Qatar 2022: Kritik, ja aber … Besen und Eurozentrismus

Die WM in Qatar stellt uns alle vor Herausforderungen. Es ist kein Turnier wie jedes andere – und zugleich waren vorangegangene Turniere schon mit ähnlichen Problematiken behaftet, ohne, dass sie in derselben Intensität diskutiert wurden. Das hat verschiedene Gründe: Fans sind in den letzten zehn Jahren noch weiter politisch geworden – aber auch Eurozentrismus spielt bei der Kritik teilweise eine Rolle. All das gilt es, so gut wie möglich zu differenzieren.

In Puncto Fans lohnt es sich, zwei Aspekte in die Betrachtung mit einzubeziehen. Zum einen interessieren sich viele Anhänger*innen von Vereinsmannschaften tendenziell wenig für die Nationalmannschaft, so dass es nur einen kleinen Überschneidungsbereich gibt. Die WM in Qatar aber hat mit ihren Themen auch Vereinsfans mobilisiert, die derzeit deshalb lauter hörbar sind, als das sicher bei vorangegangenen Turnieren der Fall war.

Zum anderen hat nicht zuletzt die Initiative „Boycott Qatar 2022“ dafür gesorgt, dass diese WM schon lange, bevor der Ball überhaupt rollte, besonders intensiv in der Diskussion war. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Vergabe und dem Gastgeberland ist intensiv und hat dazu geführt, dass auch bei Fans der Nationalmannschaft eine stärker reflektierte Haltung zu beobachten ist. Einer der Gründe hierfür mag auch sein, dass dieses Turnier nicht als eines der Fans wahrgenommen wird. Hier gilt es aber bereits einzuschränken, denn diese Wahrnehmung ist in anderen Ländern sicher eine diametral andere.

Wie also umgehen mit dieser Zeit, wo den Finger in die Wunde legen und wann sich selbst hinterfragen? Diese Themen sind gerade journalistisch von großer Bedeutung.

Viel ist seit dem ersten Spieltag der WM diskutiert worden über Gesten und Symbole, und immer wieder wird dieses Thema in einen Zusammenhang gebracht mit der Kultur des Gastgeberlandes. Ich finde es schwierig, ein Verbot beispielsweise von Regenbogen oder Transparenten zur Unterstützung der Frauen im Iran abzulehnen mit Verweis auf die Kultur und Werte in Qatar. Fehlende oder mangelnde Menschenrechte sind kein Ausdruck von Kultur – und Protest dagegen zu verbieten, ist feige und zudem ein Zeichen weiterer Unterdrückung. Es muss möglich sein, diese Themen anzusprechen. Und es ist notwendig, das weiter zu tun.

Die ganze Bandbreite von Themen abbilden

Gleichzeitig ist es natürlich so, dass viele Menschen hier mit westlicher Arroganz auf diese erste WM in der Arabischen Welt schauen. Das zeigt sich schon an Kleinigkeiten, angefangen bei der Beschwerde über den Zeitpunkt des Turniers im Dezember. Es geht nun mal um eine Weltmeisterschaft, und auf einen Austragungszeitraum während des europäischen Sommers zu bestehen, schließt bestimmte Regionen von Anfang an aus. So offen muss Fußballeuropa sein, nicht so zu tun, als habe man ein persönliches Anrecht auf Sommerturniere.

Hinweise auf die qatarischen Fußballmomente im 3-2-1-Qatar-Olympic-and-Sports-Museum.

Ähnlich schwierig empfinde ich die Aufregung um ein Alkoholverbot in den Stadien. Natürlich ist die Diskussion dazu denkbar ungünstig verlaufen, ehrlicherweise aber doch, weil die FIFA versucht hat, gegen Widerstände überhaupt erstmal durchzusetzen, dass Alkohol eben verkauft werden soll. Solche Themen sind es, auf die wir respektvoll reagieren sollten, wenn es ums Thema Kultur geht: Katar ist nun mal ein muslimisches Land mit entsprechenden Werten.

Interessant finde ich zu beobachten, wie sich der Blick vieler Journalist*innen wandelt, die nun vor Ort sind. Ich kann das nach meiner eigenen Reise nach Doha im Spätsommer nachvollziehen. Wer bis oben hin voll mit den Diskussionen um dieses Turnier in Qatar ankommt, ist erstmal zaghaft, vielleicht sogar misstrauisch. Vor Ort steht dann die Begegnung mit Menschen im Fokus – und wenn diese positiv sind, ändert sich natürlich auch der Blick auf das Land in gewisser Weise.

Das ist absolut legitim, denn es geht wie gesagt nicht um eine Verurteilung von Land und Leuten. Wichtig ist aber, sich immer wieder vor Augen zu halten, dass viele Gesetze und Regelungen in Qatar zutiefst menschenfeindlich sind – und das ändert sich nicht, egal wie viele positive Begegnungen man persönlich in diesem Land hat. Der Fußball, dieses Turnier, hat unseren Blick auf diese Themen gelenkt: Umgang mit Gastarbeiter*innen, fehlende Rechte für Angehörige der LSBTIQA*-Community und Frauen, mangelnde Pressefreiheit. Ich empfinde es als Aufgabe von Medien, über die ganze Bandbreite von Themen zu berichten, also: Kritik ebenso klar zu äußern wie von positiven Erlebnissen und eben den sportlichen Aspekten des Turniers zu berichten.

Was wiederum die Härte der Kritik gerade bei einigen angeht, die im Zweifel eher fußballfern sind, sind aus meiner Sicht zwei Punkte wichtig. Der eine ist, dass diese Themen nicht durch den Fußball nach Qatar gekommen sind, sondern dort schon vorher existierten. Vielleicht sollen wir uns als Gesellschaft die Frage stellen, wieso Industrie und Wirtschaft von weiten Teilen der Öffentlichkeit unbemerkt, ergo nicht kritisiert, schon sehr lange Deals mit dem Emirat schließen – im Falle eines Turniers in dem Land aber plötzlich alle eine Meinung haben.

Wie Fußball die Wahrnehmung lenkt

Wie sehr Wahrnehmung da durch Fußball gelenkt wird, ist schon bedenklich. Wichtig ist deshalb, dass nach dem Ende der WM die Aufmerksamkeit nicht abgezogen wird. Wichtig wäre aber auch, sich eben zu informieren und nicht einfach nur Meinung kundzutun. Bei aller berechtigter Kritik an Qatar hat sich dort eben in den letzten Jahren durchaus etwas zum Positiven verändert. Ganz sicher nicht so intensiv und schnell, wie gerade Beobachter*innen aus dem Westen sich das wünschen, aber in deutlicheren Schritten als in angrenzenden Ländern der Region. Weil aber beispielsweise in Saudi-Arabien gerade keine WM stattfindet, sind hierzulande auch keine Stimmen zu hören, die kritisieren, dass dort auf Homosexualität die Todesstrafe steht. Und die Vereinigten Arabischen Emirate wiederum, wo viele Gesetze quasi analog zu Katar sind, gelten gerade bei Fußballprominenz als beliebtes Reiseziel.

Ebenfalls wichtig ist aus meiner Sicht aber diese Feststellung: So weit muss der Blick gar nicht gehen, um festzustellen, dass anderswo auch vieles alles andere als perfekt läuft. Oder wie genau werden in Deutschland zur Spargelzeit nochmal all jene untergebracht, die das königliche Gemüse stechen? Und werden nicht auch die nur für ihre Arbeitskraft vorübergehend ins Land geholt? Wie ernst ist eigentlich den so lautstarken Supporter*innen der LSBTIQA*-Community deren Rechtslage in Deutschland? Wer setzt sich damit auseinander, wie mangelhaft deren Schutz auch bei uns ist – oder wie kompliziert ihr Alltag. Auch im Fußball übrigens, bereits beim Stadioneinlass, Stichwort trans Personen.

Wer sich ernsthaft mit der Bedeutung dieser WM in Qatar auseinandersetzt und damit, ob es aus diesem Turnier Lernprozesse geben wird, muss auch vor der eigenen Tür kehren. Und bereit sein, selbst dazuzulernen. Nur mit dem Finger auf andere zu zeigen, das ist zu einfach.

Qatar 2022: Gesten sind (nur) ein Anfang

Die WM in Qatar läuft noch nicht mal eine Woche und die Diskussionen sind schon völlig überhitzt. Mit der Vorgeschichte rund um die Vergabe des Turniers sowie dem Wissen um fehlende Menschenrechte und die Situation der Gastarbeiter*innen ist das kaum verwunderlich. Jene, die sich nun beschweren, der Sport müsse mehr in den Mittelpunkt rücken, werden vermutlich im Laufe des Turniers weiter enttäuscht werden: Ein unbeschwertes Fußballfest ist nicht mehr zu erwarten, und das ist richtig so.

Immer wieder wird die Diskussion aufgerollt, ob Sport nun politisch sei oder nicht. Die ist von Beginn an eine hinkende: Sport war immer politisch, hat gesellschaftliche Missstände wiedergespiegelt – und immer gab es Sportler*innen, die ihre Botschaften mutig gezeigt haben. Wer Politik aus dem Sport heraushalten möchte, hat nicht verstanden, wie eng beides verknüpft ist, und ist vermutlich in einer privilegierten Situation, also persönlich nicht von jenen Missständen betroffen, gegen die womöglich protestiert wird.

Nur Symbole sind zu wenig, keine Symbole keine Option

Nun ist es mit der Symbolik so eine Sache, auch das ist nicht neu. Wenn beispielsweise im Pride Month Juni Firmen, die sonst nicht für besonders queerfreundliche Haltungen bekannt sind, ihre Logos in den Schattierungen des Regenbogens einfärben, so ist damit freilich nichts gewonnen. Aus gutem Grund wird deswegen auch jede der Gesten und Symbole diskutiert, die derzeit in Qatar kursieren.

Die deutsche Mannschaft vor dem Anpfiff. (Bild: Screenshot/Sportschau)

Nach der Diskussion um das FIFA-Verbot der „One Love“-Armbinde, die dadurch überhaupt erst zum ernstzunehmenden Symbol wurde, war die große Frage für viele, wie sich die deutsche Mannschaft rund ums mittlerweile vergeigte Auftaktspiel zeigen würde. Bei der Ankunft trugen einige der Spieler Trainingsjacken, um deren Oberarm als schmaler Streifen die Farben des Regenbogens zu sehen waren; zumindest bei genauerem Hinschauen. Vor Anpfiff dann eine weitere Geste: Alle Spieler der Startelf hielten sich den Mund zu.

Der DFB twitterte dazu: „Wir wollten mit unserer Kapitänsbinde ein Zeichen setzen für Werte, die wir in der Nationalmannschaft leben: Vielfalt und gegenseitiger Respekt. Gemeinsam mit anderen Nationen laut sein. Es geht dabei nicht um eine politische Botschaft: Menschenrechte sind nicht verhandelbar. Das sollte selbstverständlich sein. Ist es aber leider immer noch nicht. Deshalb ist uns diese Botschaft so wichtig. Uns die Binde zu verbieten, ist wie den Mund zu verbieten. Unsere Haltung steht.“

Ich finde es zunächst wichtig, dass der Verband nicht kommentarlos zur Tagesordnung übergegangen ist. Umgehauen hat mich das Bild der Spieler allerdings auch nicht, da ich weiterhin der Meinung bin: Es ist in der privilegierten Situation aller im Verband auch eine Entscheidung, sich den Mund eben verbieten zu lassen. Die Opferrolle, die sich in diesen Worten ausdrückt ist deshalb schwierig. Zudem bestärkt das Bild ja den Eindruck, dass man aus dem Kreise der Mannschaft heraus nichts sagt. Für mich bleibt ein sehr ungutes Gefühl. Plus: Natürlich sind Menschenrechte nicht verhandelbar, explizit zu betonen, man sei damit nicht politisch unterwegs, empfinde ich aber als weitere Abschwächung.

Geäußert haben sich hingegen mittlerweile einige Spielerinnen, darunter Svenja Huth oder Laura Freigang, die auf Instagram postete: „Auch mich beschäftigen die Ereignisse rund um die WM. Als aktive Spielerin stehe ich unter dem Dach der FIFA und möchte mich an dieser Stelle klar von den aktuell diskutierten Handlungen des Weltverbandes distanzieren. Das Alles hat leider nur noch sehr wenig mit dem zu tun, wofür der Fußball eigentlich stehen sollte: nämlich Fairness, Respekt, Integrität und Vielfalt. Fußball ist ein Spiel der Menschen – aller Menschen – und damit spätestens in dem Moment politisch, in dem diese einfache Grundlage völlig missachtet wird. Respekt vor Kultur? Auf jeden Fall. Respekt vor Diskriminierung? Auf keinen Fall. Für Menschen. Für Fußball. #onelove“

Natürlich kann man anmerken, dass die Spielerinnen anders als ihre männlichen Kollegen derzeit nicht in Doha weilen, was ihnen auf den ersten Blick mehr Freiheiten geben mag. Andererseits sind sie, wie Freigang selbst schreibt, auch unterm Dach der FIFA und stehen vor ihrer eigenen WM im kommenden Jahr. Zudem sind viele von ihnen in der Vergangenheit schon offener und lautstärker als die männlichen Kollegen, was den Kreis schließt zum Thema Privilegien: Natürlich sind auch die Frauen im deutschen Fußball in gewisser Weise privilegiert, aber eben unfassbar weit weg von den Privilegien der Fußballer. Flapsig formuliert, scheint das schon hin und wieder beim Denken zu helfen.

Die Eine unter den Allen und was das mit Menschen macht

Eine weitere Frau, deren Geste am Mittwoch viel diskutiert wurde, war Bundesinnenministerin Nancy Faeser. Diese trug im Stadion die umstrittene „One Love“-Binde. Nicht wenige Berichterstatter*innen und Fans warfen ihr opportunes Verhalten vor, mit dem Hinweis darauf, in ihrer Rolle habe sie ohnehin keine Konsequenzen zu befürchten. Auch wenn das auf dem Papier wahr ist, habe ich Faesers Handeln als sehr stark empfunden. Wie viele Frauen sowohl im Fußball als auch in der Politik ist sie oftmals die Eine unter (cis) Männern, jeweils in Bereichen, in denen viele davon der Meinung sind, Frauen hätten in diesen Fachgebieten nichts zu suchen. Man mag über solche Haltungen den Kopf schütteln, so viel man möchte, sie sind aber nach wie vor gängig – und viele Frauen erleben das.

Nancy Faeser mit der One-Love-Armbinde. (Bild: Screenshot/Sportschau)

Die Situation ist also ohnehin schon eine, in der die Ministerin vermutlich mit erhöhter Aufmerksamkeit für ihre Umgebung agiert. Noch dazu in einem Land, in dem die Rechte von Frauen eingeschränkt sind, ein Satz, den wir derzeit so oft lesen, dass er jede Bedeutung zu verlieren scheint. Es lohnt sich, den Bericht „Everything I Have to Do is Tied to a Man“ von Human Rights Watch anzuschauen, um sich ein Bild davon zu machen, was er im Einzelnen bedeutet. Um abermals zu einer saloppen Formulierung zu greifen: Das macht etwas mit Menschen. Mit dem persönlichen Sicherheitsgefühl, womöglich auch mit dem auf dem Papier. Es ist nicht trivial, sich in dieser Situation so zu verhalten.

Die Misogynie zeigt sich auch in der Art der Kritik

Natürlich kann man kritisieren, wieso Faeser überhaupt nach Katar fliegt oder sich auf diese Tribüne setzt. Persönlich finde ich, Politik ebenso wie Medien hat die Aufgabe, hinzuschauen, sich ein Bild zu machen, auseinanderzusetzen. Die große Frage, größer als dieses Turnier, ist ja längst: Wieso machen auch deutsche Politiker*innen in vielen Fällen gute Miene zum bösen Spiel und Deals mit Verbrechern? Wo endet die Diplomatie, wo muss sie vielleicht enden? Diese Frage liegt tatsächlich außerhalb des Sports, wenn man aber den Sport als politisch begreift, gehört es dazu, in so einem Moment Präsenz zu zeigen und ihn nicht jenen zu überlassen, die ihn von Anfang an instrumentalisieren wollen.

Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass die Bundesinnenministerin sich am Ende nicht mit Gianni Infantino ablichten lässt. Sein Motiv ist ja klar, weil er ihr die Binde schlecht verbieten kann, muss er versuchen, Faeser und ihre Handlung lächerlich zu machen. In den Augen vieler Kritiker*innen, die sie teils mit harten Worten angreifen, ist ihm das gelungen. Ich würde gerne mal erleben, wie diese in einer ähnlichen Situation reagieren … Faeser gestehe ich zu, dass in diesem Moment die Diplomatin in ihr gewonnen hat. Es schwächt den Gesamteindruck ab, macht ihn für mich aber nicht kaputt.

Niemand sollte übrigens so naiv sein, zu glauben, die Kritik und deren Tonfall hätten nicht ebenfalls viel mit Misogynie zu tun. Wer sich dazu ein Bild machen möchte, kann unter dem Tweet der Ministerin in die Kommentare schauen, oder auch nur unter meinem zu ihrem Auftrifft. Es ist wirklich zum Gruseln.

Qatar 2022: Dürften wir bitte einen Protest anzetteln?

„Da werden wir genau hingucken, was morgen passiert.“ Einen Tag nach der Aussage von DFB-Präsident Bernd Neuendorf in der ARD ist es nun kein Kunststück mehr, seine Worte zur „One Love“-Kapitänsbinde zu interpretieren: Wenn Wales, England und die Niederlande bei ihren Spielen am Montag damit durchkämen, trüge die Manuel Neuer sie zwei Tage später vielleicht auch. Klingt wie eine Unterstellung? Mitnichten. Aber der Reihe nach.

Politische Symbole sind auf dem großen Fußballparkett in Katar verboten. Das ist nichts Neues und mitnichten eine spezielle Problematik dieses Turniers. Die großen Verbände möchten ihren Sport gerne klinisch sauber halten. Botschaften, die auf negative Themen rund um Vergabe, Austragungsländer oder eben die Verbände selbst abzielen, sind nicht erwünscht. Wie Verbände und Spieler damit umgehen, dafür gibt es keine Anleitungen.

Und so hatten sich zehn europäische Nationalverbände im Vorfeld der WM 2022 geeinigt, mit einer selbstgewählten Symbolik – nämlich besagter Binde – ins Turnier zu gehen: Neben Deutschland waren das die Niederlande, England, Belgien, die Schweiz, Wales, Frankreich, Dänemark, Schweden und Norwegen. Da die beiden Letztgenannten sich nicht für die WM qualifiziert haben, war das Feld bereits auf acht geschrumpft, bevor auch noch Frankreich ausscherte: Kapitän Hugo Lloris kündigte an, die Binde nicht zu tragen – und begründete das mit Respekt vor den Regeln des Gastgeberlandes.

In der Diskussion: One-Love-Kapitänsbinde. (Screenshot: Google)

Nun muss man, und das passiert rund um dieses Turnier leider viel zu selten, klar trennen zwischen Respekt vor kulturellen Unterschieden einerseits und dem Wegducken vor Themen, die nun mal nicht verhandelbar sind, auf der anderen Seite. Wenn ein muslimisch geprägtes Land bei einem sportlichen Großereignis keinen oder nicht in dem Maße Alkohol anbieten möchte, wie das andernorts üblich ist, so hat das etwas mit der Kultur zu tun. Wenn Katar hingegen die Rechte der LSBTIQA*-Community nicht achtet, greift „Kultur“ nicht mal im Ansatz als Argument.

Von Frankreich hätte man sich gewünscht, dass Trainer Didier Deschamps einfach einen neuen Kapitän ernennt; vielleicht aber war der Coach froh, dass Lloris bei diesem Thema die öffentliche Prügel bezog, nachdem Verbandspräsident Noël Le Graët geäußert hatte, er wünsche sich, besagte Binde käme beim französischen Team nicht zum Einsatz. Fans in Deutschland verteilten derweil nachvollziehbarerweise Prügel für eben jene Binde, die als Wegducken vor Verband und Gastgeberland interpretiert wurde.

Immerhin hat Manuel Neuer in der Vergangenheit bereits die Regenbogenbinde getragen, die auch an vielen Bundesligastandorten längst üblich ist. Die „One Love“-Binde wirkte dagegen wie ein lächerlich verwaschenes Pseudosymbol, mit dem gegen alles so ein bisschen protestiert wurde, ohne dabei aber allzu deutlich zu werden.

In der Bredouille: DFB-Boss Neuendorf (Screenshot: ARD)

Bis schließlich die FIFA die Binde ungewollt mit einer größeren Bedeutung auflud, indem der Verband nur 48 Stunden vor Beginn des Turniers mit „einem eigenen Vorschlag“ ums Eck kam, wie Neuendorf in der ARD erklärte. Der DFB-Präsident zeigte sich dabei irritiert: „Wir fanden es schon sehr befremdlich, dass wir diese Binde vor Monaten bekanntgegeben haben der FIFA, dass wir sie tragen wollen als europäische Verbände. Und die FIFA hat darauf nicht reagiert. Sie hat nicht gesagt: Wir verbieten es ausdrücklich, oder: Wir genehmigen es.“

Scheint, als habe die FIFA auf Zeit gespielt, so, wie das gerade rund um die WM bei mehreren Themen den Anschein macht. Kurz vor Turnierbeginn war jedenfalls klar, der Verband würde gegebenenfalls zu Strafen greifen, wenn die Kapitäne mit der Binde auflaufen. Ein ursprünglich wachsweiches Statement hatte so plötzlich Gewicht bekommen: Wie gut das tat.

Ganz besonders jenen Fans, die seit Monaten Proteste rund um das Turnier organisieren. Denn ehrlich? Was ist aus dem vermeintlichen Volkssport Fußball geworden, wenn ein wahllos buntgestreiftes Herz als erdachtes Symbol gegen jede Form der Diskriminierung, eine Art „Toleranz für alle und alles“, schon so aneckt beim Verband und seinem Gastgeberland, dass Sanktionen ins Spiel gebracht werden?

Mit dem Festhalten an der Binde hätte ein minimales Zeichen gesetzt werden können, dass der Fußball noch nicht komplett verdorben und verloren ist – und Menschenrechte sportlichem Erfolg stehen. Was hätte passieren können? Sperren der sieben Kapitäne nach jeweils zwei Spielen? Was für ein Zeichen wäre das gewesen! Ein Ausschluss der beteiligten Nationen vom Turnier? So.Fucking.What.

Es kann doch bitte nicht der Ernst von DFB und anderen Landesverbänden sein, dass sie für Freiheit und Sicherheit Menschen verschiedener Nationen, Gender, Herkünfte, Sexualitäten, Hautfarben und Religionen nicht mal bereit sind, eine gelbe Karte oder Sperre in Kauf zu nehmen. Are you fucking kidding me.

Die Spieler der iranischen Nationalmannschaft, die sich vor dem Spiel gegen England im stummen Protest gegen die Zustände in ihrer Heimat weigerten, die Nationalhymne mitzusingen, haben sich damit wirklich in Gefahr begeben – zu einem Ausmaß, dass etlichen Menschen in der Sicherheit Europas vielleicht niemals klarwerden wird. DFB & Co. haben sich derweil weggeduckt und so final lächerlich gemacht. Ein Protest, der Genehmigungen abwartet, ist kein Protest. Auch und gerade im Sport ist die Geschichte voll von Menschen, die für ihre politische Haltung die Konsequenzen getragen haben.

Die mangelnde Haltung der nationalen Verbände ist absolut beschämend, und darauf kann gar nicht oft genug hingewiesen werden. Egal, wie weit diese Länder im Turnier kommen, sie stehen bereits jetzt als die ganz großen Verlierer da. Alle, denen der Fußball etwas bedeutet, müssen, pardon, das ganz große Kotzen kriegen, angesichts dieses Einknickens.

Im Regenbogen, mit Haltung: ZDF-Reporterin Neumann. (Screenshot ZDF/Florian Reis)

Wobei anzumerken wäre, Spielern die „Eier“ abzusprechen oder sie als „Waschlappen“ zu titulieren, ist auch in der nachvollziehbaren Wut problematisch, da gerade weiche Hoden Teil eines problematischen Männlichkeitsbildes sind, das den Fußball erst dahin gebracht hat, wo er heute gegen Probleme von Macht und Ohnmacht kämpft. Fehlender Mut oder fehlende Konsequenz tun es deutlich besser.*

Apropos bemüht, Einsatz zeigten unter anderem zwei Journalistinnen im Angesicht der FIFA-Shitshow: Alex Scott kommentierte mit One-Love-Binde am Spielfeldrand, Claudia Neumann in einem Shirt mit Regenbogen und der Regenbogen-Binde. Beide sind vor Ort und gehen damit ein persönliches Risiko ein. Man kann ihnen das nicht hoch genug anrechnen. Menschen, die den Fußball lieben, brauchen Hoffnung und Vorbilder, die beiden und die mutigen iranischen Spieler dürfen als solche gelten.

*In einer früheren Version des Textes wurde die Formulierung fehlendes Rückgrat genutzt. Die ist allerdings ableistisch und wurde deswegen ersetzt. Ich bitte, das zu entschuldigen. Zudem war fälschlicherweise die USA als Gegner des Iran genannt, es war aber natürlich das Spiel gegen England. Erwähnenswert dazu: Die englischen Spieler sind vor dem Spiel auf die Knie gegangen.

Fanpreis 2022 für die Weiß-braunen Kaffeetrinker*innen

Am Wochenende hatte ich die große Ehre und noch größere Freude, bei der Gala der Deutschen Akademie für Fußballkultur die Laudatio auf die Weiß-braunen Kaffeetrinker*innen zu halten. Weil ich das Thema so wichtig finde, möchte ich diese hier gern zum Nachlesen veröffentlichen. Kontaktiert die tolle Truppe, wenn ihr ähnliches vorhabt. Und unterstützt ihre tolle Arbeit.

Hallo liebe alle, die Sie und ihr dem Fußball verbunden sind und seid. Ich freue mich wirklich sehr, heute die Laudatio für den easyCredit-Fanpreis 2022 halten zu dürfen. Seit der Jurysitzung hat diese Laudatio eigentlich immer ein bisschen in meinem Kopf und in meinem Herzen gearbeitet – und ich könnte bestimmt zwei Stunden über Fankultur sprechen. Aber ich verspreche, ich fasse mich kurz.

Fußballfans, Menschen, die dem Fußball verbunden sind, sind eine unglaublich heterogene Gruppe. Daran muss man vielleicht mal ganz explizit erinnern in Zeiten, in denen sich in der öffentlichen Wahrnehmung abermals ein Bild vom Fan als grölendem, betrunkenen, immer gewaltbereiten Fan verfestigt. Gibt’s im Stadion Probleme? Sicher. Wie überall sonst auch, wo Zehntausende aufeinandertreffen.

Gemessen an allen Menschen, die ihre Wochenenden in den Stadien verbringen, passiert dort allerdings sehr, sehr wenig, was negativer Schlagzeilen bedürfe. Und trotzdem ist die Aufmerksamkeit bei negativen Themen immens hoch, während all die wunderbaren Dinge, die Fans tun und leisten, ihr Engagement im sozialen, ihre Arbeit für ein inklusives Stadion, gegen Diskriminierungen und Ausgrenzung, viel zu selten im Rampenlicht steht.

Heute Abend wollen wir das Rampenlicht für die Fans ganz besonders hell strahlen lassen.

Die Fangruppen, die sich für den Fanpreis beworben haben, sind vielfältig und engagiert, sie klären auf, helfen vermeintlich Schwächeren, die ja in der Regel nur diejenigen sind, die von der Gesellschaft sonst zu wenig Hilfe bekommen. Sie engagieren sich in ihren Städten.

Eine Vielzahl von Fanclubs engagiert sich seit dem Angriffskrieg Putins auf die Ukraine ganz intensiv für Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten.

Wir waren in der Jury echt überwältigt von der Vielzahl der wunderbaren Einsendungen. Wir danken allen, die sich um diesen Preis beworben haben, für ihr Engagement und rufen ihnen zu: Wir sehen euch!

Und trotzdem. Trotz all der wundervollen Projekte war das eine sehr kurze Jurysitzung. Weil wir alle ein Gespür dafür hatten, dass da eine Gruppe dabei ist, die heraussticht damit, was für ein Thema sie beackert. Deswegen zeichnen wir die Weiß-braunen Kaffeetrinker*innen aus, deren fußballerische Liebe dem FC St. Pauli gehört.

Warum die Kaffeetrinker*innen?

Die Mitglieder des Fanclubs haben am Millerntor das so genannte Trockendock eröffnet, einen Verkaufsstand, an dem es ausschließlich alkoholfreie Getränke gibt. Sie haben aus Eigenmitteln die Finanzierung gestemmt, nachdem der Verein ihren Antrag abgelehnt hat, vier alkoholfreie Stände für alle Fans anzubieten. Der Club duldet den Trockendock heute, das Risiko tragen aber die Kaffeetrinker*innen. Mit dem Preis wollen wir ihr Engagement nicht nur auszeichnen, sondern auch unterstützen – und ihr finanzielles Risiko lindern.

Die Verbindung von Alkohol und Fußball ist sehr intensiv. Bier im Stadion ist für viele von uns total selbstverständlich, auf Auswärtsfahrten ist Alkohol morgens um neun der Standard, ein Spiel, bei dem es nur alkoholfreies Bier gibt, wird leidvoll beklagt. Was macht das mit denen, die eine Suchtkrankheit überwunden haben?

Es geht beim Engagement der Kaffeetrinker*innen nicht um Verbote, nicht darum, Bier aus den Stadien zu verbannen. Es geht darum, sichere Orte innerhalb des Fußballs zu schaffen. Inzwischen sind Menschen mit unterschiedlichen Suchtthematiken vereint unterm Dach der WBKler*innen. Während Vereine mit Wetten und Alkoholika für sich werben, macht dieser tolle Fanclub uns darauf aufmerksam, dass wir wachsam sein müssen beim Thema Sucht.

Das Stadion ist ein Ort für große Gefühle, für wunderbare Gemeinschaft, für das nun schon angesprochene soziale Engagement. Es ist aber zugleich ein Ort, an dem – übrigens gerade auch junge – Menschen extrem selbstverständlich mit Alkohol in Kontakt kommen. Und an dem umgekehrt dem Alkohol nicht leicht zu entkommen ist.

Deshalb ist das Angebot der Weiß-braunen Kaffeetrinker so wichtig und wir hoffen, dass es Schule macht. Und darum, ganz ohne Oscar-Umschlag: Ganz herzlichen Glückwunsch an die Weiß-braunen Kaffetrinker*innen zum easyCredit-Fanpreis 2022.

Die Woche am Bruchweg (22/43): Auf nach München!

Wir schreiben gerade mal Ende Oktober und doch ist in drei Monaten das Fußballjahr in Sachen Bundesliga bereits vorbei. Mit dem Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt am 13. November war es das für 2022. Angesichts der Tatsache, dass es bislang im Stadion noch nicht einmal unangenehm zugig war diese Saison, scheint das schwierig vorstellbar.

Doppelpass incoming. (Foto: Sport1/Montage: Wortpiratin)

Am Samstag geht es indes erstmal zum Rekordmeister nach München. Ich bin ehrlich: In dem Stadion war ich noch nie. Es wird eine Premiere, die vor allem deswegen zustande kommt, weil ich Sonntagmorgen im Sport1-Doppelpass sein werde, neben unter anderem 05-Sportdirektor Martin Schmidt und Heribert Bruchhagen. Ich bin gespannt auf die Runde. Zum ersten Mal jedenfalls gab es bereits vorab Liebesbriefe von Menschen, die finden, Frauen hätten in derlei Sendungen nichts zu suchen. Ich lösche da mittlerweile routiniert.

Wollte ich eine Überleitung erzwingen, würde ich sagen: Genauso routiniert, wie Bo Svensson die Fragen in der Pressekonferenz beantwortet. Beim Aufzählen der Münchner Spieler, denen sein Team in Sachen Verteidigung die volle Aufmerksamkeit widmen müsse, kam er jedenfalls nicht aus dem Tritt. Es ist natürlich allen bewusst, dass ein eigener Sahnetag einem schächeren der Bayern begegnen muss, um gerade in München eine Chance zu haben. Aber schön wäre so ein Dreier in der bayerischen Fremde ja schon mal wieder.

Etwas haspelig kam in der PK derweil Svenssons kurze Einlassung zu den Ereignissen beim Spiel gegen Köln am letzten Freitag rüber – und so, als habe er sich nicht intensiver damit befasst. Zwar sind seine Aufgaben vor allem sportliche, nach derart einschneidenen Vorfällen kann aber in der PK immer eine Nachfrage kommen und dann wäre es nicht ganz doof, das Vereinsstatement zu kennen. Zumal daran sehr viel zu loben ist, was ich in meiner aktuellen Kolumne für die AZ deswegen auch tue.

Pausiert haben zuletzt die #SCHOTTgoes05-Frauen, am Sonntag treten sie auswärts in Ober-Olm an. Es ist das erste Spiel unter ihrem neuen Trainer Takashi Yamashita, dem Torjägerin Nadine Anstatt unter der Woche beim Dreh zu meiner Videokolumne für die Allgemeine Zeitung (VÖ 9.11.) eine sehr gute Ansprache und die nötige Balance zwischen fordern und fördern attestierte. Die Entwicklung des Teams bleibt spannend zu beobachten.

Geschlagen geben mussten sich am vergangenen Wochenende die Meenzer Dynamites beim Bundesligaabsteiger HL Buchholz 08-Rosengarten. Trainerin Niki Nagy sagte hinterher über die Partie: „Das Ergebnis ist zum Schluß etwas zu hoch aufgefallen, denn bis zur 55. Minute haben wir zwei gleichwertige kämpferische Mannschaften gesehen.“ Mit dem 26:24 in der 51. Minute wurde es sogar noch mal richtig spannend, letztlich waren die Gegnerinnen an diesem Tag aber doch zu abgezockt.

Ein richtig starkes Statement hat die Sportliche Leiterin der Dynamites, Eva-Maria Federhenn, im Namen der ganzen Abteilung zu den Berichten um André Fuhr und Übergriffe im deutschen Handball abgegeben. Es ist sehr wichtig, dass Vereine sich in dieser Causa deutlich positionieren. Hier muss dringend aufgearbeitet werden. Es ist furchtbar, dass Vorfälle dieser Art im Sport immer wieder passieren. Und es ist umso wichtiger, dass sie ans Licht kommen, Aufarbeitung erfahren, dass Betroffene geschützt und Täter bestraft werden. Es braucht eine Kultur des Hinsehens, von allen, die sich dem Sport allgemein verbunden fühlen.

In diesem Sinne: Wir lesen uns.