05-Gegnerbetrachtung: VfL-Liebe, egal, was andere sagen

Die Gegnerbetrachtung ist zurück. Vor jedem Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit PodcasterInnen, JournalistInnen oder BloggerInnen aus dem Umfeld des gastgebenden Vereins. Diesmal erzählt mir Antonia Menge von ihrer Liebe zum VfL Wolfsburg.

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AntoniaHallo Antonia, danke, dass du dir die Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Du beschreibst dich auf Twitter als „professionelle Werksclub-Feministin“. Wie bist du zum VfL Wolfsburg geworden und warum gehört Feminismus (auch) in den Fußball?

Die Antwort darauf, wie ich zum VfL gekommen bin, ist leider jedes Mal gleich langweilig: Ich wohne hier halt. Mein Vater hat den VfL immer verfolgt, ich als Kind sporadisch, und dann irgendwann richtig. Es ist schwer, dran vorbeizukommen – vor allem in der Meister-Saison 2008/09! Und Feminismus gehört so lange in den Fußball, bis ich wegen Stau zu spät ins Stadion kommen kann und nicht von wildfremden Männern hören muss: „Na, hat das Schminken zu lange gedauert?“

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Du gehörst aktuell zum Stab der Bundesliga-Fan-Experten, die für Spiegel Online vor jedem Spieltag eine Prognose über ihr Team abgeben. Wird das dein Einstieg als Sportjournalistin – oder bleibt der VfL ein reines Hobby für dich?

Ich habe schon seit 2015 immer mal wieder kleine Nebenjobs im Sportjournalismus, die mir wirklich riesig Spaß machen und für die ich sehr dankbar bin. Allerdings studiere ich Psychologie und das ist mein Berufswunsch. Ich könnte mir nicht vorstellen, mich hauptberuflich mit dem VfL zu beschäftigen. Die hängen mir schon als Hobby ab und zu zum Hals raus. ;)

Das Stadion in Wolfsburg bei der letzten Begegnung mit Mainz 05. (Foto: Rheinhessen on Tour)

Das Stadion in Wolfsburg bei der letzten Begegnung mit Mainz 05. (Foto: Rheinhessen on Tour)

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Für mein Empfinden gibt’s aktuell in der Bundesliga zwei Arten von Vereinen, über die gern gelästert wird: Solche, die andere Fans als langweilig empfinden und solche, die andere Fans als Plastikclubs empfinden. Mainz gehört in der Wahrnehmung oft zu den ersten, Wolfsburg zu den zweiten. Interessiert es dich persönlich, wie dein Verein von anderen wahrgenommen wird? Und wie siehst du die Diskussion um Werksclubs und Mäzene?

Überhaupt nicht. Vor ein paar Jahren hatte ich noch das Bedürfnis diese Diskussionen zu führen. Ja, ich bin wirklich Fan. Nein, nicht nur wenn sie erfolgreich sind. Nein, wir könnten nicht mit dem Geld von VW einfach mal Ronaldo kaufen. Wolfsburg wird immer Volkswagen sein und der VfL somit auch. Ich kenne kaum eine Stadt, bei der das Verhältnis von Arbeitgeber, Stadt und Verein so eng ist. Aber ich reagiere auf diese Vorwürfe nicht mehr. Es bringt nichts etwas zu erklären, was niemand verstehen will. Jeder, der hier war – ob Fan, Spieler oder Manager –, weiß das. Das reicht mir. Es interessiert mich nicht, wer meinen Verein als ätzend, langweilig oder als den Zerstörer des Fußballs empfindet. Ich finde die drei mitgliedsstärksten Vereine Deutschlands nämlich auch nicht so geil. Beschwere ich mich ja trotzdem nicht drüber.

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In der vergangenen Saison sah es lange nicht gut aus für den VfL. Am Ende ging der Verein mit Bruno Labbadia als drittem Trainer in die Relegation und konnte gegen Kiel die Klasse halten. Was haben die Verantwortlichen deiner Meinung nach aus dieser Saison gelernt und wie beurteilst du deren aktuelle Zusammensetzung?

Die zweite Relegation in Folge und eine Saison, die es irgendwie geschafft hat NOCH schlimmer zu sein als die 2016/17, hat den Verantwortlichen vor allem Demut gelehrt. Bisher sieht es ja ganz gut aus und trotzdem wurde das offizielle Ziel (gesichertes Mittelfeld) noch nicht nach oben korrigiert. Das wäre früher anders gewesen. Mit Bruno Labbadia, Jörg Schmadtke, Marcel Schäfer und dem aktuellen Kader zeigt der VfL endlich die Werte, für die er schon seit Jahren zu stehen versucht: Arbeit, Fußball, Leidenschaft.

Das Motto des VfL: Arbeit, Fußball, Leidenschaft. (Foto: VfL Wolfsburg)

Das Motto des VfL: Arbeit, Fußball, Leidenschaft. (Foto: VfL Wolfsburg)

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Zwischen Bruno Labbadia und den Wolfsburger Fans war das zunächst nicht unbedingt eine Liebesbeziehung. Woran lag das aus deiner Sicht, wie ist es aktuell – und welche Meinung hast du selbst zu eurem Trainer?

Bruno Labbadia kam als dritter Trainer der Saison zum VfL, nachdem Martin Schmidt das Handtuch warf, was aber kaum ein Fan wollte. Dann musste man sich also wieder an einen neuen Trainer gewöhnen, bei dem alles an der Verpflichtung nach „Plan Y“ klang. Und dieser neue Trainer konnte erstmal (Überraschung) auch aus der Trümmertruppe keine Glanzleistungen bringen. So wenig ich diese Schmähgesänge gutheißen möchte: Man muss die ganze Situation betrachten. Ich bin froh, dass Labbadia das richtig einzuordnen wusste und es jetzt besser läuft. Das kann man ihm nur hoch anrechnen! Ich muss allerdings zugeben, dass ich noch nicht vollends überzeugt bin. Ich mag die Spielweise, die er spielen lässt, finde es aber vor allem in der Rückrunde auffällig, dass es ihm bisher nicht gelang, im Spiel Fehler zu korrigieren. Und sein Faible für William – naja…

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Nach dem Auswärtssieg gegen Hertha BSC stand Wolfsburg am Ende des 20. Spieltags mit 31 Punkten auf Rang sechs. Das ist insofern bemerkenswert, als in der kompletten Vorsaison 30 Punkte gesammelt wurden. Hättest du mit einer so viel ruhigeren Saison gerechnet? Wer hat daran die größten Anteile?

Das ist wirklich Wahnsinn und der Beweis, WIE schlecht wir in der letzten Saison waren. Wir stehen übrigens auch schon bei neun Siegen – letzte Saison waren es nach 34 Spieltagen nur sechs. Ich habe damit überhaupt nicht gerechnet, dem „Umbruch“, bei dem sowohl der Trainer als auch gefühlt der ganze Kader blieb, hatte ich nicht zu viel zugetraut. Ich habe nicht nur Bruno Labbadia, sondern vor allem Jörg Schmadtke und die Qualität seiner Transfers (Jerome Roussillon, Daniel Ginczek, Wout Weghorst) unterschätzt. Ich kann nicht sagen, wer die größten Anteile an der bisher wirklich guten Saison hat, es sieht von außen wie eine gelungene Kombination von allem aus.

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Die vergangene Woche war dann für Fans der Wölfe eher nervig. Erst das Aus im DFB-Pokal gegen RB Leipzig und dann ein Unentschieden gegen Freiburg. In der Bundesligapartie war’s am Ende sogar knapp, trotz mehrfacher Führung. Wie erklärst du dir die Schwankungen?

So eine Veränderung von Grund auf klappt halt nicht in einem Sommer. Vor allem die Spieler, die schon seit 2 Jahren bei uns spielen, sieht man manchmal in alte Muster verfallen und die ziehen dann natürlich auch die anderen runter. Das Aus im DFB-Pokal war bisher vermutlich das ärgerlichste Spiel der Saison, weil die Leistung grottenschlecht und der Wille wenig bis gar nicht zu erkennen war. Das war gegen Freiburg dann wieder anders – immer wieder den Ausgleich zu kassieren, ist zwar ätzend, aber diese Spiele hätten wir letzte Saison auf jeden Fall verloren. So lange diese Schwankungen nicht überhand gewinnen, kann man sie verzeihen.

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Wie beurteilst du euren aktuellen Kader? Welche Spieler würdest du hervorheben und auf welcher Position habt ihr vielleicht Nachholbedarf?

Auch wenn ich nicht glaube, dass dieser Kader für ein Erreichen des Europapokals reicht, halte ich doch ziemlich viel von ihm. Wir dürften so nichts mit dem Abstieg zu tun haben – und das ist wirklich das Wichtigste. Von den Neuzugängen bin ich vor allem von Jerome Roussillon begeistert – einer der besten Linksverteidiger dieser Bundesliga-Saison, und das für fünf Millionen! Aber auch die Spieler, die mit uns zweimal 16. geworden sind, sind teilweise kaum wieder zu erkennen. Vor allem Yannick Gerhardt und Admir Mehmedi wissen zu überzeugen. Wir brauchen allerdings definitiv einen neuen Rechtsverteidiger – gefühlt war William diese Saison mit Brooks an 90% der Gegentore Schuld und er hat mit Paul Verhaegh und Sebastian Jung einfach nicht genug Konkurrenz um seinen Startelfplatz.

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Bruno Labbadia ist nicht unbedingt als ein Trainer bekannt, der junge Talente fördert. Was traust du im mit dem VfL Wolfsburg zu und glaubst du, er ist ein Coach, der auf Dauer die Geschicke des Vereins mitlenken kann? Wie sichtbar ist seine Handschrift aktuell?

Ich habe schon das Gefühl, dass Labbadia versucht, junge Talente einzubinden. Gian-Luca Itter, Felix Uduokhai und John Yeboa sind auf ihre Einsätze gekommen – und das nicht nur durch eine Einwechslung in der 89. Minute. Vor allem herauszuheben ist hier aber natürlich Elvis Rexhbecaj, der schon 15 Mal gespielt hat diese Saison. Ob Labbadia derjenige sein wird, der auch im Verein Dinge verändert, weiß ich nicht. Er wird auf jeden Fall die Chance dazu bekommen – auch in einer längeren sieglosen Serie wurde er von den Verantwortlichen nicht in Frage gestellt.

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Mit Yunus Malli hat Wolfsburg einen ehemaligen 05er im Kader, der in Mainz mehr oder weniger Stammspieler war, in Wolfsburg aber meist die Bank warmhält. Wieso kommt er unter Labbadia nicht zum Einsatz?

Das Problem mit Yunus Malli ist leider seine fehlende Konstanz. Anfangs hat er einfach nicht ins System gepasst, das hatte gar nicht unbedingt etwas mit ihm zutun, aber die Chancen, die er bekommt, nutzt er leider selten. Mal ein gutes Spiel reicht dann leider auch nicht, um die schwachen Leistungen auszugleichen. Diese Probleme hatte er ja aber bei uns bei jedem Trainer, außer in der Phase mit Martin Schmidt.

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Welche Lehren wird Bruno Labbadia aus den beiden durchwachsenen letzten Spielen ziehen? Auf was für eine Taktik sollte sich Sandro Schwarz mit seiner Mannschaft einstellen und was für ein Ergebnis erwartest du im Heimspiel?

Dass es mal wieder Zeit für einen Sieg wäre! Die Tore sind gegen Freiburg gefallen, jetzt muss nur die Defensive stabiler stehen. Ich schätze, dass darauf der Fokus liegen wird, und das Spiel daher etwas zäh sein könnte. Ich bin aber für meine Verhältnisse vorsichtig optimistisch und sage: 2:1.

KOMPAKT
Der VfL Wolfsburg ist der beste Club der Welt, weil … wir nicht so tun, als wären wir Etwas, was wir gar nicht sind.
Was ich an unserem Stadion besonders liebe, ist … dass es sich, egal wie schlecht das Spiel auch sein mag, immer wie zuhause anfühlt.
Mein ewiger Lieblingsspieler ist eindeutig … Josuha Guilavogui.
Wer Wolfsburg besucht, sollte unbedingt … unvoreingenommen an die Sache rangehen. ;)
Besonders lecker essen Gästefans … im Eat With Heart!

Vielen Dank für das Gespräch!

Barreiro nach der Unterschrift seines Profivertrages im November 2018. (Foto: Mainz 05)

Barreiro nach der Unterschrift seines Profivertrages im November 2018. (Foto: Mainz 05)

LETZTE WORTE
Mit Leandro Barreiro hat nach Jonathan Burkardt und Ahmet Gürleyen in dieser Saison bereits der dritte Spieler aus dem Nachwuchsleistungszentrum des FSV Mainz 05 sein Debüt bei den Profis gefeiert. Die mit der Wahl von Vereinsvorsitzendem Stefan Hofmann erneuerte Ausrichtung des Vereins, stark auf die Kicker aus dem eigenen NLZ zu setzen, wird konsequent vorangetrieben.

Für den Youngster war es zwar ein undankbarer Auftakt, seine Leistung und der Einsatz stimmten aber. Rouven Schröder kommentierte Barreiros Einsatz im Anschluss folgendermaßen: „Das ist für alle ein Riesending. Einen aus dem Jahrgang 2000 in der Bundesliga einzusetzen, wünscht man sich einfach. Und der Trainer stellt ihn ja nicht umsonst auf. Man sieht’s im Training, wie Leandro das umsetzt. Das ist alles sehr positiv.“

Mein Fußball-Papi

Seit Februar verstärke ich das Team von 120minuten und freue mich schon sehr auf die Arbeit mit den Jungs. Diese Woche ist dort ein Text von Carmen Mayer zum Thema Fußball und Trauerkultur online gegangen. Das Thema beschäftigt mich, seit 2005 mein Vater gestorben ist, immer wieder. Deswegen ziehe ich heute einen Text von 2006 aus dem Archiv, der davon erzählt.

120minuten. Das Portal für Fußball-Longreads. (Foto: 120minuten)

120minuten. Das Portal für Fußball-Longreads. (Foto: 120minuten)

Als kleines Mädchen habe ich mit meinem Paps gebannt jede WM und EM verfolgt. Später wurde er es, der meine Liebe zur Bundesliga zu teilen vermochte. Ich weiß noch genau, wie wir beiden damals, als die deutsche Elf 1990 das Finale gegen Argentinien 1:0 gewonnen hatte, gemeinsam durchs Wohnzimmer gehüpft sind. Unser Fernseher war in einem Einbauschrank verborgen, dessen Türen weiß und weit aufklafften, wenn wir das Gerät nutzten – und zwischen diesen Türen hatte ich während des Spiels gesessen, war aufgesprungen, meinem Vater im Bild gestanden, hatte gezittert und mit den Fingern auf dem Fußboden getrommelt, bis feststand: Weltmeister.

Aus der Stadt tönte jubelnder Lärm zu uns herauf, und so hielt es auch uns nicht im Haus. Wir verabschiedeten meine Mutter – meine kleine Schwester schlief vermutlich längst –, und brausten mit dem Auto durch die glückliche Nacht, runter auf den Marktplatz, wo wir uns in die Traube der Jubelnden einreihten. Einige erklommen gerade die Statue des Landgrafen Franz, der sich unter der Last der Begeisterten sanft bog. Ich konnte sehen, wie sie ihm auf den Schultern saßen und er ihrem Gewicht nachgab, ohne jedoch zu kippen. Und ich konnte sie spüren, die Hand meines Vaters, fest um meine gebogen, mit einem warmen, sanften Druck und der Gewissheit, dieser Moment mit ihm gehörte mir ganz allein. Niemand würde mir das je wieder nehmen können.

Seit derm WM 1990 hat der Graf eine Schieflage. (Foto: WP)

Seit derm WM 1990 hat der Graf eine Schieflage. (Foto: WP)

Mit den Jahren, weit weg von Zuhause, hab ich auch die Bundesliga für mich entdeckt und hat mich mein Verein gefunden. Die Samstage gehören nun dem Sport, meiner Mannschaft, dann verlasse ich meine Alltagshülle und schlüpfe in die des Fans, der keine anderen, zumal keine größeren Probleme hat, als die nächsten drei Punkte für seine Truppe mitzuerbrüllen. Mein Vater ist der Mensch geblieben, der an meiner Begeisterung für diesen Sport wie selbstverständlich teilnimmt, und das hatte uns den einen oder anderen unerwarteten Moment der Nähe verschafft in den letzten Jahren. Er hat mit mir um die verpassten Aufstiege getrauert und sich unbändig gefreut, als es schließlich doch klappte, er war der erste Mensch der mir in jenem Mai gratulierte. So wurde es zur Gewohnheit, dass ich ihn nach jedem Abpfiff anrief.

Bis auf diesen einen Samstag vor 15 Monaten. Wir hatten auswärts gegen Hannover verloren, ich hatte das Spiel mit Freunden in einer Kneipe verfolgt. Es war unsere siebte Niederlage in Folge und ich nicht in der Lage mit irgendjemandem zu reden, so sehr riss die Enttäuschung an meinem Fanherzen. In der darauf folgenden Nacht ist mein Vater gestorben. Herzinfarkt. Einfach so. Völlig unerwartet. Seither gähnt da ein riesiges Loch, das mich immer wieder neu überrumpelt, weil ich denke, es müsse kleiner werden, besser, weniger schmerzhaft – und doch weigert es sich. Und dann die nutzlose Frage, warum wir nicht gewonnen haben an diesem Samstag, warum ich ihn nicht – wie sonst immer – angerufen habe. Nur noch einmal seine Stimme gehört.

Ich kann dich nicht sehen. Aber ich kann dich spüren, genau hier. (Foto: WP)

Ich kann dich nicht sehen. Aber ich kann dich spüren, genau hier. (Foto: WP)

Das erste Spiel nach seinem Tod, zwei Tage nach seiner Beerdigung, war ein Heimspiel gegen den Hauptstadtclub. Die Bedeutung dessen begriff ich erst, als ich schon dick eingemummelt im Stadion stand – mein Vater war Berliner gewesen, wie konnte es da Zufall sein, dass ausgerechnet dieser Verein als erster nach seinem Tod bei uns auflief. Ich ahnte in der Sekunde, dass wir das Spiel verlieren würden und mit einem 0:3 vor heimischem Publikum erwischte es uns besonders empfindlich. Aber ich bedauerte die Niederlage nicht, weil ich irgendwie das Gefühl hatte, dass das Spiel auf eine Art und Weise, die nur ich verstand meinem Vater gewidmet war.

Das Stadion ist ein Ort geblieben, an dem ich mich ihm besonders nah fühle. Ich sehe zwischen den Tribünen hindurch in den Himmel hinein, der sich weit und mächtig über uns ausdehnt, und kann seine Gegenwart spüren. Manchmal laufen Tränen nach einem Gegentor und dann weiß ich, ich weine um ihn, an einem Ort, der Sympathie wie Wellen gegen meine Brust schlagen lässt, weil die anderen um mich herum glauben, ich weine des Spieles wegen. Schlimm war die Winterpause, vielleicht, weil es Winter war, als er starb, weil alles daran erinnerte, aber da kein Fußball war, der mich ablenken konnte, kein Stadion, das mich ihm näher brachte.

Dankbar kehrte ich im Februar endlich in die Kälte meines Stehblocks zurück und feuerte von dort die Jungs auf dem vereisten Rasen wieder an, aus voller Kehle. Vor zwei Tagen wäre mein Vater 70 geworden. Dieses Wochenende geht es erneut gegen die Hauptstadt. Der Teufel steckt im Detail.

Ein Euro pro Lebensjahr für Ente Bagdad

Im August 2018 war ich zu Besuch bei den Integrationskickern von Ente Bagdad, um eine Folge meiner Videokolumne Wortpiratin rot-weiß zu drehen, die 14-tägig bei der Allgemeinen Zeitung erscheint. Zur selben Zeit tauschten sich auf Twitter viele Fans über die #Saisonspende aus, eine Aktion, bei der rund um die Aktivitäten des jeweiligen Fußballvereins – Tore, Weiterkommen im DFB-Pokal und so weiter – am Ende der Saison Geld für einen guten Zweck gespendet wird.

Mir war dann schnell klar, meine Saisonspende 2018/19 soll der tollen Arbeit von Ente Bagdad zugute kommen. Kurz darauf erreichte mich eine Nachricht von Jochen, 05er durch und durch, dass auch er für die Enten spenden wollte: 75 Euro anlässlich seines 75. Geburtstages im Januar. Am Wochenende war es nun so weit und er überreichte den Enten in ihrer Arena die Spende.

Jochen und Stefan

„Mein Besuch am Sonntagnachmittag in der Entenarena in Mainz-Bretzenheim war für mich ein besonderes Erlebnis:
 Erstens habe ich die ‚Alt-Ente‘ Stefan nun auch persönlich kennengelernt und wir hatten interessante Gespräche. Zweitens war ich, nachdem ich auf der Homepage im Vorfeld schon die Enten-Historie gelesen hatte, sehr angetan von dem, was sich in den Jahren seit 1973 alles getan hat beziehungsweise, was die Enten alles an Positivem bewegt haben
. Drittens war der Kick ‚Jung gegen Alt‘ kurzweilig, er wurde professionell (mit echtem Schiedsrichter) und mit viel Enthusiasmus ausgetragen und die gute Laune kam nicht zu kurz. Und viertens hat mich sehr beeindruckt, wie fröhlich und aufgeschlossen die jungen Enten ‚aus aller Herren Länder‘ agierten und kommunizierten – eine Sprachbarriere gab es nicht. RESPEKT!
Fazit: Es war mein erster Besuch bei den Enten, aber ganz sicher nicht der letzte!“

Auf der Homepage der Enten findet sich ein ausführliches Interview mit Jochen. Danke auch von meiner Seite für die Spende: You’ll never watschel alone.

Fastnacht bei Mainz 05: Den Abend in der Kurve gewonnen

Für mich ist es inzwischen üblich, dass ich ein Fußballspiel in verschiedenen Laufrichtungen lese. Zunächst vorwärtsgerichtet, in der Beschäftigung mit dem Gegner, Trainingseindrücken, mittels Pressekonferenz und dem, was man als „Gefühl rundherum“ beschreiben könnte. Das wird – Blick in den Rückspiegel – oft vom Verlauf der vorangegangenen Partie mitbestimmt. Es folgt mit dem eigentlichen Spiel das Echtzeiterlebnis, wobei diese Eindrücke nicht nur durch die jeweilige Partie variieren, sondern auch davon beeinflusst werden, ob ich diese im Block, auf der Pressetribüne oder vorm Fernseher verfolge. Wie isoliert gerade der TV-Eindruck in vielerlei Hinsicht ist, wie es die Wahrnehmung des Spiels beeinflusst, wenn der Blick gelenkt wird durch Kamerawechsel und -perspektiven, wird mir oft bewusst, wenn ich das Spiel im Nachgang von Band erneut ansehe.

Kolumne

Im Spielverlauf kommt mit der parallelen Beobachtung der Partie in den sozialen Medien – vor allem Twitter – eine zweite Ebene wie ein Filter hinzu. Die erhält nach Abpfiff, wenn ich zuhause Kommentare und Einschätzungen nachlese, nochmal eine besondere Bedeutung. Dann mute ich mir auch Kommentare bei Facebook zu und lese die Partie im Kigges-Forum nach. Dabei ändert sich auch wieder die Richtung der Betrachtung, die aus der Echtzeit in den Rückblick springt. Oft geht es mir dann schon so, dass ich mich frage, warum viele KommentarschreiberInnen nicht für sich in Erwägung ziehen, erst dann die eigene Meinung für die Nachwelt ins Internet zu tackern, wenn sich die unmittelbaren Emotionen wieder beruhigt haben. Aber was weiß ich schon.

Fick dich ins Knie, Internethysterie

Zu diesem Zeitpunkt einen konstruktiven Diskurs führen zu wollen, ist vergebene Liebesmüh. Das hat mit einer Thematik zu tun, die Fußballdiskussionen keinesfalls exklusiv ist: Viele verwechseln Meinungsfreiheit mit Meinungshoheit, sprich, fühlen sich in ihrer Freiheit eingeschränkt, sobald ihnen widersprochen wird. Demnach darf man, zurück zu Mainz 05, am Verein angeblich nichts kritisieren, ohne attackiert zu werden, was aber natürlich niemanden davon abhält, es lustvoll zu tun. Schwamm drüber: Kritik ist ja auch völlig in Ordnung. Was ich nur in diesem Leben nicht mehr verstehen werde, sind die sich wiederholenden, völlig kopflosen Entlassungsforderungen, ist die komplette Fehleinschätzung dessen, was der eigene Verein zu leisten imstande ist.

Wenn nach dem bisherigen Saisonverlauf, nach der vorangegangenen Transferperiode und nach dem, was diese junge, entwicklungsfähige Mannschaft schon an Potential angedeutet hat, nach einem Spiel wie gestern nicht einfach die Kritik an dieser Partie zur Sprache kommt, sondern viele Fans sofort wieder die Köpfe von Trainer und Vorstand fordern, hinterlässt mich das schon eher ratlos. Wenn in einer hasserfüllten Innbrunst beschrieben wird, der Trainer habe sich ja komplett vercoacht, dann frage ich mich, was die Leute sich eigentlich von so einer 05-Saison erwarten.

Wer ist hier beim falschen Verein?

Nochmal, jedeR hat das Recht, zu kritisieren, was vermeintlich schiefläuft. An einem gewissen Punkt muss man dann aber auch mit der Gegenfrage leben, ob es eigentlich noch geht. Oder mit der Feststellung, offenbar beim falschen Verein angeheuert zu haben, die ich dann gerne unter solche Kommentare setze. Ich meine, wo kommen wir denn da hin, wenn sich hier jemand mit 27 Punkten aus 20 Spielen am 21. Spieltag einfach mal so vercoacht! Es ist schließlich sein Job, von dem wir hier reden und sicher liegt von jenen, die da gern schnell und hart den Stab brechen, im eigenen Job nie jemand daneben. Perrrfektion!

Lustigerweise passiert es zuletzt immer häufiger, dass mir darauf entgegnet wird, vielleicht sei ich beim falschen Verein. Darüber habe ich – reflektiert, wie ich nun mal bin – nachgedacht, Ergebnis: erstes Saisonziel Klassenerhalt und falls der frühzeitig eingetütet wird, sehen wir weiter – check. Sportliche Stoßrichtung, auf eine junge Mannschaft setzen und der Zeit und Raum für Entwicklung geben (was heißt, auch ein Ergebnis wie Freitagabend zu ertragen, denn das Spiel war ja nicht so schlecht, wie es im Nachhinein aussieht) – check. Trainer und Vorstand zutrauen, dass sie in ihrem Job keine Blinden sind, sondern wissen, was sie tun – check. Nein, ich denke, ich bin definitiv nicht beim falschen Verein. Aber. Was. Weiß. Ich. Schon.

Eine Kurve sollt ihr sein

Könnte ich mir also die Reihenfolge der Beschäftigung mit dem Spiel aussuchen, so würde ich sicher nicht mit den Onlinekommentaren aufhören. Aber meinen Zeitreiseführerschein habe ich leider nicht bestanden und so bleibt eben nur, sich am Ende auf das Echtzeiterlebnis im Stadion zurückzubesinnen. Gerade nach einem Spiel wie gestern. Denn auch, wenn es sich vermutlich in den Ohren der Fernsehzuschauer seltsam anhört, tun mir die Fans tatsächlich leid, die diesmal nicht im Stadion waren. Und nein, das soll nicht im mindesten der Einstieg in eine „Besserfan-Diskussion“ sein, die also bitte nicht hineininterpretieren. JedeR muss diesen Verein nach der eigenen Façon leben und damit glücklich werden (oder eben nicht).

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Aber wer im Stadion dabei war, wird dieses Spiel später mal nicht als Katastrophe erinnern. Es wird nicht nur abgebucht sein als die zweithöchste Niederlage nach dem einst (grauenvollen) 1:6 gegen Werder Bremen und vielleicht rücken sogar die (großartigen) Fastnachtstrikots in der Erinnerung in den Hintergrund. Was bleiben wird, das ist die Reaktion auf den Rängen, für die Trainer Sandro Schwarz in der Pressekonferenz nach der Partie lobende Worte fand und der Coach, Mannschaft und Sportchef schon durch den applaudierenden Gang in die Kurve nach dem Spiel Respekt gezollt hatten. Denn, seien wir ehrlich, das hätte richtig in die Hose gehen können. Eine Mannschaft, die im Sondertrikot abgeschossen wird, hat es auch letzte Saison gegeben, und weil das Team, der Verein und die Fans keinen gemeinsamen Umgang damit fanden, klaffte hinterher eine tiefe Lücke in den diversen Beziehungen, die über Monate unterm Verband pochte.

Ein Moment für die Ewigkeit

Eine Wiederholung dieses Zerwürfnisses ist nicht zu befürchten. Nicht nur, dass die Spiele selbst nicht vergleichbar sind, es ist seitdem auch ein Jahr ins Land gezogen, in dem zwar noch nicht alles perfekt funktioniert hat in der Kommunikation, aber unter zarter Fürsorge ein Zusammenhalt gewachsen ist, aus dem Kraft auch für schwierige Situationen erwächst. Und damit meine ich nicht die zwei Niederlagen, denn sowas passiert und wird wieder passieren, ich meine echte Krisen, die eben auch wieder kommen werden. Die Art und Weise, wie beschissene Tage und harte Zeiten hier gewuppt werden, wurde gestern stimmgewaltig und aus vollen Herzen angedeutet. Wo das Spiel nun mal zur Fastnachtspartie ausgerufen worden war, wurde es auch entsprechend begangen und gegen das Treiben auf dem Rasen lautstark mit „Am Rosenmontag bin ich geboren“ angesungen und Trost im „Heile, heile Gänsje“ gesucht. Das alles im Wunsch, Zusammenhalt zu demonstrieren – und nicht etwa, die Mannschaft zu verhöhnen oder im Stich zu lassen.

Um das unmissverständlich zu unterstreichen, folgte auf die närrischen Gesänge abermals laute Unterstützung, klang ein kraftvolles „Mainz 05, wir sind da“ aus allen Kehlen. Schwarz attestierte den Fans ein „sehr gutes Gespür für meine junge Mannschaft“, was sicher stimmt, mehr noch war das aber ein sehr gutes Gespür für Mainz 05, für das, was den Verein ausmacht, immer getragen hat und was auch in Zukunft entscheidend sein wird dafür, wohin diese gemeinsame Reise geht. Bedingungsloser Zusammenhalt gehört zur DNA des Vereins. An einem Abend wie diesem sind Zuschauerzahlen und Ergebnis letztlich sekundär. Was bleiben wird sind diese Momente, dieses Gefühl für einander, die Situation, den Verein. Das ist Mainz 05. Alles andere kann weg.

05-Gegnerbetrachtung: Feuer in der Puppenkiste

Die Gegnerbetrachtung ist zurück. Vor jedem Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit PodcasterInnen, JournalistInnen oder BloggerInnen aus dem Umfeld des gastgebenden Vereins. Heute erklärt mir Kristell Gnahm vom Podcast „Auf die Zirbelnuss“ die Krise des FC Augsburg.

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Hallo Kristell, schön, dass du dir die Zeit für meine Fragen nimmst. Du bist gebürtige Augsburgerin und seit vielen Jahren Fan des FCA. Bist du so ganz klassisch auf Papas Schultern zum ersten Mal ins Stadion, oder wie ging diese Liebe los?

DSC_0128_1 (2)Mein Papa war meines Wissens erst einmal in seinem Leben im Fußballstadion, nämlich auf Einladung und Drängen meiner Schwester und mir. Tatsächlich ist in meiner Familie die Fußballbegeisterung mütterlicherseits vererbt: Meine Mama kommt aus Frankreich und in ihrer Familie guckt jeder Fußball, zwei meiner Cousins waren früher sogar Profis, allerdings unterklassig. Dass ich den FCA entdeckt habe, habe ich aber meiner Schwester zu verdanken, die mich irgendwann zu Beginn der Zweitliga-Zeiten des FCA mit in die Rosenau genommen hat, weil sie Freikarten gewonnen hatte. Ab da gingen wir immer wieder und immer öfter hin, weil es einfach schön war: Das alte Stadion mitten in der Stadt, die Ur-Augsburger um uns herum mit ihrer Grantelei, der eher hemdsärmelige Kampffußball der Jungs auf dem Rasen – das hat mich sehr schnell in seinen Bann gezogen. Seitdem bin ich dabei, und weder schlimme Trainer (Holger Fach!) noch der Umzug ins neue Stadion auf dem Lechfeld draußen vor der Stadt haben es geschafft, mir die Zirbelnuss aus dem Herzen zu entfernen.

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Inzwischen bist du selbst zweifache Mutter. Wer dir auf Twitter folgt, kennt deine Kinder als Hashtag: #fcababys. Wie läuft die heimische Sozialisation und hast du manchmal Angst, eure Dötze an den großen, bayerischen Nachbarn zu verlieren?

Diese Angst begleitet mich natürlich, dass eines Tages eine meiner Töchter verkündet: Der FCA ist doof, ich bin ab jetzt Bayern-Fan. Die fliegt dann halt leider raus. Scherz beiseite, solange sie nicht zu den Löwen hält, darf sie bleiben. ;) Ich habe mein Möglichstes getan und beide Kinder am Tag ihrer Geburt beim FCA als Mitglied angemeldet, sie sind mit FCA-Fan-Utensilien eingekleidet, haben Schnuller mit dem Vereinswappen und manchmal singe ich ihnen die Hymne zum Einschlafen vor. Die Große erkennt schon viele Spieler, und auch wenn Marvin Hitz ihr das Herz gebrochen hat mit seinem Wechsel nach Dortmund, schaut sie gern zu, wenn wir zuhause gucken. Und beim Familientag, der traditionell rund ums letzte Testspiel vor Saisonstart im Stadion stattfindet, darf sie auch immer mit und feiert das ausgiebig. Für Punktspiele, vor allem im Stehblock, sind beide noch zu klein, aber sobald sie 90 Minuten durchhalten, werden wir sicher mal in den Familienblock gehen mit ihnen. Ich tu also mein Bestes, meinen Kindern nicht nur eine Liebe zum Fußball zu vermitteln, sondern auch zum richtigen Verein. Ob’s am Ende was nützt oder gar keinen Fußball oder andere Vereine lieben, wird sich zeigen.

Zirbelnuss Logo

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Du betreibst den Blog „Wer FCA sagt…“, der allerdings schon eine Weile ruht. Außerdem bist du die Frau hinter dem FCA-Podcast „Auf die Zirbelnuss“. Wie hat es sich entwickelt, dass du dich mit dem Verein nicht nur privat, sondern auch medial beschäftigst?

Das war kompletter Zufall, denn ich wäre eigentlich nicht drauf gekommen, meine Gedanken zum FCA und zum Fußball öffentlich zu machen. Mein früherer Arbeitskollege Andreas Thies war aber beim damaligen mein-sportradio.de (inzwischen meinsportpodcast.de) aktiv und sprach mich an, ob ich nicht mal dort was zum FCA erzählen wollte im BuLi Special, einem Podcast, in dem vor jedem Spieltag alle Begegnungen kurz mit Fans der jeweiligen Vereine besprochen werden. Sie fanden einfach keine FCA-Fans, und ich sei die Einzige, die er kenne. Meine Reaktion war zunächst „ICH??? Über Fußball? Öffentlich?“, aber er versicherte mir, er sei überzeugt von meiner Kompetenz in diesem Bereich, also hab ich’s einfach probiert, und so weh tat es gar nicht. Damals entstanden auch immer mehr Vereinspodcasts, ich dachte mir, da darf der FCA nicht fehlen und so wurde die Zirbelnuss geboren, die ich zusammen mit ein paar treuen Mit-Fans seit mehreren Jahren mehr oder weniger regelmäßig produziere. Es macht uns immer wieder großen Spaß.

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Frauen als Journalistinnen und Expertinnen im Fußball, das ist ein Thema, was einerseits an Normalität gewinnt, andererseits aber immer noch viel diskutiert wird. Wie fühlst du dich als Frau im vermeintlichen Männerzirkus und welche Erfahrungen machst du? Findest du, es ist immer noch schwerer, als Frau tatsächlich ernst genommen zu werden in diesem Business?

Eine schwierige Frage. Ich höre ja immer wieder, dass Frauen, die sich aus der „frauentypischen“ Sphäre hinauswagen und über Dinge wie zum Beispiel Fußball sprechen, extremen Anfeindungen bis hin zu übelsten Beschimpfungen ausgesetzt sind. Erstaunlicherweise habe ich selbst solche Erfahrungen bisher nicht gemacht. Natürlich gab es schon mal Sprüche wie „Ach, ist ja auch mal außergewöhnlich, dass sich eine Frau so gut mit Fußball auskennt“, aber das ist ja nicht beleidigend. Ich schiebe diese Tatsache vor allem darauf, dass ich über den FC Augsburg spreche und der ist den Leuten außerhalb von Augsburg in Prinzip völlig egal. Da stört es auch nicht weiter, dass eine Frau sich äußert. Würde ich über den FCB oder den BVB sprechen, sähe das wahrscheinlich ganz anders aus.

Die Mainzer Fans im Oktober bei der Pokalpleite in Augsburg. (Foto: Rheinhessen on Tour)

Die Mainzer Fans im Oktober bei der Pokalpleite in Augsburg. (Foto: Rheinhessen on Tour)

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Augsburg gehört wie Mainz zu den Vereinen, deren Faszination Außenstehenden wohl für immer verborgen bleiben wird. Das war kürzlich im Twitter-Universum schön zu sehen, als beide Verein in der #TraumBundesliga vieler Fans keine Rolle spielten. Kratzt dich sowas?

Natürlich hinterlässt das ein blödes Gefühl. Es erinnert an die entwürdigende Situation im Sportunterricht, wenn man als letztes noch aus der Bank saß, weil keiner dich ins Team gewählt hat. Aber wenn ich mich dann mal frei mache von der Kränkung sehe ich natürlich ein, dass es da nicht um mich geht, sondern darum, dass der FC Augsburg nun mal sehr neu ist auf der großen Fußballbühne und daher noch nicht viel Zeit hatte, außerhalb Augsburgs viele Emotionen auszulösen. Und hinter diesen Traumligen steckte im Grunde ja vor allem der Wunsch, eine Liga zu haben, in der man jeden Spieltag ein hochemotionales Spiel mit seinem Verein erlebt – da haben Vereine, die die Leute in ihrer Kindheit schon kennengelernt haben, viel mehr emotionales Potential – im Positiven wie im Negativen – als der FC Augsburg, der bis vor wenigen Jahren über die Grenzen von Bayern hinaus kaum eine Rolle spielte, wenn man die Zeit von Helmut Haller außer Acht lässt.

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Nicht permanent im Mittelpunkt des Interesses zu stehen, kann aber auch Vorteile haben oder eben Beleg dafür sein, dass alles planmäßig funktioniert. Beim FCA schien das in den letzten Jahren zuzutreffen, aktuell so gar nicht mehr. Fangen wir mit dem Sportlichen an: Wieso läuft es diese Saison plötzlich nicht mehr so rund wie in den Jahren zuvor? Was hat Baum spielerisch verändert, wo siehst du Kaderprobleme?

Baum hat wenig verändert und Kaderprobleme hatten wir bis vor Kurzem auch nicht unbedingt. Unsere Ausgangssituation vor der Saison war hervorragend, sogar so gut, dass uns erstmals seit unserem Aufstieg in die Bundesliga so gut wie keiner als Abstiegskandidat getippt hat. Ich glaube, das ist unser Problem: Wir sind viel zu selbstsicher in die Saison gegangen, man hörte von einigen Spielern sogar Dinge wie: „Natürlich erstmal den Klassenerhalt sichern, aber dann wollen wir schauen, was mit dem Kader noch alles möglich ist.“ Das war in meinen Augen der Fehler. Man hat sich viel zu lang damit geblendet, dass der FCA in den meisten Spielen mindestens gleich stark, oft sogar der bessere auf dem Platz war – aber leider entweder durch individuelle Fehler oder durch späte, unglückliche Gegentore doch als Verlierer vom Platz ging. Aus dieser Ergebniskrise ist dann spätestens mit Start der Rückrunde eine veritable sportliche Krise geworden, denn die Niederlage gegen Düsseldorf zum Auftakt war eine Offenbarung im negativen Sinne.

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Auch sonst gab es zuletzt massive Unruhe. So hat Martin Hinteregger am Wochenende nach der 0:2-Niederlage gegen Gladbach offenbar nichts Positives gefunden, was er über Manuel Baum sagen kann. Was läuft da deiner Ansicht nach schief zwischen Trainer und Team?

Natürlich bin ich in der Kabine nicht dabei und kann auch nur von außen beurteilen, was da abläuft. Aber ich habe das Gefühl, dass der vielbeschworene Zusammenhalt im Team und im Verein insgesamt ins Wanken geraten ist und nicht nur Hinteregger anfängt, sich innerlich aus der Sache rauszuziehen. Das hat man auf dem Platz immer wieder gesehen zuletzt, dass eben nicht jeder mit 110% dabei ist, und das ist ja nun auch der Grund, warum Hintereggers Tage beim FCA als Folge unter anderem dieser Aussage gezählt sind. Ich werte das aber als Folge der oben beschriebenen völlig überzogenen Erwartungen an die Saison und die Tatsache, dass die meisten nun in der Phase des Erkennens sind, dass es eben doch wieder „nur“ der verdammte Abstiegskampf ist, den der FCA abzuliefern hat. Diese Erkenntnis scheint auch bei Baum und Reuter zumindest ihren Aussagen nach noch nicht völlig angekommen zu sein.

Das Spiel des FCA gegen Mainz 05 ist das erste mit Co-Trainer Jens Lehmann. (Foto: WP)

Das Spiel des FCA gegen Mainz 05 ist das erste mit Co-Trainer Jens Lehmann. (Foto: WP)

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Um den aktuellen Negativtrend zu stoppen, wurde Jens Lehmann als Co-Trainer verpflichtet. Salopp gesagt hat man von dem in den letzten Jahren ja hauptsächlich blöde Sprüche gehört – sportlich blieb da wenig in Erinnerung. Wie beurteilst du diese Maßnahme? Und ist sie der Anfang vom Ende der Ära Baum?

Ich stehe dem Ganzen mit gemischten Gefühlen gegenüber. Einerseits schätze ich am FCA sehr, dass er sich den üblichen Mechanismen des Fußballgeschäfts entzieht und selten Trainer entlässt, bloß weil es sportlich gerade nicht so gut läuft. Beim FCA wird üblicherweise viel vertraut, solange die Akteure einen plausiblen Plan haben, wie es da wieder rausgehen soll. Und wenn es nun hilft, Manuel Baum als Trainer zu halten, dass man ihm einen Jens Lehmann zur Seite stellt, dann will ich das eben akzeptieren. Vielleicht schauen die Spieler zu ihm mehr auf, weil er noch präsenter ist als großer Spieler, vielleicht bringt er neue Ideen von Wenger mit, oder vielleicht kann er sie in der Kabine besser zusammenbrüllen, wenn sie sich den Allerwertesten nicht aufreißen. Was auch immer Reuter denkt, wenn es hilft, die Klasse zu halten, dann nehme ich auch einen Jens Lehmann. Andererseits mag ich ihn halt einfach nicht, hab ihn nie gemocht und tu mir schon schwer, ihm jetzt die Chance zu geben, bei der Rettung meines Herzvereins mitzuhelfen. Aber ich rede mir jetzt einfach so lange ein, dass er bestimmt Qualitäten hat, bis ich mir das glaube.

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Aktuell ermittelt nun auch der DFB-Kontrollausschuss gegen Baum, weil er sich am Samstag nach der Niederlage abfällig über das Schiedsrichtergespann geäußert hat. Andererseits hat der DFB in Person von Dr. Jochen Drees eingeräumt, es sei ein Fehler gewesen, das 1:0 durch Lars Stindl zu geben. Wie sauer macht dich sowas persönlich? Die Punkte sind ja nun mal so oder so verloren. Verstehst du Baum da?

Ein Stück weit verstehe ich Baum natürlich, so etwas ist ein Schlag in die Fresse, wenn du eh schon am Boden liegst. Allerdings empfinde ich so eine Kritik, noch dazu in dieser extremen Wortwahl, als unsouverän, denn Fehler passieren, und so schwer es fällt, muss man damit leider einfach leben. Es liegt ja nun nicht an den Schiedsrichtern, dass wir da stehen, wo wir stehen, und ob wir das Spiel tatsächlich über die Zeit gerettet hätten, wenn das Tor nicht gegeben worden wäre, weiß auch keiner. Beim bisherigen Saisonverlauf hätten wir einfach ein wenig später eines rein bekommen, das kein Abseits gewesen wäre, weil wir einfach keine Schlussphase überstehen und schon gar nicht zu Null spielen.

Spiele gegen den FCA waren schon oft eine Wundertüte für Mainz 05. (Foto: Meenzer on Tour)

Spiele gegen den FCA waren schon oft eine Wundertüte für Mainz 05. (Foto: Meenzer on Tour)

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Der letzte Aufreger war im Grunde nicht neu: Mittelfeldmann Caiuby, der seit Trainingsstart fehlte, wurde freigestellt. Ähnliche Probleme hatte es mit ihm häufiger gegeben, bislang hat der Verein ihn aber geschützt. Inwieweit ist auch das ein Trainerproblem, den Spieler nicht in den Griff zu kriegen? Oder ist Caiuby einfach unbelehrbar?

Caiuby ist sicherlich ein spezieller Charakter, der sich nicht zum ersten Mal etwas rausgenommen hat. Er hatte allerdings bisher den Trumpf im Ärmel, dass er nicht nur sportlich wichtig für das Team war, sondern auch auf dem Platz ausnahmslos vollsten Einsatz gezeigt hat und zumindest dadurch demonstrierte, dass er weiß, worauf es beim FCA ankommt. Das hat offensichtlich nun ein Ende gefunden, und vielleicht war es ein Fehler, dass man ihm schon früher solches Verhalten durchgehen ließ. Hinterher ist man immer schlauer, aber ich hätte wohl in Baums und Reuters Lage genauso gehandelt, weil es auch viel gab, was eben für Caiuby sprach. Dass nun nicht nur bei ihm, sondern auch bei Hinteregger recht drastisch durchgegriffen wird, belegt aber, dass nun ein anderer Wind herrscht, weil die Verantwortlichen wohl erkannt haben, dass sie die Zügel zu locker gelassen haben.

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Mittelfristig: Was glaubst du, wie die Saison für deinen FCA weitergeht? Kurzfristig: Welche taktischen Veränderungen erwartest du am Sonntag? Worauf muss sich der FSV einstellen? Und was ist dein Tipp fürs Spiel?

Für uns gilt es für den Rest der Saison, uns dem Abstieg mit allem was wir haben entgegen zu stemmen. Das wird nicht leicht werden, weil wir gefühlt noch nicht ganz im Abstiegskampf angekommen sind, zumindest nicht in der Wahrnehmung der Spieler. Es wird also weiterhin anstrengend und schmerzhaft. Der FSV darf sich aber auf einen Gegner einstellen, der in seinen besseren Phasen durchaus auf Augenhöhe mitspielen kann, und wenn der Fußballgott wohlwollend auf uns blickt und uns vielleicht einen Führungstreffer spendiert, könnte der eine oder andere Knoten platzen. Realistisch betrachtet erwarte ich aber eine eher defensive Einstellung und bei eurer derzeitigen Form spätestens ab der 75. Minute einen leider verdienten Sieg für euch.

KOMPAKT
Der FC Augsburg ist der beste Club der Welt, weil … wir kein Maskottchen und keinen Wimpel brauchen, aber unseren Gästen ihre Hymne spielen und dem Kapitän eine Marionette aus der Puppenkiste überreichen.
Was ich an unserem Stadion besonders liebe, ist … dass man Augsburg an allen Ecken und Enden spürt: an der grattligen Grummelei um mich herum, am kopfwehproduzierenden Stadionbier, an der Straßenbahnbimmelei vor den Ecken, an der nostalgisch abgefilmten Anzeigetafel aus der Rosenau und dem Wagner Josef, der den neuen Spielstand aufhängt, wenn der FCA ein Tor schießt.
Mein ewiger Lieblingsspieler ist eindeutig … Tobi Werner, Fußballgott.
Wer Augsburg besucht, sollte unbedingt … durch die Altstadt und die Innenstadt schlendern und sich die geschichtsträchtigen Hot Spots anschauen. Augsburg hat, ähnlich wie Mainz, eine jahrtausendealte Geschichte zu bieten.
Besonders lecker essen Gästefans … im Ratskeller im Keller des Rathauses – wenn es für eine Sightseeing-Tour nicht reicht, kann man wenigstens passable bayerisch-schwäbische Küche im ehemaligen Folterkeller genießen.

Vielen Dank für das Gespräch!

KOMPAKT
Kaum wartet man mal 114 Jahre, da stellt Mainz 05 auch schon die erste Fastnachtssitzung seiner Geschichte auf die Beine. Das wurde aber auch Zeit! Sahen anscheinend auch die Spieler so, die sich bei der von Klaus Hafner organisierten Narrengaudi bestens amüsierten. Helau.

|| Danke an Meenzer on Tour und Rheinhessen on Tour für die Fotos. ||