05-Woche: Frauenpower, Hoppelboxen und ein Homeboy

Normalerweise steht an dieser Stelle die Gegnerbetrachtung. Aber manchmal kommt eben das Leben dazwischen, in diesem Falle meiner Gesprächspartnerin. Das ist dann auch okay so, weil es Dinge gibt, die größer sind als Fußball. Und weil ich persönlich es wichtig finde, wenn wir einander an bestimmten Punkten sagen können: Ich kann das jetzt (doch) nicht. Weil ich aber mit diesem Blogbeitrag ein paar Themen verbinden wollte, hier nun ein kleiner Mix.

Wie kommen Frauen zum Fußball? (Foto: FRÜF)

Wie kommen Frauen zum Fußball? (Foto: FRÜF)

Die erste Folge von FRÜF – Frauen reden über Fußball ist online. In zwei Segmenten sprechen wir über die sozialwissenschaftliche Komponente weiblicher Fußballsozialisation und unsere privaten Wege in diesen Sport. Hört doch mal rein und hinterlasst uns gerne Bewertungen und Rezensionen dort, wo ihr eure Podcasts abonniert.

Spendet für die Hoppelboxen. (Foto: WP)

Spendet für die Hoppelboxen. (Foto: WP)

Die Fanabteilung und der KidsClub machen zu Ostern bei Mainz 05 gemeinsame Sache und befüllen Geschenkboxen für Wohnungslose. Dafür werden Sachspenden gesucht, die in einen Schuhkarton passen müssen: Hygieneartikel, haltbare Speisen und nützliche Alltagsartikel. Ab dem 13. April, gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Sachen abzugeben: Samstag, 13. April, von 10 bis 17 Uhr im Haus der Jugend (Mitternachtsgasse 8), Montag, 8. April, bis Freitag, 12. April, von 8 bis 18 Uhr auf der Geschäftsstelle des 1. FSV Mainz 05 (Isaac-Fulda-Allee 5) sowie Mittwoch, 10. April, und Donnerstag, 11. April, von 18 bis 20 Uhr im Fanhaus Mainz (Weisenauer Straße 15). Beteiligt euch zahlreich an dieser schönen Idee.

Das nächste Heimspielwochenende der Mainzer wirft nicht nur sportlich schon jetzt seine Schatten voraus, sondern auch dank einer großartigen Ausstellung: Die Fan.Tastic Females – Football Her.Story kommen in der zweiten Woche der rheinland-pfälzischen und hessischen Osterferien nach Mainz. Mehr zur Wanderausstellung erfahrt ihr auf der Homepage, die einzelnen Veranstaltungen in Mainz werden via Facebook kommuniziert. Eine der wunderbaren Fan.Tastic Females kommt aus Dortmund, wohin die Reise der 05er an diesem Auswärtswochenende geht.

Die gute Nachricht der Woche lautet, dass Rouven Schröder nicht gerne in den Urlaub fährt. Oder wie wahr das? Ach, nein, der Sportvorstand des FSV ist kein Reisender. Was bedeutet, er bleibt in Mainz. War doch klar: Keiner verlässt den Verein.

05-Gegnerbetrachtung: Europa als Bremer Ziel ist richtig

Die Gegnerbetrachtung ist zurück. Vor jedem Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit PodcasterInnen, JournalistInnen oder BloggerInnen aus dem Umfeld des gastgebenden Vereins. Diesmal schätzt Julie Göths von FRÜF die aktuelle Lage bei Werder Bremen ein.

Die grüne Raute im Herzen: Julie Göths. (Foto: Bremen Next)

Die grüne Raute im Herzen: Julie Göths. (Foto: Bremen Next)

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Liebe Julie, danke, dass du dir so spontan Zeit für meine Fragen nimmst. Du gehörst (wie ich auch) zum Team von FRÜF – Frauen reden über Fußball. Wie nimmst du die Arbeit mit den Kolleginnen bislang wahr und warum hat FRÜF der Podcast-Landschaft zuvor gefehlt?

Die bisherige Zusammenarbeit ist ganz großartig. Auch wenn es natürlich am Anfang etwas schwierig ist, die vielen motivierten Frauen unter einen Hut zu bekommen, überwiegt einfach der unglaubliche Support innerhalb des Kollektivs. Man hat das Gefühl, dass wir aktiven Frauen auf der Suche nach einer Plattform waren, um uns auszutauschen und sie jetzt endlich gefunden haben – nicht nur im Podcast, sondern auch hinter den Kulissen in unserer Gruppe.

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WebFür die erste Ausgabe zum Thema „Weibliche Fußballsozialisation“ wolltest du von deinem Papa wissen, wie genau du zum Fußball gekommen bist. Hast du inzwischen eine Antwort von ihm erhalten?

Zum Zeitpunkt dieser Antwort leider noch nicht. Ich wollte allerdings auch nur sichergehen, dass ich nichts auslasse oder vergessen habe. Denn ich weiß noch sehr genau, dass mein erster Berührpunkt die WM 2006 war – das erste Fußballturnier, an das ich mich komplett erinnern kann und das ich intensiv verfolgt habe. Gleichzeitig hatten wir in der Schule (Funfact: Mädchengymnasium) Fußball im Sportunterricht, was mir Spaß gemacht hat. Dabei geblieben bin ich aber nicht. Spätestens, als ich im gleichen Sommer meinen Vater in Bremen besucht habe, und wir – unabhängig von einem Spieltag – am Stadion vorbeigelaufen sind, war es um mich geschehen und Werder Bremen ab sofort mein Verein. Im Laufe der nächsten Jahre bin ich dann Mitglied geworden und über die kostenlosen Eintrittskarten für Mitglieder unter 18 Jahren auch ins Stadion und alleine in die Ostkurve gekommen. In den vergangenen drei bis vier Jahren habe ich dann viele Werder-Fans kennengelernt. Unser Fanclub #Twerder, den wir 2015 gegründet haben, und die daraus entstandenen Freundschaften haben ganz sicher auch etwas damit zu tun, dass ich am Ball geblieben bin.

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Du hast es gerade schon erwähnt: In Sachen Verein schlägt dein Herz für Werder Bremen. Was ist die Essenz dieser Liebe und wie oft schaffst du es aktuell von Aachen, wo du studierst, ins Weserstadion?

Meine Mutter hat mal gesagt, dass ich unterbewusst etwas gesucht habe, das mich mit meinem Vater, auch Werder-Fan, verbindet. Ob das so stimmt, kann ich natürlich nicht genau sagen, aber ich bin natürlich trotzdem sehr froh, dass es so gekommen ist. Die Liebe zu Werder in Worte zu fassen, ist dennoch nicht so leicht. Spätestens die von #Twerder 2016 initiierte Fanaktion #greenwhitewonderwall hat mir aber gezeigt, dass Fans gemeinsam etwas in einem Verein und in einer Mannschaft bewegen können. Auch, wenn die Besuche in Bremen im vergangenen Jahr leider weniger geworden sind, ist das mein Antrieb, die Fahrt immer wieder anzutreten. Außerdem ist es aus meiner persönlichen Sicht natürlich ganz praktisch, dass es viele Bundesligisten in NRW gibt, denn Auswärtsfahrten gehören für mich genauso dazu.

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Werder Bremen gehört zu den Bundesligisten, die neben einem Herren- auch ein Frauenteam haben. Interessierst du dich für die Werder-Damen und hast du Einblicke, wie dort gearbeitet wird?

Rund um den Aufstieg im Jahr 2016 habe ich das Frauenteam intensiver verfolgt. Danach ist es leider deutlich weniger geworden, was bestimmt auch mit der medialen Präsenz zu tun hat, die Frauenfußball leider noch immer nicht ansatzweise gleichberechtigt bekommt. Man muss bei den gängigen Fußballportalen regelrecht nach Informationen suchen und bekommt sie nicht, wie beim Männerfußball, überall auf dem Silbertablett präsentiert. Auch bei Werder ist das leider so: Das eSports-Team hat einen eigenen Twitter-Kanal, die Frauen aber leider nicht. Die werden mit einem gemeinsamen Account mit dem NLZ abgefrühstückt. Nicht nur deswegen bin ich zuletzt aktiv Accounts gefolgt, die sich mit Frauenfußball beschäftigen.

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Du engagierst dich politisch, stellst dich deutlich gegen Rechts und bist Feministin. Warum ist Feminismus auch im Fußballumfeld wichtig und wieso gehört Politik ins Stadion?

Grundsätzlich gilt für mich, dass alles politisch ist. Zu behaupten, der Volkssport Nummer 1 könne sich davon lossagen, Auswirkungen und Einfluss auf die Gesellschaft zu haben, ist schlicht realitätsfern. Und gerade in einem so männerdominierten Sport wie Fußball müssen Rollenbilder und Stereotypen aufgebrochen werden. Frauen müssen sichtbar (gemacht) werden – als Teil des Stadions, der Szenen und des Sportjournalismus. Fußball muss mit seiner Strahlkraft Vorreiter sein, was Gleichstellung, Antidiskriminierungsarbeit und Antirassismus betrifft. Die Vereine sind in der Verantwortung, sich klar zu positionieren und Grenzüberschreitungen entgegen zu stehen.

Die Bremer Kurve ist politisch. (Foto: privat)

Die Bremer Kurve ist politisch. (Foto: privat)

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Inwiefern passen deine persönlichen Werte da auch zu deinem Herzensverein und wie würdest du die Fanlandschaft rund um Werder Bremen beschreiben?

Die Bremer Szene ist sich der Verantwortung des Fußballs bewusst. Sie positioniert sich klar gegen jede Form der Diskriminierung und fordert das auch vom Verein. Als Fans haben sie es geschafft, sich gegen Nazis in der Kurve zu wehren und wissen gleichzeitig, dass der Kampf gegen rechte Kräfte ein andauernder ist. Diese Anspruchshaltung an sich selbst sollte für uns alle ein Vorbild sein. Damit kann ich mich identifizieren und gehe auch so in meine politische Arbeit. Fan eines Vereins zu sein, dessen Fanszene Meinungen vertritt, die ich nicht teile, kann ich mir nicht vorstellen.

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In Sachen Sport ist Florian Kohfeldt als Cheftrainer seit November 2017 verantwortlich, der Vertrag hat inzwischen eine Laufzeit bis 2021. Werder hatte auch vor Kohfeldt in den letzten Jahren immer wieder Trainer, die sich extrem mit dem Verein identifizieren, trotzdem scheint seither alles nochmal enger zusammengerückt zu sein. Siehst du das auch so? Woran liegt es?

Abgesehen von den sportlichen Komponenten wie Training und spielerischer Gestaltung macht Florian Kohfeldt vor allem eins richtig: seine Kommunikation. Sowohl nach außen ist für alle Anhänger*innen und Beobachter*innen jederzeit klar, was seine Vision ist und wie er die erreichen möchte. Aber auch nach innen klappt das offensichtlich sehr gut. Er hat es geschafft und schafft es immer noch, die Mannschaft hinter seine Spielidee und seine Vision zu bekommen. Es gibt einen gesunden Konkurrenzkampf, ohne dass Spieler querschießen. Mit seinem Kommunikationstalent hat er es geschafft, dass in Bremen alle in Ruhe arbeiten oder zuversichtlich ins Stadion gehen können.

Die Heimat der Werder-Fans. (Foto: privat)

Die Heimat der Werder-Fans. (Foto: privat)

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Sportlich ist Kohfeldt spürbar ehrgeizig und scheut sich nicht, deutliche Ziele für sich und die Mannschaft zu formulieren. Nach 26 Spieltagen steht Bremen mit 39 Punkten auf Rang acht. Ist das für die angedachte Marschroute vielleicht schon zu wenig? Wie wichtig wäre Europa?

Zu allererst muss ich sagen, dass sich wohl alle Werder-Fans nach einer Saison wie dieser gesehnt haben: solide und fernab von Abstiegsängsten. Eigentlich der richtige nächste Schritt. Dass das Ziel Europa formuliert wurde, war trotzdem richtig. Die Alternative wäre gewesen, dass man das Niemandsland der Tabelle als Ziel ausruft. Daran wächst keine Mannschaft und sie entwickelt sich auch nicht weiter, wenn kein Anspruch an sie gestellt wird. Auch Spielern, die vielleicht nach Höherem streben oder potentiell zu Werder wechseln könnten, wird somit gezeigt, dass man sich nicht mit dem Mittelfeld zufriedengibt. Das Gute bei alledem: Sollte es mit Europa nicht klappen, geht in Bremen keiner auf die Barrikaden. Nicht zuletzt sind viele Fanherzen wohl durch den spektakulären Sieg im Pokal gegen den BVB für diese Saison zufriedengestellt worden.

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Aktuell stehen die Brüder Maximilian und Johannes Eggestein für ein Werder, das auf eigene Talente und junge Spieler setzt. Angeleitet wird das Team von seinem Kapitän Max Kruse in bestechender Form, andere erfahrene Spieler wie Nuri Şahin spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Ist das der perfekte Mix aus Routine und Hunger?

Was Max Kruse da seit Wochen abliefert, ist schon beeindruckend. Außerdem zeigt es mal wieder, wie wichtig ein Umfeld für einen Spieler sein kann, damit er seine Leistung abrufen kann. Das Bremer Spiel ist um ihn herum gebaut worden. Auch an seiner Aufgabe als Kapitän, was ja eine unpopuläre Entscheidung war, ist er nochmal gewachsen und versteht seine Rolle richtig. Als zentraler Mann in Spiel und in der Mannschaft sollte alles daran gelegt werden, ihn über die Saison hinaus halten zu können. Darüber hinaus stimmt auch die Mischung in der Mannschaft. Erfahrene Spieler wie Kruse, Şahin, Moisander, Langkamp und natürlich Pizarro ergänzen sich perfekt mit den jungen talentierten Spielern wie Johannes Eggestein oder Josh Sargent.

Max Kruse ist auch der aktuelle Kapitän bei Werder. (Foto: Silesia711 | CC BY-SA 4.0)

Max Kruse ist auch der aktuelle Kapitän bei Werder. (Foto: Silesia711 | CC BY-SA 4.0)

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In Bremen scheint, wie auch in Mainz, die Zusammenarbeit zwischen Profis und NLZ sehr intensiv und gut zu sein. Wie hart trifft es den Verein, dass die U23-Trainer Sven Hübscher und Tobias Hellwig, wie jetzt bekannt wurde, zum Saisonende gen Münster verlassen?

Die Vergangenheiten der letzten Profi-Trainer beim NLZ und der U23 haben mit Sicherheit dafür gesorgt, dass der Austausch zwischen diesen beiden Abteilungen intensiv und gut war. Dazu kommt, dass Werder immer ein Verein war, der sich seine Talente und Stars selbst „heranzüchten“ muss. Dass die beiden den Verein jetzt verlassen, ist zwar schade, aber verkraftbar. Mit Marco Grote (U19-Trainer) und Christian Brand (U17-Trainer) hat man zwei mögliche Nachfolger aus den eigenen Reihen. So kann an den bisherigen intensiven Austausch sowohl innerhalb es NLZ als auch in den Profibereich fast nahtlos angeschlossen werden.

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Zwischen Werder und Mainz gab es schon einige historische Spiele, nicht nur die bis vor kurzem höchste Bundesligapleite der 05er (1:6). Oft standen zuletzt beide Teams arg unter Druck vor der Begegnung, diesmal scheint der auf Mainzer Seite nach zuletzt sechs Pleiten aus sieben Spielen höher. Was ist deine Prognose fürs Spiel? Und wie geht es aus?

Auch wenn ich nach einer Länderspielpause meistens etwas vorsichtiger mit Prognosen bin, glaube ich in diesem Fall fest an eine gute Leistung und drei Punkte für Werder. Gerade zuhause sollte es mit Kohfeldt keine dummen Niederlagen geben.

KOMPAKT
Werder Bremen ist der beste Club der Welt, weil … hier für mich die Werte, die Haltung und die Fans ein rundes Bild abgeben mit dem man sich auch in den schnelllebigen Fußballzeiten identifizieren kann.
Was ich am Weserstadion besonders liebe, ist … die Lage und der Weg dorthin – über die Schlachte, durchs Viertel und an der Weser entlang. Da kann kein Stadion mithalten.
Mein ewiger Lieblingsspieler ist eindeutig … Ivan Klasnic, der auch der Flock auf meinem ersten Werder-Trikot war.
Wer Bremen besucht, sollte unbedingt … den oben beschriebenen Weg gehen. Die wunderschöne Altstadt rund um den Markt mit Rathaus, Dom und Büttcherstraße sollte man auch mitnehmen.
Besonders lecker essen Gästefans … bei Tandour im Viertel. Diesen, und nur diesen, Bremer Rollo (eine Rolle aus vorgebackenen Fladenbrot mit einer Füllung, nicht zu vergleichen mit Dürüm oder ähnlichem) sollte jede*r mal gegessen haben.

Vielen Dank für das Gespräch!

LETZTE WORTE
Seit Beginn der Rückrunde steht Andreas Bockius mit Klaus Hafner am Spielfeldrand. Bis Saisonende sind die beiden als Stadionsprecher-Duo gemeinsam am Start, in der kommenden Saison wird Bockius das Amt von 05-Legende Hafner übernehmen. In der aktuellen Folge Wortpiratin rot-weiß habe ich mit dem Neuen über seinen Job beim Verein gesprochen.

05-Gegnerbetrachtung: Das Ende einer Bayern-Ära?

Die Gegnerbetrachtung ist zurück. Vor jedem Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit PodcasterInnen, JournalistInnen oder BloggerInnen aus dem Umfeld des gastgebenden Vereins. Vor der Partie in München erzählt mir Max Ost vom Rasenfunk, was er am Spiel der 05er mag – und wieso in das Aus der Bayern in der Champions League nicht überrascht hat.

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Hallo Max, wie schön, dass du Zeit für meine Fragen hast. Seit 2014 betreibst du mit Frank Helmschrott den Rasenfunk, einen Sender mit bisher drei Formaten. Für die Handvoll Leute, die euch tatsächlich nicht kennen: Was macht ihr da und wieso tut ihr das?
Wir reden mit tollen Gästen über Fußball. In der „Schlusskonferenz“ über den vergangenen Bundesligaspieltag, im „Kurzpass“ über alles Mögliche aus der Welt des Fußballs und im „Tribünengespräch“ ausführlich über ein Thema. Von der Geschichte der Fußballtaktik bis zu biographischen Rückblicken mit Profis auf ihre Karriere und den Football Leaks – bei uns wird ein breites Spektrum abgedeckt. Dabei versuchen wir, möglichst sachlich und fundiert zu sein.

Max und Frank sind die Macher hinter dem Rasenfunk. (Foto: Rasenfunk)

Max und Frank sind die Macher hinter dem Rasenfunk. (Foto: Rasenfunk)

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Im Oktober seid ihr von der „Deutschen Akademie für Fußballkultur“ als bester Podcast mit dem Fanpreis des Jahres 2018 ausgezeichnet worden. Wer von euch beiden durfte den Pokal eigentlich mit heimnehmen und was hat sich seither für euch und das Projekt verändert?

Der Pokal steht bei mir im Büro, Frank hat ihn mir überlassen und so halte ich ihn in Ehren. Durch den Preis können jetzt mehr Menschen außerhalb der Podcast-Filterblase etwas mit dem Rasenfunk anfangen. Gefühlt hilft uns das bei Gästeanfragen. Wir bekommen zwar immer noch viele Absagen, aber nur nette. Und es war einfach etwas Besonderes, nach so viel Arbeit mal einen Abend lang so viele Schulterklopfer zu bekommen. Das ist ein guter Antrieb.

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Stichwort Finanzierung: Der Rasenfunk ist werbefrei, wer eure Arbeit unterstützen möchte, kann dem Supporters Club beitreten. Verrätst du da Zahlen? Wie viele SupporterInnen sind aktuell an Bord und wie weit trägt deren monetarisierte Liebe für euren Podcast?

Genaue Zahlen möchten wir nicht nennen, weil sie ohne Bezug zu unseren Kosten nicht arg viel aussagen. Und in meinem Fall betreffen die Kosten private Dinge wie Miete, Kindergartengebühr und so weiter. Aber: Seit Beginn der Bundesligasaison lebe ich nur vom Rasenfunk und komme damit über die Runden. Wir haben viele Unterstützerinnen und Unterstützer, die meist einen kleinen Eurobetrag pro Monat überweisen. Manche auch wesentlich mehr. Im Grunde ist es völlig irre, mit freiwilligen Kleinbeträgen seinen Alltag finanziell zu stemmen. Das will mir manchmal nicht in den Kopf, so selten und grandios das ist.

Wer den Rasenfunk finanziell unterstützen möchte, kann das im Supporters Club tun. (Logo: Rasenfunk)

Wer den Rasenfunk finanziell unterstützen möchte, kann das im Supporters Club tun. (Logo: Rasenfunk)

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Du bist Podcaster, Fußballbegeisterter, Social-Media-Crack, Zwillingspapa von Mädchen und Fan der Münchner Bayern. Erste Frage, wie bekommst du das zeitlich unter einen Hut? Dann will ich natürlich von dir wissen, wie du eigentlich Bayernfan geworden bist – und ob es auch Momente gibt, in denen dir das deine Arbeit am Rasenfunk schwermacht?

Zwei Faktoren sind wichtig: 1. Mein Leben besteht zu großen Teilen aus dem Rasenfunk und den Kindern. Eine ganze Reihe von anderen Dingen kommt zu kurz. 2. Viel Arbeit am Rasenfunk findet nachts statt. Und zum Fandasein: Ich komme aus einer Gegend, in der es eigentlich nur Club-Fans gab. Der Platzwart meines Dorfvereins war aber Bayernfan und hat es geschafft, meine drei Brüder und mich anzustecken. Ich gehe vor allem deshalb offen mit meiner Fanleidenschaft um, damit die Hörerinnen und Hörer sich ihr eigenes Bild machen können. Spricht da jetzt jemand durch die Bayernbrille oder nicht? Ich verstehe nicht, warum nicht mehr Journalistinnen und Journalisten offen mit ihrem Herzensverein umgehen. In den meisten Fällen sehe ich Dinge bei Bayern sogar kritischer als andere. Ich hoffe deshalb auch, dass es meine Arbeit nicht schwerer macht. Manche Leute hören deshalb nicht in den Rasenfunk rein, vielleicht finden ihn manche deshalb auch doof. Aber die hätte ich anders ja auch nicht überzeugt bekommen, also ist das einfach so. Verstellen könnte ich mich bei so vielen Sendungen sowieso nicht.

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Vorm Heimspiel der Bayern gegen Wolfsburg kam Joachim Löw nach München, um Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng mitzuteilen, dass sie unter ihm nicht mehr in der Nationalmannschaft spielen werden. Wie schätzt du die Wirkung dieser Entscheidung auf den FCB ein und kannst du sie sportlich nachvollziehen?

Für den FC Bayern ist sie mittelfristig positiv. Die Spieler konzentrieren sich auf den Verein, bekommen Auszeiten, wollen es sich und anderen nochmal beweisen. Und – so viel Wahrheit gehört dazu – alle drei sind auch im Verein nicht mehr gesetzt. Ich kann die Endgültigkeit, den Zeitpunkt und die Form der Entscheidung nicht nachvollziehen. Betrachtet man die Art und Weise, wie Joachim Löw in der Vergangenheit gehandelt hat, kann einen das aber auch nicht überraschen. Er tut sich damit sehr schwer, Spieler auszusortieren und das sauber abzuwickeln.

Für jeden was dabei: Die Podcast-Landschaft in Sachen Sport wächst und wächst. (Montage: Rasenfunk)

Für jeden was dabei: Die Podcast-Landschaft in Sachen Sport wächst und wächst. (Montage: Rasenfunk)

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Eine Zeitlang sah es so aus, als bleibe der Meisterschaftskampf diese Saison länger spannend. Für Außenstehende war das ehrlich gesagt eine Wohltat. Nun stehen die Bayern dank besserer Tordifferenz wieder vor dem BVB. Wurde in München zuletzt sehr viel richtiggemacht – oder profitiert der FCB von einer Schwächephase des BVB, denen Marco Reus schmerzlich fehlte?

Wer von den letzten 13 Spielen 12 gewonnen hat, kann nicht so viel falsch gemacht haben. Das allein hat den FC Bayern aber nicht wieder an die Tabellenspitze gebracht, die Punktverluste der Dortmunder gehören dazu. Im Grunde kann aber beides nicht überraschen: Dortmund hat nicht die Kaderbreite, um einen Ausfall wie den von Reus oder Formschwächen von Hakimi und Sancho aufzufangen, der FC Bayern wiederum hat durch seinen irrsinnigen Etat einen so großen Wettbewerbsvorteil, dass Siege die Regel und nicht die Ausnahme sind.

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Zu Beginn der Saison hat Niko Kovač das Traineramt in München übernommen. Zu Anfang stand er enorm in der Kritik und wenn es nicht wunschgemäß läuft, werden schnell Stimmen laut, die sagen, er sei für diesen Verein nicht der Richtige. Wie beurteilst du seine bisherige Arbeit in München, was gefällt dir an seinem Führungs- sowie Trainingsstil und wo würdest du ihm in einem Zwischenzeugnis noch Nachholbedarf bescheinigen?

Wie so oft ist es bei den Bayern schwierig, die Arbeit des Trainers mit der Qualität des Kaders aufzuwiegen. Wer hat welchen Anteil am Erfolg? Was mir an Niko Kovač gefällt, ist seine souveräne Art im Umgang mit den Medien. Er bietet nicht allzu viele Knallerzitate an, ist aber dennoch relativ offen im Austausch mit Journalisten. Das ist eine für alle Seiten funktionierende Konstellation. Und es gibt hier auch eine Parallele zu seinem Umgang mit den Spielern: So, wie er die Journalisten von der Qualität seiner Arbeit überzeugen musste, war das auch bei den Profis der Fall. Hier hatte er zu Beginn der Saison eine Idee, die wesentlich auf Rotation in einem ansonsten kleinen Kader beruhte, von der er aber nach der sportlichen Talfahrt und wie man hört offenen Gesprächen mit dem Mannschaftsrat dann abgerückt ist. Seitdem gibt es wieder eine klarere Startelf, die Spieler wissen eher, wo sie stehen. Und so lange der FC Bayern gewinnt, geht das auch gut. Nachholbedarf sehe ich im Positionsspiel im Ballbesitz sowie beim Erarbeiten kreativer Zugänge in den gegnerischen Strafraum.

Und wann kehrt Giovane Élber zum FC Bayern zurück? Im Rasenfunk war er schon. (Foto: Rasenfunk)

Und wann kehrt Giovane Élber zum FC Bayern zurück? Im Rasenfunk war er schon. (Foto: Rasenfunk)

8
Für den Sommer haben die Verantwortlichen des FC Bayern zuletzt mehrfach einen großen Umbruch angekündigt. Ist das eine Aufgabe, die du Hasan Salihamidžić zutraust? Irgendwie wirkt er seit Beginn seiner Münchner Zeit leicht angezählt, das macht es schwer, seine Arbeit inhaltlich zu beurteilen. Und wie stehst du zur immer wahrscheinlicher werdenden Rückkehr von Oliver Kahn?

Es ist schwierig, das Handeln von Salihamidžić zu bewerten. Das liegt an seinem Auftreten in der Öffentlichkeit, aber auch an dem Korsett, in dem er sich bewegt: An dessen einer Schnur zieht Uli Hoeneß, an der anderen Karl-Heinz Rummenigge. Salihamidžić bekommt dabei mal mehr, mal weniger Spielraum, sich selbst zu entfalten. Da sich in den Strukturen unter Salihamidžić (Scouting vor allem) nichts geändert hat, ist ihm der Umbruch durchaus zuzutrauen. Was Sportdirektoren unter Rummenigge und Hoeneß aber immer gemein bleiben wird, ist die Frage, wer dann eigentlich die Entscheidungen getroffen hat und für Erfolge wie Misserfolge verantwortlich ist. Oliver Kahn ist die logische Nachbesetzung von Rummenigge und vielleicht hat er sich dadurch, dass er sich zwischenzeitlich aktiv vom Verein entfernt hat (auch in der Rhetorik), sogar noch attraktiver gemacht. Jeder, der nach Hoeneß und Rummenigge kommt, steht vor einem Mount Everest an Erwartungen. Ich traue Kahn mehr als anderen Kandidaten zu, mit dieser Erwartungshaltung gut umzugehen.

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In der Champions League war gegen Liverpool im Achtelfinale Schluss. Wie überrascht bist du? Ist das einfach eine verlorene Partie oder, wie Tobias Escher schreibt, das Ende einer Ära? Und werden die Bayern jetzt in Liga und Pokal umso unerbittlicher?

Nein, überrascht hat mich das nicht. Ein Weiterkommen gegen Liverpool ist immer schwierig und wer ein paar Spiele beider Mannschaften dieses Jahr gesehen hatte, der wusste, was für eine Mammutaufgabe da auf die Bayern wartete. Erfolgreiche Zeiten von Mannschaften enden selten in einem Spiel, ich glaube aber schon, dass wir in ein paar Jahren den Endpunkt der erfolgreichen Heynckes/Guardiola-Zeit mit seinen positiven Nachwirkungen bis heute mit dem Liverpool-Spiel markieren werden. Tut mir leid, Fortuna Düsseldorf. Ihr wart nah dran. Der FC Bayern wird in der nächsten Saison ein deutlich verändertes Gesicht haben. Mal sehen, wie gut es sich anschauen lässt. Auf die Reaktion in Pokal und Liga bin ich sehr gespannt. Der Reflex müsste eigentlich wütender Wille sein, aber das hätte man auch schon nach dem 1:2 gegen Liverpool so erwarten können und sah davon nichts.

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Am Wochenende muss das Team gegen Mainz wieder den Bundesliga-Alltag annehmen. Die Mannschaft von Trainer Sandro Schwarz hat aktuell mit einer akuten Abschlussschwäche zu kämpfen. Auch über den Ballbesitz werden die 05er in München wohl nichts holen, eher kann ihre zuletzt stark verbesserte Laufleistung ein Pfund werden. Wie wird Kovac seine Elf gegen diese Mainzer aufstellen? Was für ein Spiel erwartest du und hast du einen Ergebnistipp?

Es wird sehr interessant sein zu sehen, wie die Spieler auf das Aus in der Champions League reagieren. Im letzten Jahr hallte die Halbfinalniederlage gegen Real noch bis ins DFB-Pokalfinale nach. Ich erwarte wütende Bayern, die sich jedoch nicht an Kreativität überbieten werden. Tendenziell schlagen die Münchner unter Kovac sehr viele Flanken und gerade damit können Bell und Niakhaté (wer auch immer davon spielt) sehr gut umgehen. Ich bin gespannt, ob Mainz wieder mit Raute aufläuft und wie häufig sich die im Ballbesitz auch formieren kann. Gegen den Ball kriegt man damit das Zentrum schnell dicht, das wird sicher wichtig sein. Aber die Frage ist eben, wie oft Mainz Entlastung schaffen und längere Ballbesitzphasen einstreuen kann. Verwundbar sind die Bayern dann vor allem über Umschaltsituationen. Ich tippe auf ein 3:1 für Bayern.

Alles im Blick: Arbeitsplatz von Rasenfunker Max Ost (Foto: Rasenfunk)

Alles im Blick: Arbeitsplatz von Rasenfunker Max Ost (Foto: Rasenfunk)

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Du beobachtest durch den Rasenfunk ja regelmäßig alle Bundesligisten- Wie gefällt dir die Spielweise der 05er, auch im Vergleich zur Vorsaison, und was traust du ihnen im weiteren Verlauf der Serie noch zu? Und wie beurteilst du den Ansatz von Sandro Schwarz?

Zeitweise war der Fußball von Mainz nicht mit der Vorsaison vergleichbar. Wesentlich passsicherer, strukturierter und mit einer offensiv ausgerichteten Positionierung. Mir gefällt an Mainz die Besetzung des Zehnerraums sowie die Nachrückbewegungen der Achter, sobald der Ball mal auf dem Flügel ist. Dadurch ergeben sich immer wieder Ballkontakte vor dem gegnerischen Strafraum. Wenn Mainz jetzt noch die Distanzschüsse durch Steckpässe, Verlagerungen oder Lupfer ersetzen würde… Ebenfalls gut finde ich die Interpretation der Außenverteidigerposition von Brosinski und Aarón. Gerade Letzterer ist immer so ein bisschen der Seismograph dafür, wie gut Gegner auf Mainz eingestellt sind. Kommt er selten hinter die Abwehr oder kann isoliert ins Dribbling gehen, dann fehlt dem Spiel der 05er eine wichtige Komponente, die am ehesten durch Vorrückbewegungen von Kunde, Gbamin oder Latza ersetzt werden kann.
Wo ich noch Verbesserungspotenzial sehe, sind die Bewegungen der ein bis zwei Spieler innerhalb des Strafraums im offensiven Ballbesitz. Bei Flanken passt das meistens (einer kurz, einer lang – wenn es zwei sind), da ist der Rückraum aber nicht immer besetzt (eventuell auch aus Respekt vor dem Konter) und wenn Mainz zentral vor dem Strafraum den Ball hat, gibt es fast gar keine diagonalen Bewegungen, die einen Pass mit gutem Winkel für die Annahme ermöglichen. Ich glaube dieser Punkt hat aber auch damit zu tun, dass die Besetzung der Offensive nicht final geklärt ist und die Rollen je nach Gegner anders verteilt werden. Ich mag den Ansatz von Sandro Schwarz aber, mit Mainz erst offensiv und dann defensiv zu denken. Dieser Mut passt nicht nur zum Verein und seiner Geschichte, er bietet vor allem den jungen Spielern auch eine attraktive Perspektive. Sich im Offensivspiel auszuzeichnen ist leichter als in der Defensive zu glänzen. Und hinten steht ja traditionell ein starker Torhüter sowie mit Bell und Niakhaté zwei richtig Gute. Pro Saison sehe ich um die 150 Spiele in voller Länge – über Spiele von Mainz freue ich mich in diesem Jahr.

KOMPAKT
Der FC Bayern ist der beste Club der Welt, weil … er es nicht ist. Leider gibt es den perfekten Fußballklub nirgendwo.
Was ich an unserem Stadion besonders liebe, ist … der C12-Stand. Ich bin nicht mehr oft im Stadion, aber das Gefühl, dort immer Freunde und Bekannte zu treffen, egal bei welchem Spiel, ist durch nichts zu ersetzen.
Mein ewiger Lieblingsspieler ist eindeutig … Miroslav Klose. Und er wird ein großartiger Trainer werden.
Wer München besucht, sollte unbedingt … ins Stadion an der Schleißheimer Straße und dort Fußball schauen, was trinken und essen.
Besonders lecker essen Gästefans … neben dem Stadion an der Schleiß im Obacht nebenan oder im Fraunhofer an der Fraunhoferstraße.

Vielen Dank für das Gespräch!

LETZTE WORTE
WebEs gibt jetzt einen neuen Podcast: FRÜF – Frauen reden über Fußball. Dahinter steht ein stetig wachsendes Kollektiv fußballbegeisterter Frauen, die künftig einmal im Monat in wechselnder Besetzung über alles sprechen, was sie am Fußball interessiert. „Wir sind Fans, Journalistinnen, Spielerinnen – und manche von uns sogar alles davon. Wir sind diskussionsfreudig, aber solidarisch. Uns interessieren fußballerische Trends, der Diskurs über 50+1 und die gesellschaftliche Relevanz von Antirassismus-Kampagnen des DFB genauso wie die Unterschiede im Umgang mit Frauen- und Männerfußball, die weibliche Fußballsozialisation und der Umgang mit Sexismus im Stadion.“ – Und ich bin Teil dieser wunderbaren Gruppe. Die Nullnummer könnt ihr euch hier anhören. Abonniert uns und verbreitet die frohe Kunde!

05-Gegnerbetrachtung: Alte Dame in neuem Glanz

Die Gegnerbetrachtung ist zurück. Vor jedem Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit PodcasterInnen, JournalistInnen oder BloggerInnen aus dem Umfeld des gastgebenden Vereins. Diesmal erzählt Henry Cieslarczyk vom Podcast „Damenwahl Berlin“ von der Saison der Hertha.

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Hallo Henry, danke, dass du dir die Zeit für meine Fragen nimmst. Ich habe gelesen, du bist zur Hertha gekommen, weil du im Herbst 1996 mit Kumpels Fußball schauen wollest und ein Spiel im Olympiastadion das Beste war, was der Abend hergab. Erzähl uns von diesem ersten Stadionbesuch und warum du wiedergekommen bist.

HenryHm, was habe ich da denn erzählt? Naja, ganz falsch ist es ja nicht. Vereinsfußball fand für mich in Berlin Anfang bis Mitte der Neunziger praktisch nicht statt. Der BFC, zu dem ich manchmal in den 80ern noch gegangen bin, war für mich nicht mehr erträglich, zu Union hatte ich noch nie eine Beziehung, und der Rest der Berliner Vereine war irgendwie nicht wahrnehmbar.
Aber anders als deine Frage andeutet, bin ich schon gezielt ins Stadion gegangen. Ich weiß allerdings nicht mehr, wer der Gegner war. Was ich allerdings noch weiß ist, dass Hertha gewonnen hat und dass vielleicht 10.000 Zuschauer im Stadion waren. Vielleicht nur zur Erinnerung die Namen von zwei, drei Spielern, die auch überregional noch einen kleinen Bekanntheitsgrad haben könnten: der Stürmer Axel Kruse, der Keeper Christian Fiedler und der zum Verteidiger umgeschulte Jolly Sverrisson. Sowie ein gewisser Michael Preetz.
Offensichtlich war es kein sonderlich erinnerungswürdiger Kick. Aber immerhin hat er dafür gesorgt, dass ich wiederkommen wollte. Und das tat ich dann auch, regelmäßig. Und ich konnte zusehen, wie sich die Besucherzahl Schritt für Schritt immer weiter erhöhte. Das Ganze gipfelte dann in der für alle Herthaner inzwischen legendären Partie gegen den 1. FC Kaiserslautern, einem Montagsspiel, bei dem auch lange nach Anpfiff dem Ansturm der Massen folgend Block um Block geöffnet wurde, bis das Stadion restlos gefüllt war. 74.000 sahen einen 2:0 Heimsieg, der die Tür zum Aufstieg weit aufstieß. War eine geile Saison.

Herthaner würden die alte Dame wählen. (Foto: HS)

Herthaner würden die alte Dame wählen. (Foto: HS)

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Zusammen mit Steffen und Micha betreibst du den Podcast „Damenwahl Berlin“. Als Grund hast du mal in einem Interview angegeben, du warst es leid, die herablassenden Berichte über den Hauptstadtclub in überregionalen Medien zu lesen. Wie berichtet ihr über den Club? Und woher kennt ihr Drei euch ursprünglich?

Wir berichten so, wie sich Fußballfans auch am Stammtisch unterhalten: mal analytisch, mal emotional, mal ganz sachlich, dann wieder extrem subjektiv, mal ruhig, mal aufgeregt. Hoffentlich jedoch nie langweilig. Aber eigentlich ist es wohl öfter als notwendig so eine Art Schmerztherapie. Gegenseitiges Wundenlecken und Rückenkraulen.
Kennengelernt haben Steffen und ich uns auf dem Twitterstammtisch Berlin, dem #tpber. Zuerst waren Steffen und ich alleine, etwas später ist Michael dazu gestoßen. Auch er war vorher ein ständiger Gast auf dem Twitterstammtisch. Dazu laden wir uns regelmäßig Gäste ein: andere Herthaner, Fans anderer Vereine, aber auch Journalisten und Vereinsvertreter.

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In der Fußnote eurer Homepage steht das wunderbare Zitat: „Irgendwann wird mich dieser Verein noch ins Grab treiben“ – anonymer Fußballfan. Wunderbar, weil es auf jeden Club übertragbar ist. Und dann finde ich „treiben“ auch so viel deutlicher als „bringen“. Warum geht es trotzdem nicht ohne die alte Dame und den Fußball?

Wat willste machen? Nützt ja nüscht. Muss ja. Ohne Hertha isses ja ooch scheiße.

Dárdai als Spieler der Hertha. (Foto: Steindy / CC BY-SA 3.0)

Dárdai als Spieler der Hertha. (Foto: Steindy / CC BY-SA 3.0)

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In den 2010er Jahren ging es im Hauptstadtclub noch eher turbulent zu: Auf- und Abstiege, das wohl bekannteste Relegationsspiel der Neuzeit und öffentlicher Zoff zwischen Manager Michael Preetz und diversen Trainern. Seit Pál Dárdai als Trainer übernommen hat, scheint Ruhe eingekehrt zu sein. Was macht der Trainer richtig? Und was hat sich im Hintergrund verbessert, wie haben die Verantwortlichen sich gefangen?

Eigentlich gab es nur mit einem Trainer richtig Zoff. Das war Markus Babbel. Diese Koryphäe der Trainerzunft kann seine überragenden Qualitäten nun in der australischen Liga unter Beweis stellen. Über die Umstände des Machtwechsels von Manager Dieter Hoeneß zu Preetz im Sommer 2009 und die dramatische finanzielle Schieflage, die der Manager hinterlassen hat, ließen sich Bände füllen. Holprig waren der Übergang und die ersten Jahre auf jeden Fall. Der alte Manager hat kein geordnetes Haus übergeben und dem neuen Manager, der damals auch zielsicher in einige Fettnäpfchen trat, fehlten zu Beginn Erfahrung und Mittel, das Desaster abzuwenden. Es dauerte zwei Abstiege und zwei Aufstiege, bis sich das System wieder gefangen hatte.
Pál Dárdai kam dann zum genau richtigen Zeitpunkt. Dárdai, im Januar 1997 mit gerade mal 20 Jahren nach Berlin gewechselt, steht wie kaum ein anderer derzeit für Hertha BSC. Nach seiner aktiven Karriere begann er seine Trainerlaufbahn. Er befolgte den Rat seines Vaters, der auch Trainer war: „Beginne mit den Kindern.“ Also startete er seine Trainerlaufbahn in der Jugendabteilung von Hertha BSC. Zum Zeitpunkt seines Wechsels zum Cheftrainer stand er gerade dem Jahrgang vor, der derzeit die Augen vieler Herthaner leuchten lässt: den 99ers. Und die zieht er jetzt Schritt für Schritt hoch in den Männerbereich. Im Hintergrund hat Preetz nach der One-Man-Show Hoeneß die Strukturen verändert, ein neues Betriebsklima geschaffen, andere Verantwortlichkeiten gesetzt. Das war ein andauernder Prozess, der eigentlich auch nie ein Ende findet.

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Bei der Mitgliederversammlung im November konnte Finanzgeschäftsführer Ingo Schiller sowohl den ersten Gewinn nach Steuern seit 2014 verkünden, als auch, dass der eingetragene Verein Hertha BSC den Finanzinvestor KKR ausbezahlt hat und nun wieder 100 Prozent der Anteile der Hertha BSC & Co. KGaA hält. Was bedeutet die Loslösung vom Investor für den Verein und wie ist die finanzielle Stabilisierung gelungen?

Der Investor KKR war für Hertha ein Glücksgriff. Vom ersten Tag bis zum endgültigen Ausscheiden war von KKR nicht ein einziges Wort in der Öffentlichkeit über das Engagement bei Hertha zu hören. KKR hat geholfen, als die Hilfe nötig war, und sie sind mit dem verzinsten Einsatz ihres Investments wieder aus der Teilhaberschaft entlassen worden. Was will man mehr? Diese Jahre konnte Finanzchef Schiller nutzen, die finanzielle Sanierung des Vereins fortzusetzen. Einfach ist das nicht, und es werden derzeit auch wieder Schulden gemacht. Wollen wir mal hoffen, dass nicht wieder der alte Schlendrian einreißt.
Derzeit gehören wieder alle Anteile der KGaA dem Verein Hertha BSC. Die Geschäftsführung ist aber auf der Suche nach einem neuen Investor, der dann für das neue Paket einen wesentlich höheren Preis zahlen müssen wird, als es KKR damals getan hat.

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Beim Auswärtsspiel in Dortmund im Dezember wurden im Fanblock Bengalos abgebrannt. Die Polizei ist in den Block gegangen, was sehr ungewöhnlich ist, es kam zweifellos zu unschönen Szenen, die aber ebenso zweifellos im Nachhinein extrem hochgespielt wurden. Der Verein hat sich, so das Gefühl vieler Fans, damals gegen die Szene gestellt und im nächsten Heimspiel Fahnen und Banner verboten. Wurde die Geschichte aufgearbeitet und wie ist die Stimmung zwischen Verein und Fans aktuell?

Nach jenem Wochenende droschen sich beide Seiten, Vereinsführung und Fans, erstmal ihre gegenseitige Abneigung um die Ohren. Es waren keine schönen Tage. Aber nicht lange später taten sie das einzig Vernünftige: Sie trafen sich an einem ruhigen Ort und redeten miteinander. Seitdem hat sich die Stimmung wesentlich gebessert. Es hat auf beiden Seiten ein Einsehen gegeben, dass es keine Lösung sein kann, gegeneinander zu agieren. Zum Wohle des Vereins haben sie sich zusammengerauft.

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Die Hertha ist richtig gut in die Saison gestartet: In den ersten fünf Spielen gab es drei Siege, ein Unentschieden und erst am fünften Spieltag eine Niederlage gegen Bremen. Dann gelang ein Sieg gegen die Bayern, auf den mit einer Serie von Unentschieden und Niederlagen eine Delle folgte. Erst am 13. Spieltag gab’s wieder einen Dreier. Was lief in der Phase schief?

Zu Beginn der Saison konnte Hertha über das Zentrum ein sehr druckvolles Spiel aufbauen. Das wiederum entlastete die beiden Außen, die anders als in den Jahren zuvor nicht die Hauptlast der Offensive zu tragen hatten. Somit boten sich tolle Optionen im Angriffsspiel über die beiden Flügel.
Später konnte diese Spielweise nicht aufrechterhalten werden. Mangels Dominanz im Zentrum genügte es der gegnerischen Verteidigung meist, die Außen zuzustellen und damit das Angriffsspiel von Hertha wirksam zu behindern. Nicht zufällig fiel die Verletzung von Marko Grujic genau in diese Phase.

Blauweiße Berliner erwarten rotweiße Mainzer. (Foto: HS)

Blauweiße Berliner erwarten rotweiße Mainzer. (Foto: HS)

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In der Rückrunde gab’s eine Niederlagen gegen Wolfsburg, Siege in Nürnberg und Gladbach, das Unentschieden gegen Bremen und nach dem Aus gegen die Bayern im Pokal nun auch in der Liga eine Niederlage, die aber vermeidbar schien. Wie bewertest du die bisherige Saison insgesamt? Sehen wir da ein Team in der Entwicklung oder eines, das bisweilen unter seinen Möglichkeiten bleibt?

Wir sehen ein Team in der Entwicklung, aber mit manchmal stotterndem Motor. Es hängt noch zu viel davon ab, ob alle Leistungsträger an Bord sind. Hertha ist – wie die meisten Mannschaften der Liga – nicht oder nur eingeschränkt in der Lage, Verletzungsausfälle kompensieren zu können.
Leider hängt aber auch viel davon ab, ob auf der anderen Seite des Platzes die Spitzenteams stehen oder die Schlusslichter. Gegen die Ligaführenden tut sich Hertha in dieser Saison wesentlich leichter. Muss eine Kopfsache sein.

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Aktuell steht Hertha BSC mit 32 Punkten auf Tabellenplatz zehn und damit zwei Zähler und eine Position vor Mainz 05. Wie zufrieden ist das Umfeld mit dem oft als Niemandsland der Tabelle ausgerufenen hinteren Mittelfeld und wo will Dárdai mit dieser Mannschaft hin?

Das Ziel war ein einstelliger Tabellenplatz. Nicht ausgesprochen, aber sicher angestrebt, möchte die Mannschaft sicherlich auch gerne einen Europapokalrang erreichen. Machbar ist das sicherlich. Das Umfeld scheint mir angesichts der deutlichen spielerischen Entwicklung dieses Jahr die Situation weitaus wohlwollender zu begleiten als in früheren Spielzeiten. Die spielerischen Ausschläge sind größer. Und es sind eben regelmäßig echte Highlights zu erleben. Das wird honoriert.

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Im Spiel gegen Mainz 05 am Samstag muss Dárdai auf Karim Rekik verzichten. Der hatte im Spiel gegen die Bayern Robert Lewandowski geschubst, nachdem der ihn zuvor mit dem Fuß am Kopf getroffen hatte. Lewandowski hat darauf mit der leider üblichen Theatralik reagiert. Wie sehr nervt einerseits dieser Reflex, sich sofort das Gesicht zu halten, als würden sonst alle Zähne auf den Rasen fallen? Und wie schwer wiegt die Sperre des Verteidigers?

Wir drei vom Podcast haben Lewandowski via Twitter gute und schnelle Genesung ob seiner schweren Gesichtsverletzung gewünscht. Hoffentlich werden sich keine dauerhaften Schäden einstellen. Come back stronger, Robi! Für ein Spiel werden wird Rekiks Ausfall hoffentlich kompensieren können. Aber der Mann ist eine Wucht. Leider wird wohl auch Jordan Torunarigha fehlen. Nicht schön, aber auch nicht zu ändern.

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Auch wenn es für die Hertha zuletzt eine Niederlage setzte, am Samstag stehen sich in Berlin zwei Mannschaften gegenüber, die aktuell gut drauf sind. Mainz kommt mit dem Rückenwind vom Sieg gegen Schalke und neun Punkten aus fünf Rückrundenspielen, die Berliner haben es gegen München gut gemacht, haben daheim aber seit dem 8. Dezember nicht mehr gewonnen. Was für ein Spiel erwartest du und wer wird als Sieger vom Platz gehen?

Ich erwarte nicht gerade einen fußballerischen Leckerbissen, sondern eher einen zähen Brocken. Die beiden Mannschaften haben in ihren Spielen gegeneinander Fußball immer mehr gearbeitet als zelebriert. Am Ende gewinnt natürlich Hertha. Es wird einfach mal wieder Zeit.

KOMPAKT
Die Hertha ist der beste Club der Welt, weil … Wer auf so eine Frage eine schlüssige Antwort weiß sammelt auch Briefmarken.
Was ich an unserem Stadion besonders liebe… sind die Erinnerungen, die ich damit verbinde.
Mein ewiger Lieblingsspieler ist eindeutig … Marcelinho. Über den Tellerrand gesehen wohl Zinedine Zidane.
Wer Berlin besucht, sollte unbedingt … den Marco-Polo-Reiseführer mit den „Geheimtipps“ verbrennen und einfach drauflosstiefeln.
Besonders lecker essen Gästefans … bei meiner Mutter. Aber ich sage nicht, wo sie wohnt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Alle als Clowns nach Berlin! (Quelle: Q-Block)

Alle als Clowns nach Berlin! (Quelle: Q-Block)

LETZTE WORTE
Für den FSV Mainz 05 hat es quasi schon Tradition: An Fastnacht spielen die 05er in aller Regel auswärts. Das hält natürlich niemanden davon ab, sich zu verkleiden. Erlaubt ist, was gefällt, der Q-Block ruft aber launig alle dazu auf, als Clowns nach Berlin zu kommen.
So oder so, wir sehen uns im Block!

05-Gegnerbetrachtung: VfL-Liebe, egal, was andere sagen

Die Gegnerbetrachtung ist zurück. Vor jedem Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit PodcasterInnen, JournalistInnen oder BloggerInnen aus dem Umfeld des gastgebenden Vereins. Diesmal erzählt mir Antonia Menge von ihrer Liebe zum VfL Wolfsburg.

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AntoniaHallo Antonia, danke, dass du dir die Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Du beschreibst dich auf Twitter als „professionelle Werksclub-Feministin“. Wie bist du zum VfL Wolfsburg geworden und warum gehört Feminismus (auch) in den Fußball?

Die Antwort darauf, wie ich zum VfL gekommen bin, ist leider jedes Mal gleich langweilig: Ich wohne hier halt. Mein Vater hat den VfL immer verfolgt, ich als Kind sporadisch, und dann irgendwann richtig. Es ist schwer, dran vorbeizukommen – vor allem in der Meister-Saison 2008/09! Und Feminismus gehört so lange in den Fußball, bis ich wegen Stau zu spät ins Stadion kommen kann und nicht von wildfremden Männern hören muss: „Na, hat das Schminken zu lange gedauert?“

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Du gehörst aktuell zum Stab der Bundesliga-Fan-Experten, die für Spiegel Online vor jedem Spieltag eine Prognose über ihr Team abgeben. Wird das dein Einstieg als Sportjournalistin – oder bleibt der VfL ein reines Hobby für dich?

Ich habe schon seit 2015 immer mal wieder kleine Nebenjobs im Sportjournalismus, die mir wirklich riesig Spaß machen und für die ich sehr dankbar bin. Allerdings studiere ich Psychologie und das ist mein Berufswunsch. Ich könnte mir nicht vorstellen, mich hauptberuflich mit dem VfL zu beschäftigen. Die hängen mir schon als Hobby ab und zu zum Hals raus. ;)

Das Stadion in Wolfsburg bei der letzten Begegnung mit Mainz 05. (Foto: Rheinhessen on Tour)

Das Stadion in Wolfsburg bei der letzten Begegnung mit Mainz 05. (Foto: Rheinhessen on Tour)

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Für mein Empfinden gibt’s aktuell in der Bundesliga zwei Arten von Vereinen, über die gern gelästert wird: Solche, die andere Fans als langweilig empfinden und solche, die andere Fans als Plastikclubs empfinden. Mainz gehört in der Wahrnehmung oft zu den ersten, Wolfsburg zu den zweiten. Interessiert es dich persönlich, wie dein Verein von anderen wahrgenommen wird? Und wie siehst du die Diskussion um Werksclubs und Mäzene?

Überhaupt nicht. Vor ein paar Jahren hatte ich noch das Bedürfnis diese Diskussionen zu führen. Ja, ich bin wirklich Fan. Nein, nicht nur wenn sie erfolgreich sind. Nein, wir könnten nicht mit dem Geld von VW einfach mal Ronaldo kaufen. Wolfsburg wird immer Volkswagen sein und der VfL somit auch. Ich kenne kaum eine Stadt, bei der das Verhältnis von Arbeitgeber, Stadt und Verein so eng ist. Aber ich reagiere auf diese Vorwürfe nicht mehr. Es bringt nichts etwas zu erklären, was niemand verstehen will. Jeder, der hier war – ob Fan, Spieler oder Manager –, weiß das. Das reicht mir. Es interessiert mich nicht, wer meinen Verein als ätzend, langweilig oder als den Zerstörer des Fußballs empfindet. Ich finde die drei mitgliedsstärksten Vereine Deutschlands nämlich auch nicht so geil. Beschwere ich mich ja trotzdem nicht drüber.

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In der vergangenen Saison sah es lange nicht gut aus für den VfL. Am Ende ging der Verein mit Bruno Labbadia als drittem Trainer in die Relegation und konnte gegen Kiel die Klasse halten. Was haben die Verantwortlichen deiner Meinung nach aus dieser Saison gelernt und wie beurteilst du deren aktuelle Zusammensetzung?

Die zweite Relegation in Folge und eine Saison, die es irgendwie geschafft hat NOCH schlimmer zu sein als die 2016/17, hat den Verantwortlichen vor allem Demut gelehrt. Bisher sieht es ja ganz gut aus und trotzdem wurde das offizielle Ziel (gesichertes Mittelfeld) noch nicht nach oben korrigiert. Das wäre früher anders gewesen. Mit Bruno Labbadia, Jörg Schmadtke, Marcel Schäfer und dem aktuellen Kader zeigt der VfL endlich die Werte, für die er schon seit Jahren zu stehen versucht: Arbeit, Fußball, Leidenschaft.

Das Motto des VfL: Arbeit, Fußball, Leidenschaft. (Foto: VfL Wolfsburg)

Das Motto des VfL: Arbeit, Fußball, Leidenschaft. (Foto: VfL Wolfsburg)

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Zwischen Bruno Labbadia und den Wolfsburger Fans war das zunächst nicht unbedingt eine Liebesbeziehung. Woran lag das aus deiner Sicht, wie ist es aktuell – und welche Meinung hast du selbst zu eurem Trainer?

Bruno Labbadia kam als dritter Trainer der Saison zum VfL, nachdem Martin Schmidt das Handtuch warf, was aber kaum ein Fan wollte. Dann musste man sich also wieder an einen neuen Trainer gewöhnen, bei dem alles an der Verpflichtung nach „Plan Y“ klang. Und dieser neue Trainer konnte erstmal (Überraschung) auch aus der Trümmertruppe keine Glanzleistungen bringen. So wenig ich diese Schmähgesänge gutheißen möchte: Man muss die ganze Situation betrachten. Ich bin froh, dass Labbadia das richtig einzuordnen wusste und es jetzt besser läuft. Das kann man ihm nur hoch anrechnen! Ich muss allerdings zugeben, dass ich noch nicht vollends überzeugt bin. Ich mag die Spielweise, die er spielen lässt, finde es aber vor allem in der Rückrunde auffällig, dass es ihm bisher nicht gelang, im Spiel Fehler zu korrigieren. Und sein Faible für William – naja…

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Nach dem Auswärtssieg gegen Hertha BSC stand Wolfsburg am Ende des 20. Spieltags mit 31 Punkten auf Rang sechs. Das ist insofern bemerkenswert, als in der kompletten Vorsaison 30 Punkte gesammelt wurden. Hättest du mit einer so viel ruhigeren Saison gerechnet? Wer hat daran die größten Anteile?

Das ist wirklich Wahnsinn und der Beweis, WIE schlecht wir in der letzten Saison waren. Wir stehen übrigens auch schon bei neun Siegen – letzte Saison waren es nach 34 Spieltagen nur sechs. Ich habe damit überhaupt nicht gerechnet, dem „Umbruch“, bei dem sowohl der Trainer als auch gefühlt der ganze Kader blieb, hatte ich nicht zu viel zugetraut. Ich habe nicht nur Bruno Labbadia, sondern vor allem Jörg Schmadtke und die Qualität seiner Transfers (Jerome Roussillon, Daniel Ginczek, Wout Weghorst) unterschätzt. Ich kann nicht sagen, wer die größten Anteile an der bisher wirklich guten Saison hat, es sieht von außen wie eine gelungene Kombination von allem aus.

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Die vergangene Woche war dann für Fans der Wölfe eher nervig. Erst das Aus im DFB-Pokal gegen RB Leipzig und dann ein Unentschieden gegen Freiburg. In der Bundesligapartie war’s am Ende sogar knapp, trotz mehrfacher Führung. Wie erklärst du dir die Schwankungen?

So eine Veränderung von Grund auf klappt halt nicht in einem Sommer. Vor allem die Spieler, die schon seit 2 Jahren bei uns spielen, sieht man manchmal in alte Muster verfallen und die ziehen dann natürlich auch die anderen runter. Das Aus im DFB-Pokal war bisher vermutlich das ärgerlichste Spiel der Saison, weil die Leistung grottenschlecht und der Wille wenig bis gar nicht zu erkennen war. Das war gegen Freiburg dann wieder anders – immer wieder den Ausgleich zu kassieren, ist zwar ätzend, aber diese Spiele hätten wir letzte Saison auf jeden Fall verloren. So lange diese Schwankungen nicht überhand gewinnen, kann man sie verzeihen.

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Wie beurteilst du euren aktuellen Kader? Welche Spieler würdest du hervorheben und auf welcher Position habt ihr vielleicht Nachholbedarf?

Auch wenn ich nicht glaube, dass dieser Kader für ein Erreichen des Europapokals reicht, halte ich doch ziemlich viel von ihm. Wir dürften so nichts mit dem Abstieg zu tun haben – und das ist wirklich das Wichtigste. Von den Neuzugängen bin ich vor allem von Jerome Roussillon begeistert – einer der besten Linksverteidiger dieser Bundesliga-Saison, und das für fünf Millionen! Aber auch die Spieler, die mit uns zweimal 16. geworden sind, sind teilweise kaum wieder zu erkennen. Vor allem Yannick Gerhardt und Admir Mehmedi wissen zu überzeugen. Wir brauchen allerdings definitiv einen neuen Rechtsverteidiger – gefühlt war William diese Saison mit Brooks an 90% der Gegentore Schuld und er hat mit Paul Verhaegh und Sebastian Jung einfach nicht genug Konkurrenz um seinen Startelfplatz.

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Bruno Labbadia ist nicht unbedingt als ein Trainer bekannt, der junge Talente fördert. Was traust du im mit dem VfL Wolfsburg zu und glaubst du, er ist ein Coach, der auf Dauer die Geschicke des Vereins mitlenken kann? Wie sichtbar ist seine Handschrift aktuell?

Ich habe schon das Gefühl, dass Labbadia versucht, junge Talente einzubinden. Gian-Luca Itter, Felix Uduokhai und John Yeboa sind auf ihre Einsätze gekommen – und das nicht nur durch eine Einwechslung in der 89. Minute. Vor allem herauszuheben ist hier aber natürlich Elvis Rexhbecaj, der schon 15 Mal gespielt hat diese Saison. Ob Labbadia derjenige sein wird, der auch im Verein Dinge verändert, weiß ich nicht. Er wird auf jeden Fall die Chance dazu bekommen – auch in einer längeren sieglosen Serie wurde er von den Verantwortlichen nicht in Frage gestellt.

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Mit Yunus Malli hat Wolfsburg einen ehemaligen 05er im Kader, der in Mainz mehr oder weniger Stammspieler war, in Wolfsburg aber meist die Bank warmhält. Wieso kommt er unter Labbadia nicht zum Einsatz?

Das Problem mit Yunus Malli ist leider seine fehlende Konstanz. Anfangs hat er einfach nicht ins System gepasst, das hatte gar nicht unbedingt etwas mit ihm zutun, aber die Chancen, die er bekommt, nutzt er leider selten. Mal ein gutes Spiel reicht dann leider auch nicht, um die schwachen Leistungen auszugleichen. Diese Probleme hatte er ja aber bei uns bei jedem Trainer, außer in der Phase mit Martin Schmidt.

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Welche Lehren wird Bruno Labbadia aus den beiden durchwachsenen letzten Spielen ziehen? Auf was für eine Taktik sollte sich Sandro Schwarz mit seiner Mannschaft einstellen und was für ein Ergebnis erwartest du im Heimspiel?

Dass es mal wieder Zeit für einen Sieg wäre! Die Tore sind gegen Freiburg gefallen, jetzt muss nur die Defensive stabiler stehen. Ich schätze, dass darauf der Fokus liegen wird, und das Spiel daher etwas zäh sein könnte. Ich bin aber für meine Verhältnisse vorsichtig optimistisch und sage: 2:1.

KOMPAKT
Der VfL Wolfsburg ist der beste Club der Welt, weil … wir nicht so tun, als wären wir Etwas, was wir gar nicht sind.
Was ich an unserem Stadion besonders liebe, ist … dass es sich, egal wie schlecht das Spiel auch sein mag, immer wie zuhause anfühlt.
Mein ewiger Lieblingsspieler ist eindeutig … Josuha Guilavogui.
Wer Wolfsburg besucht, sollte unbedingt … unvoreingenommen an die Sache rangehen. ;)
Besonders lecker essen Gästefans … im Eat With Heart!

Vielen Dank für das Gespräch!

Barreiro nach der Unterschrift seines Profivertrages im November 2018. (Foto: Mainz 05)

Barreiro nach der Unterschrift seines Profivertrages im November 2018. (Foto: Mainz 05)

LETZTE WORTE
Mit Leandro Barreiro hat nach Jonathan Burkardt und Ahmet Gürleyen in dieser Saison bereits der dritte Spieler aus dem Nachwuchsleistungszentrum des FSV Mainz 05 sein Debüt bei den Profis gefeiert. Die mit der Wahl von Vereinsvorsitzendem Stefan Hofmann erneuerte Ausrichtung des Vereins, stark auf die Kicker aus dem eigenen NLZ zu setzen, wird konsequent vorangetrieben.

Für den Youngster war es zwar ein undankbarer Auftakt, seine Leistung und der Einsatz stimmten aber. Rouven Schröder kommentierte Barreiros Einsatz im Anschluss folgendermaßen: „Das ist für alle ein Riesending. Einen aus dem Jahrgang 2000 in der Bundesliga einzusetzen, wünscht man sich einfach. Und der Trainer stellt ihn ja nicht umsonst auf. Man sieht’s im Training, wie Leandro das umsetzt. Das ist alles sehr positiv.“