Die Woche am Bruchweg (6/20): Ein feiner Junge

In Sachen Wetter ist die Schiersteiner Brücke oft wie eine unsichtbare Mauer – auf der einen Seite fällt der Regen, auf der anderen scheint die Sonne. Am Dienstagmorgen ist die Mainzer Seite die sonnige: Während rund um den Bruchweg tiefe Pfützen noch von den vorangegangenen Schauern erzählen, beginnen die 05-Profis ihr Training bei aufklarendem Himmel. Unter den neugierigen Augen der Journalist*innen und einer Handvoll Trainingskiebitze liegt ein besonderer Fokus auf dem Zweikampfverhalten. „Ich habe auch so die Rückmeldung, dass ihnen das unheimlich viel Spaß macht“, sagt Achim Beierlorzer später über seine Spieler.

Kämpfen, bis die Hose reißt: Die 05-Spieler im Training.

Zugleich betont der Coach, diese Art der Einheit sei „ein kontinuierlicher Prozess“, nicht etwa eine Reaktion auf die Niederlage gegen die Münchner. Gegen dieses Team zu verlieren, ändere an ihren Abläufen tatsächlich gar nichts. Und Niedergeschlagenheit lasse man bei den Spielern ohnehin nicht aufkommen, zumal die sich in Hälfte zwei gegen den amtierenden Meister beachtlich gesteigert hatten. Einer, der sich in der Partie besonders hervortun konnte, wird an diesem Morgen allerdings noch geschont: Leandro Barreiro. Eine Vorsichtsmaßnahme für den Youngster, der am Ende des Spiels mit Krämpfen zu tun hatte und deswegen am Stop-and-Go auf dem Platz nicht teilnehmen soll.

Ein besonderes Augenmerk der Beobachter*innen am Spielfeldrand liegt an diesem Morgen auf Pierre Kunde Malong. Wie zeigt er sich im Training nach dem verweigerten Handschlag? Besonders auffällig am Kameruner sind aber nur die großen Ohrstecker, deren Steine in der Sonne funkeln – sonst trainiert er wie immer. Mag sein, dass er die erhöhte Aufmerksamkeit spürt, das lässt er sich aber nicht anmerken. Sein Trainer winkt das Thema denn auch ganz entschieden ab. „Alles gut. Das habe ich mehrfach gesagt. Kunde ist ein ganz feiner Junge und er hat alles gemacht, was man nach so einer Aktion machen muss, um ganz deutlich zu zeigen: Da bin ich jetzt über eine Grenze gegangen, die hätte ich nicht überschreiten dürfen.“

Feiner Junge mit glitzernden Ohrsteckern: Pierre Kunde Malong.

Vor dem Training stand wie immer die Videoanalyse. Diese habe, so Beierlorzer, an der einen oder anderen Stelle Themen verdeutlicht, die ihm am Spielfeldrand nicht in der Eindeutigkeit bewusst waren. „Das erste Tor können wir schon besser verteidigen.“ Ob es dann dennoch falle, lasse sich natürlich nicht sagen. „Aber da müssen wir näher am Mann sein.“ Was er von den Spielern fordert, ändere sich dennoch nicht von Spiel zu Spiel. Kontinuität. Raum, um sich zu verbessern. Leistung und Bereitschaft. Hohe Intensität. Gespräche. Der Glaube an die eigenen Fähigkeiten. Das sind Schwerpunkte, die der Trainer nicht müde wird, zu betonen. Und wenn es dann auf dem Platz mal nicht klappt? „Ich bin da auch immer am Überlegen, woran’s liegen kann.“ Er ist offen, wenn es um das Thema Fehlersuche geht, denn: „Perfekten Fußball gibt’s gar nicht. Fußball wird immer ein Fehlerspiel bleiben.“ Wichtig sei, eine Geschlossenheit zu erzeugen und immer weiter zu trainieren. Ruhe zu bewahren und Klarheit.

Ob der Negativlauf der zuletzt vier verlorenen Partien spezielle Maßnahmen erfordere, wird Beierlorzer gefragt. Vielleicht ein Kurztrainingslager? Der Coach wirkt in solchen Momenten manchmal, als müsse er sich am Riemen reißen, um bei der Antwort nicht auf den Tisch zu hauen. In Ermangelung eines solchen spricht er stattdessen von „Pfeilen“, die man „im Köcher behalten“ und „zur rechten Zeit“ auspacken müsse. Man habe „vieles im Blick“, müsse es aber „mit Verstand einsetzen“. Das mag zunächst etwas kryptisch klingen, letztlich mahnt jedes Wort des Trainers aber vor allem zur Ruhe. Ja, die ersten drei Partien der Rückrunde hat man verloren. Ärgerlich. Es folgen aber 14 weitere, in denen Punkte zu vergeben sind. Ob es dabei auch darauf ankomme, unnötige Ballverluste zu vermeiden? „Das sagt das Wort ja eigentlich schon aus.“ Da spricht wieder der Lehrer Beierlorzer, dem fast der Zeigefinger in der Hosentasche zu jucken scheint: Konzentriert euch! Stattdessen lächelt er, nickt, wartet auf die nächste Frage. Er lässt sich nicht beirren – diese Eigenschaft wird er in den kommenden Wochen noch brauchen.

Hinter dem Horizont… gibt’s Punkte? (Fotos: WP)

In Berlin erwartet Beierlorzer ein Geduldsspiel. Die Hertha stehe noch tiefer als beim Hinspiel, analysiert er. „Das war das erste, was die Trainer verändert haben. Sicher stehen, die Null halten.“ Die Mannschaft müsse mit dem Willen ans Werk gegen, den sie in der zweiten Hälfte gegen die Bayern gezeigt habet. In der Videoanalyse hat er ihnen eine Szene aus der 92. Minute gezeigt, in der nochmal alle Gas gegeben haben. „Das ist genau die Mentalität, die wir jetzt brauchen.“ Nicht nur in der 92. Minute: „Sondern über das ganze Spiel.“ Nur so könne die Mannschaft punkten. „Und Punkte brauchen wir jetzt. Darauf können wir’s eigentlich runterbrechen.“

Die Woche am Bruchweg (48/19)

Das Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 am Sonntagabend bei der TSG aus Hoffenheim war eines für die Geschichtsbücher. Mit 5:1 gewinnt die Mannschaft die erste Partie unter ihrem neuen Coach Achim Beierlorzer und katapultiert diesen so unter die zehn erfolgreichsten Debütanten der Bundesliga. In Sachen Auswärtserfolg im ersten Spiel belegt der Neue aktuell in dieser Statistik sogar Platz eins: Kein Coach siegte da bei der Premiere höher. Es war eine feine Geste, dass Beierlorzer nach dieser verrückten Begegnung die drei Punkte mit einem teilte, der – bei aller Freude für seinen Verein – vermutlich ins Sofakissen gebissen haben dürfte bei der Ansicht der entfesselten Mannschaft: Sandro Schwarz.

Mittwochseinheit nach dem Sonntagsspiel. (Fotos: WP)

Der neue Coache der 05er lobte den Anteil des ehemaligen am Dreier und betonte, er habe eine intakte Mannschaft übernommen und in der kurzen gemeinsamen Zeit nur Kleinigkeiten verändert. Damit dürfte er bei vielen Fans einen Nerv getroffen haben. Im Block des 05-Anhangs war ein Transparent zu lesen mit den Worten: „11 Spieler auf dem Platz, kein Einsatz, keine Entschuldigung. Und an allem soll Sandro Schuld sein?“ Torwart Robin Zentner sagte nach der Partie: „Ich wollte vorher auch jedes Spiel gewinnen. Vielleicht ist es am Ende einfach die Veränderung, die so etwas auslöst.“ Kollege Jean-Paul Boëtius bekannte, die Trennung von Schwarz tue immer noch weh – und blickte zugleich nach vorn, was bekanntlich die einzige Richtung ist: „Nun müssen wir mit dem neuen Coach alles besser machen.“

Es ist doch nicht so, als hätte Achim in Köln den Geißbock 153 Mal gestreichelt und jetzt in Mainz das Wappen geküsst.

Rouven Schröder im Podcast kicker meets DAZN

Wie es aussehen soll, dieses Bessermachen unter dem neuen Coach, daran arbeitet die Mannschaft am Mittwoch im öffentliche Training. Unter Flutlicht entsteht dabei der Eindruck, der Mittelfranken an sich neige zur (sprachlichen) Verniedlichung: Beierlorzer, der nach eigenen Angaben in der Vorwoche eben nur Kleinigkeiten verändert hat, lässt die Mannschaft auf kleine Tore spielen. Danach geht’s in Kleingruppen – vier Rote, vier Gelbe, vier Blaue – weiter, wobei jeweils ein 4er Team versuchen muss, dem anderen im Nieselregen den zirkulierenden Ball abzunehmen. Gelingt das, lobt der Coach: „Kleiner Ballgewinn!“ Klappt etwas nicht, ruft er: „Kleiner Fehler.“ Die Kommunikation ist auch sonst intensiv, was keine grundsätzliche Veränderung zu den letzten Wochen darstellt. Nur, dass Robin Zentner als Dirigent erkältet fehlt, dafür aber eine wichtige Stimme wieder erklingt: Niko Bungert.

Novemberrain am Bruchweg.

Neben Zentner fehlen auch Boëtius und St. Juste, die in Hoffenheim beide kleinere Schläge abbekommen haben. Und: Einige Spieler sind statt auf dem Trainigsplatz im Bruchwegstadion, dort findet am Abend eine interne Partie mit 24 Spielern aus dem Lizenzteam, der U23 und der U19 statt. Das gibt Beierlorzer die Gelegenheit, „schnellstmöglich alle Talente unter Spielbedingungen“ zu sehen.

Was er von seinem Team am Sonntag gegen Hoffenheim sehen durfte, hat dem 05-Coach gut gefallen. „Die Intensität war hervorragend“, sagt Beierlorzer, der nicht müde wird, zu betonen: Was in erster Linie zähle in der aktuellen Situation seien, die drei Punkte. Beeindruckt habe ihn die Disziplin nach der roten Karte und der Zusammenhalt. Den gelte es, auch im Heimspiel gegen die „top Mannschaft“ aus Frankfurt zu zeigen. „Die Qualität von Frankfurt ist unbestritten, aber auch die Qualität von Hoffenheim war unbestritten.“ Der Gast müsse spüren: „Da steht ein Kollektiv auf dem Platz, das unheimlich schwer zu besiegen ist.“

Das Ende einer Trainingseinheit.

Angesprochen darauf, was er selbst in Mainz vielleicht schon gespürt habe, mitgenommen, neben den rein sportlichen Erlebnissen, nennt Beierlorzer den „nimmermüden“ Einsatz der Fans bei der Partie gegen die TSG. Das folgende Heimspiel ist bekanntlich an einem Montag und die Szene hat angekündigt, in den ersten 15 Minuten und 30 Sekunden zu schweigen, um gegen die Zersplitterung der Spieltage im Fußball zu protestieren. Motto: Samstags halb vier, Fußball, Bratwurst, Bier. Dann soll das Team aber aus Leibeskräften unterstützt werden.

Auf diesen Umstand angesprochen, erklärt Beierlorzer, ein solcher Boykott sei „nichts, was dem Fußball zuträglich ist. Aber ich verstehe natürlich die Fans, die das nutzen wollen, um ihre Meinung deutlich kundzutun.“ Die Anstoßzeiten am Montag seien sportlich aufgrund der europäischen Spiele in der Europa League nachvollziehbar, aber eben nicht fanfreundlich. „Wobei ich dann wieder sage, wenn Montagsspiel, dann Mainz gegen Frankfurt. Da fällt jeder zweimal um und ist da.“

Klickstatistik – Das war 2013

Das Jahr 2013 liegt bereits wieder einige Wochen zurück, höchste Zeit also, um einen kurzen Blick zu werfen auf die Blogstatistik, die es mit sich gebracht hat. Richtig etwas los war hier erst ab etwa Mitte des Jahres, was primär daran liegt, dass ich vorher kaum neue Texte veröffentlicht habe. Gerade bevor »111 Gründe, Mainz 05 zu lieben«, in die Läden gekommen ist, wurde viel geklickt – auch seither lässt sich eine eindeutige Tendenz zu den Fußballtexten ausmachen. Und so ist es denn auch nicht weiter verwunderlich, dass sämtliche Texte aus den Top 5 des vergangenen Jahres Mainz 05 oder unser Buch über den Verein zum Thema haben.

Klicksieger mit Stollenschuhen. (Foto: S. Hofschlager/pixelio)

Klicksieger mit Stollenschuhen. (Foto: S. Hofschlager/pixelio)

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4. We’ve got the Book (klick!) *406 Visits
5. Die Leiden der tapferen Fans (klick!) *352 Visits

So lautet die Blogspot-interne Statistik; die ist zumeist wenigstens zeitnah relativ zuverlässig. Liegt die Veröffentlichung eines Textes bereits länger in der Vergangenheit, kommt es allerdings auch vor, dass plötzlich alle bisherigen Visits verschwunden sind und die Zählung von neuem beginnt. Ebenfalls ihre Tücken hat die Einbindung des Facebook-Plugins, sowohl Likes als auch Kommentare verschwinden nach kurzer Zeit schon mal ins Nirgendwo.

Für das noch junge Jahr 2014 ist der Klicksieger eventuell bereits zu diesem frühen Zeitpunkt gefunden – ob die Odenwaldtapete mit ihren 2162 Visits (Tendenz weiterhin steigend) noch überholt wird, bleibt abzuwarten.