Rezension und mehr: Ein Hoch auf den Meenzer on Tour

Bereits auf der ersten Seite von „Zu Gast. In vielen Ecken dieser Welt“ haben zwei der Themen einen kurzen Auftritt, die im Leben von Autor Christoph Kessel eine große Rolle spielen: Reisen und Fußball. Da heißt es wörtlich: „Dank meiner Eltern hatte ich seit meiner frühesten Kindheit mehrmals im Jahr die Gelegenheit zu reisen.“ Weiter erfahren die Leser*innen, der Autor hat der Überlieferung nach am Tag des WM-Finales Deutschland gegen Holland 1974 das Laufen gelernt. „Während mein Vater in der Kneipe des Gasthauses den WM-Sieg von Kaiser Franz & Co. am Fernseher sah, schaute mir im Obergeschoss meine Mutter auf dem Flur zu, wie ich die ersten Schritte ohne Hilfe hinbekam.“

Wunderbare Strandlektüre, die sich aber auch fürs Sofa eignet. (Foto: WP)

Ein drittes Herzensthema Kessels folgt nur eine Seite später, da nämlich geht es nicht nur ums Reisen an sich, sondern auch dessen Nachhaltigkeit. Jene Nachhaltigkeit, längst nicht nur bezogen auf Flugbewegungen, nimmt seit geraumer Zeit einen großen Platz in den Gedanken und im Wirken des Autors ein, der seinen Follower*innen auch als Meenzer on Tour bekannt ist – so nämlich lautet sein Username auf den Plattformen Facebook, Twitter und Instagram, auf denen er sich rund um seine selbstgewählten Schwerpunkte bewegt.

„Zu Gast“ ist nicht Kessels erste Buchveröffentlichung, zuvor ist von ihm bereits „Nächster Halt: Darjeeling-Hauptbahnhof – Eine Weltreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln“ erschienen. Beiden gemein ist der ganz persönliche, sehr nahbare Erzählansatz, der die Leser*innen direkt mitnimmt in das beschriebene Geschehen und die Gedankenwelt des stets reflektierten Autors. Dabei geht es um Themen wie Ökotourismus in der Karibik, warum Alleinreisen nichts mit Einsamkeit zu tun hat, den längsten Flug eines Lebens versus den kürzesten Aufenthalt in einem Land, die Aufzucht von Elefanten-Waisenkindern in Sri Lanka und Spiele von Mainz 05 in der Oberliga Südwest. Letzteres im Rückblick auf die glanzlose eigene Fußballsozialisation in den 1980ern, denn natürlich ist Kessel nicht nur Fan irgendeines Vereins, sondern hält es mit dem besten Club der Welt, dem 1. FSV Mainz 05. Und das schwingt auch in seinen Büchern mit.

Ein Narrenreich für einen Turnbeutel! (Foto: Christoph Kessel)

Kessels Stärke ist es, mit Buchstaben Nähe und Überzeugung herzustellen. Wer seine Texte liest, spürt deren innere Wahrheit, das gilt auch dann, wenn Fernreisen beispielsweise nicht zu den eigenen Hauptinteressen zählen. Die Tatsache stellt kein Hindernis dar bei der Lektüre, im Gegenteil: Durch diese vermittelt sich das Gefühl, die fernen Orte auch von der heimischen Couch aus kennengelernt und, mehr noch, eine Beziehung zu ihnen entwickelt zu haben. Wer selbst viel und gerne in fremden Ländern unterwegs ist, dürfte die Gedankenreise zwischen den Buchdeckeln vermutlich sogar noch mehr genießen im Abgleich der eigenen Erfahrung.

Seine positive Wucht entfaltet das Buch aber nicht nur auf den beschriebenen Seiten, sondern auch durch die Haltung Kessels im Umgang mit seinen Worten und der Welt. Wer das Buch beim Autor selbst kauft, stellt damit sicher, dass ein Euro jedes verkauften Exemplars an eine von drei der darin beschriebenen Organisationen geht, nämlich im Einzelnen: „Tacugama“ in Sierra Leone, den „Sheldrick Wildlife Trust“ in Kenia oder „Helfende Hände für Nepal Mainz“. Nähere Informationen dazu, wie das Geld jeweils vor Ort eingesetzt wird, finden sich hier.

Meenzer für Mehrweg: die Soulbottle. (Foto: Christoph Kessel)

Diese Form der Unterstützung hat Kessel sich längst universell auf die Fahne geschrieben, oder eher: den Beutel und die Flasche. Auch mit seinem aus Bio-Baumwolle unter dem Fairtrade Logo produzierten „Meenzer on Tour“-Turnbeutel unterstützt er die wichtige Arbeit der Organisationen für Waisenkinder, Elefantenbabys und Selbsthilfe in Nepal. Außerdem bietet er seit einiger Zeit auf seiner Homepage wiederverwendbare Soulbottles als Alternative zu Wegwerf-Trinkflaschen an. Mit dem Erwerb unterstützen Käufer*innen WASH-Projekte, Viva Con Agua de St. Pauli e.V. und die Welthungerhilfe. Wer die von Kessel erdachten und vertriebenen Produkte als Foto über die sozialen Netzwerke teilt, sorgt dafür, dass er jeweils erneut 50 Cent an die vorgeschlagenen Organisationen spendet, wobei di*erjenie, di*er das Bild veröffentlicht, die Spendenempfänger festlegen kann.

Lang andauernde Verbindung. (Foto: Malino Schust)

Was beim kurzen Überfliegen klingen mag, wie ein Werbeblock, ist eine von Herzen kommende Handreichung einer Überzeugungstäterin zum anderen: Ich kenne Christoph Kessel aus dem Umfeld des FSV Mainz 05 seit vielen Jahren und verfolge mit einer hohen Anfangsbegeisterung, die über die Jahre immer weiter gewachsen ist, das, was er tut und bewegt. Für einen Verein wie Mainz 05 finde ich es sehr wichtig und positiv, einen Menschen wie ihn im Umfeld zu haben.

Für all jene Organisationen, die Kessel sich als Ziel seiner nimmermüden Unterstütung ausgesucht hat, sind seine Aktivitäten ein Geschenk. Und als solches gehören seine Produkte auch unter jeden Weihnachtsbaum. Nicht nur, weil er sie mit Liebe und Herzblut erdenkt und umsetzt, sondern weil sie Sinn stiften und Freude geben.

Die Woche am Bruchweg (50/19)

Später hell, früher dunkel, das ist die Formel, mit der sich die Lichtverhältnisse im Winter zusammenfassen lassen. Fürs Training kurz vor der Winterpause gebe es Untersuchungen, die deswegen den Ansatz nahelegen, in dieser Zeit eher eine große Trainingseinheit pro Tag anzusetzen, als zwei kleine über den Tag, erklärt Achim Beierlorzer den Journalist*innen bei der kleinen Medienrunde im Pressecontainer. So kommt es, dass die 05er am Dienstag nach der Niederlage in Augsburg von zwei bis etwa halb sechs zusammenarbeiten.

Später Trainingsbeginn am Bruchweg. (Fotos: WP)

Das Programm: Videoanalyse, Athletikt in der Halle, Training auf dem Platz bei einsetzender Dunkelheit. „Wenn wir so ein Spiel gut nachbereiten wollen, dann dauert das natürlich seine Zeit“, spricht Beierlorzer und nimmt einen Schluck von seinem Tee. Ingwer, wie bei seinem Kollegen Felix Magath, ist aufgrund der Farbe auszuschließen, eine leicht härtere Gangart in den Einheiten seit der letzten Partie scheint es dennoch gegeben zu haben. Denn so ganz kann Beierlorzer sich selbst noch keinen Reim darauf machen, wieso die Mannschaft im dritten Spiel unter seiner Verantwortung nicht mit demselben Biss zu Werke gegangen ist, wie in den ersten beiden Partien in Hoffenheim und gegen Frankfurt.

„Es waren schon einige Aspekte, wo wir es nicht so gut gemacht haben und auch zeigen müssen, wo die Konsequenz ist“, betont der Fußballlehrer, der mit dem Team eine intensive Videoanalyse absolviert hat. „In der ersten Hälfte, das muss man ganz klar so festhalten, waren wir chancenlos“, gibt er freimütig zu und es ist spürbar, dass ihm das so gar nicht schmeckt. Es geht dabei nicht nur um eine verlorene Partie, sondern um das Gesicht der Mannschaft. „In der zweiten war es ein Spiel auf Augenhöhe“, resümiert Beierlorzer, der über die Episode mit dem Videoschiedsrichter – Gott sei Dank – nicht mehr reden möchte. Lieber spricht er über die Themen Aktivität und Passivität und widmet sich der Fragestellung, wieso die Mannschaft nicht das auf den Platz gebracht hat, was sie dem neuen Trainer in den ersten beiden Spielen anbieten konnte.

Anrennen gegen die Dunkelheit.

Da ist sie also wieder, nach dem dritten Spiel unter Achim Beierlorzer, die Frage nach der Mentalität dieses Teams – und nein, da wird keine Phrase bemüht, sondern am Kern einer Problematik gerührt, die in Mainz nicht neu ist. Der Coach wird sich zwingend damit auseinandersetzen müssen, wieso diese Mannschaft den Anschein macht, als ob ein, zwei Siege schon eine gewisse Selbstzufriedenheit einkehren lassen in ihrer Mitte, die dazu führt, dass die Spieler nicht mehr an ihre Grenzen gehen – geschweige denn darüber hinaus. An der Vorbereitung auf die Partie in Augsburg könne das kaum gelegen haben, denn: „Eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, dass sie von der Spielweise überrascht waren, weil wir ihnen da wirklich alles mitgegeben haben.“

Also doch: Ursachenforschung. Training. Und: Gespräche. „Überheblichkeit, glaube ich, haben wir nicht. Also, da kenne ich die Mannschaft noch zu wenig. Aber dazu sind wir gar nicht in der Lage.“ Trotzdem habe er ein Gesicht des Teams erlebt, das er bislang in der Arbeit mit ihnen noch nicht gesehen habe, räumt Beierlorzer ein. Es geht also um Konstanz, nicht nur in der Leistung, sondern auch in Sachen Einsatzbereitschaft, Aufmerksamkeit und Willen. „Wir müssen natürlich an der Persönlichkeit jedes einzelnen arbeiten. Das ist vielleicht auch ein Problem, das in jedem selbst liegt“, überlegt der Trainer laut. Diese Seite der Mannschaft habe ihn überrascht. „Die Passivität, verbunden mit diesem Aufmerksamkeitsdefizit, müssen wir bearbeiten. Da muss jeder Spieler für sich letztlich auch die Fokussierung auf die Ausgaben finden“, sagt der Coach, der dennoch betont, es liege nicht an der Einstellung seiner Spieler.

Abschlussbesprechung.

Vermutlich wäre das dann auch zu einfach: Die Stellschrauben, die Achim Beierlorzer mit seinem Trainerteam („Ich kann mich über alle hier nur lobend äußern“) finden – und bearbeiten – muss, scheinen tiefer zu liegen. Es sind, so scheint es, dieselben, an denen sein Vorgänger mit der jungen Mannschaft gescheitert ist. Beierlorzers Aufgabe wird nun sein, mit seinem noch immer frischen Blick auf die Situation und zugleich der gewachsenen Erfahrung seines Trainerteams im Umgang mit diesen Spielern neue Wege zu finden, um die Aufmerksamkeitsspanne der Truppe für mehr als zwei Spiele am Stück aufrecht zu erhalten.

Die Woche am Bruchweg (48/19)

Das Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 am Sonntagabend bei der TSG aus Hoffenheim war eines für die Geschichtsbücher. Mit 5:1 gewinnt die Mannschaft die erste Partie unter ihrem neuen Coach Achim Beierlorzer und katapultiert diesen so unter die zehn erfolgreichsten Debütanten der Bundesliga. In Sachen Auswärtserfolg im ersten Spiel belegt der Neue aktuell in dieser Statistik sogar Platz eins: Kein Coach siegte da bei der Premiere höher. Es war eine feine Geste, dass Beierlorzer nach dieser verrückten Begegnung die drei Punkte mit einem teilte, der – bei aller Freude für seinen Verein – vermutlich ins Sofakissen gebissen haben dürfte bei der Ansicht der entfesselten Mannschaft: Sandro Schwarz.

Mittwochseinheit nach dem Sonntagsspiel. (Fotos: WP)

Der neue Coache der 05er lobte den Anteil des ehemaligen am Dreier und betonte, er habe eine intakte Mannschaft übernommen und in der kurzen gemeinsamen Zeit nur Kleinigkeiten verändert. Damit dürfte er bei vielen Fans einen Nerv getroffen haben. Im Block des 05-Anhangs war ein Transparent zu lesen mit den Worten: „11 Spieler auf dem Platz, kein Einsatz, keine Entschuldigung. Und an allem soll Sandro Schuld sein?“ Torwart Robin Zentner sagte nach der Partie: „Ich wollte vorher auch jedes Spiel gewinnen. Vielleicht ist es am Ende einfach die Veränderung, die so etwas auslöst.“ Kollege Jean-Paul Boëtius bekannte, die Trennung von Schwarz tue immer noch weh – und blickte zugleich nach vorn, was bekanntlich die einzige Richtung ist: „Nun müssen wir mit dem neuen Coach alles besser machen.“

Es ist doch nicht so, als hätte Achim in Köln den Geißbock 153 Mal gestreichelt und jetzt in Mainz das Wappen geküsst.

Rouven Schröder im Podcast kicker meets DAZN

Wie es aussehen soll, dieses Bessermachen unter dem neuen Coach, daran arbeitet die Mannschaft am Mittwoch im öffentliche Training. Unter Flutlicht entsteht dabei der Eindruck, der Mittelfranken an sich neige zur (sprachlichen) Verniedlichung: Beierlorzer, der nach eigenen Angaben in der Vorwoche eben nur Kleinigkeiten verändert hat, lässt die Mannschaft auf kleine Tore spielen. Danach geht’s in Kleingruppen – vier Rote, vier Gelbe, vier Blaue – weiter, wobei jeweils ein 4er Team versuchen muss, dem anderen im Nieselregen den zirkulierenden Ball abzunehmen. Gelingt das, lobt der Coach: „Kleiner Ballgewinn!“ Klappt etwas nicht, ruft er: „Kleiner Fehler.“ Die Kommunikation ist auch sonst intensiv, was keine grundsätzliche Veränderung zu den letzten Wochen darstellt. Nur, dass Robin Zentner als Dirigent erkältet fehlt, dafür aber eine wichtige Stimme wieder erklingt: Niko Bungert.

Novemberrain am Bruchweg.

Neben Zentner fehlen auch Boëtius und St. Juste, die in Hoffenheim beide kleinere Schläge abbekommen haben. Und: Einige Spieler sind statt auf dem Trainigsplatz im Bruchwegstadion, dort findet am Abend eine interne Partie mit 24 Spielern aus dem Lizenzteam, der U23 und der U19 statt. Das gibt Beierlorzer die Gelegenheit, „schnellstmöglich alle Talente unter Spielbedingungen“ zu sehen.

Was er von seinem Team am Sonntag gegen Hoffenheim sehen durfte, hat dem 05-Coach gut gefallen. „Die Intensität war hervorragend“, sagt Beierlorzer, der nicht müde wird, zu betonen: Was in erster Linie zähle in der aktuellen Situation seien, die drei Punkte. Beeindruckt habe ihn die Disziplin nach der roten Karte und der Zusammenhalt. Den gelte es, auch im Heimspiel gegen die „top Mannschaft“ aus Frankfurt zu zeigen. „Die Qualität von Frankfurt ist unbestritten, aber auch die Qualität von Hoffenheim war unbestritten.“ Der Gast müsse spüren: „Da steht ein Kollektiv auf dem Platz, das unheimlich schwer zu besiegen ist.“

Das Ende einer Trainingseinheit.

Angesprochen darauf, was er selbst in Mainz vielleicht schon gespürt habe, mitgenommen, neben den rein sportlichen Erlebnissen, nennt Beierlorzer den „nimmermüden“ Einsatz der Fans bei der Partie gegen die TSG. Das folgende Heimspiel ist bekanntlich an einem Montag und die Szene hat angekündigt, in den ersten 15 Minuten und 30 Sekunden zu schweigen, um gegen die Zersplitterung der Spieltage im Fußball zu protestieren. Motto: Samstags halb vier, Fußball, Bratwurst, Bier. Dann soll das Team aber aus Leibeskräften unterstützt werden.

Auf diesen Umstand angesprochen, erklärt Beierlorzer, ein solcher Boykott sei „nichts, was dem Fußball zuträglich ist. Aber ich verstehe natürlich die Fans, die das nutzen wollen, um ihre Meinung deutlich kundzutun.“ Die Anstoßzeiten am Montag seien sportlich aufgrund der europäischen Spiele in der Europa League nachvollziehbar, aber eben nicht fanfreundlich. „Wobei ich dann wieder sage, wenn Montagsspiel, dann Mainz gegen Frankfurt. Da fällt jeder zweimal um und ist da.“

Der Neue: Achim Beierlorzer beim FSV Mainz 05

Wenn Achim Beierlorzer „kurios“ sagt, donnert das rollende „R“ darin wie auf Schienen die Wände hoch und hallt lange im Raum nach. Er verwendet das Wort mehrfach bei der Pressekonferenz, in der er als der neue Cheftrainer des 1. FSV Mainz 05 vorgestellt wird. „Kurios“ sei natürlich, „wie schnell das jetzt geht“. Schließlich war der Mittelfranke vor zehn Tagen noch Trainer des 1. FC Köln. Er sei „absolut froh, diese Stelle antreten zu können“, betont der Neue, der eigentlich vorgehabt hatte, mit seiner Frau am Mittwoch in den Urlaub zu fliegen. Wann er den gebucht habe, möchte ein Reporter wissen und daran anknüpfend, wann der Kontakt zu Mainz 05 zustande gekommen ist innerhalb dieser kurzen Chronologie.

Achim Beierlorzer bei seiner Antrittspressekonferenz.

Der Tag, an dem der FC Köln und Achim Beierlorzer sich trennten, markiert zugleich das letzte Spiel von Sandro Schwarz an der Seitenlinie der Mainzer: Samstag, 9. November. Ob er bei der Nachricht über besagte Trennung schon darüber nachgedacht habe, Beierlorzer im Falle einer Niederlage gegen Union Berlin zu kontaktieren, wird Rouven Schröder gefragt und muss erkennbar an sich halten. „Frech“ findet er die Frage, obschon der Reporter sie wohl stellen müsse. Der Sportdirektor beteuert abermals, vor diesem 2:3 keinerlei Gedanken an einen Plan B verschwendet zu haben. Die Lösung, nun Achim Beierlorzer zu verpflichten, sei fürs Umfeld vielleicht auf den ersten Blick eine Überraschung, für Mainz 05 aber inhaltlich logisch. „Sowas entwickelt sich ja über Jahre“, sagt Schröder im Hinblick auf das Bild, was er in seiner verantwortlichen Position von der Arbeit verschiedener Trainer habe. Beeindruckt habe ihn gerade die Zeit in Regensburg, wo Beierlorzer „aus wenig viel gemacht“ habe.

Wir haben auch in der Vergangenheit bewiesen, dass wir überzeugt sind von unseren Trainern.

Rouven Schröder

Persönlich bekannt sind die beiden Protagonisten sich aus der gemeinsamen Zeit bei Greuther Fürth, wo Beierlorzer im Nachwuchs (U17) und Schröder in sportlicher Verantwortung tätig war. Etwa zwei Jahre überschnitt sich ihr Wirken dort. „Aufgeweckt, offen für Neues“, das sind die ersten Worte, mit denen Schröder seinen neuen Trainer beschreibt. Das gelte für Fußball ebenso wie das Leben an sich. „Der inhaltliche und menschliche Trainer Achim Beierlorzer ist sehr gut und passt perfekt zu uns.“ Das Thema Köln, wo der Coach mit seiner Idee, Fußball zu spielen, nicht den erhofften Erfolg hatte, könne man zwar nicht wegdiskutieren. Für ihn, Schröder, aber ändere der Kurzeinsatz nichts an der Einschätzung des Trainers.

Zwei mit einer gemeinsamen Vergangenheit: Schröder und Beierlorzer.

Natürlich wird der Sportvorstand der 05er diesbezüglich auf erste Reaktionen des Umfelds zur Neuverpflichtung angesprochen, die teilweise verheerend sind. So, wie einige Sandro Schwarz von Anfang an als Fehler betrachteten, weil er zuvor mit der U23 abgestiegen war, irritiert nun viele jener Anhänger*innen, die sich online lautstark äußern, warum ein Trainer kommt, den sie in ihrer emotionalen Blitzbewertung als Gescheiterten einsortieren. Er beschäftige sich nicht mit den Reaktionen des Umfelds, versucht Rouven Schröder eine Tür wieder zu schließen, die er selbst geöffnet hatte mit den Aussagen, zur Entlassung von Sandro Schwarz habe letztlich auch das Gefühl beigetragen, in dieser personellen Konstellation das Umfeld nicht mehr hinter sich vereinen zu können. Denn nein, eben jenes Umfeld wird sich wohl nicht befrieden lassen mit einem Coach, der in der bisherigen Saison noch weniger Punkte gesammelt hat als Schwarz. Umso wichtiger ist es, dass Schröder die Entscheidung aus seiner Überzeugung heraus so getroffen hat, denn es wäre verheerend, wenn sich der Eindruck verfestigt, in Mainz würden sportliche Entscheidungen nun plötzlich von einem recht diffusen Umfeld mitbestimmt. Mit diesem Trainer erobert Schröder die Deutungshoheit zurück – das ist wirklich ein sehr gutes Zeichen.

Ich habe ganz, ganz großen Respekt vor Sandro Schwarz und werde auf jeden Fall den Kontakt suchen.

Achim Beierlorzer

Sportlich gesehen ist der Trainer Achim Beierlorzer sehr nah an seinem Vorgänger, was er so auch benennt. „Es wird keinen kompletten Umbruch geben. Und das ist ja schön so.“ Er fordere von seinen Mannschaften eine hohe Laufbereitschaft, dass sie aktiv nach vorne verteidigen, erklärt der Coach. „Mainz spielt diesen Spielstil und stand auch schon immer dafür.“ Letztlich sei die aktuelle tabellarische Lage, die er übernimmt, Nuancen geschuldet. Die Niederlage in Freiburg zieht er dafür als Beispiel heran. „Die Qualität, die in der Mannschaft steckt, ist aber unbestritten.“ Er habe in Köln selbst festgestellt, „dass man Ergebnisse nicht immer trainieren kann.“ Die Ironie darüber, wie ähnlich die Gründe für die Trennung vom Trainer an beiden Standorten ist, entgeht ihm natürlich ebenso wenig wie den Journalist*innen. Er habe „ganz, ganz großen Respekt vor Sandro“ und werde „auf jeden Fall den Kontakt suchen“.

„Es wird keinen kompletten Umbruch geben. Und das ist ja schön so.“ (Fotos: WP)

Dazu, wie die Theorie vom Beierlorzer Fußball in der Praxis funktioniert und wie das aussehen kann, habe ich zwei Kollegen befragt. Thomas Reinscheid ist Chefredakteur bei EFFZEH.COM und begleitet den Verein frei dem Motto „FC ist, wenn man trotzdem lacht“ seit vielen Jahren. Stefan Dillinger podcastet rund um Jahn Regensburg und hatte Beierlorzer in der Sendung auch schon zu Gast.

Stefan, für welchen Fußball steht Achim Beierlorzer aus deiner Sicht? Wie hat er den in Regensburg umgesetzt? Und ist er ein Trainer mit Plan B, wenn A nicht greift? 

SD: Er kommt ja aus der Leipziger Fußballschule, daher spielt hohes Pressing eine große Rolle. Wir waren und sind in der 2. Liga natürlich immer noch keine etablierte Mannschaft, deshalb spielen Kampfgeist und Laufbereitschaft eine große Rolle und daher musste er sich natürlich schon auf unsere spezielle Situation einstellen. Ein großes Plus war, dass unsere Mannschaft im Kern über zwei, drei Jahre zusammengeblieben ist. Bei uns hat der Plan A eigentlich immer ganz gut funktioniert. Er ist jetzt auch kein Guardiola der ständig umstellt, allerdings ist er ein Trainer der flexibel auf den Gegner reagieren, die Aufstellung anpassen und durch Auswechselungen nochmal Akzente setzen kann.

Ist er aus deiner Sicht ein Trainer, der eine Mannschaft weiterentwickeln kann?

SD: Ich würde sagen: ja. Bei uns kamen zu jeder Spielzeit relativ viele (Leih-)Spieler hinzu. Er schaffte es, ein Kollektiv zu formen und nicht nur eine Mannschaft aus 11 Spielern zu haben, sondern 15/16 Spieler, die bereit waren, ins Team zu kommen und Leistung zu bringen.

Hat dich überrascht, dass es in Köln nicht besser funktioniert hat? Traust du ihm die 1. Liga grundsätzlich zu? 

SD: Ja, ich traue ihm die 1. Liga grundsätzlich zu. Er neigt nicht zur Hektik und arbeitet sehr gewissenhaft. Auch funktionieren ähnliche Systeme in anderen Vereinen. Dass es in Köln jetzt nicht geklappt hat, beziehungsweise, dass er jetzt gehen musste, liegt wohl eher an Köln und der Trennung von Veh als an ihm. Man hätte ihm noch bis zur Winterpause Zeit geben können, denn der Spielplan war jetzt nicht der einfachste–  und die Spiele die man gewinnen musste (Freiburg, Paderborn), hat man ja auch gewonnen.

Thomas, welchen Fußball lässt Beierlorzer nach deiner Beobachtung spielen?

TR: Eine schwierige Frage, denn der Fußball, den er beim Jahn spielen ließ und der, den der FC in dieser Saison auf den Platz brachte, unterscheiden sich schon enorm. Beierlorzer steht im Grunde in der Tradition einer Spielweise, die gerne bei einer Marketingabteilung im Osten des Landes praktiziert wird, legt also Wert auf aggressives und laufintensives Gegenpressing, das für die entscheidenden Umschaltmomente sorgen soll. In jeder Situation will er ein aktives Team auf dem Platz haben, das die Initiative ergreift, wenn es die Chance dazu sieht. Aber, wie gesagt: Von all dem, was Beierlorzer sich als Spielidee ausgemalt hat, war in Köln wenig zu sehen.

Worin lag es, dass er Schwierigkeiten in Köln hatte?

TR: Zuallererst passten vor allem die Ergebnisse nicht. Der FC ist 17. mit lediglich sieben Punkten auf dem Konto, dazu peinlich aus dem Pokal ausgeschieden. Das ist viel zu wenig. Aber auch die Spielweise ließ wenig Hoffnung auf Besserung aufkommen. Es scheint, als passte Beierlorzer schlichtweg nicht zum Kader. Den laufintensiven, kampfstarken Fußball, den Beierlorzer spielen wollte, den bekamen die FC-Fans nur ganz selten zu sehen. Das ist nicht ausschließlich seine Schuld, denn die Verhältnisse in Köln waren in diesem Sommer ganz besonders kompliziert. Aber: Überzeugt hat er mich als Trainer beim FC nicht, auch wenn er menschlich wohl top zu sein scheint.

Überrascht er dich als Kandidat in Mainz?

TR: Mich hatte die Trennung von Sandro Schwarz überrascht – aber als der Job auf der Mainzer Trainerbank frei wurde, war ich nicht geschockt, dass Beierlorzer ein Kandidat für die Nachfolge war. Die kurze Pause zwischen seinem Engagement in Köln und seinem neuen Posten verwundert zwar, aber wenn sich die Chance bietet, muss man in diesem Geschäft wohl zugreifen.

„Ich weiß, welche Stärken ich habe, ich weiß, was ich kann. (…) Es geht um die Trainerpersönlichkeit Achim Beierlorzer. Wofür stehe ich. Und das passt, wie ich finde, sehr gut zu Mainz.“

Achim Beierlorzer

Rouven Schröder hebt bei der Pressekonferenz unter anderem hervor, Beierlorzer habe „super unter Beweis gestellt“, wie gut er junge Spieler aus dem In- und Ausland entwickeln könne. Für den Trainer selbst ist klar: „Die Fans honorieren die Art und Weise, Fußball zu spielen.“ Diese Einschätzung ist für seinen neuen Standort sicher richtig, schließlich war die Frage, ob die Spieler sich eigentlich noch genug reinhauen auf dem Platz, zuletzt allgegenwärtig. Damit seine Aussage greift, muss Beierlorzers Idee vom Fußball allerdings besser funktionieren als zuletzt in Köln.

Und wie beurteilen die Kollegen aus Köln und Regensburg den Trainer Achim Beierlorzer im Umgang mit seinen Spielern und in der Wirkung auf die Fans?

Thomas, wie schätzt du sein Verhältnis mit den Spielern ein?

TS: Er wirkte auf mich wie jemand, der viel von seinen Spielern fordert, aber auch immer ein offenes Ohr für das Team hat. Es hat sich aber, auch aufgrund der äußeren Umstände, wohl kein allzu enges Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer gebildet. Öffentlich wirkte er stets etwas distanziert zu seinen Schützlingen, aber mit der nötigen Empathie. Verwundert haben mich allerdings manche Interview-Aussagen über Ersatzspieler wie Vincent Koziello oder Nachwuchsspielern wie Darko Churlinov.

Wie war in der kurzen Zeit das Verhältnis mit den Fans?

TS: Er kam definitiv gut an beim FC-Anhang, wirkte durch seine positive Art recht erfrischend nach dem eher mürrischen und abweisenden Markus Anfang. Selbst in der sportlichen Krise wirkte er immer nahbar und sympathisch, auch wenn die Erfolge ausblieben. Eine richtige Beziehung hat sich auch hier allerdings kaum aufbauen können, dafür war Beierlorzer einfach zu kurz beim 1. FC Köln.

Stefan, wie beurteilst du sein Umgang mit den Spielern, gerade mit jüngeren, von denen ihn in Mainz viele erwarten?

SD: Ich finde den Umgang sehr gut. Ein Beispiel ist hier auch Adrian Fein. Anfangs kam er zu Kurzeinsätzen und wurde im Training an die Mannschaft herangeführt. Nach und nach bekam er immer mehr Spielzeit (weil er auch gut spielte) – und am Ende, bis zu seiner Verletzung, war er dann eine verlässliche Größe im Mittelfeld. Jetzt dürfte das bei Mainz natürlich nochmal eine ganz andere Sache sein, ich fand seinen Umgang mit jungen Spielern, Ersatzspielern und Spielern, die von einer Verletzung zurückkamen, aber immer sehr gut und für alle Seiten nachvollziehbar.

Und wie war sein Verhältnis zu den Fans? 

SD: Sehr gut. Er ist ja eh ein sehr eloquenter, netter und freundlicher Mensch. Er kam immer zu den Fans nach dem Spiel und stand sogar für unseren Podcast für ein Interview zur Verfügung. Dafür nahm er sich nach dem Training auch Zeit und war nicht gehetzt. Das mag jetzt an der Regensburger Medienlandschaft liegen, ich lege es ihm aber positiv aus.

Neu im Trainerteam: Ex-Kapitän Niko Bungert. (Foto: Malino Schust)

In der Arbeit mit der Mannschaft dürfte ein entscheidender Faktor auch die Erweiterung des Trainerteams um Niko Bungert sein. Bereits in der letzten Saison hatte der häufig verletzte Kapitän in den Trainingseinheiten oft wie ein Mitglied des Trainer-Staffs gewirkt. Die Idee, ihn nun offiziell zu berufen, ist so logisch, dass die Frage im Raum steht, warum sie erst jetzt kommt. Aber letztlich ist nur wichtig, dass in einer Situation wie der aktuellen jede*r bereit und in der Lage ist, dazuzulernen und das, was benötigt wird, in die Waagschale zu werfen, damit Ruhe einkehrt und auch über diese Ruhe die Ergebnisse wieder stimmen.

Die Woche am Bruchweg (46/19)

Die feine Ader an der Schläfe von Danny Latza leistet harte Arbeit. Der Kapitän des 1. FSV Mainz 05 beantwortet die Fragen der Journalist*innen geduldig. Einer muss ja, da trifft es ihn in seiner Rolle nicht überraschend. Leicht kann ihm das kaum fallen, am Trainingstag eins nach Sandro Schwarz – aber es gehört nun mal zu seinem Job, voranzuschreiten. „Es wirkt natürlich noch ein bisschen nach, auf jeden Fall, aber es muss jetzt weitergehen“, gibt er zu Protokoll. Es sei für ihn persönlich ja nicht der erste Trainerwechsel. „Trotzdem war es für mich auch sehr emotional. Ich glaube, jeder wusste, was er am Trainer hatte.“

Künftig nicht mehr an der Seitenlinie: Sandro Schwarz. (Foto: Malino Schust)

Die Mannschaft müsse sich „vieles“ vorwerfen, bewertet Latza, der am Samstag von der Bank aus keine Chance hatte, das Drama mit abzuwenden. „Die Mannschaft hat sich, die Spieler haben sich in diese Situation gebracht. Jeder sollte sich hinterfragen, ob er wirklich alles gegeben hat, glaube ich, auch selbstkritisch sein.“ Die Ader arbeitet, während er einen Moment überlegt. Man müsse „trotzdem“ weitermachen, versucht die Nummer 6 den Blick von der Trainerentlassung in die Zukunft zu wenden. Müsse versuchen, etwas Positives aus der Situation mitzunehmen. Jeder wisse nun noch mehr, worum es gehe.

Die Mannschaft hat sich in diese Situation gebracht. Jeder sollte sich hinterfragen, ob er wirklich alles gegeben hat.

05-Kapitän Danny Latza

Latza ist nicht zu beneiden in diesem Moment. Die Fragen nach einem Wunsch in Sachen neuem Trainer schlägt er aus. Was soll er dazu auch sagen, außer, dass es jetzt Rouven Schröders Sache ist, den Weg vorzugeben. Jan-Moritz Lichte habe noch einige Worte an die Mannschaft gerichtet vor der Einheit am Morgen. Und alles Weitere? „Wir werden es sehen in den nächsten Tagen.“ Er, die Journalist*innen – und alle anderen. Für den Moment bleibt nur, abzuwarten, weiterzuarbeiten, bis eine Entscheidung steht.

Trübes Wetter, undefinierte Stimmung. (Foto: WP)

Zum Training zuvor hat sich eine Handvoll 05-Anhänger*innen eingefunden. Sie diskutieren den Auftritt von Torwart Robin Zentner im SWR am Sonntag und gehen gedanklich Trainer durch, die gerade zu haben sind. Bruno Labadia, finden einige, wäre – zumindest für den Moment – genau der Richtige. Wie es langfristig weitergeht auch da: Man wird es sehen.

Die Trainingsgruppe ist, bedingt durch die Länderspielpause, klein. Die Spieler wirken anfangs, als hätten sie am Morgen ein Memo bekommen, dass sie auf eine positive Ausstrahlung achten sollen, balgen sich wie kleine Jungs. Bald schon gehen sie aber konzentriert zur Sache. Jan-Moritz Lichte spricht viel mit dem Team, eine Hand in der Hosentasche unterstreicht er mit den ruhigen Gesten der anderen seine Worte. Normalität nicht nur zu vermitteln, sondern auch in die Köpfe und Beine hineinzubekommen, danach sieht jede Bewegung des Mannes aus, der in der aktuellen Situation gerne im Hintergrund bleiben möchte.

Klare Anweisungen, ruhige Einstellung: Jan-Moritz Lichte. (Foto: WP)

Als die Spieler schließlich in Kleinteams gegeneinander antreten, vermittelt das die Normalität erstmals an diesem Vormittag tatsächlich, zumindest ein wenig. Vieles ist da wie immer: Robin Zentner, der aus dem Tor mit lauten Worten seine Kollegen animiert. Alexandru Maxim, der sich auch im Training jede vergebene Chance zu Herzen nimmt. Florian Müller, der kurze Kommando auf Englisch gibt. Natürlich spüren die auf dem Feld jene, die am Rand stehen und beobachten, zumal auch das Presseaufkommen nochmal höher ist als in normalen Trainingswochen. Aber sie müssen sich davon freimachen, wie auch von allem anderen, was da gerade noch passiert.

Die Verantwortung für die veränderte Situation anzunehmen, wie Kapitän Danny Latza es fordert, ist das klare Ziel. Ihren nun ehemaligen Coach hat die Mannschaft am Ende im Stich gelassen, auch wenn sie das reichlich offensichtlich nicht wollte – die Erkenntnis vermittelt Latzas kurzer Auftritt sehr deutlich. Nun müssen sie gemeinsam wieder Verantwortung für den Verein übernehmen und endlich zu den 100 Prozent zurückkehren, die sie zuletzt nicht erreicht haben. Nach den Worten ihres Kapitäns zu urteilen, ist die Botschaft definitiv angekommen. Beim Testspiel am Freitag gegen Darmstadt 98 kann das Team dies erstmals wieder auch auf dem Platz unter Beweis stellen.