Fußballbuch des Jahres: „Vergiftete Hoffnung“ nominiert

Im Blog ist es seit einiger Zeit sehr ruhig und daran wird sich vermutlich zeitnah auch nicht viel ändern. Die Aufgaben im Job sind in den letzten Monaten weiter gewachsen und beanspruchen mich so, dass regelmäßige Artikel hier zusätzlich leider nicht machbar sind. Wer verfolgen möchte, womit ich mich beschäftige, hier eine kleine Übersicht:

Für die Allgemeine Zeitung Mainz schreibe ich eine wöchentliche Kolumne rund um den 1. FSV Mainz 05. Gesammelt sind die Texte hier im Dossier zu lesen. Ebenfalls für die AZ drehe ich mit Felix Ostermann eine 14-tägige Videokolumne, auch diese beschäftigt sich mit Mainz 05.

Für Sport1 produziere ich den Podcast „Flutlicht an!“, der alle 14 Tage mittwochs erscheint (im Wechsel mit der Videokolumne bei der AZ). Begleitet wird jede Folge von einer Porträt-Kolumne über meine jeweiligen Gesprächspartner*innen. Thema des Podcasts ist Sport im Speziellen und Fußball im Allgemeinen, mit Fokus auf dessen Rolle in der Gesellschaft. Gäst*innen sind Menschen, die im Sport spannende Dinge tun, dabei aber häufig in der zweiten Reihe stehen. Hier kommen sie zu Wort.

Mit dem Podcastkollektiv FRÜF – Frauen reden über Fußball produzieren wir regelmäßig Ausgaben, in denen wir aus unserem Blickwinkel auf den schönsten Sport der Welt schauen. Gemeinsam schreiben wir zudem eine Kolumne bei web.de, die gesellschaftliche Themen im Fußball beleuchtet.

Im Herbst erscheint mein neues Buch: „Mainz 05. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten“ im Klartext Verlag. Aktuell arbeite ich an meinem absoluten Herzensprojekt, der Biografie von Wolfgang Frank, die 2022 im Verlag die Werkstatt erscheinen wird.

Und in Sachen Buch gibt es tatsächlich wunderbare Neuigkeiten, denn mein zweiter Mainz-05-Krimi „Vergiftete Hoffnung“ ist im Wettbewerb der Deutschen Akademie für Fußballkultur nominiert als „Fußballbuch des Jahres“. Hier lässt sich die Begründung von Jurymitglied Petra Tabarelli nachlesen.

Aktuelle Termine für Lesungen, Moderationen und mehr finden sich jeweils aktuell auf meiner Homepage. Wir lesen und sehen uns, hoffe ich!

VERYFATBOOKS: Meine ersten Flachwitze

Andrea Harmonika ist aufmerksamen Leser*innen dieses Blogs schon seit gut drei Jahren bekannt. Damals veröffentlichte sie ihr wundervolles Debüt „Jedem Anfang wohnt ein verdammter Zauber inne: Vom Sinn und Unsinn mit Kindern“ bei Bastei Lübbe.

In der Sammlung aus Texten, die teilweise zuvor in ihrem Blog erschienen sind oder die sie speziell für das Buch geschrieben hat, findet die Mutter zweier Söhnen jede Menge humorige Beispiele für unsinniges Elternverhalten, aber natürlich – bei aller Übernächtigung – vor allem einen liebevollen Sinn im Leben mit Kids. Auch Themen wie der Verlust eines Kindes während der Schwangerschaft, die noch viel zu oft tabuisiert werden, fasst sie sehr behutsam an und bringt sie zu Papier.

Über all diese Dinge schreibt Harmonika auch regelmäßig in der Brigitte MOM oder gibt Einblicke bei Instagram. Wer ihr dort folgt, weiß, inzwischen wird ihre Familie von Mitgliedern verstärkt, die vier Pfoten von sich strecken, während sie ihre Schnurrhaare putzen.

Mittlerweile hat Litzenburger, wie das kreative Multitalent im so genannten echten Leben heißt, den schmucken Verlag VERYFATBOOKS gegründet, in dessen Büchern nach eigenen Angaben immer „10 Prozent mehr Liebe als in herkömmlichen Konkurrenzprodukten steckt“.

Erschienen ist hier nicht nur ihr Erstling in feiner neuer Optik mit einem gestalteten Cover von Katharina Madesta, sondern auch das von Harmonika verfasste und von Madesta kongenial bebilderte Kinderbuch „Meine ersten Flachwitze“.

Das Buch bedient die logische Tatsache, dass kleine Kinder nun mal vorgelesen bekommen – und denkt deswegen nicht nur an seine junge Zielgruppe, sondern auch die vorlesenden Eltern und anderen Bezugspersonen. In klugen, witzigen und eingängigen Reimen werden die Lesenden und die Lauschenden von einer Begegnung mit herrlich sonderbaren Wesen zur nächsten geführt. Dabei merken sie in schlichter Magie, welche Macht jeder Buchstabe hat.

So klammert sich in Litzensburgers Buch und wundervoll gestaltet von Madesta beispielsweise das Brühwürmchen an seiner Kaffeetasse fest. Ein paar Seiten weiter kaut die Plapperschlange ihrem Gegnüber am Telefon beide Ohren ab, bevor eine schmollende Nöwe die Leserschaft zum Lachen bringt. Begleitend zum Buch gibt es putzige Kartenmotive zum Ausmalen, auf denen die kleinen Leser*innen den Figuren aus dem Buch wieder begegnen.

Um herauszufinden, welches erstaunliche Tier am Ende beim Einschlafen hilft, am besten gleich beim Verlag vorbeischauen und das Buch bestellen. Eignet sich auch prima zum Verschenken.

Meine ersten Flachwitze

Ein Bilderbuch zur Förderung der Feinhumorik

VERYFATBOOKS

12,90 Euro

Thomas Tuchel: Die Biografie

In einem seiner seltenen Einwürfe auf Twitter betont Thomas Tuchel im April 2020, dass er an der zu seiner Person erschienenen Biografie weder mitgearbeitet, noch sie autorisiert habe. Man will dem Trainer, dessen Profikarriere beim 1. FSV Mainz 05 begann, da gerne zurufen, dass weder die abgelehnte Mitarbeit eine kluge Entscheidung war, noch die Distanzierung eine solche ist.

Bei Daniel Meuren, der Tuchel in seiner Mainzer Zeit als Journalist begleitet hat, und Tobias Schächter, der ihm als Spieler zu Regionalligazeiten begegnete, wäre Tuchel in guten Händen gewesen. Die bisherige Laufbahn ist es auch ohne seine Unterstützung, wobei die im Verlag Die Werkstatt erschienene Betrachtung „Thomas Tuchel – Die Biografie“ sicher von persönlichen Gesprächen mit dem taktischen Mastermind noch profitiert hätte.

Das Gefühl, Einblicke in Tuchels sportliche Denke und in die Herangehensweise an seinen Job zu bekommen, stellt sich beim Lesen dennoch ein. Das liegt vor allem daran, dass Meuren den Trainer während seiner Arbeit in Mainz in regelmäßigen Medienrunden erlebte, aus denen er einerseits seine Eindrücke von der Person Thomas Tuchel speist und zum anderen Zitate ins Buch einfließen lässt.

Gerade in der Betrachtung der Zeit beim FSV gerät der Umstand, dass Tuchel für Gespräche bei der Arbeit an dem Buch nicht zur Verfügung stand, teilweise völlig in Vergessenheit. Das ist auch der lebendigen Schreibe des Autorenduos zu verdanken. Wenn sie Tuchel zu Beginn seiner Trainerkarriere im Profibereich zitieren, legen die Worte des damals 35-Jährigen die Basis für die weitere Betrachtung seines Wirkens im Buch:

„Ich habe vom ersten Tag an bei Mainz 05 Rückendeckung und Wertschätzung für mich und meine Arbeit gespürt.“

Thomas Tuchel

Die Wertschätzung ist, so liest es sich, essentiell für den Trainer, der überall da besonders aufblüht, wo sie ihm entgegengebracht wird. Gleichzeitig ergibt sich bei der Lektüre dieser Biografie das Bild eines Menschen, der für Sympathien keine Kompromisse eingeht, wenn es um seine Werte oder die eigene Jobauffassung geht. Was nicht bedeutet, dass ihm menschliche Differenzen egal sind, er setzt nur andere Prioritäten. Das bekamen auch in ihren Vereinen verdiente Spieler zu spüren, deren Ansprüche auf Einsätze er auf ihre Leistung herunterbrach – und nicht erfüllte.

Wertschätzung gegenüber dem Menschen

Tuchel ist niemand, der sich darum bemüht, beliebt zu sein, das gibt sein Fokus nicht her. Im Job zweimal auf den so emotionalen Jürgen Klopp gefolgt zu sein, kann deshalb für den Schwaben keine leichte Aufgabe gewesen sein. Meuren und Schächter betrachten die Schwierigkeiten, die Tuchel beim BVB – neben dem sportlichen Erfolg – bald hatte, mit wohltuender Distanz und sie verlieren dabei niemals die Wertschätzung gegenüber dem Menschen.

Es mag ein „Mainzer Blick“ auf Thomas Tuchel sein, der beim FSV Spieler und Trainer geprägt und den Verein in ungeahnte Tabellenregionen geführt hat. Unkritisch ist er nie. Anzumerken ist ihm die wohltuende Bereitschaft zur Differenzierung, die vielen bei der Betrachtung Tuchels abgeht.

So schnell, wie sich das Rad hinsichtlich der Karriere von Thomas Tuchel weiterspinnt, wäre schon bald die Zeit für eine Neuauflage und Fortschreibung gekommen. Vielleicht lässt Tuchel sich ja im zweiten Versuch darauf ein, Teil dieses guten Projekts zu werden. Es würde sich für alle Beteiligten lohnen. Auch in der vorliegenden Fassung gibt’s eine klare Leseempfehlung.

Thomas Tuchel – Die Biografie

Verlag Die Werkstatt

Paperback 19,90 Euro
eBook 14,99 Euro

Tante Inge: Dem Himmel so nah, so nah

Manchmal, wenn ich über Menschen schreibe, von denen ich mich verabschieden muss, frage ich mich, ob ich ihnen im Leben so intensiv gezeigt habe, dass sie mir wichtig für sind, wie meine Worte es im Tod versuchen. Bei Tante Inge weiß ich es mit sicherem Herzen; diese Feststellung erleichtert mich ebenso, wie unser Besuch bei ihr vor wenigen Tagen, während das letzte Lebewohl dennoch gleich einem heftigen Sturm an meinem Herzen rüttelt.

Odenwald Ende der 1970er: A love like no other. (Foto: P.W. Braun)

Als meine Mutter kurz nach meiner Geburt wieder arbeiten ging, wurde aus der Nachbarin im Haus gegenüber meine Tante Inge, die jeden Vormittag auf mich aufpasste – und ihr Mann zu meinem Onkel Horst. Ich schätze, so war das eben, wenn aus Fremden Wahlverwandte wurden. Meine Eltern zogen 1977 in die Straße meiner Kindheit, deren Name „In den Bergen“ für mich märchenhaft war. Inge und Horst mit Sohn Udo gehörten zu den wenigen Familien, die damals schon am Westhang lebten. Sie bewahrten sie mich davor, Johanna Elisabeth Désirée zu heißen, weil Inge klipp und klar sagte: „Wenn ihr das Kind so nennt, passe ich nicht auf sie auf.“

Sie war eine resolute Frau mit großem Herzen und meine Eltern einigten sich in Sachen Namen auf folgenden Modus: Bei Mädchen, die mein Paps sich wünschte, bestimmt er den Rufnamen – bei Jungs meine Mutter, die auf Söhne hoffte. So ging der Johanna-Elisabeth-Kelch an mir vorbei und ich verbrachte sorglose, schaukelnde Kinderstunden in den warmen Umarmungen meiner Tante Inge. Die Eheleute lebten in ihrem Elternhaus unterm Dach und teilten sich Bad und Küche mit Feriengästen, die dort einkehrten, um das Familienauskommen zu sichern. Als dieses Kapitel zu Ende war, wurden Stockwerke getauscht, Inges Eltern zogen unters Dach.

Ein Ort, um weinen zu dürfen

Ich erinnere mich vor allem als Farbe an diese Wohnung: grün. Und als Geschmack: schwer und süß. Inge und ihre Mutter waren sich sehr ähnlich. Als die Eltern im Sterben lagen, pflegte Inge sie in einem Zimmer im Erdgeschoss in Krankenhausbetten. Wenn ich sie nach der Schule besuchte, fiel mir der scharfe Geruch auf. Die zwei lagen sich über die Monate an vielen Stellen wund und Inge hob und bettete sie immer wieder neu. Dabei kam ihr nie ein böses Wort über die Lippen und keine Klage. Ich weiß noch, das galt den anderen Erwachsenen als tapfer, aber vielleicht wäre es besser für sie gewesen, auch einen Ort zu haben, an dem sie über die emotionale und körperliche Belastung weinen kann. Das denke ich heute oft.

Bis in den Himmel und darüber hinaus! (Foto: privat)

Meine Gedanken wandern schnell und weit, wenn ich mich mit Tante Inge beschäftige. Bis in den Himmel – das ist schon vor ihrem Tode wörtlich zu verstehen. Der Himmel, als weitumspannendes Bild über mir, ist eine der ersten Erinnerungen, die ich habe. Ich bin bei Inge und Horst im Garten unterhalb des Hauses und schaukle so hoch, dass meine kindlichen Gedanken überzeugt sind, ich könne mit den Füßen das leuchtendhelle Blau berühren.

Eine andere Erinnerung: Ich habe keine Angst. Etwas an Tante Inges Liebe und Zuversicht ist so unerschütterlich, dass ich mich nicht sorge, weder davor, von der Schaukel zu fallen, noch, in den Stachel einer Wespe zu treten oder für mein Verhalten gescholten zu werden. Ich darf mir ihrer Liebe gewiss sein, komme, was wolle. Das muss sie nicht erklären, ich spüre es und etwas daran ist anders als die Liebe meiner Mutter, von der ich glaube, ich müsse sie mir erarbeiten.

Die beiden Frauen treten in Konkurrenz zueinander, ohne das vermutlich je zu wollen. Meine Eltern trennen 19 Jahre und noch mehr Welten, doch ihre Liebe hält die beiden in den ersten Jahren zusammen. Uns Mädchen bekommen sie früh, vielleicht zu früh für meine Mutter, die mit Anfang 20 am Beginn ihrer Berufsliebe steht und uns auf ihre Weise möchte, aber sich durch die Familie auch gefesselt fühlt. Tante Inge, die wir Mädchen wie eine Oma betrachten, ist tatsächlich drei Jahre jünger als unser Paps. Da sie selbst jung Mutter geworden ist, genießt sie die Zeit mit uns 20 Jahre später intensiv. Die Ruhe und Klarheit, die sie uns Kindern schenkt, sind wir nicht gewohnt und sie ziehen uns zu ihr hin. Das schürt Eifersucht.

Trennung ohne Erklärung

Eines abends stehe ich im Kinderpyjama in Inges Hof, weinend, weil ich meine Schwester nicht beruhigen kann. Inge bringt mich zurück ins Bett und bleibt bei uns, bis meine Eltern von ihrem Kneipenabend mit Freund*innen zurück sind. Sie sagt ihnen lautstark die Meinung, es kommt zum harten Bruch und wir Kinder dürfen Inge und Horst nicht mehr besuchen. Für mich ist das Verbot besonders schlimm. Nach der Geburt meiner Schwester war meine Mutter eine Zeitlang ohne Job und so bei ihr zuhause, während ich in den Kindergarten ging. Ich aber habe in den ersten Jahren jeden Vormittag bei Inge verbracht und fühle mich wie amputiert, zumal uns Mädchen niemand erklärt, was vorgefallen ist. Wenn meine Eltern nicht da sind, sitze ich auf der Mauer, die unser Grundstück umrandet, und warte darauf, dass sich gegenüber etwas bewegt.

Wenn Tante Inge zum Briefkasten kommt, deute ich mit den Armen ein Flugzeug an. Sie lacht, wir winken einander gegen die Tränen. Wenn ich weiß, meine Mutter ist länger weg, wage ich mich auf die andere Straßenseite für eine verbotene Umarmung. Ich atme den so vertrauten Geruch und drücke meinen Kopf unter ihre Brüste wie unter ein schützendes Dach. Danach renne ich ins Haus, werfe mich in die Kissen meines Kinderbetts und weine bitterlich.

„Guggemol, en Fliescher!“ Das waren Tante Inges Worte, als über meiner Schaukel ein Flugzeug hinwegdonnerte. Als ich den Satz vor meiner Mutter wiederhole, schüttelt sie ihren Kopf, dass die kurzen Haare nur so fliegen. Dann klärt sie Inge auf, ihre Töchter sollten keinesfalls im Dialekt sprechen. Flugzeug, statt Fliescher – um Himmels Willen kein „Guggemol!“ Die ausgebreiteten Arme bleiben ein trotziges Symbol zwischen Tante Inge und mir, bis sich nach ein paar Jahren die Wogen zwischen ihr und meiner Mutter so geglättet haben, dass die Besuche auf der anderen Straßenseite wieder erlaubt sind. Die Geschichte vom Fliescher haben wir uns dennoch immer wieder erzählt und uns daran gewärmt wie an einem Lagerfeuer.

Mit dem Zauberneffen bei Onkel Horst und Tante Inge. (Foto: privat)

Wie halten Menschen Kontakt in diesem bunten, vollen Leben? Als ich nach dem Abitur aus dem Odenwald wegzog, sah ich Inge und Horst viel seltener als zuvor. An unserer Verbindung hat das nie etwas geändert. Dieses Gefühl, dass Familie immer bleibt, egal, was auch passiert, haben die beiden mir immer vermittelt. Dass wir einander Familie sind, daran hat in all den Jahren nie ein Zweifel bestanden. Wenn es Tante Inge schlecht ging, was häufiger der Fall war, sagte Horst nicht immer Bescheid. Wenn wir ihn sanft scholten, schenkte er uns einen seiner entwaffnend offenen Blicke und sagte, er habe uns damit doch lieber nicht belasten wollen.

Onkel Horst konnte Gletscher schmelzen mit den liebevollen Blicken, die er seiner Frau in allen Lebenslagen schenkte. Seine sanfte, beharrliche Liebe war ein Geschenk für alle, die er damit bedachte. Je häufiger Inge krank war, umso mehr fragte ich mich, wie das Leben ohne sie für ihn einmal sein würde. Bis er sehr schnell sehr krank wurde – und schneller gestorben war, als wir verstanden, was da gerade passierte. Sein Tod zog einen Bruch durch unsere Herzen.

Liebe, die Gletscher schmilzt

Tante Inge hat sich in den folgenden Jahren gegen das Leben regelrecht gewehrt. Ihr von den vielen Krankheiten gezeichneter Körper aber hielt sich hartnäckig und gegen ihren Willen fest daran und manchmal schienen die beiden regelrechte Krieg miteinander zu führen. Wir Mädchen versuchten, wie ihre eigene Familie, sie aufzuheitern, oft war es schwierig. Die schönsten Momente ergaben sich in diesen letzten Jahren, wenn sie von sich aus anrief und etwas erzählen wollte. Dann lachte sie das herzliche, weltumfassende Lachen, an das ich mich aus Kindertagen erinnerte, und die Sonne schien in alle Winkel unserer verbundenen Herzen. Aber diese Momente wurden immer seltener und irgendwann gab sie ihr Licht auf.

Ihr Körper aber wollte nicht loslassen und ich habe mich oft gefragt, woran das liegt, warum er immer wieder um ein Festhalten an diesem Leben gerungen hat, selbst, als so unmissverständlich klar war, dass sie diese Welt, diese Hülle, hinter sich lassen will. Ihr Sohn und seine Familie sind bis zuletzt bei ihr gewesen. Meine Schwester und ich konnten uns von ihr verabschieden, beide sanft gestützt von unseren Männern, die sich in die Liebe und den Kummer eingebracht haben und den reißenden Schmerz so ein klein wenig erträglicher machten.

In das emotionale Chaos und die hämmernden Gedanken hinein gab es einen Moment bei dieser letzten Begegnung, als Tante Inge in ein kurzes, herzliches Lachen ausgebrochen ist. Dieses Lachen hat alle Glocken in meinem Herzen zum Läuten gebracht und ein helles Licht in jede Erinnerung mit ihr geleuchtet. Das zarte Glück dieses Augenblicks wird mich begleiten, so lange ich lebe.

Danke für alles, Tante Inge.

Vergiftete Hoffnung: Ein schlimmer Verdacht

Ein halbes Jahr ist es her, dass Vergiftete Hoffnung im Societäts-Verlag erschienen ist. Es war ein halbes Jahr, in dem ich keine Lesungen halten konnte, in dem das Buch deshalb auch viel weniger sichtbar war, als 2018 der Vorgänger Im Schatten der Arena. Im März veröffentliche ich deshalb vier Ausschnitte aus dem 05-Krimi. Begleitet werden diese von den eingelesenen Kapiteln.

Eine schwarze Katze mit weißer Nase liegt in einem Päckchen mit lauter Exemplaren von "Vergiftete Hoffnung".

Auf wen wartet er bloß? Ungeduldig trippelt Jo von einem Fuß auf den anderen. Ihr ist mittlerweile richtig kalt. Sie widersteht der Versuchung, ebenfalls einen Schirm zu holen, obwohl sie weiß, im Kofferraum ihres Autos liegen gleich mehrere Exemplare. Aber sie will hier auf keinen Fall etwas verpassen. Wieder springen die Fußgängerampeln auf Grün, wieder zuckt Jo bei dem Geräusch erschreckt zusammen. Dann nimmt sie wahr, wie sich eine Person aus der Traube löst, die auf Höhe der Kneipe „Schick und Schön“ aus der Boppstraße kommend die Kaiserstraße überquert.

Sie kneift die Augen zusammen, um zu erkennen, ob die Silhouette sich auf Rainer Böttinger zubewegt. Tatsächlich. Doch bisher kann sie nicht sehen, wer da forschen Schrittes in ihre Richtung läuft, zumal ein großer, schwarzer Schirm Gesicht und Oberkörper der Person verdeckt. Böttinger hat Jo den Rücken zugedreht. Als er wahrnimmt, wer auf ihn zukommt, tritt er eilig seine brennende Zigarette aus und klappt den Kinderschirm zusammen. Ist ihm der etwa peinlich?

In gebückter Haltung schleicht Jo ein paar Meter an der Mauer entlang. Als sie den Kopf hebt, hat die Person mit dem Schirm diesen ebenfalls zugeklappt und schüttelt Rainer Böttinger lächelnd die ausgestreckte Hand. Jo starrt auf seinen Rücken und es kommt ihr vor, als könne sie sein breites Grinsen sehen. Was für ein schleimiger Kotzbrocken du bist. Sie knirscht wütend mit den Zähnen. Die Frau, der ihr Vater gerade fast in den Ausschnitt fällt, ist sehr groß, sehr schlank und sehr schön. Jo ist sich relativ sicher, sie noch nie gesehen zu haben. Mit klammen Fingern fischt sie in der Hosentasche nach ihrem Handy und versucht, damit ein Foto von den beiden zu machen. Ziemlich verwackelt, aber wer die Frau kennt, würde vielleicht etwas damit anfangen können.

Das Auto, das mit quietschenden Reifen neben den beiden hält, hat ein auswärtiges Kennzeichen. Jo kneift die Augen zusammen, um die Buchstaben entziffern zu können. LDS. Nie gehört. Sie tippt sie in ihren Chatverlauf mit Anda, als sich die Fahrertür des Porsches öffnet und Rolf Böttinger aussteigt. Ihr Halbbruder. Schon wieder. Das wird ja noch ein richtiges Familientreffen hier. Rolf läuft ums Auto herum und reißt die Bei- fahrertür auf. Eine leicht verhuschte junge Frau steigt aus. Er redet wild auf sie ein und drückt ihr die Schlüssel in die Hand. Zögernd geht sie zur Fahrerseite und steigt wieder ins Auto. Rolf klopft auf die Motorhaube und ruft etwas in Richtung seines Vaters, die beiden Männer lachen. Dann gehen sie zusammen mit der Unbekannten in das Gebäude hinein.

Jo wartet einen kleinen Moment, bis sie sich vor den Eingang traut. Von den Dreien ist nichts mehr zu sehen. Sie zögert. Soll sie ihnen einfach ins Gebäude folgen? Mit klopfendem Herzen läuft sie ein paar Stufen die Treppe hinauf. Vor dem Eingang steht ein Typ mit einer Security-Weste. Sie duckt sich rasch und schleicht wieder zurück. Neben dem Haupteingang führt ein Durchgang in den Hof hinter dem Gebäude. Jo erinnert sich, dass im Keller eine Zeitlang Konzerte und Festivals stattgefunden haben, bevor das Gebäude für die Geflüchteten umgebaut worden ist. Irgendwelche Idioten hatten deshalb gegen die neue Nutzung mit Schildern protestiert, auf denen „Partypeople yes, Boatpeople no“ zu lesen war. Jo schnaubt verächtlich. Was für Arschlöcher manche Leute einfach sind.

Im Hof braucht sie eine Sekunde, um sich zu orientieren. Zu ihrer Linken ist der Teil des Gebäudes, in dem die Verwaltung und die Gemeinschaftsräume untergebracht sind, das hat sie auf dem Plan auf der Homepage gesehen. Sie bleibt zögernd stehen. Einige der Verwaltungsräume sind im Sousparterre. Was, wenn die drei dort unten sind und durch einen blöden Zufall ihre Füße sehen, wenn sie da entlangläuft? Jo entfernt sich ein paar Meter vom Gebäude und duckt sich zwischen die Autos, die hier parken. In der Hocke bewegt sie sich langsam zwischen den Reihen und späht rüber zu den tiefliegenden Fenstern. In einem der Räume brennt Licht. Sie hält den Atem an und krabbelt rüber zum Haus, vorsichtig darauf bedacht, nicht in das Sichtfeld der Menschen in dem beleuchteten Raum zu kommen.

Jo kniet an die Wand des Gebäudes gepresst ein Stück neben dem Lichtkegel und lugt vorsichtig zwischen den Gitterstäben vor dem Fenster hindurch. Bingo. Die drei sind in dem Zimmer. Die Männer stehen mit dem Rücken zu ihr, die Frau in ihre Richtung, aber sie ist ganz auf die vierte Person konzentriert, die zusammengekauert auf einem Stuhl hockt. Jo rutscht ein Stück näher an die Gitterstäbe. Sie realisiert, dass die Fenster gekippt sind und dreht den Kopf, um zu hören, was da unten vor sich geht. Aber sie kann nichts verstehen.

Fuck man, redet doch mal ein bisschen lauter. Die beiden Männer treten ein Stück von dem Stuhl weg und Jo sieht, dass es eine junge Frau ist, auf die alle drei derart heftig einreden. Sie kommt ihr vage bekannt vor, ohne, dass sie sagen könnte, woher. Ihr Halbbruder schreit nun heftig auf das Mädchen ein, die mit starrem Blick an ihm vorbeisieht. Plötzlich schnellt seine Hand vor und er reißt an ihren langen, pechschwarzen Haaren. Jo unterdrückt einen Schrei. Sie sieht sich um. Was, wenn sie einen Stein oder sowas gegen das Fenster tritt, um die Runde da unten aufzuscheuchen?

„Was machen Sie denn da?“ Die Stimme bricht aus dem Nichts in Jos Gedanken. Sie fährt erschrocken herum und sieht den Mann mit der Weste hinter sich stehen. Fuck.

Vergiftete Hoffnung, Kapitel 21

aus: Vergiftete Hoffnung, Mainz 05-Krimi | Kapitel 21

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