05-Gegnerbetrachtung: Die Magie des Christian Streich

Die Gegnerbetrachtung ist zurück. Vor jedem Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit PodcasterInnen, JournalistInnen oder BloggerInnen aus dem Umfeld des gastgebenden Vereins. Diesmal spreche ich mit Philipp Schneider über seine Liebe zum SC Freiburg.

1
Hallo Philipp! Danke, dass du dir heute Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Deine Twitter-Biografie verrät über dich, dass du nicht nur selbst gegen den Ball kickst, sondern auch Trainer im Südbadischen Fußballverband bist. Spielst du noch und wen trainierst du?

IMG-20160221-WA0003Hallo Mara! Ja, das stimmt, ich spiele für die Sportfreunde Ittendorf/Ahausen, das ist ein Kreisligist am Bodensee. Dort trainiere ich auch die zweite Herrenmannschaft. Ich habe vor einem Jahr meine Fußballtrainer-Lizenz absolviert und habe enorm Spaß daran, mit einer Mannschaft zu arbeiten.

2
Wir sprechen heute über das anstehende Spiel der Mainzer am Wochenende in Freiburg. Wie bist du Fan des SC geworden? Und gibt es Ereignisse oder Phasen, die dich besonders geprägt haben in deiner Beziehung zum Verein?

Ich komme aus dem Schwarzwald, da gab es in der Schule nur Bayern-, Stuttgart- oder Freiburg-Fans. Da wir mit der Familie oft in Freiburg waren, wurde ich Fan des SC. Nachdem ich nach Freiburg gezogen bin, wurde meine Leidenschaft für den SC Jahr für Jahr größer und seit 2009 habe ich eine Dauerkarte. Ich wohne zwar inzwischen am Bodensee, sehe aber trotzdem ungefähr 30 Spiele pro Saison im Stadion. Nach Ende der Hinrunde werde ich, wenn alles klappt, 300 Spiele des SC im Stadion gesehen haben. Da waren natürlich einige Highlights dabei. Der Aufstieg in Koblenz, die Europapokal Qualifikation in Fürth, Auswärtsspiele im Europapokal, aber auch die Spiele in der zweiten Liga vor drei Jahren, haben mich einfach an diesen Verein gebunden.

3
Du gehörst zum Team des „Füchsletalk“, einem Fußballpodcast, der sich mit dem SC Freiburg beschäftigt. Wer ist außer dir dabei? Wie habt ihr zusammengefunden? Wie oft und wo kann man euch hören? Und sendet ihr live oder nehmt ihr vorab auf?

FuechsletalkAußer mir dabei sind Sven, Michael, Hans-Peter und Dominik. Die vier anderen machen das schon ein bisschen länger zusammen. Ich habe sie fleißig gehört und dann via Twitter Michael kennengelernt, der mich mal eingeladen hat. Ich war erst einmal dabei und wurde danach fester Bestandteil des Teams. Wir nehmen eine Sendung pro Monat auf, die man bei Meinsportpodcast.de (ehemals Meinsportradio.de) hören kann. Wir nehmen die Sendungen immer im Voraus auf und veröffentlichen Sie meistens ein Tag später.

4
Kannst du uns ein bisschen was zur Sendung selbst verraten? Wie bereitet ihr euch inhaltlich vor? Gibt es feste Rubriken? Was ist euch besonders wichtig? Und besteht auch ein direkter Kontakt zu den Vereinsverantwortlichen oder Spielern?

Also, wir halten das meist spontan. Themen, die anstehen, wie die Mitgliederversammlung, Transfers oder die allgemeine Situation des Vereins, werden besprochen. Michael moderiert die Sendung und fragt uns im Prinzip nach unserer Meinung. Soweit ich weiß, besteht kein direkter Kontakt zum Verein, es kann aber sein, dass es bei einem der anderen vier anders ist.

Die Mitgliederversammlung des 1. FSV Mainz 05 verlief ereignisreich. (Foto: WP)

Die Mitgliederversammlung des 1. FSV Mainz 05 verlief ereignisreich. (Foto: WP)

5
Bei der Mitgliederversammlung des 1. FSV Mainz 05 wurde heiß diskutiert, ob die Löschung aus dem Vereinsregister drohen könnte, wenn die Profiabteilung nicht ausgegliedert wird. Auch der SC Freiburg ist nach wie vor eingetragener Verein. Wie aktuell ist das Thema dort?

Das ist für die Fans des SC ein sehr wichtiges Thema. Der Großteil der Fans will ein e.V. bleiben. Das ist ein Thema, das mir am Herzen liegt, bin ich doch kein großer Freund der aktuellen Entwicklung im Fußball und sehr froh, dass es noch Ausnahmen wie Freiburg und Mainz gibt. Die Thematik, wie sie die Mainzer jetzt hatten, ist in Freiburg sehr interessiert beobachtet worden. Auch in Freiburg macht man sich Gedanken, wie es weitergeht, sollte man gezwungen werden, auszugliedern.

6
Football Leaks, Ausgliederung und zerstückelte Spieltage sind nur einige der Themen, die Fans aktuell mal wieder beschäftigen. Dazu mehren sich die Stimmen derer, die das Wort „Fußballromantiker“ fast als Beschimpfung nutzen und die Entfremdung klaglos hinnehmen. Wohin steuert der Fußball und was bedeutet das für Vereine wie Freiburg oder Mainz?

Der Fußball steuert in eine Richtung, die nicht gut für die Menschen sind, die aktiv am Verein teilhaben und viele Spiele besuchen möchten. Dass Vereine mit viel Geld aus dem Nichts in die Bundesliga kommen, wird eines Tages dazu führen, dass Vereine wie Freiburg oder Mainz nicht mehr in dieser Liga spielen können, sollten sie nicht auch einen großen Geldgeber finden.

7
Vor der Begegnung mit Mainz 05 am 11. Spieltag steht Freiburg mit 13 Punkten auf Platz 10 der Tabelle. Wie zufrieden bist du ganz grundsätzlich mit diesem Zwischenstand?

Ich bin sehr zufrieden. Nach einem holprigen Start wurde nur noch eines der letzten acht Spiele verloren. Der SC ist breiter aufgestellt als in der letzten Saison und die jungen Spieler entwickeln sich sehr gut weiter. Man hat sich ein kleines Polster erarbeitet vor den Abstiegsplätzen, was ein schönes Gefühl ist. Schade war das vermeidbare Ausscheiden im Pokal.

8
Christian Streich musste in dieser Saison einige Spiele wegen Rückenproblemen aussetzen. Was glaubst du, wie sehr hat er als Typ der Mannschaft in dieser Zeit gefehlt? Wären diese Partien in seiner Anwesenheit erfolgreicher verlaufen?

Ich glaube, Streich hat sehr mit seiner Ansprache gefehlt. Die Co-Trainer haben das gut gemacht, aber Streich ist einfach ein Typ, der extrem schwer zu ersetzen ist. Ich glaube allerdings, dass die ersten Spiele auch mit ihm verloren worden wären. Ein Trainer kann viel beeinflussen, aber mangelnde Chancenverwertung und individuelle Fehler kann auch ein Christian Streich nicht ändern.

9
Der Trainer ist längst zum unverwechselbaren Gesicht des Vereins geworden, sportlich, aber auch, weil er sich immer wieder klar gesellschaftlich und politisch positioniert. Wie siehst du seine aktuellen Sympathiewerte bei den Fans? Ist Streich unersetzlich?

Ich glaube, Christian Streich ist das Gesicht dieses Vereins und die Fans mögen ihn extrem. Er ist ein Trainer, der über den Tellerrand hinausblickt und einfach schon ewig da ist. Streich identifiziert sich mit dem SC und hat sportliche Erfolge. Im Moment gibt es keinen besseren Trainer für diesen Verein.

10
Zuletzt hat Freiburg in München einen Punkt gegen die Bayern geholt. Wie ist das dem Team gelungen und war es für dich die bisher schönste Partie der Saison? Und war es die perfekte Antwort auf das Pokalaus in der Vorwoche?

Es war eine sehr ereignisreiche Woche. Der Sieg gegen Mönchengladbach, das war für mich das schönste Spiel der Saison. Ich war bei allen Spielen der englischen Woche im Stadion und das Aus in Kiel kam nach dem Gladbach-Spiel überraschend. Aber Kiel hat dem SC mit Kampf und Wille Paroli geboten, so wie es der SC jede Woche in der Bundesliga probiert. München war ein Highlight. Ein Ausgleich in der 89 Minute ist immer emotional, aber dann auch noch in München, das war schon sehr schön.

11
Welches der bisherigen Saisonspiele des SC spiegelt deiner Meinung nach am besten wider, wie die Freiburger grundsätzlich spielen wollen? Worauf muss Mainz 05 sich am Samstag im Breisgau einstellen und was ist dein Tipp fürs Spiel?

Ich denke, das Spiel gegen Gladbach. Der SC will aus einer guten Defensive heraus schnell nach vorne spielen. Mainz muss sich auf viele Zweikämpfe und sehr viel Laufarbeit des SC einstellen. Nils Petersen fällt leider aus. Ich denke, es wird ein sehr enges Spiel. Ich tippe seit Jahren 2:1 für den SC, egal, gegen wen und wo sie spielen, einfach in der Hoffnung, dass ich richtigliege.

KOMPAKT
Der SC Freiburg ist der beste Club der Welt, weil… der SC aus wenig viel macht.
Was ich an unserem Stadion besonders liebe, ist… dass das Stadion so eng ist. Und die Lage!
Mein ewiger Lieblingsspieler ist eindeutig… Nils Petersen.
Wer Freiburg besucht, sollte unbedingt… mal ‘ne Rote am Münster essen.
Besonders lecker essen Gästefans… im San Marino.

Vielen Dank für das Gespräch!

Leandro Barreiro hat bei Mianz 05 seinen ersten Profivertrag unterschrieben. (Foto: Mainz 05)

Leandro Barreiro hat bei Mianz 05 seinen ersten Profivertrag unterschrieben. (Foto: Mainz 05)

LETZTE WORTE
Für den 1. FSV Mainz 05 waren die zurückliegenden Tage in vielerlei Hinsicht positiv. Nicht nur, dass der Verein am letzten Wochenende zuhause gegen SV Werder Bremen endlich wieder einen so heiß ersehnten Dreier einfuhr, parallel wurde auch weiter an der langfristigen Kaderplanung gebastelt. 05-Sportvorstand Rouven Schröder verlängerte den Vertrag mit Jonathan Burkardt vorzeitig bis 2022 und stattete Leandro Barreiro mit seinem ersten Profivertrag aus. Beim Vertrag des bisherigen Leispielers Aarón Martín griff mit seinem zehnten Saisoneinsatz die Kaufoption und der Verein bindet ihn bis 2023.

„Im Schatten der Arena“ unterm Weihnachtsbaum

Kurz nach der Veröffentlichung von „Im Schatten der Arena“ im Mai hatte ich bereits ein FAQ rund um den Krimi verfasst. Pünktlich zur Vorweihnachtszeit gibt’s eine kleine Aktualisierung für alle, die Interesse daran haben, den Krimi beispielsweise am 24. Dezember unter den geschmückten Baum zu legen. Mit ein bisschen Mühe passt er vielleicht sogar in den Nikolausstiefel…

Im Schatten der Arena

Wo sollen wir den Krimi kaufen, damit du am meisten davon hast?
Wer das Buch signiert oder mit einer Widmung möchte, kann es gerne per Mail direkt bei mir bestellen. Für alle Bestellungen, die mich bis zum 17. Dezember erreichen, spende ich 50 Cent an die DKMS Deutschland, die ich schon länger unterstütze. Generell freue ich mich, wenn ihr es der Buchhandlung eures Vertrauens besorgt, um den lokalen Handel zu unterstützen. Wer gerne online bestellen will, kann das zum Beispiel im Shop der Autorenwelt tun, die sehr fair abrechnen – oder auf der Homepage des Verlags.

Bekomme ich für mein/e/n Blog/Podcast/Zeitung nach wie vor ein Rezensionsexemplar?
Meldet euch gerne direkt bei mir, ich leite die Anfragen an den Verlag weiter. Grundsätzlich freuen wir uns natürlich über jede Besprechung und die meisten Anfragen sind machbar.

Montage 3

Wird es weitere Lesungen geben?
Aber klar! Die Premiere war am 18. Mai im Hugendubel Mainz. Seither war ich mit dem 05-Krimi schon unter anderem in der Loge von Lotto Rheinland-Pfalz, auf der Buchmesse oder im Fanhaus zu Gast. Am Donnerstag, 15. November, lese ich auf Einladung von Mainz 05 hilf e.V. in der Arena, Voranmeldungen bitte an classics@mainz05.de. Tags darauf ist Vorlesetag und im Rahmen der Aktion „Mainz liest bunt“ besuche ich das Schlossgymnasium. Auch für diese Lesung wird um Voranmeldung per Mail (sekretariat@verwaltung.schloss-online.de) gebeten.

Wie kann ich dich unterstützen?
Ich freue mich über jeden, der einfach Lust hat, mein Buch zu lesen. Wer zusätzlich eine kleine Rezension – zum Beispiel bei Amazon oder LovelyBooks – hinterlässt oder anderswo trommelt, macht mir natürlich eine besondere Freude. Sehr schön finde ich auch, wenn mich per Mail oder über die sozialen Netzwerke Bilder davon erreichen, wo der Krimi überall unterwegs ist.

Vielen lieben Dank für euer Interesse!

05-Gegnerbetrachtung: Kontinuität meets Kontinuität

Die Gegnerbetrachtung ist zurück. Vor jedem Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit PodcasterInnen, JournalistInnen oder BloggerInnen aus dem Umfeld des gastgebenden Vereins. Diesmal verrät mir Gisela Schneider ihren Blick auf Borussia Mönchengladbach.

1
Liebe Gisela, danke, dass du dir die Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Du schreibst im Blog Teilzeitborussin auch und vor allem über dein Verhältnis zu den Fohlen. Deine Liebe zum Verein kam erst fast per Geburt, ruhte dann lange und entflammte neu. Erzähl mal!

TZB_GravatarDie passendste Beschreibung für die Art, wie sich die Borussia in mein Leben geschlichen hat, ist wohl Osmose. Ich erinnere nicht, dass mir als Kind jemand aktiv von der Borussia – oder auch vom Fußball generell – vorgeschwärmt oder mich sonstwie zu missionieren versucht hätte. Beide waren nur einfach immer da. In der Vereinskneipe, die mein Großvater führte. Im Dorf, in dem jeder Nicht-Borussiafan namentlich bekannt war und sich beim sonntäglichen Frühschoppen entsprechende Frotzeleien anhören durfte. In den Gesprächen, im Radio, im (damals noch limitierten) Fernsehprogramm. Wir Kinder waren alle beim Fußball dabei und wir waren alle Borussiafans. Es gab einfach keinen anderen Verein.
Als Teenager war ich öfter mit meinem Vater im Stadion, konvertierte dann jedoch zu seinem Erschrecken zum VfB Stuttgart – hauptsächlich, weil ich leidenschaftlicher Fan von Asgeir Sigurvinsson war. Die Meisterschaft 1984 war damals das Größte für mich. Danach ebbte mein Fußballinteresse jedoch ab. Das Niveau des Spiels insgesamt sank, die Nationalmannschaft, für die ich mich auch immer interessiert hatte, riss nichts mehr, ich zog zu Hause aus und meine studienbedingte neue Heimatstadt dümpelte in der damaligen Oberliga vor sich hin. Das alles ließ mein Interesse am Fußball ziemlich erlahmen.
Wiederbelebt wurde das erst, als ich nach dem Studium wieder an den Niederrhein zog und damit auch wieder den Bezug zur Borussia und die ständige Begegnung mit ihren Fans hatte. Mittlerweile gab es das Pay-TV und so hockte ich Spieltag um Spieltag mit meinem Vater vor dem Fernseher und schaute mir das Gladbach-Spiel an. Das war etwa Anfang der Nullerjahre, als die Borussia gar nicht gut dastand. Vermutlich kam dadurch auch meine Schwäche für Underdogs ins Spiel und ich hatte das Gefühl, man müsse dem Verein jetzt den Rücken stärken. Das steigerte sich mit dem zweiten Abstieg 2007 noch mal. Ab ungefähr dieser Zeit würde ich mich als ernsthaften Borussia-Fan bezeichnen. Zum Glück berappelte sich der Verein dann schnell und ich hatte das Glück, seitdem einige sehr schöne Jahre mit meinem Club erleben zu dürfen.

Blog

2
Dein Blog heißt Teilzeitborussin und auch auf Twitter bist du mit diesem Namen unterwegs. Was bedeutet er für dich?

Ursprünglich eine spontane Eingebung bei der Suche nach einem Namen für ein Tippspiel, hänge ich mittlerweile tatsächlich sehr an diesem Namen und betrachte ihn ein bisschen als mein Leitbild. Das drückt auch meine Formulierung „Nicht nur, aber auch Fußballfan“ aus, die in meiner Twitter-Bio zu finden ist. Der Name drückt für mich perfekt die verschiedenen Rollen in meinem Leben – und gewissermaßen auch Facetten meiner Persönlichkeit – aus. Mein Büroalltag an der Kö in Düsseldorf ist sehr weit weg von meinem Stadion-Ich und fängt mich wieder ein, wenn ich mich am Wochenende zu sehr über den Fußball aufgeregt habe. Und der Stadionbesuch oder der Fußballschnack am Stammtisch erden mich, wenn ich Gefahr laufe, die Kö für das wahre Leben zu halten. Von allem etwas, aber nichts im Exzess – diesen Spagat mag ich und versuche ihn für mich positiv zu leben.

3
Von den Aufs und Abs deines Vereins hast du in den letzten Jahrzehnten fast alle irgendwie mitgemacht, manche intensiver, manche aus größerer Entfernung. Was hat dich und dein Verhältnis zu dem Verein besonders geprägt?

Mich haben wie oben beschrieben erst die letzten circa zehn Jahre so richtig geprägt, ich bin auch erst vor relativ wenigen Jahren in den Verein eingetreten. Das Wichtigste für mich war dabei weniger der Erfolg als vielmehr die Kontinuität – im Personal, in der Vereins- und Spielstrategie und in den Werten. Zu wissen, mit welchen Akteuren ich es auf Vereinsseite zu tun habe und in etwa einschätzen zu können, wie sie agieren werden, gibt mir ein beruhigendes Gefühl. Trainerkarussells, Aktionismus, unberechenbar zwischengrätschende Investoren – das sind Dinge, die mich nervös machen.

Borussia Mönchengladbach ist ein Verein, bei dem sich das Trainerkarussell selten dreht. (Foto: WP)

Borussia Mönchengladbach ist ein Verein, bei dem sich das Trainerkarussell selten dreht. (Foto: WP)

4
Im Blog schreibst du, die Borussia schaffe es, „aus eher suboptimalen Standortfaktoren (relativ kleine Stadt, Grenzgebiet, große etablierte Konkurrenz in unmittelbarer Nähe) viel herauszuholen und kontinuierlich auf Erst- oder Zweitliganiveau zu agieren. Mit Vereinen wie Uerdingen oder Essen und Duisburg in der Nachbarschaft sieht man immer wieder, dass das keine Selbstverständlichkeit ist.“ Was ist in deinen Augen das Geheimnis dieses Erfolges?

Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Natürlich kann ich die üblichen Verdächtigen ins Feld führen: der rechtzeitige Stadionneubau, geschicktes Agieren der sportlichen Leitung und der Geschäftsführung, kluge Außendarstellung durch prominente Vorstandsfiguren, die stets ein geschlossenes Bild präsentieren. Aber ich kenne die anderen genannten Vereine zu wenig, um ihnen diese Dinge pauschal abzusprechen und ich möchte auch nicht der Versuchung erliegen, unsere Erfolgsstory vom Ende her zu interpretieren. Es hätte auch bei uns alles anders kommen können – nicht zuletzt 2011, als Stefan Effenberg mit der ‚Initiative Borussia‘ eine Revolution anzetteln und den Einstieg von Investoren ermöglichen wollte. Vielleicht hatten wir ja auch nur Glück. Oder genügend veränderungsunwillige Mitglieder, wie ich es heute bin, die diese Aktion nicht mittragen wollten.

5
Ein Thema, mit dem du dich zuletzt häufiger intensiv beschäftigt hast, ist der Videobeweis. Hast du für dich ein Fazit oder eine persönliche abschließende Meinung dazu gefunden?

Auf diese Frage habe ich zwei Antworten. Zum einen war, bin und bleibe ich gegen den Videobeweis, unabhängig von seiner konkreten Umsetzung. Das hat mit dem eigentlichen Videobeweis gar nichts zu tun, sondern mit meiner großen Begeisterung dafür, was ich die „Echtzeit“ nenne. Damit meine ich das unmittelbare Liveerlebnis – üblicherweise im Stadion – und die flüchtige Unwiederbringlichkeit des Augenblicks. Den Moment nicht zurückholen, eine Entscheidung nicht revidieren und in keiner Weise nachkarten zu können, das hat für mich einen ganz besonderen Zauber, über den ich auch schon mal gebloggt habe. Man muss halt in diesem einen Moment hinschauen und Acht geben, wenn es keine Wiederholung geben kann. Und man muss den vergangenen Moment abhaken und weitermachen – ganz so, wie die Spieler selbst ja auch. Ich wurde schon mal darauf hingewiesen, dass ich damit strenggenommen auch gegen jegliche Wiederholung und Zeitlupe sein muss, und ja: das bin ich. Ich hasse die ewige Wiederholung von Szenen im TV und das nicht enden wollende Diskutieren und Nachkarten auf den ‚Experten‘-Sofas oder in einem Medium wie Twitter. Wann immer ich merke, dass eine solche Debatte eskaliert, versuche ich, mich da so zügig wie möglich rauszuziehen.
Die zweite Antwort lautet, dass mir der arme kleine Videobeweis mittlerweile fast schon leidtut. Die Last an Erwartungen, die diese Einrichtung auf ihren Schultern tragen muss – daran kann sie doch nur scheitern. Mehr Gerechtigkeit, mehr Eindeutigkeit, keine Fehler mehr – was wurde nicht alles zuvor geschrieben und hernach geschimpft. Gerade in der letzten Saison hatte ich das Gefühl, dass umstrittene Entscheidungen mit Videobeweis noch hasserfüllter als zuvor diskutiert wurden. Vielleicht ist es mal an der Zeit, dass jemand eine Lanze bricht für den armen Videobeweis. Er ist nicht perfekt, aber auch nicht der Untergang des Abendlandes.

Die Fans des FSV haderten in Spielen gegen Gladbach zuletzt häufiger mit dem VAR. (Foto: Rheinhessen on Tour)

Die Fans des FSV haderten in Spielen gegen Gladbach zuletzt häufiger mit dem VAR. (Foto: Rheinhessen on Tour)

6
Die vergangene Saison hat Gladbach mit 47 Punkten auf Platz 9 außerhalb der europäischen Ränge beendet. Vor dem 8. Spieltag lag man mit 11 Punkten auf Rang 7. Aktuell reichen 14 Punkte für Platz 3, als Bonbon wurde das Spiel gegen die Bayern gewonnen. Hättest du so einen guten Auftakt von der Mannschaft erwartet?

In Sachen Punkte und Tabellenplatz hatte ich gar keine Erwartung formuliert. Der Tabellenplatz scheint in den letzten Jahren mehr davon abzuhängen, was der Wettbewerb macht, als von uns selbst. Und diese Art von Ausbeute ist mir persönlich auch ziemlich unwichtig. Wichtiger ist mir, wie wir spielen, womit ich sowohl die Schönheit des Spiels und den Stil als auch die wahrgenommene Einstellung der Mannschaft und einen erkennbaren Plan des Trainers meine.
Ich war vor der Saison sehr neugierig auf das neue System und auch auf unsere Neuzugänge, aber auch etwas unsicher, ob daraus neuer Schwung entstehen kann. Ich glaube, ich kann mich über keinen der genannten Aspekte beklagen. Es wirkt, als hätte Dieter Hecking die ganze Mannschaft einmal durchgewirbelt und abgestaubt; nicht nur die Neuen haben klasse eingeschlagen, auch die etablierten Spieler spielen zum Teil neue Rollen und zeigen ganz neue Facetten. Es ist wie eine Frischzellenkur für alle. Bislang gefällt es mir meistens großartig.

7
Die guten Jahre mit Trainer Lucien Favre lassen einen, finde ich, manchmal vergessen, dass er Gladbach 2011 vom letzten auf den Relegationsrang führte und den Abstieg verhinderte. Wie nimmst du das im Umfeld wahr, sind die Erwartungen in dieser Zeit gestiegen und wird ein Tabellenplatz vorausgesetzt, der den europäischen Wettbewerb bedeutet?

Mein Umfeld ist diesbezüglich sehr heterogen und ich nehme eine große Bandbreite von Meinungen wahr. Der eine Teil ist ziemlich geerdet und erwartet keine Wunderdinge von einer Mannschaft, die sich kontinuierlich erneuert, Jahr um Jahr große Abgänge klug kompensieren muss und immer auch mit jungen Spielern agiert, die noch Fehler und Formschwankungen zeigen.
Aber es gibt auch einige, die die Tiefstapelei satt haben und fordern, man solle endlich selbstbewusster, auch aggressiver seine Ziele formulieren. Ich kann diese Position auch verstehen, obwohl ich ihr selber nicht anhänge. In der letzten Saison glaubte man doch eine gewisse Bräsigkeit in der Mannschaft zu erkennen, ein Einlullen und Zufriedengeben mit dem Minimalziel angesichts widriger (Verletzungs-)Umstände. Ich kann nachvollziehen, dass der Eine oder Andere glaubt, man könne das Team mit mehr Aggressivität in der Zielsetzung vielleicht mehr kitzeln.
Und dann gibt es noch die ewigen Grantler im Dorf und auf der Gegengerade, die auch nach dem Bayernsieg gemeckert haben und vermutlich sogar noch ein Haar in der Suppe finden würden, wenn diese in einer Meisterschale serviert würde. Für sie ist das Meckern wohl Lebensphilosophie, entsprechend gleichmütig versuche ich sie zu nehmen. Das gelingt mal mehr, mal weniger gut.

8
Nach Favres Rücktritt wurde André Schubert Gladbach-Trainer, auf ihn folgte im Dezember 2016 Dieter Hecking. Aus der Entfernung wirkte er lange wie eine Interimslösung, vielleicht, weil man bei ihm oft das Gefühl einer gewissen Distanz zu seinem Team vermutet. Tue ich ihm damit unrecht? Wie schätzt du ihn ein, was seine Leidenschaft und Arbeit angeht?

Trainer Dieter Hecking ist schwer einzuschätzen. (Foto: Jan Heimerl - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0)

Trainer Dieter Hecking ist schwer einzuschätzen. (Foto: Jan Heimerl – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0)

Ich finde Dieter Hecking auch schwer einzuschätzen, er kommt oft verschlossen rüber und seine Äußerungen in den Medien oder in Pressekonferenzen gehen selten über Vorhersagbares hinaus. Ihm fehlt auch die Strahlkraft anderer Trainer, auf die sich die Medien gerne stürzen.
Man hört, er soll im persönlichen Umgang ganz anders sein, aber da kenne ich ihn leider nicht. In einem Podcast-Interview, das ich gehört habe, wirkt er tatsächlich deutlich offener, sehr persönlich und humorvoll und vor allem ehrlich, zielstrebig und geradeaus. Das sind für eine Führungskraft und Lehrperson ja keine schlechten Eigenschaften. Wenn er diese im direkten Umgang mit den Spielern zeigt, dann ist mir sein Auftreten in der Öffentlichkeit im Vergleich dazu auch ziemlich wumpe.

9
Max Eberl feiert am 19. Oktober sein zehnjähriges Jubiläum als Sportdirektor bei der Borussia. Und das, obwohl er mit fast jedem Verein in Verbindung gebracht wird, bei dem diese Stelle vakant ist. Wie wichtig ist diese Kontinuität für den Verein? Und welcher Transfer war für dich in all der Zeit sein größter Coup?

Ich bin persönlich großer Fan von Max Eberl und habe ja schon erläutert, wie wichtig mir persönlich Kontinuität ist. Am Ende einer Saison zu wissen, man wird mit demselben Personal auch in die nächste gehen, das ist total beruhigend. Man kann Pläne schmieden fürs nächste, fürs übernächste Jahr: was wird Eberl machen, wenn Raffael aufhört, wenn Hazard oder Sommer weggehen sollten? Es macht mich ungemein froh, mich darauf verlassen zu kennen, dass er solche Themen mit einem längerfristigen Plan verfolgt und zum richtigen Zeitpunkt da ist, um Maßnahmen zu ergreifen.
Sein größter Coup war für mich kein Ein- sondern ein Verkauf, nämlich der von Granit Xhaka. So viel Geld auf einen Schlag für einen einzelnen Spieler: der Wahnsinn. Was du davon alles bezahlen kannst – und dabei denke ich weniger an neue Spielereinkäufe, sondern vor allem auch an die Infrastrukturmaßnahmen am Stadion und das Abbezahlen der Schulden vom Stadionbau. Wir werden in absehbarer Zeit diese Schulden getilgt haben und selbst Eigentümer des Stadions sein. Und das, auch ohne dass die Namensrechte verkauft wurden. Das finde ich eine große Sache.

10
Wie zufrieden bist du mit euren Transfers in der Sommerpause? Auf welche Spieler sollten die Mainzer am Sonntag besonders achten und wer könnte den Unterschied machen?

Ich fände es gar nicht so übel, wenn ihr auf gar keinen Spieler besonders achtet. Nein, Scherz beiseite, natürlich muss Alassane Pléa hier zuerst genannt werden, weil er sicher unser auffälligster Neuzugang und immer für ein Tor gut ist. Was dabei zuletzt auch sehr beeindruckt hat, ist die Unvorhersehbarkeit seiner Tore und Torschüsse. Es gelingt ihm immer wieder, Gegner damit zu überraschen. Auf diesen Effekt hoffe ich natürlich am Sonntag auch. Mehr Unberechenbarkeit war eines der Dinge, die ich mir vor der Saison gewünscht hatte, und die bringt er auf jeden Fall mit. Auch sehr gefreut hat mich die Rückkehr von Florian Neuhaus aus der Leihe in Düsseldorf, und dass er sich nahtlos ins Team eingefunden hat. Er spielt schon ganz schön abgebrüht im offensiven Mittelfeld.
Zwei neue Gesichter, die mich besonders gefreut haben, die in den Medien aktuell aber keine so große Rolle spielen, sind die beiden jungen Außenverteidiger, Jordan Beyer und Andreas Poulsen. Auf beiden Seiten, rechts wie links, waren wir jahrelang schlecht aufgestellt und ich bin froh, dass wir dort jetzt junge neue Spieler sehen. Aber über die müsst ihr euch für Sonntag sicherlich keine Gedanken machen, dort spielt aktuell noch das etablierte Personal. Wie oben schon kurz erwähnt, sind diese Saison aber nicht nur die Neuzugänge ein veränderter Faktor, sondern auch, dass Spieler, die schon länger dabei sind, in anderen Rollen oder mit veränderter Interpretation ihrer Aufgaben unterwegs sind. Wer das ist und wie sie das lösen, verrate ich aber nicht.

Was erwartet Mainz 05 im Borussia Park? (Foto: Meenzer on Tour)

Was erwartet Mainz 05 im Borussia Park? (Foto: Meenzer on Tour)

11
Welche(s) System(e) lässt Dieter Hecking aktuell spielen? Wie flexibel stellt er um? Hat die Mannschaft schon verinnerlicht, was der Trainer von ihnen will? Und wird die Partie wieder vom VAR geprägt? Hust… Im Ernst, was für ein Spiel erwartest, welches Ergebnis tippst du?

Wir haben ja vor Beginn der Saison auf das 4-3-3-System umgestellt und es erscheint über weite Strecken schon ziemlich gut eingespielt. Da scheinen Spieler und Trainer ihre Hausaufgaben in der Sommerpause gemacht zu haben. Größere Umstellungen dieses Systems habe ich bislang noch nicht gesehen, es scheint eher so, dass die Spielweise innerhalb desselben Systems immer wieder anders interpretiert wird, entweder durch den Einsatz anderer Spielertypen (vor allem im Mittelfeld) oder dadurch, dass der gleiche Spieler seine Position anders wahrnimmt. Am auffälligsten war das wohl im Bayern-Spiel, wo wir trotz gleicher Formation auf dem Papier ganz anders gespielt haben als in den Spielen zuvor.
Die beiden nächsten Spiele – gegen Mainz und Freiburg – sind für mich echte Prüfsteine. Beides sind Clubs, gegen die wir in den letzten Jahren schon echt alt ausgesehen haben und mit deren Spielweise wir uns oft schwer tun. Zu sehen, ob das neue System und der neue Schwung daran etwas ändern, ist mir wirklich wichtig. Erst danach würde ich mir eine Erwartungshaltung für den Rest der Hinrunde zutrauen. Diese Spiele sind mir wichtiger als das Bayern-Spiel.
Am Sonntag erwarte ich ein Spiel ähnlich wie das gegen Augsburg, mit einem Gegner, der extrem unangenehm zu bespielen ist und versucht, genau das schnelle, präzise Passspiel zu unterbinden, das wir am liebsten spielen. Wie wir diese Aufgabe lösen, wird bestimmen, wie es ausgeht. Ich denke, dass es sehr eng wird und das Spiel in die eine wie in die andere Richtung kippen kann. Ich bin auf jeden Fall gespannt wie ein Flitzebogen.

KOMPAKT
Die Borussia ist der beste Club der Welt, weil … sie genauso unaufgeregt mittelmäßig und stabilitätsorientiert ist wie ich.
Was ich an unserem Stadion besonders liebe, ist … die Lautstärke, die sich dort entwickeln kann. Die Akustik, gerade auch die Reflektion des Schalls auf das Spielfeld, wurde beim Bau berücksichtigt und das merkt man. Wenn die Bude brennt, knallt es dir das Trommelfell weg.
Mein ewiger Lieblingsspieler ist eindeutig … kein Borusse. Asche auf mein Haupt.
Wer Gladbach besucht, sollte unbedingt … die Stadt links liegen lassen, sich ein Rad mieten und die schönen flachen Rad- und Feldwege am Niederrhein erkunden.
Besonders lecker essen Gästefans in … jedem Lokal, in dem es Muscheln rheinische Art gibt.

Vielen Dank für das Gespräch!

LETZTE WORTE
In dieser Woche feiern zwei ihre Geburtstage, die in der vergangenen Saison teilweise ordentlich einstecken mussten, sich dabei aber nicht aus der Ruhe bringen ließen: Coach Sandro Schwarz (40) und Sportvorstand Rouven Schröder (43). Alles Gute den beiden und es gilt auch weiterhin: Immer mit der Ruhe auf dem Mainzer Weg.

|| Vielen Dank an Rheinhessen on Tour und Meenzer on Tour für die Fotos. ||

Ein Blog, ein Buch, ein Brunnen: Rebellenlesung in Mainz

Würde man eine Lesung der Wochenendrebellen vorab inszenieren wollen, wäre das eine heikle Angelegenheit. Die Einsätze! Das Timing! Die Gags! Die Regie hinter der Bühne käme vermutlich ziemlich ins Schwitzen. Doch es gibt keine Inszenierung, ergo auch keine Regie und bei der Lesung im Fanhaus Mainz nicht mal eine Bühne, da ohne mehr Interessierte ins Kick’n Rush, die ureigene Kulturkneipe, passen. Stattdessen einen Tisch, an dem Jason sich ausgebreitet und Vater Mirco (s)ein Eckchen zugewiesen hat, damit „das Setting hier gleich mal die Hierarchie in der Familie klarmacht“, wie Letzterer schmunzelnd verkündet. Und es gibt natürlich Regeln, unter anderem die, dass der Sohnemann bestimmen darf, wie es läuft.

Das Kick'n Rush ist die Kulturkneipe im Fanhaus Mainz. (Foto: WP)

Das Kick’n Rush ist die Kulturkneipe im Fanhaus Mainz. (Foto: WP)

Jason erkundigt sich denn auch direkt selbstbewusst nach der Gästeliste, da es aufgrund einer aktuellen Grippewelle einige kurzfristige Absagen bei der von der Fanabteilung des FSV Mainz 05 organisierten Lesung gegeben hat. Die Namen wolle er auf seine Hassliste setzen, erklärt er, wobei es ihm am liebsten wäre, Papsi würde vorher überall anrufen, um zu klären, wer begründet und wer gedankenlos abgesagt hat. Denn er hasst zwar Unzuverlässigkeit – Ungerechtigkeit ist ihm aber gleichfalls zuwider. Ein paar der Gäste wirken verunsichert. Ist das jetzt ein Scherz? Doch Jason verzieht keine Miene, stattdessen liest er die Einführung aus Wir Wochenendrebellen, dem Buch, das Vater und Sohn gemeinsam geschrieben haben.

Darin geht es um die gemeinsamen Fußballreisen der beiden, in deren Mittelpunkt Jasons Suche nach „seinem“ Fußballverein steht. Daneben erzählt das Buch die Geschichte einer Familie, zu der neben Vater und Sohn auch Mutter Fatime und Tochter Lani gehören, von der großen Liebe, die sie verbindet, der Herzenswärme, die sie einander entgegenbringen.

Die Rebellen bei einem früheren Mainz-Besuch. (Foto: WP)

Die Rebellen bei einem früheren Mainz-Besuch. (Foto: WP)

Und es geht auch um etwas, was Jason selbst für sein Leben als „Behinderung und Behilflichkeit“ beschreibt: Er ist Asperger-Autist. Für die Lesung liefert diese Tatsache zahlreiche Anekdoten über die Erfahrungen, die sie als Familie bereits mit der Presse gemacht haben. Mirco erzählt davon, wie schwierig es sei, die gängigen Klischees aufzubrechen und zu verhindern, dass Jason als skurriler Sonderling porträtiert wird, der am Leben leidet, Zahlen jongliert und in seiner eigenen Welt lebt. „Er lebt in derselben Welt wie wir.“

Zwar ist Autismus eine Diagnose, aber man spricht weder von Krankheit noch von Behinderung, sondern einem „Spektrum“. Es gibt übereinstimmende Merkmale, doch letztlich ist jeder Autismus anders. Man unterscheidet zwischen frühkindlichem und atypischem Autismus, der Autismus-Spektrum-Störung und eben: Asperger-Autismus. „Entwicklungsstörung“, schreibt Mirco im Buch und es ist spürbar, wie seine Stirn unwillige Falten schlägt. „Ein Fachbegriff, der nicht nur meine Frau und mich ratlos zurücklässt. Wir sehen da nichts Störendes in seiner Entwicklung.“

Die Rebellen bitten um ihr Handzeichen! (Foto: WP)

Die Rebellen bitten um ihr Handzeichen! (Foto: WP)

Jason selbst erklärt dem Publikum in Mainz, er hätte gerne einen Bruder wie sich und will von Papsi wissen, wie der das sieht. Dass sie die geplante Abstimmung im Publikum zu der Frage am Ende der Lesung vergessen haben, dürfte ihn später noch geärgert haben. Aber immerhin wird darüber abgestimmt, welche Kapitel an dem Abend vorgetragen werden und zum Glück gehört dazu jenes, in dem das Duo zunächst im Nachtzug unterwegs ist und dann ein Spiel auf St. Pauli sieht. Die Beschreibung des Vaters über das Glück der ungewohnten Nähe mit seinem Sohn, der Körperkontakt meidet, wo es geht, im engen Schlafwagen-Bett, gehört zu den berührendsten Stellen im Buch. Die Pinkel-Problematik auf dem Stadionklo wiederum macht schmerzhaft klar, welche Hindernisse der Alltag oft stellt.

Wer das große Vergnügen hatte, die zwei schon häufiger zu erleben, sieht an einem Abend wie diesem, welchen Weg Jason und mit ihm die Familie schon gegangen ist. Er wirkt recht vergnügt, hat das Spiel mit dem Publikum durchaus verstanden und genießt es, Papsi zur Verzweiflung zu bringen, indem er immer wieder verzögernde Elemente bringt. Das Publikum wiederum fremdelt anfangs kurz, ist dann aber vollends gefangen von der Show-Lesung der beiden, die sich auf die Suche nach einem Verein für Jason machten und dabei so viel mehr gefunden haben als das.

Es ist ganz viel Liebe unterwegs an diesem Abend im Fanhaus, der mit Mircos Appell endet, sich dem Guten zuzuwenden. Aufrecht zu sein und klar in Worten und Taten, sich dem, was in dieser Gesellschaft aktuell schiefläuft, entschieden entgegenzustellen.

Schon 56 Brunnen in Gemeinden und 57 Brunnen inklusive Sanitäranlagen an Schulen hat die Stiftung realisiert. (Foto: Screenshot)

Schon 56 Brunnen in Gemeinden und 57 Brunnen inklusive Sanitäranlagen an Schulen hat die Stiftung realisiert. (Foto: Screenshot)

Die Welt zu verbessern, das ist auch ein Wunsch des Sohnemanns, und deshalb unterstützen die Wochenendrebellen die Neven Subotic Stiftung. Insgesamt 25.000 Euro für eine Sanitäranlage wollen sie am Ende spenden, über 16.000 Euro sind schon zusammen. Wer kann, sollte die beiden und den ehemaligen Mainzer Spieler unterstützen. Worte sind wichtig, Taten bringen uns (noch) weiter. Und natürlich dabei nicht vergessen, „Wir Wochenendrebellen“ zu kaufen, zu lesen und am besten noch zehn bis zwanzig Mal zu verschenken. Ein wichtiges Buch, das zu berühren vermag.

Podcastliebe: Fußball aus dem Hinterhof

Der geneigte 05-Fan auf Twitter rubbelte sich in den letzten Wochen verwundert die Augen: Da ploppte plötzlich ein neuer Account auf, folgte allen aus dem Umfeld des Vereins, quatschte Fans und Journalisten von der Seite an und tickerte die Auswärtsspiele. Der Name des Neulings, „Die Hinterhofsänger“, gab ebenfalls Rätsel auf. Wer sind die Menschen zu diesem Account? Und was haben sie vor? Ein Gespräch über Fußball, Kultur und was das alles miteinander zu tun hat.

AccountHallo ihr drei! Auf Twitter nennt ihr euch Buddi, Berts und Boos. Verratet ihr, wer sich hinter diesen Spitznamen versteckt? Und was ist ihre Bedeutung?
Felicitas: Grundlegend stammen die Spitznamen von unseren Nachnamen, wobei nur meiner nicht verniedlicht wurde. Also: Bene Engel-berts, Jan Budde und Felicitas Boos.

Wie ist euer Bezug zu Mainz und dem Verein? Und woher kennt ihr euch untereinander?
Bene: Felicitas und ich sind gebürtig aus Rheinland-Pfalz, Jan hingegen kommt aus Wuppertal. Wie der hierhin gekommen ist, fragen wir uns eh immer wieder. Wir haben uns im R-Block beim Streiten kennengelernt, damals noch über die Leistung von Júnior Díaz. Seitdem standen wir jedes Mal zusammen und haben uns schließlich angefreundet. Jan und Felicitas studieren beide in Mainz und sind deswegen auch hierhin gezogen.

Logo? Logo! (Design: Jan Budde)

Logo? Logo! (Design: Jan Budde)

Jan, Felicitas, ihr studiert beide Buchwissenschaften. Wie lang müsst ihr denn noch? Wie seht ihr die Verbindung zwischen Kultur und Fußball? Und was macht Bene eigentlich?
Felicitas: Wir müssen beide noch unsere Masterarbeit schreiben.
Jan: Kultur wird von vielen immer mit Bildung gleichgesetzt, aber das sehen wir drei nicht so. Kultur hat was mit der Lebensart jedes einzelnen zu tun. Auch Fußball ist für uns Kultur – unabhängig von Status und Herkunft. Felicitas und ich stammen ja aus der Buch- respektive Kulturbranche. Da lernt man zwangsläufig, mit bescheidenen Mitteln das Maximum aus seinen Möglichkeiten zu machen. Mainz 05 geht es nicht anders und den FSV macht diese Tatsache auch so interessant. Bene hat ja schon erwähnt, dass ich aus Wuppertal stamme. In Nordrhein-Westfalen gibt es im Gegensatz zu Rheinland-Pfalz riesige freie Szenen. Mainz ist diesbezüglich leider kulturelles Ödland. Das hat viel mit kreativem Freiraum in der Stadt, mit Mieten und einigem mehr zu tun. So blieb uns eigentlich nur dieser Online-Kanal, bei dem keine Kosten entstehen, um kulturell aktiv zu werden. Und da ist Bene als Informatiker unser Hausherr.
Bene: Gut, dass du nicht Hausmeister gesagt hast (lacht). Ich arbeite bei einem Anbieter für geförderte Weiterbildung in Wiesbaden. Wie Jan gerade schon gesagt hat, ist Fußball für uns Kultur – und so wie wir uns kennengelernt haben, steht er eben auch für Streitkultur.

Wie seid ihr auf den Namen „Die Hinterhofsänger“ gekommen? Der Untertitel „Wenn Klatschpappen reden könnten“ erscheint ja schon fast selbsterklärend …
Felicitas: Die Hinterhofsänger sind ja eigentlich nicht nur wir drei, sondern ein Freundeskreis aus dem R-Block. Wir haben wahnsinnig viel Spaß, machen allerlei Spökes und unterhalten immer alle in unserer näheren Umgebung. Der Name ist ganz klar an die Mainzer Hofsänger angelehnt und wir 90er-Kids haben Fußball noch in Hinterhöfen und nicht nur an der Konsole gespielt. Außerdem: Hinterhof ist genau das Gegenteil von höfisch vornehm. Du siehst, hier findet sich auch wieder unser Verständnis von Fußball als Kultur wieder.

Klatschpappen können zwar nicht reden, treffen aber manchmal trotzdem eine Aussage. (Foto: WP)

Klatschpappen können zwar nicht reden, treffen aber manchmal trotzdem eine Aussage. (Foto: WP)

Im Vorfeld der ersten Sendung habt ihr bereits fleißig euren Twitter-Account befüllt, Spiele getickert oder nachverfolgt, was ehemalige 05er in ihren Vereinen so treiben. Was ist euer Ansatz? Wie oft wollt ihr produzieren? Und trefft ihr euch dafür, oder nehmt ihr online auf?
Jan: Wir degustieren die Heimspiele.
Bene: Exakt. Generell ist alles, was um Mainz 05 herum passiert, für uns interessant, aber auch, was die Stadt angeht. Dadurch, dass wir uns die Heimspiele vorknöpfen, wird es wohl mehr oder weniger ein Zwei-Wochen-Rhythmus. Wir treffen uns in der Innenstadt und bereiten die Spiele nach. Wie die Profis brauchen wir halt einen Tag Regenerationspause und müssen noch verarbeiten, was wir erlebt haben. Der Folgetag ist dann kommunikatives Ausradeln, das heißt spielen wir samstags, erscheinen wir montags.

In eurer Twitter-Bio schreibt ihr: „Der Hinterhofsänger-Talk, die Super Slow-Mo unglücklicher Zusammenpralle unter den Talks, ab Oktober online“. Was genau habt ihr inhaltlich vor? Und ist euer Ansatz eher Zahlen & Statistik oder Spaß & Emotion – oder beides?
Jan: Sowohl als auch und noch viel mehr. Wir greifen auf unseren Erfahrungsschatz zurück. So wird es unter anderem auch eigene Hörspiel-Sequenzen geben. Zahlen und Statistiken verwenden wir nur dann, wenn es auch Sinn ergibt. Dass wird halt ein lustiger Haufen sind, wird sich wohl kaum verschweigen lassen. Wir wollen das Heimspiel besprechen. Das beinhaltet Kritik, Emotion und reicht von der eigenen Haustür über die Stadionwurst bis hin zum Pressespiegel.

Wird es auch Gäste in der Sendung geben?
Bene: Ja …
Felicitas: Nein, es wird noch nichts verraten.

Kultur braucht Raum. Der kann auch virtuell sein. (Foto: WP)

Kultur braucht Raum. Der kann auch virtuell sein. (Foto: WP)

Welche Podcasts hört ihr selbst? Gibt es klassische Vorbilder? Und wo ordnet ihr euch in der Szene ein?
Felicitas: Klassische Vorbilder gibt es in dem Sinne nicht. Unser Ziel ist es, unterhaltsam zu sein, ohne langatmig zu werden. Ich finde das furchtbar, wenn man Menschen 60 Minuten lang nur beim Denken zuhört, obwohl ich persönlich gerne „Fest und Flauschig“ höre. Aber ich meine, dass ein Talkformat unheimlich davon profitiert, wenn es aus drei Personen besteht. Wir wollen kompakt, kommunikativ und unterhaltsam sein, und da Jan und ich unter anderem für RPR1 gearbeitet haben, wollen wir uns mehr am Radio als am typischen Podcast orientieren.

Wie informiert ihr euch über den Verein? Gibt’s schon eine Rückmeldung zu eurem Tun?
Bene: Wir informieren uns vielfältig: in der Tageszeitung, beim Online-Lesen, beim Radio-Hören oder wie letztens, als wir unseren neuen Marketing-Chef in der Innenstadt gesehen haben. Aber klar, auch in Gesprächen mit Fans und Freunden.
Jan: Die Rückmeldungen sind bisher tatsächlich durchweg positiv und wir stoßen auf großes Interesse. Das freut uns natürlich mega, aber erhöht auch den Druck für die Premiere. Uns hat vor kurzem eine Expertin und Kolumnistin irgendwelche Fragen per Twitter zugeschickt …
Felicitas: Kennst du die … Moment, hier steht’s irgendwo: Wortpiratin?
Bene: Mir kein Begriff.
Jan: Egal.

Haha. Jetzt verstehe ich das auch mit dem lustigen Hauf… Äh. Apropos Rückmeldungen: Wie erreicht man euch und können die Hörer Fragen stellen, die ihr in der Sendung aufgreift?
Felicitas: Klar, schreibt uns, merkt was an oder wenn ihr eine Idee habt, meldet euch unter horschemol@hinterhofsaenger.de
Jan: Kritik landet im Spamordner.
Bene: Neben Twitter und Soundcloud geht hoffentlich ab dem 8. Oktober dann auch unsere Internetseite online.
Jan: Hört einfach ab Montag rein.

Vielen Dank für das Gespräch und ganz viel Erfolg mit dem Auftakt!