieg in die leere Kurve gegangen. Ist etwas in dieser Art geplant?
    RS: Sowas kommt aus der Mannschaft heraus und wenn die das so fühlt, wird es eine wunderschöne Geste, aber da etwas zu planen sieht er nicht; sie wissen, dass die Fans hinter ihnen stehen, auch wenn es ein leeres Stadion ist, aber so eine Geste muss aus dem Kern der Mannschaft kommen, es darf da keine Vorschriften geben.
  • Der Kader ist aktuell bis auf Robin Zentner komplett fit. Kann das auch zum Problem werden?
    AB: Er sieht den großen Kader positiv, die Spieler wissen, wenn sie 11 gegen 11 spielen, müssen immer noch Spieler auf dem Nebenplatz andere Aspekte einüben, das ist eine Luxussituation.
    Im Spielersatz hatten sie neun gegen neun, auch die Wechselspieler, jeder wollte sich da präsentieren, genauso, wie man es sich vorstellt.
  • Laufen mit der Restsaison nun auch die Vertragsverhandlungen wieder?
    RS: Es war jetzt gerade mal ein Spieltag gemacht, das ist gut, dass sie da eine Tendenz haben und sehen, es funktioniert; sie müssen aber weiter demütig bleiben, es geht darum, die Saison zu Ende zu spielen, das macht es dem Club auch einfacher, zu planen.
    Es geht ja auch um die Liga, du kannst besser planen, „wenn du weißt, was du in der Tasche hast“.
    Sie sind aktuell ganz klar in der Beobachterrolle, es gibt also keine Vertragsgespräche.

Corona und die Abstandsregel: Im Herzen nahe bleiben

Eigentlich würde ich von mir selbst sagen, ich bin mir meiner Privilegien sehr bewusst. Ich bin im Großen und Ganzen gesund. Ich liebe und werde geliebt. Ich habe ein Zuhause. Ich bin Teil einer Familie, die ich mit den Menschen (und Katzen…), die ich liebe, gemeinsam geschaffen habe – und Teil von einer, in die ich einst hineingeboren wurde. Ich habe wunderbare Freund*innen, einen Job, den ich gewählt habe und der mich manchmal wahnsinnig, viel häufiger aber sehr glücklich macht. Ich lebe in einem der reichsten Länder dieser Welt, hatte und habe immer Zugang zu Bildung und als weiße, heterosexuelle Cis-Frau bin ich immerhin nicht mehrfach marginalisiert. Ich kann Dinge offen ansprechen, die ich falsch finde, darf protestieren und schimpfen. Ich lebe, glücklicherweise, in vielerlei Hinsicht ein freies, selbstbestimmtes Leben. All das ist mir sehr bewusst.

Das Privileg, mit den Menschen zu leben, die ich liebe. (Fotos: privat)

Dann kam Corona und nein, dies ist kein Text gegen vermeintlich überzogene Maßnahmen in der Ausnahmesituation. Die Krise kam auf leisen Sohlen in einen Februar hinein, in dem viele von uns die Todeszahlen zu Covid-19 noch mit denen der saisonalen Grippe verglichen. Weil es zu diesem Zeitpunkt logisch schien. Sie war schon da, aber noch im Verborgenen, als zwei liebe Freundinnen von mir Ende Februar aus Amerika zu Besuch kamen. Wir haben darüber gesprochen: Who’s afraid of the virus? Not us. Wie kaum jemensch zu dieser Zeit. Prost und schau mal, wie schön alles ist, die Weinberge, Wiesbaden, das Wiedersehen.

Die Krise kam mit immer neuen, unerwarteten Wendungen. Sie kam mit der Erkenntnis, wir wissen sehr wenig und müssen viel Neues lernen, werden Fehler machen, uns korrigieren (lassen) müssen, eine Mischung finden aus Vertrauen in die, die Lösungen finden sollen und kritischer Betrachtung all jener Veränderungen, die nun herbeigeführt werden, und sei es auf Zeit.

Sie kam lange Zeit fast unbemerkt und dann mit einem großen Knall, der uns zeigte, die Krise war längst da, bloß hatten wir das nicht begriffen. Und mit dem Knall die bange Frage, was hat uns das späte Begreifen bereits gekostet? Stand heute weniger als befürchtet, aber was heißt das schon für jene, die Angehörige verloren haben, um ihren Job fürchten, für alle, die rund um die Uhr Balancen suchen zwischen Kinderbetreuung, Homeoffice und neuem Alltag. Diese Krise ist in Deutschland bislang weniger tödlich verlaufen als anderswo – und das ist gut. Dennoch trifft sie uns alle, betrifft uns, verursacht Ängste und Nöte, die gehört werden müssen.

Das Virus macht uns dabei nicht alle gleich, das ist ein Märchen. Im Gegenteil zeigt es schon bestehende soziale Ungerechtigkeiten besonders deutlich. Auch die getroffenen Regelungen betreffen uns auf unterschiedliche Weise, je nachdem, wie privilegiert wir in jenem Moment waren, als die Krise uns erreicht hat. Das zu verstehen, ist enorm wichtig, danach zu handeln unsere gemeinsame Aufgabe. Wer schon in Not war, ist nun in größerer Not.

Wenn die Zeiten seltsam werden, atmen nicht vergessen.

Was uns verbindet, ist die Notwendigkeit, Dinge neu zu lernen. Wie unser Zusammenleben sich in den letzten Wochen verändert hat, ist enorm – und natürlich auch Gegenstand von Diskussionen. Die Veränderung, die vielleicht erst mit Verzögerung ihre ganze Bedeutung entfaltet hat, ist die Abstandsregel. Seit nunmehr knapp zwei Monaten sollen wir alle zu Menschen, die nicht unserem Haushalt angehören, mindestens 1,5 Meter Abstand halten. Dieses Kontaktverbot ist natürlich schwierig zu kontrollieren, zumal im privaten Raum, was uns alle in die besondere Verantwortung nimmt, auf Abstand zu gehen.

Während die Folgen der Krise für die Wirtschaft hoch und runter beschrieben und diskutiert werden, greift die Abstandsregel in einen sehr geschützten Bereich hinein. Sie berührt uns in einem Raum, von dem wir glaubten, ihn vollkommen selbstbestimmt gestalten zu können. Und vielleicht sind die Folgen davon noch gar nicht absehbar, was es bedeutet, dass wir uns gerade körperliche Nähe auf diese Art abtrainieren. Ein kulturelles Phänomen hat sich daraus bereits ergeben: Hands up, wer nicht zusammenzuckt, wenn Leute sich im Film umarmen. Aber wird es dabei bleiben? Und wie können wir verhindern, an dieser Krise die Nähe zu verlernen?

Auch hier werden Privilegien sichtbar: Wer mit anderen zusammenlebt, kann im besten Falle Nähe erleben, kann einander in die Arme nehmen, Haut spüren, vertrauten Geruch tief einamtmen. Ich würde definitiv nicht sagen, dass ich das bislang als Selbstverständlichkeit empfunden habe. Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass eine Situation eintreten kann, in der ich nicht selbst über die körperliche Nähe entscheide, die zu meinem Leben gehört, sondern diese ein Stück weit reguliert wird. Andere trifft das noch viel deutlicher: die vielen Menschen, die alleine wohnen. Ältere, die ohnehin gerade zur eigenen Sicherheit Abstand halten sollen.

Was macht es mit uns, an Geburtstagen, Hochzeiten und Beerdigungen jede Umarmung, die wir instinktiv teilen möchten, zu hinterfragen? Wie verändert es Menschen, länger nicht berührt zu werden, wie verändert es uns, in Berührungen plötzlich auch eine potentielle Gefahr zu wissen? Das Virus kennt keine Feiertage und keine Familien, keine besten Freund*innen oder einmaligen Erlebnisse. Und niemensch kann aktuell sagen, wie lange dieser Zustand noch dauern wird, wie lange Abstand Sicherheit bedeutet und körperliche Nähe auch Unvernunft und die Gefährdung von uns und anderen birgt.

Wir dürfen die Nähe in diesen Zeiten nicht verlernen, auch wenn wir momentan damit aussetzen müssen. Es ist deswegen auch nicht gut, von „Social Distancing“ zu sprechen, wie Eric Wallis alias „Wortgucker“ schon im März für Übermedien treffend geschrieben hat. Es geht nicht um soziale Distanz, sondern um körperlichen, um räumlichen Abstand.

Denn sozial ist Nähe im Gegenteil gerade besonders wichtig – und wir alle sollten all die Liebe und Zuneigung, die wir nicht in Umarmungen ausdrücken können, in Telefone flüstern, auf Postkarten schreiben, in Paketen verschnüren, in winkende Hände legen und in liebevolle Nachrichten tippen. So in Kontakt zu bleiben und einander nah, bis wir uns wieder sorglos in die Arme sinken dürfen, ist unfassbar wichtig. Im Hier und Jetzt, aber auch für die Zeit danach, weil wir die räumliche Distanz nur wieder abbauen können, wenn wir einander im Herzen nahgeblieben sind.

Die Woche am Bruchweg (21/20): I think I nailed it

„Die Fans haben ein Stück weit gefehlt“, sagt Ridle Baku nach dem ersten Geisterspiel der 05er in Köln. „Wir merken auch, was diesen Job so besonders macht, das sind auf jeden Fall die Fans“, sagt Ex-05er Neven Subotic, mittlerweile in Diensten von Union Berlin, nach der eigenen Geisterspiel-Premiere einen Tag später. Die Spieler sind an diesem ungewöhnlichen 26. Spieltag unterschiedlich mit den leeren Stadien umgegangen, auch in der Bewertung. In Dortmund wurde nach dem Sieg die leere Südtribüne gegrüßt. Irgendwie eine schöne Geste, um den Fans zu zeigen, sie werden in den Stadien so sehr vermisst, wie ihnen selbst die Kurvenluft fehlt. Gegen Bakus „megageiles Gefühl“, wieder im Stadion zu sein, wirkt die Aussage in Richtung Anhänger*innen schon etwas dürr.

So ist halt das Geschäft, entscheidend ist auf dem Platz. Den Spielern kann man das letztlich in der aktuellen Situation am wenigsten verübeln, sie haben mit Unterbrechungen, halben Trainings, Maßnahmenkatalogen und Isolation, oft fern der Familie, keine einfachen Wochen hinter sich. In denen sie noch dazu oft als Buhmänner herhalten mussten, weil das Interesse der Politik an einer Fortsetzung des Spielbetriebes schon sehr übermäßig schien. Nun kicken sie also wieder und die Freude darüber ist schon verständlich.

Mit der Wiederaufnahme des Spielbetriebs verändern sich auch die Medienrunden, es wird nun deutlich mehr über das Spiel als über das Drumherum gesprochen. Achim Beierlorzer zeigt sich zufrieden mit dem Auftritt seiner Mannschaft, deren Zusammensetzung er selbst als gar nicht so unerwartbar bezeichnet. Aufgestellt wird, völlig überraschend, auch in Zeiten von Corona noch nach Trainingsleistung. Wobei der Coach zu dem Thema doch etwas eher Grundsätzliches zu sagen hatte, Stichwort: Vertrauen. Er gehe nicht mit, wenn Spieler sagen, sie müssten das Vertrauen des Trainers dadurch spüren, in der Startelf zu stehen. Denn da bringt er nun mal nur elf Mann unter – Vertrauen schenke er viel mehr Spielern, so Beierlorzer.

Trainer vor Taktiktafel. (Foto: Screenshot)

Die Konkurrenz im momentan bis auf Robin Zentner vollständig einsatzbereiten Kader sieht er ausschließlich positiv, nicht nur, weil nun im verkürzten Saisonendspurt auch englische Wochen anstehen. Die Siegermentalität, die für einen Startelfeinsatz notwendig ist, wolle er schließlich auch im Punktspiel auf dem Platz sehen.

So ein Stadion ist ja ohne
die Fans nur eine Hülle.”

Achim Beierlorzer, 05-Chefcoach

Aktuell hat er, wie seine Kollegen, mit dem auf fünf Spieler erhöhten Wechselkontingent noch ein paar Extramöglichkeiten, um ins Spiel, aber auch die Kaderdynamik einzugreifen. So spricht der Trainer bei der Einwechslung von Jonathan Burkardt von einer Belohnung für dessen sehr gute Trainingsleistung – die bei nur drei Wechseln entsprechend schwieriger möglich gewesen wäre. Sollten die Mehrwechsel dazu führen, dass gerade die jungen Eigengewächse nun ein bisschen Einsatzzeit sammeln können, wäre das definitiv ein positiver Aspekt dieser vorübergehenden Neuerung.

Ein großes Lob gibt’s in Richtung Taiwo Awoniyi, zu dessen Personalie Beierlorzer noch mal betont, man habe den jungen Spieler im Winter keinesfalls loswerden wollen. Da er aber im Sturm starke Konkurrenz vor sich hat, habe man ihm die Möglichkeit gegeben, zu einem Verein zu wechseln, bei dem er mehr Spielpraxis sammeln kann. Die Leihgabe wollte aber nicht schon wieder weiterziehen, sondern sich durchbeißen.

Im internen Testspiel, dessen Aufstellung und Ergebnis sich Beierlorzer nicht entlocken lassen will (eine Mannschaft hat in weißen, eine in grünen Trikots 45 Minuten gespielt, es gab Tore und auch einen Sieger), habe Awoniyi eine „sensationelle Leistung“ gebracht und sich nun gegen Köln mit einem Tor belohnt. Es hätten sogar zwei sein können, wäre der Nigerianer nicht einmal unter dem Ball weggerutscht, aber mit dem ersten Treffer im Rücken wird das für den jungen Spieler sicher leichter zu verschmerzen sein, als wenn er wieder leer ausgegangen wäre. Oder um es in seinen eigenen Worten zu sagen: „I feel very happy and I feel very glad.“ Auch Awoniyi sprach das Fehlen der Fans an, das er als „unfortunate“ bewertet, aber betont, es gehe dabei nun mal um Sicherheit.

Glücklicher Torschütze Malong. (Foto: Screenshot)

Torschütze Kunde Malong, der sich am Sonntag zum Ausgleichstreffer aueresk übers halbe Feld durchgetankt hatte, erklärt in einer kleinen Medienrunde strahlend, in dem Moment habe er über gar nichts gedacht. Im Team sei die Mentalitätsleistung wichtig gewesen, betont der Kameruner, der sich keine Sorgen darüber macht, nun wieder zuhause zu wohnen: „I don’t think it’s a problem.“ Die Spieler seien sich der Situation alle sehr bewusst (conscious).

Auf die Frage, wie wohl das Heimspiel ohne Fans ablaufen wird am nächsten Wochenende erklärt Kunde: „Now we do it for us“ und fügt hinzu: „We face the challenges like, you know, men.“ Schade eigentlich, dass solche Sprachbilder nicht in der coronabedingten Zwangspause zurückgeblieben sind. Abgesehen davon war das freilich ein sehr sympathischer Auftritt des Torschützen, sichtlich beflügelt von seiner Leistung am Vortag. Das bringt er denn abschließend auch selbst grinsend auf den Punkt: „I think I nailed it.“

Fußball und Feminismus: Das Private ist politisch

Zu irgendeinem anderen Zeitpunkt hätte ich diesen Text vermutlich mit dem Satz begonnen: Heute war ein seltsamer Tag. Aber sind gerade nicht alle Tage irgendwie seltsam? Zumindest beim Blick nach draußen, in die Welt, die sich durch Corona permanent verändert. Und mit ihr die Menschen, wir alle, auf unterschiedlichste Arten und Weisen.

Also lasse ich den Satz an der Stelle sein, weil er seine Bedeutung für den Moment verloren hat. So ist das, in einer globalen Pandemie. Manche Dinge verlieren für einen Augenblick ihre Bedeutung, manche auch länger – und das ist völlig okay. Andere aber verlieren ihre Bedeutung nicht, bekommen nur durch die Pandemie sehr viel weniger Aufmerksamkeit. Und das ist leider nicht okay. Aber der Reihe nach.

Jede*r Mensch, di*er feministisch denkt und handelt, kennt den Moment, indem si*er sich die Frage beantwortet: Möchte ich das unter diesem Begriff tun? Feminist*in? Nein, ganz so verpönt wie ehemals Emanze ist der nicht, aber schon ein Kampfbegriff und vielen daher ein rotes Tuch.

Ich habe mal in einem Interview gesagt, dass ich über die Tat zum Wort gekommen bin und genau das ist damit gemeint. Irgendwann ging es aber einfach nicht mehr ohne. Wenn mich Menschen fragen, ob ich Vegetarierin bin, sage ich: „Ich esse kein Fleisch.“ Was ich mir aber (noch) nicht abgewöhnt habe, sind Gummibärchen. Das ist zu groß, um mich mit dem Wort Vegetariern wohlzufühlen. Mit dem Feminismus ist es genau umgekehrt: Irgendwann habe ich mich ohne den Begriff nicht mehr wohlgefühlt.

Das ist bislang alles nur Vorgeplänkel. Ich könnte mich dafür entschuldigen. Aber ich habe keine Lust mehr, mich zu entschuldigen. Es ist sehr befreiend.

(Gar nicht gemeint ist damit übrigens, sich Entschuldigungen in ganz konkreten Konflikten abzugewöhnen. Sie taugen nur nicht als generelle Haltung, weil alles darin verschwimmt.)

Fußball. Ficken. Feminismus.

Gepostet von Scortesi Babelsberg am Sonntag, 6. Januar 2019

Wenn Menschen den Begriff Feminismus im Fußballkontext lesen, sorgt das bisweilen noch immer für Verwirrung. Wie passt das zusammen? Die Unsicherheit wird gern weggescherzt: „Willst du den Proleten in der Kurve Manieren beibringen, hihi?“ „Müssen wir uns jetzt auch noch im Stadion benehmen, haha?“ Schön wäre es ja. Genauso, wie ein wenig Grundbildung über Fans, deren Bild als eierkratzende, schwitzende, pöbelnde Proleten nämlich im Großen und Ganzen ziemlich aus der Zeit gefallen ist. Aber ich schweife ab.

Plötzlich gehört man also zwei Gruppierungen an, die einigen Teilen der Gesellschaft suspekt sind: Feministinnen und Fußballfans. Auch noch beides auf einmal. Da kann dem einen oder der anderen schon mal der Kopf platzen im Gespräch. Und nicht nur das. Ich für meinen Fall widme mich dem Fußball zudem als Journalistin: in der Zeitung, im Podcast „FRÜF – Frauen reden über Fußball“ und hin und wieder in meinem eigenen Blog. Da ist für manche schon die Grenze zur Zumutung überschritten.

Persönlich habe ich mich in all der Zeit mit dem Thema vor allem gewundert über so manche Reaktion. Darüber, wie wenig andere offenbar zusammenkriegen, was für mich so natürlich Hand in Hand geht. Aber letztlich ist der Blick von außen nicht mein Problem – oder doch?

An dieser Stelle wird es kompliziert, auch, weil wir mit Gewohntem brechen.

Ich habe ein Shirt und ich werde es benutzen.

Obwohl wir Frauen immer Teil der Fußballwelt waren und sich das weit in die Vergangenheit zurück belegen lässt, scheinen viele Männer den Bereich noch als eine Oase zu empfinden, in der sie gerne ihre Ruhe hätten vor den Weibern. Und auch davor, dass dieser Satz mit seiner eindimensionalen Betrachtung schon jede Menge Widerspruch auslöst. Männer und Frauen? Schwarz und weiß?

Wie stark wollen wir eigentlich themenübergreifend noch in Geschlechtern denken? Sind es nicht vielmehr männlich gelesene und weiblich gelesene Personen? Sind Zuschreibungen wie männlich und weiblich überhaupt weiterhin sinnvoll? Wo finden sich Enbys wieder, wenn in solchen Kategorien gesprochen und geschrieben wird?

Wurde es zunächst einfach kompliziert, regt sich nun bein manchen auch echter Widerspruch. Der kommt in ganz unterschiedlichen Gewändern daher. Völlige Ablehnung. Totale Zustimmung. Und dann der diffuse Zwischenraum, in dem Menschen die Wichtigkeit dieser Themen eigentlich für sich erkannt haben, aber mit ihrer Umsetzung zu kämpfen haben.

In diesem Zwischenraum bewegen wir alle uns von Zeit zu Zeit. Probleme im Umgang mit diesen Themen anzusprechen, heißt nicht etwa, selbst perfekt darin zu sein. Es bedeutet aber, sie wichtig genug zu nehmen, um etwas daran verbessern zu wollen. Auch, wenn es häufig zu metaphorisch blutigen Nasen führt, weil andere sich davon genervt fühlen.

Gendergerechter Sprache und ähnliches möchten nicht wenige Fans am liebsten von „ihrem Fußball“ fernhalten. Für andere ist der erste Affront schon, dass Frauen sich überhaupt zum rollenden Ball äußern. Sprechen wir an dieser Stelle der Einfachheit halber von Blasen – ich versuche sonst, das zu vermeiden – so habe ich natürlich keine Menschen in meiner Social-Media-Blase, die so denken (und in meinem Offline-Umfeld sowieso nicht). Das bedeutet aber nicht, dass mir ihre Meinung nicht aus Leserbriefen entgegenschlägt oder in Kommentaren zu meinen Beiträgen landet, die ja nicht nur Menschen lesen, mit denen ich im persönlichen Austausch stehe. Der Ton, der da meist angeschlagen wird, ist geringschätzig und belehrend.

Natürlich ist es lachhaft, wenn nicht-männlich gelesene Personen darauf hingewiesen werden, sie hätten im Fußball vermeintlich nichts zu suchen. Trotzdem findet dabei ein gewisser Abnutzungsprozess statt, den Männer auf diese Art schlicht nicht erleben. Sie werden eben nicht daran erinnert, doch bitte bei ihren Leisten zu bleiben oder gleich die Fresse zu halten. Sie können – prominente Beispiele beweisen das – ihren Senf zum Fußball noch so unqualifiziert äußern, trotzdem gehören sie irgendwie dazu, und sei es als Folklore. Den Widerstand, den nicht-männlich gelesene Menschen auch heute noch oft erleben bei dem Thema, kennen sie nicht und können seine Wucht deshalb selten nachvollziehen.

Männer lesen Magazine, in denen andere Männer wiederum andere Männer zum Fußball befragen. Damit meine ich natürlich nicht die Spieler oder Funktionäre, die im Fußball der Männer eben genau das sind. Ich meine die Männer, die ihre Geschichten von prägenden Fußballmomenten erzählen, ihre Meinung und Sicht auf die Dinge vor Publikum ausbreiten, als könnte sich kein*e andere*r dazu äußern. In den letzten Monaten habe ich – bis auf den ballesterer – tatsächlich alle Fußballmagazine gekündigt, die ich teilweise für lange Jahre abonniert hatte. Einfach, weil es mich nicht mehr interessiert, immer diese ausschließlich männliche Perspektive darin vorgesetzt zu bekommen. In der Singularität langweilt mich das. Ich will das nicht mehr, oder besser: Ich will eben mehr.

Damit meine ich nicht nur die Stimmen von Frauen, ich mein eine generell höhere Diversität. Männer, Frauen, Enbys, Weiße, Schwarze, Behinderte, Hetero- und Homosexuelle. Ich habe die Nase voll davon, Interviews mit Behinderten nur zu lesen, wenn es um ihre Behinderung geht, mit nicht-deutsch Gelesenen primär zu Rassismus, mit Juden zu Antisemitismus, mit Frauen zu Familie, Pflege und Homeschooling. Ich möchte, dass all diese Menschen zu Wort kommen. Ich will nicht am Bild einer Muslimin mit Kopftuch erkennen, dass es im Text um Religion geht, sondern möchte sie über Basketball sprechen hören. Ich möchte, dass Juden von ihrer Liebe zum Kino erzählen, Schwarze über Homeschooling sprechen, Männer über Pflege. Ich habe es satt, in Schubladen gesteckt zu werden oder Texte zu lesen, die innerhalb dieser Schubladen gedacht sind. Und ich bin nun wirklich nicht die Einzige.

Damit sind wir zurück an dem Punkt, dass manche Themen in dieser Krise an Bedeutung verlieren – und andere nicht. Das Thema Diversität verliert garantiert nicht an Bedeutung. Dennoch versuchen viele Menschen, uns gerade das Gegenteil zu erklären. Und „uns“ meint in dem Fall auch ganz konkret: uns Feministinnen. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft mir zuletzt die Frage gestellt wurde, ob ich auch in dieser Situation „mit dem Thema kommen“ wolle. Als hätte Corona nun alles abgeschafft oder der Bedeutung beraubt, Diversität, Feminismus, Sichtbarkeit. Die Antwort ist also klar: ja, ich will auch jetzt mit diesen Themen kommen. Weil ich und wir alle es müssen. Weil es keine Alternative gibt.

Und hier wird nun der große Bogen, den ich mit diesem Text geflogen bin, wieder kleiner, komme ich zurück zum Thema Fußball und der Sichtbarkeit von Frauen bei ganz konkreten Projekten, egal, wie klein oder groß sie sind.

Manch eine*r wird sich fragen, wieso wir diese große Schleife geflogen sind, um zu einem vermeintlich einfachen Thema zu kommen: Warum kritisiert eine Handvoll Frauen, wenn Blogger, die sie sehr schätzen, eine öffentliche Leserunde unter sich ins Netz stellen?

Die Frage nach der Schleife lässt sich für mich am besten so beantworten: Weil die meisten nicht-männlich gelesenen Menschen, die im Fußball unterwegs sind, Teile davon permanent fliegen. Weil sie ihren, weil wir unseren Umgang mit Fußball für uns als das Selbstverständlichste der Welt empfinden, aber von Teilen dieser Welt immer wieder aufs Neue gespiegelt bekommen, das sei nicht unser Tanzbereich. Weil es uns als jammern ausgelegt wird, das anzusprechen. Und weil uns das inhaltlich zwar auf der einen Seite am Boppes vorbeischwirrt – es aber trotzdem nervt. Abnutzt.

In der Konsequenz haben sich Frauen, die im Fußball unterwegs sind, in den letzten Jahren verstärkt zusammengetan. Das ist bei „F_in – Frauen im Fußball“ ebenso passiert wie bei „FRÜF“ und vielen anderen Stellen. Diese Bande sind auch deshalb wichtig, weil sie die Selbstverständlichkeit, die wir empfinden, betont und nach außen trägt. Und es ist zum Glück auch nicht so, als würde sich gar nichts bewegen. Es ist nur noch lange nicht genug.

Die Antwort auf das „Warum“ in Bezug auf die Leserunde ist vielschichtig. Der erste Teil ist im Grunde ein Kompliment: Von vielen der Beteiligten hätten wir mehr erwartet. Weil wir mehr von ihnen gewohnt sind und sie zu der Blase gehört, die nicht nachfragt, ob Menschen sich weiblich oder männlich identifizieren. Leider ist das nicht gleichbedeutend damit, sich mit Geschlecht nicht auseinanderzusetzen. Überall, wo Ungleichheit herrscht, muss am Status quo geschraubt werden. So zu tun, als wäre daran irgendein Teil privat, ist schlicht und ergreifend Quatsch. Das Private ist längst politisch.

Natürlich steckt auch Verärgerung darin, darauf aufmerksam zu machen. Grund dafür ist auch die beschriebene Schleife. Die Abnutzung, der Frust darüber, denselben Themen immer wieder zu begegnen. Und damit, ja, irgendwann die Geduld zu verlieren. Ungläubig zu sein darüber, wie sich alles wiederholt. Auch bei Leuten, bei denen gegenseitige Wertschätzung da ist. In dieser Konstellation nervt und schmerzt es ehrlich gesagt besonders.

Negativer Höhepunkt, wie sich auch hier „Argumente“ wiederholen. Es waren keine Frauen zu kriegen, wir haben doch gefragt. Ihr beschwert euch ja auch nicht, dass keine Behinderten oder Ausländer dabei sind. Nervt nicht. Ihr macht uns alles kaputt. Hände hoch, wer das so schon erlebt hat. Die Kritiker*innen werden gleichzeitig zu Täter*innen („Ihr macht uns alles kaputt“) und Opfern („Jammert nicht“) gemacht. Alles innerhalb dieser Schleife wiederholt sich. Wieder. Und wieder. Und wieder. Es ist einfach unfassbar ermüdend.

Ja, wenn von 100 Menschen, die sich zu Fußball äußern, 90 Männer sind, dauert es länger, Frauen für eine Runde zu finden. Damit haben wir alle bei unseren Projekten Erfahrungen gemacht. Es bedeutet, eben länger und intensiver suchen zu müssen.

Aber das ist doch nur ein privater Gig. Ja, das ist auch wunderbar, aber wenn er am Ende im Internet steht, ist es eben doch eine öffentliche Veranstaltung. Die nächste, bei der nur eine Menge weißer Männer über Fußball spricht. Ganz ehrlich, wollt ihr Teil davon sein?

Aber ihr wart schon auch pampig. Möchte ich gar nicht ausschließen. Wir haben bei dem Thema ein gewisses Standgas. Wir gehen in unserer Blase aber auch davon aus, es ansprechen zu können, ohne dass Beteiligte die beleidigte Schildkröte geben – und in ihrem Panzer verschwinden, aus dem heraus sie dann mosern.

Dazwischen ganz viel Schweigen, das laut dröhnt. Von Menschen, die sich das leisten können, weil ihr Alltag nicht aus diesen Widerständen besteht.

Nichts davon ist schön. Zumal, weil im konkreten Fall eben Menschen aufeinandertreffen, die sich in weiten Teilen gegenseitig kennen und schätzen. Wenn Kommunikation und Verständnis in dieser Konstellation schon so schwierig sind, was sagt das dann über unser Gesellschaft als Ganzes? Vielleicht lieber gar nicht drüber nachdenken. Und die Hoffnung trotzdem nicht aufgeben.

Keine*r von uns steht morgens auf und nimmt sich vor, der Stachel im Fleisch der Gewohnheit anderer Menschen zu sein. Manchmal ist so ein Stachel aber das Einzige, was uns alle dazu bringt, innezuhalten. Weil irgendwas unangenehm ist. Weil wir deutlicher spüren als sonst, diese Gewohnheit funktioniert so nicht mehr. Weil wir im Angesicht des Stachels eben Dinge hinterfragen, die bis dahin ohne Gegenworte durchgerauscht sind. Weil uns allen Dinge durchrutschen. Weil wir alle von Zeit zu Zeit diese Stachel spüren müssen, um unseren Trott aufzubrechen.

Es gibt keine Veränderung, ohne Widerstand.