Gegnerbetrachtung: Mainz 05 beim BVB

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Für die letzte Folge der laufenden Saison habe ich mit Maurice Morth von Schwatzgelb.de gesprochen.

Maurice von Schwatzgelb.de ist der Junge mit dem Ball. (Foto: privat)

Maurice von Schwatzgelb.de ist der Junge mit dem Ball. (Foto: privat)

Hallo Maurice, danke, dass du dir die Zeit für meine Fragen nimmst. Du schreibst regelmäßig für schwatzgelb.de, das BVB-Online-Fanzine, das weit über die Vereinsgrenzen bekannt ist. Wie organisiert ihr euch untereinander und wie viele Redakteure und Freie machen mit?
Aktuell sind wir an die 50 Mitglieder bei Schwatzgelb.de. Fest besetzt werden bei uns im eigentlichen Sinn nur die Vor- und Spielberichte. Wem etwas auf der Seele brennt, der kann in die Tasten tippen und sich so gut wie sicher sein, dass sein Text auch auf der Homepage erscheinen wird. Wir profitieren davon, dass ein größerer Teil der Mitglieder sich kennt und/oder in Dortmund und Umgebung miteinander vernetzt ist. Organisiert sind wir aber grundsätzlich über das Online-Tool „Slack“.

Du kommst ja aus Hessen, also nicht dem direkten Dortmunder Einzugsgebiet. Wie bist du selbst zum BVB-Fan geworden – und gibt es eine Saison, die dich mit deinem Verein bisher besonders geprägt hat?
Ich weiß noch ganz genau, dass mir im Alter von drei Jahren die Farbe Gelb sehr gut gefallen hat und das in meinem Heimatort der Großteil der Kinder Fans des FC Bayern waren. Da hat das als Pendant damals ganz gut gepasst. Sich eine besondere Saison herauszupicken ist schwer, prägend war für mich aber besonders mein erster Besuch im Westfalenstadion. 1997 in der Champions League gegen Auxerre. Ich war stolz wie Oskar, dass meine Mutter Karten besorgen konnten und für mich war die Fahrt in den Ruhrpott damals wie eine halbe Weltreise. Die Borussia gewann danach den Pokal und um mich war es allerspätestens nach dem Spiel geschehen.

Hinter dem BVB liegen bewegte Jahre mit zwei ehemaligen Mainzer Trainern. Wie oft denkst du noch an Jürgen Klopp? Verfolgst du seine Arbeit mit Liverpool? Und war die Lücke, die er emotional gerissen hat, größer als gedacht? (Für Mainz würde ich das definitiv bejahen.)
Ich denke mittlerweile sehr selten an Jürgen Klopp. Speziell die erste Meistersaison 2011 liegt allerdings gut konserviert zum Abruf bereit, sollte ich mal einen schlechten Tag haben. Wehmut empfinde ich dann allerdings nicht mehr. Ich freue mich, wenn ich sehe, wie erfolgreich er nun auch in Liverpool arbeitet – die Champions League würde ich ihm von Herzen gönnen. Mit der emotionalen Lücke ist das aber eine schwierige Sache. Klopp hat eine Benchmark gesetzt, die Aufgrund seiner stark ausgeprägten Attribute wohl einzigartig ist. Das macht es natürlich für seine Nachfolger schwierig. Ich vergleiche das manchmal mit dem Ende einer Beziehung – erst, wenn du nicht mehr vergleichst, bist du richtig bereit für was Neues. Ich glaube, in Dortmund könnte diese Phase nach Jahren der Entwöhnung jetzt so langsam starten.

In einem eurer aktuellen Artikel sprecht ihr an, dass auch in der Mannschaft die emotionalen Antreiber und Identifikationsfiguren fehlen. Inwieweit haben die Bosse da Fehler gemacht?
Im Erfolg macht man die größten Fehler. Ich glaube, es wurde zu lange auf Pferde gesetzt, mit denen man sich aufgrund ihrer Geschichte emotional verbunden sah, die aber ihre beste Zeit bereits hinter sich haben. Zusätzlich wurden wiederum teurere Spieler verpflichtet, die längst nur noch von ihrem Namen, aber nicht mehr von ihrer Leistung profitieren. Insgesamt eine schwierige Gemengelage beim BVB, die bei uns auf der Homepage ja schon massenhaft Seiten gefüllt hat. Den Ursprung des Verlangens nach Identifikation finde ich selbst seltsam. Liegt es daran, dass der große Menschenfänger Klopp nicht mehr da ist? Fühlen sich die Leute in der immer rasanteren Internationalisierung verloren? Schwierig. Ich kann mich zumindest nicht daran erinnern, dass jemand in der Zeit unter Thomas Doll groß nach Identifikation schrie.

Wie viel Identifikation braucht der Fußball? Mainzer Fans beim Auswärtsspiel in Dortmund. (Foto: Meenzer on Tour)

Wie viel Identifikation braucht der Fußball? Mainzer Fans beim Auswärtsspiel in Dortmund. (Foto: Meenzer on Tour)

Die Ära Thomas Tuchel zerfällt in mehrere Puzzleteile. Lass uns zunächst auf den Sport schauen. Wie hat Tuchel den BVB deiner Meinung nach weiterentwickelt? Welche guten Entscheidungen sind unter seiner Ägide getroffen worden?
Er hat es innerhalb weniger Monate geschafft, den Fußball des BVB umzukrempeln. Ich mochte seine Idee des Ballbesitzfußballes, denn ich hatte persönlich den Eindruck, dass sich dieser raidkale Pressingansatz unter Klopp zumindest in der Bundesliga in den letzten Jahren etwas abgenutzt hatte. Lösungen wurden im letzten Spielfelddrittel deutlich weniger gefunden und tiefstehende Gegner bereiteten weitaus größere Probleme als beispielsweise noch 2012. In der ersten Tuchel-Saison zahlte sich die Umstellung zum kleinteiligen Kurzpassspiel aus, der BVB wurde der beste Zweitplatzierte der Geschichte und sezierte die Gegner phasenweise in seine Einzelteile. Nach den Abgängen von Gündogan, Hummels und Mkhitaryan wurde es nach dem Sommer dann natürlich schwierig. Hier hat gerade Dembélé viel dazu beigetragen, dass sich die Saison nicht zu einem fußballerischen Offenbarungseid entwickelt, wie wir sie aktuell erleben (immer daran gemessen, wie viel Geld man investiert).

Neben dem Platz war es für und mit Tuchel in Dortmund, so schien es, von Anfang an eher schwierig. In Mainz gab es zwischen Kloppo und Tuchel natürlich auch eine Art emotionalen Bruch, weil beide sehr unterschiedlich sind. Bei euch schien mir das aber tiefer zu gehen.
Auf der einen Seite der Menschenfänger Klopp und auf der anderen Seite Thomas Tuchel, dem etwas Klinisches und Wissenschaftliches anhaftet. Ich habe ja eben schon angesprochen, vor welche Probleme Nachfolger von Klopp gestellt werden. Das konnte auf Dauer einfach nicht gut gehen. Gerade die Nähe zu den Fans war vielen Leuten unter Klopp sehr wichtig. Tuchel konnte das durch seine distanzierte Art schlicht nicht bieten – wollte es vielleicht auch gar nicht.

Ende Legende: Jürgen Klopp ist beim BVB längst Vergangenheit. (Foto: Christopher Neundorf/Wikipedia)

Ende Legende: Jürgen Klopp ist beim BVB längst Vergangenheit. (Foto: Christopher Neundorf/Wikipedia)

Wir beide haben schon mehrfach festgestellt, dass wir beim Thema Thomas Tuchel recht weit auseinanderliegen. Vielleicht haben wir ihn unterschiedlich erlebt, sicher hat er auch hier und dort nicht identisch agiert. Woher kommt deine kritische Haltung?
Gleich vorab zwei Dinge: Sportlich bin ich von Thomas Tuchel absolut überzeugt. Ein toller Taktiker, der sich bis zum Zerreißen Gedanken darüber macht, in welcher Variation er seine elf Spieler jeden Spieltag aufstellen sollte. Wir von schwatzgelb.de sind in Dortmund eben auch ganz gut vernetzt. Intern sind Dinge vorgefallen, die nicht den Weg an die Öffentlichkeit gefunden haben und auch nicht finden sollten, als Ausnahme sei zum Beispiel die Causa-Mislintat genannt, dem Tuchel den Zugang zum Trainingsgelände verwehren wollte. Innerhalb des Vereins machen sich Manche mittlerweile Vorwürfe, im Fall Tuchel nicht viel früher die Notbremse gezogen zu haben – weit vor dem Anschlag. Intern wurde die Trennung von dem Großteil der Mitarbeiter mitgetragen – also von den Leuten, die Tuchel täglich erlebten. Ich finde da einen Aspekt ganz wichtig: Je näher die Leute am Verein dran sind, desto mehr Verständnis besteht für die Trennung von Tuchel. Dass der BVB mittlerweile mehr Leute hat, die ihm aufmerksam folgen und dadurch die Entlassung nicht nachvollziehen konnten, ist eben dem Erfolg und Wachstum des letzten Jahrzehnts geschuldet.

Du hast das Ereignis gerade schon angedeutet: Vor etwas mehr als einem Jahr wurde auf den Mannschaftsbus des BVB ein Anschlag verübt. Der beschäftigt den Verein auf verschiedenen Ebenen noch heute. Zunächst abschließend zu Tuchel: Glaubst du, der finale Bruch zwischen ihm und dem BVB wäre auch ohne das, was um den Anschlag herum passiert ist, gekommen? Oder wäre er dann zu verhindern gewesen?
Das kann ich knapp beantworten: Ja, der Bruch war schon weit vor dem Anschlag da.

Damals musste sehr schnell entschieden werden, wann das Champions League-Spiel gegen AS Monaco stattfindet und es fiel die Entscheidung, es bereits am Folgetag, dem 12. April, nachzuholen. Wie kam das damals bei den Fans an und wie beurteilst du es heute?
Ich hätte jedenfalls nicht in der Haut der Entscheider stecken wollen. Es bestand keine Klarheit, ob es sich um einen islamistisch motivierten Anschlag handelte oder nicht – dementsprechend der Druck auch aus den obersten Regierungsreihen der Bundesrepublik. Da wurde dann davon gefaselt, dass man ein Zeichen gegen den Terror setzen müsse. Nur so als Beispiel. Dazu Spieler, die in diesem Moment sicherlich nicht einmal selbst wussten, was für sie das Beste ist. Und das wiederum in einem Business, in dem Schwäche nicht toleriert wird. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Wir hätten einfach nicht antreten und ausscheiden sollen – statt die Spieler dieser absurden Situation auszusetzen.

Aktuell läuft in der Angelegenheit der Prozess. Die wie ich finde sehr offenen und mutigen Aussagen von Spielern wie Weidenfeller oder Schmelzer offenbaren, was eigentlich jedem empathischen Menschen hätte klar sein müssen, nämlich, dass der Anschlag längst nicht verarbeitet worden ist. Aus der Ferne wirkt es, als böte der Verein seinen Profis da wenig Hilfe an, auch die Kommunikation ist dürftig. Was glaubst du, woran das liegt?
Der Anschlag hat im Jahr 2017 einen Präzedenzfall geschaffen. Es gibt kein Beispiel dazu, wie man den Leistungsbetrieb aufrechterhält und gleichzeitig den Opfern die beste Betreuung bietet. Die Kommunikation des Vereins mag sicherlich nicht optimal sein – vielleicht ist es auch schlicht etwas Hilflosigkeit. Intern wird aber jedem Einzelnen Hilfe angeboten, es liegt an den Menschen, diese Hilfe anzunehmen oder die Sache mit sich zu klären.

Schwatzgelb.de bietet einen intensiven Blick auf die Borussia. (Foto: Schwatzgelb.de)

Schwatzgelb.de bietet einen intensiven Blick auf die Borussia. (Foto: Schwatzgelb.de)

Ihr habt kürzlich einen sehr interessanten Artikel darüber veröffentlicht, dass dieses Thema natürlich auch die Fans betrifft: Wie geht man mit der Mannschaft um, wie kann man sie am besten unterstützen. Seid oder kommt ihr darüber, vielleicht auch von schwatzgelb.de, auch in einen Dialog mit Spielern?
Mir ist kein solcher Dialog bekannt. Wenn man sich die neuerliche Reaktion auf die Druck-Aussage von Per Mertesacker ansieht, dann verwundert das aber nicht weiter. Im Fußball ist keine Schwäche erlaubt. Würde ein Spieler offen zugeben, dass er der Belastungssituation, jeden Spieltag im Bus sitzen zu müssen, nun nicht mehr standhält, dann wäre seine Karriere mit einem Schlag vorbei. Wer würde ihn nach dem Auslaufen seines Vertrages noch verpflichten? Marc Bartra wurde bei dem Anschlag schwer verletzt. Er hat vor Gericht zugegeben, dass er noch Probleme habe, nach dem Gerichtstermin revidierte er seine Aussage schleunigst per Social Media und teilte mit, dass er falsch zitiert worden sei. Er sei nur gewechselt, weil Stöger ihn so wenig eingesetzt hätte. Dabei ist es in dem Fall auch einfach naheliegend, dass eine räumliche Veränderung erwünscht war.

Auch wenn der Anschlag nun ein Jahr zurückliegt, wird man das Gefühl nicht los, der Verein insgesamt müsste sich nochmal mit dem Thema auseinandersetzen, quasi den erneuten Neustart in vielen Belangen auch abseits des Platzes. Wie siehst du das und was könnten Maßnahmen sein, die da helfen?
Ich bin leider kein Psychologe und Traumaspezialist. Dementsprechend schwer fällt es mir auch, etwas zu diesem Thema zu sagen. Welch schwerer Schlag den gesamten Verein getroffen hat, das wird man vielleicht erst in einigen Jahren ganz genau sehen. Eine psychologische Betreuung ist aber sicherlich im jetzigen Moment das A und O.

Kredit verspielt, ja. Kredit aufgebraucht, mitnichten: Michael Zorc. (Foto: Tim Reckmann/CC-BY-SA-3.0)

Kredit verspielt, ja. Kredit aufgebraucht, mitnichten: Michael Zorc. (Foto: Tim Reckmann/CC-BY-SA-3.0)

Wie stehen aktuell eigentlich Aki Watzke und Michael Zorc bei den Fans da? Hat sich die Sicht auf die beiden im vergangen Jahr verändert? Und welche Fehler haben auch sie aus deiner Sicht gemacht?
Beide haben Fehler gemacht, beide haben aber auch durch ihre vorherigen Leistungen einen ordentlichen Kredit. Sie sind sicherlich wieder mehr in die Schussbahn geraten, als es noch unter Klopp der Fall war, die Kritik erfolgt meiner Meinung nach aber in geregeltem Maße. Ich hatte mich vor nicht allzu langer Zeit in einem Artikel ausführlich mit den Fehlern und fehlerhaften Entwicklungen auseinandergesetzt. Das würde an dieser Stelle etwas den Rahmen sprengen. So viel sei aber gesagt: Borussia musste über eine Dekade kontinuierlich die besten Spieler abgeben, irgendwann konnte man den Leistungsverlust mit den Zukäufen nicht mehr gänzlich abfangen. Eben steigende Kaderkosten bei stagnierender und/oder fallender Leistungsfähigkeit. Hohe Ablösesummen für Spieler, die die beste Zeit hinter sich haben, wurden auch gezahlt. Und nach Klopp hat der der Verein keinerlei Idee mehr ausgearbeitet, für welchen Fußball der Verein Borussia Dortmund allumfassend stehen möchte. In den Zusammenhang fällt dann auch der Zuwachs an spielerischer Armut.

Zur neuen Saison kam Peter Bosz, der wirkte, als könne er gleich zwei Paar Schuhe füllen, also emotional an die Zeiten unter Kloppo anknüpfen und sportlich an Tuchel. Letztlich war die Aufgabe aber zu groß und er musste bereits im Dezember gehen. War Bosz einfach ein Missverständnis? Oder ist er (auch) an den Langzeitwirkungen des Anschlags gescheitert?
Bosz’ Idee vom Fußball benötigt Spieler, die bis auf den letzten Mann gewillt sind, den Weg mitzugehen. Während der radikalen Umsetzung dieses Spielsystems hat Bosz die Mannschaft ab einem gewissen Zeitpunkt verloren. Man glaubte nicht mehr daran, mit diesem System erfolgreich zu sein. Inwieweit da der Anschlag eine Rolle spielte, das kann ich nicht sagen und darüber möchte ich auch nicht spekulieren. Ich war zu Saisonbeginn schon skeptisch, ob sich dieser Spielstil so implementieren ließe, aber als Konsequenz des totalen Einbruchs war die Trennung vom sympathischen Bosz dann leider folgerichtig.

Die Verpflichtung von Peter Stöger, der kurz zuvor bei Köln gehen musste, hat dann viele überrascht und inzwischen ist auch klar, dass er nicht über die Saison hinaus bleiben wird. War er für dieses halbe Jahr trotzdem die richtige Idee? Warum? (Oder eben, warum nicht?)
Auf dem Trainermarkt war im Winter sehr wenig zu holen. Erst recht niemand, der eine langfristige Lösung für Borussia Dortmund gewesen wäre. Ich bin Peter Stöger sehr dankbar, dass er direkt nach dem harten Niedergang mit Köln bei uns anheuerte, glaube aber auch, dass er keine langfristige Lösung der Probleme bewerkstelligen wird. Entweder macht die Mannschaft nicht das, was er möchte, oder der Fußball, die Flexibilität und die Vorgaben sind arg limitiert.

Entscheidend ist auf dem Platz. Aber damit es da klappt, müssen die Bedingungen stimmen. (Foto: Meenzer on Tour)

Entscheidend ist auf dem Platz. Aber damit es da klappt, müssen die Bedingungen stimmen. (Foto: Meenzer on Tour)

Was ist aus deiner Sicht nun besonders wichtig bei der Suche nach einem neuen Trainer? Und wie kann es gelingen, generell wieder Ruhe in den Verein zu bringen?
Meiner Meinung nach muss ein Trainer gefunden werden, der Flexibilität verkörpert. Der aber gleichzeitig auch ein Spielsystem mitbringt, in dem sich der Kader wiederfindet und das allen Spielern wieder mehr Sicherheit auf dem Feld gibt, zum Beispiel durch klar einstudierte Laufwege. Ruhe wirst du in den Verein nur bekommen, wenn wieder Erfolg eintritt. Das ist leider die negative Seite, wenn einmal langfristig am Erfolg geschnuppert wurde.

Sportlich ist der BVB in dieser Saison sicher hinter den Erwartungen, auch den eigenen, zurückgeblieben. Weil die Liga insgesamt schwächelt, steht man trotzdem auf dem 3. Platz. Inwieweit kann das Erreichen der Champions League der erste Schritt sein, um wieder zurück in die Spur zu finden?
Es ist einfach ein wichtiger Faktor, um Spieler nach Dortmund zu locken. Der Verein und sein Stadion haben immer noch genügend Strahlkraft, aber gerade für jüngere Spieler ist es doch toll, wenn man sich bereits in dem Alter auf dem höchsten internationalen Niveau beweisen kann. Mit der Europa League dürfte das etwas schwieriger werden.

Über die Bedeutung des Anschlages haben wir gesprochen. So wichtig da eine Aufarbeitung ist, hat der sportliche Schluckauf sicher auch andere Gründe. Welche siehst du und wie kann eine Wiederholung eventueller Fehler vermieden werden?
Ich hatte es schon erwähnt: Der gesamte Verein braucht endlich eine klare Vorstellung davon, wie er wieder Fußball spielen möchte. Dementsprechend müssen dann auch Veränderungen im Kader vollzogen werden. So lange man sich nur darüber im Klaren ist, dass die einzige Idee der Erfolg ist, wird es in Dortmund nicht in Ruhe weitergehen.

Mainz 05 und den BVB verbindet die Unruhe der letzten beiden Jahre und der Wunsch nach neuer Konstanz. (Foto: Meenzer on Tour)

Mainz 05 und den BVB verbindet die Unruhe der letzten beiden Jahre und der Wunsch nach neuer Konstanz. (Foto: Meenzer on Tour)

Wie zufrieden warst du mit den Transfers vor und innerhalb der Saison und welche Mannschaftsteile müssen aus deiner Sicht im Sommer besonders verstärkt werden?
Viele Spieler waren langfristig verletzt, haben allerdings gute Ansätze gezeigt. Genannt werden können hier vor allem Maximilian Philipp und Jadon Sancho. Vielversprechend sind auch die Leistungen von Akanji gewesen. Großes Problem ist aber das zentrale Mittelfeld des BVB. Julian Weigl findet sich seit seiner schweren Verletzung nicht richtig zurecht, Dahoud ist neu und zeigt vielversprechende Ansätze, Castro und Sahin fehlt es an Geschwindigkeit. Gemeinsam mit dem Sturm, wo der ausgeliehene Batshuayi bis zu seiner Verletzung gute Leistungen zeigte, wird das zentrale Mittelfeld eine der größten Baustellen werden.

Das Rückspiel im Derby hat der BVB auf Schalke mit 0:2 verloren. Natürlich tun im Kampf um die internationalen Plätze die verlorenen Punkte weh. Wie sehr bitter ist es darüber hinaus aber auch emotional, nach der Schalker Aufholjagd im Hinspiel diese Partie zu verlieren bzw. wie viel Rückenwind hätte umgekehrt ein Sieg für den Saisonendspurt gebracht?
Die Mannschaft tritt in dieser Saison insgesamt so verunsichert auf, dass auch ein Sieg im Derby keinen großen Unterschied gemacht hätte. Beim BVB geht es in dieser Rückrunde ganz stark darum, mit welchen Mitteln auch immer, die Champions League zu erreichen. Aus diesem Grund hat mir die Niederlage auch nicht bedeutend mehr weh getan als andere.
Richtige Antworten wurden dann aber nach dem Derby in den Spielen gegen Leverkusen und Bremen gegeben. In beiden Spielen zeigte der Kader endlich wieder, zu welchem Fußball er eigentlich fähig ist. Dementsprechend zuversichtlich gehe ich auch in die letzten zwei Saisonspiele.

Aus den beiden genannten Spielen hat der BVB vier Punkte geholt. Mainz hat in Augsburg verloren, am Sonntag aber eine starke Partie gegen Leipzig gezeigt und drei Punkte geholt. Wie erwartest du den BVB nach diesen beiden Leistungen im letzten Heimspiel der Saison am Samstag gegen die 05er und was erwartest du von Mainz?
Mit einem Sieg im Heimspiel gegen Mainz wäre der BVB sicher für die Champions League qualifiziert und es wäre fatal, sollte er diese Chance nicht wahrnehmen. Der Sieg der Mainzer gegen Leipzig sollte ihnen zwar für die letzten Partien Aufwind geben, geht der das Spiel mit der nötigen Ernsthaftigkeit an, gibt es für mich aber nur einen logischen Spielausgang.

Danke für das Gespräch!

|| Mit großem Dank an Meenzer on Tour für seine tollen Fotos im Saisonverlauf! ||

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 beim FC Augsburg

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Diesmal habe ich mit Andreas Riedl über den FC Augsburg gesprochen.

Sehr lesenswert: die Rosenau Gatette. (Foto: Screenshot)

Sehr lesenswert: die Rosenau Gatette. (Foto: Screenshot)

Hallo Andy, danke, dass du dir die Zeit für meine Fragen nimmst. Normalerweise bloggst du zum FC Augsburg in der Rosenau Gazette. Die Erklärung für den Namen des Blogs finde ich wunderschön. Magst du meinen Lesern davon erzählen?
Die Rosenau ist die Heimat des FC Augsburg. Im Rosenaustadion trug der FCA bis 2009 seine Heimspiele aus, bevor er in die neue Arena umzog. Das Wort „Gazette“ hat für mich eine starke Verbindung mit Italien. Helmut Haller, der beste Spieler, der je für den FC Augsburg spielte, wechselte vom FCA nach Italien. Daher gibt es auch dort eine Verbindung, die in der Vereinshistorie ihren Ursprung hat. Außerdem verbinde ich mit einer „Gazette“ auch immer etwas Boulevard im besseren Sinne, das heißt eine Meinung abseits des rein faktenbasierten Journalismus. Denn am Ende ist es hauptsächlich mein persönlicher Blog, auf dem sich meine persönliche Meinung – und die anderer Autoren – wiederfindet.

Alleine für den Begriff „Fußballromantik“ muss man heute ja schon damit rechnen, belächelt zu werden. Was glaubst du, wieso Romantik oder auch Wurzeln für diesen Sport – und nicht zuletzt seine Fans – wichtig sind?
Ich bin nun selbst kein talentierter Sportler, aber habe während meiner Jugend aktiv Fußball gespielt. Mein damaliger Trainer, Horst Bergsträßer, hat mich dann irgendwann gefragt, warum ich mir das denn antun würde. Ich habe salopp etwas in der Art geantwortet: „Es ist Fußball. Jede Mannschaft kann gewinnen.“ Und das macht für mich immer noch den großen Reiz dieses Sports aus. Auch wenn deine Woche schlecht läuft und du nicht gut drauf bist, kannst Du dich aufs Wochenende freuen, denn dein Club spielt und kann gewinnen. Und wenn er das tut, dann ist die Woche gerettet. Das alles basiert auf Fairness, denn nur so ist der Sieg am Ende des Tages auch etwas wert. Diese Romantik und die Basis der sportlichen Fairness ist für mich die Essenz des Sports.

Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem FCA: Andy Riedl. (Foto: privat)

Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem FCA: Andy Riedl. (Foto: privat)

Es ist nicht neu, dass es im Fußball um Geld geht. Die Summen wurden zuletzt aber immer noch absurder und generell überwiegt an vielen Stellen der Zirkus. Für viele Fans stellt sich die Frage, was sie dem noch entgegensetzen können. Wie würdest du das beantworten?
Prinzipiell haben Fans in Deutschland noch einen erheblichen Einfluss. 50+1 sichert in den meisten Clubs den Mitgliedern eine Stimmmehrheit. Über Selbstorganisation und entsprechende Einflussnahme finden Fans immer wieder Gehör und können Entscheidungen in ihrem Sinne treffen. Dennoch stelle ich mir mehr und mehr die Frage, ob es nicht ein Kampf gegen Windmühlen ist. Selbst wenn man einen Teil der großen schweigenden Masse mobilisiert bekäme, kämpft man gegen DFB und DFL, die überkommerzialisiert und korrupt sind. Ich bin leider mittlerweile etwas desillusioniert.

Zu den Themen, die vielen Fans schwer auf der Brust liegen, gehört die stetige Erweiterung des Spieltages, zuletzt um fünf Partien pro Saison am Montagabend. In Mainz wurde bei der Partie gegen Freiburg lautstark dagegen protestiert. Was hältst du von solchen Aktionen?
Ich halte sie für dringend notwendig. Nachdem wir uns in der ersten Saison der Montagsspiele befinden, muss es jetzt noch Protest geben. Es ist ansonsten wie bei Elfmetern, die nicht gegeben werden: Es wird von Spielern und Mannschaft erwartet, dass sie protestieren. Ohne Protest wird schweigende Zustimmung angenommen. Wenn der Protest dazu noch originell und friedlich ist, dann hat das Ganze zudem einen gewissen Unterhaltungswert und freut mich noch mehr.

Ihr hattet gegen Dortmund selbst ja auch ein Montagsspiel. Wie haben sich die Fans des FCA in der Thematik positioniert und wie eng verfolgst du da von deinem Wohnort Frankfurt aus auch die Aktivitäten der Szene?
Die organisierte Augsburger Fanszene hat das Spiel – genau wie viele Dortmunder Fanclubs – boykottiert und setzt sich lange schon für fanfreundliche Anstoßzeiten und entsprechende Kilometerbegrenzungen bei Auswärtsspielen ein. Ich verfolge die Aktivitäten von Frankfurt aus doch recht aufmerksam, wobei die organisierten Fans auch in Augsburg nicht zu übermäßiger Transparenz tendieren.

Apropos Frankfurt: Fehlen dir in der Fremde die Besuche im Stadion? Und was hat dich einst zu einem Fan der Augsburger werden lassen?
Ja, die Stadiongänge sind mit Sicherheit das, was mir am meisten fehlt. Es lässt sich auch nicht ersetzen. Ich kann nicht einfach zur Eintracht oder zum FSV gehen und habe das gleiche Erlebnis. Ich identifiziere mich mit den Clubs nicht annähernd so, wie mit dem FCA und lasse es entsprechend gleich bleiben. Ich bin dann eben doch kein Eventfan. Dann hätte ich auch gleich meiner Jugendliebe, dem FC Bayern München, treu bleiben können. Der Zirkus dort hat mich allerdings irgendwann verloren und ich damit auch meine Beziehung zum Fußball zum größten Teil. In 2006 hatte ich dann die Möglichkeit, bei der WM in München zu arbeiten, bei der viele Menschen enthusiastisch diesen Sport gefeiert haben. Da hatte ich dann wieder richtig Lust. Zufällig stieg der FCA damals in die zweite Bundesliga auf und meine Familie beschloss, sich geschlossen Dauerkarten zu holen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Bundesligajahre an diese Jahre in der Rosenau jemals heranreichen können. Damals habe ich den Fußball in seiner eigentlichen Art wiederentdeckt und bin seitdem dem FCA treu geblieben.

Mainzer Fans in Augsburg im September 2016. (Foto: Meenzer on Tour)

Mainzer Fans in Augsburg im September 2016. (Foto: Meenzer on Tour)

Du hast es gerade schon erwähnt, der FC Augsburg ist 2006 in die 2. Bundesliga aufgestiegen. Seither schreibt der Verein, so nehme ich es aus der Ferne war, eine ähnliche Geschichte wie Mainz 05, will heißen, man macht aus wenig viel und die handelnden Personen sowie der Zusammenhalt sind wichtige Erfolgsfaktoren. Wer sind die wichtigsten Macher im Verein?
In Augsburg bestimmt seit vielen Jahren ein Dreigestirn aus Trainer, Manager und Präsident des e.V. bei wichtigen sportlichen Entscheidungen. Dies sind momentan Manuel Baum, Stefan Reuter und Klaus Hofmann. Wobei der wichtigste Mann beim FCA wohl Stefan Reuter ist, der die sportlichen Fäden zusammenführt und in dieser Hinsicht die Richtung vorgibt.

Als Markus Weinzierl vor der vergangenen Saison den Verein verlassen hat, haben etliche Beobachter dem FCA prophezeit, ohne den Erfolgscoach zu straucheln. Dirk Schuster war dann offenbar auch ein großes Missverständnis, aber Manuel Baum führt die Mannschaft souverän und besonnen. Warum ist er der perfekte Mann für den FCA?
Manuel Baum erfüllt zwei extrem wichtige Kriterien, die als Trainer beim FCA unerlässlich sind. Einerseits harmoniert er sehr gut mit Stefan Reuter und seinem Team. Andererseits hat er zwar eine klare Idee wie er Fußball spielen will, ist aber lernfähig, als dass er diese an die Möglichkeiten seines Teams mittlerweile anpassen kann. Wie auch in Mainz ist es in Augsburg nicht möglich, dass ein Team die Ideen seines Trainers vollständig umsetzt. Die Qualität im Kader ist hierfür nicht auf allen Positionen vorhanden. Das Team abhängig von Personal und Gegner einzustellen, ist eine große Kunst, die Manuel Baum sehr gut beherrscht.

Stichwort Missverständnis: Wieso hat es eigentlich mit Schuster und Augsburg nicht funktioniert? Und warum ist Markus Weinzierl auf Schalke nicht angekommen?
Dirk Schuster hatte keinen Erfolg, weil er seine Idee von Fußball nicht an den Kader in Augsburg angepasst hat, der deutlich mehr Potential gehabt hätte, als er aus ihm rausgeholt hat. Und Markus Weinzierl ist aus meiner Sicht zur falschen Zeit nach Schalke gewechselt. Mitten im Umbruch, ohne klare fußballerische Idee aus dem Management, dazu mit einem komplizierten Kader, musste man zu diesem Zeitpunkt noch attestieren, dass Schalke damals einfach noch Schalke war. Man sollte allerdings in diesem Zusammenhang den Einfluss von Stefan Reuter auf den Erfolg in den Weinzierl-Jahren in Augsburg berücksichtigen. Weinzierl war vor allem im Gespann mit einem sportlich kompetenten Manager, der seine Ideen und Konzepte ergänzte, sehr erfolgreich.

Die 05-Spieler bejubeln den Führungstreffer durch Jhon Córdoba. (Foto: Meenzer on Tour)

Die 05-Spieler bejubeln den Führungstreffer durch Jhon Córdoba. (Foto: Meenzer on Tour)

Was Mainz 05 und den FC Augsburg definitiv verbindet, ist der Umstand, dass richtig gute Spieler schnell zu einem größeren Verein wechseln. Ein Weg, um in der Liga trotzdem zu bestehen, ist gute Nachwuchsarbeit. Wie seid ihr da aufgestellt?
Die Nachwuchsarbeit war bei uns über viele Jahre unterentwickelt. Einerseits lag das an fehlender Infrastruktur, die erst über viele Jahre aufgebaut werden musste. Andererseits hat Markus Weinzierl den Spielern aus dem Jugendbereich auch keine Chance gegeben. Dies hat sich schon unter Dirk Schuster rapide geändert. Spätestens unter Manuel Baum zeigt sich nun, dass der Aufbau des Nachwuchsleistungszentrums sich gelohnt hat und wir in Zukunft mit mehr Spielern aus dem eigenen Nachwuchs rechnen können.

Welche Spieler haben es in den letzten Jahren aus eurem Nachwuchs bis hoch in die Bundesliga geschafft?
Die Liste ist überraschend lang, zumindest für unsere Verhältnisse. Neben Kevin Danso, Tim Rieder, Julian Günther-Schmidt und Raphael Framberger, die in der letzten Saison ihr Debüt gefeiert haben, hat in diesem Jahr Marco Richter den Sprung geschafft und scheint sich zu etablieren.

Aktuell steht der FCA mit 37 Zählern auf Rang 11 und der Klassenerhalt ist so gut wie sicher. Zwischendurch schien mal mehr drin zu sein, da schnupperte Augsburg an den europäischen Rängen. Drückt das die Stimmung im Verein oder gilt der Klassenerhalt als erste Priorität?
Manuel Baum hat letztens auf einer Pressekonferenz erneut betont, dass der Klassenerhalt unsere Meisterschaft ist. Vor der Saison sind wir von sehr, sehr vielen Experten auf Platz 18 der Tabelle getippt worden. Der Saisonverlauf und vor allem die frühe Sicherheit sind für uns eine unglaubliche Leistung. Wenn mir jemand vor ein paar Jahren erzählt hätte, was wahrscheinlicher ist: Der FC Bayern wird Serienmeister oder wir halten sieben Mal die Klasse, dann hätte ich auf die Bayern getippt. Mit dem Klassenerhalt sind alle Ziele mehr als erfüllt.

Das Ziel des FCA am Sonntag: 40er-Marke knacken. Das Ziel der 05-Fans: 3er holen. (Foto: Meenzer on Tour)

Das Ziel des FCA am Sonntag: 40er-Marke knacken. Das Ziel der 05-Fans: 3er holen. (Foto: Meenzer on Tour)

In der Saison 2016/2016 hat Augsburg in der Europa League gespielt, Partien wie die gegen Liverpool wurden begeistert gefeiert. Hat sich durch diesen Erfolg das Anspruchsdenken bei den Fans verändert? So eine tolle Saison wirkt da ja manchmal mehr als Fluch denn Segen.
Ich glaube nicht, dass sich grundsätzlich das Anspruchsdenken der Fans in Augsburg verändert hat. Das ist schon immer noch sehr familiär und bedacht. Aber klar, die normalen Mechanismen sind auch in Augsburg erkennbar. Auch bei uns wird manchmal zur Halbzeit gepfiffen und die Menschen wollen unterhalten werden.

Wie nimmst du generell das Verhältnis zwischen Fans und Vereinsführung wahr und wie intensiv ist der Austausch? Wie stark sucht auch der Verein die Kommunikation mit dem Anhang? Und wie aktiv ist eure Szene?
Es gibt Austausch, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob es ein gegenseitiges Verständnis gibt. Auch bei uns ist diese Beziehung nicht unkompliziert. Inwiefern der Verein aktiv Themen vorantreibt und angeht, ist mir nicht bekannt. Unsere Szene ist aktiv und engagiert sich in vielerlei Hinsicht in bemerkenswerter Weise. Anstatt auswärts nach Leipzig zu fahren wird zum Beispiel eine Blutspendenaktion organisiert, es gibt Engagement für Obdachlose und einen Arbeitskreis Soziales. Dazu gibt es eine Initiative, die Stehtribüne in Uli-Biesinger-Tribüne umzubenennen, nach einem der großen Augsburger Fußballhelden.

Einer der prominenten Neuzugänge vor der Saison war Michael Gregoritsch vom HSV. Und natürlich ragt der aktuell verletzte Alfred Finnbogason heraus. Wen würdest du sonst noch aus dem Kader hervorheben wollen in Sachen Leistungsstärke?
Wir haben in dieser Saison viele Spieler, die auf einem sehr guten Niveau spielen. Held der Saison ist bisher für mich Philipp Max, der für einen Linksverteidiger offensiv sehr gute Bälle spielt und so viele Torvorbereitungen auf dem Konto hat, wie noch kein Verteidiger in der Bundesliga zuvor. Darüber hinaus spielen Routiniers wie Marwin Hitz und Daniel Baier eine sehr gute Serie und unsere Innenverteidigung um Jeffrey Gouweleeuw und Martin Hinteregger ist ein Prunkstück. Zusätzlich muss ich bei Caiuby Abbitte leisten, der nochmals einen Leistungssprung gemacht hat. Offensiv setzt er unheimlich viele Akzente und auch defensiv hat er sich verbessert. Jünger wäre er für den FCA nicht zu halten.

Auch, wenn Andy Riedl etwas dagegen hat: So wollen die 05er am Sonntag wieder jubeln. (Foto: Meenzer on Tour)

Auch, wenn Andy Riedl etwas dagegen hat: So wollen die 05er am Sonntag wieder jubeln. (Foto: Meenzer on Tour)

Die letzten Heimspiele gegen Hoffenheim, München und Werder hat Augsburg verloren. Die Ziele gegen Mainz 05 sind klar: 40 Punkte erreichen und den Fans einen Heimsieg bescheren. Abgesehen davon, dass ihr es starke Gegner waren: Woran hat es daheim zuletzt gehapert?
Es mangelt an der Kaderbreite. In der Spitze haben wir einen sehr guten Kader, wenn mehrere Leistungsträger ausfallen, wie in diesen Spielen, dann können wir das nicht über mehrere Spiele auffangen. Dann stimmen die Abläufe nicht und die Routine fehlt. Außerdem mag ich nicht ausschließen, dass das letzte Quäntchen gefehlt hat, nachdem der Klassenerhalt quasi sicher ist.

Zwischen den letzten beiden Heimniederlagen gab es je einen Punkt auswärts in Wolfsburg und Leverkusen sowie nach der Niederlage gegen Hoffenheim den Dreier gegen Hannover. Was macht dich zuversichtlich vor der Partie gegen Mainz? Was macht dir Sorgen?
Sorgen machen mir der anhaltende Tinnitus von Daniel Baier und die Wade von Alfred Finnbogason. Der Trend macht mir allerdings Hoffnung. Bis zum unberechtigten Platzverweis war gegen Wolfsburg auch deutlich mehr drin und gegen Bayern haben wir deutlich besser ausgesehen, als das Ergebnis das suggeriert. Insgesamt hat die Leistung der Mannschaft gepasst und nur die Ergebnisse spiegeln das nicht ganz wieder. Zusätzlich kommt uns eure Situation entgegen, denn den Druck habt ihr, aus Augsburg etwas mitnehmen zu müssen. Mit all der gebotenen Ruhe bin ich da sehr zuversichtlich.

Welche Marschroute erwartest du am Sonntag, worauf sollte 05-Trainer Sandro Schwarz seine Mannschaft taktisch einstellen?
Insgesamt stehen wir defensiv nach der Rückkehr von Jeffrey Gouweleeuw wieder sehr gut. Offensiv werden sich die Mainzer die Zähne ausbeißen und Geduld brauchen. Nach vorne könnte Marco Richter seine Chance von Anfang an bekommen. Er hätte sie sich verdient und wir damit haben einen zusätzlichen Spieler auf dem Feld, der wie Gregoritsch durch seine individuelle Klasse den Unterschied machen kann. Ich glaube das wird am Samstag eine zähe Partie, die durch individuelle Aktionen eventuell entschieden wird. Da sehe ich uns dann allerdings vorne.

Und wie geht das Spiel aus?
2:0 für uns. Richter und eine Torvorbereitung von Max werden den Unterschied machen.

Danke für das Gespräch!

|| Danke an Meenzer on Tour für die wunderbaren Bilder aus Augsburg. ||

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 beim 1. FC Köln

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Diesmal habe ich Axel Goldmann nach seiner Liebe zum 1. FC Köln und den Chancen auf den Klassenerhalt gefragt.

Zurück in Liga 1. Da war die Welt noch in Ordnung. (Foto: Axel Goldmann)

Zurück in Liga 1. Da war die Welt noch in Ordnung. (Foto: Axel Goldmann)

Hallo Axel, wir wollen heute über deinen Verein sprechen und das ist zurzeit sicher nicht so leicht für dich. Fangen wir deswegen an mit dem Blick zurück: Wie bist du FC-Fan geworden?
Hallo Mara, vielen Dank für die Einladung in Deinen Blog. Ach, die Geschichte, wie ich FC-Fan geworden bin, habe ich schon so oft erzählt, das wird ja langsam alt. ? Die Kurzfassung: Meine Großeltern hatten einen Kleingarten in Köln-Müngersdorf und als kleiner Junge waren wir mit der Familie dort an den Wochenenden oft zu Gast. Man konnte den Lärm aus dem Stadion hören und ich muss sehr neugierig gewesen sein, was da denn wohl los ist. Mein Opa nahm mich dann mal mit zum Stadion und seitdem bin ich dem 1.FC Köln mit all seinen Unzulänglichkeiten verfallen. Manchmal kann man es sich eben wirklich nicht aussuchen.

Axel Goldmann (Bild: privat)

Axel Goldmann (Bild: privat)

Welche Begegnungen wirst du niemals vergessen? Welche Spieler haben dich in deiner Fan-Karriere besonders fasziniert?
Es gibt sicher einige Begegnungen, die für immer gespeichert sind. Ganz frisch zum Beispiel der erste Auftritt seit 25 Jahren im Europapokal in London. Ich stand völlig fassungslos im Emirates, mir lief es heiß und kalt den Rücken runter und als die Mannschaften auf das Feld kamen, wurden die Augen schon etwas feucht. Oder das 2:0 am letzten Spieltag der vergangenen Saison gegen „euch“. Als Yuya Osako in der 88. Minute alleine auf das Tor zuläuft, das ist ein Moment für die Ewigkeit. Stellvertretend für den 1. FC Köln möchte ich aber ein anderes Spiel erwähnen, welches ich niemals vergessen werde: Mittwoch, 14. Februar 1996. Kalt und nass ist es in Müngersdorf. Der moderne Fußball ist noch nicht mal in Planung, der Rasen ist gefroren, es gibt weder Komfort noch Erlösung. Der Gegner ist Fortuna Düsseldorf. Ausweichlich von Fußballdaten besuchten neben mir wohl noch 19.999 andere Menschen dieses Spiel und, Junge, Junge, was haben wir es bereut. Bis zum heutigen Tag das schlechteste Fußballspiel, das ich je in einem Stadion live sah. Es war furchtbar. Zur Pause überlegten wir kurz, ob wir nicht lieber gehen sollten aber natürlich blieben wir und schauten auch die zweiten 45 Minuten. Fröstelnd, fluchend, die Welt und das Schicksal beschimpfend. Aber genau deshalb ist dieses Spiel ein Paradebeispiel für meine Beziehung mit dem 1.FC Köln. Natürlich sehe ich deutlich mehr schlechten Fußball als guten und natürlich bricht mir der Verein manchmal das Herz, aber deswegen nicht mehr hingehen? Nicht mehr mitfiebern? Ausgeschlossen.

Kannst du uns den Kölner Hype um Poldi erklären? Und dessen umgekehrte innige Liebe zu eurem Verein?
2003 hatte Trainer Marcel Koller wenige Alternativen zu Poldi, die er zum Tore schießen bringen konnte. Eigentlich gab es mit dem Andriy Voronin nur einen Spieler, der wusste wo das Tor stand. Okay, vielleicht noch Matthias Scherz, aber das ist die Krux: Wenn du Mattes Scherz als Hoffnungsträger hast, dann hast du Probleme. In der U21 spielte damals ein junger Typ, der in der U19 Nationalmannschaft in drei Spielen sechs Tore in der EM-Quali geschossen und damit schon ein wenig Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Koller ging das Risiko ein, brachte Lukas Podolski nach oben – und seitdem ist er eben der Prinz, der Poldi, einer von uns. Ein wenig selbstbesoffen, verklärt, wenn es um die Stadt geht, eine unpolierte Schnauze und eben jemand, mit dem man sich identifizieren kann. Er nahm anfangs noch seine Trainingsklamotten mit nach Hause, weil die Oma die waschen sollte, bis man ihm beim FC sagte, dass das nicht nötig ist. Er ist einfach ein feiner Kerl. Jedenfalls bilde ich mir das ein, ich kenne ihn ja nicht persönlich. Tja, und dann ist da eben seine Liebe zum FC, die – ich glaube, darüber gibt es keine zwei Meinungen – nicht gespielt und kein Marketinggag ist. Hier liebt jemand den Club und die Fans und wir lieben ihn. Warum das so ist? Nein, das weiß ich nicht. Er konnte es sich wahrscheinlich auch nicht aussuchen.

Als Betroffene darf ich die Frage ja stellen: Wie nervig findest du es eigentlich, dass vor den Begegnungen unserer Teams immer und überall vom Karnevalsduell gesprochen wird?
Ich überhöre es. Es gehört halt dazu, es ist Folklore. Loss se schwaade, sagen wir dazu in Köln.

So oder so, die Fastnacht in Mainz und der Karneval in Köln tragen viel zur Identifikation der Clubs bei. Kannst du mit diesem Aspekt der Vereinsseele etwas anfangen oder graust es dich eher davor, wenn die Jecken im Stadion loslegen?
Ich bin jedes Jahr froh, wenn der Karneval vorbei ist. Natürlich geh ich Donnerstag und Montag auch raus und feiere den Anlass, aber im Stadion kann ich damit wenig anfangen. Ich kann auch zum Beispiel unsere Torhymne und die ach so gefeierte Höhner-Vereinshymne nicht mehr hören. Herrjeh, die hat ein Leverkusener geschrieben! Aber, naja, ich rette die Welt nicht, da muss sie selbst durch.

In Mainz gab es bei einer Zusammenkunft von Fans, Trainer und Vereinsführung letztens die Frage an Trainer Sandro Schwarz, wie es sein könne, dass die Spieler in einer eher schlechten Saison Rosenmontag feiern. Wie weit darf die Kontrolle des Privatlebens gehen?
Wir sollten nie vergessen, dass Profi-Fußballer junge Menschen sind. Größtenteils in ihren Zwanzigern, die neben ihrem Beruf auch leben dürfen müssen. Natürlich sollen die auch mal feiern gehen, und wenn dann ein Bier getrunken wird, ist das eben so. Sie sollten vielleicht nicht am Spieltag um sechs Uhr morgens von der Polizei nach Hause gebracht werden, aber insgesamt sehe ich das sehr locker. Die meisten Jungs sind doch mittlerweile eh so diszipliniert, dass Ausfälle und Skandale immer weniger werden.

Ventil: Der eigene Podcast. (Logo: der 4. Offizielle)

Ventil: Der eigene Podcast. (Logo: der 4. Offizielle)

Du betreibst rund um deinen Verein den Blog Der vierte Offizielle. Wie lange machst du das schon und was motiviert dich, so viel Zeit in die Beschäftigung mit dem Verein zu stecken?
Den Blog gibt es jetzt über zehn Jahre. Er ist eine Therapie, eine Möglichkeit, die Wand anzuschreien, ohne zwingend eine Wand zu haben. Die Motivation kommt genau daher, ich brauche ab und an ein Ventil, eine Möglichkeit, mich auszudrücken.

Das Thema Podcasts ist in den letzten Jahren stark gewachsen, das war in den Interviews zur Gegnerbetrachtung schon mehrfach Thema. Du betreibst mit drei Kompagnons den Podcast drei90, der mittlerweile fast Kultstatus genießt. Habt ihr diese Entwicklung kommen sehen?
Jetzt ist Kultstatus ein Wort, welches ich bei uns für arg übertrieben halte. Wir sind immer noch ein sehr, sehr kleines Medium, aber natürlich sind wir von der Entwicklung von drei90 selbst überrascht. Wir hatten gehofft, dass wir ein paar Hörer haben, die genauso wie wir Bock auf deutliche Wort und Spaß haben. Das ist in Erfüllung gegangen – und jetzt schauen wir, wo es uns hintreibt. Der „Erfolg“ von drei90 ist für uns überwältigend.

Zum Universum rund um den Podcast gehören immer mehr Personen und Institutionen, die von Außenstehenden gerne mal als echte Personen wahrgenommen werden. Wie weit kann diese Entwicklung gehen? Was plant ihr für Neuheiten? Was blüht dem dubiosen Clown Johannes?
Knast. Im Ernst, die Dynamik, wie sich die Maskottchen-Hysterie oder das Universum rund um BW Mittelstadt entwickelt hat, die kommt ja von unseren Hörern, die den Spaß mitmachen, sich immer neue Ideen und kreative Twitter-Accounts einfallen lassen und die mit ständigem Input dafür sorgen, dass uns auch nie langweilig wird. Über Planungen kann ich gar nicht viel sagen, da wir eh nie planen. Die Dinge entwickeln sich spontan und ohne Masterplan. Aber wir hoffen und sind uns fast sicher, dass da noch einiges kommt.

Bei den Fans bereits absoluter Kult: drei90. (Bild: Screenshot)

Bei den Fans bereits absoluter Kult: drei90. (Bild: Screenshot)

Kommen wir zum 1. FC Köln. Die vergangene Saison war ein Traum für alle Kölner, aber die Bruchlandung in dieser scheint unaufhaltsam. Wie erklärst du dir die sportliche Situation?
Tja, das ist jetzt ein weites Feld. Ich versuche, es zu verkürzen: Der 1. FC Köln 2017/18 ist ein direktes Resultat der vergeudeten Sommerpause. Wir haben durch die EL-Quali etwas Geld in die Hand bekommen, das verschleudert und aus dem Fenster geworfen wurde. Die Mannschaft war schon letztes Jahr kein originärer Kandidat für Europa, lebte aber von der größeren Unfähigkeit anderer – und vorne von Tony Modeste. Im Sommer wurde keine Baustelle geschlossen, es wurden Spieler verpflichtet, die den Verein kein Stück nach vorne brachten (außer vielleicht Meré, den ich ganz gerne mag) und die Spannungen im Innenverhältnis zwischen Peter Stöger und Jörg Schmadtke sowie ein zahnloser Vorstand brachten auch keine Besserung. Dazu viel Verletzungspech (womit du aber rechnen musst, und wenn dann der Kader nicht anständig geplant ist, sind wir wieder am Anfang), ein paar Pech-Momente – und dann biste eben da unten.

Welche Fehler waren es aus deiner Sicht in der Planung der Saison konkret? Über den Cordoba-Transfer in der Höhe kichern wir in Mainz bis ans Ende aller Fußballtage…
Naja, klar. Cordoba ist ein Witz, darüber müssen wir gar nicht sprechen. Der Junge ist halt auch die ärmste Sau, weil er verpflichtet wurde, um einen Spieler zu ersetzen, der – in der damaligen Form – gar nicht zu ersetzen war. Und der auch einen völlig anderen Spielstil hat, der gar nicht in die Mannschaft passt. Dazu kommt, dass er kein deutsch oder englisch spricht, was ich – für einen Profi, der jetzt in seinem vierten Jahr in Deutschland spielt und arbeitet – für eine unfassbare Nachlässigkeit und Arbeitsverweigerung halte. Das ist schon eine Posse, das kann man gar nicht anders beschreiben. Aber Cordoba ist nur die Hälfte der Geschichte.
Auch neben ihm wurde nichts getan, um die Mannschaft besser zu machen. Wir haben seit Jahren Probleme im Spielaufbau, hier wurde ebenfalls nichts getan, wir suchen seit Ewigkeiten Stabilität auf rechts, auch das wurde komplett ignoriert. Stattdessen wird ein Jannes Horn für ebenfalls unglaubliche sieben Millionen Euro aus Wolfsburg geholt. Sein Talent hätte man sicher auch in der eigenen U23 finden können. Über den Panikkauf Pizarro möchte ich auch lieber den Mantel des Schweigens legen. Der Mann verdient bei uns 2 Millionen im Jahr. Das war ein teures Tor bisher und verhinderte die Niederlage gegen Stuttgart dennoch nicht. Zusammengefasst ist die Kaderplanung vollkommen in die Hose gegangen. Im Winter konnte mit Vincent Koziello ein Spieler geholt werden, der dem Spielaufbau eine neue Qualität geben kann und soll. Mal schauen. Bisher gefällt er mir sehr gut, weil er einer der wenigen Spieler des 1.FC Köln ist, der den Ball nicht zum Feind hat. Das sind ja schon mal gute Voraussetzungen.

Also ist der Kader unterm Strich gar nicht so schwach, wie er sich jetzt darstellt?
Der Kader ist nicht so schwach, dass er zwingend absteigen muss, da in der Liga genug schwache Mannschaften rumlaufen. Aber er ist so schwach, dass der Abstiegskampf auf jeden Fall sein Leistungsvermögen widerspiegelt. Es kommt sicher auch etwas Pech hinzu, aber darauf alleine kann ich es nicht schieben. Wer nach 16 Spielen drei Punkte im Haben hat, der hat generelle Fehler gemacht.

Mainzer Fans in Köln am 34. Spieltag der Vorsaison. (Foto: Meenzer on Tour)

Mainzer Fans in Köln am 34. Spieltag der Vorsaison. (Foto: Meenzer on Tour)

Köln hatte, das darf man so sagen, kein Glück mit dem neu eingeführten Videobeweis. Wie sehr hadert ihr auch mit diesem Punkt? Wäre die Saison sonst anders verlaufen?
Natürlich hadert man von Entscheidung zu Entscheidung immer mehr mit dem VAR, aber mittlerweile habe ich das komplett ausgeblendet. Die stümperhafte und arrogante, an jeder Lebenswirklichkeit vorbei geplante Umsetzung der DFL, der Verve, mit dem der VAR verteidigt wird, die unbefriedigende Situation für den Stadionbesucher, das alles passt wie Faust aufs Auge zum Zustand des deutschen Profi-Fußballs 2018. Die DFL und der DFB sind halt immer noch ein Taubenzüchter-Verein. Es macht mir Spaß, dieser Selbstdemontage zuzuschauen. Da kommt der Katastrophen-Tourist in mir hoch.

Welche Rolle spielt der Abgang von Jörg Schmadtke? Hast du das zu diesem Zeitpunkt damals verstanden? Wie beurteilst du die Gründe für seinen Weggang?
Ich möchte über Jörg Schmadtke nicht reden. Das können wir vielleicht mal persönlich bei einer kleine Fanta und ohne Aufnahmegerät besprechen, aber ich werde nichts weiter schreiben zu dieser Frage. Es gibt ja eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist Jörg Schmadtke gar nicht so ein guter Manager – oder er wollte dem FC bewusst schaden. Mehr Lösungen sehe ich hier nicht. Du?

Das besprechen wir dann vielleicht wirklich bei einer Fanta, obwohl das Thema vermutlich eine große verträgt… Kurz darauf musste jedenfalls mit Peter Stöger doch der Kölner Erfolgstrainer gehen. Für viele Fans war das trotz des schlechten Saisonverlaufs nicht nachvollziehbar. Wie beurteilst du diese Trennung im Nachhinein?
Ich wäre mit Peter Stöger liebend gerne in die zweite Liga gegangen.

Auffällig ist von außen betrachtet, dass euch die Konstanz fehlt. Nach bewundernswerten kämpferischen Leistungen folgt regelmäßig der nächste Einbruch. Spielt da inzwischen der Kopf auch eine immer größere Rolle?
Der Kopf ist ja auch eine Qualität. Ja, klar merkt man, dass ab und an die Angst die Beine schwermacht. Das liegt aber auch daran, das sollten wir nicht vergessen, dass der FC – womit ja im Winter niemand mehr rechnen konnte – auf einmal wieder eine klitzekleine Chance hat, die Liga doch zu halten. Da wiegt jeder Fehler natürlich nochmal schwerer.

Hast du Einblicke, wie abseits des Platzes mit der Mannschaft gearbeitet wird? Was tut der Verein, um die Truppe einzuschwören, zu unterstützen, aufzubauen?
Nein, keine Idee. Ich denke, unser Vorstand weiß nicht, in welcher Liga die erste Mannschaft gerade spielt.

„Für mich war Europa alles.“ (Foto: privat)

„Für mich war Europa alles.“ (Foto: privat)

Wie ist die Stimmung unter den Fans? Ketzerisch gefragt, ist der drohende Abstieg als Preis für das Europawunder für die Fanseele tragbar?
Hier kann ich nur für mich sprechen und ich sage ganz klar: Ja. Ich habe doch lieber einmal alle 25 Jahre so ein Highlight, als ständig zwischen Platz 9 und 15 rumzukrebsen. Für mich war Europa alles. Mehr werden wir nie wieder erreichen können (jedenfalls in der Geschäftsform 100% Anteile beim e.V.), das ist systemisch ausgeschlossen. Und dann, wer sagt denn, dass Europa für die Hinrunde verantwortlich ist? Ich weigere mich, das einzugestehen. Die Mannschaft wäre auch ohne Europa jetzt in der Situation. Aber, wie gesagt, das ist nur meine Meinung, es gibt da sicherlich abweichende Gedanken.

Wie eng ist die Verbindung und wie gut ist die Unterstützung aus der Fankurve aktuell?
Die Unterstützung der Fans ist weiterhin phänomenal. Die Fans und Mitglieder sind der Faustpfand des Vereins. Umso bedauerlicher, dass die aktuell Verantwortlichen alles tun, um das Verhältnis zwischen Fans und Verein nachhaltig zu zerstören. Es wird aktiv gegen die Anhänger gearbeitet, es werden Kampagnen gefahren, es wird intregiert, wo es nur geht. Bisher allerdings ohne Erfolg, wollen wir hoffen, dass dies so bleibt.

Gefühlt wird in der Liga seit dem 25. Spieltag permanent von Endspielen gesprochen. Für die Begegnung zwischen Köln und Mainz ist der Begriff aber sicher nicht falsch, denn sollte einer Mannschaft der 3er gelingen, wäre das ein Ausrufezeichen. Wie viel Hoffnung hast du?
Wenn ich keine Hoffnung mehr hätte, könnte ich ja gleich irgendeine billige Netflix-Eigenproduktion gucken. Natürlich habe ich noch Hoffnung. Ein Sieg gegen euch und schon sind wir auf drei Punkte ran. Dann haben wir noch Hertha, Schalke, Freiburg, München und Wolfsburg am letzten Spieltag. Sieben bis Neun Punkte sind da mit viel Glück noch drin. Und Mainz hat als letzte fünf Spiele Freiburg, Augsburg, Leipzig, Dortmund und Bremen. Ganz ehrlich, da sehe ich nicht mehr als maximal sechs Punkte. Es könnte schon noch spannend werden. Doof ist natürlich, dass wir uns mit der 0:6 Niederlage in Hoffenheim das Torverhältnis komplett zerschossen haben, so dass wir eigentlich sieben Punkte aufholen müssen. Aber, um auf die Ausgangsfrage zurück zu kommen: Klar habe ich noch Hoffnung, was bleibt mir sonst?

Hoffnung ist das eine, aber glaubst du tatsächlich auch noch an euren Klassenerhalt? Und wo erwartest du die Mainzer am Saisonende?
Glauben? Ich weiß nicht so recht. Nein, ich glaube nicht mehr daran. Dafür haben wir uns in der Hinrunde in ein zu tiefes Loch gegraben. Mainz steigt mit uns ab, da der HSV aus den letzten sechs Spielen noch 13 Punkte holen und damit 32 Punkte und das bessere Torverhältnis gegenüber dem FSV haben wird. Das ist noch nicht mal im Scherz gemeint. Meine Abschlusstabelle sieht so aus:
16. HSV 32 Punkte | – 14 Tore
17. Mainz 05 32 Punkte | – 16 Tore
18. 1.FC Köln 32 Punkte | – 18 Tore
Und dann denken wir alle nochmal an Pablo de Blasis im Hinspiel und tanzen einen Regentanz.

Der Pablo-Stachel sitzt bei vielen FC-Fans tief, das bekomme ich online oft mit. Aus unserer Mainzer Sicht trifft das natürlich den Falschen. Es war vermutlich seine einzige unsaubere Situation, seitdem er für uns spielt. Pablo ist ein ganz feiner Kerl. – Wortpiratin vs. 4. Offizieller

Auch für die 05-Fans gilt es am Samstag in Köln. (Foto: Meenzer on Tour)

Auch für die 05-Fans gilt es am Samstag in Köln. (Foto: Meenzer on Tour)

Der FC hat angesichts der Pleite in Hoffenheim sicher das Bedürfnis nach Wiedergutmachung. Mainz hat sich gegen Gladbach gut präsentiert, aber erneut kein Tor geschossen. Was für eine Begegnung erwartest du?
Ich erwarte eine Wiedergutmachung der Pleite in Hoffenheim. Ich erwarte einen engagierten, lauffreudigen 1.FC Köln, eine defensive Mainzer Mannschaft und viel Gebolze zwischendurch. Leckerbissen gibt es wohl eher wenige.

Und wer hat das glücklichere Ende für sich?
Der FC muss das Spiel gewinnen, das steht ja außer Frage. Wenn nicht zu Hause gegen Mainz, gegen den wen denn dann? Wahrscheinlich schießt aber Tony Ujah drei Tore in acht Minuten. Ach, ich weiß es doch nicht, ich hoffe einfach auf eine Wiederholung des 20.05.2017. 2:0 für uns.

Danke für das Gespräch!
Danke Dir!

|| Ein großes Dankeschön gilt mal wieder dem wunderbaren Meenzer on Tour für seine Bilder.||

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 bei Eintracht Frankfurt

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Diesmal spreche ich mit René Kurfürst vom Eintracht-Podcast, der die Diva vom Main schon seit vielen Jahren intensiv als Fan und Sportbeobachter begleitet.

Die Crew des Eintracht-Podcast in der aktuellen Besetzung. (Montage: EP)

Die Crew des Eintracht-Podcast in der aktuellen Besetzung. (Montage: EP)

Hallo René. Du betreibst gemeinsam mit Alex, Basti, Marvin und Dennis den Eintracht-Podcast, der in der Saison einmal wöchentlich erscheint. Erzähl doch mal etwas zu eurem Projekt: Seit wann macht ihr das, wie habt ihr euch gefunden, was motiviert euch?
Angefangen haben wir 2010 aus der Situation heraus, dass wir mit der Berichterstattung, die es zur Eintracht gab, nicht zufrieden waren. Vieles war – und ist es auch heute noch – zu Bayern-lastig oder eben nur fokussiert auf die Großen. Dinge über die Eintracht waren oft sehr einseitig. Deswegen habe ich das Projekt gestartet. Gefunden habe ich die anderen dann nach und nach über Twitter oder später eben über persönliche Kontakte. Das war auch gut so. Die ersten beiden Folgen habe ich alleine in das Mikro gesprochen. Das hätte man länger keinem antun können. Die Besetzung war zu Beginn auch eine andere. Seit gut zwei Jahren ist das aber nun unser festes Team und wir produzieren möglichst in jeder Woche der Saison eine Folge, die dann sowohl einen Rückblick als auch einen Ausblick enthält. Besonders ans Herz gewachsen ist uns und den HörerInnen aber auch die Kategorie des Dummschwätzers der Woche. Dort sammeln wir jede Woche Kandidaten, die durch besonders „dumme“ Aussagen aufgefallen sind und die Hörer dürfen bis zur nächsten Woche für ihren Sieger abstimmen. Das garantiert immer Lacher.

Podcasts haben als Format in den vergangenen Jahren unheimlich zugenommen. Basti, du gehörst auch zum Team hinter drei90, einem Format, das bei Fans schon beinah Kultstatus genießt. Was glaubt ihr, woher kommt die Lust der Fans, eher Gleichgesinnten zuzuhören?
Was wir an Feedback bekommen ist oft die Aussage, dass es eine Art Therapie nach vergangenen und nicht immer guten Spielen ist – oder eben eine Einstimmung auf das kommende Spiel. Das sind Dinge, die eine Sportpresse, die ja per Definition neutral sein sollte, nicht so leisten kann. Zumal ein Fokus in vielen der klassischen Formate ja doch auf den Bayern oder den Großen liegen.
Das Format Podcast ist nicht in seiner ersten Welle. Da gab es schon ein bis zwei vorher. Reingemacht – Der Fußball Podcast gibt es schon seit zehn Jahren. In den letzten zwei bis drei Jahren sind allerdings viele dazu gekommen, da die Technik wesentlich einfacher zu handhaben ist und es wesentlich mehr Hörer gibt. Was aber ein noch viel größerer Faktor ist, ist dass die Podcast-Szene in Deutschland durch verschiedenste Aktivitäten vernetzter geworden ist. Man kennt sich, hilft sich gegenseitig und empfiehlt sich auch. Viele unserer neuen HörerInnen sind in letzter Zeit rein durch Empfehlungen zu uns gekommen.

Ihr betreibt eure Projekte mit einem riesigen Aufwand und viel Liebe zum Detail, Live-Chats zur Sendung, HörerInnen-Feedback, Merchandising. Dafür kann man euch auch bezahlen – beim Eintracht-Podcast durch Spenden, bei drei90 auch via Wunschliste. Wie läuft das?
Ob der Aufwand nun riesig ist, liegt ja immer auch am Blickwinkel. Feststellen muss man aber schon, dass wir pro Woche als Team rund 8-10 Stunden in eine Sendung stecken. Da sind die 90 Minuten des Spiels nicht mal mit drin. Man schaut sich eben noch mal Statistiken und Wiederholungen an, sammelt seine Punkte, studiert den kommenden Gegner und nach der Aufnahme muss das Ganze ja verarbeitet werden. die Notizen müssen in den Blog. Das wissen und schätzen auch unsere treuen Hörer. Vielleicht lassen sie uns deswegen so viel Unterstützung zukommen. Apropos: Wir haben uns bewusst gegen „klassische“ Formen der Monetarisierung wie Werbung oder große Sponsoren entschieden. Wir machen es in erster Linie für uns und für die HörerInnen und sind trotz der langen Zeit immer wieder überrascht, wie kreativ und unterstützungsbereit die sind. Inspiriert wurden wir bei der Wahl des Modells von anderen Podcasts, hauptsächlich aus der Technik-Ecke. Dort ist man mit spendenbasierten Methoden schon lange recht gut unterwegs. Und Merchandise ist neben der Möglichkeit, ein Projekt finanziell zu unterstützen, eine gute Werbestrategie. Der lange Atem zahlt sich hier auch aus. Am Anfang war es nichts, heute können wir unsere Kosten nicht nur decken, sondern auch weiter in die Qualität investieren.

Die aktuelle Folge vor dem Spiel gegen Mainz hier anhören. (Foto: Screenshot)

Die aktuelle Folge vor dem Spiel gegen Mainz hier anhören. (Foto: Screenshot)

Gibt’s bei einem von euch das Interesse, auch beruflich mal etwas in diese Richtung zu machen oder sollen es bewusst Spaßprojekte bleiben?
Teilweise fließt es bei uns in das Berufsleben schon mit ein. Wir würden aber auch gerne noch mehr Zeit in das Projekt investieren. Wenn man das so lange macht, ist es ein fester Bestandteil der Woche geworden und es fühlt sich merkwürdig an, wenn man mal keine Folge macht. Der Spaß und die Leidenschaft für den Verein und das Medium müssen aber im Vordergrund stehen. Wenn das nicht mehr so ist, sind wir auch nichts anderes als ein neutrales Format. Genau dazu wollen wir ja einen Gegenpol bieten.

Wie seid ihr denn jeweils Fans der Eintracht geworden?
Das ist sehr unterschiedlich. Was wir aber alle gemeinsam haben, ist, dass uns die Stimmung der Fans gepackt hat, die man im Waldstadion verspürt. Es ist schwer, sich dem zu entziehen, wenn man sie mal live erlebt habt. Das in Kombination mit der Verbundenheit zur Stadt und der Region ist eine starke Verbindung. Die Eintracht ist eben ein Verein, bei dem es nicht langweilig wurde, muss man ja sagen. Das hat sich zwar gewandelt, aber der ein oder andere Bock ist trotzdem immer mal wieder dabei.

Was ist für euch das Spiel, das ihr nie vergessen werdet?
Ich kann jetzt nicht für die Anderen antworten. Für mich war es das Entscheidungsspiel 1999 gegen Kaiserslautern. Wir waren zu diesem Zeitpunkt in London auf der Abschlussfahrt mit der Realschule und haben uns bei jedem Tor anrufen lassen. Irgendwann standen wir dann jubelnd in einer kleinen Seitenstraße und hatten alle einfach nur eine Gänsehaut und haben uns den Kommentar aus dem Radio per Telefon immer und immer wieder vorspielen lassen. Sowas vergisst man nicht.
Basti: Kaiserslautern 1999 is’ klar, dazu hat René schon alles gesagt. Reutlingen, Bordeaux … Ach, es gibt so viele. Aber das prägendste Spiel war leider 1992 in Rostock. Will aber nicht drüber reden.

Die ganze Podcast-Crew. (Foto: privat)

Die ganze Podcast-Crew. (Foto: privat)

Mit Niko Kovač hat der Verein ein absolut goldenes Händchen bewiesen. Er hat die Eintracht aus der Relegationskrise in die Champions League-Ränge gecoacht. Was macht ihn aus eurer Sicht so besonders?
Er ein Arbeitstier. Für Ihn zählt Leistung und er bewertet diese fair. Auch, wenn man mal eine Durststrecke hat, kann sich jeder Spieler wieder rankämpfen. Siehe Danny Blum oder de Guzmán, die beide lange Zeit nicht im Kader waren. Das war zu Spielerzeiten schon sehr wichtig für ihn und das vermittelt er als Trainer nun den Spielern.
Es ist aber auch ein Integrator. Er versucht, eine Einheit in der Mannschaft zu formen. Es ist nicht wie bei anderen Trainern, wo Training und Spiele die einzigen Anknüpfungspunkte sind. Sein Bild ist ein stabiles und belastbares Gesamtkonstrukt, inklusive allem, was zum Mannschaftsapparat gehört. Da hat sich die Eintracht in den letzten Jahren massiv professioneller aufgestellt. Was nicht nur sein Verdienst ist, sondern auch der von Fredi Bobic.
Und er ist zusätzlich ein Stratege. Er denkt nicht nur über den nächsten Schritt nach, sondern über die nächsten drei und passt die jederzeit an. Das sieht man unter anderem daran, dass wir nach jeder Niederlage mit einem Sieg zurückkommen.
Diese Kombinationen machen ihn zu einem sehr starken Trainer. Wobei man aber auch dazu sagen muss, dass dies eigentlich die erste richtige Saison für ihn ist. In den Spielzeiten davor war viel Umbruch und eben die Sache mit der Relegation dabei.

Seine gute Arbeit weckt natürlich auch Begehrlichkeiten. Wie lange kann man ihn noch in Frankfurt halten?
Seinen Vertrag in Frankfurt wird er vermutlich erfüllen. Zumindest, wenn wir am Ende den Weg in einen internationalen Wettbewerb schaffen. Das hat er maßgeblich aufgebaut und dort wird er den Erfolg mitnehmen können. Aber klar ist auch, dass er eine Menge Interesse an seiner Person geweckt hat und es schwer wird, wenn die Eintracht nicht vermitteln kann, wie man sich dauerhaft auf einer der oberen Positionen festsetzen will. Er gehört zu den Trainern, denen man großes unterstellt und die der Fußball und vor allem die Bundesliga benötigt. Trainer wie Heynckes und Co. kommen schon heute nicht mit der neuen Spielergeneration zurecht. Und „Laptop“-Trainern wie Nagelsmann und Tedesco haben zwar die strategische Sicht, aber ihnen fehlt die menschliche Kompetenz im Umgang mit den Spielern. Kovac bringt das alles mit. Wenn das erst mal alle Vereine erkannt haben, müsste er eigentlich von jedem ein Angebot auf dem Tisch haben.

Sébastien Haller hat unglaublich eingeschlagen, Kevin Prince Boateng ist extrem wichtig fürs Team. Die Mannschaft macht dieses Jahr aber auch einen sehr intakten Eindruck und scheint darüber einen Teil ihrer Stärke zu beziehen. Ist Kovač auch Vater dieses Teamspirits?
Ja! Es ist die beste Chance, die ein Verein wie die Eintracht hat. Wir können keine 17 Millionen in einen Spieler investieren. Der Erfolg liegt darin, über den Willen und die Mannschaftsleistung zu kommen und sich konsequent weiterentwickeln zu wollen. Kovač hat das erkannt und seine Strategie auf diese Situation ausgerichtet. Der Verein ist den Schritt mitgegangen und hat sich ebenfalls transformiert. Die wichtige Frage ist jetzt: Wie lange geht es mit dieser Ausrichtung gut und wann müssen wir diese wieder adaptieren. Die Frankfurter Eintracht war bislang nicht für den strukturierten Wandel bekannt, hat ihn aber nun vollzogen. Ob wir den richtigen Zeitpunkt ein weiteres Mal erkennen, wird jetzt spannend.

Mainz zu Gast in Frankfurt in der letzten Saison. Da las sich die Tabelle anders als heute... (Foto: Meenzer on Tour)

Mainz zu Gast in Frankfurt in der letzten Saison. Da las sich die Tabelle anders als heute… (Foto: Meenzer on Tour)

Hat man Fredi Bobic eigentlich in seiner Stuttgarter Zeit unterschätzt? Ich gebe es ehrlich zu, dass ich lachen musste, als ich damals seine Verpflichtung in Frankfurt mitbekommen habe.
Wir waren auch nicht ganz ohne Vorurteile. Ob man ihn dort unterschätzt hat, ist schwer zu sagen. Auch er war sicher nicht ganz ohne Fehler unterwegs. Was man aber denke ich sagen kann, ist, dass er daraus gelernt hat und sich weiterentwickeln wollte und das auch hat. Das ist vermutlich der Grund, warum es zwischen ihm und Niko Kovač so gut harmoniert. Man ist sich ähnlich.

Über Haller und Boateng haben wir bereits gesprochen Welche Spieler machen bei euch in dieser Saison noch den Unterschied? Und wer bleibt hinter den Erwartungen zurück?
Bei den starken Spielern muss man ganz klar Marius Wolf und Timmy Chandler nennen. Chandler spielt die Saison seines Lebens. Da ist eher die Frage, ob er das nochmal wiederholen kann. Wolf haben wir bei seiner Verpflichtung eher als Quotenspieler für die Auflagen gesehen. Das haben wir eindeutig falsch eingeschätzt. Auch er hat durch das Mannschaftsgefüge und die Einflüsse von Kovac – aber auch Prince Boateng – einen großen Schritt nach vorne gemacht. Mehr erwartet haben wir von Jetro Willems. Dafür, wie er am Anfang gelobt wurde und in den ersten Spielen aufgetreten ist, hat es dann doch stark nachgelassen. Zwar hat unter Kovač jeder die Möglichkeit, wieder zur Mannschaft aufzuschließen, aber er scheint jetzt auch kein Trainingsweltmeister zu sein.

Mainz 05 und Eintracht Frankfurt stehen sich an diesem Wochenende schon zum dritten Mal in dieser Saison gegenüber. Das Hinspiel im Oktober war ein glanzloses Unentschieden, über den Pokalabend legen wir Mainzer gerne den gütigen Mantel des Schweigens. Was erwartet ihr am Samstag für eine Partie?
Beide Mannschaften sind keine Unschuldslämmer, wenn man mal auf die Fairplay-Tabelle schaut. Und beide Mannschaften brauchen die Punkte. Wir für die oberen Plätze und Mainz gegen den Abstieg. So leicht wie im Pokal wird es uns Mainz dann auch nicht machen und die Tore selbst schießen. Es wird ein körperbetontes Spiel werden, mit viel Einsatz. Ob wir viele Tore sehen, bleibt abzuwarten. Ein spannendes Spiel dürfte es allemal werden. Wenn man sich die anderen Spiele zu der Zeit anschaut, vermutlich sogar das spannendste.

Der vierfarbbunte Mantel des Schweigens über dem Pokalspiel im Februar. (Foto: Meenzer on Tour)

Der vierfarbbunte Mantel des Schweigens über dem Pokalspiel im Februar. (Foto: Meenzer on Tour)

Besteht für Eintracht Frankfurt die Gefahr, Mainz aus der Pokalerfahrung und durch die tabellarische Situation zu unterschätzen? Klar kann man erwarten, dass Kovač sein Team genau davor warnt, aber wie bekommt man das in die Spielerpsyche?
Kovač unterschätzt keinen Gegner. Er erwartet vollen Einsatz und will, dass alles perfekt läuft. Egal, ob der Gegner Mainz oder Dortmund heißt. Gegen Letztere hat es mit einem Sieg nicht geklappt, gerade weil es am Ende mit Psyche und Cleverness nicht gereicht hat. Diese Punkte wird der Trainer mehr als einmal in der Woche adressiert haben. Außerdem sind wir, wie schon erwähnt, aus jeder Niederlage stärker wieder rausgekommen. Als Eintracht-Fan macht man sich aktuell keine Sorgen.

Apropos Spielerpsyche. Aktuell wird heftig diskutiert, dass Per Mertesacker im Gespräch mit dem Spiegel erzählt hat, wie er als Profi regelmäßig an die Grenze seiner Belastbarkeit kam. Was glaubt ihr, wieso sind solche Aussagen in der Fußballöffentlichkeit immer noch schwierig?
Weil es das Bild des familienverträglichen Sports kaputt macht. Fußball ist ein Leistungssport und wie bei allen diesen Sportarten sind die Erwartungen hoch. Diese Tatsache, und das daraus resultierende Leistungssystem, werden aber nicht gezeigt und sind durch die hohen Geldbeträge, über die berichtet wird, noch weiter in den Hintergrund gerutscht. Nach dem Motto, wie kann denn bitte jemand, der mehrere Millionen im Jahr mit 90 Minuten Fußball in der Woche verdient, einen Druck verspüren. Das ist die große Gefahr dabei. Was aus dem Sport gemacht wird, ist das familienfreundliche Entertainment-Programm, mit dem sich nebenbei ein Haufen Geld machen lässt.
Neben protestierenden Fans ist die Schilderung von Mertesacker ein weiterer, großer Stein in dem von Sponsoren und Verbänden aufgebauten Maschinenraum. Man hat ja schon bei anderen Sportarten gesehen, wie die Auswirkungen sind, wenn mal jemand den Teppich anhebt und den ganzen Schmutz darunter zeigt. Hinzu kommt vermutlich, dass viele bei ihren Einschätzungen nicht mehr differenzieren. Es geht hier nicht um den Menschen Per Mertesacker, sondern um das Zahnrad Per Mertesacker – und das hat gefälligst zu funktionieren. Ohne Wenn und Aber.

Auch ich habe mich in der aktuellen Kolumne mit dem Thema Per Mertesacker beschäftigt. (Foto: Screenshot)

Auch ich habe mich in der aktuellen Kolumne mit dem Thema Per Mertesacker beschäftigt. (Foto: Screenshot)

Und was können Vereine tun, um ihre Spieler zu schützen? Wisst ihr, welche Angebote es bei Eintracht Frankfurt gibt für Situationen, in denen der Druck eskaliert?
In den 90 Minuten auf dem Platz kann man den Spielern keinen Druck nehmen. Das ist eben Bestandteil des Spiels. Aber man muss sie ja nicht zu irgendwelchen Interviews schicken, der Trainer kann sich vor den Spieler stellen und ihn schütze, man kann Transparenz herstellen über Dinge, die man getan oder verändert hat, und man kann und sollte immer wieder in Erinnerung rufen, dass es Menschen sind, die Fußball spielen – und keine Dinge.

Ebenfalls hohe Wellen geschlagen haben die Aussagen von SGE-Präsident Peter Fischer, der deutlich macht, dass die Satzung der Eintracht sich nicht mit dem Gedankengut der AfD verträgt. Bei der Mitgliederversammlung wurde er mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt. Er muss sich aber auch Kritik anhören. Was würdet ihr seinen Kritikern entgegnen?
Das kommt sehr drauf an, wer ihn da kritisiert. In vielen Fällen hilft es, zuzuhören und zu denken, bevor man kritisiert. Das ist nicht immer einfach, gerade bei Themen, in denen viele Emotionen stecken. Bezogen auf die Satzung und die Aussagen der Partei hat er Fakten gegenübergestellt. Dies zwar auf die Bekannte Peter-Fischer-Art, aber es bleiben unter dem Strich Fakten und gegen die kann man an sich nichts erwidern. Jeder, der einem Verein beitritt, stimmt der Vereinssatzung zu und verpflichtet sich, sich daran zu halten. Unterstützt man nun zusätzlich noch eine Gemeinschaft mit einer anderen Satzung oder Ausrichtung, dann sollte das einen persönlichen Gewissenskonflikt hervorrufen. Das ist genau das was Peter Fischer gesagt hat: „Jeder sollte sich selbst überprüfen.“

Wäre nicht ein Zusammenschluss der Vereine zu diesem Thema wünschenswert? Gerade auch die Auseinandersetzung Cottbus/Babelsberg hat gezeigt, dass rechtes Gedankengut leider nach wie vor im Stadion vorhanden ist. Wie kann man Aktionen sinnvoll bündeln?
Ein Zusammenschluss wäre auf jeden Fall wünschenswert. Dann aber bitte nicht nur von den Vereinen und organisierten Fans. Auch Gelegenheitsfans, Verbände und die Sportjournalisten müssten sich dort zusammen tun. Es ist ein Thema, das alle angeht. Wir sollten alle aus der Vergangenheit gelernt haben und eine Wiederholung vermeiden.

Nazis raus

Ist es eigentlich ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, wenn wir in diesem Interview weniger über Sport reden, als über das, was neben dem Platz passiert? Was kann die Gesellschaft von den aktuellen Bewegungen im Fußball lernen?
Es ist gut, das vieles thematisiert wird. Das zeigt aber auch, dass die Bundesliga an vielen Stellen einfach an Interesse verloren hat. Das ist schade für den Sport und für die Liga an sich, denn nun versuchte man, es wieder attraktiv zu machen, und geht dabei nicht immer den richtigen Weg. Montagsspiele, geänderte Anstoßzeiten, 50+1, ihr kennt das. Wenn hier schon der eine vom anderen lernt, dann sollte der andere auch von dem einen lernen bzw. sie sollten gemeinsam lernen. Dann sind wir wieder bei dem Zusammenschluss.

Ich erinnere mich noch an meinen ersten Podcast-Auftritt mit Basti, in dem er sagte, Mainz wird in Frankfurt nicht als Konkurrenz wahrgenommen. Diese Saison gibt es dazu natürlich auch keinen Anlass. Aber ehrlicherweise ist sonst in der Region auf beiden Seiten niemand mehr übrig, oder?
Nein. Mainz und Frankfurt eben auch nur bedingt, weil man eben noch in der gleichen Liga spielt und da historisch gesehen mal was war. Eine wirkliche Konkurrenz ist aber nicht mehr vorhanden.

Seid ehrlich, ihr würdet uns in der 1. Liga vermissen.
Ja. Mainz ist fast ein Heimspiel, das Gezanke ist immer lustig und man hat durch die sozialen Medien und die Podcasts mittlerweile so viele Menschen kennengelernt, dass man es fast keinem Verein mehr wirklich wünschen mag. Außer bei dem HSV, Wolfsburg, und Hoffenheim.

Und wie geht das Spiel am Samstag aus?
2:0. Grüße!

Danke für das Gespräch!

|| Herzlichen Dank an Meenzer on Tour für die Bilder. ||

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 beim HSV

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Vor dem wichtigen Auswärtsspiel beim Hamburger SV habe ich mit Tanja Hufschmidt gesprochen, die den Verein seit 30 Jahren begleitet.

Hallo Tanja, danke, dass du dir die Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Du bloggst unter Raute22 über den HSV. In den letzten Jahren gab’s da spöttisch gesagt nicht viel Positives zu berichten. Woher nimmst du trotzdem die Motivation fürs Schreiben?
Moin Mara, moin Mainz! Ich muss gestehen, es wird immer schwerer, irgendwas zu schreiben, was nicht nur schon gesagt wurde, sondern dass auch noch nicht von so ziemlich jedem. Aber manchmal gibt es Sachen, die müssen einfach raus. Dazu gehört dann zum Beispiel auch der Hinweis auf die nicht aufgearbeitete Nazi-Vergangenheit von Kühne + Nagel, dem Unternehmen von Klaus-Michael Kühne.

Das Volksparkstadion ...

Das Volksparkstadion …

Einer der letzten Beiträge beschäftigt sich mit deinem „perversen Hobby“, es mit dem HSV zu halten. Erzähl doch mal, wann und wie sich die Raute in dein Herz gebaut hat und wo du die Heim- und Auswärtsspiele siehst. Stadion? Kneipe? Couch?
Ich bin einer der letzten „echten“ Erfolgsfans: Ich kam zum HSV beim bislang letzten Titel, dem DFB-Pokalsieg 1987, den ich live im Stadion erleben durfte. Mein erstes Spiel live vor Ort und dann so eines – wie sollte ich da noch der Raute widerstehen können? 30 Jahre später verfluche ich es so manches Mal, habe aber immer noch eine Stehplatz-Dauerkarte und verfolge auch die meisten Auswärtsspiele zumindest vorm TV auf und ab laufend. Auswärtsfahrten sind seltener geworden, aber ich habe immer noch erstaunlich positive Erinnerungen an meinen Besuch bei Mainz 05. Es war der 34. Spieltag 2014, ihr habt recht locker gewonnen und der HSV musste danach das erste Mal in die Relegation. Was ich aber vor allem in Erinnerung halte, ist, wie uns die Mainzer Fans ermuntert haben und uns viel Erfolg in der Relegation gewünscht haben. Da fiel kein böses Wort, als wir uns nach dem Spiel noch im real mit Proviant für den langen Heimweg eindeckten, keine Häme, nur aufrichtiges Mitgefühl. Das tat sehr gut, deswegen denke ich gerne an die Auswärtsfahrt zurück.

Dass der HSV schwere Zeiten durchlebt, muss man niemandem erklären. Was ich von außen betrachtet unheimlich anstrengend finde, ist das ständige Wechselbad zwischen Hoffen und Abschenken. Manche Veränderungen machen wieder Hoffnung auf eine Verbesserung, der nächste Absturz kommt aber zuverlässig. Wie steckt man das über so lange Zeit weg?
So richtig wegstecken kann ich das nicht, aber es wandelt sich: von Panik zu Angst, von Wut über Verzweiflung bis zur Resignation. Und man glaubt es kaum, aber Letzteres schmerzt am meisten, weil die Resignation so hoffnungslos ist, weil man keinen Kampf mehr in sich hat, weil die Leere sich im Fußballherz ausbreitet.

Kannst du für dich festmachen, wann die schlechte Phase der letzten Jahre tatsächlich ihren Anfang genommen hat? Und gibt es für dich einen konkreten Auslöser oder ist es mehr eine Verkettung der Ereignisse?
Es gibt meiner Meinung nach weder den einen Auslöser noch den einen Hauptschuldigen. Vielmehr ist es in der Führung ebenso wie auf dem Platz: Teilweise sieht es gar nicht so schlecht aus, aber im letzten Augenblick, vorm finalen Pass, werden die falschen Entscheidungen getroffen und so landet der Ball beim Gegner, der Angriff verpufft.

... Wohnzimmer der HSV-Fans ...

… Wohnzimmer der HSV-Fans …

Wie beurteilst du die Rolle von Investor Michael Kühne? Es gibt inzwischen ja nicht wenige Fans, die sagen, all das Geld, das er über die Jahre in den Verein geschossen hat, kann nicht aufwiegen, wie sehr er sich gleichzeitig einmischt und welchen Schaden er damit anrichtet.
Ich vergleiche KlauMi, wie wir ihn (wenig) liebevoll nennen, immer mit einem Drogendealer. Vor vielen Jahren half er erstmals bei Spielertransfers, um sich hinterher zu beschweren, dass die von ihm finanzierten Spieler gar keine Weltstars wären. Dann wollte KlauMi unbedingt Rafael van der Vaart (und dessen damalige Frau) wieder beim HSV sehen, dann ginge es bestimmt aufwärts. Den Transfer finanzierte Kühne per Darlehen, gegen den Willen des Sportchefs Frank Arnesen unter Federführung des Marketing-Vorstands Joachim Hilke übrigens. Den Transfer konnte sich der HSV eigentlich gar nicht leisten, weder finanziell noch sportlich. Und so ging es dann nach der Ausgliederung munter weiter: Der HSV lebte über seine Verhältnisse und begab sich in immer größere Abhängigkeit von KlauMi, aus der man jetzt nicht wieder herauskommt.

Am 18. Februar wurde Bernd Hoffmann zum Präsidenten des e.V. gewählt, der amtierende Jens Meier und sein Team mussten sich knapp geschlagen geben. Der ehemalige HSV-Chef ist damit auch im Aufsichtsrat, dem er mittelfristig vorstehen will. Wie beurteilst du diesen Wechsel an der Spitze?
Ich bin nach jahrelanger negativer Erfahrung ein absoluter Gegner von Rückholaktionen, und nichts anderes ist die Wahl von Bernd Hoffmann. Dieser Glaube an einzelne Heilsbringer, an die „guten, alten Zeiten“ ist in vielen HSVern offensichtlich unglaublich tief drin.

Zu Hoffmanns erster Amtszeit war die Fußball-AG noch nicht ausgegliedert. Vor seiner Wahl sagte er, die Ausgliederung sei kein Grund, Verein und AG quasi voneinander zu entkoppeln. Glaubst du, in ein paar Jahren seht ihr ihn als Vorstandsvorsitzenden? Wie schätzt du seine Ambitionen ein und als wie redlich empfindest du ihn?
Alles, was Hoffmann als „Programm“ ausgegeben hat, wird er als e.V.-Präsident gar nicht erreichen können. Der e.V. hat keinen Einfluss auf das operative Geschäft, auch nicht über den Aufsichtsrat, wo Hoffmann eh nur einer von sechs Räten ist. Er hat auf der Mitgliederversammlung einige Posten genannt, auf die es seiner Meinung nach ankommt: Trainer, Sportchef, U21-Trainer, Nachwuchsleiter, Vorstandsvorsitzender. Nur, Letzteren bestimmt der Aufsichtsrat, und auch dafür braucht Hoffmann erstmal eine Mehrheit im Rat. Der große Retter und Erfolgsbringer kann er also gar nicht sein. Und so kann ich nur hoffen, dass er bei allem Einsatz für die AG nicht den e.V. vergisst.

... und Heimat der berüchtigten Uhr.

… und Heimat der berüchtigten Uhr.

Man kann aus Hoffmanns Aussagen jetzt zumindest kein klares Bekenntnis zu Sportchef Jens Todt und dem Vorsitzenden Heribert Bruchhagen herauslesen. Zu Recht? Wie beurteilst du die Arbeit der beiden?
Schwierig. Bei Heribert Bruchhagen stören mich mittlerweile seine häufig unglücklichen Aussagen, wie zuletzt nach dem Spiel an der Weser der Ausbruch in Richtung Videoschiedsrichter, der so völlig unberechtigt war. Außerdem erzählt er viel, bringt aber sein Handeln nicht unbedingt in Einklang damit.
Der größte Vorwurf, den ich Jens Todt machen kann: Er ist auch nur wieder ein Transfer-Eintüter ohne eigenes Gesamt-Konzept. Verpflichtet wird nach Trainerwünschen und jeder weiß, dass Trainer sich bei uns nicht lange halten. Also findet jeder neue Trainer einen wild zusammengewürfelten Kader vor, der zwar einige gute Einzelspieler aufweist, aber in sich nicht schlüssig zusammengestellt ist und daher auch gar nicht funktionieren kann. Deswegen habe ich lange neidisch nach Mainz geschaut, wo Heidel sein Konzept durchgesetzt hat und als Klopp ging, konnte Andersen nahtlos übernehmen und den Wiederaufstieg schaffen. Das gleiche mit Tuchel, der vielleicht hier und da andere Impulse und Schwerpunkte setzte, aber im Großen und Ganzen sah das (zumindest von außen) sehr gradlinig aus. Und genau so etwas fehlt uns, ein durchdachtes Mannschaftskonstrukt, in dem quasi jeder ersetzbar ist.

Bei Bruchhagen hatte ich das Gefühl, er ist seit Jahren der Erste, der klar auf Distanz zu Kühne geht. Wird er daran scheitern? Wie mächtig schätzt du Kühne ein?
Das ist auch wieder so ein undurchsichtiges Konglomerat. Bruchhagen weiß natürlich, wie abhängig der HSV von Kühne ist, das wird ihm sein Vorstandskollege Frank Wettstein, der verantwortlich ist für die Finanzen, immer wieder sagen. Auf der anderen Seite hatte fast gleichzeitig mit der Verpflichtung Bruchhagens auch im Aufsichtsrat ein Umdenken stattgefunden. Der Kühne-Mann Gernandt wollte nicht mehr den Vorsitz, also hat den vorübergehend Andreas Peters, langjähriger Vorsitzender des Ehrenrats im e.V., übernommen. Und mit Peters an der Spitze hat der Aufsichtsrat vergangenen Sommer erstmals richtig Druck gemacht, endlich die Spielergehälter zu senken.
Hier kam dann wieder der große öffentliche Auftritt von KlauMi. Der hatte durchaus mitbekommen, dass einige Fans schon wieder am Grummeln waren, dass es sich so hinzog mit Neuverpflichtungen, blies dann direkt mal ins selbe Horn und wedelte – wie das so seine Art ist – mit Geldscheinen. Und da zeigte sich dann die totale Abhängigkeit: KlauMi ist befreundet mit dem Spielerberater Volker Struth. Struth berät unter anderem die Spieler Bobby Wood, André Hahn und praktischerweise auch den Trainer Markus Gisdol. Die Legende, von KlauMi höchst persönlich an die Presse verraten, geht dann so: Struth erzählt KlauMi von der Ausstiegsklausel von Bobby Wood (für 15 Millionen hätte er die AG verlassen können), und dass es total viele Interessenten gibt. KlauMi ruft beim HSV an, sie sollen doch bloß den Wood halten, man könnte doch die Ausstiegsklausel abkaufen. Kurze Zeit später hat Wood einen neuen Vertrag, ohne Ausstiegsklausel, mit doppeltem Gehalt. Gleichzeitig findet Markus Gisdol den Spieler André Hahn ganz interessant, das erfährt KlauMi und ruft beim HSV an… Ende vom Lied: Kühne finanziert den Transfer von Hahn (aber auch nur den, günstigere Alternativen hätte er nicht bezahlt!), Gisdol ist acht Monate später nicht mehr im Amt.
Das alles geschah quasi am Aufsichtsrat vorbei, weil die Gelder ja extern akquiriert wurden und der Gehaltsetat wurde am Ende nicht gesenkt, eher im Gegenteil. Erwähnte ich schon das Gleichnis vom Dealer-/Junkie-Verhältnis…?

Nicht (mehr) unumstritten: Heribert Bruchhagen (Foto: Steffen Ewald - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0)

Nicht (mehr) unumstritten: Heribert Bruchhagen (Foto: Steffen Ewald – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0)

Es scheint, egal, wer in den letzten Jahren die Entscheidungen getroffen hat, man lag letztlich immer daneben. Sei es, dass Dietmar Beiersdorfer Alen Halilović holt, wenn Bruno Labbadia, so sagt er, Max Kruse wollte, sei es, mit Bobby Wood zu verlängern und Michael Gregoritsch abzugeben, der nun in Augsburg trifft und trifft. Ist das Pech? Oder hat das System?
Mal davon abgesehen, dass Bruno viel erzählt, wenn der Tag lang ist (angeblich wollte er auch Dennis Aogo zurückholen), glaube ich, dass der grundsätzliche Gedanke hinter der Halilović-Verpflichtung richtiger war als Brunos Idee. Beiersdorfer wollte auf junge, entwicklungsfähige Spieler setzen, die auch noch Transfererlöse bringen (könnten). Labbadia setzt bevorzugt auf erfahrene Spieler, weil er sehr auf Sicherheit (seines eigenen Jobs) bedacht ist.
Die Causa Wood hatten wir gerade, und Gregoritsch passte definitiv nicht ins HSV-„System“. In Augsburg fand er ein für ihn passendes Konzept, eine passende Mannschaftsstruktur vor, die es bei uns nicht gibt. Daher freue ich mich für ihn, weil er bei uns auch nicht glücklich geworden wäre und die Entwicklung hätte nehmen können. Davon ab bin überzeugt, wäre Gregerl geblieben, hätte Fiete Arp bis heute nicht Bundesliga gespielt.

In diese Saison seid ihr gut gestartet. Für einen Moment schien es, als ob Markus Gisdol eine Mannschaft geformt hätte, als ob es die erste verbesserte Serie nach all den Seuchenjahren werden könnte. Was ist dann passiert?
Nicolai Müller hat gejubelt. Dann verletzte sich Filip Kostic und schließlich auch noch Aaron Hunt. Schon mit der Verletzung von Müller ging das Offensivkonzept von Gisdol zu Bruch, mit den beiden anderen setzte dann die Negativspirale ein. Es wurde zwar zwischenzeitlich etwas besser, als Kostic dann zurück war, aber letztlich fehlte da schon das Selbstvertrauen im Team.

Ist diese Jubelverletzung von Nicolai Müller symptomatisch für die Situation, in der ihr steckt? Er wird euch am Ende der Saison fast vollständig gefehlt haben.
Müller war bis zu seiner Verletzung (wie stark er da jetzt in seinem Alter wieder zurückkommen kann, bleibt abzuwarten) die Säule unseres Offensivspiels mit schnellen Gegenstößen und zusammen mit Filip Kostic in aktueller Form hätte er uns sehr geholfen. Aber der HSV hat sich in eine finanzielle und sportliche Position gebracht, in der so ein unglücklicher Ausfall dann auch nicht mehr kompensiert werden kann. Entweder kann man sich Ersatz erst gar nicht leisten oder Spieler, die machbar wären, haben kein Interesse. Insofern ist die Verletzung von Nico wirklich ein Sinnbild für den sportlichen Zustand des HSV.

Von der „letzten Patrone“ spricht man, wenn im Abstiegskampf der Trainer gewechselt wird. Das habt ihr im Januar getan, Gisdol musste gehen. Bernd Hollerbach erklärte, die Defensive stärken zu wollen. Das hat mich sehr verwundert, denn das Problem des HSV ist doch, dass die Tore fehlen. Erste Frage, warst du einverstanden mit der Gisdol-Entlassung?
Ich war lange durchaus überzeugt von der Arbeit von Markus Gisdol. Er hat junge Spieler eingebaut, er hat einige Spieler weitergebracht, indem er sie auf neue Positionen verpflanzt hat und der Wunsch, auf der Trainerposition etwas Konstanz zu bekommen, war sehr groß. Dann aber kam das Heimspiel gegen Köln am zweiten Spieltag der Rückrunde. Die Mannschaft wirkte total leblos und der Trainer hilflos. Ab da hatte ich keine Argumente mehr, warum man am Trainer Gisdol, außer aus Sturheit, festhalten sollte.

Und wie beurteilst du die Arbeit von Bernd Hollerbach? Zwei Punkte aus fünf Spielen ist in eurer Situation natürlich viel zu wenig. Hätte irgendjemand anders aus dem Kader in dieser Situation noch mehr rausholen können, oder ist es aktuell einfach vergebens?
Ich weiß immer noch nicht, was ich von Hollerbach halten soll. Was mich im Moment am meisten erschreckt, ist die fast schon apathische Mannschaft. Einer der Gründe, weshalb der Dino bis dato nicht totzukriegen war, war immer, dass die Mannschaft irgendwann angefangen hat zu kämpfen. Da wurde jeder Zweikampf angenommen und mit aller Konsequenz durchgezogen, kein Ball wurde verloren gegeben, immer nachgesetzt. Das ist nicht mehr der Fall – und ich habe keine Ahnung, warum.

Die Trainingskiebitze haben unter der Woche am Mikrofon des NDR geunkt, am besten hole man direkt wieder einen neuen Trainer. Ist da was dran, oder hältst du es für Blödsinn?
Ich wüsste nicht, wen man jetzt noch holen soll. Und Bruchhagen ist auch nicht gerade dafür bekannt, Trainer zu wechseln, wie andere ihre Unterwäsche. Daher glaube ich, wir halten noch eine Weile an Hollerbach fest. Eventuell entscheidet man dann irgendwann, dass man mit ihm nicht in die neue Saison will und überlässt dann für die letzten paar Spiele dem U21-Trainer das Feld, aber auch die Wahrscheinlichkeit ist eher gering.

Hast du noch Resthoffnung darauf, dass ihr am Ende die Klasse haltet, und sei es über den bekannten Umweg der Relegation?
Eigentlich nicht. Ich muss aber auch gestehen, dass ich nach dem ewigen Abstiegskampf der vergangenen Jahre unendlich müde bin und einfach keinen Kampf mehr in mir hab, so weh das auch tut.

Neuer Verein – der HFC Falke.

Neuer Verein – der HFC Falke.

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen, davon können die HSV-Fans seit Jahren ein Lied singen. Wie sehr nervt das? Ihr seid für die chaotischen Verhältnisse ja nicht verantwortlich, sondern leidet selbst darunter…
Ich kann es mittlerweile ganz gut ignorieren, wenn Leute versuchen, sich mit HSV-Witzen als besonders toll und modern zu profilieren. Es ist ja auch nichts Originelles mehr dabei, was man nicht schon x-fach gehört oder gelesen hat. In den sozialen Medien neige ich daher mitunter dann zum Entfolgen, wenn es mir zu langweilig und einseitig wird. Wirklich weh tut es nur noch, wenn es aus dem näheren Umfeld kommt und dann mit genau dem einen Ziel, mich zu „ärgern“, weil ich das als Eintreten auf jemanden, der am Boden liegt, empfinde.

Die Geschichte zwischen Verein und Fans war in den letzten Jahren nicht immer unbelastet. Die Chosen Few wurden erst aus dem Stadion verbannt und haben sich dann 2015 im Zuge der Ausgliederung aufgelöst. Ebenfalls zu dieser Zeit gründeten Fans den HFC Falke, weil sie die Entwicklung im Verein nicht mittrugen. Trotzdem schien das Band zwischen Verein und den Menschen der Stadt immer stark. Sind die Hamburger besonders leidensfähig?
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir mit den CFHH und auch den Deerns und Jungs vom HFC Falke besser dastünden, vielleicht nicht sportlich, aber als Einheit auf den Rängen. Die Leidensfähigkeit bröckelt nämlich ganz gewaltig.

Zuletzt gab’s dann leider doch Krawalle. Die Partie am Samstag gegen Mainz ist nun zum Hochsicherheitsspiel erklärt worden. Verliert der Verein in dieser schwierigen Lage auch noch den Rückhalt der Fans?
Es scheint sehr so, als hätten Teile der Ultra-Szene aufgegeben und beschlossen, den Rest der Saison als Abschiedstournee wahrzunehmen. Hier fehlt durch die starken Umwälzungen, die es in der Szene seit der Ausgliederung gab, auch ein Korrektiv, das früher durch die erfahrenen Ultras der CFHH und die Ultra-nahe Supporter-Führung einfach noch da war. Jetzt ist es so, dass die Ultra-Gruppierungen nicht mehr den Respekt der ganzen Nordtribüne haben, sondern immer wieder Leute ausscheren und meinen, es alles viel besser zu können. Dazu kapseln sich die Ultras auch von den „Normalos“ auf den Stehplätzen gefühlt weiter ab und wollen nur noch ihr Ding durchziehen, scheißegal, ob der Rest mitmacht. Dazu die emotionslos spielende Mannschaft und du hast das jetzige Ergebnis mit relativ leerem Stadion und allgemeiner Müdigkeit.

HFC Falke: Dankbar rückwärts – mutig vorwärts. (Fotos: Tanja Hufschmidt)

HFC Falke: Dankbar rückwärts – mutig vorwärts. (Fotos: Tanja Hufschmidt)

Auch in Mainz ist die Stimmung zwischen Verein und Fans aktuell angespannt. Gräben reißen aber auch unter den verschiedenen Fangruppen auf, die teilweise volle Unterstützung für die Mannschaft fordern, teilweise wiederum den Verein in der Pflicht sehen, dazu kommen die grundsätzlich Unzufriedenen, die alle Köpfe fordern. Kann ein Verein so die Klasse halten?
Ich glaube, mittlerweile sind sehr viele Clubs innerlich so zerrissen und abhängig vom sportlichen Erfolg. Im Misserfolg tritt es dann mehr oder minder deutlich zu Tage. In Köln, in Hamburg, in Mainz. Hannover zehrt noch von der starken Hinrunde, aber auch da denke ich, dass die Unruhe im Umfeld, die sich als Stille im Stadion manifestiert, irgendwann den Fußball auf dem Rasen negativ beeinflussen wird. Und sei es, dass man einen Wunschspieler wegen der ganzen Querelen nicht überzeugen kann, zum Verein zu wechseln.

Das Sportliche tritt in der aktuellen Situation fast komplett in den Hintergrund, auch wenn das bizarr wirken mag. Trotzdem die abschließende Frage, was für ein Spiel erwartest du?
Ganz ehrlich: Es wird lausig kalt und das Spiel wird uns nicht erwärmen, kurzum erwartet uns ein Grottenkick.

Und was passiert in Hamburg am 34. Spieltag, wenn die Uhr wirklich stehenbleibt?
Ich habe keine Ahnung, wie die Ultras reagieren werden. Ich weiß auch nicht, wie viele sich dann vom Verein verabschieden. Ich weiß nur, dass ich auch kommende Saison wieder eine Dauerkarte haben werde und weiter mit HSV sämtliche Höhen und vor allem auch Tiefen durchstehen werde.

Danke für das ausführliche Gespräch.
Danke für die Einladung und auf ein schönes Spiel!