05-Gegnerbetrachtung: Die Krise in Leverkusen verlängern

Die Gegnerbetrachtung ist zurück. Vor jedem Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit PodcasterInnen, JournalistInnen oder BloggerInnen aus dem Umfeld des gastgebenden Vereins. Diesmal beantwortet Bastian Hahne meine Fragen rund um Bayer 04 Leverkusen.

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Bastian HahneHallo Bastian, danke, dass du dir Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Verrate den Lesern doch bitte erstmal etwas über dich: Was hast du für eine Verbindung zu Bayer Leverkusen? Und wie lange existiert die schon?

Ich bin seit Mitte der 90er Leverkusen-Fan. Das ist damals aus räumlicher Nähe (Bergisch Gladbach) und über Freunde so gekommen. Mein erstes Spiel im Stadion war das 1:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern am letzten Spieltag der Saison 1995/96. Und das hatte es bekanntlich in sich. Nach dem 1:0 von Pavel Kuka war der Bayer abgestiegen, doch Markus Münch rettete uns mit seinem Ausgleichstreffer in der 82. Minute. Grenzenloser Jubel, Platzsturm nach dem Spiel – das hinterlässt einen bleibenden Eindruck auf einen Teenager. Seitdem haben der Verein und ich einiges erlebt. Einen weiteren Fast-Abstieg, haufenweise Vize-Titel, zwei verlorene DFB-Pokalendspiele und ein verlorenes Champions-League-Finale. So bitter das auch klingen mag, waren es doch unvergessliche und schöne Zeiten.

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Stichwort Werksclub: Leverkusen ist ein Verein, der außerhalb der eigenen Fankreise nicht gerade als spannend gilt. Interessiert dich dieses Image? Gibt’s in deinen Augen überhaupt Vereine in der Bundesliga, die grundsätzlich elektrisieren? Und gab es die je?

Das kommt ganz drauf an, in welchen Kreisen man verkehrt. Klar sind wir vielen Fans der sogenannten Traditionsvereine ein Dorn im Auge durch den Bayer-Konzern im Rücken, der natürlich einen gewissen Vorteil darstellt. Auch wenn es längst nicht vergleichbar mit RB Leipzig oder 1899 Hoffenheim ist. Ein Traditionsverein sind wir dagegen auch, immerhin ist kein aktueller Bundesligist außer Bayern und Dortmund länger am Stück in der 1. Bundesliga als Leverkusen. Und das sind jetzt immerhin schon 40 Jahre. Zudem bekommt man von den reinen Fußball-Liebhabern immer wieder Anerkennung für den guten Fußball, der in Leverkusen gespielt wird. Diesen Ruf hat man sich damals unter Christoph Daum erarbeitet und den haben wir bis heute, auch wenn Spielzeiten mit ganz fiesem Fußball dazwischenliegen.

Dimitar Berbatow im Mai 2016. (Foto: Biser Todorov – Eigenes Werk, CC-BY 4.0)

Dimitar Berbatow im Mai 2016. (Foto: Biser Todorov – Eigenes Werk, CC-BY 4.0)

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Die Faszination für den eigenen Verein zu beschreiben, ist keine einfache Sache. Irgendwas mit Liebe – und die lässt sich schwer erklären. Ich bin trotzdem neugierig: Wie hast du dich in Bayer verliebt, was fasziniert dich am Verein? Und was macht eure Fankultur aus?

Das kam durch zuvor beschriebenes prägendes Spiel gegen Kaiserslautern. Außerdem begeistert und identifiziert man sich als Jugendlicher ja mit Spielern, die man toll findet. Das fing mit Ulf Kirsten an, ging über Erik Meijer, Carsten Ramelow und Dimitar Berbatov bis Stefan Kießling, der wohl die größte Vereinsidentifikation aller Spieler gelebt hat, die ich begleiten durfte. Unsere Fankultur unterscheidet sich wahrscheinlich nicht groß von der anderer Vereine. In der Struktur sind doch alle sehr ähnlich, nur in der Größe nicht. „Klein, aber Oho“, würde ich sie nennen. Es hat auch durchaus Vorteile, keine riesige Fangemeinde zu haben. Man ist bei Auswärtsspielen, vor allem international, unter sich. Man kennt die Leute und man muss sich nicht auf dem Schwarzmarkt um Tickets bemühen. Das soll nicht heißen, dass Bayer-Fans nicht in der Lage sind, größere Massen zu mobilisieren. Beim DFB-Pokalfinale 2009 gegen Werder Bremen hat uns das Kartenkontingent im Berliner Olympiastadion nicht ausgereicht.

Als Fan geht man eher noch kritischer mit dem eigenen Verein um als aus neutraler Sicht. Und das ist auch gut so. Bastian Hahne

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Du arbeitest beim WDR und schreibst als Leverkusen-Experte bei Spiegel Online. Wie gehst du als Journalist mit „deinem“ Verein um? Und ist das in deinem Jobumfeld je Thema?

Eigentlich nur bei Frotzeleien unter Kollegen, wenn es gegen den Klub des anderen geht oder der eigene Verein gerade ziemlich schlecht (wie jetzt gerade) spielt. Es hat Vorteile, wenn man sich mit einem Thema auskennt, wenn man darüber schreiben muss. Als Fan geht man eher noch kritischer mit dem eigenen Verein um als aus neutraler Sicht. Das ist jedenfalls meine Erfahrung. Und das ist auch gut so.

Mainzer Fans bei der Auswärtspartie in Leverkusen. (Fotp: Rheinhessen on Tour)

Mainzer Fans bei der Auswärtspartie in Leverkusen. (Foto: Rheinhessen on Tour)

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Am 4. Spieltag empfängt Bayer Leverkusen als Tabellenletzter mit 0 Punkten Mainz 05. Der FSV reist mit 7 Punkten an. Eine Konstellation, die so vor der Saison sicher nicht zu erwarten war. Oder? Wie war dein Gefühl bezüglich der neuen Saison in der Sommerpause?

Kurz nach Saisonende war schon eine gute Portion Vorfreude auf die kommende Saison da. Die Mannschaft hat im letzten Saisonspiel gegen Hannover (3:2) alles gegeben, um es sogar noch in die Champions League zu schaffen. Das hat nicht geklappt, aber der Einzug in die Europa League war nach der verkorksten Vorsaison immerhin das Minimalziel. Es blieb allerdings der Beigeschmack, dass deutlich mehr drin war und man im Laufe der Saison sehr viele Punkte unnötigerweise liegen gelassen hat. Die Vorbereitung hat dann leider nicht gerade Mut gemacht. Wenig überzeugenden Testspielen folgten ein schwacher Pokalauftritt und dann der katastrophale Saisonstart. Das hatte sich angekündigt.

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Auf Twitter hast du während des Spiels gegen München am letzten Samstag geschrieben: „Wenn morgen (16. September) nicht die Notbremse gezogen wird, verstehe ich die Welt nicht mehr.“ Und in der Vorschau aufs Spiel hast du die schwache Rückrunde der Vorsaison angesprochen. Ist eine Trainerentlassung wirklich die beste Lösung?

Im Moment sehe ich keine Alternative. Natürlich würde ich mich gerne irren und Heiko Herrlich das Ruder herumreißen sehen, aber ich sehe das nicht kommen. Die letzten Ligaspiele waren ein Offenbarungseid. So schwach habe ich den Bayer schon sehr lange nicht mehr spielen sehen, was im krassen Gegensatz zu den mutigen Vorsätzen von Spielern, Funktionären und Trainer steht. Jetzt steckt die Truppe in einer Negativspirale, die zur Kopfsache wird. Und da hilft meistens nur ein Neuanfang, in diesem Fall durch einen Trainerwechsel.

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Nach dem Spiel wurde das Foul von Karim Bellarabi heftig diskutiert. Glaubst du, eine solche Aktion ist auch ein Zeichen dafür, dass etwas in der Mannschaft nicht stimmt? Oder ist diese Interpretation Unsinn?

Bellarabi geht gerne mal etwas übermotiviert zur Sache und hat ein durchaus verbesserungswürdiges Zweikampfverhalten. In diesem Fall ist ihm eine Sicherung durchgebrannt und die Strafe (vier Spiele Sperre und Geldstrafe) ist angemessen. Völlig daneben waren allerdings die Äußerungen von Uli Hoeneß („geisteskrank“, „wollte ihn vorsätzlich verletzen“, „gehört drei Monate gesperrt“) zu dem Thema. Aber das ist ein Thema für sich.

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Aus der Ferne wirkte die Verbindung zwischen Leverkusen und Heiko Herrlich ehrlich gesagt sehr gut. Letzte Saison spielte das Team den viertbesten Offensivfußball der Liga, Platz 4 und damit die Champions League Quali wurde nur ganz knapp verpasst. Was läuft diese Saison so viel schlechter? Oder brodelte es in der letzten schon und das wurde nur nicht sichtbar?

„Brodeln“ ist wahrscheinlich nicht der passende Begriff, aber es war schon letzte Saison nicht alles Gold, was glänzt. Wie das Verhältnis zwischen Trainern und Spielern sich entwickelt hat, ist von außen schwer zu sagen. Sicher ist aber, dass die Mannschaft derzeit nichts von dem umsetzt, was der Trainer ankündigt. Und das ist alarmierend. Das 3:2 in der Europa League gegen Ludogorets Rasgrad war aber immerhin ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

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Bayers Sportdirektor Rudi Völler hat, so mein Gefühl, bei einer Hälfte der Fußballfans für immer ein Stein im Brett, die andere kann ihn nicht ausstehen. Wie siehst du ihn und wie beurteilst du seine Arbeit im Verein? Ist er Teil des Problems oder Teil der Lösung?

Definitiv ein Teil des Problems. Das zeigt alleine schon Völlers Trainer-Quote. Zehn Trainer in den letzten zehn Jahren. Abgesehen von Jupp Heynckes hat keiner davon nach seiner Zeit in Leverkusen noch Bäume ausgerissen. Da ist Bruno Labbadia noch der Erfolgreichste. Zudem verpasst Völler gerne den richtigen Zeitpunkt für einen Trainerwechsel. Zuletzt hielt er viel zu lang an Roger Schmidt fest und fand mit Tayfun Korkut alles andere als einen passenden Ersatz. Heiko Herrlich war jetzt dritte Wahl, nachdem laut Völler zwei andere Kandidaten abgesagt hatten. Und möglicherweise zögert er auch jetzt wieder zu lange.

An diesem Wochenende geht es für die 05er nach Leverkusen. (Foto: Meenzer on Tour)

An diesem Wochenende geht es für die 05er nach Leverkusen. (Foto: Meenzer on Tour)

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Am Sonntag wird („Stand jetzt“) weiterhin Heiko Herrlich auf der Bank sitzen. Auf was für ein System muss sich Mainz 05 einstellen? Wie wird er versuchen, den Knoten auf dem Platz zu lösen? Und erwartest du, dass es ihm am Wochenende bereits gelingt?

Nachdem Herrlich in München überraschenderweise mit einer Fünferkette und nur drei Offensivspielern sprichwörtlich den Bus vor das eigene Tor gefahren hat, wage ich keine Prognosen mehr zur Aufstellung. Er wird um seinen Job kämpfen, aber ob das gelingt, ist mehr als ungewiss. Der Sieg im Europapokal hat ihm erstmal etwas Luft verschafft

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Wie ist dein Tipp fürs Spiel? Und wie der für die weitere Saison: Ist Herrlich an Weihnachten noch Trainer? Wenn du dir einen möglichen Nachfolger wünschen würdest, wer wäre das?

Mit einem Tipp tue ich mich sehr schwer. Es ist alles möglich, ein Mainzer Sieg erscheint derzeit noch am wahrscheinlichsten. Aktuell ist es schwer vorstellbar, dass Herrlich bis Weihnachten Trainer bleibt. Über Ersatzkandidaten möchte ich aber nicht spekulieren, solange er noch im Amt ist.

KOMPAKT
Bayer Leverkusen ist der beste Club der Welt, weil … er mein Club ist. Ganz einfach.
Was ich an unserem Stadion besonders liebe, ist … dass es mein zweites Zuhause ist.
Mein ewiger Lieblingsspieler ist eindeutig … Dimitar Berbatov. Der wohl talentierteste Spieler, der je das Bayer-Trikot getragen hat.
Wer Leverkusen besucht, sollte unbedingt … drei Punkte da lassen.
Besonders lecker essen Gästefans in … einem der zahlreichen Imbisse entlang der Bismarckstraße. Wir Heimfans haben mit der Schwadbud und dem Stadioneck noch andere Möglichkeiten, die für Gäste aber eher ungeeignet sind.

LETZTE WORTE
Mit breiter Brust treten die Mainzer den Weg nach Leverkusen an. Kein Wunder, nach sieben Punkten aus drei Spielen und dem Weiterkommen im Pokal. „Es soll keinen Spaß machen, gegen uns zu spielen“, sagt Trainer Sandro Schwarz. Umso mehr Vergnügen wünschen sich die eigenen Fans bei der Partie.

Visionär für Mainz 05: Erinnerungen an Wolfgang Frank

Als Mainz 05 am 5. Spieltag der Saison 2013/2014 zuhause gegen Schalke 04 spielt, trägt die Stehtribüne würdiges Schwarz. Der Verein und seine Fans trauern um Wolfgang Frank, der eine Woche zuvor mit nur 62 Jahren für immer eingeschlafen ist; im Mai 2013 war bei Frank ein Gehirntumor diagnostiziert worden. Am 7. September stirbt der Fußballlehrer in seiner Wahlheimat Mainz.

Mainz bleibt deins

An diesem Spieltag nun scheint der Blick des zweimaligen 05-Trainers achtsam auf allen zu ruhen, die zur Spielstätte in die Bretzenheimer Felder gekommen sind. Mit stoischer Entschlossenheit schaut er scheinbar aus dem Bild, das bei den Kondolenzbüchern angebracht ist, seitlich heraus. Nicht einfach geradeaus, sondern nach vorn! Das war schließlich stets seine Richtung: voraus, vorausschauend, seiner Zeit voraus.

Überlebensgroß in den Maßen, aber gefühlt genau passend für seine Bedeutung im Verein, wird Wolfgang Frank anschließend über der Tribüne entfächert. „Mach’s gut, Napoleon“, ist auf einem Spruchband hinter dem Tor zu lesen. Und, vielleicht wichtiger noch: „Mainz bleibt Deins.“

Mainz bleibt seins, also im Geiste Wolfgang Franks, weil er den Verein entscheidend geprägt hat. Sein sportlicher Einfluss ist so bekannt wie unumstritten. Frank übernimmt die Mainzer im scheinbar aussichtslosen Abstiegskampf 1995/1996, krempelt im Verein auf so ziemlich allen Ebenen mehr oder weniger alles um und traut sich im sportlichen Bereich zu, die Viererkette gerade in ein Team zu implementieren, von dem fast alle überzeugt sind, es wird der Liga nicht mehr lange erhalten bleiben. Und erreicht damit genau dies, das vermeintlich Unmögliche.

RIP

Klassenerhalt. Nicht einfach so, sondern mutig und modern. Eben: seiner Zeit voraus. Ein Satz, der Frank – wie alle, auf die er zutrifft – natürlich erst nach seiner Zeit adeln wird … Und doch. Die Formulierung beschreibt den klugen Visionär trefflich. Die Früchte seiner Arbeit ernten heute andere. Ehemalige Spieler, die seine Idee vom Fußball aufgenommen und für sich weiterentwickelt haben: Jürgen Klopp, der Frank stets als Mentor bezeichnete, Torsten Lieberknecht, Christian Hock, Sven Demandt. Die Liste ist lang.

Der sportliche Erfolg allein aber ist es nicht gewesen, der Wolfgang Frank in Mainz unsterblich gemacht hat. Er verlässt seinen aufblühenden Verein im Frühjahr 1997 auf eigenen Wunsch und verpasst so den, nun, verpassten Aufstieg am Ende der Saison. Klopp wird rückblickend über ihn sagen, er sei „für uns alle mehr als ein Trainer“ gewesen. Vermutlich fasst das die Bedeutung des Schwaben perfekt zusammen – nicht nur für jene, die mit Frank arbeiteten.

WF

Denn Wolfgang Frank bleibt auch für die Fans mehr als ein Trainer, obschon er am Ende seiner erfolgreichen ersten Mainzer Zeit hinwirft, wenngleich er den Erfolg seiner frühen Jahre an der Seitenlinie der 05er nicht wiederholt, als er noch einmal versucht, dem Verein zu Hilfe zu eilen.

Im Stadionheft zum ersten Spiel der Mainzer nach dem Tode Wolfgang Franks wird Christian Heidel mit folgenden Worten zitiert:

„Der viel zu frühe Tod von Wolfgang Frank geht mir sehr nahe. Er war nicht nur ein besonderer Trainer. Er war auch ein ganz besonderer Mensch, dessen Ansichten und Gedanken mich bis zum heutigen Tag beschäftigen und prägen. Mainz 05 verliert einen der Wegbereiter seines heutigen Erfolges. Ich verliere einen langjährigen Wegbegleiter und Freund.“

In der Arena sind an diesem Tag viele Menschen, die genau spüren, was diese Worte bedeuten. Am heutigen Tag ist Wolfgang Frank fünf Jahre tot. Seine Bedeutung für den Verein, sein Mut, die Ziele und das Mainzer Spiel, leben weiter. Er wird hier nie vergessen werden.

|| Mit herzlichem Dank an Rheinhessen on Tour für die zur Verfügung gestellten Fotos. ||

05-Gegnerbetrachtung: Der Glubb ist wieder da!

Die Gegnerbetrachtung ist zurück. Vor jedem Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit PodcasterInnen, JournalistInnen oder BloggerInnen aus dem Umfeld des gastgebenden Vereins.
In der Auftaktfolge zur neuen Saison ist das Florian Zenger von Clubfans United.

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Hallo Florian, danke dass du dir Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Verrätst du den Lesern zuerst ein bisschen etwas über dich? Wichtigste Frage, seit wann bist du Club-Fan – und was war dein prägendstes Erlebnis mit dem 1. FC Nürnberg?

346 Richtiger Fan bin ich wahrscheinlich erst seit der Abstiegssaison unter Klaus Augenthaler (2002/03), da hatte ich das erste Mal eine Dauerkarte. An der waren Vater und Brüder meiner damaligen Freundin schuld, die hatten schon länger eine und da bin ich dann mit. Wer richtig rechnen kann (und mein Geburtsjahr kennt), merkt schnell, dass ich damals schon zwanzig war, also war ich quasi Fußballfan, bevor ich Club-Fan wurde. Meine formativen Jahre in Sachen Fußball waren also ohne echte Vereinszugehörigkeit. Ich war zwar immer Sympathisant, fast logisch, wenn man seit 1992 in der Stadt wohnt, aber so richtig gefunkt hat’s nicht, wenn man nur so ab und zu ins Stadion ging. Jetzt gehe ich in die siebzehnte Saison mit Dauerkarte und fühle mich plötzlich sehr alt, wenn ich das so sage. Mit der damaligen Freundin bin ich inzwischen verheiratet und habe zwei Kinder, also auch das hat gehalten und geht in seine siebzehnte „Saison“. Im „echten Leben“ bin ich Oberstudienrat an der Fachoberschule einer Nachbarstadt von Nürnberg, die im Fußballzusammenhang nicht näher erwähnt wird, und unterrichte da Englisch, Sozialkunde, Geschichte und Theater.
Wie für alle Clubfans „meiner“ Generation dürfte der prägendste Moment sicher der Pokalsieg 2007 gewesen sein. Dass der Club je einen Titel holen würde, schien völlig unvorstellbar, deshalb war diese Nacht im Mai in Berlin eine besonders prägende und in Verbindung mit dem Abstieg im darauffolgenden Jahr wiederum eine besonders club-eske Erfahrung.

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Du hast gesagt, du warst Fußballfan, bevor du Club-Fan wurdest. Inwiefern hat das dein Verhältnis zu diesem Sport geprägt oder andersrum gefragt, wie hat es sich durch die Liebe zu einem bestimmten Verein verändert?

Ich finde die erste Formulierung der Frage tatsächlich einfacher zu beantworten. Einer meiner besten Freunde meint, ich hätte deshalb ein eher nüchternes Verhältnis zum Fußball und würde die emotionale Komponente eher als weniger wichtig erachten. Das stimmt insofern, als dass ich tatsächlich eher ein Faible für die „rationale“ Seite des Sports, also Taktik, Statistik, Metrik entwickelt habe. Aber, was es nicht heißt, ist, dass ich während eines Spiels ruhig bleibe. Jubeln, fluchen, zetern, das passiert bei mir schon auch. Wobei mich tatsächlich – wobei das auch eine Berufskrankheit sein kann – Unwissen und Unfähigkeit der um mich herumsitzenden mehr nervt als ein einzelner Fehlpass.

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Heute ist deine Beziehung zum Verein auch eine professionelle: Du schreibst als freier Journalist unter anderem für die Sportredaktionen der Nürnberger Zeitung und der Nürnberger Nachrichten. Wie schaffst du es, die Rolle als Fan und die als Journalist zu trennen? Wo ist diese Trennung für dich besonders wichtig und wann erlaubst du dir vielleicht auch mal den Blick durch die Fan-Brille?

Ich muss in meinem Hauptberuf ja auch zwischen Sympathie und Bewertung trennen können (und es soll sich niemand erzählen lassen, dass Lehrer keine Sympathien oder Antipathien gegen Schüler haben, wichtig ist, dass sie die Notengebung nicht beeinflussen), von daher bin ich da eh relativ geübt, das zu trennen.
Andererseits liegen meine Tätigkeiten im Printbereich ja vor allem bei den Jugendmannschaften, wo es viel drum geht zu erkennen, ob ein Spieler Potential für den Profifußball hat – und dann Stärken und Schwächen aufzuzeigen. Da ist es verhältnismäßig egal, ob man das jetzt mit Fanbrille macht oder nicht. Aber ich schreibe jetzt nicht einen Spieler besser oder schlechter, weil ich will, dass geht oder bleibt. Die Tätigkeit im Jugendbereich ergibt natürlich Konstruktionen, wie dass ich Michael Köllner eben schon vor seiner Zeit als Profitrainer kannte, aber mehr oder weniger kritisch bin ich deshalb nicht, nur weil er mir schon mal auf dem Vereinsgelände zuruft, was ich „da wieder geschrieben hab“.
Das, was ich zur Profimannschaft mache, läuft ja meistens dann auf Clubfans United oder im Podcast unter Total Beglubbt, da ist die Fansicht durchaus eher erlaubt. Wobei ich wahrscheinlich da auch vielen noch zu nüchtern bin, weil ich eben vor allem über die Taktik- und Metrik-Schiene komme.
Was ich mir allerdings nicht nehmen lasse, ist zu sagen, ich bin Vereinsmitglied, ich möchte mitbestimmen. Schließlich ist es – bei allen Distanzgeschichten, die es beim Umgang mit Spielern und Trainern braucht – eben dennoch „mein“ Verein.

Harte Liebe: Fans sind immer auch kritisch mit ihrem Verein. (Foto: Meenzer on Tour)

Harte Liebe: Fans sind immer auch kritisch mit ihrem Verein. (Foto: Meenzer on Tour)

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Ich selbst habe oft die Erfahrung gemacht, dass die Rolle als Fan von außen als unkritisch mit dem Verein charakterisiert wird. Persönlich würde ich da widersprechen. Wie siehst du das?

Da stimme ich Dir vollumfänglich zu. Als Fan ist man an der Entwicklung des Vereins ja besonders interessiert, das heißt, Fehlentwicklungen gegenüber ist man besonders sensibel. Ich glaube, niemand ist kritischer seinem Verein und den Verantwortlichen gegenüber, als der mündige und engagierte Fan. Das sieht man ja auch in Frage der Kommerzialisierung und der Fankultur, da sind die organisierten Fans diejenigen, die ihren Vereinen Paroli bieten.

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Du hast es schon angesprochen: Im Hauptberuf bist du Lehrer. Für das Fußballmagazin Clubfans United hast du zum Ende der letzten Saison Jahreszeugnisse an alle Spieler vergeben. Wer hat dich besonders überzeugt? Von wem warst du enttäuscht? Auf wen sollten wir diese Saison ein Auge haben?

In der letzten Saison waren die herausragenden Spieler sicher Hanno Behrens und Eduard Löwen. Der eine ist als Kapitän vorangegangen, hat 14 Tore erzielt und die Mannschaft auf dem Platz und daneben angeführt. Der andere hat jede Position außer Torwart gespielt, dabei – allen dem jungen Alter geschuldeten Leistungsschwankungen zum Trotz – immer wieder seine Klasse gezeigt, drei Traumtore in zwei Spielen gegen Duisburg geschossen und war ein wenig das Sinnbild der jungen Generation an Clubspielern, die versuchen, ihren Weg zu gehen.
Enttäuscht war ich zum einen von Spielern, die gar nicht mehr da sind. Zum einen Marvin Stefaniak, der im Winter als Hoffnung kam und im Sommer gescheitert ging. Da hatte man immer das Gefühl, er wäre lieber in Dresden als in Nürnberg. Zum anderen darüber, dass sich einige Spieler dann entschieden haben, den Weg nicht weiterzugehen – also Teuchert, Kammerbauer während der Saison und Möhwald danach – obwohl es für die Entwicklung wahrscheinlich klüger gewesen wäre, zu bleiben.
Sollten die oben genannten Behrens und Löwen wirklich fit sein, wären das sicher Kandidaten für die auffälligen Spieler, ich befürchte aber, sie werden durch ihre muskulären Probleme behindert. Daher empfehle ich jetzt einfach Neuzugang Yuya Kubo, der in Berlin schon angedeutet hat, was er drauf hat – und nach einer weiteren Woche Training mit der Mannschaft jetzt noch mehr Bindung zum Spiel haben sollte.

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Für Clubfans United schreibst du seit etwa vier Jahren. Das Fanzine gibt es in verschiedenen Formen bereits seit 1995. Kannst du uns ein bisschen was erzählen über die Schwerpunkte eurer Arbeit, das Team und wie ihr euch organisiert?

Wir sind letztlich vier Mann, die alle so ihre Steckenpferde haben. Stefan macht die Technik und Spielberichte, Alex macht Vereinspolitik, insbesondere Kommunikation des Vereins und auch Spielberichte, Michael ist unser Feuilletonist, der besondere Geschichten schreibt und ich mache die Jugend und die Taktikanalyse. So decken wir eigentlich fast alles ab, was der Verein bietet, außer den originären Kurvengeschichten. Da lassen wir meistens auch die Finger von, weil da einfach keiner von uns (mehr) steht.
Die Aufgabenverteilung ist recht klar und unter der Woche wird sich dann einfach per Onlinekommunikation abgestimmt, wer wann was macht, z.B. auch, wer von uns zu Total Beglubbt, unserem Podcastpartner, in die Sendung geht.

Podcastpartner von Clubfans United ist Total Beglubbt. (Logo: TB/MS)

Podcastpartner von Clubfans United ist Total Beglubbt. (Logo: TB/MS)

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Nach vier Serien in der 2. Liga stand für Nürnberg am 33. Spieltag der Vorsaison die Rückkehr in die 1. Bundesliga fest. Hast du vor der Saison damit gerechnet, dass der FCN im Kampf um den Aufstieg eine Rolle spielen würde?

Jein. Vor der Saison, der ersten vollen von Michael Köllner als Chefcoach, war mein Gefühl: „Es wird entweder großartig oder großartig scheitern.“ (Ein Gefühl, das ich jetzt übrigens wieder habe.) Es gab ein paar Fragezeichen, im Prinzip die gleichen wie vor dieser Saison: Haben wir einen Stürmer, der trifft? Können wir auf den offensiven Außen tauglichen Fußball präsentieren? Wie stabil ist die defensive Zentrale? In der 2. Liga hat sich schnell gezeigt, dass es reicht. Die Initialzündung war damals der Derbysieg in der Nachbarstadt, zum ersten Mal seit 39 Jahren wieder ein Sieg, da hatte man dann das Gefühl, es geht wirklich was.

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Der Kampf um den Aufstieg schien lange relativ offen, erst gegen Ende der Saison konnten sich Düsseldorf und Nürnberg etwas von ihren Verfolgern absetzen. Was waren aus deiner Sicht die entscheidenden Stellschrauben und entscheidenden Personen für den Erfolg?

Wie erwähnt, es war vor allem der Derbysieg als Initialzündung, der war die Krönung einer englischen Woche mit neun Punkten binnen acht Tagen. Danach war man absolut elektrisiert in Nürnberg und hat sich auch nicht wirklich aus der Ruhe bringen lassen, als es phasenweise holperte. Was auffällig war, ist, dass bei der Mannschaft in jeder Länderspielpause – also immer, wenn das Team länger zusammenarbeiten konnte, ohne den Druck eines Pflichtspiels – eine Weiterentwicklung erkennbar war. Das war nicht unbedingt gleich etwas Zählbares, aber schon etwas Spürbares. Da hat das Trainerteam wohl die richtigen Stellschrauben gefunden.
Die Personen, die wichtig waren, habe ich fast alle schon genannt: Hanno Behrens, Eduard Löwen, Michael Köllner, Mikael Ishak wäre mit seinen zwölf Toren 2017 und seiner Fähigkeit, Räume für die Mitspieler zu reißen, zu erwähnen, Enrico Valentini könnte man mit seinen vielen Torvorlagen noch nennen. Ich würde aber gern jemanden herausheben, der vielleicht an der Stelle kaum genannt wird, nämlich den Co-Trainer. Boris Schommers kam zu Beginn der Saison 2017/18 aus Köln und hat sich als absoluter Glücksgriff erwiesen. Die Stärke bei Standards kommt von ihm, für das Training ist er zuständig, er kann Gegner sehr gut lesen und tut wohl – so hört man – der Stimmung im Team auch gut. Quasi ein bisschen ein unbesungener (oder wenig besungener) Aufstiegsheld.

Trainingsauftakt beim Nürnberger Club (Foto: Florian Zenger)

Trainingsauftakt beim Nürnberger Club (Foto: Florian Zenger)

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In die neue Saison ist der Club nun mit einer knappen Niederlage gestartet. Im Spiel gegen Hertha BSC wurde zudem ein Elfmeter verschossen. Was war, auch abseits vom Ergebnis, dein Eindruck vom Team? Wie hoch ist der Druck vor dem ersten Heimspiel und was traust du der Mannschaft diese Saison zu?

Ich war einerseits tatsächlich überrascht, dass der Unterschied zu einem „gestandenen“ Bundesligisten, der Hertha ja ist, doch nicht so groß war, wie ich es erwartet hatte. Das war sicher der Spielweise der Hertha geschuldet, aber man hat schon eine Struktur im Aufbau und auch im Abwehrverhalten erkennen können, die mich etwas positiver gestimmt hat. Über das Remis hätte sich am Ende Hertha nicht mal wirklich beschweren können, auch wenn man beim Club in der Offensive schon klar erkannt hat, dass es da noch deutliche Mängel gibt, vor allem auf den Außenbahnen gibt.
Der Druck ist bei einem Verein wie dem 1.FC Nürnberg irgendwie immer da, jede Niederlage wird vom Fan ja sofort als Beweis der These „der Glubb is a Depp“ gesehen. Außerdem ist das eigene Selbstverständnis der Fans des FCN eben immer noch das eines neunmaligen Deutschen Meisters, auch wenn der letzte Titel 50 Jahre zurückliegt.
Dennoch denke ich, viele verstehen, dass der Klassenerhalt nicht zu erwarten ist bei diesen finanziellen Verhältnissen. Der Club war jetzt vier Jahre zweitklassig, da hat er viel an Boden verloren gegenüber allen anderen Bundesligisten. Seit dem Abstieg 2013/14 waren 12 der 17 anderen Bundesligisten (alle außer Düsseldorf, Leipzig, Freiburg, Stuttgart und Hannover) ununterbrochen erstklassig. Den Rückstand auf die Vereine aufzuholen, erscheint mir unmöglich, da fehlen vier Jahre TV-Gelder. Wenn man sieht, dass Mainz für Jean-Paul Boetius 3,5 Millionen Euro ausgeben kann und der Club insgesamt für acht zu besetzende Planstellen 4 Millionen Euro zur Verfügung hat, sieht man, wie weit der Verein hinterherhinkt. Daher bleibt mein Eindruck trotz des Spiels gegen der Hertha: Wenn der FCN in der Liga bleibt, bin ich überrascht.

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Wie zufrieden bist du mit den Transfers? Wurde die Mannschaft auf Erstligatauglichkeit hin verstärkt? Auf wen bist du besonders neugierig und auf welche Spieler, die schon länger an Bord sind, darf die Liga sich besonders freuen?

Zwischen Verfassen der Zeilen und Publikation wird sich meine Meinung dazu wahrscheinlich noch einmal ändern, denn im Endspurt wird Andreas Bornemann noch zwei Spieler für die Offensive verpflichten. Da ich aber nicht weiß, wer das sein wird, kann ich nur bedingt sprechen. Bisher fehlen starke offensive Außenspieler, das lässt sich nicht leugnen, und das Spiel in Berlin hat das mit einer grandios schlechten Leistung von Edgar Salli auch noch mal eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Solange diese nicht da sind, bin ich auch nicht zufrieden und sehe nur eine eingeschränkte Erstligatauglichkeit.
An sich sind die Transfers angesichts des Budgets wohl ganz in Ordnung. Yuya Kubo ist auf jeden Fall jemand, der die offensive Qualität erhöht, hat Ideen, sorgt auch selbst für Torgefahr. Zu sehen, wie er sich entwickelt, wenn er mehr Bindung zur Mannschaft hat, wird sicher spannend. Robert Bauer ist ein recht junger, aber schon erfahrener Bundesligaspieler, der in der Defensive alles spielen kann und daher sicher helfen wird. Für Christian Mathenia gilt ähnliches, auch wenn er das Duell um die Nummer Eins erstmal gegen Fabian Bredlow verloren hat. Die restlichen Transfers (Goden, Tillman, Knöll) sind erst einmal eher welche für die Zukunft, die möglicherweise funktionieren – oder aber eben auch nicht. Wobei ich Törles Knöll tatsächlich zutraue, dass er zu einigen Minuten kommen wird. Tillman ist schon auch spannend, weil er ja als Megatalent galt, den sogar Barca wollte, aber der muss noch ordentlich körperlich zulegen.
Die Liga kann sich auf Eduard Löwen freuen, weil der sicher wieder wie in der 2. Liga jede Position außer Torwart bekleiden wird und als Typ einfach ein wenig anders ist als der durchschnittliche Jungprofi (z.B. sehr religiös, keine Tattoos). Michael Köllners Pressekonferenzen sind immer ein Highlight, nicht nur, weil der geneigte Zuhörer wahrscheinlich nicht alles versteht aufgrund des dicken Oberpfälzer Akzents, sondern auch, weil er Dinge bringt, die mit dem Spiel wenig zu tun haben – vor dem Spiel gegen Hertha driftete er dazu ab, dass er Ärger mit seiner Lebensgefährtin habe, weil er ihr keine Karte für das Spiel besorgt hatte. Das ist nicht immer sonderlich passend, aber für den Außenstehenden sicher etwas, worauf man sich freuen kann. Mein persönlicher „Geheimtipp“ für alle, die es mit deutschen Talenten halten, ist es, mal ein Auge auf Lukas Mühl zu werfen. Er ist Kapitän der U20-Nationalmannschaft und spielt jetzt in der Innenverteidigung, weil Ewerton verletzt ist, aber ich kann mir gut vorstellen, dass er sich festspielen wird und Georg Margreitter, der momentan noch neben ihm spielt, dann auf die Bank weichen muss.

Der Trainer ist beim Club schon eine weiter Strecke gegangen. (Foto: Florian Zenger)

Der Trainer ist beim Club schon eine weiter Strecke gegangen. (Foto: Florian Zenger)

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Mit welcher Taktik geht euer Trainer Michael Köllner in die Saison? Wie variabel ist sein System? Und worauf müssen sich Mainz 05 in der ersten Auswärtspartie einstellen?

Die Standardformation von Michael Köllner beim 1. FC Nürnberg, egal ob in der ersten oder zweiten Mannschaft, egal ob in Liga Eins, Zwei oder Vier, war immer das 4-1-4-1. Das wird mal eher als 4-3-3 interpretiert, aber letztlich ist es so, dass der Club standardmäßig mit Viererkette, einem Sechser, zwei Achtern/Zehnern, einem Neuner und zwei Außenspielern agiert. Das Ziel ist, die drei zentralen Offensivspieler, als Stürmer und Zehner, durch Zuspiele in den Strafraum zum Abschluss zu bringen. Das ist auch der Grund, warum Behrens und Möhwald, die beiden Stammzehner der letzten Saison, zu 20 Treffern kamen. Das war kein Versehen, sondern wirklich so geplant und strukturiert.
Gleichzeitig hat Michael Köllner letztes Jahr schon öfter ein 3-5-2 spielen lassen (z.B. beim 4:1 gegen Aue, 1:0 bei Union, 4:3 bei Darmstadt und 6:1 in Duisburg) und das auch jetzt in der Vorbereitung getan. Aber da wackelte es defensiv (z.B. beim 0:2 im Heimderby, beim 1:2 gegen Ingolstadt) doch immer mal und auch in der Vorbereitung rumorte es dann etwas, weil den Spielern das 4-1-4-1 anscheinend etwas mehr taugt. Aber als Variante hat der FCN das definitiv drauf, und zwar nicht nur, weil Dreierkette grad der „neueste Scheiß“ ist, sondern, weil das durchaus seine Vorteile hat, gerade, wenn es ermöglicht, mit zwei Spitzen zu spielen.
In beiden Grundformationen geht es schon darum, den Ball in den eigenen Reihen zu halten, möglichst wenig hohe und lange Bälle zu schlagen. Das kann an guten Tagen aussehen wie gegen Duisburg oder Aue letztes Jahr, wo die Bälle von außen so in den Strafraum kommen und die Angriffe mit so viel Tempo gespielt werden, dass der Gegner Probleme hat, hinterher zu kommen. Das kann an schlechten Tagen aber so ideenlos aussehen, dass es an die Nationalmannschaft in Russland erinnert, wo einfach der Ball hin- und herläuft und dann irgendwann die Geduld verloren wird und ein ziemlich unsinniger Ball in die Tiefe kommt, der niemanden erreicht. Diesen Stil wird der Club wahrscheinlich auch in der 1. Liga nicht ablegen, obwohl er öfter auf Gegner treffen wird, die selbst das Spiel machen wollen.
Letztlich ist es auch das, worauf sich der Gast am Samstag einstellen muss, eine Mannschaft, die fußballerisch daherkommt, die sicher keinen klassischen Aufsteigerfußball spielt und die an guten Tagen mehr als mithalten kann, an schlechten Tagen aber die eigenen Fans völlig verzweifeln lässt, weil sie gar keine Mittel findet.

KOMPAKT
Der 1. FC Nürnberg ist der beste Club der Welt, weil … es halt „der Club“ ist, heißt ja schon so.
Was ich an unserem Stadion besonders liebe, ist … dass es keine Einheitsbreibude ist, sondern – trotz Laufbahn – einen eigenen Charme hat.
Mein ewiger Lieblingsspieler ist eindeutig … Horst Leupold, obwohl ich ihn nie spielen habe sehen. Aber er ist zum einen der „Erfinder“ des modernen offensiven Außenverteidigers, zum anderen einfach der zuvorkommendste, höflichste und sympathischste Fußballer, dem ich je begegnet bin.
Wer Nürnberg besucht, sollte unbedingt … länger als nur fürs Spiel bleiben und sich Zeit für die Museen in der Stadt nehmen, geschichtliche Bildung ist in diesen Zeiten nicht zu vernachlässigen.
Besonders lecker essen Gästefans in … vielen Restaurants in der Innenstadt. Wobei die einzig richtige Club-Empfehlung natürlich das „Valentini“ in Zabo, also ungefähr einen Kilometer vom Stadion entfernt, ist. Das heißt nicht nur wie der Verteidiger des FCN, es gehört auch seinen Eltern.

Manchmal ist auswärts die bessere Alternative... (Foto: Mainz 05)

Manchmal ist auswärts die bessere Alternative… (Foto: Mainz 05)

LETZTE WORTE
Unbedingt erwähnt werden muss an diesem Spieltag die Hammer-Aktion des 1. FSV Mainz 05, der mit einer tollen Kampagne in der lokalen Tageszeitung und auf sämtlichen Onlinekanälen ganz klar Stellung zu den eigenen Werten bezieht. Hut ab und ganz viel Applaus!

Daniel Brosinski: Auf dem Weg zum ewigen Mainzer

Daniel Brosinski verlängert seinen Vertrag beim 1. FSV Mainz 05 vorzeitig bis 2020. Das ist eine gute Nachricht, denn auch, wenn Brosinski bei einigen Fans noch immer nicht deutlich genug auf dem „Einmal 05er, immer 05er“-Radar auftaucht, hat er das Zeug, einer der ewigen Mainzer zu werden. Diesen Text aus dem April 2017 hole ich zu seiner Vertragsverlängerung aus dem Archiv.

Auf einen Protagonisten beziehungsweise ein Duo des Spieltags hatten sich meisten die Fans nach dem knotenlösenden, erleichternden, fabelhaften 1:0-Heimsieg gegen die Hertha schnell geeinigt: Danny Latza und Giulio Donati. Der Torschütze wurde zweifelsohne zu Recht heftig gefeiert – so musst du den Herthaner Brooks erstmal treffen – und wer Donati hier in Mainz einen Vertrag auf Lebenszeit geben will, rennt bei mir sowieso offene Türen ein. Und doch ist mein Fußballherz an diesem Tag bereits zum wiederholten Male einem ganz anderen Spieler zugeflogen, der häufig etwas unter dem Fanradar fliegt: Daniel Brosinski.

Ein Pfund auf dem Platz und daneben: Daniel Brosinski verlängert seinen Vertrag bei Mainz 05 vorzeitig. (Foto: 1. FSV Mainz 05)

Ein Pfund auf dem Platz und daneben: Daniel Brosinski verlängert seinen Vertrag bei Mainz 05 vorzeitig. (Foto: 1. FSV Mainz 05)

Im Sommer 2014 von Fürth an den Rhein gewechselt, gehört er in der aktuellen Generation der 05er schon fast zum alten Eisen. Zwischendurch schien es, als ob der gebürtige Karlsruher seine beste Zeit in Mainz bereits hinter sich hätte, bis er sich als ein derart variabler Spieler entpuppte, dass er plötzlich außer in Tor und Sturm auf quasi jeder Position der logische erste Ersatz- oder Wechselkandidat wurde. Viel entscheidender als seine spielerische Flexibilität ist aber die mentale Bereitschaft, immer genau das zu tun, was der Mannschaft am meisten nutzt – ganz unabhängig von eigenen Vorlieben oder Interessen.

Ich freue mich, weiterhin ein Teil der 05-Familie zu sein und will auch künftig sowohl auf dem Rasen als auch neben dem Platz zur Erfolgsgeschichte dieses Vereins beitragen.

Diese Bereitschaft hat Brosinski, der im vergangenen Sommer mit bedeutungsschwangeren Beiträgen in sozialen Netzwerken noch kurzzeitig den Eindruck (s)eines nahenden Abschieds erweckt hatte, nicht etwa zwangsläufig und unter Druck entwickelt, sondern – so scheint es zumindest – aus voller Überzeugung. Die Vertragsverlängerung bis 2019 im Winter des letzten Jahres war insofern nicht nur konsequent, sondern ein wichtiges Signal: Brosinski steht für Mainz 05 und der Verein steht zu Brosinski – und wäre blöd, ihn eben nicht zu binden.

Seine Rolle auf dem Platz füllt Daniel Brosinski längst nicht nur spielerisch aus, sondern mit der ganzen Persönlichkeit. Der Ärger über die vergeigten letzten Spieltage, diese vollkommene Bereitschaft, den Bock umzustoßen, der Wunsch, über sämtliche Grenzen zu gehen, um den so wichtigen Sieg einzufahren, die Leidenschaft für sein Team und unser aller Herzensverein, all das strömte Brosinski am letzten Spieltag aus jeder Pore. Und weil weder einer alleine noch die Elf auf dem Platz ohne entsprechenden Rückenwind die Berliner mit purer Willenskraft aus dem Stadion fegen kann, wurde Brosinski nicht müde, die Fans zu animieren.

Zugegeben, auf der Hintertortribüne war der eine oder andere erstmal eher erschrocken, als die Nummer 18 unterwegs zum Eckstoß plötzlich mit wild entschlossenem Gesichtsausdruck die Arme in die Luft riss und in Richtung Fans brüllte. Aber besser vom Stuhl gefallen, als einfach nur sitzen geblieben – und bei seinem zweiten Antritt dieser Art sprangen die ersten schon klatschend von den Sitzen, als Brosi sich nur in ihre Richtung wendete.

Besonders schön ließ sich der emotionale Funke, den Brosinski ins Publikum springen ließ, bei den Jüngsten im Stadion beobachten. Im Block F erleben regelmäßig Mitglieder des KidsClubs die Spiele, am vergangenen Wochenende waren gleich 50 von ihnen da, um die Mannschaft zum Sieg zu schreien. Wann immer Brosinski sich dem Block näherte, hüpften die Dötze von ihren Sitzschalen, johlten und jubelten ihm zu. Und als ein Vater, der später zum Spiel eintraf, seinen Sohn fragte, wer denn der Spieler sei und wieso das Kind ihm winke, antwortete dieser strahlend: „Das ist der Daniel Brosinski. Der macht hier die Stimmung.“

Aus der Pressemeldung: „Daniel Brosinski hat seinen Vertrag beim 1. FSV Mainz 05 frühzeitig um ein Jahr bis 2020 verlängert. Der Abwehrspieler, der seit 2014 am Bruchweg ist, gehört bei den 05ern zum absoluten Stammpersonal. In vier Jahren hat Brosinski für den FSV 136 Pflichtspiele (5 Tore) absolviert.“

Saisonspende, die; mit Fußball Gutes tun

Es ist keine revolutionäre Idee, Sport und den guten Zweck zusammenzubringen. Es ist aber jedes Mal aufs Neue eine gute. Rund um den Fußball passiert gerade sehr viel Mist, umso wichtiger ist es, auch die positiven Aktionen in die Welt zu tragen.

Zu denen gehört die #Saisonspende, die unter diesem Hashtag in der aktuellen Saison zum zweiten Mal läuft und bislang vor allem durch Twitter-User getragen wird. Initiatorin war im letzten August Sarah, selbst Anhängerin des FC Köln. Ihr Tweet, in dem sie ankündigte, für jedes Tor von Leonardo Bittencourt 21 Euro zu spenden, verbreitetet sich auch dank des #Hashtags schnell und die Aktion fand viele Nachahmer. Das war damals unter anderem bei RP Online nachzulesen.

Nun, da die Zweitligasaison gerade begonnen hat und auch die im Oberhaus kurz vor dem Anpfiff steht, wird der Hashtag wieder mit Leben gefüllt. Fußballfans zahlreicher Verein überlegen sich, wen sie wie unterstützen, wenn Spieler des eigenen Vereins ein Tor schießen, die Mannschaft in einem Wettbewerb weiterkommt oder sonstige Erfolge feiert. Die eigene Begeisterung am Sport wird zum Motor dafür, anderen etwas Gutes zu tun. Das finde ich großartig und wichtig. Deshalb möchte ich die Saisonspende auch über Twitter hinaus noch ein bisschen weiter publik machen – und mich natürlich selbst beteiligen.

Es wäre schön, wenn die Aktion viele weitere Nachahmer findet. Jeder gibt, was er kann, niemand soll sich dabei übernehmen und viele von uns sind sicher schon an anderen Stellen sozial oder mit Spenden aktiv. Will heißen, kleine Beträge sind absolut prima, jeder Cent zählt. Und je mehr Fans mitmachen, umso größer ist der Effekt. Wer seine Saisonspende rund um Mainz 05 anlegt, kann Petra auf Twitter oder Facebook darüber informieren und wird in die 05-Liste aufgenommen. Und wer weiß, vielleicht beteiligt sich am Ende auch unser Verein?

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Meine Saisonspende geht an den FC Ente Bagdad. Die Arbeit des buntesten Hobby-Fußballclubs der Welt bewundere ich schon länger aus der Ferne, diese Woche hatte ich außerdem das große Vergnügen, mit dem Maître de la Toile Stefan Schirmer eine neue Folge Wortpiratin rot-weiß zu drehen (VÖ 15. August). Dabei zu erleben, mit welcher Leidenschaft die Enten sich einsetzen für eine offene, empathische Gesellschaft, hat mir die Entscheidung leicht gemacht.

Beteiligt euch zahlreich.
Fußball ist Sport.
Fußball ist Liebe.
Fußball ist bunt.
Fußball sind wir.