Der Neue: Achim Beierlorzer beim FSV Mainz 05

Wenn Achim Beierlorzer „kurios“ sagt, donnert das rollende „R“ darin wie auf Schienen die Wände hoch und hallt lange im Raum nach. Er verwendet das Wort mehrfach bei der Pressekonferenz, in der er als der neue Cheftrainer des 1. FSV Mainz 05 vorgestellt wird. „Kurios“ sei natürlich, „wie schnell das jetzt geht“. Schließlich war der Mittelfranke vor zehn Tagen noch Trainer des 1. FC Köln. Er sei „absolut froh, diese Stelle antreten zu können“, betont der Neue, der eigentlich vorgehabt hatte, mit seiner Frau am Mittwoch in den Urlaub zu fliegen. Wann er den gebucht habe, möchte ein Reporter wissen und daran anknüpfend, wann der Kontakt zu Mainz 05 zustande gekommen ist innerhalb dieser kurzen Chronologie.

Achim Beierlorzer bei seiner Antrittspressekonferenz.

Der Tag, an dem der FC Köln und Achim Beierlorzer sich trennten, markiert zugleich das letzte Spiel von Sandro Schwarz an der Seitenlinie der Mainzer: Samstag, 9. November. Ob er bei der Nachricht über besagte Trennung schon darüber nachgedacht habe, Beierlorzer im Falle einer Niederlage gegen Union Berlin zu kontaktieren, wird Rouven Schröder gefragt und muss erkennbar an sich halten. „Frech“ findet er die Frage, obschon der Reporter sie wohl stellen müsse. Der Sportdirektor beteuert abermals, vor diesem 2:3 keinerlei Gedanken an einen Plan B verschwendet zu haben. Die Lösung, nun Achim Beierlorzer zu verpflichten, sei fürs Umfeld vielleicht auf den ersten Blick eine Überraschung, für Mainz 05 aber inhaltlich logisch. „Sowas entwickelt sich ja über Jahre“, sagt Schröder im Hinblick auf das Bild, was er in seiner verantwortlichen Position von der Arbeit verschiedener Trainer habe. Beeindruckt habe ihn gerade die Zeit in Regensburg, wo Beierlorzer „aus wenig viel gemacht“ habe.

Wir haben auch in der Vergangenheit bewiesen, dass wir überzeugt sind von unseren Trainern.

Rouven Schröder

Persönlich bekannt sind die beiden Protagonisten sich aus der gemeinsamen Zeit bei Greuther Fürth, wo Beierlorzer im Nachwuchs (U17) und Schröder in sportlicher Verantwortung tätig war. Etwa zwei Jahre überschnitt sich ihr Wirken dort. „Aufgeweckt, offen für Neues“, das sind die ersten Worte, mit denen Schröder seinen neuen Trainer beschreibt. Das gelte für Fußball ebenso wie das Leben an sich. „Der inhaltliche und menschliche Trainer Achim Beierlorzer ist sehr gut und passt perfekt zu uns.“ Das Thema Köln, wo der Coach mit seiner Idee, Fußball zu spielen, nicht den erhofften Erfolg hatte, könne man zwar nicht wegdiskutieren. Für ihn, Schröder, aber ändere der Kurzeinsatz nichts an der Einschätzung des Trainers.

Zwei mit einer gemeinsamen Vergangenheit: Schröder und Beierlorzer.

Natürlich wird der Sportvorstand der 05er diesbezüglich auf erste Reaktionen des Umfelds zur Neuverpflichtung angesprochen, die teilweise verheerend sind. So, wie einige Sandro Schwarz von Anfang an als Fehler betrachteten, weil er zuvor mit der U23 abgestiegen war, irritiert nun viele jener Anhänger*innen, die sich online lautstark äußern, warum ein Trainer kommt, den sie in ihrer emotionalen Blitzbewertung als Gescheiterten einsortieren. Er beschäftige sich nicht mit den Reaktionen des Umfelds, versucht Rouven Schröder eine Tür wieder zu schließen, die er selbst geöffnet hatte mit den Aussagen, zur Entlassung von Sandro Schwarz habe letztlich auch das Gefühl beigetragen, in dieser personellen Konstellation das Umfeld nicht mehr hinter sich vereinen zu können. Denn nein, eben jenes Umfeld wird sich wohl nicht befrieden lassen mit einem Coach, der in der bisherigen Saison noch weniger Punkte gesammelt hat als Schwarz. Umso wichtiger ist es, dass Schröder die Entscheidung aus seiner Überzeugung heraus so getroffen hat, denn es wäre verheerend, wenn sich der Eindruck verfestigt, in Mainz würden sportliche Entscheidungen nun plötzlich von einem recht diffusen Umfeld mitbestimmt. Mit diesem Trainer erobert Schröder die Deutungshoheit zurück – das ist wirklich ein sehr gutes Zeichen.

Ich habe ganz, ganz großen Respekt vor Sandro Schwarz und werde auf jeden Fall den Kontakt suchen.

Achim Beierlorzer

Sportlich gesehen ist der Trainer Achim Beierlorzer sehr nah an seinem Vorgänger, was er so auch benennt. „Es wird keinen kompletten Umbruch geben. Und das ist ja schön so.“ Er fordere von seinen Mannschaften eine hohe Laufbereitschaft, dass sie aktiv nach vorne verteidigen, erklärt der Coach. „Mainz spielt diesen Spielstil und stand auch schon immer dafür.“ Letztlich sei die aktuelle tabellarische Lage, die er übernimmt, Nuancen geschuldet. Die Niederlage in Freiburg zieht er dafür als Beispiel heran. „Die Qualität, die in der Mannschaft steckt, ist aber unbestritten.“ Er habe in Köln selbst festgestellt, „dass man Ergebnisse nicht immer trainieren kann.“ Die Ironie darüber, wie ähnlich die Gründe für die Trennung vom Trainer an beiden Standorten ist, entgeht ihm natürlich ebenso wenig wie den Journalist*innen. Er habe „ganz, ganz großen Respekt vor Sandro“ und werde „auf jeden Fall den Kontakt suchen“.

„Es wird keinen kompletten Umbruch geben. Und das ist ja schön so.“ (Fotos: WP)

Dazu, wie die Theorie vom Beierlorzer Fußball in der Praxis funktioniert und wie das aussehen kann, habe ich zwei Kollegen befragt. Thomas Reinscheid ist Chefredakteur bei EFFZEH.COM und begleitet den Verein frei dem Motto „FC ist, wenn man trotzdem lacht“ seit vielen Jahren. Stefan Dillinger podcastet rund um Jahn Regensburg und hatte Beierlorzer in der Sendung auch schon zu Gast.

Stefan, für welchen Fußball steht Achim Beierlorzer aus deiner Sicht? Wie hat er den in Regensburg umgesetzt? Und ist er ein Trainer mit Plan B, wenn A nicht greift? 

SD: Er kommt ja aus der Leipziger Fußballschule, daher spielt hohes Pressing eine große Rolle. Wir waren und sind in der 2. Liga natürlich immer noch keine etablierte Mannschaft, deshalb spielen Kampfgeist und Laufbereitschaft eine große Rolle und daher musste er sich natürlich schon auf unsere spezielle Situation einstellen. Ein großes Plus war, dass unsere Mannschaft im Kern über zwei, drei Jahre zusammengeblieben ist. Bei uns hat der Plan A eigentlich immer ganz gut funktioniert. Er ist jetzt auch kein Guardiola der ständig umstellt, allerdings ist er ein Trainer der flexibel auf den Gegner reagieren, die Aufstellung anpassen und durch Auswechselungen nochmal Akzente setzen kann.

Ist er aus deiner Sicht ein Trainer, der eine Mannschaft weiterentwickeln kann?

SD: Ich würde sagen: ja. Bei uns kamen zu jeder Spielzeit relativ viele (Leih-)Spieler hinzu. Er schaffte es, ein Kollektiv zu formen und nicht nur eine Mannschaft aus 11 Spielern zu haben, sondern 15/16 Spieler, die bereit waren, ins Team zu kommen und Leistung zu bringen.

Hat dich überrascht, dass es in Köln nicht besser funktioniert hat? Traust du ihm die 1. Liga grundsätzlich zu? 

SD: Ja, ich traue ihm die 1. Liga grundsätzlich zu. Er neigt nicht zur Hektik und arbeitet sehr gewissenhaft. Auch funktionieren ähnliche Systeme in anderen Vereinen. Dass es in Köln jetzt nicht geklappt hat, beziehungsweise, dass er jetzt gehen musste, liegt wohl eher an Köln und der Trennung von Veh als an ihm. Man hätte ihm noch bis zur Winterpause Zeit geben können, denn der Spielplan war jetzt nicht der einfachste–  und die Spiele die man gewinnen musste (Freiburg, Paderborn), hat man ja auch gewonnen.

Thomas, welchen Fußball lässt Beierlorzer nach deiner Beobachtung spielen?

TR: Eine schwierige Frage, denn der Fußball, den er beim Jahn spielen ließ und der, den der FC in dieser Saison auf den Platz brachte, unterscheiden sich schon enorm. Beierlorzer steht im Grunde in der Tradition einer Spielweise, die gerne bei einer Marketingabteilung im Osten des Landes praktiziert wird, legt also Wert auf aggressives und laufintensives Gegenpressing, das für die entscheidenden Umschaltmomente sorgen soll. In jeder Situation will er ein aktives Team auf dem Platz haben, das die Initiative ergreift, wenn es die Chance dazu sieht. Aber, wie gesagt: Von all dem, was Beierlorzer sich als Spielidee ausgemalt hat, war in Köln wenig zu sehen.

Worin lag es, dass er Schwierigkeiten in Köln hatte?

TR: Zuallererst passten vor allem die Ergebnisse nicht. Der FC ist 17. mit lediglich sieben Punkten auf dem Konto, dazu peinlich aus dem Pokal ausgeschieden. Das ist viel zu wenig. Aber auch die Spielweise ließ wenig Hoffnung auf Besserung aufkommen. Es scheint, als passte Beierlorzer schlichtweg nicht zum Kader. Den laufintensiven, kampfstarken Fußball, den Beierlorzer spielen wollte, den bekamen die FC-Fans nur ganz selten zu sehen. Das ist nicht ausschließlich seine Schuld, denn die Verhältnisse in Köln waren in diesem Sommer ganz besonders kompliziert. Aber: Überzeugt hat er mich als Trainer beim FC nicht, auch wenn er menschlich wohl top zu sein scheint.

Überrascht er dich als Kandidat in Mainz?

TR: Mich hatte die Trennung von Sandro Schwarz überrascht – aber als der Job auf der Mainzer Trainerbank frei wurde, war ich nicht geschockt, dass Beierlorzer ein Kandidat für die Nachfolge war. Die kurze Pause zwischen seinem Engagement in Köln und seinem neuen Posten verwundert zwar, aber wenn sich die Chance bietet, muss man in diesem Geschäft wohl zugreifen.

„Ich weiß, welche Stärken ich habe, ich weiß, was ich kann. (…) Es geht um die Trainerpersönlichkeit Achim Beierlorzer. Wofür stehe ich. Und das passt, wie ich finde, sehr gut zu Mainz.“

Achim Beierlorzer

Rouven Schröder hebt bei der Pressekonferenz unter anderem hervor, Beierlorzer habe „super unter Beweis gestellt“, wie gut er junge Spieler aus dem In- und Ausland entwickeln könne. Für den Trainer selbst ist klar: „Die Fans honorieren die Art und Weise, Fußball zu spielen.“ Diese Einschätzung ist für seinen neuen Standort sicher richtig, schließlich war die Frage, ob die Spieler sich eigentlich noch genug reinhauen auf dem Platz, zuletzt allgegenwärtig. Damit seine Aussage greift, muss Beierlorzers Idee vom Fußball allerdings besser funktionieren als zuletzt in Köln.

Und wie beurteilen die Kollegen aus Köln und Regensburg den Trainer Achim Beierlorzer im Umgang mit seinen Spielern und in der Wirkung auf die Fans?

Thomas, wie schätzt du sein Verhältnis mit den Spielern ein?

TS: Er wirkte auf mich wie jemand, der viel von seinen Spielern fordert, aber auch immer ein offenes Ohr für das Team hat. Es hat sich aber, auch aufgrund der äußeren Umstände, wohl kein allzu enges Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer gebildet. Öffentlich wirkte er stets etwas distanziert zu seinen Schützlingen, aber mit der nötigen Empathie. Verwundert haben mich allerdings manche Interview-Aussagen über Ersatzspieler wie Vincent Koziello oder Nachwuchsspielern wie Darko Churlinov.

Wie war in der kurzen Zeit das Verhältnis mit den Fans?

TS: Er kam definitiv gut an beim FC-Anhang, wirkte durch seine positive Art recht erfrischend nach dem eher mürrischen und abweisenden Markus Anfang. Selbst in der sportlichen Krise wirkte er immer nahbar und sympathisch, auch wenn die Erfolge ausblieben. Eine richtige Beziehung hat sich auch hier allerdings kaum aufbauen können, dafür war Beierlorzer einfach zu kurz beim 1. FC Köln.

Stefan, wie beurteilst du sein Umgang mit den Spielern, gerade mit jüngeren, von denen ihn in Mainz viele erwarten?

SD: Ich finde den Umgang sehr gut. Ein Beispiel ist hier auch Adrian Fein. Anfangs kam er zu Kurzeinsätzen und wurde im Training an die Mannschaft herangeführt. Nach und nach bekam er immer mehr Spielzeit (weil er auch gut spielte) – und am Ende, bis zu seiner Verletzung, war er dann eine verlässliche Größe im Mittelfeld. Jetzt dürfte das bei Mainz natürlich nochmal eine ganz andere Sache sein, ich fand seinen Umgang mit jungen Spielern, Ersatzspielern und Spielern, die von einer Verletzung zurückkamen, aber immer sehr gut und für alle Seiten nachvollziehbar.

Und wie war sein Verhältnis zu den Fans? 

SD: Sehr gut. Er ist ja eh ein sehr eloquenter, netter und freundlicher Mensch. Er kam immer zu den Fans nach dem Spiel und stand sogar für unseren Podcast für ein Interview zur Verfügung. Dafür nahm er sich nach dem Training auch Zeit und war nicht gehetzt. Das mag jetzt an der Regensburger Medienlandschaft liegen, ich lege es ihm aber positiv aus.

Neu im Trainerteam: Ex-Kapitän Niko Bungert. (Foto: Malino Schust)

In der Arbeit mit der Mannschaft dürfte ein entscheidender Faktor auch die Erweiterung des Trainerteams um Niko Bungert sein. Bereits in der letzten Saison hatte der häufig verletzte Kapitän in den Trainingseinheiten oft wie ein Mitglied des Trainer-Staffs gewirkt. Die Idee, ihn nun offiziell zu berufen, ist so logisch, dass die Frage im Raum steht, warum sie erst jetzt kommt. Aber letztlich ist nur wichtig, dass in einer Situation wie der aktuellen jede*r bereit und in der Lage ist, dazuzulernen und das, was benötigt wird, in die Waagschale zu werfen, damit Ruhe einkehrt und auch über diese Ruhe die Ergebnisse wieder stimmen.

Die Woche am Bruchweg (46/19)

Die feine Ader an der Schläfe von Danny Latza leistet harte Arbeit. Der Kapitän des 1. FSV Mainz 05 beantwortet die Fragen der Journalist*innen geduldig. Einer muss ja, da trifft es ihn in seiner Rolle nicht überraschend. Leicht kann ihm das kaum fallen, am Trainingstag eins nach Sandro Schwarz – aber es gehört nun mal zu seinem Job, voranzuschreiten. „Es wirkt natürlich noch ein bisschen nach, auf jeden Fall, aber es muss jetzt weitergehen“, gibt er zu Protokoll. Es sei für ihn persönlich ja nicht der erste Trainerwechsel. „Trotzdem war es für mich auch sehr emotional. Ich glaube, jeder wusste, was er am Trainer hatte.“

Künftig nicht mehr an der Seitenlinie: Sandro Schwarz. (Foto: Malino Schust)

Die Mannschaft müsse sich „vieles“ vorwerfen, bewertet Latza, der am Samstag von der Bank aus keine Chance hatte, das Drama mit abzuwenden. „Die Mannschaft hat sich, die Spieler haben sich in diese Situation gebracht. Jeder sollte sich hinterfragen, ob er wirklich alles gegeben hat, glaube ich, auch selbstkritisch sein.“ Die Ader arbeitet, während er einen Moment überlegt. Man müsse „trotzdem“ weitermachen, versucht die Nummer 6 den Blick von der Trainerentlassung in die Zukunft zu wenden. Müsse versuchen, etwas Positives aus der Situation mitzunehmen. Jeder wisse nun noch mehr, worum es gehe.

Die Mannschaft hat sich in diese Situation gebracht. Jeder sollte sich hinterfragen, ob er wirklich alles gegeben hat.

05-Kapitän Danny Latza

Latza ist nicht zu beneiden in diesem Moment. Die Fragen nach einem Wunsch in Sachen neuem Trainer schlägt er aus. Was soll er dazu auch sagen, außer, dass es jetzt Rouven Schröders Sache ist, den Weg vorzugeben. Jan-Moritz Lichte habe noch einige Worte an die Mannschaft gerichtet vor der Einheit am Morgen. Und alles Weitere? „Wir werden es sehen in den nächsten Tagen.“ Er, die Journalist*innen – und alle anderen. Für den Moment bleibt nur, abzuwarten, weiterzuarbeiten, bis eine Entscheidung steht.

Trübes Wetter, undefinierte Stimmung. (Foto: WP)

Zum Training zuvor hat sich eine Handvoll 05-Anhänger*innen eingefunden. Sie diskutieren den Auftritt von Torwart Robin Zentner im SWR am Sonntag und gehen gedanklich Trainer durch, die gerade zu haben sind. Bruno Labadia, finden einige, wäre – zumindest für den Moment – genau der Richtige. Wie es langfristig weitergeht auch da: Man wird es sehen.

Die Trainingsgruppe ist, bedingt durch die Länderspielpause, klein. Die Spieler wirken anfangs, als hätten sie am Morgen ein Memo bekommen, dass sie auf eine positive Ausstrahlung achten sollen, balgen sich wie kleine Jungs. Bald schon gehen sie aber konzentriert zur Sache. Jan-Moritz Lichte spricht viel mit dem Team, eine Hand in der Hosentasche unterstreicht er mit den ruhigen Gesten der anderen seine Worte. Normalität nicht nur zu vermitteln, sondern auch in die Köpfe und Beine hineinzubekommen, danach sieht jede Bewegung des Mannes aus, der in der aktuellen Situation gerne im Hintergrund bleiben möchte.

Klare Anweisungen, ruhige Einstellung: Jan-Moritz Lichte. (Foto: WP)

Als die Spieler schließlich in Kleinteams gegeneinander antreten, vermittelt das die Normalität erstmals an diesem Vormittag tatsächlich, zumindest ein wenig. Vieles ist da wie immer: Robin Zentner, der aus dem Tor mit lauten Worten seine Kollegen animiert. Alexandru Maxim, der sich auch im Training jede vergebene Chance zu Herzen nimmt. Florian Müller, der kurze Kommando auf Englisch gibt. Natürlich spüren die auf dem Feld jene, die am Rand stehen und beobachten, zumal auch das Presseaufkommen nochmal höher ist als in normalen Trainingswochen. Aber sie müssen sich davon freimachen, wie auch von allem anderen, was da gerade noch passiert.

Die Verantwortung für die veränderte Situation anzunehmen, wie Kapitän Danny Latza es fordert, ist das klare Ziel. Ihren nun ehemaligen Coach hat die Mannschaft am Ende im Stich gelassen, auch wenn sie das reichlich offensichtlich nicht wollte – die Erkenntnis vermittelt Latzas kurzer Auftritt sehr deutlich. Nun müssen sie gemeinsam wieder Verantwortung für den Verein übernehmen und endlich zu den 100 Prozent zurückkehren, die sie zuletzt nicht erreicht haben. Nach den Worten ihres Kapitäns zu urteilen, ist die Botschaft definitiv angekommen. Beim Testspiel am Freitag gegen Darmstadt 98 kann das Team dies erstmals wieder auch auf dem Platz unter Beweis stellen.

Eine neue Zeitrechnung

Im April 2017 kassierte Mainz 05 im Spiel gegen den SC Freiburg die fünfte Niederlage in Folge. Groß waren da die Fragezeichen hinter der weiteren Zukunft des damaligen Trainers Martin Schmidt. Sportdirektor Rouven Schröder vermied zunächst ein klares Bekenntnis. Am Morgen danach stellte er sich vor die Presse und verkündete, man werde die Saison mit Schmidt weitermachen. Mainz sicherte sich an deren Ende mit 37 Punkten auf Platz 15 den Klassenerhalt. Erst dann trennten sich die Wege von Trainer und Verein.

Bruchweg: The Times They Are-A-Changing. (Foto: WP)

Ich erinnere mich sehr gut an die damalige Situation, weil sie für mich einen Grundstein gelegt hat in meinem eigenen Verständnis. Die Auftritte der Mannschaft in den besagten fünf Spielen hatten bei mir die Überzeugung reifen lassen, es brauche den berühmten neuen Impuls von außen, um die Klasse noch zu halten. Schröders Entscheidung, die dem Vernehmen nach nicht zuletzt geprägt war von der Haltung des da noch amtierenden 05-Präsidenten Harald Strutz, war für mich schwer nachvollziehbar. Klar hatte man an Kloppo immer festgehalten, aber war das nicht eine gänzlich andere Situation? Ich weiß aber ebenso genau, dass ich im Verlauf des Tages sinngemäß schrieb: Entscheidung gefallen, egal wie, jetzt müssen sich alle wieder hinter den Verein stellen. Schon damals war dies meine feste Überzeugung, dass es zur Natur der Anhängerschaft gehören muss, hinter ihrem Verein zu stehen. Was sollte sonst ihre Rolle sein?

Prägend war dieser Apriltag aber aus anderen Gründen, die sich erst in der Nachbetrachtung herauskristallisierten. Aus dieser heraus hatten Rouven Schröder und die weiteren beteiligten Verantwortlichen nämlich die richtige Entscheidung getroffen, weil Mainz 05 die Klasse hielt – ohne sich dem zu unterwerfen, was gemeinhin als die „Regeln des Geschäfts“ betitelt wird. Dieser Moment war deshalb so wichtig, weil man unter neuer Regie den alten, in den vergangenen zwei Jahrzehnten etablierten inneren Gesetzen treu geblieben war – und damit Erfolg hatte. Für mich bleibt es deswegen einer, der viel aussagt über das Wesen des Vereins zu diesem Zeitpunkt, auch über Rouven Schröder, weil er bereit war, das Risiko einzugehen, sich in diese Tradition zu stellen. Und der dafür belohnt wurde. Das Credo, der Verein steht über allem, bedeutet demnach, die für den Verein definierten Werte stehen über allem – und zu diesen Werten gehört es, sich nicht kirre machen zu lassen von Erwartungen, die von außen an einen herangetragen werden. Im Zweifel: Die Regeln des Geschäfts zu ignorieren.

Rouven Schröder äußert sich im Vereinskanal zur Trennung von Schwarz. (Quelle: Mainz 05)

Man kann das anachronistisch finden, romantisch, verklärt. Es ist aber die Herangehensweise, die ich in jenem April 2017 für mich verinnerlichte als eine, die den Mainzer Weg weiter ausmachen würde – daran hat sich nichts geändert. Geändert hat sich aber, was seitens der Verantwortlichen als aktueller Weg angesehen wird und als Resultat gaben diese am Tag nach der Niederlage gegen Union Berlin die Trennung von Chefcoach Sandro Schwarz bekannt. Vorerst wird nun Co Jan-Moritz Lichte das Training leiten, gesucht wird derweil ein neuer Trainer, zu dessen Profil Rouven Schröder am Sonntag noch nicht viel sagen wollte, nur dies: Er werde vermutlich von außen kommen. Dies ändere nichts daran, dass man von den Trainern im Verein überzeugt sei, erklärte der Sportvorstand, aber es sei der Zeitpunkt gekommen, auch mal anders zu schauen, als es zuletzt üblich gewesen ist. Dieser Ansatz ist, da man den Trainer nun mal entlässt, sicher nachvollziehbar: Wenn schon anders, dann auch ganz und gar – und nicht bloß die halbe Strecke.

Schröder wirkte in der kurzfristig einberufenen Pressekonferenz sichtlich niedergeschlagen, wie die meisten Vereinsmitarbeiter*innen, die bei Ankunft der Presse am Bruchweg waren. Natürlich sei das eine Situation, die „emotional auch weh tut“, sagte der Sportvorstand. Ein „sehr gutes, emotionales und einvernehmliches Gespräch“ sei der Entscheidung vorausgegangen, in dem Sandro Schwarz klar signalisiert habe, diesen Weg mitzugehen. Die Nachfragen blieben natürlich nicht aus, ob der Coach den Schritt von sich aus angeboten habe oder die Entscheidung vom Verein gekommen sei. Dazu sagte Schröder: „Es ist kein Frage-Antwort-Spiel. Es ist grundsätzlich so, dass wir als Verein natürlich den Takt vorgeben, dass wir die Verantwortung auch haben, zu sagen: So, es ist das Gefühl, dass wir uns trennen.“ Mehrfach betonte er, dieser Schritt sei eine Niederlage, die alle Verantwortlichen betreffe, nicht zuletzt die Mannschaft, die er sehr deutlich in die Pflicht nahm. „Wir wollten definitiv nicht diesen Mechanismus bemühen. Und trotz allem war es jetzt für uns in letzter Instanz der richtige Schritt.“

Bis zuletzt den Verein gelebt und geliebt: Sandro Schwarz. (Quelle: Mainz 05)

Einer, der – das war deutlich herauszuhören – auch dem Gefühl geschuldet ist, das Umfeld in der aktuellen Konstellation nicht mehr weiter hinter den Verein bringen zu können: „Nach und nach bekommst du ein Gefühl für die Situation. Sind wir noch in der Lage, in der Konstellation weiter zu arbeiten. Bekommen wir diese Geschlossenheit – auch im gesamten Umfeld – wieder hin. Auch mit negativen Erlebnissen, das ist ja wichtig, gibt’s da eine Toleranzgrenze oder ist das grundsätzlich negativ behaftet.“ In Teilen des Umfelds war, das muss man leider so klar sagen, die Personalie Sandro Schwarz von Anfang an negativ behaftet. Bemühungen, dies zu ändern, wurden einerseits unternommen – Beispiel die Gesprächsrunde mit Trainer und Fans – blieben aber andererseits Strohfeuer. Mit der Reaktion der Fans beim Spiel gegen Union Berlin scheint nun der Punkt erreicht, an dem die Sorge, das Umfeld vollständig zu verlieren für den gemeinsamen Weg, bei den Verantwortlichen zu groß wurde. Das ist, gerade für Mainz, schon ein bemerkenswerter Vorgang. Spannend ist dabei vor allem die Frage, wer nun derjenige sein soll, der dieses Umfeld von der Seitenlinie aus wieder hinter den Verein bringen soll.

„Ich verstehe das so in meinem Beruf, dass man seinem Trainer bedingungslos zur Seite steht und mit ihm in guten wie in schlechten Zeiten die Dinge bestreitet.“
Rouven Schröder

Zumal Schwarz im Verein selbst, bei den Menschen, die täglich mit und unter ihm arbeiteten, eine sehr hohe Anerkennung genossen hat. Das wird in Gesprächen immer wieder deutlich, weil diese Leute es deutlich machen, betonen, wie groß sein Anteil war an ihrer Entscheidung, sich Mainz 05 anzuschließen. Seine Entlassung berührt viele Punkte, die von außen gar nicht sichtbar sind und inwiefern das Nachbeben bedeutet, bleibt abzuwarten. Schröder jedenfalls hielt am Sonntag ein letztes Plädoyer für seinen Trainer: „Viele im Umfeld glaube ich wissen es immer noch nicht, wie leidenschaftlich Sandro diesen Verein gelebt und geliebt hat. Seine Spieler gelebt und geliebt hat. Jeden Tag sich den Arsch aufgerissen hat für die Nummer. Und es ist einfach so, dass mir das auch nahegeht, weil einfach der eine oder andere Spieler das in der Form nochmal deutlicher auch hören musste von meiner Seite, dass es für uns alle eine Niederlage ist. Das ist ein Punkt, wo sich jeder noch mal deutlich hinterfrage muss, wie die Reise weitergeht. Denn der Charakter wird entscheidend bleiben, auch für die Zukunft.“

Diese Zukunft zu gestalten ist nun sein dringlichster Auftrag. Erste Berater*innen hätten ihre Trainer nur Sekunden nach der Mitteilung über das Aus von Sandro Schwarz bereits bei ihm angeboten, sagte Schröder, ein Seufzen im Blick. So ist nun mal das Geschäft. Und mit der Entscheidung vom Sonntag ist Mainz 05 fürs Erste ein ganz normaler Bestandteil dieses Geschäfts geworden. So kam nach den emotionalen Einblicken von Rouven Schröder in die Vorgänge seit dem Abpfiff vom Samstag denn auch seine deutliche Ansage: „Es gilt jetzt, den Blick nach vorne zu richten, denn das ist unsere Aufgabe, und im Sinne des Vereins eine gute Lösung zu finden.“

Die Woche am Bruchweg (45/19)

Das Training am Bruchweg in der Woche nach dem 0:8 in Leipzig beginnt ruhig. Auf dem Platz schleichen die Spieler anfangs noch merklich, doch im Laufe des Vormittags wird ihr Gang in der herbstlichen Sonne aufrechter. Zunächst aber scheint es, als laste die Anwesenheit der Kiebitze auf ihnen, das Wissen um die vielen Augenpaare, die auf ihnen ruhen, die Frage, was denken die Menschen am Spielfeldrand, was fühlen sie. Später wird Sandro Schwarz in der Medienrunde sagen: „Du schämst dich. Auch jetzt noch. Null zu acht zu verlieren, das ist brutal. Alles tut weh.“ Genau diesen Eindruck vermittelt sein Team um kurz nach zehn an diesem Dienstagmorgen.

Anfangsverkrampfung: Zu Beginn des Trainings wirken die Spieler gehemmt. (Fotos: WP)

Anfangsverkrampfung: Zu Beginn des Trainings wirken die Spieler gehemmt. (Fotos: WP)

Es wird das einzige öffentliche Training in dieser Woche bleiben. Eine regelmäßige Beobachterin erzählt, dass sie vor der Einheit mit Jean-Paul Boëtius gesprochen hat. „Ich habe ihm gesagt, wie weh das tut.“ Der Niederländer habe erwidert, für niemanden tue es ihnen, den Spielern, so leid, wie für die treuen Fans. Weder Mannschaft noch Verantwortliche weichen dem Kontakt mit den Anhänger*innen aus. Niemand verkriecht sich. Als Sandro Schwarz später gefragt wird, ob er sich anschaue, was derzeit in den sozialen Medien abgehe, ist seine Haltung klar. Natürlich bekommt er das zugetragen und: „Dass alle unzufrieden sind, das kann ich doch nachempfinden.“ Seine Räume aber sind andere, betont er – und dort ist er auch ansprechbar. „Wenn sie zum Training kommen und mich jemand darauf anspricht, dann können wir sehr gerne über diese Dinge sprechen.“ Das spüren auch die Autogrammjäger, die an diesem Tag vor Ort sind.

Eingrooven auf die wichtige Einheit.

Eingrooven auf die wichtige Einheit.

Vor Ort ist in einer Woche wie dieser auch deutlich mehr Presse als sonst. Alle wollen sich einen Eindruck machen, wie der Umgang zwischen dem Team auf und dem neben dem Platz wirkt. Unter den Fans ist anfangs vor allem Niko Kovac Thema. Hat er tatsächlich hingeworfen? Oder nicht? Soll man neidvoll auf diese Entwicklung in München schauen oder ist man froh über die hiesige Stabilität in Personalfragen? Auch Rouven Schröder hat schließlich die Mannschaft gefordert – und nicht etwa den Trainer infrage gestellt.

Zuversicht zurückerarbeiten.

Zuversicht zurückerarbeiten.

Dieser wehrt sich vehement gegen die Formulierung, das Team sei durch Schröders Aussage angezählt, und verteidigt seine Spieler leidenschaftlich. „Das mache ich nicht mit. ‚Diese Mannschaft!‘ ‚Diese Spieler!‘ Nein, nein, nein.“ Kopfschütteln untermalt seine Worte. „Da sitzt niemand und denkt sich: ‚Ich habe mit der ganzen Sache nichts am Hut.‘“ Wie eng die Spieler und das Trainerteam zueinanderstehen, ist auf dem Trainingsplatz zu beobachten. Schwarz feuert nicht nur, wie sonst, lautstark an, er ist auch ständig selbst an der Linie in Bewegung, als wolle er seine Worte zu den Spielern tragen.

Die kommunizieren sehr viel untereinander. Robin Zentner ist dabei abermals auffällig, Boëtius fungiert als leidenschaftlicher Lautsprecher und zudem immer wieder als Übersetzer. Deutlich ist zu spüren, wie Niakhatés Präsenz Spielzüge verändert. Die Intensität auf dem Feld nimmt zu und es scheint, als hätten die Trainierenden sich ein wenig von der Last des Wochenendes freigelaufen. Schwarz bestärkt und lobt seine Spieler. Aufbauarbeit nennt sich das wohl, für konstruktive Kritik bleibt diese Woche noch genug Zeit, ohne das fremde Augen und Ohren über die Kommunikation auf dem Platz wachen.

Meine Spieler geben mir Hoffnung.
Sandro Schwarz, Cheftrainer

Schwarz beschönigt nichts, als er später mit den Journalist*innen spricht. Er macht deutlich, wie beschissen sich der Samstag für alle Beteiligten angefühlt hat, wie peinlich und beschämend das Ergebnis für sie sei. In einer solchen Situation gebe es zwei Möglichkeiten, so der Trainingsleiter: Alles in Schutt und Asche legen, die Spieler an die Wand nageln und alles infrage stellen – für ihn der falsche Ansatz. Das erste Gegentor? Vermeidbar. In den ersten 25 Minuten sei danach viel so gelaufen, wie sich die Mannschaft das vorgenommen habe.

Gemeinsames Auslaufen nach dem Training.

Gemeinsames Auslaufen nach dem Training.

Ab dieser 25 Minute lautet sein Fazit: katastrophal. „Die größte Entschuldigung, die wir bringen können, ist die Leistung auf dem Platz.“ Wem sollten noch mehr Worte helfen? „Leistung. Das ist der einzige Weg, um alle zufriedenzustellen.“ Das schlechte Gefühl wollten sie schließlich auch selbst loswerden. „Die Entschuldigung muss man uns ansehen.“

Die krachende Niederlage in Leipzig vergleicht der Coach mit der 1:6-Pleite am dritten Spieltag gegen Bayern München. „Da kannst du die Schablone drauflegen.“ Jede Erkenntnis helfe dabei, gemeinsam weiterzuarbeiten. „Ich bleib dabei, wir haben zu viele Spiele verloren. Aber ich werde nicht sagen, sie sind nicht lernfähig. Sie verlieren den Kopf, ja.“ Da spiele auch der Faktor „junge Mannschaft“ mit hinein, gleichwohl Schwarz den nicht als Entschuldigung heranziehen mag.

Stattdessen, Einzelgespräche, weil jeder Spieler anders ist, auch in seinen Bedürfnissen. „Der eine braucht vielleicht mehr den Zuspruch, das Positive.“ Ein Beispiel hierfür ist Ronaël Pierre-Gabriel (21), der bei drei Startelfeinsätzen bisher ausgerechnet die Spiele bei den Bayern und RaBa Leipzig miterlebte und zudem in der Partie gegen Wolfsburg bereits nach einer Stunde vom Feld musste.

Trainerbesprechung.

Trainerbesprechung.

„Weil er diese zwei Extremerfahrungen gemacht hat, wenn du mit ihm in die Analyse gehst, macht es jetzt sicher wenig Sinn, ihm nochmal alles aufzuzeigen, wie schlecht das ist, sondern du musst die Dinge inhaltlich aufarbeiten und ihm zeigen, warum er hier ist und was für ein Potential er hat.“ Dazu gehöre auch die notwendige Geduld. „Der kann das, zu einhundert Prozent.“

Im Glauben an jeden einzelnen Spieler, mit dem er und sein Team arbeiten, zeigt Sandro Schwarz sich ungebrochen und beantwortet die Frage, was ihm in der aktuell schwierigen Situation die meiste Hoffnung mache, mit Nachdruck und großer Klarheit. „Meine Mannschaft. Meine Spieler geben mir Hoffnung.“ Am Samstag haben sie die Gelegenheit, diese Hoffnung auch bei der Anhängerschaft wieder zu entfachen.

Mainz 05: Where do we go from here?

Das hat gesessen. Mainz 05 verliert 0:8 in Leipzig und kassiert damit die höchste Bundesliga-Niederlage der Vereinsgeschichte. Es ist ein Tag, an dem die sachliche Analyse schwerfällt, weil jede*r, di*er dem Verein irgendwie verbunden ist, ganz selbstverständlich (auch) emotional auf das reagiert, was da auf dem Platz passiert ist. Es war ehrlich gesagt schwer genug, sich das bis zum Ende anzuschauen – die betretenen Gesichter der Protagonisten nach dem Spiel, halfen dann auch nicht weiter. Der Versuch ist aber umso wichtiger, weil Emotionen, so relevant sie im Fußball sind, hier einfach nicht weiterhelfen. Aber der Reihe nach.

05-Coach Sandro Schwarz in der Pressekonferenz nach dem Spiel. (Quelle: Screenshot)

05-Coach Sandro Schwarz in der Pressekonferenz nach dem Spiel. (Quelle: Screenshot)

Die Startelf
Gegen eine Mannschaft wie RaBa Leipzig, die unter der Woche den VfL Wolfsburg in deren Stadion mit 6:1 überrollt hat, geht jeder Coach am liebsten mit eingespieltem Innenverteidiger-Duo. Diese Möglichkeit war Sandro Schwarz aber leider durch die fünfte gelbe Karte gegen Moussa Niakhaté im Heimspiel gegen Köln genommen. Da zudem Stefan Bell langzeitverletzt ausfällt und Ahmet Gürleyen, das junge Talent auf dieser Position, aufgrund eines grippalen Infekts unter der Woche kaum trainieren konnte, stellte sich Alexander Hack quasi von selbst auf.

Für die Rechtsverteidigerposition hatte Sandro Schwarz im Vorfeld zwei Optionen und er entschied sich für Ronaël Pierre-Gabriel statt Daniel Brosinski. Nachvollziehbar, da Brosinski zwar einer ist, der um jeden Meter kämpft, Pierre-Gabriel unter der Woche im Training aber einen sehr guten Eindruck gemacht hat und das Trainerteam ihm in Sachen Geschwindigkeit vermutlich eine bessere Leistung unterstellte als seinem um zehn Jahre älteren Konkurrenten. Im Mittelfeld vertraute der Trainer wie zuletzt gegen Köln Jean-Paul Boëtius, Levin Öztunali, Kunde Malong und Ridle Baku, im Sturm Robin Quaison und – vielleicht auch aufgrund der gemeinsamen Vergangenheit mit RaBa-Coach Julian Nagelsmann – Ádám Szalai.

Startelf als Reaktion auf die Trainingsleistungen unter der Woche.

Startelf als Reaktion auf die Trainingsleistungen unter der Woche.

Die Anfangsphase
Klingt mit dem Wissen um die ganze Partie witzig, ist aber so: Die 05er sind besser in die ersten Minuten gekommen, als die Heimmannschaft. Das war auch die Kritik, die ihr Coach nach dem Spiel auf hohem Niveau in der Pressekonferenz äußerte. Weil aber Boëtius Rückpass nicht beim Mitspieler ankommt, stattdessen Timo Werner aus dem Mittelfeld Marcel Sabitzer bedient, der von St. Juste nicht entscheidend genug und von Hack gar nicht gestört wird, liegt die Schwarz-Elf bereits nach fünf Minuten mit 0:1 hinten. Damit ist der Matchplan erstmal hinfällig.

Die Psychologie
Egal, wie sehr man sich als Team auch vornehmen mag, ein Ergebnis wie jenes der Leipziger unter der Woche für das eigene Spiel außen vor zu lassen, so ganz kann das kaum gelingen. Bei einem so frühen Gegentor dürften die Alarmglocken dann also erst Recht angehen. Das gilt für Spieler wie Hack oder Pierre-Gabriel, die ihre Chance unbedingt nutzen wollen, besonders. Das Alter eines Profis ist nicht per se eine Begründung für eine schwache Leistung, es gehört in der Betrachtung aber dennoch dazu, weil eben auch jene Profis am Ende des Tages nur Menschen sind – und Pierre-Gabriel ist gerade mal 21 Jahre alt. Dass dieser jungen Spieler, der bereits das Debakel gegen die Bayern auf dem Platz miterlebte, beeindruckt war vom Druck der Leipziger, schien offensichtlich. Die erhoffte Geschwindigkeit brachte er so kaum auf den Platz.

Auch für Hack (26) ist es bezogen auf die wenigen bisherigen Einsätze ein Déjà-vu, so schnell und effektiv überrannt zu werden, gehörte er doch ebenfalls zur Startelf in München. Dasselbe gilt für Boëtius (25), Baku (21) und Aarón (22). Auf solche Ansätze zum Verständnis der Partie folgt häufig die Erwiderung, das sei „keine Entschuldigung“. Damit habe ich ehrlich gesagt so recht nie etwas anfangen können. Es geht doch vielmehr darum, einer derart schlimmen Niederlage so auf den Grund zu gehen, dass sie künftig vermieden wird. Fans mögen zwar nach einer Entschuldigung dürsten, was sicher verständlich ist. Für die Analyse taugt sie als Ansatz aber kein bisschen.

Die Aufstellungen der beiden Teams in Leipzig. (Quelle: Mainz 05)

Die Aufstellungen der beiden Teams in Leipzig. (Quelle: Mainz 05)

Der weitere Spielverlauf
In der ersten halben Stunde hatten die 05er in Person von Hack und dem erneut starken Öztunali sogar die Chance, noch auszugleichen. Weil das nicht gelang und RaBa sich anschließend in einen echten Torrausch spielte, stand es nach 39 Minuten bereits 4:0 für Leipzig. Schwarz reagierte noch vor der Pause, brachte Kapitän Danny Latza für den blass gebliebenen Szalai und stellte um auf ein 5-4-1. Dem Team fehlte zunächst weiter komplett der Zugriff und das 5:0 fiel noch vor der Pause. Zum Vergessen waren auch die ersten Minuten der zweiten Hälfte, in denen die Mannschaft das 6:0 und das 7:0 kassierte. Sollte es an diesem Tag zweistellig werden?

Nein. Denn nach den unsicheren ersten Minuten in Halbzeit zwei fingen sich die 05er – endlich. Dabei half zwar, dass Leipzig nun einen Gang herunterschaltete, die Abstimmung innerhalb des Teams funktionierte jetzt aber auch besser, speziell nachdem Schwarz in der 54. Minute Brosinski für den völlig indisponierten Kunde Malong brachte. Als der Ball nach einem guten Schuss von Quaison im Netz zappelte, keimte gar kurz Hoffnung auf, man könnte das Ergebnis vielleicht von dieser Seite ein bisschen korrigieren. Doch der Linienrichter zeigte Abseits an – es sollte nur aus Leipziger Sicht noch ein Treffer zum 8:0 fallen.

Seine Einwechslung zahlte sich aus: 05-Veteran Daniel Brosinski. (Foto: Malino Schust)

Seine Einwechslung zahlte sich aus: 05-Veteran Daniel Brosinski. (Foto: Malino Schust)

Die Grundsatzfrage
Die Feldreporter*innen hatten nach der Partie nur eine Frage an die Spieler der 05er: War es nicht ein Fehler, mit einer so mutigen und offensiven Aufstellung ins Spiel gegen Leipzig zu gehen? Doch die wurde reihenweise verneint und Robin Zentner brachte den Grund dafür auf den Punkt: „Das ist es, wie wir Fußball spielen wollen.“ Es schmerzt nach einem Nachmittag wie diesem natürlich, klar ist aber auch, genau dieser mutige Ansatz hat Mainz 05 im Heimspiel der Saison 2017/18 den 3:0-Sieg gegen Leipzig beschert, den Auswärtssieg gegen Dortmund am Spieltag darauf – und mit diesen beiden Partien den Klassenerhalt.

Denn das ist der Deal: In einer Weiterentwicklung des Fußballs, der bei Mainz 05 unter Wolfgang Frank und Jürgen Klopp gespielt wurde, erweitert um Elemente des Tuchel-Fußballs, lässt Schwarz mutig und mit Lust am Ballbesitz spielen. Das ist mal mehr und mal weniger erfolgreich – und wenn es nicht erfolgreich ist, tut es bisweilen auch richtig weh.

Wenn also nun nach einem Spiel wie dem in Leipzig an etlichen Stellen wieder die Trainerfrage gestellt wird, so ist das eigentlich Unsinn, weil es nicht um eine Personenfrage geht. Es geht im Verein vielmehr um eine Systemfrage: Für welchen Fußball will Mainz 05 stehen?

Wir brauchen auch das Thema Trainer nicht in Frage stellen. Das ist ganz klar eine Thematik, bei der wir die Mannschaft in die Pflicht nehmen. Wir stehen als Verein zusammen. Und der Trainer bleibt der Chef der Mannschaft, da werden wir gemeinsam arbeiten, um die Mannschaft aufzurütteln. Der Trainer ist im Moment der ärmste, der die Mannschaft in der Woche und auch vor dem Spiel sehr gut eingestellt hat.
Rouven Schröder, 05-Sportvorstand

Klar kann man in ein Spiel wie das gegen RaBa auch mit der maximalen Mauertaktik reingehen, natürlich kann man die Tore ausschließlich mit hohen Bällen auf einen nun wieder vorhandenen Stoßstürmer einleiten. Auch das hat es in den vergangenen Jahren in Mainz phasenweise schon gegeben. Schön anzusehen war es nicht. Der Fußball, den die Mannschaft aktuell spielt, tut an Tagen wie diesem Samstag in Leipzig, wenn nichts daran funktioniert, weh. Und ja, Schmerzen dieser Art gab es im bisherigen Saisonverlauf bereits mehrfach. Aber soll die Schlussfolgerung daraus tatsächlich sein, vom eigenen Weg abzuweichen?

Nochmal: Es geht nicht konkret um die Person, die den Trainerposten aktuell besetzt. Es geht um das Konzept, mit dem Mainz 05 diese Besetzung seit Jahren vornimmt. Rouven Schröder hat stets betont, Sandro Schwarz wurde nicht etwa zum Trainer gemacht, weil er 05er ist, sondern weil die sportlich Verantwortlichen im Verein in ihm das sehen, was sie sich auf der Position wünschen. Und nur darauf kommt es an. Viele 05-Anhänger*innen ziehen aktuell gerne den Vergleich mit dem SC Freiburg, der sich als ähnlich gelagerter Verein im oberen Drittel der Tabelle tummelt. Sie blenden dabei aber aus, dass man in Freiburg bereit war, mit Christian Streich in die 2. Liga zu gehen und ihm vertraute, nach dem Abstieg die Mission Wiederaufstieg zu schaffen. Dieses Vertrauen hat Streich zurückgezahlt und nebenher junge Spieler behutsam entwickelt.

Nahm nach der Niederlage das Team in die Pflicht und stellte sich hinter den Trainer: Rouven Schröder. (Quelle: Mainz 05)

Nahm nach der Niederlage das Team in die Pflicht und stellte sich hinter den Trainer: Rouven Schröder. (Quelle: Mainz 05)

Parallel dazu sind Vereine wie Hannover 96 oder Stuttgart in den letzten fünf Jahren jeweils zweimal abgestiegen, Köln sitzt ohnehin im Fahrstuhl fest und die Aufsteiger der letzten Jahre konnten sich alle nicht langfristig in der 1. Liga halten. Mainz hingegen gelingt das Jahr für Jahr aufs Neue, aber noch immer genießen die Verantwortlichen dafür durchwachsenen Kredit bei Teilen der Anhängerschaft. Wieso diese sich so auf Sandro Schwarz einschießt, habe ich bis heute nicht verstanden… Und das wiedergekäute Argument, dass er damals mit der U23 aus der 3. Liga abgestiegen ist, kann ich nicht gelten lassen, wenn ich mich umgekehrt daran erinnere, wie eine ganze Fangemeinschaft den ihr damals noch unbekannten Jørn Andersen gegen Presseangriffe verteidigte, obwohl der gerade mit Offenbach abgestiegen war.

Die Konsequenz
Was also tun, nach der höchsten Niederlage der Vereinsgeschichtein der Bundesliga? Weiterarbeiten. Das klingt vielleicht zu einfach, ist nach einer Klatsche dieser Größenordnung aber schwierig genug. Doch damit allein ist es aktuell nicht getan, denn bei allem Verständnis, bei aller Psychologie und aller Nachsicht mit diesem jungen, in der Entwicklung begriffenen Team, muss tatsächlich auch ein Ruck durch die Mannschaft gehen. Der Kampf, den die Spieler gegen Köln auf den Platz gebracht haben, darf keine Eintagsfliege sein sondern muss Alltag werden.

Die Spieler müssen, auch abseits vom Sportlichen, ein Gefühl dafür (vermittelt) bekommen, wo sie sind, für wen sie spielen, was es bedeutet, ein 05er zu sein. Diese Mentalität kann das Trainerteam zwar vorgeben, aber offenbar genügt das alleine nicht. Also müssen die 05-Verantwortlichen sich andere Wege überlegen, um die DNA des Vereins bei den Spielern einzupflanzen. Und ansonsten die Ruhe bewahren, auch wenn der Sturm gerade heftig tobt. In Mainz ist man nie den Gesetzen dieses Business gefolgt. Jetzt wäre ein ziemlich dummer Zeitpunkt, um damit anzufangen.

Edit: In einer früheren Version des Textes stand die höchte Niederlage der Vereinsgeschichte, das Wort Bundesliga wurde ergänzt.