Rezension und mehr: Ein Hoch auf den Meenzer on Tour

Bereits auf der ersten Seite von „Zu Gast. In vielen Ecken dieser Welt“ haben zwei der Themen einen kurzen Auftritt, die im Leben von Autor Christoph Kessel eine große Rolle spielen: Reisen und Fußball. Da heißt es wörtlich: „Dank meiner Eltern hatte ich seit meiner frühesten Kindheit mehrmals im Jahr die Gelegenheit zu reisen.“ Weiter erfahren die Leser*innen, der Autor hat der Überlieferung nach am Tag des WM-Finales Deutschland gegen Holland 1974 das Laufen gelernt. „Während mein Vater in der Kneipe des Gasthauses den WM-Sieg von Kaiser Franz & Co. am Fernseher sah, schaute mir im Obergeschoss meine Mutter auf dem Flur zu, wie ich die ersten Schritte ohne Hilfe hinbekam.“

Wunderbare Strandlektüre, die sich aber auch fürs Sofa eignet. (Foto: WP)

Ein drittes Herzensthema Kessels folgt nur eine Seite später, da nämlich geht es nicht nur ums Reisen an sich, sondern auch dessen Nachhaltigkeit. Jene Nachhaltigkeit, längst nicht nur bezogen auf Flugbewegungen, nimmt seit geraumer Zeit einen großen Platz in den Gedanken und im Wirken des Autors ein, der seinen Follower*innen auch als Meenzer on Tour bekannt ist – so nämlich lautet sein Username auf den Plattformen Facebook, Twitter und Instagram, auf denen er sich rund um seine selbstgewählten Schwerpunkte bewegt.

„Zu Gast“ ist nicht Kessels erste Buchveröffentlichung, zuvor ist von ihm bereits „Nächster Halt: Darjeeling-Hauptbahnhof – Eine Weltreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln“ erschienen. Beiden gemein ist der ganz persönliche, sehr nahbare Erzählansatz, der die Leser*innen direkt mitnimmt in das beschriebene Geschehen und die Gedankenwelt des stets reflektierten Autors. Dabei geht es um Themen wie Ökotourismus in der Karibik, warum Alleinreisen nichts mit Einsamkeit zu tun hat, den längsten Flug eines Lebens versus den kürzesten Aufenthalt in einem Land, die Aufzucht von Elefanten-Waisenkindern in Sri Lanka und Spiele von Mainz 05 in der Oberliga Südwest. Letzteres im Rückblick auf die glanzlose eigene Fußballsozialisation in den 1980ern, denn natürlich ist Kessel nicht nur Fan irgendeines Vereins, sondern hält es mit dem besten Club der Welt, dem 1. FSV Mainz 05. Und das schwingt auch in seinen Büchern mit.

Ein Narrenreich für einen Turnbeutel! (Foto: Christoph Kessel)

Kessels Stärke ist es, mit Buchstaben Nähe und Überzeugung herzustellen. Wer seine Texte liest, spürt deren innere Wahrheit, das gilt auch dann, wenn Fernreisen beispielsweise nicht zu den eigenen Hauptinteressen zählen. Die Tatsache stellt kein Hindernis dar bei der Lektüre, im Gegenteil: Durch diese vermittelt sich das Gefühl, die fernen Orte auch von der heimischen Couch aus kennengelernt und, mehr noch, eine Beziehung zu ihnen entwickelt zu haben. Wer selbst viel und gerne in fremden Ländern unterwegs ist, dürfte die Gedankenreise zwischen den Buchdeckeln vermutlich sogar noch mehr genießen im Abgleich der eigenen Erfahrung.

Seine positive Wucht entfaltet das Buch aber nicht nur auf den beschriebenen Seiten, sondern auch durch die Haltung Kessels im Umgang mit seinen Worten und der Welt. Wer das Buch beim Autor selbst kauft, stellt damit sicher, dass ein Euro jedes verkauften Exemplars an eine von drei der darin beschriebenen Organisationen geht, nämlich im Einzelnen: „Tacugama“ in Sierra Leone, den „Sheldrick Wildlife Trust“ in Kenia oder „Helfende Hände für Nepal Mainz“. Nähere Informationen dazu, wie das Geld jeweils vor Ort eingesetzt wird, finden sich hier.

Meenzer für Mehrweg: die Soulbottle. (Foto: Christoph Kessel)

Diese Form der Unterstützung hat Kessel sich längst universell auf die Fahne geschrieben, oder eher: den Beutel und die Flasche. Auch mit seinem aus Bio-Baumwolle unter dem Fairtrade Logo produzierten „Meenzer on Tour“-Turnbeutel unterstützt er die wichtige Arbeit der Organisationen für Waisenkinder, Elefantenbabys und Selbsthilfe in Nepal. Außerdem bietet er seit einiger Zeit auf seiner Homepage wiederverwendbare Soulbottles als Alternative zu Wegwerf-Trinkflaschen an. Mit dem Erwerb unterstützen Käufer*innen WASH-Projekte, Viva Con Agua de St. Pauli e.V. und die Welthungerhilfe. Wer die von Kessel erdachten und vertriebenen Produkte als Foto über die sozialen Netzwerke teilt, sorgt dafür, dass er jeweils erneut 50 Cent an die vorgeschlagenen Organisationen spendet, wobei di*erjenie, di*er das Bild veröffentlicht, die Spendenempfänger festlegen kann.

Lang andauernde Verbindung. (Foto: Malino Schust)

Was beim kurzen Überfliegen klingen mag, wie ein Werbeblock, ist eine von Herzen kommende Handreichung einer Überzeugungstäterin zum anderen: Ich kenne Christoph Kessel aus dem Umfeld des FSV Mainz 05 seit vielen Jahren und verfolge mit einer hohen Anfangsbegeisterung, die über die Jahre immer weiter gewachsen ist, das, was er tut und bewegt. Für einen Verein wie Mainz 05 finde ich es sehr wichtig und positiv, einen Menschen wie ihn im Umfeld zu haben.

Für all jene Organisationen, die Kessel sich als Ziel seiner nimmermüden Unterstütung ausgesucht hat, sind seine Aktivitäten ein Geschenk. Und als solches gehören seine Produkte auch unter jeden Weihnachtsbaum. Nicht nur, weil er sie mit Liebe und Herzblut erdenkt und umsetzt, sondern weil sie Sinn stiften und Freude geben.

Die Woche am Bruchweg (50/19)

Später hell, früher dunkel, das ist die Formel, mit der sich die Lichtverhältnisse im Winter zusammenfassen lassen. Fürs Training kurz vor der Winterpause gebe es Untersuchungen, die deswegen den Ansatz nahelegen, in dieser Zeit eher eine große Trainingseinheit pro Tag anzusetzen, als zwei kleine über den Tag, erklärt Achim Beierlorzer den Journalist*innen bei der kleinen Medienrunde im Pressecontainer. So kommt es, dass die 05er am Dienstag nach der Niederlage in Augsburg von zwei bis etwa halb sechs zusammenarbeiten.

Später Trainingsbeginn am Bruchweg. (Fotos: WP)

Das Programm: Videoanalyse, Athletikt in der Halle, Training auf dem Platz bei einsetzender Dunkelheit. „Wenn wir so ein Spiel gut nachbereiten wollen, dann dauert das natürlich seine Zeit“, spricht Beierlorzer und nimmt einen Schluck von seinem Tee. Ingwer, wie bei seinem Kollegen Felix Magath, ist aufgrund der Farbe auszuschließen, eine leicht härtere Gangart in den Einheiten seit der letzten Partie scheint es dennoch gegeben zu haben. Denn so ganz kann Beierlorzer sich selbst noch keinen Reim darauf machen, wieso die Mannschaft im dritten Spiel unter seiner Verantwortung nicht mit demselben Biss zu Werke gegangen ist, wie in den ersten beiden Partien in Hoffenheim und gegen Frankfurt.

„Es waren schon einige Aspekte, wo wir es nicht so gut gemacht haben und auch zeigen müssen, wo die Konsequenz ist“, betont der Fußballlehrer, der mit dem Team eine intensive Videoanalyse absolviert hat. „In der ersten Hälfte, das muss man ganz klar so festhalten, waren wir chancenlos“, gibt er freimütig zu und es ist spürbar, dass ihm das so gar nicht schmeckt. Es geht dabei nicht nur um eine verlorene Partie, sondern um das Gesicht der Mannschaft. „In der zweiten war es ein Spiel auf Augenhöhe“, resümiert Beierlorzer, der über die Episode mit dem Videoschiedsrichter – Gott sei Dank – nicht mehr reden möchte. Lieber spricht er über die Themen Aktivität und Passivität und widmet sich der Fragestellung, wieso die Mannschaft nicht das auf den Platz gebracht hat, was sie dem neuen Trainer in den ersten beiden Spielen anbieten konnte.

Anrennen gegen die Dunkelheit.

Da ist sie also wieder, nach dem dritten Spiel unter Achim Beierlorzer, die Frage nach der Mentalität dieses Teams – und nein, da wird keine Phrase bemüht, sondern am Kern einer Problematik gerührt, die in Mainz nicht neu ist. Der Coach wird sich zwingend damit auseinandersetzen müssen, wieso diese Mannschaft den Anschein macht, als ob ein, zwei Siege schon eine gewisse Selbstzufriedenheit einkehren lassen in ihrer Mitte, die dazu führt, dass die Spieler nicht mehr an ihre Grenzen gehen – geschweige denn darüber hinaus. An der Vorbereitung auf die Partie in Augsburg könne das kaum gelegen haben, denn: „Eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, dass sie von der Spielweise überrascht waren, weil wir ihnen da wirklich alles mitgegeben haben.“

Also doch: Ursachenforschung. Training. Und: Gespräche. „Überheblichkeit, glaube ich, haben wir nicht. Also, da kenne ich die Mannschaft noch zu wenig. Aber dazu sind wir gar nicht in der Lage.“ Trotzdem habe er ein Gesicht des Teams erlebt, das er bislang in der Arbeit mit ihnen noch nicht gesehen habe, räumt Beierlorzer ein. Es geht also um Konstanz, nicht nur in der Leistung, sondern auch in Sachen Einsatzbereitschaft, Aufmerksamkeit und Willen. „Wir müssen natürlich an der Persönlichkeit jedes einzelnen arbeiten. Das ist vielleicht auch ein Problem, das in jedem selbst liegt“, überlegt der Trainer laut. Diese Seite der Mannschaft habe ihn überrascht. „Die Passivität, verbunden mit diesem Aufmerksamkeitsdefizit, müssen wir bearbeiten. Da muss jeder Spieler für sich letztlich auch die Fokussierung auf die Ausgaben finden“, sagt der Coach, der dennoch betont, es liege nicht an der Einstellung seiner Spieler.

Abschlussbesprechung.

Vermutlich wäre das dann auch zu einfach: Die Stellschrauben, die Achim Beierlorzer mit seinem Trainerteam („Ich kann mich über alle hier nur lobend äußern“) finden – und bearbeiten – muss, scheinen tiefer zu liegen. Es sind, so scheint es, dieselben, an denen sein Vorgänger mit der jungen Mannschaft gescheitert ist. Beierlorzers Aufgabe wird nun sein, mit seinem noch immer frischen Blick auf die Situation und zugleich der gewachsenen Erfahrung seines Trainerteams im Umgang mit diesen Spielern neue Wege zu finden, um die Aufmerksamkeitsspanne der Truppe für mehr als zwei Spiele am Stück aufrecht zu erhalten.

Der Neue: Achim Beierlorzer beim FSV Mainz 05

Wenn Achim Beierlorzer „kurios“ sagt, donnert das rollende „R“ darin wie auf Schienen die Wände hoch und hallt lange im Raum nach. Er verwendet das Wort mehrfach bei der Pressekonferenz, in der er als der neue Cheftrainer des 1. FSV Mainz 05 vorgestellt wird. „Kurios“ sei natürlich, „wie schnell das jetzt geht“. Schließlich war der Mittelfranke vor zehn Tagen noch Trainer des 1. FC Köln. Er sei „absolut froh, diese Stelle antreten zu können“, betont der Neue, der eigentlich vorgehabt hatte, mit seiner Frau am Mittwoch in den Urlaub zu fliegen. Wann er den gebucht habe, möchte ein Reporter wissen und daran anknüpfend, wann der Kontakt zu Mainz 05 zustande gekommen ist innerhalb dieser kurzen Chronologie.

Achim Beierlorzer bei seiner Antrittspressekonferenz.

Der Tag, an dem der FC Köln und Achim Beierlorzer sich trennten, markiert zugleich das letzte Spiel von Sandro Schwarz an der Seitenlinie der Mainzer: Samstag, 9. November. Ob er bei der Nachricht über besagte Trennung schon darüber nachgedacht habe, Beierlorzer im Falle einer Niederlage gegen Union Berlin zu kontaktieren, wird Rouven Schröder gefragt und muss erkennbar an sich halten. „Frech“ findet er die Frage, obschon der Reporter sie wohl stellen müsse. Der Sportdirektor beteuert abermals, vor diesem 2:3 keinerlei Gedanken an einen Plan B verschwendet zu haben. Die Lösung, nun Achim Beierlorzer zu verpflichten, sei fürs Umfeld vielleicht auf den ersten Blick eine Überraschung, für Mainz 05 aber inhaltlich logisch. „Sowas entwickelt sich ja über Jahre“, sagt Schröder im Hinblick auf das Bild, was er in seiner verantwortlichen Position von der Arbeit verschiedener Trainer habe. Beeindruckt habe ihn gerade die Zeit in Regensburg, wo Beierlorzer „aus wenig viel gemacht“ habe.

Wir haben auch in der Vergangenheit bewiesen, dass wir überzeugt sind von unseren Trainern.

Rouven Schröder

Persönlich bekannt sind die beiden Protagonisten sich aus der gemeinsamen Zeit bei Greuther Fürth, wo Beierlorzer im Nachwuchs (U17) und Schröder in sportlicher Verantwortung tätig war. Etwa zwei Jahre überschnitt sich ihr Wirken dort. „Aufgeweckt, offen für Neues“, das sind die ersten Worte, mit denen Schröder seinen neuen Trainer beschreibt. Das gelte für Fußball ebenso wie das Leben an sich. „Der inhaltliche und menschliche Trainer Achim Beierlorzer ist sehr gut und passt perfekt zu uns.“ Das Thema Köln, wo der Coach mit seiner Idee, Fußball zu spielen, nicht den erhofften Erfolg hatte, könne man zwar nicht wegdiskutieren. Für ihn, Schröder, aber ändere der Kurzeinsatz nichts an der Einschätzung des Trainers.

Zwei mit einer gemeinsamen Vergangenheit: Schröder und Beierlorzer.

Natürlich wird der Sportvorstand der 05er diesbezüglich auf erste Reaktionen des Umfelds zur Neuverpflichtung angesprochen, die teilweise verheerend sind. So, wie einige Sandro Schwarz von Anfang an als Fehler betrachteten, weil er zuvor mit der U23 abgestiegen war, irritiert nun viele jener Anhänger*innen, die sich online lautstark äußern, warum ein Trainer kommt, den sie in ihrer emotionalen Blitzbewertung als Gescheiterten einsortieren. Er beschäftige sich nicht mit den Reaktionen des Umfelds, versucht Rouven Schröder eine Tür wieder zu schließen, die er selbst geöffnet hatte mit den Aussagen, zur Entlassung von Sandro Schwarz habe letztlich auch das Gefühl beigetragen, in dieser personellen Konstellation das Umfeld nicht mehr hinter sich vereinen zu können. Denn nein, eben jenes Umfeld wird sich wohl nicht befrieden lassen mit einem Coach, der in der bisherigen Saison noch weniger Punkte gesammelt hat als Schwarz. Umso wichtiger ist es, dass Schröder die Entscheidung aus seiner Überzeugung heraus so getroffen hat, denn es wäre verheerend, wenn sich der Eindruck verfestigt, in Mainz würden sportliche Entscheidungen nun plötzlich von einem recht diffusen Umfeld mitbestimmt. Mit diesem Trainer erobert Schröder die Deutungshoheit zurück – das ist wirklich ein sehr gutes Zeichen.

Ich habe ganz, ganz großen Respekt vor Sandro Schwarz und werde auf jeden Fall den Kontakt suchen.

Achim Beierlorzer

Sportlich gesehen ist der Trainer Achim Beierlorzer sehr nah an seinem Vorgänger, was er so auch benennt. „Es wird keinen kompletten Umbruch geben. Und das ist ja schön so.“ Er fordere von seinen Mannschaften eine hohe Laufbereitschaft, dass sie aktiv nach vorne verteidigen, erklärt der Coach. „Mainz spielt diesen Spielstil und stand auch schon immer dafür.“ Letztlich sei die aktuelle tabellarische Lage, die er übernimmt, Nuancen geschuldet. Die Niederlage in Freiburg zieht er dafür als Beispiel heran. „Die Qualität, die in der Mannschaft steckt, ist aber unbestritten.“ Er habe in Köln selbst festgestellt, „dass man Ergebnisse nicht immer trainieren kann.“ Die Ironie darüber, wie ähnlich die Gründe für die Trennung vom Trainer an beiden Standorten ist, entgeht ihm natürlich ebenso wenig wie den Journalist*innen. Er habe „ganz, ganz großen Respekt vor Sandro“ und werde „auf jeden Fall den Kontakt suchen“.

„Es wird keinen kompletten Umbruch geben. Und das ist ja schön so.“ (Fotos: WP)

Dazu, wie die Theorie vom Beierlorzer Fußball in der Praxis funktioniert und wie das aussehen kann, habe ich zwei Kollegen befragt. Thomas Reinscheid ist Chefredakteur bei EFFZEH.COM und begleitet den Verein frei dem Motto „FC ist, wenn man trotzdem lacht“ seit vielen Jahren. Stefan Dillinger podcastet rund um Jahn Regensburg und hatte Beierlorzer in der Sendung auch schon zu Gast.

Stefan, für welchen Fußball steht Achim Beierlorzer aus deiner Sicht? Wie hat er den in Regensburg umgesetzt? Und ist er ein Trainer mit Plan B, wenn A nicht greift? 

SD: Er kommt ja aus der Leipziger Fußballschule, daher spielt hohes Pressing eine große Rolle. Wir waren und sind in der 2. Liga natürlich immer noch keine etablierte Mannschaft, deshalb spielen Kampfgeist und Laufbereitschaft eine große Rolle und daher musste er sich natürlich schon auf unsere spezielle Situation einstellen. Ein großes Plus war, dass unsere Mannschaft im Kern über zwei, drei Jahre zusammengeblieben ist. Bei uns hat der Plan A eigentlich immer ganz gut funktioniert. Er ist jetzt auch kein Guardiola der ständig umstellt, allerdings ist er ein Trainer der flexibel auf den Gegner reagieren, die Aufstellung anpassen und durch Auswechselungen nochmal Akzente setzen kann.

Ist er aus deiner Sicht ein Trainer, der eine Mannschaft weiterentwickeln kann?

SD: Ich würde sagen: ja. Bei uns kamen zu jeder Spielzeit relativ viele (Leih-)Spieler hinzu. Er schaffte es, ein Kollektiv zu formen und nicht nur eine Mannschaft aus 11 Spielern zu haben, sondern 15/16 Spieler, die bereit waren, ins Team zu kommen und Leistung zu bringen.

Hat dich überrascht, dass es in Köln nicht besser funktioniert hat? Traust du ihm die 1. Liga grundsätzlich zu? 

SD: Ja, ich traue ihm die 1. Liga grundsätzlich zu. Er neigt nicht zur Hektik und arbeitet sehr gewissenhaft. Auch funktionieren ähnliche Systeme in anderen Vereinen. Dass es in Köln jetzt nicht geklappt hat, beziehungsweise, dass er jetzt gehen musste, liegt wohl eher an Köln und der Trennung von Veh als an ihm. Man hätte ihm noch bis zur Winterpause Zeit geben können, denn der Spielplan war jetzt nicht der einfachste–  und die Spiele die man gewinnen musste (Freiburg, Paderborn), hat man ja auch gewonnen.

Thomas, welchen Fußball lässt Beierlorzer nach deiner Beobachtung spielen?

TR: Eine schwierige Frage, denn der Fußball, den er beim Jahn spielen ließ und der, den der FC in dieser Saison auf den Platz brachte, unterscheiden sich schon enorm. Beierlorzer steht im Grunde in der Tradition einer Spielweise, die gerne bei einer Marketingabteilung im Osten des Landes praktiziert wird, legt also Wert auf aggressives und laufintensives Gegenpressing, das für die entscheidenden Umschaltmomente sorgen soll. In jeder Situation will er ein aktives Team auf dem Platz haben, das die Initiative ergreift, wenn es die Chance dazu sieht. Aber, wie gesagt: Von all dem, was Beierlorzer sich als Spielidee ausgemalt hat, war in Köln wenig zu sehen.

Worin lag es, dass er Schwierigkeiten in Köln hatte?

TR: Zuallererst passten vor allem die Ergebnisse nicht. Der FC ist 17. mit lediglich sieben Punkten auf dem Konto, dazu peinlich aus dem Pokal ausgeschieden. Das ist viel zu wenig. Aber auch die Spielweise ließ wenig Hoffnung auf Besserung aufkommen. Es scheint, als passte Beierlorzer schlichtweg nicht zum Kader. Den laufintensiven, kampfstarken Fußball, den Beierlorzer spielen wollte, den bekamen die FC-Fans nur ganz selten zu sehen. Das ist nicht ausschließlich seine Schuld, denn die Verhältnisse in Köln waren in diesem Sommer ganz besonders kompliziert. Aber: Überzeugt hat er mich als Trainer beim FC nicht, auch wenn er menschlich wohl top zu sein scheint.

Überrascht er dich als Kandidat in Mainz?

TR: Mich hatte die Trennung von Sandro Schwarz überrascht – aber als der Job auf der Mainzer Trainerbank frei wurde, war ich nicht geschockt, dass Beierlorzer ein Kandidat für die Nachfolge war. Die kurze Pause zwischen seinem Engagement in Köln und seinem neuen Posten verwundert zwar, aber wenn sich die Chance bietet, muss man in diesem Geschäft wohl zugreifen.

„Ich weiß, welche Stärken ich habe, ich weiß, was ich kann. (…) Es geht um die Trainerpersönlichkeit Achim Beierlorzer. Wofür stehe ich. Und das passt, wie ich finde, sehr gut zu Mainz.“

Achim Beierlorzer

Rouven Schröder hebt bei der Pressekonferenz unter anderem hervor, Beierlorzer habe „super unter Beweis gestellt“, wie gut er junge Spieler aus dem In- und Ausland entwickeln könne. Für den Trainer selbst ist klar: „Die Fans honorieren die Art und Weise, Fußball zu spielen.“ Diese Einschätzung ist für seinen neuen Standort sicher richtig, schließlich war die Frage, ob die Spieler sich eigentlich noch genug reinhauen auf dem Platz, zuletzt allgegenwärtig. Damit seine Aussage greift, muss Beierlorzers Idee vom Fußball allerdings besser funktionieren als zuletzt in Köln.

Und wie beurteilen die Kollegen aus Köln und Regensburg den Trainer Achim Beierlorzer im Umgang mit seinen Spielern und in der Wirkung auf die Fans?

Thomas, wie schätzt du sein Verhältnis mit den Spielern ein?

TS: Er wirkte auf mich wie jemand, der viel von seinen Spielern fordert, aber auch immer ein offenes Ohr für das Team hat. Es hat sich aber, auch aufgrund der äußeren Umstände, wohl kein allzu enges Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer gebildet. Öffentlich wirkte er stets etwas distanziert zu seinen Schützlingen, aber mit der nötigen Empathie. Verwundert haben mich allerdings manche Interview-Aussagen über Ersatzspieler wie Vincent Koziello oder Nachwuchsspielern wie Darko Churlinov.

Wie war in der kurzen Zeit das Verhältnis mit den Fans?

TS: Er kam definitiv gut an beim FC-Anhang, wirkte durch seine positive Art recht erfrischend nach dem eher mürrischen und abweisenden Markus Anfang. Selbst in der sportlichen Krise wirkte er immer nahbar und sympathisch, auch wenn die Erfolge ausblieben. Eine richtige Beziehung hat sich auch hier allerdings kaum aufbauen können, dafür war Beierlorzer einfach zu kurz beim 1. FC Köln.

Stefan, wie beurteilst du sein Umgang mit den Spielern, gerade mit jüngeren, von denen ihn in Mainz viele erwarten?

SD: Ich finde den Umgang sehr gut. Ein Beispiel ist hier auch Adrian Fein. Anfangs kam er zu Kurzeinsätzen und wurde im Training an die Mannschaft herangeführt. Nach und nach bekam er immer mehr Spielzeit (weil er auch gut spielte) – und am Ende, bis zu seiner Verletzung, war er dann eine verlässliche Größe im Mittelfeld. Jetzt dürfte das bei Mainz natürlich nochmal eine ganz andere Sache sein, ich fand seinen Umgang mit jungen Spielern, Ersatzspielern und Spielern, die von einer Verletzung zurückkamen, aber immer sehr gut und für alle Seiten nachvollziehbar.

Und wie war sein Verhältnis zu den Fans? 

SD: Sehr gut. Er ist ja eh ein sehr eloquenter, netter und freundlicher Mensch. Er kam immer zu den Fans nach dem Spiel und stand sogar für unseren Podcast für ein Interview zur Verfügung. Dafür nahm er sich nach dem Training auch Zeit und war nicht gehetzt. Das mag jetzt an der Regensburger Medienlandschaft liegen, ich lege es ihm aber positiv aus.

Neu im Trainerteam: Ex-Kapitän Niko Bungert. (Foto: Malino Schust)

In der Arbeit mit der Mannschaft dürfte ein entscheidender Faktor auch die Erweiterung des Trainerteams um Niko Bungert sein. Bereits in der letzten Saison hatte der häufig verletzte Kapitän in den Trainingseinheiten oft wie ein Mitglied des Trainer-Staffs gewirkt. Die Idee, ihn nun offiziell zu berufen, ist so logisch, dass die Frage im Raum steht, warum sie erst jetzt kommt. Aber letztlich ist nur wichtig, dass in einer Situation wie der aktuellen jede*r bereit und in der Lage ist, dazuzulernen und das, was benötigt wird, in die Waagschale zu werfen, damit Ruhe einkehrt und auch über diese Ruhe die Ergebnisse wieder stimmen.

Die Woche am Bruchweg (46/19)

Die feine Ader an der Schläfe von Danny Latza leistet harte Arbeit. Der Kapitän des 1. FSV Mainz 05 beantwortet die Fragen der Journalist*innen geduldig. Einer muss ja, da trifft es ihn in seiner Rolle nicht überraschend. Leicht kann ihm das kaum fallen, am Trainingstag eins nach Sandro Schwarz – aber es gehört nun mal zu seinem Job, voranzuschreiten. „Es wirkt natürlich noch ein bisschen nach, auf jeden Fall, aber es muss jetzt weitergehen“, gibt er zu Protokoll. Es sei für ihn persönlich ja nicht der erste Trainerwechsel. „Trotzdem war es für mich auch sehr emotional. Ich glaube, jeder wusste, was er am Trainer hatte.“

Künftig nicht mehr an der Seitenlinie: Sandro Schwarz. (Foto: Malino Schust)

Die Mannschaft müsse sich „vieles“ vorwerfen, bewertet Latza, der am Samstag von der Bank aus keine Chance hatte, das Drama mit abzuwenden. „Die Mannschaft hat sich, die Spieler haben sich in diese Situation gebracht. Jeder sollte sich hinterfragen, ob er wirklich alles gegeben hat, glaube ich, auch selbstkritisch sein.“ Die Ader arbeitet, während er einen Moment überlegt. Man müsse „trotzdem“ weitermachen, versucht die Nummer 6 den Blick von der Trainerentlassung in die Zukunft zu wenden. Müsse versuchen, etwas Positives aus der Situation mitzunehmen. Jeder wisse nun noch mehr, worum es gehe.

Die Mannschaft hat sich in diese Situation gebracht. Jeder sollte sich hinterfragen, ob er wirklich alles gegeben hat.

05-Kapitän Danny Latza

Latza ist nicht zu beneiden in diesem Moment. Die Fragen nach einem Wunsch in Sachen neuem Trainer schlägt er aus. Was soll er dazu auch sagen, außer, dass es jetzt Rouven Schröders Sache ist, den Weg vorzugeben. Jan-Moritz Lichte habe noch einige Worte an die Mannschaft gerichtet vor der Einheit am Morgen. Und alles Weitere? „Wir werden es sehen in den nächsten Tagen.“ Er, die Journalist*innen – und alle anderen. Für den Moment bleibt nur, abzuwarten, weiterzuarbeiten, bis eine Entscheidung steht.

Trübes Wetter, undefinierte Stimmung. (Foto: WP)

Zum Training zuvor hat sich eine Handvoll 05-Anhänger*innen eingefunden. Sie diskutieren den Auftritt von Torwart Robin Zentner im SWR am Sonntag und gehen gedanklich Trainer durch, die gerade zu haben sind. Bruno Labadia, finden einige, wäre – zumindest für den Moment – genau der Richtige. Wie es langfristig weitergeht auch da: Man wird es sehen.

Die Trainingsgruppe ist, bedingt durch die Länderspielpause, klein. Die Spieler wirken anfangs, als hätten sie am Morgen ein Memo bekommen, dass sie auf eine positive Ausstrahlung achten sollen, balgen sich wie kleine Jungs. Bald schon gehen sie aber konzentriert zur Sache. Jan-Moritz Lichte spricht viel mit dem Team, eine Hand in der Hosentasche unterstreicht er mit den ruhigen Gesten der anderen seine Worte. Normalität nicht nur zu vermitteln, sondern auch in die Köpfe und Beine hineinzubekommen, danach sieht jede Bewegung des Mannes aus, der in der aktuellen Situation gerne im Hintergrund bleiben möchte.

Klare Anweisungen, ruhige Einstellung: Jan-Moritz Lichte. (Foto: WP)

Als die Spieler schließlich in Kleinteams gegeneinander antreten, vermittelt das die Normalität erstmals an diesem Vormittag tatsächlich, zumindest ein wenig. Vieles ist da wie immer: Robin Zentner, der aus dem Tor mit lauten Worten seine Kollegen animiert. Alexandru Maxim, der sich auch im Training jede vergebene Chance zu Herzen nimmt. Florian Müller, der kurze Kommando auf Englisch gibt. Natürlich spüren die auf dem Feld jene, die am Rand stehen und beobachten, zumal auch das Presseaufkommen nochmal höher ist als in normalen Trainingswochen. Aber sie müssen sich davon freimachen, wie auch von allem anderen, was da gerade noch passiert.

Die Verantwortung für die veränderte Situation anzunehmen, wie Kapitän Danny Latza es fordert, ist das klare Ziel. Ihren nun ehemaligen Coach hat die Mannschaft am Ende im Stich gelassen, auch wenn sie das reichlich offensichtlich nicht wollte – die Erkenntnis vermittelt Latzas kurzer Auftritt sehr deutlich. Nun müssen sie gemeinsam wieder Verantwortung für den Verein übernehmen und endlich zu den 100 Prozent zurückkehren, die sie zuletzt nicht erreicht haben. Nach den Worten ihres Kapitäns zu urteilen, ist die Botschaft definitiv angekommen. Beim Testspiel am Freitag gegen Darmstadt 98 kann das Team dies erstmals wieder auch auf dem Platz unter Beweis stellen.

Eine neue Zeitrechnung

Im April 2017 kassierte Mainz 05 im Spiel gegen den SC Freiburg die fünfte Niederlage in Folge. Groß waren da die Fragezeichen hinter der weiteren Zukunft des damaligen Trainers Martin Schmidt. Sportdirektor Rouven Schröder vermied zunächst ein klares Bekenntnis. Am Morgen danach stellte er sich vor die Presse und verkündete, man werde die Saison mit Schmidt weitermachen. Mainz sicherte sich an deren Ende mit 37 Punkten auf Platz 15 den Klassenerhalt. Erst dann trennten sich die Wege von Trainer und Verein.

Bruchweg: The Times They Are-A-Changing. (Foto: WP)

Ich erinnere mich sehr gut an die damalige Situation, weil sie für mich einen Grundstein gelegt hat in meinem eigenen Verständnis. Die Auftritte der Mannschaft in den besagten fünf Spielen hatten bei mir die Überzeugung reifen lassen, es brauche den berühmten neuen Impuls von außen, um die Klasse noch zu halten. Schröders Entscheidung, die dem Vernehmen nach nicht zuletzt geprägt war von der Haltung des da noch amtierenden 05-Präsidenten Harald Strutz, war für mich schwer nachvollziehbar. Klar hatte man an Kloppo immer festgehalten, aber war das nicht eine gänzlich andere Situation? Ich weiß aber ebenso genau, dass ich im Verlauf des Tages sinngemäß schrieb: Entscheidung gefallen, egal wie, jetzt müssen sich alle wieder hinter den Verein stellen. Schon damals war dies meine feste Überzeugung, dass es zur Natur der Anhängerschaft gehören muss, hinter ihrem Verein zu stehen. Was sollte sonst ihre Rolle sein?

Prägend war dieser Apriltag aber aus anderen Gründen, die sich erst in der Nachbetrachtung herauskristallisierten. Aus dieser heraus hatten Rouven Schröder und die weiteren beteiligten Verantwortlichen nämlich die richtige Entscheidung getroffen, weil Mainz 05 die Klasse hielt – ohne sich dem zu unterwerfen, was gemeinhin als die „Regeln des Geschäfts“ betitelt wird. Dieser Moment war deshalb so wichtig, weil man unter neuer Regie den alten, in den vergangenen zwei Jahrzehnten etablierten inneren Gesetzen treu geblieben war – und damit Erfolg hatte. Für mich bleibt es deswegen einer, der viel aussagt über das Wesen des Vereins zu diesem Zeitpunkt, auch über Rouven Schröder, weil er bereit war, das Risiko einzugehen, sich in diese Tradition zu stellen. Und der dafür belohnt wurde. Das Credo, der Verein steht über allem, bedeutet demnach, die für den Verein definierten Werte stehen über allem – und zu diesen Werten gehört es, sich nicht kirre machen zu lassen von Erwartungen, die von außen an einen herangetragen werden. Im Zweifel: Die Regeln des Geschäfts zu ignorieren.

Rouven Schröder äußert sich im Vereinskanal zur Trennung von Schwarz. (Quelle: Mainz 05)

Man kann das anachronistisch finden, romantisch, verklärt. Es ist aber die Herangehensweise, die ich in jenem April 2017 für mich verinnerlichte als eine, die den Mainzer Weg weiter ausmachen würde – daran hat sich nichts geändert. Geändert hat sich aber, was seitens der Verantwortlichen als aktueller Weg angesehen wird und als Resultat gaben diese am Tag nach der Niederlage gegen Union Berlin die Trennung von Chefcoach Sandro Schwarz bekannt. Vorerst wird nun Co Jan-Moritz Lichte das Training leiten, gesucht wird derweil ein neuer Trainer, zu dessen Profil Rouven Schröder am Sonntag noch nicht viel sagen wollte, nur dies: Er werde vermutlich von außen kommen. Dies ändere nichts daran, dass man von den Trainern im Verein überzeugt sei, erklärte der Sportvorstand, aber es sei der Zeitpunkt gekommen, auch mal anders zu schauen, als es zuletzt üblich gewesen ist. Dieser Ansatz ist, da man den Trainer nun mal entlässt, sicher nachvollziehbar: Wenn schon anders, dann auch ganz und gar – und nicht bloß die halbe Strecke.

Schröder wirkte in der kurzfristig einberufenen Pressekonferenz sichtlich niedergeschlagen, wie die meisten Vereinsmitarbeiter*innen, die bei Ankunft der Presse am Bruchweg waren. Natürlich sei das eine Situation, die „emotional auch weh tut“, sagte der Sportvorstand. Ein „sehr gutes, emotionales und einvernehmliches Gespräch“ sei der Entscheidung vorausgegangen, in dem Sandro Schwarz klar signalisiert habe, diesen Weg mitzugehen. Die Nachfragen blieben natürlich nicht aus, ob der Coach den Schritt von sich aus angeboten habe oder die Entscheidung vom Verein gekommen sei. Dazu sagte Schröder: „Es ist kein Frage-Antwort-Spiel. Es ist grundsätzlich so, dass wir als Verein natürlich den Takt vorgeben, dass wir die Verantwortung auch haben, zu sagen: So, es ist das Gefühl, dass wir uns trennen.“ Mehrfach betonte er, dieser Schritt sei eine Niederlage, die alle Verantwortlichen betreffe, nicht zuletzt die Mannschaft, die er sehr deutlich in die Pflicht nahm. „Wir wollten definitiv nicht diesen Mechanismus bemühen. Und trotz allem war es jetzt für uns in letzter Instanz der richtige Schritt.“

Bis zuletzt den Verein gelebt und geliebt: Sandro Schwarz. (Quelle: Mainz 05)

Einer, der – das war deutlich herauszuhören – auch dem Gefühl geschuldet ist, das Umfeld in der aktuellen Konstellation nicht mehr weiter hinter den Verein bringen zu können: „Nach und nach bekommst du ein Gefühl für die Situation. Sind wir noch in der Lage, in der Konstellation weiter zu arbeiten. Bekommen wir diese Geschlossenheit – auch im gesamten Umfeld – wieder hin. Auch mit negativen Erlebnissen, das ist ja wichtig, gibt’s da eine Toleranzgrenze oder ist das grundsätzlich negativ behaftet.“ In Teilen des Umfelds war, das muss man leider so klar sagen, die Personalie Sandro Schwarz von Anfang an negativ behaftet. Bemühungen, dies zu ändern, wurden einerseits unternommen – Beispiel die Gesprächsrunde mit Trainer und Fans – blieben aber andererseits Strohfeuer. Mit der Reaktion der Fans beim Spiel gegen Union Berlin scheint nun der Punkt erreicht, an dem die Sorge, das Umfeld vollständig zu verlieren für den gemeinsamen Weg, bei den Verantwortlichen zu groß wurde. Das ist, gerade für Mainz, schon ein bemerkenswerter Vorgang. Spannend ist dabei vor allem die Frage, wer nun derjenige sein soll, der dieses Umfeld von der Seitenlinie aus wieder hinter den Verein bringen soll.

„Ich verstehe das so in meinem Beruf, dass man seinem Trainer bedingungslos zur Seite steht und mit ihm in guten wie in schlechten Zeiten die Dinge bestreitet.“
Rouven Schröder

Zumal Schwarz im Verein selbst, bei den Menschen, die täglich mit und unter ihm arbeiteten, eine sehr hohe Anerkennung genossen hat. Das wird in Gesprächen immer wieder deutlich, weil diese Leute es deutlich machen, betonen, wie groß sein Anteil war an ihrer Entscheidung, sich Mainz 05 anzuschließen. Seine Entlassung berührt viele Punkte, die von außen gar nicht sichtbar sind und inwiefern das Nachbeben bedeutet, bleibt abzuwarten. Schröder jedenfalls hielt am Sonntag ein letztes Plädoyer für seinen Trainer: „Viele im Umfeld glaube ich wissen es immer noch nicht, wie leidenschaftlich Sandro diesen Verein gelebt und geliebt hat. Seine Spieler gelebt und geliebt hat. Jeden Tag sich den Arsch aufgerissen hat für die Nummer. Und es ist einfach so, dass mir das auch nahegeht, weil einfach der eine oder andere Spieler das in der Form nochmal deutlicher auch hören musste von meiner Seite, dass es für uns alle eine Niederlage ist. Das ist ein Punkt, wo sich jeder noch mal deutlich hinterfrage muss, wie die Reise weitergeht. Denn der Charakter wird entscheidend bleiben, auch für die Zukunft.“

Diese Zukunft zu gestalten ist nun sein dringlichster Auftrag. Erste Berater*innen hätten ihre Trainer nur Sekunden nach der Mitteilung über das Aus von Sandro Schwarz bereits bei ihm angeboten, sagte Schröder, ein Seufzen im Blick. So ist nun mal das Geschäft. Und mit der Entscheidung vom Sonntag ist Mainz 05 fürs Erste ein ganz normaler Bestandteil dieses Geschäfts geworden. So kam nach den emotionalen Einblicken von Rouven Schröder in die Vorgänge seit dem Abpfiff vom Samstag denn auch seine deutliche Ansage: „Es gilt jetzt, den Blick nach vorne zu richten, denn das ist unsere Aufgabe, und im Sinne des Vereins eine gute Lösung zu finden.“