Vergiftete Hoffnung: Ein schlimmer Verdacht

Ein halbes Jahr ist es her, dass Vergiftete Hoffnung im Societäts-Verlag erschienen ist. Es war ein halbes Jahr, in dem ich keine Lesungen halten konnte, in dem das Buch deshalb auch viel weniger sichtbar war, als 2018 der Vorgänger Im Schatten der Arena. Im März veröffentliche ich deshalb vier Ausschnitte aus dem 05-Krimi. Begleitet werden diese von den eingelesenen Kapiteln.

Eine schwarze Katze mit weißer Nase liegt in einem Päckchen mit lauter Exemplaren von "Vergiftete Hoffnung".

Auf wen wartet er bloß? Ungeduldig trippelt Jo von einem Fuß auf den anderen. Ihr ist mittlerweile richtig kalt. Sie widersteht der Versuchung, ebenfalls einen Schirm zu holen, obwohl sie weiß, im Kofferraum ihres Autos liegen gleich mehrere Exemplare. Aber sie will hier auf keinen Fall etwas verpassen. Wieder springen die Fußgängerampeln auf Grün, wieder zuckt Jo bei dem Geräusch erschreckt zusammen. Dann nimmt sie wahr, wie sich eine Person aus der Traube löst, die auf Höhe der Kneipe „Schick und Schön“ aus der Boppstraße kommend die Kaiserstraße überquert.

Sie kneift die Augen zusammen, um zu erkennen, ob die Silhouette sich auf Rainer Böttinger zubewegt. Tatsächlich. Doch bisher kann sie nicht sehen, wer da forschen Schrittes in ihre Richtung läuft, zumal ein großer, schwarzer Schirm Gesicht und Oberkörper der Person verdeckt. Böttinger hat Jo den Rücken zugedreht. Als er wahrnimmt, wer auf ihn zukommt, tritt er eilig seine brennende Zigarette aus und klappt den Kinderschirm zusammen. Ist ihm der etwa peinlich?

In gebückter Haltung schleicht Jo ein paar Meter an der Mauer entlang. Als sie den Kopf hebt, hat die Person mit dem Schirm diesen ebenfalls zugeklappt und schüttelt Rainer Böttinger lächelnd die ausgestreckte Hand. Jo starrt auf seinen Rücken und es kommt ihr vor, als könne sie sein breites Grinsen sehen. Was für ein schleimiger Kotzbrocken du bist. Sie knirscht wütend mit den Zähnen. Die Frau, der ihr Vater gerade fast in den Ausschnitt fällt, ist sehr groß, sehr schlank und sehr schön. Jo ist sich relativ sicher, sie noch nie gesehen zu haben. Mit klammen Fingern fischt sie in der Hosentasche nach ihrem Handy und versucht, damit ein Foto von den beiden zu machen. Ziemlich verwackelt, aber wer die Frau kennt, würde vielleicht etwas damit anfangen können.

Das Auto, das mit quietschenden Reifen neben den beiden hält, hat ein auswärtiges Kennzeichen. Jo kneift die Augen zusammen, um die Buchstaben entziffern zu können. LDS. Nie gehört. Sie tippt sie in ihren Chatverlauf mit Anda, als sich die Fahrertür des Porsches öffnet und Rolf Böttinger aussteigt. Ihr Halbbruder. Schon wieder. Das wird ja noch ein richtiges Familientreffen hier. Rolf läuft ums Auto herum und reißt die Bei- fahrertür auf. Eine leicht verhuschte junge Frau steigt aus. Er redet wild auf sie ein und drückt ihr die Schlüssel in die Hand. Zögernd geht sie zur Fahrerseite und steigt wieder ins Auto. Rolf klopft auf die Motorhaube und ruft etwas in Richtung seines Vaters, die beiden Männer lachen. Dann gehen sie zusammen mit der Unbekannten in das Gebäude hinein.

Jo wartet einen kleinen Moment, bis sie sich vor den Eingang traut. Von den Dreien ist nichts mehr zu sehen. Sie zögert. Soll sie ihnen einfach ins Gebäude folgen? Mit klopfendem Herzen läuft sie ein paar Stufen die Treppe hinauf. Vor dem Eingang steht ein Typ mit einer Security-Weste. Sie duckt sich rasch und schleicht wieder zurück. Neben dem Haupteingang führt ein Durchgang in den Hof hinter dem Gebäude. Jo erinnert sich, dass im Keller eine Zeitlang Konzerte und Festivals stattgefunden haben, bevor das Gebäude für die Geflüchteten umgebaut worden ist. Irgendwelche Idioten hatten deshalb gegen die neue Nutzung mit Schildern protestiert, auf denen „Partypeople yes, Boatpeople no“ zu lesen war. Jo schnaubt verächtlich. Was für Arschlöcher manche Leute einfach sind.

Im Hof braucht sie eine Sekunde, um sich zu orientieren. Zu ihrer Linken ist der Teil des Gebäudes, in dem die Verwaltung und die Gemeinschaftsräume untergebracht sind, das hat sie auf dem Plan auf der Homepage gesehen. Sie bleibt zögernd stehen. Einige der Verwaltungsräume sind im Sousparterre. Was, wenn die drei dort unten sind und durch einen blöden Zufall ihre Füße sehen, wenn sie da entlangläuft? Jo entfernt sich ein paar Meter vom Gebäude und duckt sich zwischen die Autos, die hier parken. In der Hocke bewegt sie sich langsam zwischen den Reihen und späht rüber zu den tiefliegenden Fenstern. In einem der Räume brennt Licht. Sie hält den Atem an und krabbelt rüber zum Haus, vorsichtig darauf bedacht, nicht in das Sichtfeld der Menschen in dem beleuchteten Raum zu kommen.

Jo kniet an die Wand des Gebäudes gepresst ein Stück neben dem Lichtkegel und lugt vorsichtig zwischen den Gitterstäben vor dem Fenster hindurch. Bingo. Die drei sind in dem Zimmer. Die Männer stehen mit dem Rücken zu ihr, die Frau in ihre Richtung, aber sie ist ganz auf die vierte Person konzentriert, die zusammengekauert auf einem Stuhl hockt. Jo rutscht ein Stück näher an die Gitterstäbe. Sie realisiert, dass die Fenster gekippt sind und dreht den Kopf, um zu hören, was da unten vor sich geht. Aber sie kann nichts verstehen.

Fuck man, redet doch mal ein bisschen lauter. Die beiden Männer treten ein Stück von dem Stuhl weg und Jo sieht, dass es eine junge Frau ist, auf die alle drei derart heftig einreden. Sie kommt ihr vage bekannt vor, ohne, dass sie sagen könnte, woher. Ihr Halbbruder schreit nun heftig auf das Mädchen ein, die mit starrem Blick an ihm vorbeisieht. Plötzlich schnellt seine Hand vor und er reißt an ihren langen, pechschwarzen Haaren. Jo unterdrückt einen Schrei. Sie sieht sich um. Was, wenn sie einen Stein oder sowas gegen das Fenster tritt, um die Runde da unten aufzuscheuchen?

„Was machen Sie denn da?“ Die Stimme bricht aus dem Nichts in Jos Gedanken. Sie fährt erschrocken herum und sieht den Mann mit der Weste hinter sich stehen. Fuck.

Vergiftete Hoffnung, Kapitel 21

aus: Vergiftete Hoffnung, Mainz 05-Krimi | Kapitel 21

Das Buch kann über jede Buchhandlung bezogen werden. Online ist es u.a. erhältlich im Shop der Autorenwelt.

Vergiftete Hoffnung: Fußball gehört ins Stadion

Ein halbes Jahr ist es her, dass Vergiftete Hoffnung im Societäts-Verlag erschienen ist. Es war ein halbes Jahr, in dem ich keine Lesungen halten konnte, in dem das Buch deshalb auch viel weniger sichtbar war, als 2018 der Vorgänger Im Schatten der Arena. Im März veröffentliche ich deshalb vier Ausschnitte aus dem 05-Krimi. Begleitet werden diese von den eingelesenen Kapiteln.

Beim Frühstück hängt Luca über der Spieltagsseite der AZ und versucht, die Namen der erwarteten Aufstellung zu lesen. Einige kann er schon völlig eigenständig entziffern, bei manchen braucht er Hilfe. Wieder andere kann er nicht wirklich lesen, hat sich aber die Reihenfolge der Buchstaben wie ein Bild gemerkt und trägt sie deshalb besonders selbstbewusst vor.
„Mama. Schöbamäh spielt, hast du gesehen.“
„Ja. Und Brosinski.“
Der Name seines Lieblingsspielers gehört zu jenen, die Luca weder lesend noch erinnernd erkennt, was ihn sehr ärgert. Jo hat es sich deshalb zur Angewohnheit gemacht, ihm den Außenverteidiger immer direkt aufzuzeigen.
Luca nickt wissend und Jo beobachtet liebevoll, wie er nach dem Namen eines zweiten Außenspielers sucht. Schließlich entdeckt er Donati und schaut sie mit hochrotem Kopf an. „Du, Mama, wenn Tschullio dabei ist, dann spielt Brosi heute wohl auf links.“

Jo nickt und lächelt. „Das denke ich auch, Cookie. Und weißt du denn, was heute etwas Besonderes ist bei dem Spiel?“
Luca strahlt. Nonna hat ihm am Freitag das Interview seiner Mutter mit Danny Latza vorgelesen. „Latza muss heute schon vier Tore schießen, damit er besser ist als letztes Mal.“
Jo lacht. „Das wird glaube ich schwierig, Schatz.“
„Aber nicht unmöglich, Mama. Benni Auer hat auch mal vier Tore für uns geschossen. Aber wir sind trotzdem nicht aufgestiegen, leider, leider.“ Er sieht sie aus großen Augen an.
Jo beugt sich vor und küsst ihren Sohn auf die Stirn. Es ist schwer zu erklären, wieso es sie derart rührt, dass er Fußballerlebnisse aus dem Ärmel schütteln kann, bei deren Entstehung er nicht einmal geboren war. Aber sie spürt eine heiße, heftige Liebe in ihrer Brust aufflammen und würde Luca am liebsten nie mehr loslassen.
„Stimmt doch, Mama, oder?“
Jo lächelt ihn an. „Stimmt absolut. Du bist so klug.“

Luca beobachtet sie angestrengt. „Aber du meinst was anderes. Oder, Mama?
„Jein. Latza ist etwas ganz Besonderes für das Spiel heute, das stimmt. Aber überleg mal, wer noch?“ Sie breitet die Arme neben dem Körper aus und schwingt sie auf und ab.
„Kackt uns eine Taube auf den Kopf?“ Luca rümpft die Nase.
„Nein, du Quatschkopf. René Adler steht heute bei uns im Tor – und der hat lange für den HSV gespielt.“
Luca ist nicht beeindruckt. „Ach sooo. Aber Mama, das interessiert den doch gar nicht mehr. Der ist ja jetzt Mainzer.“

Luca soll mit seiner zuversichtlichen Einschätzung falsch liegen, der langjährige HSVer René Adler scheint an diesem Nachmittag sehr beeindruckt davon, zum ersten Mal gegen seinen Ex-Verein zu spielen. Weil aber Maxim die Mainzer nach nur zwei Minuten in Führung bringt, fällt die deutliche Unsicherheit des Schlussmanns erstmal nicht ins Gewicht. Luca bejubelt beim Tor weniger den Schützen als den Vorlagengeber: Donati. „Hast du gesehen, das war Tschullio!“, erklärt er strahlend Stefan, der seit vielen Jahren neben ihm im S-Block steht.
„Ja, das hat er prima gemacht“, nickt der. „Aber für Maxim war es das erste Tor für Mainz 05, wusstest du das?“
Luca sieht auf die Anzeigetafel, die den Treffer für einen Moment festhält. „Eeehrlich? Das allererste?“
Stefan nickt.

„Mama. Gell, Maxim kommt aus Rumanien.“
„Rumänien, Luca. Und schau mal, jetzt hat Hamburg den Ball.“
Der Dotz umfasst mit beiden Händen einen Wellenbrecher, legt den Kopf darauf ab und beobachtet, wie der Ball zwischen den Mannschaften hin und her geht. Hamburg scheint gerade ein wenig die Oberhand zu bekommen. „Mama, hilf mir mal.“ Er hängt nun halb unter dem Wellenbrecher, beide Füße darum geklammert. Jo hievt ihn auf die Stange, damit er besser sieht.
„Hast du hinter dir gefragt, ob das okay ist?“ Luca dreht sich zu dem Ehepaar in seinem Rücken. „Seht ihr noch was?“ Die beiden rücken ein wenig nach außen und schauen nun links und rechts an ihm vorbei. „So geht es.“

Jo holt tief Luft und lächelt in sich hinein. Sie weiß nicht, wie die beiden heißen, wohl aber, dass sie verheiratet sind. Sie hat keine Ahnung, wo sie leben oder was ihre Jobs sind, aber sie weiß ohne Zweifel, ihre Herzen schlagen für Mainz 05. Sie könnte nicht sagen, ob sie Geschwister haben, an Gott glauben oder in der freien Zeit gerne schwimmen gehen, aber sie hat mit ihnen in den letzten Jahren Momente der Nähe geteilt, wie sie sie sonst nur mit engen Freunden oder vertrauten Familienmitgliedern erlebt.

Das Stadion ist ein magischer Ort und die Begegnungen, die sie dort alle zwei Wochen erlebt, sind mindestens so wichtig, wie das Geschehen auf dem Platz. Sie dreht sich zur Seite, um Lucas Gezappel auf dem Wellenbrecher und Stefans so konzentriertes Gesicht gleichzeitig beobachten zu können. Deswegen ahnt sie, was auf dem Spielfeld passiert sein muss, bevor Klaus Hafners sonore Stimme es ihr über die Stadionanlage mitteilen kann: der Ausgleich.

„Mama. Der große Mann ohne Haare hat ein Tor geschossen, weil Stefan Bell nicht richtig aufgepasst hat.“ Luca schaut vorwurfsvoll, und an der Seitenlinie rastet Sandro Schwarz mit dem ganzen Körper aus. Er geht zu Co-Trainer Jan-Moritz Lichte, der die Ersatzspieler alle auf einmal zum Aufwärmen schickt. Jo grinst.
„Stimmt, Schatz. Da sah Bell nicht gut aus.“
„Ich weiß nicht, was es da zu lachen gibt, Mama.“
Der strenge Ton ihres Sohnes kitzelt ihr Lachzentrum noch mehr als seine leicht altkluge Einschätzung zu Stefan Bells Schnarcherei vor dem Gegentreffer. Sie schielt ein wenig neidisch auf das Bier ihres Nebenstehers und schüttelt sich. „Tut mir echt leid, Cookie. Es war so ein doofes Tor, manchmal muss man auch lachen, weil etwas besonders doof war.“
„Meinst du, René Adler hat jetzt eine Herzspaltung? Weil er doch immer noch in Hamburg wohnt.“ Die Tatsache, dass der Torwart nicht Haus und Hof an der Elbe für die zwei Jahre in Mainz aufgegeben hat, macht ihrem Sohn zu schaffen.
„Ich denke nicht, Cookie. Aber vielleicht ist er schon besonders nervös heute. Stell dir mal vor, du müsstest bei Skribb.lio gegen Nonna und mich ran.“ Das grob an die Montagsmaler angelehnte Onlinespiel zocken sie neuerdings zu dritt gegen Lucas Freund Emil, dessen älteren Bruder und seine Mutter.
„Ui, Mama, das wäre sehr kompliziert in mir drin.“ Er schlägt sich leicht mit der Faust gegen die Brust.
„Siehst du. Und so geht es René Adler gerade.“

Vergiftete Hoffnung, Kapitel 15

aus: Vergiftete Hoffnung, Mainz-05 Krimi | Kapitel 15

Das Buch kann über jede Buchhandlung bezogen werden. Online ist es u.a. erhältlich im Shop der Autorenwelt.

Mainz 05: Spielentwicklung unter Bo Svensson

Wer nach Abpfiff der Partie des 1. FSV Mainz 05 gegen den SC Freiburg in die Gesichter der Mainzer Spieler schaute, konnte ihre Freude über den späten Siegtreffer von Robin Quaison gar nicht übersehen. So, wie vieles an der Entwicklung der nun knapp drei Monate unter dem neuen Chefcoach Bo Svensson nicht zu übersehen ist. Der gute Teamgeist dieser einst abgeschriebenen Truppe. Die kämpferische Einstellung, zu der auch überragende Werte in Sachen Laufleistung gehören. Eine neue Giftigkeit in den Zweikämpfen. Der entschlossene Kampf um die zweiten Bälle, die Bereitschaft, immer füreinander einzustehen.

All das ist deutlich erkennbar und gibt in der Summe die berechtigte Hoffnung, bis zum Schluss um den Klassenerhalt mitzuspielen. Aber inwieweit lassen sich die positiven Eindrücke auch durch Zahlen belegen – und wo zeigen diese vielleicht noch Luft nach oben auf?

Mit Fußballdaten aller Art beschäftigt sich Mats Beckmann und Quirin Sterr, die Gründer von CREATE FOOTBALL. Mit dem Start-up möchten sie das hierzulande noch eher vernachlässigte Thema Datenscouting vorantreiben. Sie erheben die Zahlen nicht selbst, sondern beziehen sie von Anbietern wie InStat oder Wyscout* und interpretieren sie für Beiträge in ihrem Podcast, Blog und bei Instagram. Um einen genaueren Blick auf die Entwicklung der Mainzer Mannschaft zu werfen, habe ich ihnen einen Fragenkatalog zu den Spieldaten der 05er zukommen lassen, die sie daraufhin für mich zusammengetragen haben. Wichtig war mir, nicht nur im Vergleich mit den Spielen unter Jan-Moritz Lichte auf kurzfristige Effekte seit dem Dienstantritt von Bo Svensson zu schauen, sondern auch den Vergleich zu ziehen mit der Zeit unter Achim Beierlorzer.

Etwas überraschend ist zunächst vielleicht die Feststellung, dass die Passgenauigkeit unter Bo Svensson schlechter geworden ist. Lag sie mit Achim Beierlorzer an der Seitenlinie noch bei 78 Prozent und war unter Nachfolger Jan-Moritz Lichte mit 78,5 nahezu identisch, liegt sie derzeit im Schnitt bei 73 Prozent. Besonders schlecht war sie beispielsweise bei der Heimniederlage gegen Wolfsburg mit lediglich 64,3 Prozent. Allerdings zeigen die Vergleiche direkt, dass Statistiken im Fußball nun mal nicht alles sind: Auch bei der Partie gegen Borussia Mönchengladbach lag die Mainzer Passquote mit 67 Prozent niedrig – gewonnen haben die 05er dennoch. Zum Vergleich, die Passquote der Gladbacher lag bei 85,7 Prozent.

In Sachen Pässe spielt eben nicht nur die Genauigkeit eine Rolle, sondern auch, wo und wohin auf dem Feld sie gespielt werden, also was nach dem – bestenfalls gelungenen – Pass geschieht. Der niedrige Wert hat aber auch mit Svenssons Spielansatz zu tun, der gefährliche Pässe durchaus in Kauf nimmt, weil, vereinfacht gesagt, auch davon immer mal einer ankommt; und womöglich der entscheidende. Etwas ruhiger war das Spiel übrigens zuletzt mit Boëtius statt Latza eben gegen den SC Freiburg, was die verbesserte Passquote und der vergleichsweise hohe Ballbesitz belegen.

Auch bei der Interpretation des Spielstils können die Daten Aufschluss geben und hier sticht besonders der Wert der Balleroberungen ins Auge. Der lag unter Beierlorzer bei 81,3 pro Spiel (Lichte 78,5), seit Amtsantritt von Svensson liegt der Durchschnittswert hier bei 93,5 pro 90 Minuten. Zum Vergleich, bei Union Berlin liegt dieser Wert in der bisherigen Saison bei 85,4 und Arminia Bielefeld weist ein Balleroberungsmittel von 79 pro Spiel auf. In den letzten drei Spielen lag Mainz beim Balleroberungswert in den Top Fünf in der Liga, gegen Schalke sogar auf Rang 2.

Mit diesem Werten lässt sich bestätigen, was auch auf dem Feld erkennbar ist: Svensson setzt stark auf das Spiel gegen den Ball. Dafür spricht auch der so genannte PPDA-Wert, bei dem die Anzahl der gegnerischen Pässe erfasst wird, bevor Mainz 05 Druck auf den Ball beziehungsweise Gegenspieler erzeugt. Er liegt in Svenssons Amtszeit bei 11,5 Pässen – unter Beierlorzer lag er bei 14, unter Lichte sogar bei 15,3 Pässen. Die Mainzer Spieler bauen also deutlich früher Druck auf ihre Gegner auf, seit Svensson am Ruder ist.

Lohnenswert ist in Sachen Daten auch der Blick auf die Entwicklung einzelner Spieler. Moussa Niakhaté steht aktuell zwar in einzelnen Werten etwas schlechter da als unter Beierlorzer oder Lichte, bei dem er im Schnitt 2,4 erfolgreiche Tacklings hatte (aktueller Wert: 1,7). Allerdings weist er unter Svensson die deutlich beste Zweikampfquote von 75% auf – unter Beierlorzer lag diese fast 10 Prozent niedriger (66%). Spielmacher Kevin Stöger konnte den Wert der von ihm kreierten Torchancen unter Svensson von 0,4 (Lichte) auf 0,88 mehr als verdoppeln. Seine erfolgreichen Schlüsselpässe liegen nun bei 0,29 (0 unter Lichte).

Spannend ist auch die starke Entwicklung der Leihspieler aus Frankfurt, verglichen mit den Werten beim abgebenden Verein. So kommt Danny da Costa bei Mainz 05 im Vergleich zu den Einsätzen bei der Eintracht auf 28 (22,2) erfolgreiche Aktionen und 0,87 (0,56) kreierte Torchancen pro Spiel. Dominik Kohr glänzt mit 10 (5,8) Balleroberungen sowie 12,5 (6,5) erfolgreichen Zweikämpfen.

Bestätigen lässt sich mit den Zahlen zudem der Eindruck, dass Stefan Bell auf seine alten Tage die Saison seines Lebens spielt – zumindest fast. Lediglich 2017/18 wies Bell seit Beginn dieser Form der Datenaufzeichnung 2013/14 bessere Werte auf als in der laufenden Saison. Gemessen an den Top-5-Ligen sind seine Werte allesamt überdurchschnittlich, besonders auffällig sind die im Schnitt 14,2 Balleroberungen pro Spiel und die 3,7 Klärungsaktionen. (Für letztere weist opta sogar einen noch höheren Wert auf.) Und es gibt noch einen weiteren 05er, der bei dieser Kennzahl auffällig ist: Alexander Hack. Auch die neugewonnene defensive Stabilität des Teams unterstreichen die Zahlen demnach deutlich. Weiteren Nachholbedarf hat Mainz hingegen in der Qualität des Angriffsspiels. Zwar spielt 05 unter Svensson nach vorne aktiver, kann aber zu selten Nutzen daraus ziehen.

Fußball ist ein Puzzle, das sich aus vielen Teilen zusammensetzt, auf dem Feld ebenso wie in der Bewertung. Der Eindruck einer positiven spielerischen Entwicklung der Mainzer unter Svensson lässt sich anhand der Daten zu den Spielern und Partien bestätigen. Das ist gerade dann ein gutes Zeichen, wenn die Punkte mal ausbleiben sollten. Das Ziel, mit dem Team zum einen kurzfristig zu punkten, zum anderen aber eine spielerische Entwicklung zu schaffen, ist eines, dem sich die 05-Mannschaft gemeinsam mit dem Trainerteam Schritt für Schritt nähert.

*Bekannt ist vielen als Quelle für Daten sicher opta, deren Zahlen beispielsweise sky, DAZN oder der kicker nutzen. Vergleicht man die Daten, weichen die absoluten Zahlen bei den drei Anbietern durchaus voneinander ab, die Tendenzen sind aber vergleichbar.
**Quellen für die Fotos: Bo Svensson: 1. FSV Mainz 05 | Achim Beierlorzer, Jan-Moritz Lichte & Michael Falkenmayer: Malino Schust für Wortpiratin rot-weiß | Danny da Costa, Dominik Kohr: 1. FSV Mainz 05

Vergiftete Hoffnung: Eine Katze für Luca

Ein halbes Jahr ist es her, dass Vergiftete Hoffnung im Societäts-Verlag erschienen ist. Es war ein halbes Jahr, in dem ich keine Lesungen halten konnte, in dem das Buch deshalb auch viel weniger sichtbar war, als 2018 der Vorgänger Im Schatten der Arena. Im März veröffentliche ich deshalb vier Ausschnitte aus dem 05-Krimi. Begleitet werden diese von den eingelesenen Kapiteln.

„Mama?“
„Was denn, Cookie?“
„Möchtest du ein Mädchen oder einen Jungen?“
„Ich bin mit dir ganz zufrieden.“
„Orrr. Mama. Ich meine die Katze.“
„Da bin ich mit Obama ganz zufrieden.“
„Mama. Du bist unmöglich.“
Jo betrachtet den zappelnden Luca im Rückspiegel und muss über seine offensichtliche Ungeduld lachen.

„Hör mal, Cookie. Ich habe dir das mit der Katze noch nicht fest versprochen, okay? Es ist also nicht gesagt, dass wir da gleich mit einem neuen Mitbewohner aus dem Tierheim rausgehen.“ „Es ist aber auch nicht gesagt, dass wir es nicht machen.“
Jo grinst.
„Also, willst du ein Mädchen oder einen Jungen, Mama?“ „Ich bin mit meinem Jungshaushalt eigentlich ganz zufrieden. Du, Obama und ich – das klappt ganz gut, was meinst du?“

„Und Hans.“
„…“
„Mama?“
„Hm?“
„Warum hast du ein eigenes Zimmer und ich habe ein eigenes Zimmer und Hans hat kein eigenes Zimmer? Er weiß gar nicht, wo er seine Sachen hintun soll, wenn er bei uns ist.“
„Hat er das gesagt?“
Luca grübelt angestrengt.
„Cookie?“
„Du darfst nicht mit ihm schimpfen.“
„Wieso sollte ich mit Hans schimpfen?“
„Er sagt, du bist sauer, wenn er ein eigenes Zimmer will.“
„Sagt er das, hm.“
Nicken.
„Schau mal, Luca, als wir in die Wohnung gezogen sind, da gab es Hans doch noch gar nicht. Erinnerst du dich?“
„Ja. Da gab es Jonas.“
Jo beißt sich heftig auf die Unterlippe. „Stimmt, da gab es Jonas.“

Die plötzliche Erwähnung ihres besten Freundes versetzt ihr einen Stich. Sie macht eine mentale Notiz, in den kommenden Tagen zu seinem Baum im Friedwald zu fahren.
„Jonas hatte auch kein eigenes Zimmer, Mama.“
„Nein. Er hatte eine eigene Wohnung. Genau wie Hans.“ „Hast du ein Zimmer in Hans’ Wohnung?“
„Nein. Die ist dafür auch viel zu klein.“
„Und unsere ist zu klein für ein Hans-Zimmer.“
„Stimmt.“
Luca zwirbelt mit den Haaren in seinen Locken.
„Mama.“
„Was denn, Cookie?“
„Hättest du gerne eine andere Wohnung?“
„Wie meinst du das?“
„Eine für uns alle. Mit Hans?“
„Hättest du das denn gerne?“

Jo fährt auf den Stellplatz neben dem Tierheim und dreht sich zu ihrem Sohn um. Luca betrachtet angestrengt seine Nägel, von denen die dunkelgrüne Farbe schon fast vollständig abgeblättert ist. Sie macht eine weitere gedankliche Notiz, schwarzen Lack zu besorgen. Den hat er sich als nächstes gewünscht und sie weiß, der Zwerg wird sie an die alte Farbe nicht ranlassen, ohne, dass sie neue besorgt hat, die sie ihm anschließend aufträgt.

„Ich mag Hans echt gerne, Mama.“
Sie drückt ihrem Sohn die feuchte Hand. „Ich auch.“
„Aber ist es okay, wenn ich keine andere Wohnung will? Auch, wenn Hans dann traurig ist?“
Jo quetscht sich so gut es geht zwischen den Sitzlehnen hindurch, um Luca zu umarmen. „Natürlich ist das okay, Cookie.“
Er schnieft.
„Und Hans ist auch gar nicht traurig.“
„Doch.“
„Nein. Mach dir keine Sorgen.“
„Aber er hat es mir gesagt.“
Jos Herz setzt einen Schlag aus. Sie nimmt das Gesicht ihres Sohnes in beide Hände. „Was hat er gesagt?“
„Dass er traurig ist, weil er nicht bei uns wohnen darf.“
Zähneknirschen.
„Als du weg warst.“
„Cookie. Das war nicht in Ordnung von Hans.“
„Du darfst nicht mit ihm schimpfen.“
Etwas in Jos Brust explodiert.
„Werde ich nicht, versprochen. Aber du darfst nicht mehr traurig sein, okay? Das ist ein Erwachsenenthema. Und Hans hätte nicht mit dir darüber sprechen dürfen. Ich rede mit ihm.“

„Mama, bist du sauer?“
„Auf keinen Fall.“
So viele Lügen. Und so viel Wut. Als Jo mit Luca an der Hand auf das Tor der Tierhelfer zustapft, ist ihr ein bisschen schwindelig. Sie könnte Hans umbringen für das, was er getan hat. Wie kann er es wagen, ihren Sohn in diese Diskussion hineinzuziehen? Das ist astreine Erpressung. Sie muss unbedingt mit ihm reden.
Als Jo die gusseiserne Klingel drückt, brummt ihr Handy. Sie zieht es ein Stück aus der Jackentasche, um aufs Display zu schauen. Es ist eine Nachricht von Adam. „Du fehlst.“
Mist.
Mist.
Mist.

Vergiftete Hoffnung, Kapitel 6

aus: Vergiftete Hoffnung, Mainz 05-Krimi | Kapitel 6

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Vergiftete Hoffnung: Finn lässt nicht locker

Ein halbes Jahr ist es her, dass Vergiftete Hoffnung im Societäts-Verlag erschienen ist. Es war ein halbes Jahr, in dem ich keine Lesungen halten konnte, in dem das Buch deshalb auch viel weniger sichtbar war, als 2018 der Vorgänger Im Schatten der Arena. Im März veröffentliche ich deshalb vier Ausschnitte aus dem 05-Krimi. Begleitet werden diese von den eingelesenen Kapiteln.

Der Kaffee schmeckt nach Zuhause. Jo nippt vorsichtig, genießt dabei die Wärme in ihren Händen und den Geruch, der dampfend aus der Tasse aufsteigt. Die ersten beiden Seiten der Zeitung sind durch den Regen völlig verklebt. Sie schüttelt den Sport aus dem hinteren Teil und streicht die Seiten glatt, als er in ihren Schoß fällt. In diesem Moment klingelt ihr Handy auf dem Nachttisch.

„Was zur Hölle?“ Jo betrachtet ungläubig die Nummer. Es ist Finn. „Du traust dich ja was“, murmelt sie hinter zusammengebissenen Zähnen und lässt das Handy weiter klingeln.

Auf den Sportseiten überfliegt Jo die Berichte zu den anstehenden WM-Qualifikationsspielen gegen Nordirland und Aserbaidschan. Sie kann es nicht konkret begründen, aber die Nationalmannschaft interessiert sie aktuell kein bisschen. Schade, dass deren Spiele der Bundesliga gerade eine Pause verordnen, sie wäre gern mit Luca ins Stadion gegangen am Wochenende. So müssen sie sich eine Woche gedulden, dann steht ein Heimspiel gegen den Hamburger SV an. Wenigstens mal wieder eine ausverkaufte Partie. Sie seufzt und erschrickt, als im nächsten Moment ihr Handy piepst. Finn hat ihr eine Nachricht auf die Mobilbox gesprochen.

„Hey Jo.“ Pause „Darf ich dich überhaupt so nennen?“ Nervöses Lachen. „Es. Ich würde wirklich gerne mit dir sprechen.“ Sie kann ihn atmen hören, es klingt schwerfällig. „Schau, ich weiß, dass du auf mich nicht gut zu sprechen bist. Aber es geht nicht um mich. Jemand, der sie verdient hat, braucht deine Hilfe. Bitte melde dich doch mal bei mir. Du bist der einzige Mensch, der mir einfällt.“

Wütend schnaubt sie durch die Nase. Vor einem Jahr war Jonas der einzige Mensch, der ihm eingefallen ist. Und was hat das ihrem besten Freund gebracht? Den Tod. Was bildet sich dieser kleine, überbewertete Kicker eigentlich ein, sie mit seinem Schwachsinn zu belästigen? Das Handy piepst erneut. Eine SMS.

„Hast du die Nachricht abgehört?“
„Fick dich, Finn. Lass mich in Ruhe“, tippt Jo wütend.
„Okay, fair.“
„Was weißt du denn über Fairness?“
Finn Arscholch schreibt.
Online.
Online.
Finn Arscholch schreibt.
Online.
„Gib mir fünf Minuten.“
„Wieso sollte ich?“
Finn Arscholch schreibt.
Online.
Finn Arscholch schreibt.

Jo muss lachen. Nicht, weil sie Finn statt des Nachnamens in ihrem virtuellen Telefonbuch ein „Arschloch“ verpasst hat, sondern, weil sie beim Abspeichern seiner Nummer offenbar so neben sich stand, dass sie das Wort falsch geschrieben hat. Dann ploppt ein Foto im Chat auf: ein schwarzer Jugendlicher mit neugierigen Augen, im roten Trikot der aktuellen Saison des 1. FSV Mainz 05.

„Sagt er dir was?“
„Nein. Sollte er?“
„Das ist Ugonna Okorie.“
„Okaaay.“
„Er ist in Schwierigkeiten.“
„Und warum ist das mein Problem?“
Finn Arscholch schreibt.
Online.
Finn Arscholch schreibt.

Am Küchentisch schlägt Luca laut und vernehmlich sein Messer auf den Rand seines Tellers. „Maaaamaaa. Es gibt Früüüühstück.“ Jo lässt das Handy ohne einen weiteren Blick aufs Bett sinken und verlässt das Schlafzimmer. Sie hat keine Lust, sich mit Finn und dem, was ihn beschäftigt, auseinan- derzusetzen. Wie dumm von ihr, dass sie seine Nummer nicht schon vor Monaten gesperrt hat, dann könnte er sie jetzt ein- fach nicht erreichen. Sie beschließt, das nach dem Essen nach- zuholen, um die Verbindung zwischen sich und dem Spieler zu kappen. Denn Finn kann sie mal kreuzweise. Und Ugonna, dings, unbekannterweise auch.

Vergiftete Hoffnung, Kapitel 4

aus: Vergiftete Hoffnung, Mainz 05-Krimi | Kapitel 4

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