Der Neue: Achim Beierlorzer beim FSV Mainz 05

Wenn Achim Beierlorzer „kurios“ sagt, donnert das rollende „R“ darin wie auf Schienen die Wände hoch und hallt lange im Raum nach. Er verwendet das Wort mehrfach bei der Pressekonferenz, in der er als der neue Cheftrainer des 1. FSV Mainz 05 vorgestellt wird. „Kurios“ sei natürlich, „wie schnell das jetzt geht“. Schließlich war der Mittelfranke vor zehn Tagen noch Trainer des 1. FC Köln. Er sei „absolut froh, diese Stelle antreten zu können“, betont der Neue, der eigentlich vorgehabt hatte, mit seiner Frau am Mittwoch in den Urlaub zu fliegen. Wann er den gebucht habe, möchte ein Reporter wissen und daran anknüpfend, wann der Kontakt zu Mainz 05 zustande gekommen ist innerhalb dieser kurzen Chronologie.

Achim Beierlorzer bei seiner Antrittspressekonferenz.

Der Tag, an dem der FC Köln und Achim Beierlorzer sich trennten, markiert zugleich das letzte Spiel von Sandro Schwarz an der Seitenlinie der Mainzer: Samstag, 9. November. Ob er bei der Nachricht über besagte Trennung schon darüber nachgedacht habe, Beierlorzer im Falle einer Niederlage gegen Union Berlin zu kontaktieren, wird Rouven Schröder gefragt und muss erkennbar an sich halten. „Frech“ findet er die Frage, obschon der Reporter sie wohl stellen müsse. Der Sportdirektor beteuert abermals, vor diesem 2:3 keinerlei Gedanken an einen Plan B verschwendet zu haben. Die Lösung, nun Achim Beierlorzer zu verpflichten, sei fürs Umfeld vielleicht auf den ersten Blick eine Überraschung, für Mainz 05 aber inhaltlich logisch. „Sowas entwickelt sich ja über Jahre“, sagt Schröder im Hinblick auf das Bild, was er in seiner verantwortlichen Position von der Arbeit verschiedener Trainer habe. Beeindruckt habe ihn gerade die Zeit in Regensburg, wo Beierlorzer „aus wenig viel gemacht“ habe.

Wir haben auch in der Vergangenheit bewiesen, dass wir überzeugt sind von unseren Trainern.

Rouven Schröder

Persönlich bekannt sind die beiden Protagonisten sich aus der gemeinsamen Zeit bei Greuther Fürth, wo Beierlorzer im Nachwuchs (U17) und Schröder in sportlicher Verantwortung tätig war. Etwa zwei Jahre überschnitt sich ihr Wirken dort. „Aufgeweckt, offen für Neues“, das sind die ersten Worte, mit denen Schröder seinen neuen Trainer beschreibt. Das gelte für Fußball ebenso wie das Leben an sich. „Der inhaltliche und menschliche Trainer Achim Beierlorzer ist sehr gut und passt perfekt zu uns.“ Das Thema Köln, wo der Coach mit seiner Idee, Fußball zu spielen, nicht den erhofften Erfolg hatte, könne man zwar nicht wegdiskutieren. Für ihn, Schröder, aber ändere der Kurzeinsatz nichts an der Einschätzung des Trainers.

Zwei mit einer gemeinsamen Vergangenheit: Schröder und Beierlorzer.

Natürlich wird der Sportvorstand der 05er diesbezüglich auf erste Reaktionen des Umfelds zur Neuverpflichtung angesprochen, die teilweise verheerend sind. So, wie einige Sandro Schwarz von Anfang an als Fehler betrachteten, weil er zuvor mit der U23 abgestiegen war, irritiert nun viele jener Anhänger*innen, die sich online lautstark äußern, warum ein Trainer kommt, den sie in ihrer emotionalen Blitzbewertung als Gescheiterten einsortieren. Er beschäftige sich nicht mit den Reaktionen des Umfelds, versucht Rouven Schröder eine Tür wieder zu schließen, die er selbst geöffnet hatte mit den Aussagen, zur Entlassung von Sandro Schwarz habe letztlich auch das Gefühl beigetragen, in dieser personellen Konstellation das Umfeld nicht mehr hinter sich vereinen zu können. Denn nein, eben jenes Umfeld wird sich wohl nicht befrieden lassen mit einem Coach, der in der bisherigen Saison noch weniger Punkte gesammelt hat als Schwarz. Umso wichtiger ist es, dass Schröder die Entscheidung aus seiner Überzeugung heraus so getroffen hat, denn es wäre verheerend, wenn sich der Eindruck verfestigt, in Mainz würden sportliche Entscheidungen nun plötzlich von einem recht diffusen Umfeld mitbestimmt. Mit diesem Trainer erobert Schröder die Deutungshoheit zurück – das ist wirklich ein sehr gutes Zeichen.

Ich habe ganz, ganz großen Respekt vor Sandro Schwarz und werde auf jeden Fall den Kontakt suchen.

Achim Beierlorzer

Sportlich gesehen ist der Trainer Achim Beierlorzer sehr nah an seinem Vorgänger, was er so auch benennt. „Es wird keinen kompletten Umbruch geben. Und das ist ja schön so.“ Er fordere von seinen Mannschaften eine hohe Laufbereitschaft, dass sie aktiv nach vorne verteidigen, erklärt der Coach. „Mainz spielt diesen Spielstil und stand auch schon immer dafür.“ Letztlich sei die aktuelle tabellarische Lage, die er übernimmt, Nuancen geschuldet. Die Niederlage in Freiburg zieht er dafür als Beispiel heran. „Die Qualität, die in der Mannschaft steckt, ist aber unbestritten.“ Er habe in Köln selbst festgestellt, „dass man Ergebnisse nicht immer trainieren kann.“ Die Ironie darüber, wie ähnlich die Gründe für die Trennung vom Trainer an beiden Standorten ist, entgeht ihm natürlich ebenso wenig wie den Journalist*innen. Er habe „ganz, ganz großen Respekt vor Sandro“ und werde „auf jeden Fall den Kontakt suchen“.

„Es wird keinen kompletten Umbruch geben. Und das ist ja schön so.“ (Fotos: WP)

Dazu, wie die Theorie vom Beierlorzer Fußball in der Praxis funktioniert und wie das aussehen kann, habe ich zwei Kollegen befragt. Thomas Reinscheid ist Chefredakteur bei EFFZEH.COM und begleitet den Verein frei dem Motto „FC ist, wenn man trotzdem lacht“ seit vielen Jahren. Stefan Dillinger podcastet rund um Jahn Regensburg und hatte Beierlorzer in der Sendung auch schon zu Gast.

Stefan, für welchen Fußball steht Achim Beierlorzer aus deiner Sicht? Wie hat er den in Regensburg umgesetzt? Und ist er ein Trainer mit Plan B, wenn A nicht greift? 

SD: Er kommt ja aus der Leipziger Fußballschule, daher spielt hohes Pressing eine große Rolle. Wir waren und sind in der 2. Liga natürlich immer noch keine etablierte Mannschaft, deshalb spielen Kampfgeist und Laufbereitschaft eine große Rolle und daher musste er sich natürlich schon auf unsere spezielle Situation einstellen. Ein großes Plus war, dass unsere Mannschaft im Kern über zwei, drei Jahre zusammengeblieben ist. Bei uns hat der Plan A eigentlich immer ganz gut funktioniert. Er ist jetzt auch kein Guardiola der ständig umstellt, allerdings ist er ein Trainer der flexibel auf den Gegner reagieren, die Aufstellung anpassen und durch Auswechselungen nochmal Akzente setzen kann.

Ist er aus deiner Sicht ein Trainer, der eine Mannschaft weiterentwickeln kann?

SD: Ich würde sagen: ja. Bei uns kamen zu jeder Spielzeit relativ viele (Leih-)Spieler hinzu. Er schaffte es, ein Kollektiv zu formen und nicht nur eine Mannschaft aus 11 Spielern zu haben, sondern 15/16 Spieler, die bereit waren, ins Team zu kommen und Leistung zu bringen.

Hat dich überrascht, dass es in Köln nicht besser funktioniert hat? Traust du ihm die 1. Liga grundsätzlich zu? 

SD: Ja, ich traue ihm die 1. Liga grundsätzlich zu. Er neigt nicht zur Hektik und arbeitet sehr gewissenhaft. Auch funktionieren ähnliche Systeme in anderen Vereinen. Dass es in Köln jetzt nicht geklappt hat, beziehungsweise, dass er jetzt gehen musste, liegt wohl eher an Köln und der Trennung von Veh als an ihm. Man hätte ihm noch bis zur Winterpause Zeit geben können, denn der Spielplan war jetzt nicht der einfachste–  und die Spiele die man gewinnen musste (Freiburg, Paderborn), hat man ja auch gewonnen.

Thomas, welchen Fußball lässt Beierlorzer nach deiner Beobachtung spielen?

TR: Eine schwierige Frage, denn der Fußball, den er beim Jahn spielen ließ und der, den der FC in dieser Saison auf den Platz brachte, unterscheiden sich schon enorm. Beierlorzer steht im Grunde in der Tradition einer Spielweise, die gerne bei einer Marketingabteilung im Osten des Landes praktiziert wird, legt also Wert auf aggressives und laufintensives Gegenpressing, das für die entscheidenden Umschaltmomente sorgen soll. In jeder Situation will er ein aktives Team auf dem Platz haben, das die Initiative ergreift, wenn es die Chance dazu sieht. Aber, wie gesagt: Von all dem, was Beierlorzer sich als Spielidee ausgemalt hat, war in Köln wenig zu sehen.

Worin lag es, dass er Schwierigkeiten in Köln hatte?

TR: Zuallererst passten vor allem die Ergebnisse nicht. Der FC ist 17. mit lediglich sieben Punkten auf dem Konto, dazu peinlich aus dem Pokal ausgeschieden. Das ist viel zu wenig. Aber auch die Spielweise ließ wenig Hoffnung auf Besserung aufkommen. Es scheint, als passte Beierlorzer schlichtweg nicht zum Kader. Den laufintensiven, kampfstarken Fußball, den Beierlorzer spielen wollte, den bekamen die FC-Fans nur ganz selten zu sehen. Das ist nicht ausschließlich seine Schuld, denn die Verhältnisse in Köln waren in diesem Sommer ganz besonders kompliziert. Aber: Überzeugt hat er mich als Trainer beim FC nicht, auch wenn er menschlich wohl top zu sein scheint.

Überrascht er dich als Kandidat in Mainz?

TR: Mich hatte die Trennung von Sandro Schwarz überrascht – aber als der Job auf der Mainzer Trainerbank frei wurde, war ich nicht geschockt, dass Beierlorzer ein Kandidat für die Nachfolge war. Die kurze Pause zwischen seinem Engagement in Köln und seinem neuen Posten verwundert zwar, aber wenn sich die Chance bietet, muss man in diesem Geschäft wohl zugreifen.

„Ich weiß, welche Stärken ich habe, ich weiß, was ich kann. (…) Es geht um die Trainerpersönlichkeit Achim Beierlorzer. Wofür stehe ich. Und das passt, wie ich finde, sehr gut zu Mainz.“

Achim Beierlorzer

Rouven Schröder hebt bei der Pressekonferenz unter anderem hervor, Beierlorzer habe „super unter Beweis gestellt“, wie gut er junge Spieler aus dem In- und Ausland entwickeln könne. Für den Trainer selbst ist klar: „Die Fans honorieren die Art und Weise, Fußball zu spielen.“ Diese Einschätzung ist für seinen neuen Standort sicher richtig, schließlich war die Frage, ob die Spieler sich eigentlich noch genug reinhauen auf dem Platz, zuletzt allgegenwärtig. Damit seine Aussage greift, muss Beierlorzers Idee vom Fußball allerdings besser funktionieren als zuletzt in Köln.

Und wie beurteilen die Kollegen aus Köln und Regensburg den Trainer Achim Beierlorzer im Umgang mit seinen Spielern und in der Wirkung auf die Fans?

Thomas, wie schätzt du sein Verhältnis mit den Spielern ein?

TS: Er wirkte auf mich wie jemand, der viel von seinen Spielern fordert, aber auch immer ein offenes Ohr für das Team hat. Es hat sich aber, auch aufgrund der äußeren Umstände, wohl kein allzu enges Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer gebildet. Öffentlich wirkte er stets etwas distanziert zu seinen Schützlingen, aber mit der nötigen Empathie. Verwundert haben mich allerdings manche Interview-Aussagen über Ersatzspieler wie Vincent Koziello oder Nachwuchsspielern wie Darko Churlinov.

Wie war in der kurzen Zeit das Verhältnis mit den Fans?

TS: Er kam definitiv gut an beim FC-Anhang, wirkte durch seine positive Art recht erfrischend nach dem eher mürrischen und abweisenden Markus Anfang. Selbst in der sportlichen Krise wirkte er immer nahbar und sympathisch, auch wenn die Erfolge ausblieben. Eine richtige Beziehung hat sich auch hier allerdings kaum aufbauen können, dafür war Beierlorzer einfach zu kurz beim 1. FC Köln.

Stefan, wie beurteilst du sein Umgang mit den Spielern, gerade mit jüngeren, von denen ihn in Mainz viele erwarten?

SD: Ich finde den Umgang sehr gut. Ein Beispiel ist hier auch Adrian Fein. Anfangs kam er zu Kurzeinsätzen und wurde im Training an die Mannschaft herangeführt. Nach und nach bekam er immer mehr Spielzeit (weil er auch gut spielte) – und am Ende, bis zu seiner Verletzung, war er dann eine verlässliche Größe im Mittelfeld. Jetzt dürfte das bei Mainz natürlich nochmal eine ganz andere Sache sein, ich fand seinen Umgang mit jungen Spielern, Ersatzspielern und Spielern, die von einer Verletzung zurückkamen, aber immer sehr gut und für alle Seiten nachvollziehbar.

Und wie war sein Verhältnis zu den Fans? 

SD: Sehr gut. Er ist ja eh ein sehr eloquenter, netter und freundlicher Mensch. Er kam immer zu den Fans nach dem Spiel und stand sogar für unseren Podcast für ein Interview zur Verfügung. Dafür nahm er sich nach dem Training auch Zeit und war nicht gehetzt. Das mag jetzt an der Regensburger Medienlandschaft liegen, ich lege es ihm aber positiv aus.

Neu im Trainerteam: Ex-Kapitän Niko Bungert. (Foto: Malino Schust)

In der Arbeit mit der Mannschaft dürfte ein entscheidender Faktor auch die Erweiterung des Trainerteams um Niko Bungert sein. Bereits in der letzten Saison hatte der häufig verletzte Kapitän in den Trainingseinheiten oft wie ein Mitglied des Trainer-Staffs gewirkt. Die Idee, ihn nun offiziell zu berufen, ist so logisch, dass die Frage im Raum steht, warum sie erst jetzt kommt. Aber letztlich ist nur wichtig, dass in einer Situation wie der aktuellen jede*r bereit und in der Lage ist, dazuzulernen und das, was benötigt wird, in die Waagschale zu werfen, damit Ruhe einkehrt und auch über diese Ruhe die Ergebnisse wieder stimmen.

Die Woche am Bruchweg (46/19)

Die feine Ader an der Schläfe von Danny Latza leistet harte Arbeit. Der Kapitän des 1. FSV Mainz 05 beantwortet die Fragen der Journalist*innen geduldig. Einer muss ja, da trifft es ihn in seiner Rolle nicht überraschend. Leicht kann ihm das kaum fallen, am Trainingstag eins nach Sandro Schwarz – aber es gehört nun mal zu seinem Job, voranzuschreiten. „Es wirkt natürlich noch ein bisschen nach, auf jeden Fall, aber es muss jetzt weitergehen“, gibt er zu Protokoll. Es sei für ihn persönlich ja nicht der erste Trainerwechsel. „Trotzdem war es für mich auch sehr emotional. Ich glaube, jeder wusste, was er am Trainer hatte.“

Künftig nicht mehr an der Seitenlinie: Sandro Schwarz. (Foto: Malino Schust)

Die Mannschaft müsse sich „vieles“ vorwerfen, bewertet Latza, der am Samstag von der Bank aus keine Chance hatte, das Drama mit abzuwenden. „Die Mannschaft hat sich, die Spieler haben sich in diese Situation gebracht. Jeder sollte sich hinterfragen, ob er wirklich alles gegeben hat, glaube ich, auch selbstkritisch sein.“ Die Ader arbeitet, während er einen Moment überlegt. Man müsse „trotzdem“ weitermachen, versucht die Nummer 6 den Blick von der Trainerentlassung in die Zukunft zu wenden. Müsse versuchen, etwas Positives aus der Situation mitzunehmen. Jeder wisse nun noch mehr, worum es gehe.

Die Mannschaft hat sich in diese Situation gebracht. Jeder sollte sich hinterfragen, ob er wirklich alles gegeben hat.

05-Kapitän Danny Latza

Latza ist nicht zu beneiden in diesem Moment. Die Fragen nach einem Wunsch in Sachen neuem Trainer schlägt er aus. Was soll er dazu auch sagen, außer, dass es jetzt Rouven Schröders Sache ist, den Weg vorzugeben. Jan-Moritz Lichte habe noch einige Worte an die Mannschaft gerichtet vor der Einheit am Morgen. Und alles Weitere? „Wir werden es sehen in den nächsten Tagen.“ Er, die Journalist*innen – und alle anderen. Für den Moment bleibt nur, abzuwarten, weiterzuarbeiten, bis eine Entscheidung steht.

Trübes Wetter, undefinierte Stimmung. (Foto: WP)

Zum Training zuvor hat sich eine Handvoll 05-Anhänger*innen eingefunden. Sie diskutieren den Auftritt von Torwart Robin Zentner im SWR am Sonntag und gehen gedanklich Trainer durch, die gerade zu haben sind. Bruno Labadia, finden einige, wäre – zumindest für den Moment – genau der Richtige. Wie es langfristig weitergeht auch da: Man wird es sehen.

Die Trainingsgruppe ist, bedingt durch die Länderspielpause, klein. Die Spieler wirken anfangs, als hätten sie am Morgen ein Memo bekommen, dass sie auf eine positive Ausstrahlung achten sollen, balgen sich wie kleine Jungs. Bald schon gehen sie aber konzentriert zur Sache. Jan-Moritz Lichte spricht viel mit dem Team, eine Hand in der Hosentasche unterstreicht er mit den ruhigen Gesten der anderen seine Worte. Normalität nicht nur zu vermitteln, sondern auch in die Köpfe und Beine hineinzubekommen, danach sieht jede Bewegung des Mannes aus, der in der aktuellen Situation gerne im Hintergrund bleiben möchte.

Klare Anweisungen, ruhige Einstellung: Jan-Moritz Lichte. (Foto: WP)

Als die Spieler schließlich in Kleinteams gegeneinander antreten, vermittelt das die Normalität erstmals an diesem Vormittag tatsächlich, zumindest ein wenig. Vieles ist da wie immer: Robin Zentner, der aus dem Tor mit lauten Worten seine Kollegen animiert. Alexandru Maxim, der sich auch im Training jede vergebene Chance zu Herzen nimmt. Florian Müller, der kurze Kommando auf Englisch gibt. Natürlich spüren die auf dem Feld jene, die am Rand stehen und beobachten, zumal auch das Presseaufkommen nochmal höher ist als in normalen Trainingswochen. Aber sie müssen sich davon freimachen, wie auch von allem anderen, was da gerade noch passiert.

Die Verantwortung für die veränderte Situation anzunehmen, wie Kapitän Danny Latza es fordert, ist das klare Ziel. Ihren nun ehemaligen Coach hat die Mannschaft am Ende im Stich gelassen, auch wenn sie das reichlich offensichtlich nicht wollte – die Erkenntnis vermittelt Latzas kurzer Auftritt sehr deutlich. Nun müssen sie gemeinsam wieder Verantwortung für den Verein übernehmen und endlich zu den 100 Prozent zurückkehren, die sie zuletzt nicht erreicht haben. Nach den Worten ihres Kapitäns zu urteilen, ist die Botschaft definitiv angekommen. Beim Testspiel am Freitag gegen Darmstadt 98 kann das Team dies erstmals wieder auch auf dem Platz unter Beweis stellen.

Die Woche am Bruchweg (45/19)

Das Training am Bruchweg in der Woche nach dem 0:8 in Leipzig beginnt ruhig. Auf dem Platz schleichen die Spieler anfangs noch merklich, doch im Laufe des Vormittags wird ihr Gang in der herbstlichen Sonne aufrechter. Zunächst aber scheint es, als laste die Anwesenheit der Kiebitze auf ihnen, das Wissen um die vielen Augenpaare, die auf ihnen ruhen, die Frage, was denken die Menschen am Spielfeldrand, was fühlen sie. Später wird Sandro Schwarz in der Medienrunde sagen: „Du schämst dich. Auch jetzt noch. Null zu acht zu verlieren, das ist brutal. Alles tut weh.“ Genau diesen Eindruck vermittelt sein Team um kurz nach zehn an diesem Dienstagmorgen.

Anfangsverkrampfung: Zu Beginn des Trainings wirken die Spieler gehemmt. (Fotos: WP)

Anfangsverkrampfung: Zu Beginn des Trainings wirken die Spieler gehemmt. (Fotos: WP)

Es wird das einzige öffentliche Training in dieser Woche bleiben. Eine regelmäßige Beobachterin erzählt, dass sie vor der Einheit mit Jean-Paul Boëtius gesprochen hat. „Ich habe ihm gesagt, wie weh das tut.“ Der Niederländer habe erwidert, für niemanden tue es ihnen, den Spielern, so leid, wie für die treuen Fans. Weder Mannschaft noch Verantwortliche weichen dem Kontakt mit den Anhänger*innen aus. Niemand verkriecht sich. Als Sandro Schwarz später gefragt wird, ob er sich anschaue, was derzeit in den sozialen Medien abgehe, ist seine Haltung klar. Natürlich bekommt er das zugetragen und: „Dass alle unzufrieden sind, das kann ich doch nachempfinden.“ Seine Räume aber sind andere, betont er – und dort ist er auch ansprechbar. „Wenn sie zum Training kommen und mich jemand darauf anspricht, dann können wir sehr gerne über diese Dinge sprechen.“ Das spüren auch die Autogrammjäger, die an diesem Tag vor Ort sind.

Eingrooven auf die wichtige Einheit.

Eingrooven auf die wichtige Einheit.

Vor Ort ist in einer Woche wie dieser auch deutlich mehr Presse als sonst. Alle wollen sich einen Eindruck machen, wie der Umgang zwischen dem Team auf und dem neben dem Platz wirkt. Unter den Fans ist anfangs vor allem Niko Kovac Thema. Hat er tatsächlich hingeworfen? Oder nicht? Soll man neidvoll auf diese Entwicklung in München schauen oder ist man froh über die hiesige Stabilität in Personalfragen? Auch Rouven Schröder hat schließlich die Mannschaft gefordert – und nicht etwa den Trainer infrage gestellt.

Zuversicht zurückerarbeiten.

Zuversicht zurückerarbeiten.

Dieser wehrt sich vehement gegen die Formulierung, das Team sei durch Schröders Aussage angezählt, und verteidigt seine Spieler leidenschaftlich. „Das mache ich nicht mit. ‚Diese Mannschaft!‘ ‚Diese Spieler!‘ Nein, nein, nein.“ Kopfschütteln untermalt seine Worte. „Da sitzt niemand und denkt sich: ‚Ich habe mit der ganzen Sache nichts am Hut.‘“ Wie eng die Spieler und das Trainerteam zueinanderstehen, ist auf dem Trainingsplatz zu beobachten. Schwarz feuert nicht nur, wie sonst, lautstark an, er ist auch ständig selbst an der Linie in Bewegung, als wolle er seine Worte zu den Spielern tragen.

Die kommunizieren sehr viel untereinander. Robin Zentner ist dabei abermals auffällig, Boëtius fungiert als leidenschaftlicher Lautsprecher und zudem immer wieder als Übersetzer. Deutlich ist zu spüren, wie Niakhatés Präsenz Spielzüge verändert. Die Intensität auf dem Feld nimmt zu und es scheint, als hätten die Trainierenden sich ein wenig von der Last des Wochenendes freigelaufen. Schwarz bestärkt und lobt seine Spieler. Aufbauarbeit nennt sich das wohl, für konstruktive Kritik bleibt diese Woche noch genug Zeit, ohne das fremde Augen und Ohren über die Kommunikation auf dem Platz wachen.

Meine Spieler geben mir Hoffnung.
Sandro Schwarz, Cheftrainer

Schwarz beschönigt nichts, als er später mit den Journalist*innen spricht. Er macht deutlich, wie beschissen sich der Samstag für alle Beteiligten angefühlt hat, wie peinlich und beschämend das Ergebnis für sie sei. In einer solchen Situation gebe es zwei Möglichkeiten, so der Trainingsleiter: Alles in Schutt und Asche legen, die Spieler an die Wand nageln und alles infrage stellen – für ihn der falsche Ansatz. Das erste Gegentor? Vermeidbar. In den ersten 25 Minuten sei danach viel so gelaufen, wie sich die Mannschaft das vorgenommen habe.

Gemeinsames Auslaufen nach dem Training.

Gemeinsames Auslaufen nach dem Training.

Ab dieser 25 Minute lautet sein Fazit: katastrophal. „Die größte Entschuldigung, die wir bringen können, ist die Leistung auf dem Platz.“ Wem sollten noch mehr Worte helfen? „Leistung. Das ist der einzige Weg, um alle zufriedenzustellen.“ Das schlechte Gefühl wollten sie schließlich auch selbst loswerden. „Die Entschuldigung muss man uns ansehen.“

Die krachende Niederlage in Leipzig vergleicht der Coach mit der 1:6-Pleite am dritten Spieltag gegen Bayern München. „Da kannst du die Schablone drauflegen.“ Jede Erkenntnis helfe dabei, gemeinsam weiterzuarbeiten. „Ich bleib dabei, wir haben zu viele Spiele verloren. Aber ich werde nicht sagen, sie sind nicht lernfähig. Sie verlieren den Kopf, ja.“ Da spiele auch der Faktor „junge Mannschaft“ mit hinein, gleichwohl Schwarz den nicht als Entschuldigung heranziehen mag.

Stattdessen, Einzelgespräche, weil jeder Spieler anders ist, auch in seinen Bedürfnissen. „Der eine braucht vielleicht mehr den Zuspruch, das Positive.“ Ein Beispiel hierfür ist Ronaël Pierre-Gabriel (21), der bei drei Startelfeinsätzen bisher ausgerechnet die Spiele bei den Bayern und RaBa Leipzig miterlebte und zudem in der Partie gegen Wolfsburg bereits nach einer Stunde vom Feld musste.

Trainerbesprechung.

Trainerbesprechung.

„Weil er diese zwei Extremerfahrungen gemacht hat, wenn du mit ihm in die Analyse gehst, macht es jetzt sicher wenig Sinn, ihm nochmal alles aufzuzeigen, wie schlecht das ist, sondern du musst die Dinge inhaltlich aufarbeiten und ihm zeigen, warum er hier ist und was für ein Potential er hat.“ Dazu gehöre auch die notwendige Geduld. „Der kann das, zu einhundert Prozent.“

Im Glauben an jeden einzelnen Spieler, mit dem er und sein Team arbeiten, zeigt Sandro Schwarz sich ungebrochen und beantwortet die Frage, was ihm in der aktuell schwierigen Situation die meiste Hoffnung mache, mit Nachdruck und großer Klarheit. „Meine Mannschaft. Meine Spieler geben mir Hoffnung.“ Am Samstag haben sie die Gelegenheit, diese Hoffnung auch bei der Anhängerschaft wieder zu entfachen.

Die Woche am Bruchweg (44/19)

„Tut mir leid, dass ich überzogen habe.“ Sandro Schwarz eröffnet die wöchentliche Medienrunde gut gelaunt. Er bringt sozusagen die Stimmung vom Training mit, wo die Spieler nach dem Heimsieg gegen den 1. FC Köln – der 100. in der Bundesliga – fokussiert, aber auch deutlich gelöst schienen. Dabei waren sie viel im Dialog miteinander und wirkten hungrig auf Tore und Trainingssiege. Zum Abschluss der Einheit spielte Robin Quaison quasi seinen wuchtigen Schuss vom Freitag nach. Gut habe sich das angefühlt, bestätigt Schwarz das Offensichtliche. „Da gilt es jetzt, dranzubleiben.“

Gelöste Stimmung beim Training.

Gelöste Stimmung beim Training.

Das gute Gefühl des Trainers lässt sich mit Zahlen belegen: Wurden bei der Auswärtspartie in Düsseldorf noch gerade 15 Verteidiger überspielt, waren es gegen Köln 55. „Kompliment an alle, wie wir mit dem Rückstand umgegangen sind“ betont Schwarz, der das 1:0 des FC aber nicht als Weckruf empfunden hat. Man habe auch in den ersten Minuten Zug zum Tor entwickelt und nicht etwa „nur hinten drin gestanden“.

Im Schatten des Bruchwegs.

Im Schatten des Bruchwegs.

Der Vergleich zwischen den Spielen bei der Fortuna und gegen Köln sei gut geeignet, um „den Jungs zu zeigen, was es bedeutet, wenn wir nicht den letzten Schritt machen in der Konsequenz.“ Abgesehen davon wolle er sich mit dem letzten Auswärtsspiel nicht mehr beschäftigen. „Das haben wir seriös aufgearbeitet.“ Man habe – nicht zum ersten Mal in der gemeinsamen Arbeit – bewiesen, dass die Mannschaft mit schwierigen Situationen umgehen und eine Reaktion darauf finden könne.

Unter Beobachtung.

Unter Beobachtung.

„Entscheidend für den Verein, unabhängig von den handelnden Personen, ist es, da nicht jedes Mal ein Krisenszenario aufzumachen“, sagt Schwarz. Diese Klarheit, bei den Verantwortlichen ebenso wie bei der Mannschaft, aber auch bei den Fans, sei enorm wichtig für den Club. „Das ist Mainz 05. Das dürfen wir nie vergessen. Es wird auch wieder schwierige Momente geben.“ Die Fans seien ein wichtiger Faktor gewesen, betont der Trainer, der eine klare inhaltliche Linie zieht von der Mitgliederversammlung am Anfang zum Spiel am Ende der Woche. „Mit dem Publikum im Kreuz, das ist einfach überragend. Genau das brauchen wir.“

Die Mannschaft steht nun mit neun Punkten aus neun Spielen auf Platz 13, exakt wie zum selben Zeitpunkt der Vorsaison, als allerdings die Tordifferenz mit -5 etwas besser war als heute (-9). Befragt nach den Unterschieden zwischen damals und heute erklärt Schwarz, der größte sei im Pokal zu finden, wo man in der Vorsaison mit zehn Mann die erste Runde überstand. Das habe eine ganz andere Stimmung gesetzt als nun das Pokalaus mit den bekannten Begleiterscheinungen in Kaiserslautern. „Und was uns im Vergleich fehlt, sind die Unentschieden.“ Die höhere Anzahl an Niederlagen habe sich in der Stimmung niedergeschlagen, bewertet er realistisch. Die zwei Siege aus den letzten drei Spielen sind da erste Schritte in die richtige Richtung.

Bällebad.

Bällebad.

Neben dem Platz
Stürmer Ádám Szalai hat einen Eintrag bei Facebook veröffentlicht, in dem er sich für eine Episode vom Wochenende entschuldigt. Bei einem Heimatbesuch in Ungarn war er nach eigenen Angaben nach dem Genuss eines Glas Weins mit 0,1 Promille auf einem E-Scooter gefahren und angehalten worden. Dafür musste er eine Strafe zahlen.

„Sorry sorry sorry sorry sorry sorry sorry sorry sorry“, schreibt der 05-Stürmer, der sich zugleich überrascht zeigt, wie die Sache an die Öffentlichkeit gelangt ist. Sandro Schwarz nahm es gelassen und witzelte, er behalte besser für sich, was er auf das „Geständnis“ erwidert habe, bevor er Szalai lobte: „Großartig, diese Offenheit, damit umzugehen. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, das ist kein Thema.“