Ein dunkler, ruhiger Ton in der Melodie meiner Tage

Als mein Paps noch lebte, ist mir selten bewusst geworden, dass ihn das Alter zu verändern begann. Meine Eltern waren 20 Jahre auseinander und erzählten uns oft die Geschichte, dass sie sich beieinander um jeweils 10 verschätzt hatten, als sie sich trafen: Mein Vater wirkte immer deutlich jünger, als er war, meine Mutter als junge Frau reifer. Wenn ich heute Fotos aus seinen letzten Tagen betrachte, fällt mir auf, dass er, ganz unbemerkt, älter geworden war. Wie hätte er wohl als alter Mann ausgesehen? Das haben wir Kinder uns unmittelbar nach seinem Tod oft gefragt.

Was sich aber erkennbar veränderte in den letzten Jahren seines Lebens, war, wie er seinen Körper hielt in der Welt. Mein Paps hatte es nicht mehr eilig und seine Bewegungen verrieten das. Ich erinnere mich an den letzten Besuch bei ihm, die Zeit in der kleinen Küche, in der er sich zwischen Tisch und Anrichte bewegte. Die Ruhe, die er ausstrahle, obwohl er innerlich noch mit den Veränderungen dieser Zeit zu kämpfen hatte. Meinen Eltern war im Herbst zuvor nach zunehmend quälenden Jahren die Trennung gelungen und er hatte ein Häuschen gekauft, es entkernt und von Grund auf renoviert. Das war einfach sein Ding: bauen.

Mein Vater als kleiner Junge mit seiner Schwester und den Eltern.

Seine zwei Jahre ältere Schwester war Architektin, aber für meinen 1936 geborenen Paps kam keine längere Schullaufbahn und erst Recht kein Studium infrage. Er beendete die Volksschule und machte eine Lehre in der Firma, in der auch sein Vater tätig war. Später arbeitete er viele Jahre als Handelsvertreter und ohne, dass ich mit ihm darüber groß gesprochen habe, glaube ich, dass er daran vor allem die vielen Begegnungen mit anderen Menschen mochte.

So lange ich mich erinnern kann, hat mein Vater immer Pläne gezeichnet. Ich könnte heute gar nicht mehr im Detail sagen, wofür. Mal ging es um den Ausbau unseres Dachbodens, dann träumte er von einem Häuschen im Süden und plante es so liebevoll, als sei es beschlossene Sache. Uns Kinder konnte er mit derlei Luftschlössern immer begeistern und es störte uns kein bisschen, wenn es bei diesen Träumereien blieb.

Mit nur 48 Jahren hatte mein Paps beim Tennis den ersten Herzinfarkt. Zum Glück wussten wir da nicht, dass ihn der letzte 20 Jahre und sieben Monate später umbringen sollte. Im Krankenhaus irritierte uns Mädchen, wir waren damals fünf und drei Jahre alt, der Rollstuhl, schließlich hatte er doch ein kaputtes Herz und keine kranken Beine.

Ich habe oft darüber nachgedacht, wie groß und voller Liebe das Herz meines Vaters war, wie unbezwingbar und stark. Es war wie das letzte Zuhause, dass er sich geschaffen hat: nicht für sehr viele Menschen gedacht, aber alle, denen er darin Platz machte, hatten den sichersten Ort der Welt gefunden. Ihn aber konnte sein Herz nicht schützen: ein seltsamer Widerspruch. Vielleicht würde er mir zuflüstern, dass auch er nicht gut darauf aufgepasst hatte und ich wüsste, das stimmt: Schließlich war ich es, die ihm über die Jahre zärtlich fluchend seine geliebten Zigaretten in die verschiedenen Krankenhäuser schmuggelte.

Meine Schwester und ich mit meinem Paps und einem Eis im Krankenhaus.

1984 also der erste Herzinfarkt und mir fällt zum ersten Mal auf, dass sein Alter und die Jahreszahl sich spiegeln lassen, 84:48. So, wie sein Geburtsjahr und das seines ersten Kindes, meiner älteren Schwester, 36:63. Die Liebe zu solchen Zahlenspielen habe ich von ihm.

Ich schweife ab.

Der erste Herzinfarkt und die große Angst. Das Krankenhaus, der Rollstuhl, die Tränen meiner Mutter, die so jung ist, zwei kleine Kinder hat und der die Ärzte sagen, ihr Mann werde es wohl leider nicht schaffen. Sie verabschiedet sich alleine von ihm, wir Mädchen sitzen ahnungslos bei den Nachbarn, die tiefen Ringe unter ihren Augen, als sie uns abholt.

Mein Vater lebt einfach weiter, sitzt lachend im Krankenhausbett und wünscht sich ein Eis. Er hat früher nie Eis gegessen und plötzlich möchte er nichts Anderes. Mein Mann und ich haben in den ersten Wochen des Jahres 2021 Twin Peaks geschaut und die Szenen der dritten Staffel, in denen Dougie mit dieser seligen Zufriedenheit Kuchen isst, haben mich an meinen Paps und seine Eisbecher erinnert. Dieser absolute Frieden. Das war selten in unserer Familie.

Mein Vater erklärte, Eis essend, im Krankenhaus, wenn er diesen Mist ganz und gar überlebe, wolle er eine Sonnenbank kaufen und ein Haus bauen. Sonnenbänke waren damals der letzte Schrei und weil man noch nicht wusste, wie ungesund sie sind, lagen meine Schwester und ich viele Stunden fasziniert blinzelnd im lilafarbenen UV Licht und sonnten uns.

Ein halbes Jahr nach dem Herzinfarkt stand ein knallgelbes Puppenhaus mit leuchtend rotem Dach unter dem Weihnachtsbaum, das mein Vater gebaut hatte. In jedem Raum lag Teppich, die Wände waren tapeziert und die Lampen daran verkabelt und spendeten echtes Licht. Ich war begeistert. Drei Jahre später zog unsere Familie ebenfalls in ein gelbes Haus mit rotem Dach. Mein Paps hat seinen Traum verwirklicht. Das glückliche Zuhause auf Lebenszeit wurde es aber nicht für ihn, bei einer der Trennungen meiner Eltern ließen wir es alleine am Hang zurück. Wenn ich von früher träume, bewege ich mich bis heute durch diese Räume, obwohl wir danach noch an vielen Orten gemeinsam oder getrennt voneinander lebten.

Das gelbe Puppenhaus mit dem roten Dach.

Wenn ich aber an meinen Vater denke, sehe ich ihn in seinem Häuschen. Es war das erste Mal, dass er ein Zuhause nur für sich plante. Bei unserem letzten Telefonat nur wenige Tage vor seinem Tod erzählte er mir, nun hinge auch die letzte Lampe und ich musste an die schaukelnden Lichtkörper im gelben Puppenhaus denken. Mein Paps war sehr gut darin, Orte zu schaffen, an denen Menschen sich wohlfühlen.

In jenem Telefonat erzählte er, das Gästestübchen unterm Dach sei eigentlich meins, weil ich von den vier Kindern doch am weitesten wegwohnte. Wir schmiedeten Pläne für Besuchstage, für Rotweinabende auf dem Sofa, für alles, was er neu entdecken würde und er wollte sich so gerne noch einmal neu verlieben, wenn der Sommer kommt.

Doch als der Sommer kam, war er nicht mehr da und mein Herz wirft bis heute eine große, traurige Falte darüber, dass er nicht noch einmal so geliebt wurde, wie er es verdient hatte. Dann denke ich daran, wie tief bewusst ihm in den letzten Monaten seines Lebend die große Liebe seiner Kinder war und das tröstet mich ein bisschen, aber mein Herz ziept auch im Vermissen. Ich hätte gerne viel mehr Zeit mit ihm gehabt; so ist das vermutlich immer. Vor allem frage ich mich, wie sich unser Verhältnis mit den Jahren verändert hätte und daran gewachsen wäre, wie wir beide uns ins Leben entwickeln.

Die Ehe mit meinem Paps hat meine Mutter zur Stiefmutter seiner älteren Kinder gemacht, doch das war mir als kleinem Mädchen nur vage bewusst. Die Beziehung zwischen meinem Bruder und unserer Mutter war eng, wir Mädchen sind oft eifersüchtig darauf gewesen. Es schien, als mildere er ihren Frust darüber, selbst keinen Sohn, sondern nur uns Töchter bekommen zu haben. Wie hat mein Paps das empfunden? Was würde er zu mir in der Rolle als Stiefmama sagen, welchen Rat würde er mir geben? Könnte er verstehen, dass es mich ärgert, wie sehr diese Rolle häufig von Fremdzuschreibungen bestimmt ist, verletzt, wenn Leute sich ein Bild davon machen, ohne mich zu kennen? Ich vermute, mein Paps würde sagen, was scheren dich die Gedanken der anderen. Ihn hat so etwas nie bekümmert.

Ich würde ihn fragen, wie es für ihn als Vater war, die großen Kinder, die neue Ehe und der Wunsch, all das zusammenzuführen. Das ist nicht immer so gelungen, wie er es sich gewünscht hat; weil er eine große Offenheit hatte in diesen Dingen, würde er mir davon erzählen. Mein Vater war ein großer Geschichtenerzähler und vielleicht wird mir das gerade zum ersten Mal so bewusst. Aber ja: Er war ein großer Erzähler und ich konnte ihm stundenlang zuhören, wie er Anekdoten aus seinem Leben wiedergab. Er war außerdem sehr witzig, konnte schallend über sich selbst lachen und andere zum Lachen bringen. Das war schön.

Die Liebe meines Vaters bleibt, auch wenn er nicht mehr hier ist.

Mein Vater war auch ein komplizierter Mensch, stur und rechthaberisch. Sich mit ihm zu streiten, war schlimm. In seiner Wut konnte er sehr unfair werden und wir haben einander bisweilen schlimme Dinge an den Kopf geworfen. Aber mein Paps konnte sich entschuldigen und dabei machte es keinen Unterschied, ob er sich mit Erwachsenen oder uns Kindern gefetzt hatte. War er im Unrecht, sah er das ein, wenn sein Zorn verraucht war – und gab es zu. Und egal, wie heftig wir gestritten hatten, war undenkbar, dass wir ohne eine Umarmung ins Bett mussten: Man geht nicht im Groll aufeinander schlafen, so lautete sein Credo. Daran hat er sich immer gehalten und es war eine wichtige Konstante für uns Kinder.

Je häufiger er krank wurde, umso mehr fürchtete ich seinen Schlaf und den Tag, an dem er nicht mehr aufwachen würde. Größer als meine Angst, ihn zu finden, war nur die, nicht bei ihm zu sein, wenn er diese Welt verlässt. Ihm nicht die Hand zu halten. Nie zu erfahren, ob er friedlich gehen durfte. Doch mein Paps ist nicht im Bett gestorben, sondern auf dem Weg von der Tanzfläche einfach umgefallen. Sein bester Freund hatte ihn an diesem Abend mitgenommen, weil seine Frau kurzfristig passen musste. Vielleicht haben die beiden gescherzt, ob mein Vater sich bei dieser Feier neu verlieben würde.

Ich weiß es nicht, weiß aber, dass sie einen schönen Abend hatten, dass der Mann mit dem großen Herzen, mein Vater, glücklich gewesen ist in diesen letzten Momenten, seine Schritte beschwingt. Das bedeutet so viel. Der erste Infarkt in jener Januarnacht hat sein Herz aus dem Takt gebracht und ihn zu Boden stürzen lassen, wo herbeieilende Ärzte versuchten, sein Leben zu retten. Der zweite hat ihn mit sich hinfortgeholt. Zwischen den beiden ist meine Schwester blind vor Tränen in die große Halle gestolpert, weil Gäste der Feier sie, die nahebei wohnte, angerufen hatten.

Auch wenn sie seine Hand nicht halten konnte, war sie doch bei ihm und so schwer diese Momente für sie gewesen sein müssen, so tröstlich ist doch das Wissen darum. Mein Vater hat alle seine Kinder von Herzen geliebt, er kannte da keine Unterschiede. Mit seiner Jüngsten hatte er dennoch eine besondere Verbindung, die sich nicht erklären lässt, die einfach da war, wie ein warmes Licht. Ich bin unendlich dankbar im Wissen darum, dass sie im Moment des Abschieds bei ihm war.

Seine Hand habe ich Tage später im Leichenschauhaus gehalten. Ungläubig über ihre Kälte und untröstlich über diesen Abschied, habe ich ihm meine Liebe an diesem seltsamen Ort flüsternd mit auf die letzte Reise gegeben. Die Dunkelheit und Schwere dieses Raumes haben mich lange nicht losgelassen. Der Tod meines Vaters hat mich verändert und es gab Zeiten, in denen ich dachte, ich könne nie wieder frei atmen. Doch irgendwann hat der Schmerz begonnen, sich zu verändern.

Heute ist das Vermissen ein dunkler, ruhiger Ton in der Melodie meiner Tage. So ist mein Paps immer bei mir. Und ich entdecke ihn in den Kindern meiner Schwestern. Vor allem in den Jungs, auch wenn ich glaube, das ist Zufall. Es ist dann, als würde er uns durch sie zuwinken von dort, wo er jetzt ist. Seine Zuneigung lebt weiter in jener, die wir, seine Kinder und Enkel, miteinander teilen. Sein großes Herz hat Räume in unseren Herzen gefüllt. Die Liebe bleibt. Und das ist schon sehr viel.

Mainz 05: Svensson als Schlüssel für eine neue Einheit

Lerby, Olsen, Arnesen, Hjulmand. Jede*r Fußballbegeisterte in Dänemark kann mit diesen Namen etwas anfangen – es sind die dänischen Trainer, die es auf mindestens ein Spiel als Chefcoach in der deutschen Fußballbundesliga gebracht haben. Nun ist es Bo Svensson, der als fünfter Däne gerade bei Mainz 05 diese Position übernimmt. Eine von vielen Klammern bei der Pressekonferenz, in der die Verantwortlichen den neuen Trainer vorstellten. Svenssons durchaus emotionale Reaktion auf die Fragen seines Landsmannes Søren Lissner (Politiken) zeigt indes, welche Bedeutung der liebevoll-stolze Blick aus der Heimat für den neuen Chefcoach des Tabellen-Siebzehnten hat.

Gut gelaunt und motiviert: Bo Svensson bei der PK am Dienstag. (Foto: Screenshot/Mainz 05)

Eine zweite Klammer sind die Trainer, unter denen Bo Svensson hier gespielt hat. Der Balanceakt zwischen dem nachvollziehbaren Blick zurück, welcher gerade aus den Fragen der Presse folgt, und dem notwendigen Blick nach vorn gelingt Svensson dabei gut. Natürlich habe er von allen Trainern etwas mitgenommen: Jürgen Klopp und Thomas Tuchel hätten in ihm, der nach der Profikarriere durchaus auch satt war vom Fußball, Lust auf den Trainerjob geweckt. Christian Heidel, mit dem er gegen Karriereende regelmäßig auf der Bank gefachsimpelt hat, habe ebenfalls einen Anteil daran. Martin Schmidt hat Svensson als Spieler erlebt und war sein Co in dessen erster Halbserie als 05-Profitrainer. Auch Kasper Hjulmand, von dem Schmidt bekanntlich übernahm, erwähnt Svensson stets: Bei ihm hat er als Assistent im Trainerteam erste Schritte gewagt.

Dänische Trainer in der 1. Bundesliga

Als sein Telefon an Heilig Abend Heidels Nummer zeigte, habe er zwei und zwei zusammenzählen können, sagt Svensson. Die Aufgabe reizt den Dänen, der Mainz als Verein und Stadt im Herzen trägt – seine Familie ist hiergeblieben, als er zum FC Liefering in die zweite österreichische Liga wechselte. „Es ist eine besondere Entscheidung für mich.“ Und eine mit Tragweite, denn Heidel macht deutlich, wie elementar Svenssons Ja auch für sein eigenes war. „Ich habe immer gesagt, der Trainer ist die wichtigste Person im Club“, betont er, und: „Bo Svensson müssen wir Mainz 05 nicht erklären.“ Man wolle mit ihm ein neues Projekt bei Mainz 05 starten, davon zeuge der langfristige Vertrag (3,5 Jahre) mit Gültigkeit in beiden Ligen.

„Bo ein wichtiger Mosaikstein.“ (Foto: Screenshot/Mainz 05)

Überhaupt, Christian Heidel. Ebenfalls einer, der Balance sucht – und sie findet in diesen ersten Auftritten nach der Rückkehr zu seinem Verein. Natürlich erklärt er die Entscheidung pro Bo, gibt aber auch Sportdirektor Martin Schmidt Raum, um Themen zu behandeln. Er besinnt sich und die Zuschauer*innen auf den Mainzer Weg, Trainer zu berufen, denen man die Bundesliga zutraut und ihnen Gelegenheit zu geben, sich zu entfalten. Er baut Brücken aus der Vergangenheit ins Jetzt und lässt Svensson und Schmidt als wesentliche Akteure diese Brücken aus dem Jetzt in die Zukunft entwerfen. All das macht er gelassen – und gut. Es ist richtig, festzuhalten, Fußball wird auf dem Platz gespielt und wie die Veränderungen der letzten Wochen dort ankommen, muss sich erst noch weisen. Es ist aber ebenso wichtig, aufzuzeigen, wie gut die Balance dieser neuen, alten Akteure untereinander ist und wie erkennbar sie an einem Strang ziehen, in eine Richtung miteinander losmarschieren. In und mit dieser Einheit kann viel bewegt werden.

Wir wollen mit Bo Svensson ein neues Projekt bei Mainz 05 starten.

Christian Heidel, Vorstand Strategie, Sport, Kommunikation

Dazu wird auch gehören, die Fehlerkultur zurückkehren zu lassen. Wer Trainer beruft, die in ihrer Entwicklung am Anfang stehen, muss bisweilen Geduld haben – und sie seinem Umfeld beibringen. Man stelle sich nur mal vor, wie Christian Heidel reagiert hätte auf den oft hässlichen Umgang, den etliche Fans hier mit Sandro Schwarz pflegten, der bereits für all das stand, was nun auch Svensson verkörpert. Wobei das keine Schuldzuweisung an die damals Handelnden ist, mehr ein Fingerzeig auf die ungute Gemengelage, in der Schwarz Trainer wurde, ein letztes Bedauern über den Gang der Dinge seinerzeit, aber auch der Hinweis: Dies ist die zweite Chance mit einer Idee, die zu dem Zeitpunkt durchaus schon eine ähnliche war. Nur dass offenbar niemand diese Ideen in Mainz so gut verkaufen kann wie Christian Heidel. Man muss das so sagen: Der Mann könnte in der Helau-Hochburg vermutlich Alaaf-Buttons anbieten und sie würden ein Renner. Ein Phänomen.

„Wir gucken, wo wir intern diese (Falkenmayers) Qualität zuführen können.“ (Foto: Screenshot/Mainz 05)

Bo Svensson jedenfalls, der seinen Co Babak Keyhanfar mit zurück nach Mainz bringt (Michael Falkenmayer wird zunächst freigestellt), sagt in wohltuender Ruhe die richtigen Dinge. Es gehe in dieser Lage um kurzfristige Erfolge, na klar. Es gehe aber auch um eine langfristige Strategie, um ein Konzept für Spiel und Verein. „Ich stehe für die Mainzer Tugenden“, dieser Satz geht Svensson ebenso selbstverständlich über die Lippen wie der, dass NLZ und Profis unter seiner Ägide noch enger verzahnt werden sollen. Er spricht vom notwendigen Respekt, vom Durchgreifen, davon, wie wichtig es sei, als Team geschlossen aufzutreten und zugleich Spieler individuell zu betrachten. „Wir müssen knallhart daran arbeiten, das Ding zu drehen“, aber: „Auf unsere Art und Weise.“

Der Weg, der vor dem Verein samt seinem Umfeld liegt, wird nicht einfacher dadurch, dass die drei Verantwortlichen auf dem Podium kluge Dinge sagen. Aber er wird klarer. Und klar ist auch, dass dieses Trio sich komplett einig ist darin, wie dieser Weg auszusehen hat. Kurzfristig ebenso wie als langfristige Strategie. Für diese Strategie ist Svensson als Trainer der Schlüssel. Es ist deshalb eine verdammt gute Nachricht, dass er zurück ist bei Mainz 05.

Mainz 05: Vorwärts zu den Wurzeln

Mit Aufbruchsstimmung allein wird Mainz 05 die Klasse nicht halten – das weiß natürlich auch Christian Heidel. Aber ohne die richtige Stimmung, ohne Zusammenhalt, ist in einem solchen Verein wenig zu holen. Deshalb ist es nicht überraschend, dass der neue Vorstand Strategie, Sport und Kommunikation bei der gemeinsamen Antrittspressekonferenz mit Sportdirektor Martin Schmidt sehr viel über die Stimmung im Umfeld des Vereins spricht. Wer Heidel dabei zuhört, fühlt sich automatisch erinnert an frühere emotionale Ansprachen des Mainzers. Das weiß natürlich auch der neue, alte Vereinsverantwortliche und es dürfte zugleich Fluch und Segen für ihn sein.

Er ist wieder da: Christian Heidel ist zurück in sportlicher Verantwortung bei Mainz 05.

Fluch vor allem, wenn die Mission nicht gelingen sollte – wobei damit nicht in erster Linie der Klassenerhalt gemeint ist, sondern das wichtige Vorhaben, die Stadt wieder hinter den Verein zu bekommen. Segen eindeutig für den Moment, denn die warme Welle, die Heidels Auftritt auslöste, war in den sozialen Medien, die doch so lange sehr unversöhnlich waren im Umgang mit Verein und Verantwortlichen, deutlich spürbar. Diesen positiven Schwung zu nutzen birgt eine Chance, die vermutlich nur Christian Heidel dem Verein geben kann.

Das merkwürdigste Weihnachtsfest

Doch der Reihe nach. Vereinsvorsitzender Stefan Hofmann, der bei der PK nicht zugegen war, und Aufsichtsratsvorsitzender Detlev Höhne, mit Heidel und Schmidt auf dem Podium, haben am 11. Dezember Kontakt zum ehemaligen 05-Manager aufgenommen. Es folgte die Einigung unter der bereits berichteten Prämisse, dass alle in Aufsichtsrat und Vorstand hinter der Idee stehen und Rouven Schröder im Amt bleibt. Die Wertschätzung für Schröder betont Heidel mehrfach und sagt, er sei überrascht gewesen von dessen Rückzug. Beide, Heidel und Schmidt, bestätigen auch erneut, es solle vorübergehend eine weitere Zusammenarbeit mit Schröder geben. Es dürfte aber im Interesse aller Beteiligten sein, die nicht ewig in die Länge zu ziehen.

Als klar ist, dass Rouven Schröder den Verein verlassen wird, bittet Heidel um Bedenkzeit für seine eigene Rolle, die der Aufsichtsrat nun doch in der vollen sportlichen Verantwortung sieht. „Es war vielleicht das merkwürdigste Weihnachtsfest, was ich jemals erlebt habe“, gewährt Heidel Einblick in seine Gefühlswelt. Da ist zum einen die Corona-bedingte Distanz zu weiten Teilen der Familie. Da ist zum anderen der erhebliche Druck, eine Entscheidung zu treffen, die gut ist für alle: Mainz 05, ihn selbst, seine Familie – Heidels Frau und die kleine Tochter haben ihren Lebensmittelpunkt in Spanien, die großen Kinder und seine Eltern leben in Mainz. Es sei nicht angenehm gewesen, so Heidel, und er habe diese Zeit gebraucht. Am 24. Dezember spricht er zum ersten Mal mit Schmidt, von dem er weiß, er trägt sich schon länger mit der Idee einer beruflichen Veränderung weg vom Trainerposten. Die alte Vertrautheit ermöglicht es den beiden, sich auch telefonisch darüber zu verständigen: Wir machen das. Gemeinsam.

Martin Schmidt: Eine Herzensmotivation, zum Verein zurückzukehren. (Fotos: Screenshots Mainz 05)

Es sei ein Gefühl wie nach Hause zu kommen, erklärt Heidel. „Ich habe mich vorher gefragt, wie werde ich mich fühlen und ich muss sagen, ich fühle mich gut.“ Martin Schmidt betont, er verspüre eine sehr große Dankbarkeit. „Eine Herzensmotivation, hierher zurückzukommen. Ich habe Mainz 05 sehr viel zu verdanken.“ Nun wolle er Stadt und Verein gern etwas zurückgeben. Als Motto ruft Schmidt passend „Vorwärts zu den Wurzeln“ aus und erklärt, Mainz solle wieder ein Trainerverein werden. Heidel betont, die Entscheidung, Jan-Moritz Lichte zu beurlauben, habe man sich nicht leichtgemacht. Der Wunsch, die weitere Saison mit einem neuen Trainer zu bestreiten, sei aber klar gewesen – und damit verbunden schnell das Gefühl, es wäre nicht fair, Lichte ausgerechnet noch in die Partie gegen Bayern München zu schicken.

„Wir sind uns der Schwere der Aufgabe bewusst“

Die Euphorie der beiden ist während ihres kompletten Auftritts spürbar, deutlich wird aber auch, sie gehen sehr realistisch an die heikle Mission. „Wir sind uns natürlich der Schwere der Aufgabe bewusst“, sagt Heidel, der von einer „Herkulesaufgabe“ spricht. Die Konstellation ist klar: Es wäre unseriös, die Gefahr des Abstieges nicht zu thematisieren, mit der zweiten Liga wird sich dennoch niemand beschäftigen, so lange sie keine Realität ist. Sollte es so kommen, wäre auch das für Mainz normal und man müsse dann eben die Kräfte bündeln für den nächsten Angriff, verdeutlicht der Sportvorstand. So sei das nun mal in Mainz.

Warum diese Wahrheit aus dem Munde von Christian Heidel für die Menschen offenbar einen anderen Klang bekommt und sie die Worte von ihm annehmen können, mag als Fragestellung müßig erscheinen. Es ist aber tatsächlich ein Thema, das Heidel künftig noch beschäftigen wird, denn das Wort „Strategie“ in seiner Aufgabenbeschreibung steht da nicht zum Spaß. Bedeutet, der einstige Macher möchte den Verein nicht nur für den Moment in die Spur zurückkriegen, sondern bei seinem erneuten Abschied, wann auch immer das sein wird, gut bestellt hinterlassen. Dazu wird dann gehören, dass Verantwortliche neben ihm existieren, denen man ebenso Glauben und Vertrauen schenkt wie ihm – und sein Abschied nicht ein Kartenhaus zum Einsturz bringt.

Ich würde mir wünschen, dass jeder unter seiner Kritik schreibt, Mainz 05 ist mein Verein. (…) Wenn das in meinem Herzen ist, kann ich es doch nicht ablegen.

Christian Heidel, Vorstand Strategie, Sport & Kommunikation

Zugleich wehrte sich der Mainzer gegen den Eindruck, er habe bei Mainz 05 in seiner ersten Ära bis zuletzt alle Fäden alleine in der Hand halten wollen. Das Thema Neustrukturierung habe er vielmehr maßgeblich mit angeschoben – die Älteren unter uns werden sich erinnern, diese war selbstverständlich auch schon zu seinen Zeiten Thema. Ob oder aus welchen Gründen sie nicht konsequent genug zur Umsetzung kam oder ob letztlich einfach der Abschied zu schnell erfolgte, das zu klären ist tatsächlich müßig. Klar ist, die Bruchstellen aus dieser Phase sind es letztlich, mit denen der Verein seither zu kämpfen hat. Dessen ist sich auch Heidel bewusst, der den Schritt zurück in die Verantwortung wohlüberlegt und mit Überzeugung geht. Wie gut es auch für ihn persönlich funktionieren wird, innerhalb der neuen Strukturen zu arbeiten, muss die Zukunft zeigen, einen Vertrauten wie Schmidt an seiner Seite zu haben, ist sicher hilfreich.

In diese Verantwortung bezieht Heidel aber, hier schließt sich der Kreis, deutlich das Umfeld des Vereins mit ein. Er sei niemand, der ständig in den sozialen Netzwerken unterwegs sei, habe sich aber ein Bild von der Stimmung machen wollen. Was er da vorfand, habe ihn schockiert. „Ich habe lesen müssen, dass es bis tief ins Persönliche geht, es Beleidigungen, Verunglimpfungen sind. Und so blöd es klingt, das war mit ein Grund, warum ich kommen möchte.“ Seine Botschaft: „Das geht hier nur gemeinsam.“ Natürlich ist auch die nicht neu und, siehe oben, es wird eine seiner Aufgaben sein, mit daran zu arbeiten, dass diese Stadt sie nicht nur von ihm annimmt.

Für den Moment aber ist es genug, dass die Worte überhaupt wieder Anklang finden in einem sehr schwierig gewordenen Umfeld. Heidel selbst weiß am besten, dass in seiner ersten Zeit bei Mainz 05 nicht immer alles golden war und er geht bei der PK offen damit um, dass es schwierige Zeiten gab und natürlich Fehler gemacht wurden. Es ist wichtig für alle Beteiligten, diesen Teil der Realität nicht auszublenden: Nostalgie oder Naivität wären fatal. Es ist deshalb wohltuend zu erleben, dass der neue, alte Macher diesen Gefahren augenscheinlich nicht erliegt. Hinzu kommt: Heidel kehrt zurück mit den Erfahrungen seiner Zeit auf Schalke, mit dem Warnschuss, den er gesundheitlich erlebt hat und mit einem Abstand von mehreren Jahren. Er hat die seltene Gelegenheit, mit einem neuen Blick auf die Situation Dinge anders zu machen und sich zugleich das zu erhalten, was immer bestens funktioniert hat: seine Verbindung mit den Menschen in dieser Region.

Das birgt unendliche Fallhöhen und Risiken, die in den letzten Tagen zurecht hoch und runter besprochen wurden und derer man sich bewusst sein muss. Es birgt aber auch eine magische Chance. Schließlich ist Christian Heidel zurück in der Hauptstadt der Fußballwunder. Bei einem Verein, der immer einmal mehr aufsteht, als er hingefallen ist. Willkommen Zuhause.

Mainz 05: Die nächste peinliche Vorstellung

Bei den Überlegungen, wie man den 1. FSV Mainz 05 (wieder einmal) neu aufstellen kann, ist den Verantwortlichen des Vereins speziell im Aufsichtsrat offenbar lediglich eine Sache eingefallen: Zurück in die Zukunft. Das hieß entsprechend, für das hinter verschlossenen Türen schon länger diskutierte „Projekt 2030“ (…) Christian Heidel um Mithilfe zu bitten.

Detlev Höhne sucht Erklärungen. (Screenshot: PK Mainz 05)

Auch wenn Aufsichtsratschef Detlev Höhne (li.) und Vorstandsvorsitzender Stefan Hofmann bei der kurzfristig anberaumten Pressekonferenz am Dienstagabend erkennbar bemüht waren, zu versichern, es sei dabei um einen vierten Vorstandsposten gegangen, der in keinerlei Konkurrenz zu dem bisherigen Sportvorstand Rouven Schröder gestanden hätte: Dem ist das Ganze zuletzt offenbar zu blöd geworden. Anders lässt sich kaum erklären, warum Schröder um eine vorzeitige Auflösung seines Vertrages gebeten hat. Denn dass jener Schröder den von ihm über Jahre gelebten Verein in einer Situation wie der gegenwärtigen verlässt, ist eine derart abwegige Nummer, dass Druck und Frust enorm gewesen sein müssen.

Detlev Höhne und Stefan Hofmann sprachen in besagter PK von der wirtschaftlich und sportlich schwierigen Lage des Vereins. Das eigentliche Dilemma, nämlich der komplette Verlust einer Vereinsidentität in den vergangenen Jahren, war gar kein Thema, was vermuten lässt, diese Problematik ist den handelnden Personen nach wie vor überhaupt nicht bewusst. Und auch nicht, wie intensiv gerade an einem Standort wie Mainz das eine mit dem anderen zusammenhängt. Nach Sandro Schwarz verheizt dieser Club, verheizt dieses Umfeld binnen gut eines Jahres die zweite Person, die den Verein mit jeder Faser gelebt hat. Und letztlich ist diese zweite Trennung in gewisser Weise auch eine Spätfolge der ersten im November 2019.

Natürlich lässt sich an beiden, Schröder und Schwarz, Kritik äußern, man muss nicht mit allem einverstanden sein, was sie angefasst haben und ja, es sind auch Fehler passiert. Von all den Schritten aber, die der Verein nach dem Abschied von Heidel unternommen hat, waren diese Personalien die mit dem größten Potential. Zumal bei Schröder zuletzt sehr deutlich erkennbar war, dass er aus komplizierten Situationen und diskutablen Entscheidungen der unmittelbaren Vergangenheit, zum Beispiel in Sachen Kader, Lehren gezogen hat, die nur unter Corona nicht so schnell umsetzbar waren, wie er das gewollt hätte.

Wie es an einem Standort wie Mainz, einst Insel der Glückseligkeit, möglich geworden ist, einen sportlich Verantwortlichen, der mehrere Abwerbeversuche abgewehrt hat, in der öffentlichen Wahrnehmung so negativ dastehen zu lassen, gehört zu den Geheimnissen, die dieser Club in den letzten Jahren angehäuft hat. Kein einziges Problem ist mit diesem Schritt jetzt gelöst, ganz im Gegenteil. Und was als nächstes passiert, steht vollkommen in den Sternen.

Die Pressekonferenz hat in ihrer kläglichen Hilflosigkeit an ähnliche öffentliche Auftritte der letzten Zeit angeknüpft. Zusammengefasst weiß gerade niemand, wie es weitergehen soll, alle hoffen ein bisschen auf Christian Heidel, dessen künftige Rolle aber auch völlig unklar ist, den Trainerposten möchte man natürlich nicht anfassen, bevor die sportliche Verantwortung nicht geklärt ist und wie es mit dieser verunsicherten Mannschaft nach dem nächsten Paukenschlag weitergehen soll: Nichts Genaues weiß man nicht. Was für ein Armutszeugnis.

Man muss das so deutlich sagen, mit Rouven Schröder verlässt der Mensch den Verein, der ihn in den letzten Jahren am intensivsten gelebt hat. Dieser Moment ist der letzte Beweis dafür, dass im Umfeld von Mainz 05 offenbar niemand eine Chance bekommt, der nicht Christian Heidel heißt. Jener hätte heute als Neuzugang in sportlicher Verantwortung selbst keine Chance mehr: „Der Autoverkäufer passt nicht zu uns“, würden die Expert*innen ins Internet schreiben und irgendwem nachheulen, der irgendwann vorher mal da war.

Es bleibt dabei, dass dieser Verein nach dem Abgang von Christian Heidel neue Strukturen brauchte. Das Chaos in den Jahren seither liegt auch darin begründet, dass in seiner Zeit alles an einer Person hing – so lässt sich heute kein Verein mehr führen. Strukturen allein sind aber keine Lösung, sie müssen auch mit den richtigen Personen gefüllt werden. Das hat Mainz 05 unterm Strich bis heute nicht geschafft. Die Aussichten sind sehr düster und wenn die Verantwortlichen immer noch glauben, der drohende Abstieg sei ihr größtes Problem, gilt das umso mehr.

Mainz 05: The Worst Fucking Christmas

Sechs Punkte nach 13 Spielen. Die Ratlosigkeit der Verantwortlichen nach der Niederlage des FSV Mainz 05 gegen Werder Bremen ist greifbar. Wieder ein Spiel gegen einen direkten Konkurrenten verloren. Nach Bielefeld und Köln nun auch gegen Werder unterlegen. Was nutzt es da noch, vom Gegner für die wackere Verteidigungsleistung gelobt zu werden? Gar nichts. Die viel zu harmlose Offensive der Mainzer kann erneut nicht stechen und die zumeist fleißige Defensive hat mit einem unaufmerksamen Moment das Gegentor zugelassen. Unfassbar.

Die dunklen Wolken über dem FSV Mainz 05 sind nicht neu.

Niemand, der den Verein begleitet, ob als Anhänger*innen oder Journalist*in, kann unberührt bleiben von dem, was sich aktuell bei Mainz abspielt. Es steckt eine gewisse Tragik darin, dass die engagierten, guten Leistungen gegen stärkere Teams wie Gladbach und Leverkusen ohne Punkte geblieben sind. Natürlich fehlen auch Zähler aus den ersten Spielen noch unter Achim Beierlorzer. Ich bin der Meinung, dass Lichte einen guten Plan für das Spiel seiner Mannschaft hat. Er hat sie aber in der vielleicht undankbarsten Situation überhaupt übernommen.

Entscheidender aber: Was aktuell passiert, ist kein Problem dieses Trainers oder dieser Saison. Es ist der Tiefpunkt einer andauernden Entwicklung, in der viele Dinge – teilweise auch unglücklich – zusammengekommen ist. Das rheinhessische Bollwerk war lange eines durch die Ruhe im und um den Verein und die Kontinuität auf den entscheidenden Posten. Um die Ruhe war es noch vor der Kontinuität geschehen. Natürlich war absehbar, dass der Abgang von einer prägenden Figur wie Christian Heidel Auswirkungen haben würde. Entscheidender als dessen Wechsel ist aber, was im Nachgang passiert ist und wovon der Verein sich seither nicht erholt.

Die Unruhe rund um die Causa Harald Strutz und den Kurzzeitvorsitzenden Johannes Kaluza mögen weit weg scheinen, spielen aber eine Rolle für das, was gerade passiert. Die von Beginn an schlechte Lobby der perfekten Identifikationsfigur Sandro Schwarz konnte in dieser Phase nicht aufgefangen werden, Fans, die schon den Umzug ins (notwendige) neue Stadion mit Verlusten in der emotionalen Anbindung mitgemacht hatten, gingen von Bord.

An der schlechten Lobby gescheitert: Sandro Schwarz.

Klar schaut man auf die aktuelle Situation und kann nur feststellen, dass der Wurm drin ist. So tief, dass die Frage immer schwieriger zu beantworten wird, wie diese Saison noch zu einem irgendwie positiven Ende geführt werden kann. Und natürlich muss sprichwörtlich jeder Stein umgedreht werden. Aber es wäre eben zu einfach, dabei nur auf die ganz unmittelbare Gegenwart zu schauen. Das Problem ist viel grundsätzlicher und es gibt keine einfachen Antworten auf die drängenden Fragen, für die der Verein endlich Lösungen finden muss.

Kurzfristig steht nun auch Jan-Moritz Lichte wieder besonders im Fokus. Die Frage, ob es Sinn ergibt, auf dem Posten in der kurzen Winterpause nochmals eine Veränderung vorzunehmen, kommt von allen Seiten, ist aber leider ebenfalls nicht so einfach zu klären. Schalke 04 konnte beispielsweise auch nach der erneuten Trainerentlassung nicht punkten und es wäre nicht sehr überraschend, wenn ein neuer Wechsel auf dieser Position auch in Mainz verpuffen würde. Weil der Trainer nicht das Problem ist. Schon eher die Mannschaft, ja, doch auch dieses Fazit wäre für sich genommen zu einfach, weil diese seit Jahren die unruhige Entwicklung im gesamten Verein wiederspiegelt.

Ich weiß, es ist keine populäre Feststellung, dass die Spieler auch nur Menschen sind. Stimmt aber halt trotzdem. Die Tragik auf dem Platz ist letztlich diese: Spieler, die vor allem ihren Job machen, wachsen in einer so ausweglosen Situation selten über sich hinaus. Spieler, die sich dem Verein fest verbunden fühlen, spüren die Last der Verantwortung derart stark, dass sie sich damit selbst im Weg stehen und ebenfalls selten entscheidende Impulse liefern können. Manchmal taugt ein Sieg wie der in Freiburg für ein Team als Initialzündung für Besserung. Manchmal verpufft er. Nicht alles im Fußball lässt sich logisch erklären. Auch nicht schön. Trotzdem wahr.

Ich glaube nicht daran, dass eine Situation wie die aktuelle bei Mainz 05 an einzelnen Personen festgemacht werden kann. Natürlich tragen Rouven Schröder, Stefan Hofmann und Jan Lehmann in ihren jeweiligen Rollen Verantwortung für das Tief. Sie tragen diese aber ebenso für gelungene Transfers, für eine erfolgreiche Saison unter Sandro Schwarz, für die stabile wirtschaftliche Lage trotz der Corona-Krise. Ich verstehe, wie groß gerade die Sehnsucht nach einfachen Antworten ist. Aber es gibt keine einfachen Antworten.

Die Situation ist ernst. Und sie wird noch ernster angesichts der anstehenden Wahl für den neuen Aufsichtsrat und den Posten des Vereinsvorsitzenden im Februar 2021. Die Liste der Vereine, die in ähnlich ausweglosen Momenten von Leuten nahezu gekapert wurden, die sich extrem wichtig genommen haben, die Versprechen gaben, die sie nicht halten konnten und die einfach mal etwas zu sagen haben wollten, ist lang. Es wird spannend zu beobachten, wer den Hut für die Posten in den Ring werfen wird und was die Mitgliederversammlung daraus macht.

Es bietet aber auch die Chance, an einigen Stellen in Verantwortung eben nachzujustieren. Die Neustrukturierung des Vereins war notwendig, doch sie ist unterm Strich bislang inhaltlich kein Erfolg. Das gilt längst nicht nur fußballerisch, hat aber Auswirkungen auf den Sport. Dieser Misserfolg hat viele Gründe. Einige, wie die mangelhafte Kommunikation mit den Fans, bestimmte Schwachstellen im Kader oder das Trainermissverständnis Achim Beierlorzer wurden inzwischen erkannt und die Arbeit daran läuft. Alles, was schiefgelaufen ist, wieder in richtige Bahnen zu lenken, wird Zeit brauchen. Vielleicht mehr, als bleibt, um überhaupt noch eine Chance auf den Klassenerhalt zu haben.

Der Abstieg ist aber nicht mal das schlimmste Szenario, das Mainz 05 droht. Schlimmer ist die längst berechtigte Sorge, der Verein könne so auseinanderfallen, wie es anderen Clubs in der Vergangenheit passiert ist. Die entscheidende Frage ist: Wofür möchte Mainz 05 eigentlich stehen? Das intellektuell über eine Leitbilddiskussion zu klären reicht nicht. Es geht um eine inhaltliche Strategie, mit der Spieler nicht nur in den Verein geholt, sondern an ihn gebunden werden. Und um ein glaubwürdiges Selbstbild, in das sich die Fans wieder verlieben können.

Es ist fünf vor zwölf.