Ein dunkler, ruhiger Ton in der Melodie meiner Tage

Als mein Paps noch lebte, ist mir selten bewusst geworden, dass ihn das Alter zu verändern begann. Meine Eltern waren 20 Jahre auseinander und erzählten uns oft die Geschichte, dass sie sich beieinander um jeweils 10 verschätzt hatten, als sie sich trafen: Mein Vater wirkte immer deutlich jünger, als er war, meine Mutter als junge Frau reifer. Wenn ich heute Fotos aus seinen letzten Tagen betrachte, fällt mir auf, dass er, ganz unbemerkt, älter geworden war. Wie hätte er wohl als alter Mann ausgesehen? Das haben wir Kinder uns unmittelbar nach seinem Tod oft gefragt.

Was sich aber erkennbar veränderte in den letzten Jahren seines Lebens, war, wie er seinen Körper hielt in der Welt. Mein Paps hatte es nicht mehr eilig und seine Bewegungen verrieten das. Ich erinnere mich an den letzten Besuch bei ihm, die Zeit in der kleinen Küche, in der er sich zwischen Tisch und Anrichte bewegte. Die Ruhe, die er ausstrahle, obwohl er innerlich noch mit den Veränderungen dieser Zeit zu kämpfen hatte. Meinen Eltern war im Herbst zuvor nach zunehmend quälenden Jahren die Trennung gelungen und er hatte ein Häuschen gekauft, es entkernt und von Grund auf renoviert. Das war einfach sein Ding: bauen.

Mein Vater als kleiner Junge mit seiner Schwester und den Eltern.

Seine zwei Jahre ältere Schwester war Architektin, aber für meinen 1936 geborenen Paps kam keine längere Schullaufbahn und erst Recht kein Studium infrage. Er beendete die Volksschule und machte eine Lehre in der Firma, in der auch sein Vater tätig war. Später arbeitete er viele Jahre als Handelsvertreter und ohne, dass ich mit ihm darüber groß gesprochen habe, glaube ich, dass er daran vor allem die vielen Begegnungen mit anderen Menschen mochte.

So lange ich mich erinnern kann, hat mein Vater immer Pläne gezeichnet. Ich könnte heute gar nicht mehr im Detail sagen, wofür. Mal ging es um den Ausbau unseres Dachbodens, dann träumte er von einem Häuschen im Süden und plante es so liebevoll, als sei es beschlossene Sache. Uns Kinder konnte er mit derlei Luftschlössern immer begeistern und es störte uns kein bisschen, wenn es bei diesen Träumereien blieb.

Mit nur 48 Jahren hatte mein Paps beim Tennis den ersten Herzinfarkt. Zum Glück wussten wir da nicht, dass ihn der letzte 20 Jahre und sieben Monate später umbringen sollte. Im Krankenhaus irritierte uns Mädchen, wir waren damals fünf und drei Jahre alt, der Rollstuhl, schließlich hatte er doch ein kaputtes Herz und keine kranken Beine.

Ich habe oft darüber nachgedacht, wie groß und voller Liebe das Herz meines Vaters war, wie unbezwingbar und stark. Es war wie das letzte Zuhause, dass er sich geschaffen hat: nicht für sehr viele Menschen gedacht, aber alle, denen er darin Platz machte, hatten den sichersten Ort der Welt gefunden. Ihn aber konnte sein Herz nicht schützen: ein seltsamer Widerspruch. Vielleicht würde er mir zuflüstern, dass auch er nicht gut darauf aufgepasst hatte und ich wüsste, das stimmt: Schließlich war ich es, die ihm über die Jahre zärtlich fluchend seine geliebten Zigaretten in die verschiedenen Krankenhäuser schmuggelte.

Meine Schwester und ich mit meinem Paps und einem Eis im Krankenhaus.

1984 also der erste Herzinfarkt und mir fällt zum ersten Mal auf, dass sein Alter und die Jahreszahl sich spiegeln lassen, 84:48. So, wie sein Geburtsjahr und das seines ersten Kindes, meiner älteren Schwester, 36:63. Die Liebe zu solchen Zahlenspielen habe ich von ihm.

Ich schweife ab.

Der erste Herzinfarkt und die große Angst. Das Krankenhaus, der Rollstuhl, die Tränen meiner Mutter, die so jung ist, zwei kleine Kinder hat und der die Ärzte sagen, ihr Mann werde es wohl leider nicht schaffen. Sie verabschiedet sich alleine von ihm, wir Mädchen sitzen ahnungslos bei den Nachbarn, die tiefen Ringe unter ihren Augen, als sie uns abholt.

Mein Vater lebt einfach weiter, sitzt lachend im Krankenhausbett und wünscht sich ein Eis. Er hat früher nie Eis gegessen und plötzlich möchte er nichts Anderes. Mein Mann und ich haben in den ersten Wochen des Jahres 2021 Twin Peaks geschaut und die Szenen der dritten Staffel, in denen Dougie mit dieser seligen Zufriedenheit Kuchen isst, haben mich an meinen Paps und seine Eisbecher erinnert. Dieser absolute Frieden. Das war selten in unserer Familie.

Mein Vater erklärte, Eis essend, im Krankenhaus, wenn er diesen Mist ganz und gar überlebe, wolle er eine Sonnenbank kaufen und ein Haus bauen. Sonnenbänke waren damals der letzte Schrei und weil man noch nicht wusste, wie ungesund sie sind, lagen meine Schwester und ich viele Stunden fasziniert blinzelnd im lilafarbenen UV Licht und sonnten uns.

Ein halbes Jahr nach dem Herzinfarkt stand ein knallgelbes Puppenhaus mit leuchtend rotem Dach unter dem Weihnachtsbaum, das mein Vater gebaut hatte. In jedem Raum lag Teppich, die Wände waren tapeziert und die Lampen daran verkabelt und spendeten echtes Licht. Ich war begeistert. Drei Jahre später zog unsere Familie ebenfalls in ein gelbes Haus mit rotem Dach. Mein Paps hat seinen Traum verwirklicht. Das glückliche Zuhause auf Lebenszeit wurde es aber nicht für ihn, bei einer der Trennungen meiner Eltern ließen wir es alleine am Hang zurück. Wenn ich von früher träume, bewege ich mich bis heute durch diese Räume, obwohl wir danach noch an vielen Orten gemeinsam oder getrennt voneinander lebten.

Das gelbe Puppenhaus mit dem roten Dach.

Wenn ich aber an meinen Vater denke, sehe ich ihn in seinem Häuschen. Es war das erste Mal, dass er ein Zuhause nur für sich plante. Bei unserem letzten Telefonat nur wenige Tage vor seinem Tod erzählte er mir, nun hinge auch die letzte Lampe und ich musste an die schaukelnden Lichtkörper im gelben Puppenhaus denken. Mein Paps war sehr gut darin, Orte zu schaffen, an denen Menschen sich wohlfühlen.

In jenem Telefonat erzählte er, das Gästestübchen unterm Dach sei eigentlich meins, weil ich von den vier Kindern doch am weitesten wegwohnte. Wir schmiedeten Pläne für Besuchstage, für Rotweinabende auf dem Sofa, für alles, was er neu entdecken würde und er wollte sich so gerne noch einmal neu verlieben, wenn der Sommer kommt.

Doch als der Sommer kam, war er nicht mehr da und mein Herz wirft bis heute eine große, traurige Falte darüber, dass er nicht noch einmal so geliebt wurde, wie er es verdient hatte. Dann denke ich daran, wie tief bewusst ihm in den letzten Monaten seines Lebend die große Liebe seiner Kinder war und das tröstet mich ein bisschen, aber mein Herz ziept auch im Vermissen. Ich hätte gerne viel mehr Zeit mit ihm gehabt; so ist das vermutlich immer. Vor allem frage ich mich, wie sich unser Verhältnis mit den Jahren verändert hätte und daran gewachsen wäre, wie wir beide uns ins Leben entwickeln.

Die Ehe mit meinem Paps hat meine Mutter zur Stiefmutter seiner älteren Kinder gemacht, doch das war mir als kleinem Mädchen nur vage bewusst. Die Beziehung zwischen meinem Bruder und unserer Mutter war eng, wir Mädchen sind oft eifersüchtig darauf gewesen. Es schien, als mildere er ihren Frust darüber, selbst keinen Sohn, sondern nur uns Töchter bekommen zu haben. Wie hat mein Paps das empfunden? Was würde er zu mir in der Rolle als Stiefmama sagen, welchen Rat würde er mir geben? Könnte er verstehen, dass es mich ärgert, wie sehr diese Rolle häufig von Fremdzuschreibungen bestimmt ist, verletzt, wenn Leute sich ein Bild davon machen, ohne mich zu kennen? Ich vermute, mein Paps würde sagen, was scheren dich die Gedanken der anderen. Ihn hat so etwas nie bekümmert.

Ich würde ihn fragen, wie es für ihn als Vater war, die großen Kinder, die neue Ehe und der Wunsch, all das zusammenzuführen. Das ist nicht immer so gelungen, wie er es sich gewünscht hat; weil er eine große Offenheit hatte in diesen Dingen, würde er mir davon erzählen. Mein Vater war ein großer Geschichtenerzähler und vielleicht wird mir das gerade zum ersten Mal so bewusst. Aber ja: Er war ein großer Erzähler und ich konnte ihm stundenlang zuhören, wie er Anekdoten aus seinem Leben wiedergab. Er war außerdem sehr witzig, konnte schallend über sich selbst lachen und andere zum Lachen bringen. Das war schön.

Die Liebe meines Vaters bleibt, auch wenn er nicht mehr hier ist.

Mein Vater war auch ein komplizierter Mensch, stur und rechthaberisch. Sich mit ihm zu streiten, war schlimm. In seiner Wut konnte er sehr unfair werden und wir haben einander bisweilen schlimme Dinge an den Kopf geworfen. Aber mein Paps konnte sich entschuldigen und dabei machte es keinen Unterschied, ob er sich mit Erwachsenen oder uns Kindern gefetzt hatte. War er im Unrecht, sah er das ein, wenn sein Zorn verraucht war – und gab es zu. Und egal, wie heftig wir gestritten hatten, war undenkbar, dass wir ohne eine Umarmung ins Bett mussten: Man geht nicht im Groll aufeinander schlafen, so lautete sein Credo. Daran hat er sich immer gehalten und es war eine wichtige Konstante für uns Kinder.

Je häufiger er krank wurde, umso mehr fürchtete ich seinen Schlaf und den Tag, an dem er nicht mehr aufwachen würde. Größer als meine Angst, ihn zu finden, war nur die, nicht bei ihm zu sein, wenn er diese Welt verlässt. Ihm nicht die Hand zu halten. Nie zu erfahren, ob er friedlich gehen durfte. Doch mein Paps ist nicht im Bett gestorben, sondern auf dem Weg von der Tanzfläche einfach umgefallen. Sein bester Freund hatte ihn an diesem Abend mitgenommen, weil seine Frau kurzfristig passen musste. Vielleicht haben die beiden gescherzt, ob mein Vater sich bei dieser Feier neu verlieben würde.

Ich weiß es nicht, weiß aber, dass sie einen schönen Abend hatten, dass der Mann mit dem großen Herzen, mein Vater, glücklich gewesen ist in diesen letzten Momenten, seine Schritte beschwingt. Das bedeutet so viel. Der erste Infarkt in jener Januarnacht hat sein Herz aus dem Takt gebracht und ihn zu Boden stürzen lassen, wo herbeieilende Ärzte versuchten, sein Leben zu retten. Der zweite hat ihn mit sich hinfortgeholt. Zwischen den beiden ist meine Schwester blind vor Tränen in die große Halle gestolpert, weil Gäste der Feier sie, die nahebei wohnte, angerufen hatten.

Auch wenn sie seine Hand nicht halten konnte, war sie doch bei ihm und so schwer diese Momente für sie gewesen sein müssen, so tröstlich ist doch das Wissen darum. Mein Vater hat alle seine Kinder von Herzen geliebt, er kannte da keine Unterschiede. Mit seiner Jüngsten hatte er dennoch eine besondere Verbindung, die sich nicht erklären lässt, die einfach da war, wie ein warmes Licht. Ich bin unendlich dankbar im Wissen darum, dass sie im Moment des Abschieds bei ihm war.

Seine Hand habe ich Tage später im Leichenschauhaus gehalten. Ungläubig über ihre Kälte und untröstlich über diesen Abschied, habe ich ihm meine Liebe an diesem seltsamen Ort flüsternd mit auf die letzte Reise gegeben. Die Dunkelheit und Schwere dieses Raumes haben mich lange nicht losgelassen. Der Tod meines Vaters hat mich verändert und es gab Zeiten, in denen ich dachte, ich könne nie wieder frei atmen. Doch irgendwann hat der Schmerz begonnen, sich zu verändern.

Heute ist das Vermissen ein dunkler, ruhiger Ton in der Melodie meiner Tage. So ist mein Paps immer bei mir. Und ich entdecke ihn in den Kindern meiner Schwestern. Vor allem in den Jungs, auch wenn ich glaube, das ist Zufall. Es ist dann, als würde er uns durch sie zuwinken von dort, wo er jetzt ist. Seine Zuneigung lebt weiter in jener, die wir, seine Kinder und Enkel, miteinander teilen. Sein großes Herz hat Räume in unseren Herzen gefüllt. Die Liebe bleibt. Und das ist schon sehr viel.

Treibsand meiner Kindheit

Die Orte meiner Kindheit sind auf einer Bundesstraße aufgereiht wie Perlen an einer Kette. Als ich ein kleines Mädchen war, verlief diese Straße einreihig bis in die nächste größere Stadt. Ich konnte von der Rückbank aus meine Eltern beobachten, wie sie ungeduldig über die Trödler im Auto vor ihnen aufs Lenkrad klopften, unfähig, sie zu überholen. Als ich später zum Studium dort wegzog, besuchte ich die alte Heimat anfangs noch und oft wollte ich die verdammte Straße mit meinem Herz aufbiegen, um mir Platz zu verschaffen im Getümmel. Zweite Spuren und Umgehungsstraßen kenne ich nur von inzwischen seltenen Besuchsfahrten und immer noch fühlt es sich ein wenig an, als würde ich schummeln, wenn ich sie tatsächlich benutze.

Himmel über der alten Heimat. (WP)

Himmel über der alten Heimat. (WP)

Der Ort, in dem meine Schwester wohnt, kann heute mit einer solchen Umgehung ganz vermieden werden, und darin steckt für mich ein wenig Lebensrettung. Ohne diese schlanke Straße, die sich mit einem schicken kleinen Tunnel um den Ort windet, würde die Gegend wohl dort einfach für mich aufhören. Meine letzte Durchfahrt dieser Stadt liegt schon fast 15 Jahre zurück. Ich ließ die Umgehung damals rechts liegen, um auf meinem eiligen Weg noch schnell bei einem Bäcker zu halten. Mit einer Tüte voll warmer Brötchen brauste ich weiter bis zu dem neuen Zuhause meines Vaters, welches er nach der Trennung bezogen hatte.

Mein Paps war ein Frühstücksmensch und als er verstanden hatte, dass man diese schönste Mahlzeit des Tages nicht um acht Uhr einnehmen muss, wurde sie unsere gemeinsam liebste. Wir schmierten und knusperten viele Brötchen an diesem Tag. Ich erinnere mich, wie stolz er mir sein Häuschen zeigte, vor allem aber, wie er immer wieder von der Küchenbank aufstand um Kaffee zu holen, von dem er viel zu viel trank. Seine Bewegungen waren mir so vertraut und wirkten doch neu. Befreit, denn das war er und ich unfassbar glücklich für ihn. Wir haben an diesem Tag geräumt, geredet und viel gelacht. Als ich mich abends verabschiedete, drückte er mich fest: „Danke, Mädel, für alles.“ Zwei Wochen später hörte sein Herz auf zu schlagen. Dieser Morgen, den Arm voller Brötchen, war das letzte Mal, dass ich ihn sah.

Die geteerte Perlenkette bringt mich an dem Getränkemarkt vorbei, in dem meine Schwester und ich am Abend nach seinem Tod orientierungslos nach einem Saft suchten, der uns süßen Trost spenden sollte in diesem unmöglichen Moment. Mein Herz pocht schwer gegen die Brust und ich bewege mich vorsichtig durch jene Kurve, die niemand von uns je durchrasen wollte, weil wir aufgewachsen waren mit dem Kreuz an ihrem tiefsten Punkt, das von einem früh beendete Leben erzählt. Lebt hier überhaupt noch irgendwer?

Entlang der Straße thronen strahlend weiß Supermärkte, Tankstellen und Traffohäuschen. Ich kann hinter der sauberen Übermalung die gesprayten Buchstaben spüren, die damals immer wieder ihren Weg aus Dosen auf Wände fanden, von denen aber heute nichts mehr zu sehen ist. Ich komme an dem Schwimmbad vorbei, in dem ich meine jugendlichen Sommer verbrachte und blicke aus dem Autofenster auf den Basketballkorb, unter dem ein älterer Junge mich zu einem Date bat. Bei dem er dann versuchte, mich in sein Bett zu locken, erst zart, dann unter wüsten Drohungen, bis ich floh aus seiner Wohnung, zu Fuß durch die kalte Nacht.

Mein Weg führt mich vorbei am ersten Fastfood-Restaurant unserer Perlenkettenstädte, in dem meine Schwester und ich viele mampfende Stunden verbrachten. Ich passiere das Lokal, in dem wir nach dem Unfalltod einer Bekannten waren, die unserer frühen Babysitterin die beste Freundin war. „Das ist doch Mist. Viel zu früh“, flüsterte die an jenem Tag in mein Haar – und musste selbst, wenn auch zwei Jahrzehnte später, so doch auch viel zu früh gehen.

Orte, die mein Herz nie mehr betritt.

Orte, die mein Herz nie mehr betritt.

Lebt eigentlich noch irgendwer, dort, in der alten Heimat? Ganz sicher, immerhin fahren wir zu einem 80. Geburtstag an diesem verregneten Morgen. Sonne, dicke Tropfen, verhangener Himmel und Regenbögen wechseln in einem stetigen Reigen vor meinen Augen. Schnarchen klingt durchs Auto, das diese Strecke ebenso kennt wie ich, Thees Uhlmann flüstert Lieder, deren Texte man sich unter die Haut stechen lassen möchte, und nur die Gegenwart macht die Vergangenheit an diesen Orten erträglich. Und die Kurve, die ich früher mit geschlossenen Augen durchfuhr, wird mit einem Kreisel ausgebremst, dem ich brav folge. Neben mir schreit ein Gebäude das Wort „Glücksfabrik“ ins zarte Grau und die Kombination der Worte klingt als absurdes Theater lange in mir nach.

Dieser Bahnhof schließlich hat mich, als die Perlenkette durch meine alte Heimat noch mit nur einer Spur versehen war, mit dem Klang seiner Rangierzüge nachts in den Schlaf gesungen. In diesem Hof haben wir als Kinder eine Schatulle entdeckt, von der wir glaubten, sie berge echte Geheimnisse aus dem Krieg, aber ihr Inhalt stellte sich als Plunder heraus. Unter dieser Brücke habe ich vielen Autos die Vorfahrt gewährt und das Haus, vor dem ich schließlich halte, weckt in mir noch immer die absurde Hoffnung, auf mein Klingeln würde die Vergangenheit in ihrer innigsten Form die Türe öffnen. Doch jene Tür bleibt verschlossen und mein Blick geht zu dem Balkon, von dem ich über die Stadt schaute, nachdem ich zum ersten Mal im Leben eine Nacht durchgemacht hatte, in jenem wirren Sommer, als Lady Di in einem Tunnel starb. Mein Herz möchte bis heute nicht begreifen, dass es nie wieder auf diesem Balkon klopfen wird.

Das Haus, das wir gleich betreten, erzählt viele Geschichten. Die erste beginnt noch vor seiner Tür, an jenem Tisch, an dem das Geburtstagskind und ihr Mann mir einst von ihrer übergroßen Liebe erzählten. „Du wartest auf die Liebe und ich auf das nächste Bier“, singt Thees Uhlmann und mein Herz lächelt bei der Feststellung, wer die Liebe gefunden hat, kann gemeinsam auf das nächste Bier warten, so wie wir. Und so wie damals diese beiden, die mit großer Aufrichtigkeit ihr Leben in Worten mit mir teilten. Sie wirkte dabei so zerbrechlich und mein Herz zog sich klamm zusammen in der Angst davor, wir könnten uns nicht wiedersehen.

Doch gegangen ist ihr fürsorglicher, starker Mann – sie kämpft jeden Tag mit dem Verlust. So, wie ich an diesem Tag mit meiner Vergangenheit kämpfe, die hier aus jeder Wolke tropft. Es müssen mutige und starke Menschen sein, die da wohnen, wo sie geworden sind. Ich habe immer gerne hier gelebt, doch heute wischt diese Gegend mir wie Treibsand über die Brust. Als wir nach Hause starten, geht die Sonne auf über den Hügel meiner Kindheit. Ich folge ihr.

My favorite picture of you: Für immer Dadi

Als meine Mutter mit mir hochschwanger war, fragte eine Bekannte meiner Eltern die beiden, ob sie schon eine Babysitterin hätten? Falls nicht, die Freundin ihres Sohnes lerne Erzieherin und sei noch auf der Suche nach Jobs. So einfach bist du in unsere Leben gekommen. Als Erstes warst du tatsächlich unsere Babysitterin, oder besser, wart ihr unsere Babysitter: Du und dein Freund habt, noch unverheiratet, eure Partywochenenden damit begonnen, erst auf mich, später auf mich und meine kleine Schwester aufzupassen, bis unsere Eltern von ihren Verabredungen zurückkehrten. Du warst gerade 17, als ich auf die Welt kam, Rainer 19. So lange ich denken kann, seid ihr immer da gewesen. Und wenn der Himmel unserer Kindheit sich verdunkelte, warst du der helle Stern, an dem wir uns orientieren konnten, der uns Trost spendete.

Es kam der Punkt, an dem eure Pläne fürs Wochenende sich nicht mehr damit vereinbaren ließen, auf zwei kleine Mädchen aufzupassen. Doch du wolltest uns auch nicht abgeben und schlugst so meine Eltern vor, deine Mutter könnte als Kinderfrau ein neuer Mensch in unserem Leben werden. Unsere Eltern stimmten zu und die deinen wurden ein Teil der Familie. Ich kann nicht mehr sagen, wieso du die zwei Mutti und Vati nanntest, wohl aber weiß ich, die Begriffe waren uns fremd und wir brachten sie nicht mit Eltern in Verbindung. Deswegen sagten auch Nina und ich bald Mutti und Vati zu den beiden, was für allerhand Verwirrung sorgte, wenn sie uns beispielsweise von der Schule abholten und für unsere Eltern gehalten wurden.

Liebe auf den ersten Blick.

Liebe auf den ersten Blick.

Noch lange vor der Schulzeit zogen wir Schwestern uns am Ende der Besuche bei deinen Eltern regelmäßig splitternackt aus, wenn unsere Mutter zum Abholen kam, und versteckten unsere Klamotten in Schrankfächern und Sofaritzen. Weil wir glaubten, dann nicht mit nach Hause zu müssen, sondern bei Mutti bleiben zu können. Dort aßen wir Stachelbeeren aus den Büschen und Sauerkirschen aus den Bäumen, und wir fanden Zuflucht, wenn die Situation zuhause uns wieder mal verwirrte. Wenn wir Mädchen bei deinen Eltern übernachteten, schliefen wir im ersten Stock in deinem Kinderzimmer. Nachts fürchteten wir uns manchmal in der fremden Umgebung, dann liefen wir hinunter ins Erdgeschoss. Aber dort machte uns der schwere, rote Samtvorhang vor dem Schlafzimmer noch mehr Angst als die bösen Träume und wir schlichen zurück in dein Bett, das auch Jahre nach deinem Auszug noch roch, als hättest du gerade darin gelegen.

Als in meiner wilden Teenager-Zeit die Mode der 70er mitten in den 90er Jahren anklopfte, warst du es, die mir zu kompromissloser Stilsicherheit verhalf, in dem du tütenweise alte Schlaghosen vorbeibrachtest. Und während ich meine Beine in die Hosen deines Mannes steckte, waren es deine abgelegten BHs, die mir eine erste Ahnung davon verliehen, was mich erwartete, wenn aus dem Mädchen, das ich war, eine Frau werden würde. Sie flüsterten mir die Geheimnisse zu, die ihr miteinander erlebt hattet, und bereiteten mich vor auf das, was da kommen würde.

Im Krankenhaus hat der letzte BH, den du getragen hast, achtlos in einer Tasche neben deinem Bett gelegen. Er wartete darauf, sich wieder an dich zu schmiegen, so wie die saure Limonade den Glauben nicht aufgeben wollte, noch von dir getrunken zu werden. Doch du warst in nur wenigen Tagen so schwach geworden, dass du nur noch wenig wahrgenommen hast. „Es ist Zeit“, hatte dein Mann mir am Telefon gesagt – und verständnislos hatte ich die Worte in meinem Kopf wieder und wieder nachklingen lassen. Wie war das möglich?

Be kind to one another.

Be kind to one another.

Im letzten Winter waren wir beide zeitgleich im Krankenhaus gewesen und seither hatte sich zwischen uns ein unfassbar enger Dialog entwickelt, für den ich den beiden Krankheiten ewig dankbar sein werde. Denn im Erwachsenwerden war das Band zwischen uns zwar nie gerissen, doch es hatte Phasen erlebt, in denen wir es weniger pflegten. Du hast es nie krumm genommen, wenn wir Mädchen uns eine zeitlang wenig meldeten. Im Chor der Beziehungen meiner Kindheit singen viele Stimmen, die mich lange vor der Zeit in die Rolle der Erwachsenen drängten. Bei dir aber durfte ich immer Kind sein, sogar, als ich es längst nicht mehr war. Du hast mich geschützt und behütet; dafür kann ich dir nicht genug danken. Als die Schwester im Krankenhaus uns zusammen gesehen hat, sagte sie nickend zu mir: „Sie sind die Tochter.“ Wir widersprachen nur halbherzig.

In den großen Verwirrungen meiner Jugend, als zuhause die Unwetter ausbrachen und das kleine Boot, das ich war, zu zerbrechen drohte am Brausen und Tosen, in das es geworfen wurde, wurdest du erneut mein sicherer Hafen. Ungezählt die Abende, die ich auf eurem Sofa verbrachte, einfach nur sein durfte, Luft holen und Kraft schöpfen. Die Gespräche in der Küche über kleingehäckselte Kaninchen im Spinat, Kochtipps und unaufdringliche Lebensweisheiten. Wenige Jahre später war es meine kleine Schwester, die in eurer Küche saß, der du deine Geheimnisse über Buttercreme beibrachtest und für die du der menschliche Ort wurdest, an dem sie auftanken und Luft holen konnte. Du hast uns mehr als einmal das Leben gerettet und bleibst für immer ein Teil von uns.

Die Flüssigkeiten, die aus deinem Körper laufen, haben dieselbe Farbe wie meiner Fingernägel. Deine Nägel sind frisch manikürt und wirken wie ein höhnisches Zeichen dafür, dass plötzlich alles so schnell gegangen ist. „Wie läuft deine Chemo?“ „Was machen eure Hochzeitsplanungen?“ Diese zwei Themen bestimmten unsere Gespräche der letzten Monate. Die Chemo, zuerst erfolgreich, die Hochzeit, dein wichtigstes Etappenziel: diesen Tag wolltest du mit uns verbringen. Nach dem Besuch bei dir in der Klinik in dieser Woche werde ich nachts plötzlich wach, panisch: Habe ich all die Dankesworte tatsächlich bei dir ausgesprochen, die mein Herz nach der Feier bewegt haben?

Dein Lächeln bleibt.

Dein Lächeln bleibt.

Der WhatsApp-Verlauf funkt sanfte Beruhigung. Worte voller Dankbarkeit, voller Erinnerung, voller Freude, Hoffnung und Liebe sind es, die wir im letzten Jahr miteinander gewechselt haben. Sie klingen in mir wie ein unerwarteter Schatz, für den ich unendlich dankbar bin. An deinem Krankenbett kann ich dir noch einmal all das sagen, was mein Herz bewegt. Du flüsterst leise in mein Ohr, schwach zwar, aber mit all der Liebe und Zärtlichkeit, die dich ausmacht, bis ganz zum Schluss. Den Kummer und die Angst, die dich in diesen Tagen bewegen müssen, lässt du nur in Ansätzen spüren, auch wenn du weißt, du könntest ihn bei uns abladen. Stattdessen lächelst du, gibst Handzeichen und bleibst selbst in diesen Momenten des Abschieds die Dadi, die du immer gewesen bist, würdevoll, liebend und stark.

Ich betrachte deinen fast erwachsenen Sohn und erinnere mich warm und intensiv an deine Freude darüber, Mutter zu werden. Dabei warst du das längst – doch nun würdet ihr auch ein eigenes Kind bekommen; das wurde dein größtes Glück. Ihn und deinen Mann alleine lassen zu müssen, das ist es, was dich in deinen letzten Tagen am meisten bedrückte, weil du ihnen keinen Kummer bereiten wolltest. Aber du hast die beiden mit allem ausgestattet, was sie brauchen, um in einer Welt ohne dich zu überleben. Deine Liebe brennt wie ein ewiges Licht hell und warm in den Menschen, deren Leben du berührt hast. Dich loszulassen, tut unglaublich weh. Doch verlieren werden wir dich nie.
Danke für alles, Gabi.

Odenwald-Tapete: Eine elende Jugend

Es ist ein goldener Herbsttag in den späten Neunzigern. Ich bin in meinem Auto, einem alten, blauen Einsergolf, auf der B45, Höhe Shelltankstelle/Michelstadt in Richtung Zell unterwegs: Eltern frisch getrennt, Mutter langfristig im Krankenhaus, Liebeskummer und Abiturvorbereitung – es hatte schon bessere Zeiten gegeben. Da zwitschert dieser Typ im Radio, das Wochenende werde er im Odenwald verbringen: tolle Luft, schöne Landschaft, nette Leute, genau der richtige Ort, um sich mal zu erholen. Meine ganze Teenagerwut entlädt sich und ich brülle das Radio an, dass die Menschen im Odenwald von genau den gleichen Katastrophen heimgesucht werden wie im Rest der Welt, ob ihm das nicht klar sei? Es kommt eben immer darauf an, wo man wohnt und wo Urlaub macht; auch der Pazifik vor der Haustür schützt nicht vor Schicksalsschlägen.

Wer hat da was gegen den Odenwald gesagt?

Wer hat da was gegen den Odenwald gesagt?

Obwohl mir diese Szene so intensiv in Erinnerung geblieben ist, kann ich nicht sagen, eine besondere Haltung gehabt zu haben gegenüber der Gegend, in der ich aufwuchs – außer dass ich es als Kind toll fand, immer draußen zu sein, durch die Wälder zu streifen, Baumhäuser zu bauen. Mein Vater, ein Berliner, der sich in den Odenwald zunächst verirrte und dann verliebte, der hatte eine Haltung, konnte stundenlang schwärmen über das wunderschöne Fleckchen Erde, an den es ihn verschlagen hatte. Ich fühlte mich von meiner Umgebung weder besonders bedrängt noch beflügelt, kann aber sagen, dass ich mich unterm Strich wohlgefühlt habe. Natürlich wird es einem als Teenager zwischenzeitlich immer zu eng dort, wo man lebt, aber Heidelberg war nah, Frankfurt erreichbar und außerdem konnte ich schon damals das Gefühl nicht abschütteln, man nimmt doch all die inneren Kämpfe mit, egal wohin man geht – weil sie genau da sind: innen; der Odenwald hatte damit nichts zu tun.

Im Online-Feuilleton der F.A.Z. erschien an Neujahr nun ein Wutausbruch der Autorin Antonia Baum, in dem sie sich über diesen Odenwald ereifert, auf den sie dereinst „im Alter von sechs Jahren einfach draufgeworfen worden“ ist und der sie, verkürzt gesagt, umgebracht hätte, wäre ihr Deutschlehrer nicht gewesen. Der Odenwald ist nämlich, erfährt der Leser, ein Ort, der für Heranwachsende nicht weniger als „ein Todesurteil“ bedeutet, ist „lebensgefährlich“ für den Kopf – und alles dort „eine Wand, gegen die man im Kopf den ganzen Tag dagegenrennt“.

Idylle sieht überall gleich aus. (Fotos: privat)

Idylle sieht überall gleich aus. (Fotos: privat)

Schon als Kind sei man diesem Ort „hilflos ausgeliefert“, erinnert sich Baum, selbst zeit ihrer Kindheit und Jugend „der Odenwalddurchschnittlichkeit Inhaftierte und mit (ihrer) Familie an diesem Ort total Deplazierte“, wobei jene Deplatzierung auch darin begründet zu sein scheint, dass die Menschen im Odenwald offenbar allesamt mit eher minderer Intelligenz ausgestattet sind. Besonders gilt das für die Jungs im jeweiligen Alter der Autorin, die sogar richtig dumm sind, „das konnte einem nicht entgehen, selbst wenn man darüber hinwegsehen wollte“.

Die Gegend an sich sei im Übrigen eine schöne, das Problem die hässlichen Gebäude, erdacht und erbaut von Menschen, denen die Region wohl egal sein müsse; aber auch – das wird weniger klar benannt und spricht doch mit Macht aus den Atempausen zwischen den Zeilen – die Leute, die hier leben, ohne zu begreifen, sie müssten eigentlich fort.

Heute könnte man dem Odenwald nur helfen, indem man alle Menschen und Häuser aus ihm rausnähme und ihn allein ließe. Das wäre seine einzige Chance. Die Familienoberhäupter waren Männer, die Frauen meistens zu Hause, die Männer schrien die Frauen an, wenn sie selbst versagt hatten, die Frauen ließen sich von ihren Männern anschreien, und beide, Männer wie Frauen, wollten in der Nachbarschaft einen gepflegten Eindruck machen. Es gab dekorative Vasen und Glasfiguren, modische Sitzgarnituren, Helmut-Kohl- Biographien und Mädchen, die Schlampen waren, wenn sie im Alter von fünfzehn Jahren häufiger den Freund wechselten.

Die Kindheit und Jugend der Antonia Baum scheint eine elende gewesen zu sein und so, wie andere Menschen dafür ihre Eltern verantwortlich machen, wälzt sie die Verantwortung ab auf das, was sie im Heranwachsen umgab, ohne ihr Inspiration gewesen zu sein. Dabei ist sie leider furchtbar beliebig: Mit diesem Teenagerfrust im Bauch könnte man sämtliche Vorwürfe, die sie dem Odenwald macht, einfach jeder ländlichen Region in Deutschland (und überall auf der Welt) entgegenschleudern. Der Gedanke ist der Journalistin zwar offenbar auch kurzzeitig gekommen (der Odenwald ist „an Hässlichkeit und Traurigkeit eigentlich nicht zu überbieten ist, wäre es nicht so, dass es in Deutschland viele Orte gibt, die mühelos genauso hässlich und egal sind“), allein er ändert nichts daran, dass die Mittzwanzigerin auf ihrer Teenagerwut seltsam hängengeblieben scheint.

Es macht den Artikel aber zu allem auch noch furchtbar unoriginell, weil er wiederkäut, was schon oft beschrieben wurden: Die Wut Heranwachsender auf eine sie eng umschließende Ländlichkeit, in der einfach nichts passieren will – und auf die Weite eines Landkreises, die in diesem Alter gefühlt mehr Freiheit nimmt denn gibt, weil eben nicht im Minutentakt eine U-Bahn durch sie hindurchrauscht, um uns an einen anderen, vermeintlich besseren Ort zu bringen. Ob aber das alleine gefährlich ist für den Kopf, ein Todesurteil oder auch nur ein Alleinstellungsmerkmal des Odenwaldes darf, wie gesagt, bezweifelt werden.

Daneben hadert Baum mit der Frage nach einer Heimat. Man kann nun dem Begriff an sich misstrauen, sollte es auch oft genug – denn er ist missbraucht worden für Schrecklichkeiten, von denen man sich fernhalten muss, wenn einem der Kopf und das Herz funktionieren. Es nutzt aber nichts, all seine Angst vor den Dummen, Rechten und Unverbesserlichen diesem Wort aufzuladen, und zu glauben, man habe sie ausgetrickst, indem man es nicht mehr verwendet. (Man stelle sich zum Beispiel den Versuch vor, mit Peter Kurzeck, was ja leider nicht mehr möglich ist, über sein Werk zu sprechen, ohne den Begriff Heimat zu benutzen.)

Heimat – Home – Zuhause, rein emotional betrachtet wird damit zunächst lediglich ein Ort, Mensch oder Ding beschrieben, zu dem wir eine emotionale Verbindung haben, wohin wir zurückkehren können und wissen, wir werden erkannt und erkennen wieder. Das kann, wie Baum selbst schreibt, für Bücher gelten (in ihrem Fall darüber hinaus für ihre Kleidung und besonders ihr Bett), für Menschen oder Musik und natürlich auch Orte; solche, an denen wir aufgewachsen sind oder solche, an denen wir uns niedergelassen haben. So richtig konsequent wirkt Baum aber ohnehin auch mit dieser Skepsis nicht, da sie das Wort erst dem rechten Lager zuordnet und später munter weiter verwendet; Lektorate sind heutzutage eben überflüssiger Luxus.

Warum die F.A.Z nun einen Artikel veröffentlich, der das Spießertum bejammert, dabei aber mit den ausgelutschtesten aller Klischees über den ländlichen Raum und das, was es bedeutet, darin aufzuwachsen, hantiert, die man überhaupt zusammentragen kann, bleibt allein ihr Geheimnis. Die Verfasserin ist nebenbei übrigens Buchautorin, ihren Roman rezensierte die F.A.Z. einst mit folgenden Worten:

Antonia Baums vollkommen lebloses Debüt, in dem eine junge Frau in Berlin nach der Liebe sucht, wird als neue deutsche Literatur verkauft. Was für ein Irrtum! Sapperlot! Welch eine Verzweiflung muss herrschen auf den deutschen Verlagsfluren, wo offenbar jedes noch so missglückte Debüt mit Handkuss angenommen wird.

Das war Ende 2011, seit Februar 2012 arbeitet Baum laut Autorenvita für die Zeitung. Offenbar wurde ihr dort eine zweite Chance gegeben, vielleicht sollte sie selbiges mit dem Odenwald tun – nicht etwa dieser Region, sondern sich selbst zuliebe…

Der Originalartikel in der F.A.Z. – klick.
Der Odenwald(kreis) bei Wikipedia – klick, klick.
Peter Kurzeck über Heimat als Ort und Sprache – klick, klick.

Tomorrow you’ll still be here

Es ist heiß, die Sonne scheint. Um nicht zu sagen, sie strahlt. Und ich weiß nicht, ob das Trost ist – oder Spott. In meinen Gedanken: Kälte und das Licht eines Dezembernachmittages; Väter sterben, wenn Schnee fällt. Mütter verschwinden hinter der Sonne. Meine Hand hält und wird gehalten: It’s not how (far) you fall, it’s the way you land; ich stolpere, doch mir kann nichts passieren. Damals, im Dezember, wolltest du in das offene Grab hinterher kippen. Ich konnte es in deinem Blick sehen, der mich an meinen eigenen erinnerte, zwei Winter zuvor. Dein Schmerz war so greifbar, dass er allen, die dich liebten, den Atem aus den Lungen presste; in kleinen, traurigen Wölkchen stieg er in den Himmel auf. Leere Blicke und kein Trost, kein Gott, kein Mittel gegen diesen Kummer.

„Schreibst du mir eine Geschichte, über Schorsch?“ In meiner Erinnerung wird der Schnee zu kaltem Regen. Die verdammte Grube ist irgendwo links unterhalb der Kapelle. Wir stehen in einer kleinen Gruppe, abgeschieden, unter uns, nah beieinander; ich schrieb die Geschichte in jenem Winter. Für dich, deinen Sohn und seine Frau. Als ich nun auf die Blumen starre, die dich begleiten sollen auf dem letzten Stück deines viel zu kurzen Weges, wundere ich mich, dass die Grube viel weiter in der Mitte des Friedhofes liegt, als ich es erinnere – als ob derlei Details eine Rolle spielten. Dabei fällt mir deine Bitte wieder ein und ich hoffe, ich liege richtig, wenn ich nun ganz ungebeten dir diese Zeilen widme; wo immer sie dich erreichen. I’ll hold your head my dear, make sure no one’s gonna wake you.

I hold your hand till you fall apart. (Foto: P.W. Braun)

I hold your hand till you fall apart. (Foto: P.W. Braun)

Dinge, die mir einfallen, wenn ich an dich denke: deine Küche. Der Italiener in dieser kleinen Gasse, deren Namen ich vergessen habe. Dein Kleid mit den türkisenen Karos. Die Küche und der Ofen unterm Fenster, dazu Sekt. Fasching, mit meiner Mutter als Katze – oder Maus? Nina und ich als Clowns, aber nicht im selben Jahr. Mohrle, die wilde Katze, die sich einfangen, aber niemals zähmen ließ. Deine Küche und die vielen klugen, liebevollen Zettel. Das Buch vom Häschen, das fragt: „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab?“ Das gelbe Bad mit der Stufe. Wiesenmarkt. Josy, die Katzendame, die sich einfangen ließ – und zähmen. Die Hollywoodschaukel im Garten deiner Mutter. „Schorsch, mach mir den Hengst!“ Der Tag, an dem Bashimba kam: Wir saßen alle mit den Hundebabys im Hof, dazu Pizza, Sonne, Sekt – und eine beschwipste Heimfahrt.

Du warst kein Mensch, der sich verstellt. Hast die Dinge offen angesprochen, keinen Konflikt gescheut – und Kompromisse nur gemacht, wenn du an sie geglaubt hast. Du hast Streit ausgetragen und damit Platz gemacht für Versöhnung. „Ich kann aus meinem Herzen keine Mördergrube machen“, hast du mir geschrieben. Du warst mutig und stark für deine Menschen. Hast Ungerechtigkeiten nicht hingekommen. Gekämpft, wenn es darauf ankam. Bei dir durfte man sich sicher sein – du hast deine Menschen an allen Tagen aus jeder Situation gerettet, aus der sie Rettung bedurften. Du hast geliebt mit dem Herzen einer Löwin.

Mehr Dinge, die mir einfallen, wenn ich an dich denke: Silvester. Idefix, der krummbeinige Dackel, den wir Kinder im Schubkarren umhergefahren haben. Rotwein und jener Abend, an dem ich in Lauerbach übernachtete, weil wir etwas zu viel davon hatten. Die Beerdigung deiner Mutter; du hast die Trauer nicht versteckt, deinen Schmerz nicht verborgen. Please don’t cry, we’re designed to die. Der Tag, an dem du mir das Buch vom Häschen geschenkt hast. Jakob und die Pferde. Die Küche und die blauen Dönig-Becher am Holzbalken. Jockel, der Minikater, der sich einfangen, aber nicht retten ließ. Deine liebevolle Ruppigkeit. Die Art, wie du deinen Körper durch diese Welt getragen hast. Der Abend, an dem mein Schoko-Nachtisch in deinem Backofen übergekocht ist. Der Dunnerschdach, das europäische Dorf, die eine Wiesenmarktszigarette. Die Hochzeit von Alex und Sarah, noch ein letzter Schnaps, das geteilte Hotelzimmer – „ach, Marjellchen“: Der Tod ist ein Arschloch mit gezinkten Karten. Tränen, Ratschläge und tröstliche Umarmungen. Telefonate. Urlaubsgrüße von der Nordsee. Geburtstagspost und Weihnachtskarten.

Und dann bist du gestorben, in einem Moment, der viel zu kurz war um zu begreifen, was passierte – die Zeit schien knapp, doch sie war bereits vorbei. Ein letztes Treffen, für das ich ewig dankbar bin. „Was machst du bloß für einen Scheiß?“ „Ich werde kämpfen.“ I hold your hand till you fall apart. Du aber hast tapfer lächelnd abgewunken – wolltest keine Hände, sondern Kummer fernhalten von denen, die du liebst; so warst du immer. In den Herzschlägen deiner Menschen aber hat dich eine Armee von Händen begleitet. Die hängen nun ratlos an Körpern, durch die ein Strom von Trauer fließt. Dein Tod war schnell, das Begreifen aber braucht Zeit – und an manchen Tagen taucht das schmerzliche Vermissen auf wie ein wilder Boxer mit Tarnkappe, gegen dessen unbarmherzige Faustschläge es keine Verteidigung gibt. Leere Blicke und kein Trost, kein Gott, kein Mittel gegen diesen Kummer.

Doch da ist die Hand, die meine hält. Ein Pfarrer, der tatsächlich die richtigen Worte findet. Da sind die stummen Gesten des Trostes zwischen deinem Sohn und deiner Schwiegertochter. Die Strahlen der Sonne in der Kapelle. All die Menschen, fremd und vertraut, vereint in ihrer Trauer um dich. Da ist das ahnungslos, glückliche Glucksen deiner Enkelin. Ein Versprechen von Zukunft aus der gemeinsamen Erinnerung. Die Nordsee, gerade jetzt, genau richtig.

Es ist eine traurige Erkenntnis im Erwachsenwerden, dass wir mit dem Tod eines geliebten Menschen zu leben lernen. Trauriger noch, wenn der unschuldige Glaube daran stirbt, in einer Welt ohne unsere Eltern nicht überleben zu können. Ich meine, natürlich kannst du versuchen, es zu verstehen. Du kannst mitfühlen. Aber – bevor du diesen Verlust nicht selbst erlebt hast… Doch daraus wächst auch ein wertvolles Verständnis. Nein, es gibt keinen Weg zurück – nur den Blick nach vorn. Auf einen Weg, bei dem ihr uns nicht begleiten könnt; und doch bleibt ihr  an unserer Seite. Erklären lässt sich das nicht; aber spüren: Wir sind sicher in eurem Schutz.

Zitate:
1 – Boy
2 – Soulsavers
3 – Boy
4 – Wilco
5 – Self
6 – Get Well Soon
7 – Grey’s Anatomy