05-Gegnerbetrachtung: Den VfB-Brustring eng schnüren

Die Gegnerbetrachtung ist zurück. Vor jedem Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit PodcasterInnen, JournalistInnen oder BloggerInnen aus dem Umfeld des gastgebenden Vereins. Diesmal beantwortet Jannick von Rund um den Brustring meine Fragen zum kriselnden VfB.

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Hallo Jannick, du schreibst und podcastest bei Rund um den Brustring zusammen mit vier KollegInnen über den VfB Stuttgart. Wie häufig veröffentlicht und sendet ihr? Habt ihr feste Formate? Und wie organisiert ihr euch untereinander? (Und wie überlebst du als Fußballfan eigentlich ohne Twitter-Account? Ich dachte, sowas gibt es gar nicht.)

15781262_1408290589195078_5620868780721062921_nServus Mara, erst einmal vielen Dank für deine Einladung. Wir nehmen alle zwei Wochen während der Saison einen Podcast auf. Geschriebene Berichte erscheinen nach jedem Spieltag. Zu aktuellen Themen rund um den Verein, wie zum Beispiel Transfers, auch in kürzeren Abständen. Unter anderem ist Lennart auch bei Amazon diese Saison als „VfB-Reporter“ nach den Spielen zu hören. Dies wird dann auch auf unserer Seite verlinkt. Des Weiteren gibt es auch mal ein „Special“, wie den doch sehr lesenswerten Hinrundenrückblick meiner Kollegin Jenni. Untereinander organisieren wir uns, da wir alle verteilt über den Südwesten leben, über soziale Netzwerke Whatsapp, Skype, Facebook – oder auch mal klassisch übers Telefon. Und ja, meine Kollegen haben das (mit Twitter) auch schon angemahnt. Irgendwie bin ich bisher um diesen „Twitterhype“ ganz gut rumgekommen, indem ich mir meine Infos für das Fandasein und Podcasten über andere Quellen wie verschiedenen Apps, Facebook oder Transfermarkt einhole. Und außerdem besitze ich auch noch, ganz old school, ein Kicker Print-Abo.

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In der Rückrunde habt ihr mit drei weiteren Fan-Podcasts die Viererkette veröffentlicht, angekündigt als größten VfB Stuttgart-Podcast aller Zeiten. Wer ist auf die Idee gekommen, die Kräfte hierfür zu bündeln? Wie kam das Experiment bei den HörerInnen an? Und wie bewertest du es in der Rückschau?

Die Idee für solch ein Projekt kam in einem Gespräch mit den Verantwortlichen der anderen Podcasts auf. Man kam da recht schnell auf einen gemeinsamen Nenner und sie war geboren. Die Hörer, mit denen ich gesprochen und kommuniziert habe, waren sehr positiv angetan! Besonders aufgrund der geballten Meinungsvielfalt. Auch fanden Sie, dass – trotz der schwierigen Situation rund um den VfB – in dieser Aufnahme die Objektivität gewahrt wurde. Das kann ich, obwohl ich leider hier nicht aktiv mitwirken konnte, ebenfalls bestätigen und so unterschreiben.

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Hinter jedem Podcaster/Blogger steht natürlich eine persönliche Fangeschichte. Wie lautet deine?

Wenn du hier in der Region aufwächst (Böblingen, circa 30 km vom Stadion entfernt), kommst du an diesem Verein gar nicht vorbei. Dennoch gibt es bei mir auch eine Initialzündung, ausgelöst, wie bei den Meisten, durch den Vater: Meine Fangeschichte beginnt im Herbst 2003, als ich quasi heimlich mit Hilfe meines Vaters (ebenfalls seit vielen Jahren VfB-Fan) das Champions-League Spiel gegen Manchester United im Fernsehen schauen durfte. Davor hatte ich bereits schon sporadisch den VfB, so gut es damals ging, verfolgt, meistens am Samstagnachmittag übers Radio. Das besagte Spiel gewann der VfB bekanntermaßen völlig überraschend 2:1! Es wird heute noch von vielen Fans als das beste Spiel aller Zeiten gesehen. Nach dem ich schon zuvor gewisse Sympathien gehegt hatte, war nach Werner Hanschs legendärem Jubel am Mikro („Ein bisschen Wiesenromantik“) klar, dass der VfB mein Verein ist! Es sollte aber dennoch 3 Jahre dauern, bis ich dann endlich zu meinem ersten Spiel ins Stadion gehen durfte. Das war das zweite Heimspiel gegen Dortmund in der Meistersaison 2006/2007. Man muss sagen, ich hatte in meinen ersten Fanjahren sehr viel Glück und Freude mit dem VfB!

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In der Kurzbiografie auf eurer Homepage ist über dich zu lesen, dass du es dir zur Aufgabe gemacht hast, „die Historie des Vereins, aber auch der Fankultur genauer zu ergründen“. Was reizt dich an gerade diesen Themen und welche Erkenntnisse hat die Beschäftigung schon zutage befördert?

Ich habe mich schon in der Schule sehr für Geschichte interessiert. Geschichte ist ja mehr als nur irgendwelche Fakten, finde ich. Sie ist vor allem Identität und hat in ihren verschiedenen Stationen den Verein zu dem gemacht, was er jetzt ist. Eben das zu ergründen und die Auswirkungen auf die heutige Zeit, finde ich sehr spannend. Man findet dabei auch immer wieder Neues heraus und lernt sehr viel über seinen Verein! Auch finde ich es wichtig, besonders den jüngeren Fans – zu denen ich ja gehöre – die Historie nahe zu bringen, damit sie diese verstehen und ein Stück weit auch verinnerlichen. Besonders letztes Jahr, als wir 125 Jahre VfB gefeiert haben! Und vor allem in der heutigen Zeit der Kommerzialisierung. So geht auch die Bodenhaftung nicht verloren!
Wenn man sich mit der Geschichte eines Vereins wie dem VfB beschäftigt, muss man natürlich auch die Fankultur mit in Betracht ziehen. Das ist quasi „unsere eigene Geschichte“. Auch aus gesellschaftsgeschichtlicher Sicht, von klassischen Fans, über „Kutten“, Hools, und letztendlich zu Ultras, der momentan größten Jugendbewegung in Deutschlands. Zutage gefördert wurden zum Beispiel kleinere Anekdoten von Zeitzeugen aus den goldenen 50ern, als der VfB zwei Mal Deutscher Meister und zwei Mal Pokalsieger wurde. Wie die Mannschaft in Stuttgart empfangen wurde, wie man sich als kleiner Junge unter dem Mantel des Vaters damals ins Stadion schleichen konnte. Ich finde, genau diese Geschichten, diese kleinen Auszüge, machen doch einen Verein letzten Endes so liebenswert. Aber auch düstere Kapitel, wie das damals sehr aufgeschlossene Verhältnis zum NS-Regime, welches der VfB in einem eigenen Buch, mit Hilfe eines Historikers aufgearbeitet hat.

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Lange gehörte der VfB wie Mainz 05 zur Riege der letzten reinen Fußballvereine. Seit 2017 ist damit Schluss, die Lizenzspielerabteilung wurde ausgegliedert. Wie war deine Meinung vor der Ausgliederung, hat sich daran seit der Umsetzung etwas geändert und was hat sich im Fußballbereich des VFB seither getan? Sehen die Macher selbst eine Erfolgsgeschichte?

Ich war davor und bin jetzt danach prinzipiell für die Ausgliederung, da sich die Zeiten im Profifußball leider insofern geändert haben, als es ohne diese Öffnung für potenzielle Investoren kaum noch möglich ist, konkurrenzfähig zu sein. Die Frage ist nur das Wie. Da gibt es ja verschiedene Rechtsformen und Möglichkeiten, bei uns wurde die AG ausgewählt, und auch als einziges Mittel der Wahl propagiert, was meiner Meinung nach zu dieser teilweise doch scharfen Atmosphäre zwischen den Lagern innerhalb der Fanszene geführt hat. Dieser Bruch ist leider bis heute noch nicht richtig gekittet.
Nun, die Umsetzung des Projektes startete recht bescheiden, bald waren zwei der „Gesichter“ dieser Kampagne, nämlich Jan Schindelmeiser und Hannes Wolf, nicht mehr im Amt. Ich möchte jetzt nicht polemisch werden, aber bisher bin ich doch etwas enttäuscht. Der erste große Investor war Daimler, welcher mit einer Summe von knapp 41,5 Millionen Euro einstieg. Dieses Geld wurde in Transfers, unter anderem in diesem Sommer und Winter, gesteckt – bekanntermaßen bisher keine Erfolgsstory. Ein weiterer Teil ging in die Förderung des Nachwuchsbereiches und soll weiterhin für dessen Entwicklung genutzt werden. Auch wurde davor bereits unser Nachwuchsleistungszentrum ausgebaut. Die Förderung dieser sehr wichtigen Säule des Vereins sehe ich bisher als einzigen positiven Punkt. VfB-Präsident Wolfgang Dietrich als Schirmherr dieser Kampagne sieht der Zukunft sehr positiv entgegen und ist auch nach wie vor überzeugt davon. Zu mindestens gibt er dies öffentlich so weiter. Man darf gespannt sein, wie es weitergeht und ob die momentan handelnden Personen die Früchte, die Sie versprochen haben, ernten dürfen.

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Die Hinserie des VfB verlief alles andere als planmäßig. Letztlich musste der Verein mit nur 14 Punkten auf dem Relegationsplatz überwintern. Worin siehst du die größten Probleme der Hinrunde und war der Trainerwechsel die richtige Entscheidung?

Spulen wir mal etwas zurück, in die Zeit vor Saisonbeginn. Man hatte noch vor Beginn der Vorbereitung den Kader soweit beisammen: Namhafte erfahrene Spieler wie Gonzalo Castro (über 370 Bundesligaspiele) oder auch unser verlorener Sohn Daniel Didavi wurden verpflichtet. Dazu kamen noch hochtalentierte Spieler aus dem Ausland dazu, wie zum Beispiel Pablo Maffeo oder auch Borna Sosa. Dazu die Vertragsverlängerung mit Holger Badstuber, welcher einer der Schlüsselspieler in der abgelaufenen Saison war. Viele waren sich einig, das kann etwas werden. Auf dem Papier stand da eine richtig gute Bundesliga-Mannschaft. Eine riesige Euphorie machte sich breit im Umfeld. Äußerlich ließen sich die Mannschaft und die Verantwortlichen nichts anmerken. Dann ging es los, wir flogen aus dem Pokal, das Unheil nahm seinen Lauf. Achtung, jetzt wird’s metaphorisch. Es braute sich ein ganz ungutes Gemisch zusammen, bestehend aus folgenden Zutaten: 1. Der falsche Trainer für das geplante Spielsystem (Trotzdem an dieser Stelle, Danke Tayfun Korkut! Und um auf deine Frage zu antworten: Ja, der Trainerwechsel war richtig! Hier muss aber auch nochmals die Art und Weise der Entlassung stark hinterfragt werden!) 2. Eventuell eine falsche Erwartungshaltung innerhalb der Mannschaft. 3. Teilweise eine falsche Einstellung auf dem Platz. Dazu kommen dann noch spieltechnische Faktoren: fehlende Durchschlagskraft in der Offensive, eine mangelhafte Defensive, Verletzungspech und Spieler, welcher ihr Potenzial nicht auf den Platz bekommen haben, was zu einem eklatanten Qualitätsmangel geführt hat. Leider kommen einem als VfB Fan diese Punkte aus den letzten Jahren sehr bekannt vor!

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Markus Weinzierl ist trotz reichlicher Vorschusslorbeeren durch Michael Reschke auch nicht mit dem erhofften Erfolg gestartet. War das Pech, Unvermögen, die Schuld der Mannschaft oder eine Mischung aus allem? Wie viele Hoffnungen setzt du in ihn als Trainer?

Nun ja, Weinzierl kam und musste binnen weniger Tage eine verunsicherte Mannschaft gegen den damals noch ungeschlagenen Tabellenführer Borussia Dortmund aufstellen. Danach folgten ein Auswärtsspiel gegen die TSG Hoffenheim und eine Woche später empfing man zuhause Eintracht Frankfurt. Alle drei Spiele gegen diese Top-Mannschaften verlor man sehr deutlich, was dann eben auch nochmals offenbarte, dass die momentane Qualität der Spieler nicht für höhere Ziele ausreicht. Dann, muss man allerdings sagen, fing sich die Mannschaft so ein bisschen. Man gewann auswärts überzeugend gegen Nürnberg, einem direkten Konkurrenten im Abstiegskampf, verlor aber im Gegenzug wieder bei Mannschaften aus dem oberen Tabellendrittel (Gladbach, Leverkusen, Wolfsburg). Unterm Strich war es wieder eine Mischung aus den genannten negativen Faktoren. Ich setze sehr viel Hoffnung in Weinzierl, da ich von ihm als Trainer schon vor seinem Amtsantritt durchaus überzeugt war. Er hat in Augsburg bewiesen, dass er das absolute Maximum aus einer Mannschaft herauskitzeln kann. Auch sehe ich ihn als taktisch sehr versiert an, mit einem Händchen für junge Spieler. Man hat auch den Eindruck, dass er eine durchaus sehr positive Energie auf die Mannschaft ausstrahlt. Diese Einschätzung hat sich auch bei meinem letzten Trainingsbesuch bestätigt.

Die Auswärtspleite der 05er aus der Vorsaison soll sich, wenn es nach den Mainzern geht, nicht wiederholen. (Foto: Rheinhessen on Tour)

Die Auswärtspleite der 05er aus der Vorsaison soll sich, wenn es nach den Mainzern geht, nicht wiederholen. (Foto: Rheinhessen on Tour)

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In der Winterpause wurde verkündet, dass Benjamin Pavard (der am Wochenende gegen Mainz vermutlich verletzungsbedingt fehlen wird) im Sommer zu den Bayern wechselt. Schmerzt der Abgang den Verein, oder sind die 35 Millionen kolportierte Ablöse ein guter Deal für den VfB? Ist schon Ersatz für den Weltmeister-Verteidiger in Sicht?

Sicherlich schmerzt es, wenn ein solch herausragender Spieler wie Benji geht. Wobei man sich ja in diesem Fall darauf einstellen konnte, denn nach seiner starken Leistung bei der WM war der Abgang quasi schon beschlossene Sache und nur noch eine Frage der Zeit. So ist das Geschäft, und ich kann durchaus verstehen, dass ein Spieler mit solch großem Potenzial nach Höherem strebt. Dass es dann ausgerechnet die Bayern sind, ist nicht ganz so einfach für den leidenschaftlichen Brustingträger. Genauso hat die durchaus aus meiner Sicht gefahrene Ego-Schiene bei der Verkündung des Transfers durch „Brazzo“ ein Gschmäckle, wie man bei uns im Ländle sagt. Die 35 Millionen sind durchaus ein brauchbares Trostpflaster, das aber bei einem Verkauf im Sommer oder jetzt sicherlich höher ausfallen würde. Wie ich gelesen habe, wären die Bayern einem Wintertransfer nicht abgeneigt. Warten wir mal die nächsten Tage noch ab …
Der Nachfolger wurde ganz frisch vor ein paar Stunden präsentiert: Mit Ozan Kabak (18) wechselt eines der momentan begehrtesten Talente im europäischen Fußball zu uns nach Cannstatt und unterschreibt einen Vertrag bis 2024. Er spielt wie Pavard auf der Innenverteidiger Position, hat in dieser Saison sein Debüt in Süper Lig und Champions-Legaue gefeiert. In der Türkei wird er als kommender A-Nationalspieler gesehen, in der U-18 ist er bereits Stammspieler. Sicherlich eine Investition in die Zukunft, die ihre Nachhaltigkeit letztendlich auch unter Beweis stellen muss. Der Spieler hat meiner Meinung nach auf jeden Fall das Zeug dazu, ein würdiger Nachfolger von Pavard zu werden. Gleichzeitig stellt man einen neuen Transferrekord auf: 11,5 Millionen hat man vom Neckar an den Bosporus zu Galatasaray Istanbul überwiesen. Dies zeigt vielleicht auch nochmals, welcher Druck bei den Verantwortlichen lastete, eine solch große Summe im Winter aufzubringen.

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Für die Rückrunde wurden zuvor bereits Alexander Esswein und Steven Zuber geliehen. Wie sehr können die beiden tatsächlich helfen? Und was hältst du grundsätzlich von den Leihen? So richtig in die Zukunft des Kaders wurde in der Pause (neben Kabak) ja nicht investiert. Wie ist generell deine Meinung zu Michael Reschke?

Ich denke, kurzfristig gesehen können beide die Durchschlagskraft in der Offensive erhöhen und auch Weinzierl mehr Spielraum und Flexibilität ermöglichen. Auch entsteht so eine neue Konkurrenzsituation, welche bei den vorhandenen Spielern noch die letzten fehlenden Prozent herauskitzelt. Wie sehr Sie dann beide tatsächlich helfen in Form von Toren und Scorerpunkten, bleibt abzuwarten, da lehne ich mich nach dem Sommer nicht mehr zu sehr aus dem Fenster. Positiv zu sehen ist, dass beide Spieler bereits Erfahrung in der Bundesliga vorweisen, und somit auch keine lange Eingewöhnungszeit benötigen. Dass der Wintertransfermarkt immer sehr schwierig ist, speziell für Vereine wie uns, ist ja kein großes Geheimnis. Wir waren ja an vielen dran, unter anderem auch Hermann von Gladbach oder Solanke, wo es dann letztendlich nicht geklappt hat. Bei Esswein haben wir eine Kaufoption eingebaut. Bei Zuber war es leider aufgrund seines noch laufenden Vertrages bis 2020 erstmal nicht möglich. Natürlich wäre es schöner, Planungssicherheit zu haben, da aber erst einmal der Saisonverlauf abgewartet werden muss, ist die Leihe ein durchaus sinnvolles Werkzeug, um kurzfristig seine neu gesteckten Ziele zu erreichen.
Mit Kabak geht man ja schon in die Richtung Zukunft des Kaders. Des Weiteren haben wir zwei Jungs aus der eigenen Jugend, Aidonis und Dajaku, beide 2001er Jahrgang, welche auch nach ersten Aussagen längerfristig an den Club gebunden werden sollen und bereits ihr Debüt in der Liga feiern durften. Ich denke, dieses Thema sollte man auch erst angehen, wenn man genau weiß, wohin die Reise führt. Generell halte ich von Herrn Reschke sehr viel, da ich seine Kompetenz besonders im Bereich Spielerscouting sehe. Seine Außendarstellung ist leider manchmal nicht die Beste, weshalb er sich selbst auch oft ein wenig um Kopf und Kragen redet und bei vielen Fans Sympathiepunkte einbüßt. Man muss aber sagen, dass er sich an dem jetzigen, nochmals optimierten Kader messen lassen muss. Daher wird seine Zukunft sehr eng verknüpft mit der Leistung der Mannschaft in der Rückrunde sein.

Markus Weinzierl bei seiner ersten Trainingseinheit in Stuttgart. (Foto: Jeollo von VfB-exklusiv.de - Own work, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=73518164)

Markus Weinzierl bei seiner ersten Trainingseinheit in Stuttgart. (Foto: Jeollo von VfB-exklusiv.de – Own work, CC BY 3.0)

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In den Artikeln zum Trainingslager und dem Rückrundenauftakt ist immer wieder die Rede davon, Markus Weinzierl wolle „mit Wucht“ spielen lassen. Wie siehst du seinen Ansatz als Trainer? Glaubst du, mit einem Team, das künftig auch nach seinen Vorstellungen gebildet wird, kann er eine langfristige Lösung für den VfB sein?

Ich sehe diesen Ansatz als sehr positiv an. Als schwächste Offensive der Liga darfst du auch eigentlich keinen anderen haben. Die zweite Frage baue ich gleich mit ein, zu dieser Aussage passen ja auch Zuber und Esswein sehr gut. Beides sind Spieler mit „Wucht“ beziehungsweise verkörpern diesen Typus. Somit ist dies der erste, wenn auch kleine Schritt in Richtung Teamoptimierung nach Weinzierls Geschmack. Und mehr ist auch meines Erachtens erstmal nicht möglich. VfB und langfristige Lösung auf der Trainerposition? Ein ziemlicher Widerspruch. Darum lass uns mal in einem Jahr nochmals sprechen, dann kann ich dir bestimmt eine bessere Antwort geben.

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Auf was sollten sich die Mainzer beim Spiel in Stuttgart am Wochenende einstellen? Was ist dein Tipp für die VfB-Taktik und wie wird das Spiel ausgehen?

Auf einen Gegner, der mit dem Rücken schon ein bisschen zur Wand steht und alles raus hauen wird um vor heimischen Publikum, die Aufholjagd zu starten. Es wird sehr viel über den Kampf gehen, da beide Mannschaften nicht gerade für ihre filigrane Spielweise bekannt sind. Taktisch wird es hinten sehr wahrscheinlich auf eine kompakte Viererkette hinauslaufen, zuletzt war das Ganze dann in einem 4 2 3 1 oder auch einem 4 1 4 1 angeordnet. Diese Spielformen wurden auch im vergangenen Trainingslager hauptsächlich einstudiert. Ich denke in dieser Hinsicht wird sich Weinzierl auf keine Experimente einlassen. Mein Tipp lautet: ein knappes, schwer erkämpftes 2:1 für den VfB!

KOMPAKT
Der VfB Stuttgart ist der beste Club der Welt, weil … er nie langweilig wird und zu Stuttgart gehört, wie die Fastnacht und Ernst Neger zu Mainz!
Was ich an unserem Stadion besonders liebe, ist … natürlich die Cannstatter Kurve! Ihre Atmosphäre, ihr Duft und ihre Menschen!
Mein ewiger Lieblingsspieler ist eindeutig … Sami Khedira!
Wer Stuttgart besucht, sollte unbedingt … den Fernsehturm (Schwindelfreiheit vorausgesetzt), den Schlossplatz mit unseren beiden Schlössern, die Grabkapelle auf dem Württemberg und das Mercedes-Benz oder Porsche Museum besuchen!
Besonders lecker essen Gästefans … im Palm Beach oder PSV. Beides unmittelbar in Stadionnähe!

Vielen Dank für das Gespräch!

LETZTE WORTE
Wenn es um die Torwartposition geht, hat Mainz 05 ein echtes Luxusproblem. Mit Florian Müller und Robin Zentner hüteten in der Hinrunde gleich zwei Talente aus der eigenen Jugend den Kasten, Jannik Huth und U23-Keeper Finn Dahmen stehen ebenfalls jederzeit bereit und dann gibt es da auch noch den verletzten, ehemaligen Nazionaltorwart René Adler. Nach der Verletzung von Flo Müller rotierte bekannterweise Robin Zentner ins Tor und machte seine Sache dort ebenfalls verdammt gut, insofern stellte sich vor dem Rückrundenauftakt die Frage, wem das Trainerteam den Vorzug geben würde. Das steht nun fest und wurde in der Pressekonferenz am Donnerstag auch bereits verkündet: Die Trainer bleiben bei ihrer Entscheidung aus dem Sommer und gehen mit Florian Müller als neuer, alter Nummer Eins in die zweite Saisonhälfte.

Flutlicht statt Gegnerbetrachtung zum Jahresausklang

Flutlicht

Normalerweise findet sich an dieser Stelle zwei Tage vorm Auswärtsspiel die Gegnerbetrachtung, also das Interview mit JournalistInnen, BloggerInnen oder PodcasterInnen aus dem Umfeld des gegnerischen Vereins. Da vor Weihnachten die englische Woche, ein hohes Arbeitspensum und letzte Vorbereitungen fürs Fest auch noch mit einer fiesen Erkältung zusammenfallen, habe ich mir erlaubt, das Interview zum Spiel in Hoffenheim ausfallen zu lassen. Möglicherweise hole ich das vorm letzten Spiel der Saison nach, jetzt steht aber nach einem bunten, schönen, auch sehr vollen Jahr erstmal der Weihnachtsurlaub an. Mit meiner Online-Kolumne bei der Allgemeinen Zeitung geht es am 10. Januar weiter, die Videokolumne Wortpiratin rot-weiß kehrt am 16. Januar zurück.

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Einen großen Termin gibt es aber noch vor dem Fest: Am Sonntag, 23. Dezember, bin ich ab 21.45 Uhr im SWR Flutlicht zu Gast. Thema dort wird die Bedeutung der Fans für den Fußball sein. Mit mir im Studio ist Frederik Paulus von Der Betze brennt, es moderiert Christian Döring. Mailt mir gerne auch schon vorab eure Meinung und schaltet am Sonntagabend ein.

Frohe Weihnachten!

05-Gegnerbetrachtung: Politik und Fußball bei RB Leipzig

Die Gegnerbetrachtung ist zurück. Vor jedem Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit PodcasterInnen, JournalistInnen oder BloggerInnen aus dem Umfeld des gastgebenden Vereins. Diesmal erzählt mir Levi vom Fanzine Seelenbinder, wie er Fan von RB Leipzig wurde und warum Politik und Fußball für ihn und die Red Aces nicht zu trennen sind.

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Hallo Levi. Wir wollen heute über das Spiel des FSV Mainz 05 am Wochenende in Leipzig und über deinen Verein sprechen. Danke, dass du dir die Zeit dafür nimmst. Zusammen mit anderen Fans veröffentlichst du das Fanzine Seelenbinder. Wie habt ihr euch gefunden und was sind eure inhaltlichen Schwerpunkte?

Red AcesDa das Heft von den Red Aces (eine der aktiven Fangruppen) herausgebracht wird, mussten wir uns nicht wirklich zusammenfinden. Die Gruppe war schon da, man brauchte bloß allerhand Zeit zur Planung und Intensivierung des Vorhabens, was aber schlussendlich glückte, so dass wir nun seit knapp zwei Jahren jedes Heimspiel veröffentlichen. Klassische Themen sind natürlich Spielberichte zu den Heim- und Auswärtsauftritten, die Gegnerbetrachtung, Themen der Fanszene, Shortcuts zur Fußball- und Ultrawelt. Nicht selten geht es aber auch über den Tellerrand hinaus und wir widmen uns aktuell politischen und gesellschaftlichen Prozessen in den Stadien, der Stadt oder sonstigen Themen, zu denen wir uns gern äußern wollen. So erscheint der Seelenbinder in der Regel 18 bis 32 Seiten stark.

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Du hast mir netterweise einige Ausgaben geschickt und so weiß ich, dass ihr – wie du selbst sagst – weit über euren eigenen Tellerrand schaut. Im März hattet ihr Friedensaktivistin Clara Zetkin auf dem Cover, weil parallel zum Heimspiel in Leipzig die Frauenkampftagsdemo stattgefunden hat. Wie eng seht ihr die Verknüpfung von Sport und Politik und woher kommt die Bereitschaft zu einer so intensiven Auseinandersetzung, die ja (leider) nicht selbstverständlich ist?

Da wir mehr oder weniger alle in Sachsen aufgewachsen sind, manche auch in ländlichen Bereichen rund um Leipzig, sah man sich früh mit Themen wie Rechtsradikalismus und Rassismus konfrontiert. Man hat sie hautnah miterlebt und sicherlich hätte man sich der Verantwortung entziehen können, aber das kam für uns zu keinem Zeitpunkt in Frage. Wir sind nicht erst durch den Fußball politische Menschen geworden, allerdings hat er sicherlich dennoch zu unserer Politisierung beigetragen. Wir gehen fast alle von Anfang an zu Rasenballsport und der Verein stellt in puncto Publikum keine Ausnahme dar. Er lockt mitunter die gleiche Klientel an, die in Sachsen schon seit Jahrzehnten für Schlagzeilen sorgt. Da war es für uns recht früh klar, dass wir da, wenn nötig, gegensteuern, und uns offen für eine diskriminierungsfreie Kurve einsetzen, antirassistische Arbeit fördern und Projekte angehen.

Seelenbinder

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Benannt habt ihr euch nach dem in Stettin geborenen Ringer Werner Seelenbinder. Könnt ihr den meinen Lesern kurz vorstellen und euren Bezug zu seiner Person erklären?

Wenn man über die Leipziger Festwiese zu unserem Stadion schlendert, kommt man unweigerlich an einem großen Turm vorbei, der genau zwischen Stadion und Festwiese steht und den Panoramablick abrundet. Den meisten Leuten in der Stadt ist dieser Turm als „Glockenturm“ bekannt, wenngleich er eigentlich einen anderen Namen trägt, nämlich den des Ringers und Kommunisten Werner Seelenbinder. Die Namensgebung kommt selbstverständlich noch aus DDR-Zeiten. Als wir auf Namenssuche für unser Fanzine waren, kam uns die Geschichte wieder in die Köpfe. Werner Seelenbinder war, wie schon erwähnt, ein Ringer, Gewichtheber und Ikone des deutschen Arbeitersports. Bei den deutschen Meisterschaften im Ringen 1933 verweigerte er den Hitlergruß zur Siegerehrung. Für die Olympischen Spiele 1936 wollte Seelenbinder auf dem Podium zur Siegerehrung einen Appell gegen die NSDAP-Diktatur und den Faschismus halten, belegte schlussendlich allerdings nur Rang 4 und musste so von seinem Plan absehen. Er intensivierte in den weiteren Jahren seine Kontakte zu mehreren Untergrundzellen der KPD, wenngleich er unter ständiger Beobachtung der Gestapo stand. Schlussendlich flogen die Widerständler auf und Seelenbinder durchlebte zwei Jahre in verschiedenen Konzentrationslagern und Zuchthäusern, ehe er 1944 enthauptet wurde. Wir wollen mit unserem Fanzine-Namen natürlich auch unweigerlich an seine Person, seine Geschichte und den Widerstand gegen die Nazis erinnern.

Geprägt von der Liebe zu unserer Stadt und zum Sport begaben wir uns freiwillig in die Fesseln der Gefangenschaft Rasenballs. Ohne dabei je den kritischen Umgang mit dem Verein und seiner besonderen Stellung im Bund der deutschen Fußballclubs außen vor zu lassen. Unser Engagement lebt vom Einsatz jedes Einzelnen, niemand ist mehr, niemand ist weniger. Jedoch verurteilen wir Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und Sexismus aufs Schärfste.
aus dem Leitbild der Red Aces

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Ich gebe es zu: Wenn ich an RB Leipzig denke, sind da Dietrich Mateschitz, Brauseplörre und viel Unwillen gegenüber diesem Kunstprodukt im Fußball. Wie passt eure Fanarbeit zu genau diesem Verein, wann seid ihr Fans geworden und wie seid ihr innerhalb der Szene vernetzt?

Ich für meinen Teil war 2009 noch in der Schule und bin mit ein paar Leuten von dort in der ersten Saison immer mal nach Markranstädt rausgefahren, wo Rasenballsport damals gespielt hat. Die Besuche wurden schnell sehr regelmäßig, dann ging es für uns erst auswärts und auf einmal war man eigentlich mittendrin. Die Geschichten der meisten Leute aus unserem Kreis sind relativ deckungsgleich, würde ich meinen. Wir hatten die Möglichkeit, Strukturen von ganz unten auf komplett neu aufzubauen. Das war natürlich ein Faktor, der uns damals als Teenager extrem gereizt hat. Auf einmal hatte man da Verantwortung und die Möglichkeit, einfach mal was draus zu machen. Bis heute hat sich daran natürlich nicht allzu viel verändert, auch wenn wir alle ein paar Dinge mehr zu erzählen haben als damals und die Reisen mittlerweile quer durch Europa anstatt nach Meuselwitz und Bischofswerda gehen. Wir sind sicherlich einer der großen Motoren innerhalb der Szene geworden. Die Red Aces und ihre Jugendgruppe stellen die größte Ultragruppe, wenn man das so nennen mag. Ansonsten gibt es noch den rasenballisten e.V., der von einigen Leuten der genannten Gruppen und anderen Menschen aus einer Interessensgemeinschaft, die es bereits seit 2009 gab, im Jahr 2015 in einen e.V. umgewandelt wurde. Darüber organisieren wir unsere Auswärtsfahrten, betreiben einen Fanstand am Stadion und eine Vielzahl anderer Dinge werden ebenfalls darüber abgewickelt.

„Fußball ist und bleibt für uns weltoffen, bunt und vielfältig.“ – Red Aces Leitbild. (Foto: privat)

„Fußball ist und bleibt für uns weltoffen, bunt und vielfältig.“ – Red Aces Leitbild. (Foto: privat)

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Ein paar Details zu eurer Einstellung zum Fußball, Fanarbeit und dem Club kann man auf der Homepage der erwähnten rasenballisten e.V. nachlesen. Was sind die Schwerpunkte eurer Arbeit und wie viel Zeit investiert ihr neben dem Platz in den Fußball?

Wie sicherlich schon rübergekommen ist, nehmen der Fußball und unsere Gruppe extrem viel Zeit in Anspruch und stellen einen großen Teil unseres Lebens dar, zweifelsohne. Unsere Schwerpunkte liegen im Stadion, wir wollen die Szene besser aufstellen und möglichst guten Support schaffen, Leute vernetzen, begeistern und natürlich Spaß haben, uns ausleben! Dazu gehört natürlich auch der ständige Dialog mit anderen Fans und dem Verein. An anderen Stellen sind wir aber auch aktiv und bringen uns ein. Wir organisieren mindestens einmal im Jahr eine große Kleiderspende für bedürftige LeipzigerInnen, bringen jedes Jahr einen Soli-Kalender für einen guten Zweck raus, bei dem der letztjährige Gewinn beispielsweise an eine Geflüchtetenunterkunft ging, um diese vor Ort zu unterstützen. Anfang November beteiligten wir uns am Leipziger Büdnis „Initiativkreis 9. November“, der eine große Erinnerungsdemonstration anlässlich des 80. Jahrestages der Reichspogromnacht organisierte. Als der Leipziger Pegida-Ableger vor ein paar Jahren durch unsere Straßen zog, sind wir ebenfalls aktiv geworden und haben Dinge organisiert. Kurz gesagt, ist es uns schon extrem wichtig, was sich vor dem Stadion abspielt, wenn doch wir unsere Hauptaufgabe im Stadion und auf den Rängen sehen.

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Viele Fußballfans würden die Frage, ob Leipzig auf dem Weg dahin ist, ein Verein wie jeder andere zu werden, nach wie vor leidenschaftlich verneinen. Wie seht ihr selbst euren Club, welche Entwicklung erhofft ihr euch, auch neben dem Platz, für die kommenden Jahre?

Sicherlich ist Rasenballsport ein ganz schönes Kuriosum, das uns dennoch ganz schön fesselt. Die Entwicklung, die der Verein hingelegt hat, ist einerseits beachtlich und hinterlässt anderseits natürlich Spuren. Die Schattenseite des raschen sportlichen Erfolgs bekommt man als aktiver Fan relativ schnell zu Gesicht, ohne lange danach suchen zu müssen. Dadurch, dass die Fokussierung klar auf den sportlichen Erfolg ausgerichtet war, entstanden Defizite im CSR-Bereich, sowie im Aufbau einer gut arbeitenden Fanbetreuung. Da wurde dann ein Ex-Spieler auch mal schnell zum neuen Fanbeauftragten, ohne überhaupt Ahnung davon beziehungsweise Erfahrung in diesem Bereich zu haben. Es war teilweise schwierig, zwischen Fans und Verein zu vermitteln, da beide Seiten nicht so recht wussten, wie man Verständnis füreinander schafft. Häufig waren dabei die Fans die Leidtragenden. Für uns Fans war es schwierig, hinter der Vereinsarbeit eine gewisse Linie oder einen Stil zu erkennen, Absprachen wurden nicht eingehalten oder vergessen. Mittlerweile hat sich da aber auch etwas getan, es gibt einen offenen und ständigen Dialog, der von beiden Seiten gut angenommen wird. Für die kommenden Jahre hoffen wir natürlich, dass sich genau diese Sachen gut entwickeln, man auf einer gegenseitigen Vertrauensbasis arbeitet und gemeinsam Dinge in den Blick nimmt. Wir wollen beispielsweise auch eine „AntiDiskriminierungs AG“ ins Leben rufen, in der Fans und Verein zusammen für einen inklusiven und bunten Fußball und ein offenes Stadionklima arbeiten. In der Kurve wäre es natürlich ebenfalls optimal, wenn wir in diese Richtung weiterarbeiten und enger für gemeinsame Ziele zusammenrücken. Es gibt noch so viel zu tun bei uns in der Kurve, im Stadion, im Verein, das könnte man gar nicht alles aufzählen. Aber wir sind gewillt, Dinge anzupacken.

Leipziger Spruchbänder beim Spiel in Glasgow. (Foto: privat)

Leipziger Spruchbänder beim Spiel in Glasgow. (Foto: privat)

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Die Saison der Leipziger verläuft geprägt von Höhen und Tiefen. Der vierte Platz hinter den Borussen und München dürfte euch zufrieden stimmen, die Spielweise und -ergebnisse sind aber wechselhaft, was zuletzt die Niederlage in Freiburg zeigte. Wie beurteilt ihr insgesamt die bisherige Bundesligasaison des Vereins? Wohin kann die Reise noch gehen?

Eine gewisse Ambivalenz ist sicherlich nicht zu verneinen. Allerdings spielen wir durch die lästige EL-Quali und die damit einhergehenden sechs zusätzlichen Spiele auch schon ein wenig länger und die Mannschaft hat knapp 30 Pflichtspiele absolviert. Das verlangt den Spielern natürlich allerhand ab, gerade auch bei der schmalen Kaderstärke. Nachdem die Mannschaft mit einer Niederlage, einem Unentschieden und einem Sieg in die Saison gestartet war, kamen dann die Salzburg-Niederlage im Hinspiel und anschließend zehn Spiele ohne Niederlage. Das war schon beachtlich, was die Spieler da aus sich herausholten. Danach gab es zumindest auswärts keine Punkte mehr. Im Dreisamstadion in Freiburg geriet man dann völlig unter die Räder, den Spielern gelang es nahezu keinen einzigen Ball zu erobern. Dennoch sollten wir alle mit dem vierten Platz hochzufrieden sein und uns darüber freuen, dass wir so weit oben stehen. Ich glaube, dass wir nach dem 34. Spieltag nicht weiter oben stehen, aber hoffe doch, dass es dafür reicht, in der nächsten Saison wieder international zu spielen. Wer träumt nicht davon, quer durch Europa zu reisen?

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Vor der Saison hat man sich entschieden, mit Ralph Hasenhüttl nicht zu verlängern. Da der Wunschtrainer Julian Nagelsmann erst zur kommenden Spielzeit frei wird, sitzt in dieser nun Ralf Rangnick auf der Bank. Wie beurteilt ihr diesen Prozess und seine aktuelle Arbeit?

Das war schon ganz schön absurd, dass man eine Woche vor dem Trainingsstart in die neue Saison keinen Cheftrainer hatte. Nicht einmal die Spieler wussten, wer es denn werden würde. Ralph Hasenhüttl war ein absoluter Publikumsliebling, er war extrem beliebt und sein Abschied tat weh, sorgte in Teilen auch für Unverständnis und Wut. Als Sportdirektor ist Ralf Rangnick sicherlich unter den meisten Fans sehr beliebt, als Trainer scheint er allerdings nicht so recht anzukommen. Allerdings kam ja auch aus Mannschaftskreisen immer wieder die Aussage, dass man sich für das Übergangsjahr eine zentrale Rolle von Rangnick innerhalb des Teams wünscht. Dass Ralle am Ende selbst Cheftrainer wird, überrascht kaum. Mit Robert Klauß hat er einen aus der 2009er Mannschaft von Leipzig in die Position Co-Trainer behoben, das ist schon eine coole Sache. Klauß war zuvor U19 Coach und glänzte bei den Trainerlehrgängen als Klassenbester. Es sind eher Aussagen Rangnicks, die immer wieder für Unverständnis sorgen. Nach der Niederlage in der EL in Salzburg verriet Rangnick, dass sich innerhalb der Mannschaft gerade keiner mit der EL beschäftigen würde und sie quasi keine Bedeutung hätte. Nicht nur unglaublich arrogant gegenüber allen Clubs, die es einmal schaffen, international zu spielen, sondern auch ein Schlag ins Gesicht aller Fans, die ihre Mannschaft durch die Quali-Runden und die Gruppenphase hinweg begleiteten. Dass dann zum letzten Spieltag gegen Trondheim zuhause gerade einmal knappe 20.000 Menschen ins Stadion kommen, obwohl die Mannschaft noch weiterkommen kann, sollte ihn nicht allzu sehr wundern. Alles in allem sind wir relativ froh, wenn Rangnick wieder von der Trainerbank verschwindet und sind gespannt, wie die Ära Nagelsmann beginnt.

Timo Werner hat Hunger. (Foto: privat)

Timo Werner hat Hunger. (Foto: privat)

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In der Europa League ist die Mannschaft in der Gruppenphase gescheitert. Zudem hat sie beide Spiele gegen RB Salzburg verloren. Wie sehr schmerzt das frühe Aus – und welche Lehren kann der Verein daraus ziehen?

Selbstverständlich ist es immer scheiße und tut weh, wenn man verliert oder ausscheidet, gar keine Frage. In unserer Gruppe vor allem ein überflüssiges und unnötiges Ausscheiden, das vermeidbar gewesen wäre. Allerdings haben wir ja diese Saison durch die Qualifikation bereits zwölf internationale Spiele gehabt. Es dürften gerne noch mehr sein, der Geldbeutel wird sich als einziger freuen, dass wir ausgeschieden sind. Die ganze internationale Saison war sicherlich für die Mannschaft extrem kräfteintensiv und anstrengend, es ging weit durch Europa und kreuz und quer. Gerade die Qualifikation spielte man ja am Stück in sechs Wochen runter. Die Lehre, die man daraus ziehen kann, ist sicherlich, dass es wesentlich stressfreier ist, sich direkt zu qualifizieren. ;)

10
In der Liga hat Leipzig zuletzt wie angesprochen ungewöhnlich hoch gegen Freiburg verloren. Zuvor gab’s den souveränen Sieg gegen Gladbach, davor allerdings auch eine Niederlage in Wolfsburg. Würdet ihr dem Team eine Auswärtsschwäche attestieren? Woher kommen die aktuellen Wackler in der Defensive?

Auswärts scheinen wir diese Saison tatsächlich nicht so recht in die Spur zu kommen. Das fing ja schon zu Beginn der Saison an, als man keines der Auswärtsspiele während der EL-Quali gewinnen konnte und immer unentschieden spielte. In der Bundesliga gelang es nur in Berlin und Hoffenheim, zu gewinnen. Das sind dann natürlich aber auch gleich wieder sechs Punkte, mit denen du nicht unbedingt fest rechnen würdest. International konnte man einzig und allein das Spiel in Trondheim für sich entscheiden, dafür auch recht deutlich. In Glasgow und Salzburg gab es für die Rasenballer nichts zu holen. Ja, irgendwie scheint es auf den fremden Plätzen nicht so zu laufen, das lässt sich ja relativ schnell erkennen. Aber vielleicht läuft es ja in der Rückrunde besser und die Mannschaft bessert die Statistik auf. Dann können wir am Saisonende noch einmal darüber sprechen, ob man es nun Auswärtsschwäche nennt oder nicht. In der Bundesliga steht man allerdings mit den wenigsten Gegentoren da. Sicherlich auch ein großer Verdienst von Gulácsi, der gerade in dieser Saison noch einmal über sich hinauswächst, extrem stark spielt und in Leipzig der absolute Publikumsliebling ist. Die Wackler in der Defensive sind ja meistens auch auf ein schlechtes Individualverhalten zurückzuführen, wie man in Freiburg sehen konnte. Gerade auch das Comeback von Halstenberg nach seiner schweren Verletzung lief gut und er konnte sofort eine tragende und wichtige Rolle im Spiel übernehmen. Saracchi, der erst seit Beginn der Saison bei uns ist, spielte vor allem in der EL-Quali gut auf und zeigte ordentlich Einsatz und seine Stärken im offensiven Spiel. Wenn Upamecano und Konaté ihre volle Stärke abrufen und das Duo in der Innenverteidigung bilden, gehören sie für mich zu den stärksten auf ihrer Position in der Bundesliga. Bei beiden darf man auch nicht vergessen, dass sie zusammen immer noch jünger sind als Buffon alt ist – das nur am Rande. 

11
Vor heimischem Publikum hat Leipzig die zurückliegenden drei Bundesligapartien gewonnen. Welche Spielweise erwartet ihr am Sonntag und worauf sollte 05-Coach Sandro Schwarz seine Mannschaft einstellen? Wie lautet euer Ergebnistipp?

Für die 05er wird es am Sonntag sicherlich eine schwere Nummer werden. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Leipziger ähnlich wie gegen Gladbach wieder im 4-3-3 starten, um die spielerische Dominanz zu übernehmen. Wenn das gelingen sollte und frühzeitig ein paar Tore fallen, ist es aber auch durchaus denkbar, dass Rangnick schnell umstellt. Hinten wird man alles darauf ausrichten, wieder einmal zu Null zu spielen und die Mainzer damit um den dritten Auswärtssieg in Folge zu bringen. Tippen wir mal ein schönes 2:0.

KOMPAKT
RB Leipzig ist der beste Club der Welt, weil… wir den Segen von Rainer Callmund haben! 
Was ich an unserem Stadion besonders liebe, ist… die unschlagbare und zentrale Lage mitten in der Stadt!
Mein ewiger Lieblingsspieler ist eindeutig… Jeremy Karikari!
Wer Leipzig besucht, sollte… das Flair der Stadt spüren und dafür am besten mittags ein Mettbrötchen am Lindenauer Markt genießen!
Besonders lecker essen Gästefans… in der Waffenverbotszone im Leipziger Osten oder bei Pizza Roma und Aspendos direkt auf der Jahnallee am Stadion.

Vielen Dank für das Gespräch!

Kerstin Weber hat den Namen „Schobbeschachtel“ vorgeschlagen. (Foto: Mainz 05)

Kerstin Weber hat den Namen „Schobbeschachtel“ vorgeschlagen. (Foto: Mainz 05)

LETZTE WORTE
Ist es ein Hasestall? Ist es die Narhalla? Es ist eine… Schobbeschachtel. Bitte was? Auswärtige Fußballfreunde werden sich vielleicht künftig verwundert die Augen reiben, wenn sie von der vorübergehenden kneip-esken Heimat der Fans in Mainz lesen. Schobbeschachtel?

Der Name für das Fanzelt passt aber irgendwie schon ziemlich perfekt, schließlich beschreibt er nicht nur die klassische Mainzer Weinschorle mit 4/5 Riesling und einem Schlückchen Wasser, er erinnert zudem an die schmerzlich vermisste Kultkneipe „Schachtel“ , in der jeder Stadiongänger über 35 in seiner wilden Jugend irgendwann einmal versackt ist.

05-Gegnerbetrachtung: Alles aus Liebe für die Fortuna

Die Gegnerbetrachtung ist zurück. Vor jedem Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit PodcasterInnen, JournalistInnen oder BloggerInnen aus dem Umfeld des gastgebenden Vereins. Diesmal beantwortet mir die fantastische Sue Rudolph meine Fragen zu Fortuna Düsseldorf und Frauen im Fußball.

1
Liebe Sue, ich freue mich sehr, mit dir vorm Spiel der Mainzer in Düsseldorf über Fußball zu reden. Danke, dass du dir die Zeit nimmst. Zu Anfang ein Standard: Wie und wann hast du dich in Fortuna 95 verliebt? Und welche Phase mit dem Club hat dich besonders geprägt?

IMG_20170413_023633Als ich in den Kindergarten ging, wohnte neben mir ein sehr netter junger Mann, der mir meinen ersten Fußball und mein erstes Trikot schenkte. Sein Name war Gerd Zewe… Am meisten geprägt hat mich wahrscheinlich der Widerspruch zwischen der Euphorie der sportlichen Erfolgsphase unter Norbert Meier mit den vielen Aufstiegen und der Enttäuschung über das unehrenhafte Verhalten der damaligen Vereinsführung gegenüber verdienten Spielern und Mitarbeitern angesichts des folgenden sportlichen Misserfolgs sowie gegenüber der aktiven Fanszene in Bezug auf die 12:12 Proteste gegen das Sicherheitskonzept der DFL.

2
In den vergangenen 22 Jahren wurde Düsseldorf zunächst von der ersten bis in die Oberliga durchgereicht, schaffte es dann bis zurück in die erste Liga, stieg nach einer Saison direkt ab – und ist jetzt wieder im Oberhaus. Was bleibt da vom Nervenkostüm als Fan übrig?

Wie heißt es doch so schön: Wer Fortuna liebt, braucht im Leben nichts mehr zu fürchten. Man lernt, an das Unmögliche zu glauben und weiß, dass alles, was passieren kann, auch irgendwann passieren wird. So sind wir mental mittlerweile auf fast alle Katastrophen gut vorbereitet und retten uns im Zweifel mit einer gehörigen Portion Selbstironie. Wir sind eben Fortuna, wir können alles – außer Fußball… ;D Hinzu kommt ein durch die langen Jahre des vereinsinternen Klüngels, unfassbar schlechter Entscheidungen und systematischen Misswirtschaften gewachsenes, (mittlerweile wieder) gesundes Misstrauen gegenüber Motiven und Versprechungen der Vereinsführung – gepaart mit einem erhöhten Bedürfnis nach Transparenz und Kontrolle der Vereinsgeschäfte durch die Mitglieder.

Die Fans von Fortuna Düsseldorf feiern den Aufsteig. (Foto: Peter Schneider)

Die Fans von Fortuna Düsseldorf feiern den Aufsteig. (Foto: Peter Schneider)

3
Man könnte meinen, die erste Liga sei für Fans das höchste der Gefühle. Als Fortuna letzte Saison der Aufstieg „drohte“, wollten aber nicht alle Anhänger wirklich aufsteigen. Wieso? Und habt ihr euch mittlerweile wieder ans Oberhaus gewöhnt?

Die zweite Liga gibt einem wenigstens noch das Gefühl, dass es primär um Fußball geht. Sie kommt noch ein klein wenig ehrlicher daher und hat sich noch nicht ganz so weit von der „normalen“ Wirklichkeit des Fußballs entfernt. In der ersten Liga geht es gefühlt nur noch um Geld, sie treibt die Kommerzialisierung auf den Gipfel, ist mehr Schein als Sein und gespickt mit seelenlosen Plastikclubs. Als der Spielplan rauskam und ich sah, dass unser zweites Spiel gegen die Dosen und das dritte gegen Hoffenheim sein würde, habe ihn direkt wieder zugemacht und gewünscht, wir würden stattdessen gegen Sankt Pauli spielen.
Die größte Sorge der Aufstiegsskeptiker ist aber wahrscheinlich, dass den Verantwortlichen der Erfolg (wieder einmal) zu Kopf steigen könnte und/oder sich der Verein eines Tages dem finanziellen Druck der Bundesliga beugen und unsere Seele für den Erfolg verkaufen würde. Diese Sorge äußerte sich auch in den Satzungsänderungsanträgen der letzten Jahre, die unser Fortbestehen als mitgliedergeführter e.V. zementiert haben. Hinzu kommt, dass wir die wichtigsten Punkte unserer Identität für die nächsten Generationen noch einmal schriftlich in einer Leitlinie und Handlungsmaxime festgehalten haben, der „Fortuna-DNA“.

4
Du bist eindeutig Stadionfan, sprich, du schaust die Spiele nicht auf der heimischen Couch, sondern vor Ort, zumeist auch auswärts. Wie wuppst du das zeitlich?

Mal besser und mal schlechter – man muss Fortuna schon einiges oder ehrlicher Weise alles im Leben unterordnen. Dank der Spieltagszerstücklung und meiner diversen ehrenamtlichen Verpflichtungen blieben in den letzten Jahren oft keine Urlaubstage mehr für Urlaub übrig. Hinzu kommt, dass der größte Teil der Arbeit von aktiven Fangruppen und Organisationen ja nicht an den Spieltagen stattfindet, sondern die wenige verbliebene Restfreizeit bestimmt. Sei es das Schreiben für das Stadionheft, die Organisation von Fanturnieren, Kneipenabende, Vorträge, Workshops, Arbeitsgruppen mit dem Verein, Tifo und vieles mehr.
Dafür lernt man viele wunderbare Menschen kennen und lieben, für die Fußball viel mehr als ein Produkt oder Ergebnissport ist. Die ihn nicht konsumieren, sondern leben und lieben. Mit denen gemeinsam man Banden bilden, Dinge verändern und Gutes tun kann. Man gründet quasi seine eigene Fußball-Familie, die einem in guten wie in schlechten Zeiten zur Seite steht. Freunde und Angehörige außerhalb des Fußballumfelds kommen dabei leider fast immer zu kurz.

5
Ob und inwieweit Stadien als Wohlfühlorte taugen, wird in einigen Medien leidenschaftlich diskutiert. Wir beide werden uns da glaube ich schnell einig: tun sie. Gibt es trotzdem auch Situationen, die dich nerven? Welche speziellen Erfahrungen machst du als Frau im Block?

20180513_123006Die meisten schlechten Erfahrungen im Fußballumfeld habe ich bislang durch Repression gemacht. Polizeiwillkür und -gewalt sind für Auswärtsfahrer leider trauriger Alltag. Dazu kommen oft noch dumme, sexistische Sprüche von Polizisten, etwa wenn man als Frau im Kessel nicht vor aller Augen in den Mittelkreis pinkeln will oder auch von Ordnern, wenn man auf Missstände im Block hinweist. Und dass es selbst in der ersten Liga kaum ein Verein gebacken bekommt, ausreichend weibliche Ordner für die Sicherheitskontrollen oder auch nur Frauentoiletten zur Verfügung zu stellen, nervt ebenfalls ungemein.
Innerhalb des Blocks bewege ich mich meist im relativ geschützten Umfeld meiner Bezugsgruppe bei den Ultras, die sich aktiv gegen jede Art von Diskriminierung innerhalb und außerhalb des Stadions einsetzt. Da wir meist im eigenen Bus an- und abreisen, muss ich mich beim Fußball aber zum Glück nur selten mit den dummen Sprüchen, unangenehmen Anmachen oder gar Übergriffen auseinandersetzen, denen man (nicht nur) als Frau bei jeder Art von Massenveranstaltung regelmäßig ausgesetzt ist. Karneval ist im Vergleich schlimmer. Wenn es doch mal dazu kommt, habe ich die besten Erfahrungen damit gemacht, den oder die Verursacher direkt deutlich und lautstark in ihrer eigenen Sprache anzupöbeln und ihnen wenn möglich weder die Kontrolle, noch die Deutungshoheit über die Situation zu überlassen. Bloß nicht klein machen oder kuschen, dass schreit „Opfer“ und weckt Jagdinstinkte.

Orgateam

6
Aktuell tourt die Ausstellung „Fan.Tastic Females – Football Her.Story“, in der weibliche Fans und ihre Geschichte(n) porträtiert werden, durch Deutschland. Du gehörst zum Projektteam. Kannst du ein bisschen was darüber erzählen, was die Ausstellung so besonders macht?

Obwohl es von Anfang an auch Frauen in den Fußballstadien gab, waren sie häufig nicht erwünscht und blieben in der Berichterstattung meist unerwähnt oder wurden auf Bildern nicht gezeigt. Bis heute sind es nur äußerst selten Frauen, die in Büchern, Filmen, Interviews oder Dokumentationen über Fußball und Fußballfans ihre Geschichten erzählen oder gar im Mittelpunkt existierender Fan- und Fußballlegenden stehen. Wir wollten das ändern und weibliche Fankultur endlich einmal jenseits der typischen medialen Stereotype so zeigen, wie sie wirklich ist. Die Geschichten der vielen großartigen Frauen im Fußball erzählen. Vorbilder schaffen, die andere Frauen inspirieren und es der nächsten Generation leichter machen, selbstbewusst und selbstverständlich ihren Platz auf der Tribüne einzunehmen. Und nachdem sich viele aktive Fußballfans unter der Federführung von „Football Supporters Europe“ über Jahre unermüdlich in ihrer Freizeit für ihre Realisierung eingesetzt haben, wurde aus der Idee das DIY-Ausstellungsprojekt „Fan.Tastic Females – Football Her.Story“.
IMG_3984In den letzten eineinhalb Jahren sind Teams von Freiwilligen durch ganz Europa gereist, um mit weiblichen Fans von Kutten bis Ultras, Frauen in Führungspositionen und nationalen Fannetzwerken zu sprechen. Von Norwegen bis Italien, von Frankreich bis Russland – sogar Frauen aus den USA und dem Iran kommen zu Wort. Sie alle erzählen von ihrer Liebe und Leidenschaft für den Sport, ihrem Weg auf die Tribünen, ihren großartigsten, eindrucksvollsten, aber auch weniger schönen Momenten im Fußball. Das Ergebnis sind über 80 Minivideos von Fußballfrauen aus 21 Ländern, welche sich per QR-Code scannen lassen und auf dem Mobiltelefon oder Tablet angeschaut werden können. Die bislang einzigartige multimediale Ausstellung erweckt die ganze Vielfalt und Farbenfreude von Frauen in Fankurven zum Leben, informiert über ihre Historie und zeigt die Realitäten weiblicher Fankultur im Fußball ganz unverfälscht aus der Perspektive der Protagonist*innen – ohne den üblichen erhobenen Zeigefinger.

7
Das Beispiel Ronaldo zeigt, wie Fußball als Männerwelt zusammensteht: Kathryn Mayorga wirft ihm vor, er habe sie vor neun Jahren anal vergewaltigt, die Zivilklage läuft. Niemand sollte ihn natürlich vorverurteilen, aber wie Club, Fans undsoweiter ihm zur Seite stehen, kommt eigentlich einer Vorverurteilung Mayorgas gleich. Was, glaubst du, können wir als Frauen tun, um die männliche Dominanz im Fußball gemeinsam weiter aufzubrechen?

Puh, da schlägst Du jetzt aber einen gewaltigen Bogen, dem angemessen zu folgen den Rahmen dieses Artikels bei weitem sprengen würde. Meiner Ansicht nach hat der Umgang mit dem Fall Ronaldo in Medien und Gesellschaft nicht primär etwas mit Fußball zu tun. Vielmehr hat er die gleichen gesamtgesellschaftlichen Ursachen wie die Wahl eines Mannes zum obersten Richter der USA, obwohl ihm glaubhaft Vergewaltigung vorgeworfen wird. Sowohl Deutschlands aktueller Innenminister Seehofer, als auch Kanzlerkandidat Merz haben gegen die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe gestimmt. Und auch die #MeToo Bewegung hat wieder einmal gezeigt, wie häufig Männer in Machtpositionen noch immer täglich sämtliche Grenzen überschreiten und wie selten Frauen, die dieses Verhalten anzeigen, Gehör oder gar Glauben geschenkt wird. Feminismus ist meiner Ansicht aber auch keine reine Frauensache. Wir können die Welt nur alle gemeinsam nachhaltig verändern – miteinander, nicht gegeneinander.
IMG_20170521_150901Dass der Fußball nicht die Ursache aller Probleme ist, enthebt ihn aber keinesfalls der Verantwortung, ein Teil der Lösung zu sein. Vereine müssen Handlungsstrategien gegen sexualisierte Gewalt entwickeln und ihre Mitarbeiter für das Thema sensibilisieren. An Spieltagen müssen niedrigschwellige Anlaufstellen und Schutzräume für Betroffene geschaffen werden. Und vor allem müssen Ordner und Sicherheitskräfte auch in dieser Hinsicht viel besser geschult werden. Es muss ein Klima des Vertrauens geschaffen werden, in dem Betroffene sicher sein können, ernst genommen zu werden und bei Bedarf sofort Hilfe zu erhalten. Um Fußballfankultur gleichberechtigter zu machen, müssen meiner Ansicht nach zunächst die im Fußball aktiven Frauen sichtbarer werden. Wenn wir Banden bilden und uns gegenseitig unterstützen, unsere Stimmen erheben und uns unsere Freiräume erobern, kann man uns nicht mehr marginalisieren oder als zu vernachlässigende Randerscheinung abtun. Das „Fan.Tastic Females“-Projekt ist ein gutes Beispiel dafür. Und damit meine ich nicht (nur) die Ausstellung an sich. Insbesondere die daraus hervorgegangene Vernetzung der vielen verschiedenen Frauen, der intensive Austausch und die große Solidarität aller Beteiligten untereinander, war und ist eine unglaubliche Quelle der Kraft und Inspiration. Niemand ist mehr die eine Frau unter Männern, die sich oftmals zwischen ihrer Weiblichkeit und der Anerkennung der Gruppe entscheiden musste. Wir sind laut, wir sind viele – und wir sind ein Gewinn für jede Fanszene. FRAUEN IN DIE KURVE, DAMIT DIE KURVE LEBT!

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8
Lass uns einen großen Bogen zurück zu Fortuna Düsseldorf schlagen. Nach einem guten Start und einem ausgedehnten Zwischentief läuft es für die Mannschaft ergebnistechnisch aktuell richtig gut. Wie zufrieden bis du mit dem ersten Saisondrittel?

Man hätte sicherlich in dem einen oder anderen Spiel mehr Punkte sammeln können, aber bis auf die schmerzlichen Niederlagen gegen Nürnberg und Wolfsburg kann ich mit dem bisherigen Saisonverlauf eigentlich ziemlich gut leben. Wobei mich auch die in Stuttgart verschenkten Punkte noch immer ein wenig wurmen. Dass Zieler ausgerechnet gegen uns auf einmal den Torwartgott raushängen lassen muss, nehme ich schon ein wenig persönlich.
Dass dem von Dir angesprochenen vielversprechenden Beginn mit gutem Auftakt gegen Augsburg, einem mehr als verdienten Punkt in Leipzig und dem ersten Sieg gegen Hoffenheim ausgeprägte Schwächephase folgte, die in der 7:1 Klatsche in Frankfurt gipfelte, ist typisch für Fortuna. Nicht umsonst wird unsere Göttin unter der Hand auch schon mal launische Diva genannt. Die zuletzt wieder sehr guten Partien mit einem Sieg gegen Berlin und einem Punkt in München zeigen aber, dass sich die Mannschaft weiterentwickelt und den Kopf nicht in den Sand steckt. Der Teamgeist stimmt, die Jungs glauben an sich, kämpfen bis zur letzten Sekunde und beweisen in fast jedem Spiel eine große Moral. Der Klassenerhalt ist auf jeden Fall drin – und der Pokalsieg selbstverständlich auch noch nicht unmöglich.

9
Friedhelm Funkel führt die Mannschaft als Aufstiegstrainer nun durch die erste Liga. Er galt lange als klassischer Feuerwehrmann. Wie sehr kann er eine Mannschaft auch entwickeln? Und wie sehen ihn die Düsseldorfer Fans?

Funkel besitzt durch den Aufstieg sicherlich einen Bonus bei Fans und Vereinsführung. In dem Zwischentief wurden allerdings bereits auch die kritischen Stimmen gegenüber seiner Person in Düsseldorf lauter. Er besitzt wie Du auch ansprichst nicht gerade den Ruf, junge Spieler zu fördern und Mannschaften auf hohem Niveau weiter zu verbessern und entwickeln zu können. Bei Fortuna sitzen jetzt aber auch nicht reihenweise kommende Superstars auf der Bank und warten vergeblich auf ihren Einsatz. Junge Spieler wie Dodi Lukebakio haben unter seiner Führung eine kometenhafte Entwicklung durchlaufen und er stellt seine Jungs bislang immer gut auf den nächsten Gegner ein. Die Spielweise ist variabel und das System flexibel. Die Suche nach einem neuen Sportvorstand, der ihn bei der Weiterentwicklung der Mannschaft unterstützen könnte, ist so gut wie abgeschlossen und der Verein will sich in der Winterpause weiter verstärken.

Die Fortuna ist wieder da. Für ihre Fans war sie eh nie weg. (Foto: Peter Schneider)

Die Fortuna ist wieder da. Für ihre Fans war sie eh nie weg. (Foto: Peter Schneider)

10
Wie stark war der Umbruch im Team nach dem Aufstieg? Bist du der Meinung, dass man sich ausreichend und klug verstärkt hat? Wo zeigen sich inzwischen vielleicht Schwachstellen und ist der Klassenerhalt für die Fortuna realistisch?

Ob man sich ausreichend verstärkt hat, wird sich noch zeigen, da wichtige Schlüsselspieler aufgrund des Endes ihrer Ausleihe wieder abgegeben werden mussten. So fehlt zum Beispiel Florian Neuhaus als kreativer Spielgestalter im Mittefeld noch immer schmerzlich und konnte bisher nicht gleichwertig ersetzt werden. Das liegt aber auch daran, dass sich ein Verein mit der Finanzkraft von Fortuna Düsseldorf Spieler seines Formats schlicht nicht leisten kann. Wir müssen auf den Einsatz und die Entwicklung junger Spieler setzen, die sich bei uns erst noch beweisen müssen. Das ist jedoch immer mit einem gewissen Risiko verbunden, da ihre Leistung natürlicher Weise noch schwankt. Die Scouting Abteilung hat angesichts ihrer Möglichkeiten ganze Arbeit geleistet und die Neuzugänge wurden schnell und gut in die Mannschaft integriert. Die Stimmung im Team war von Anfang an gut und die Jungs glauben an sich und ihre Stärke. Mit etwas Glück können wir an einem guten Tag jeden schlagen. Trotz der bereits angesprochenen positiven Verstärkung durch Dodi Lukebakio offenbaren sich bei uns und vor allem im Sturm immer wieder Schwachstellen. Die Mannschaft spielt sich viele gute Chancen heraus, die dann immer wieder am Abschluss scheitern. Takashi Usami etwa fehlt sichtlich die Unterstützung seines Buddies Haraguchi, er hat sich jedoch gefangen und zeigt in den letzten Spielen eine ansteigende Formkurve. Über Marvin Ducksch brauchen wir in diesem Zusammenhang wohl eher nicht reden, Grüße an unsere Freunde vom Millerntor. Mit passenden Verstärkungen in der Winterpause halte ich den Abstieg aber weiterhin für durchaus vermeidbar. Wir sind Fortuna, wir können alles – auch Klassenerhalt.

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11
Nach dem Unentschieden gegen die Bayern empfängt das Team die 05er sicher mit breiter Brust. Andererseits konnten die auswärts ausgerechnet in Freiburg gewinnen, nachdem der SC bei den Bayern einen Punkt entführt hatte. Was für ein Spiel erwartest du? Worauf sollte Sandro Schwarz seine Mannschaft einstellen? Und welches Ergebnis tippst du?

Mainz wird in Düsseldorf wahrscheinlich mit ähnlicher 4-4-2 Formation wie beim letzten, bislang aber auch einzigen Auswärtssieg der Saison auflaufen. Nachdem Fortuna beim letzten Heimspiel die Hertha aus der Arena geschossen hat, brauchen wir uns vor Mainz ganz gewiss nicht zu verstecken. Nach dem Unentschieden in München erwarte ich ein ausgeglichenes, kampfbetontes Spiel mit ähnlicher taktischer Ausrichtung beider Teams. Letztendlich werden sich die Fortunen aber mit etwas Glück durchsetzen und gemeinsam einen glorreichen 2:1 Heimsieg feiern. Auf ein gutes Spiel!

KOMPAKT
Fortuna Düsseldorf ist der beste Club der Welt, weil… wir für einen Aufstieg niemals unsere Seele verkauften und als mitgliedergeführter e.V. alle gemeinsam gewinnen oder verlieren.
Was ich an unserem Stadion besonders mag, ist… die wunderschöne Lage direkt am Rhein und die gute Sicht von allen Plätzen.
Meine ewigen Lieblingsspieler sind eindeutig… Gerd Zewe und Jens Langeneke.
Wer Düsseldorf besucht, sollte unbedingt… die urigen Altbierbrauereien besuchen und dat leckere Dröppke probieren.
Besonders lecker essen Gästefans in… den vielen ausgezeichneten japanischen Restaurants in Düsseldorf.

Vielen Dank für das Gespräch!

Für das Spiel der Herzen gegen Hannover werden noch Pinverkäufer gesucht. (Foto: Mainz 05)

Für das Spiel der Herzen gegen Hannover werden noch Pinverkäufer gesucht. (Foto: Mainz 05)

LETZTE WORTE
Am 9. Dezember steht nicht nur das vorletzte Heimspiel der Saison an für den 1. FSV Mainz 05, es ist auch das Spiel der Herzen. Dafür werden noch Helfer gesucht. Unterstützt beim Pin-Verkauf und meldet euch unter spielderherzen@supporters-mainz.de bei den Supporters.

05-Gegnerbetrachtung: Die Magie des Christian Streich

Die Gegnerbetrachtung ist zurück. Vor jedem Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit PodcasterInnen, JournalistInnen oder BloggerInnen aus dem Umfeld des gastgebenden Vereins. Diesmal spreche ich mit Philipp Schneider über seine Liebe zum SC Freiburg.

1
Hallo Philipp! Danke, dass du dir heute Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Deine Twitter-Biografie verrät über dich, dass du nicht nur selbst gegen den Ball kickst, sondern auch Trainer im Südbadischen Fußballverband bist. Spielst du noch und wen trainierst du?

IMG-20160221-WA0003Hallo Mara! Ja, das stimmt, ich spiele für die Sportfreunde Ittendorf/Ahausen, das ist ein Kreisligist am Bodensee. Dort trainiere ich auch die zweite Herrenmannschaft. Ich habe vor einem Jahr meine Fußballtrainer-Lizenz absolviert und habe enorm Spaß daran, mit einer Mannschaft zu arbeiten.

2
Wir sprechen heute über das anstehende Spiel der Mainzer am Wochenende in Freiburg. Wie bist du Fan des SC geworden? Und gibt es Ereignisse oder Phasen, die dich besonders geprägt haben in deiner Beziehung zum Verein?

Ich komme aus dem Schwarzwald, da gab es in der Schule nur Bayern-, Stuttgart- oder Freiburg-Fans. Da wir mit der Familie oft in Freiburg waren, wurde ich Fan des SC. Nachdem ich nach Freiburg gezogen bin, wurde meine Leidenschaft für den SC Jahr für Jahr größer und seit 2009 habe ich eine Dauerkarte. Ich wohne zwar inzwischen am Bodensee, sehe aber trotzdem ungefähr 30 Spiele pro Saison im Stadion. Nach Ende der Hinrunde werde ich, wenn alles klappt, 300 Spiele des SC im Stadion gesehen haben. Da waren natürlich einige Highlights dabei. Der Aufstieg in Koblenz, die Europapokal Qualifikation in Fürth, Auswärtsspiele im Europapokal, aber auch die Spiele in der zweiten Liga vor drei Jahren, haben mich einfach an diesen Verein gebunden.

3
Du gehörst zum Team des „Füchsletalk“, einem Fußballpodcast, der sich mit dem SC Freiburg beschäftigt. Wer ist außer dir dabei? Wie habt ihr zusammengefunden? Wie oft und wo kann man euch hören? Und sendet ihr live oder nehmt ihr vorab auf?

FuechsletalkAußer mir dabei sind Sven, Michael, Hans-Peter und Dominik. Die vier anderen machen das schon ein bisschen länger zusammen. Ich habe sie fleißig gehört und dann via Twitter Michael kennengelernt, der mich mal eingeladen hat. Ich war erst einmal dabei und wurde danach fester Bestandteil des Teams. Wir nehmen eine Sendung pro Monat auf, die man bei Meinsportpodcast.de (ehemals Meinsportradio.de) hören kann. Wir nehmen die Sendungen immer im Voraus auf und veröffentlichen Sie meistens ein Tag später.

4
Kannst du uns ein bisschen was zur Sendung selbst verraten? Wie bereitet ihr euch inhaltlich vor? Gibt es feste Rubriken? Was ist euch besonders wichtig? Und besteht auch ein direkter Kontakt zu den Vereinsverantwortlichen oder Spielern?

Also, wir halten das meist spontan. Themen, die anstehen, wie die Mitgliederversammlung, Transfers oder die allgemeine Situation des Vereins, werden besprochen. Michael moderiert die Sendung und fragt uns im Prinzip nach unserer Meinung. Soweit ich weiß, besteht kein direkter Kontakt zum Verein, es kann aber sein, dass es bei einem der anderen vier anders ist.

Die Mitgliederversammlung des 1. FSV Mainz 05 verlief ereignisreich. (Foto: WP)

Die Mitgliederversammlung des 1. FSV Mainz 05 verlief ereignisreich. (Foto: WP)

5
Bei der Mitgliederversammlung des 1. FSV Mainz 05 wurde heiß diskutiert, ob die Löschung aus dem Vereinsregister drohen könnte, wenn die Profiabteilung nicht ausgegliedert wird. Auch der SC Freiburg ist nach wie vor eingetragener Verein. Wie aktuell ist das Thema dort?

Das ist für die Fans des SC ein sehr wichtiges Thema. Der Großteil der Fans will ein e.V. bleiben. Das ist ein Thema, das mir am Herzen liegt, bin ich doch kein großer Freund der aktuellen Entwicklung im Fußball und sehr froh, dass es noch Ausnahmen wie Freiburg und Mainz gibt. Die Thematik, wie sie die Mainzer jetzt hatten, ist in Freiburg sehr interessiert beobachtet worden. Auch in Freiburg macht man sich Gedanken, wie es weitergeht, sollte man gezwungen werden, auszugliedern.

6
Football Leaks, Ausgliederung und zerstückelte Spieltage sind nur einige der Themen, die Fans aktuell mal wieder beschäftigen. Dazu mehren sich die Stimmen derer, die das Wort „Fußballromantiker“ fast als Beschimpfung nutzen und die Entfremdung klaglos hinnehmen. Wohin steuert der Fußball und was bedeutet das für Vereine wie Freiburg oder Mainz?

Der Fußball steuert in eine Richtung, die nicht gut für die Menschen sind, die aktiv am Verein teilhaben und viele Spiele besuchen möchten. Dass Vereine mit viel Geld aus dem Nichts in die Bundesliga kommen, wird eines Tages dazu führen, dass Vereine wie Freiburg oder Mainz nicht mehr in dieser Liga spielen können, sollten sie nicht auch einen großen Geldgeber finden.

7
Vor der Begegnung mit Mainz 05 am 11. Spieltag steht Freiburg mit 13 Punkten auf Platz 10 der Tabelle. Wie zufrieden bist du ganz grundsätzlich mit diesem Zwischenstand?

Ich bin sehr zufrieden. Nach einem holprigen Start wurde nur noch eines der letzten acht Spiele verloren. Der SC ist breiter aufgestellt als in der letzten Saison und die jungen Spieler entwickeln sich sehr gut weiter. Man hat sich ein kleines Polster erarbeitet vor den Abstiegsplätzen, was ein schönes Gefühl ist. Schade war das vermeidbare Ausscheiden im Pokal.

8
Christian Streich musste in dieser Saison einige Spiele wegen Rückenproblemen aussetzen. Was glaubst du, wie sehr hat er als Typ der Mannschaft in dieser Zeit gefehlt? Wären diese Partien in seiner Anwesenheit erfolgreicher verlaufen?

Ich glaube, Streich hat sehr mit seiner Ansprache gefehlt. Die Co-Trainer haben das gut gemacht, aber Streich ist einfach ein Typ, der extrem schwer zu ersetzen ist. Ich glaube allerdings, dass die ersten Spiele auch mit ihm verloren worden wären. Ein Trainer kann viel beeinflussen, aber mangelnde Chancenverwertung und individuelle Fehler kann auch ein Christian Streich nicht ändern.

9
Der Trainer ist längst zum unverwechselbaren Gesicht des Vereins geworden, sportlich, aber auch, weil er sich immer wieder klar gesellschaftlich und politisch positioniert. Wie siehst du seine aktuellen Sympathiewerte bei den Fans? Ist Streich unersetzlich?

Ich glaube, Christian Streich ist das Gesicht dieses Vereins und die Fans mögen ihn extrem. Er ist ein Trainer, der über den Tellerrand hinausblickt und einfach schon ewig da ist. Streich identifiziert sich mit dem SC und hat sportliche Erfolge. Im Moment gibt es keinen besseren Trainer für diesen Verein.

10
Zuletzt hat Freiburg in München einen Punkt gegen die Bayern geholt. Wie ist das dem Team gelungen und war es für dich die bisher schönste Partie der Saison? Und war es die perfekte Antwort auf das Pokalaus in der Vorwoche?

Es war eine sehr ereignisreiche Woche. Der Sieg gegen Mönchengladbach, das war für mich das schönste Spiel der Saison. Ich war bei allen Spielen der englischen Woche im Stadion und das Aus in Kiel kam nach dem Gladbach-Spiel überraschend. Aber Kiel hat dem SC mit Kampf und Wille Paroli geboten, so wie es der SC jede Woche in der Bundesliga probiert. München war ein Highlight. Ein Ausgleich in der 89 Minute ist immer emotional, aber dann auch noch in München, das war schon sehr schön.

11
Welches der bisherigen Saisonspiele des SC spiegelt deiner Meinung nach am besten wider, wie die Freiburger grundsätzlich spielen wollen? Worauf muss Mainz 05 sich am Samstag im Breisgau einstellen und was ist dein Tipp fürs Spiel?

Ich denke, das Spiel gegen Gladbach. Der SC will aus einer guten Defensive heraus schnell nach vorne spielen. Mainz muss sich auf viele Zweikämpfe und sehr viel Laufarbeit des SC einstellen. Nils Petersen fällt leider aus. Ich denke, es wird ein sehr enges Spiel. Ich tippe seit Jahren 2:1 für den SC, egal, gegen wen und wo sie spielen, einfach in der Hoffnung, dass ich richtigliege.

KOMPAKT
Der SC Freiburg ist der beste Club der Welt, weil… der SC aus wenig viel macht.
Was ich an unserem Stadion besonders liebe, ist… dass das Stadion so eng ist. Und die Lage!
Mein ewiger Lieblingsspieler ist eindeutig… Nils Petersen.
Wer Freiburg besucht, sollte unbedingt… mal ‘ne Rote am Münster essen.
Besonders lecker essen Gästefans… im San Marino.

Vielen Dank für das Gespräch!

Leandro Barreiro hat bei Mianz 05 seinen ersten Profivertrag unterschrieben. (Foto: Mainz 05)

Leandro Barreiro hat bei Mianz 05 seinen ersten Profivertrag unterschrieben. (Foto: Mainz 05)

LETZTE WORTE
Für den 1. FSV Mainz 05 waren die zurückliegenden Tage in vielerlei Hinsicht positiv. Nicht nur, dass der Verein am letzten Wochenende zuhause gegen SV Werder Bremen endlich wieder einen so heiß ersehnten Dreier einfuhr, parallel wurde auch weiter an der langfristigen Kaderplanung gebastelt. 05-Sportvorstand Rouven Schröder verlängerte den Vertrag mit Jonathan Burkardt vorzeitig bis 2022 und stattete Leandro Barreiro mit seinem ersten Profivertrag aus. Beim Vertrag des bisherigen Leispielers Aarón Martín griff mit seinem zehnten Saisoneinsatz die Kaufoption und der Verein bindet ihn bis 2023.