Die Woche am Bruchweg (12/20): Solidarisch handeln

Den Ton für eine spezielle Pressekonferenz des 1. FSV Mainz 05 in diesen ungewöhnlichen Zeiten gibt Vereinsvorsitzender Stefan Hofmann gleich zu Beginn vor – in zweierlei Hinsicht. Zum einen, indem er auf Solidarität als das Gebot der Stunde verweist: „Wir werden es alle nur überstehen, wenn wir lernen – und ich glaube, wir müssen es tatsächlich wieder lernen – solidarisch zu sein.“ Die Coronakrise habe „extreme Auswirkungen auf unser Leben, auf die Gesellschaft und natürlich auch den Sport.“ Wichtig sei, „dass jeder seinen Beitrag leistet.“

Ungewöhnliche Pressekonferenz in ungewöhnlichen Zeiten.

Zum anderen macht Hofmann in der gestreamten Pressekonferenz ohne Livepublikum deutlich, der Verein werde sich in dieser ganz neuen Situation nicht von der Linie abbringen lassen, die der Vorstand für sich in den vergangenen Tagen gemeinsam gefunden hat. „Schon gar nicht lassen wir uns hinreißen zu irgendwelchen populistischen Aussagen.“ Permanente Wasserstandsmeldungen werde es definitv nicht geben, wohl wissend, dass Schweigen dem einen oder der anderen Raum für Interpretationen biete, spielt Hofmann auf einige Boulevardberichte der letzten Tage an. „Wir Drei führen diesen Verein nicht darüber, dass wir in der Glaskugel lesen.“

Ein Thema für Hofmann ebenso wie Sportvorstand Rouven Schröder ist das aus ihrer Sicht völlig unselige Schlagwort „Fußballmillionäre“. Schröder erinnert, jeder Fußballprofi sei in der aktuellen Situation erstmal Mensch, vielfach mit Familie, als solcher also von Sorgen und Ängsten ebenso betroffen wie alle von uns in diesen Zeiten. Die Frage nach eventuellen Änderungen am Gehalt der Spieler oder freiwilligen Leistungen der Profis gefällt Schröder primär in der gestellten Tonalität nicht, das wird bei seinen gewohnt emotionalen Worten deutlich. Signale von den Spielern habe es längst gegeben, bevor diese Fragen von außen an sie herangetragen worden seien. „Das müssen wir aber nicht groß rumposaunen, weil es nicht darum geht, das als Statement zu machen.“

Schröder macht in der von Pressesprecherin Silke Bannick besonnen und professionell geleiteten PK klar, es sei der Wunsch aller, die Saison nach einer Pause bis zum 30. Juni zu Ende zu spielen. Vertragsangelegenheiten liegen aktuell auf Eis, weder können auslaufende Verträge verlängert, noch neue Spieler verpflichtet werden. Die Situation sei natürlich schwierig, andererseits gehe es da allen Vereinen gleich. Der Sportvorstand äußert sich auch zum Thema „Homeoffice“, das bei den Profis natürlich nicht als Arbeit am Schreibtisch zu verstehen ist. Die Spieler haben ihre Pulsuhren mitbekommen, absolvieren Lauf-, Kraft- und Mobilisationsprogramme, speisen ihre Ergebnisse in eine Cloud und sind in engem Austausch mit Trainerstab, Physios und medizinischer Abteilung.

Besonnen und professionell: Pressesprecherin Silke Bannick. (Fotos: WP)

Auch über sportliche Themen hinaus ist die Kommunikation laut Schröder eng, jeder sei für jeden da, alle sind jederzeit für Alltagsprobleme, Ängste oder Austausch erreichbar in dieser Situation, die ja auch für die Psyche ungewohnt ist. „Das viel belastete Wort ‚Familie‘ gilt eben für Mainz 05. Wir können uns alle immer gegenseitig anrufen. Ich finde, das ist der beste Psychologe“, beschreibt er den Zusammenhalt im Verein.

Fragen zur wirtschaftlichen Situation beantwortet der kaufmännische Vorstand Jan Lehmann, der betont, kein Unternehmen der Welt könne langfristig überleben, ohne sein Produkt zu produzieren – so gehe es natürlich auch dem Fußball. Von möglichen Szenarien für den weiteren Verlauf sei ein Abbruch der Saison finanziell am schwierigsten, da 50% der Erlöse (ohne Transfers sogar 60%) über die Medieneinnahmen kommen. Bei einem Abbruch zum jetzigen Zeitpunkt würden dem Verein allein hier rund 15-16 Millionen fehlen. „Das würde uns schon sehr schwer treffen.“

Ticketing und Hospitality schlagen mit 14% zu Buche, weshalb auch Spiele ohne Zuschauer*innen anspruchsvoll wären, aber allemal besser als ein Abbruch der Saison. Zumal angesetzte Spiele auch bedeuten würden, die Verträge mit Sponsoren und Partnern (15%) zumindest teilweise einhalten zu können – wobei da das Thema höhere Gewalt eine Rolle spielen könnte. Generell gebe es von den Partnern bislang positive Signale, Hauptsponsor Kömmerling habe beispielsweise im Telefonat am Morgen die eigene wirtschaftliche Stabilität auch in diesen Krisenzeiten betont. Das alles stimme den Verein zuversichtlich.

Jobs und Gehälter sieht Lehmann für den Moment nicht in Gefahr, auch wenn natürlich in alle Richtungen gedacht und geplant werden müsse, was Einsparpotential betrifft. Er signalisiert hier klar, der Vorstand werde im Zweifel „voran gehen“, man werde definitiv „nicht erst fordern und dann leisten“, legt also nahe, auch eigene Verzichte sind möglich.

Fest steht derweil bereits, dass die Handballsaison der Frauen abgebrochen wird – ohne Auf- und Absteigerinnen. Für die Meenzer Dynamites bedeutet das einen Klassenerhalt der seltsamen Art, sie treten nächste Saison wieder in der 1. Liga an. Keine hundertprozentigen Aussagen will Stefan Hofmann zu den Bauplänen für die neue Geschäftsstelle am Bruchweg treffen. Man versuche, die Planungen so gut wie möglich weiterlaufen zu lassen. „Ich würde mir wünschen, dass wir Ende des Jahres oder zu Beginn des neuen Jahres Baurecht haben.“

Abschließend betont der Vereinsvorsitzende noch einmal das Thema Solidarität. Für den Verein sei es sehr positiv, zu sehen, wie viele Fragen auch von den 05-Fans kommen. „Das zeigt ja, es ist wichtig für die Leute.“ Nicht nur deshalb werde man die Kommunikation definitiv aufrecht halten, aktuell über die sozialen Medien des Vereins. Für alle Verantwortlichen bei Mainz 05 gehe es nun darum, in dieser Phase „solidarisch zu sein, die Ärmel hochzukrempeln, anzupacken.“ Nur so sei diese Krise zu meistern. Insgesamt legt der Verein mit dieser PK, für die Journalist*innen Fragen vorab einreichen konnten, einen sehr besonnen Auftritt hin. Und das ist ein gutes Signal.

Die Woche am Bruchweg (10/20)

Mächtig was los diese Woche in „Fußball-Deutschland“ – und das liegt weniger daran, was auf den Plätzen passiert, als daran, welche Botschaften die Kurven senden. Wobei das auf keinen Fall als Schuldzuweisung zu missverstehen ist, denn der Konflikt zwischen den aktiven Szenen und Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp hat eine lange Vorgeschichte, in deren Verlauf definitiv beide Seiten Fehler gemacht haben. Sehr gut also, dass die anfangs leider unfassbar einseitige Darstellung in vielen Medien in den Tagen seit dem Wochenende an Qualität gewonnen hat.

Empfehlen möchte ich an dieser Stelle exemplarisch die sehr guten Texte von Klaas Reese und Christian Bartlau, ebenfalls klug geäußert haben sich die Kolleg*innen von Effzeh.com sowie die des Fanmagazins Schwatzgelb mit gleich mehreren Texten. Die Sportschau veröffentlichte, nachdem sie in den sozialen Netzwerken rund um die Causa teils sehr unglücklich aufgetreten war, einen fundierten Text von Nora Hespers und für den Wiesbadener Kurier kommentierte Sportchef Tobias Goldbrunner besonnen.

Und damit zum Bruchweg, wo sich Achim Beierlorzer leider deutlich weniger besonnen zu den Plakaten und möglichen Schlussfolgerungen äußerte. Wer schon intensiver mit dem 05-Coach sprechen konnte, weiß, wie klug und differenziert sich dieser mit vielen Themen befasst. An der besagten Stelle wäre es deshalb die bessere Variante gewesen, zu sagen, man lässt sich zu dem Thema erst aus, wenn man die Hintergründe in Erfahrung gebracht hat – oder auch einfach gar nicht. Das hat, Offtopic, Jürgen Klopp unter der Woche sehr charmant zum Thema Coronavirus getan.

“I wear a baseball cap.” (Screenshot: Twitter/@RagsMartel)

Deutlich besser war die Reaktion des Gesamtvereins, der nach dem sehr guten Statement von Werder Bremen und den katastrophalen Einlassungen von Schalke 04 ebenfalls etwas zur Gesamtgemengelage sagt, was ich wichtig und richtig finde. Die klare Positionierung gegen Kollektivstrafen und der Aufruf zum Dialog sind ebenfalls sehr gut. Der erste Absatz der Erklärung ist mir persönlich zu schwammig. Da hätte ich mir mehr Mut gewünscht, sprich, den Hinweis darauf, dass der Verband Dietmar Hopp schützt, gegen Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie aber zu oft schweigt oder auf reine Symbolpolitik setzt. Unterm Strich aber eine positive Sache, hier zu denen zu gehören, die ihre Stimme erheben.

Fußball wird natürlich auch weiterhin gespielt. Am Dienstag geschont wurden Phillipp Mwene und Ronaël Pierre-Gabriel, Mwene aus Gründen der Belastungssteuerung nach seinem ersten Einsatz im Anschluss an die lange Verletzung, Pierre-Gabriel wegen einer Oberschenkelverhärtung. Ohnehin wieder dabei ist Aarón Martín und Edimilson Fernandes, auch Jeremiah St. Juste und erstmals Alexander Hack sind im Training, was die Situation in der Innenverteidigung deutlich entspannt. Stefan Bell befindet sich laut Beierlorzer weiter „auf dem Weg der Besserung“, die Integration stehe „zeitnah bevor“, aber noch brauche es etwas Geduld.

Im Rückblick auf den Sieg gegen Paderborn lobt der Trainer erneut, wie gut sein Team die Gesamtsituation angenommen habe, inklusive des zeitweiligen Starkregens. Ein Sonderlob gibt’s für Karim Onisiwo, allerdings durch die Hintertür: „Wenn man diesen Sieg nur zugrunde legt, hat er genau die richtige Reaktion gezeigt.“ Nach zwei, drei starken Einwechslungen habe der Stürmer in dieser Partie alles gezeigt, was er als Trainer von ihm sehen wolle.

Man kann auch sagen, es ist ein Pflichtsieg, wie es Rouven gemacht hat. Ist schon so, wenn man sagt, was ist unser Ziel. Aber er war vor allem auch unheimlich wichtig.

Achim Beierlorzer, Trainer

Das kämpferisch geprägte Spiel sei auch ein wichtiges Signal gewesen an die Anhänger*innen: „Unsere Fans sind wirklich absolut klasse“, sagt Beierlorzer und betont, diese honorierten, wenn spürbar sei, wie die Spieler sich in eine Partie reinhauen. Durch das zweite Heimspiel in nur acht Tagen gibt es die nächste Gelegenheit dafür bereits am Sonntag. Interessant wird da auch, ob und wie die Mainzer Szene sich in den aktuellen Konflikt mit dem DFB einbringt. Die Mainzer Geschichte mit Dietmar Hopp aus Zeiten von Christian Heidel ist hier sicher nicht vergessen.

Spielunterbrechung: Mit zweierlei Maß


Wenn wir als eine Gesellschaft funktionieren wollen, in der Menschen vor Angriffen, Gewalt und Schmähungen geschützt werden, müssen wir alle Menschen gleichermaßen schützen. Diese Prämisse bedeutet aber nicht, dass es nicht zulässig ist, kritisch die Stimme zu erheben, wenn Schutz ausgerechnet bei besonders privilegierten Gruppen (erstmals) greift. Darauf hinzuweisen hat nichts mit dem in diesem Zusammenhang oft benannten Whataboutism zu tun, sondern ist eine notwendige Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass mit zweierlei Maß gemessen wird.

Oder wie Stefan Buczko passend formuliert:

Being angry about double standards isn’t whataboutism.— Stefan Buczko (@StefanBuczko) February 29, 2020

Beim Spiel des FC Bayern in Hoffenheim an diesem 24. Spieltag kam es zu Unterbrechungen, weil Plakate mit Schmähungen gegen Dietmar Hopp gezeigt wurden. Bei der parallel stattfindenden Partie der Freiburger in Dortmund stand eine Spielunterbrechung wohl ebenfalls kurz bevor, weil Hopp mit Gesängen beleidigt wurde.

Ich fasse es nicht. Im Stadion wird “Hopp du Hurensohn” gesungen und der Schiedsrichter sieht das als Anlass, das Spiel kurz zu unterbrechen? Wie lächerlich soll das eigentlich noch werden? #BVBSCF— Maurice Morth (@JungeMitDemBall) February 29, 2020

Es gibt zwei Möglichkeiten, dieses Thema zu betrachten. Die eine ist, sich zunächst mit der lange zurückreichenden Geschichte zwischen Dietmar Hopp und verschiedenen Fangruppen zu beschäftigen. Diese wurde unter anderem im Fanportal Schwatzgelb.de schon mehrfach gut nachvollziehbar aufgearbeitet, gerne verweise ich deshalb auf diesen Text: klick.

In der Kritik steht dabei berechtigterweise immer wieder das Banner mit dem Fadenkreuz. Eine Auseinandersetzung damit, was genau sich dahinter verbirgt und wieso man das Motiv sehr wohl kritisieren kann, ohne mitzugehen, wenn diesbezüglich von einem Mordaufruf gesprochen wird, findet sich sehr lesenswert in diesem Thread:

Zurück zum #Fußball: Es ist viel zur Causa #DietmarHopp+#Hanau gesagt worden, z.B. von @starcaztle, aber ich fasse nochmal zusammen, warum sowohl Vorgang als auch Berichterstattung imho falsch und gefährlich sind. @DFB @sportschau @SPORT1_Dopa +TWIMC 1/xhttps://t.co/Oi3XeSpUZE— Andrej Reisin (@Andrejnalin77) February 23, 2020

Weil die Kolleg*innen die Geschichte zwischen Dietmar Hopp und gerade den BVB-Fans bereits gut beschrieben haben, möchte ich es an dieser Stelle bei den Links belassen und direkt mit den Vorfällen in Hoffenheim und Dortmund einsteigen.

Fußball wird seit einigen Jahren von so genannten Expert*innen begleitet, die im Studio sitzen und Spiele kommentieren und bewerten. Natürlich werden diese dann auch befragt, wenn Vorfälle wie heute passieren. Die Kommentator*innen und Moderator*innen hatten ebenfalls eine Menge zu sagen zu den Schmähungen gegen Hopp und der Tatsache, dass diese in Spielunterbrechungen mündeten. Die Rede war von einem „schwarzen Tag im Fußball“, bei Sky sprach man davon, etwas Vergleichbares habe es in fast zwanzig Jahren Konferenz nicht gegeben.

Didi Hamann erklärte beflissentlich, „Fußballdeutschland“ stehe hinter Hopp, man wünsche ihm und seiner Familie viel Kraft. Schnell wurde, wie bereits in der letzten Woche, die Brücke zum rassistisch motivierten Anschlag in Hanau geschlagen, eine undenkbare Verharmlosung dieses brutalen Attentats. Hierzu gibt es ebenfalls einen sehr lesenswerten Text bei den Kolleg*innen von Schwatzgelb.de: klick.

Auch abgesehen von diesem undankbaren Vergleich rubbelte man sich an den heimischen Empfangsgeräten doch reichlich verwundert die Augen. Spielabbruch? Wegen wiederholter Beleidigungen gegen den Hoffenheimer Mäzen? Interessanter Schachzug in Zeiten, in denen antiziganistische, antisemitische, rassistische und ableistische Entgleisungen in Stadien wieder zugenommen haben und achselzuckend hingenommen werden. Sexismus hat ja schon in der Vergangenheit nie wirklich irgendjemanden gestört, geschweige denn zum Handeln gebracht.

Da muss man gar nicht so weit gehen und die Würdigung des verstorbenen Nazis Tommy Haller im Heimstadion des Chemnitzer FC auszupacken, die als eine gefährliche politische Positionierung der Kurve und von Teilen des Vereins gewertet werden muss (klick), die der Verband eigentlich an Ort und Stelle hätte sanktionieren müssen. Man muss sich auch nicht in die Niederungen der Ligen begeben und zum wiederholten Male die Partie zwischen dem SV Babelsberg und Energie Cottbus ausgraben, bei der Beschimpfungen wie „Zecken, Zigeuner und Juden“ oder der Hitlergruß nicht zu einem Spielabbruch führten (klick).

Man kann es sich viel einfacher machen und beispielsweise auf das Pokalspiel zwischen Hertha BSC und Schalke 04 in diesem Monat schauen, bei dem Herthas Jordan Torunarigha von den Rängen rassistisch beleidigt wurde (klick). Konsequenzen gab es keine, obwohl der Schiedsrichter Harm Osmers darüber informiert wurde, dass Torunarigha Affenlaute von den Rängen gehört hatte. Oder wie war es vor zwei Jahren, als Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus von Fans deutlich vernehmbar als Hure beschimpft wurde (klick)? Natürlich gab es im Nachhinein Entschuldigungen, das Spiel lief zuvor aber davon unbeeindruckt weiter.

Dasselbe gilt für Vorfälle bei einem Länderspiel in Wolfsburg im vergangenen Jahr (klick). All diese Vorkomnisse werden entweder nach dem Motto „Was ich nicht höre, interessiert mich auch nicht“ weggewischt oder mit einem kurzen, pflichtschuldigen „Sorry“ zu den Akten gelegt. Häufig wird argumentiert, Rufe seien im Stadion schwieriger auszumachen als die Banner, die Fans im Block in die Höhe halten. Deswegen sei eine Spielunterbrechung bei einer deutlich beleidigenden Tapete nachvollziehbarer als bei Rufen, von wegen, man könne sich ja auch mal verhören.

Schauen wir uns also an, was in Sachen Spruchbändern in der jüngeren Vergangenheit so los war. Da gab es beispielsweise die Ansage der Dynamo-Fans ans St. Pauli Lager, sie bekämen an diesem Spieltag nichts zu essen, weil ihre Frauen zum Fußball gehen (klick).

Oder wie war das mit dem antiziganistischen Banner, das dereinst in der Canstatter Kurve hing? Das führte ebensowenig zu einem Spielabbruch wie dieses ableistisch Tapete.

Nein, damit in einem deutschen Fußballstadion eine Spielunterbrechung herbeigeführt wird, muss schon ein alter, weißer Milliardär beleidigt werden. Pun intended, denn natürlich darf heutzutage niemand von alten, weißen Männern sprechen, ohne sich fragen zu lassen, ob das nicht auch eine Form der Diskriminierung sei. Nein, ist es nicht, weil damit mal eine Gruppe beschrieben wird, die mehr Privilegien genießt als alle anderen zusammen, weshalb diese gezielte Zuschreibung mit Diskriminierung nichts zu tun hat. Ebenso wenig wie diese Diskussion – siehe den Einstieg dieses Textes – eine Form von Whataboutism ist.

Es geht dabei nämlich nicht darum, zu verteidigen, dass irgend-ein-Mensch diesen Beleidigungen ausgesetzt wird. Es geht um eine Eingriffsschwelle. Was muss passieren, damit Maßnahmen wie eine Spielunterbrechung Thema werden? Und da kann es einfach nicht sein, dass in der jüngeren Vergangenheit die antiziganistischen, rassistischen, homophoben, ableistischen, antisemitischen und sexistischen Angriffe in den Stadien (und auch ganz generell in dieser Gesellschaft) auf eine erschreckende Art und Weise zugenommen haben, aber geduldet werden – und der Angriff auf einen einflussreichen Milliardär auf diese Art und Weise hochgekocht wird.

Diesen Vorwurf zu kontern, indem man nun sagt, die Maßnahmen gegen die Hopp-Schmähung könnten doch ein Anfang sein dabei, Beleidigungen und Angriffen im Stadion entsprechend zu begegnen, ist ein absoluter Hohn. Für die vielen marginalisierten Gruppen, deren Bedürfnisse und Ängste zuletzt permanent kleingeredet und beschwichtigt wurden, muss es reichlich unerträglich sein, heute via Berichterstattung suggeriert zu bekommen, im Stadion seien undenkbare Vorfälle zu beklagen, die mit nichts vergleichbar sind, was in den vergangenen Monaten passiert ist.

Es kann und es darf nicht sein, dass wir gesellschaftlich erst dann aufwachen und aktiv werden, wenn Menschen betroffen sind, die über Macht und Einfluss verfügen. Denn eine Gesellschaft, die nicht zu allererst jene schützt, denen die Mittel fehlen, sich selbst zu verteidigen, schützt letztlich niemanden. Das gilt nicht nur im Stadion.

Nachtrag:
1. In einer früheren Version dieses Textes hieß es, das antiziganistische Banner habe „kürzlich“ in der Canstatter Kurve gehangen. Dies wurde korrigiert, da es schon einige Jahre zurückliegt.
2. Eine Spielunterbrechung aufgrund von rassistischer Entgleisungen gab es zuletzt tatsächlich in der dritten Liga. Das ist hier nachzulesen. Es wäre wichtig, dass die beiden oberen Ligen da konsequent nachziehen.


Die Woche am Bruchweg (8/20): Keine Keile, bitte!

Manchmal sind die inneren Themen gänzlich andere als jene, die von außen auf eine Situation projiziert werden. So hat sich beispielsweise rund um den 1. FSV Mainz 05 in den letzten zwei Wochen die Frage entzündet, wie die veränderte Bank auf die Stimmung der Mannschaft wirkt. Das ist die Außensicht. Innen, da, wo Trainer Achim Beierlorzer am Kader für das Auswärtsspiel in Wolfsburg feilt, ist hingegen die Frage nach der Besetzung der Bank nachrangig. Interessanter ist aus der Binnensicht die Frage, wie sich die veränderte Startelf auf die Ergebnisse auswirkt, denn auf die kommt es auf dem langen Weg zum erhofften Klassenerhalt nun mal an.

Drama, Baby: Dramatisch waren beim Training nur die Wolken.

Will heißen, etwaige Missklänge mag der Trainer gar nicht aufkommen, sich von außen „keinen Keil“ ins Gefüge der Gesamtmannschaft treiben lassen. „Wir brauchen jeden Spieler, das habe ich immer gesagt.“ Insofern kann es wohl als Zufall gelesen werden, dass beim Drei gegen Drei im Training am Mittwoch mit Aarón Martín, Jean-Paul Boëtius und Jean-Philippe Mateta just drei prominente Rotationskandidaten in einem Team spielten.

Der Bagger hinter den Trainingsplätzen brüllt wie eine alternde Krähe, die Sonne schickt einzelne Strahlen herab, bis die Wolken den Himmel wieder eintrüben. Die Stimmung im Team hingegen wirkt kein bisschen getrübt, auch nicht bei denen, die zuletzt von der Bank kamen oder das Spiel komplett auf selbiger verbrachten. Daran, dass Mateta – speziell mit steigender Zuschauerzahl – auch Trainingstore gerne zumindest ein wenig feiert, hat sich ebenfalls nichts geändert.

Überhaupt muss man sich vielleicht die Frage stellen, wieso eine personell veränderte Startelf für so viel Gesprächsstoff sorgt. Sicher, durch die Umstellungen müssen Spieler zumindest für den Moment in die zweite Reihe zurücktreten, von dort treten aber ja andere ins Licht, die sich in den bisherigen Ligaspielen nicht zeigen konnten. Es ließe sich also auch argumentieren, dass solche Wechsel eher zu einem allgemeinen Gleichgewicht beitragen.

Das Gleichgewicht gefunden zu haben scheint indes die Abwehr der Mainzer. Beierlorzer hebt Winterzugang Jeffrey Bruma in Sachen Stabilisation positiv hervor, will die Verbesserung aber nicht auf diese Personalie beschränkt wissen. Überhaupt möchte der Trainer solch komplexe Themen ungern vereinfacht sehen, was ihn zuweilen durchaus hadern lässt mit der einen oder anderen Frage der Journalist*innen. „Da bin ich kein Freund von“ ist dann häufig die Antwort und seine Stirn unter der Mütze, die der Schriftzug „Nullfünfer“ ziert, wirft tiefe Furchen.

Ja, das 3-4-3 hat zuletzt gut funktioniert. Nein, deswegen ist es kein Allheilmittel, siehe etwa das Heimspiel gegen Leverkusen, abgesehen vom Ergebnis eine gute Partie. Ja, statistisch gesehen hat diese Formation eher Punkte gebracht, aber Stochastik war ihm schon als Mathematiklehrer stets eine verhasste Disziplin und bringe zudem keine Zähler. Natürlich beantwortet er Fragen dazu, was für ein Typ Leandro Barreiro ist, gerne, aber doch bitte bezogen auf seine Leistung im Team und nicht das private Auftreten, denn da treffen sie sich selten.

Jene Klarheit, die Beierlorzer von seinen Spielern fordert, zeichnet ihn in Sachen Kommunikation selbst aus. Der Findungsprozess der Mannschaft sei ein permanenter, erklärt der Coach. Natürlich habe das auch mit dem jeweiligen Personal zu tun. Wenn also beispielsweise Jeremiah St. Juste, der das Training vorsichtshalber frühzeitig abgebrochen hat, plötzlich nicht zur Verfügung stehen sollte, muss er eben umplanen. Das kann dann auch das System betreffen.

Open-Air-Medienrunde am sonnigen Bruchweg. (Fotos: WP)

Vielleicht bietet sich am Sonntag in Wolfsburg aber ohnehin eine andere Formation an als bei der Hertha oder zuhause gegen Schalke 04. Da lässt er sich nicht in die Karten schauen und erst Recht nicht aus der Ruhe bringen. Er hat, das betont Beierlorzer, einen fast vollständigen Kader, aus dem er schöpfen kann. Nach den Verletzungssorgen im Verein zu Beginn der Saison eine ungewohnt komfortable Lage, die nun als Basis dienen soll, um auch die Situation in der Tabelle von Spieltag zu Spieltag komfortabler zu machen.

Die Woche am Bruchweg (4/20): Der Vertrauenslehrer

Die wöchentliche Medienrunde mit dem Coach dienstags im Container der Presseabteilung hat bei Mainz 05 gute Tradition. Für die Journalist*innen sind Trainerwechsel in dieser intimen Runde besonders spürbar, schließlich hat jeder seine eigene Art, solche Termine anzugehen. In den ersten Wochen blieb Beierlorzer wenig Zeit für diesen Termin – verständlich. Nicht nur, dass er sich schnell an den Club gewöhnen musste, auch durch englische Woche und nahende Winterpause waren die Stunden knapp. Nun, zurück aus dem Trainingslager und das erste Spiel des Jahres im Rücken, zeigt er sich gelöst und mit spürbarer Lust am Austausch.

Ansprache: Beierlorzer erklärt den Spielern seinen Plan.

„Ein bisschen wie früher in der Schule: Block vergessen“, scherzt er, als ein Hörfunkjournalist sich ein Blatt vom Zeitungskollegen borgt. Die Analogie zu seinem Lehrerjob zieht er später ein zweites Mal, als er bereits so tief in der Analyse des Spiels steckt, dass er sich fühlt wie im Leistungskurs Sport. „Da würde ich das jetzt unterkringeln, weil es so ein schönes Wort ist“, bewertet er den Begriff Sauerstoffschuld. Ganz korrekt sei der aber nicht – da geht es gerade um Sondereinheiten von Mateta und Ji, die im aeroben Bereich zulegen sollen. Letztlich gehe es darum, die Spieler auf eine schnellere Regeneration hin zu trainieren.

Auf dem Platz war es zuvor ruhiger zugegangen als gewohnt, besonders die Kommandos der Spieler untereinander waren selten. Beierlorzer gibt Anweisungen auf Deutsch, übersetzt wird von einem zum anderen und dann bewegt Niko Bungert sich fast unbemerkt über den Platz und flüstert den französischsprachigen Kickern zu, was der Coach gesagt hat. Der gibt lachend zu Protokoll, bestimmte Begriffe wüssten sie ohnehin binnen kürzester Zeit. Auch was er von ihnen möchte, sei ihnen klar, sagt Beierlorzer, der lobende Worte für die Truppe findet. Viel von seiner Spielidee sieht er gut umgesetzt, man müsse nun „die entscheidenden Dinge richtigmachen.“ Da gehe es oft um Kleinigkeiten.

Von der Sonne verwöhnte Trainingseinheit neben dem Bruchweg.

Die verflixten Details also. Sie machen am Ende eben den Unterschied. Konsequenter verteidigen, in der Kompaktheit. Das habe sein Team auch schon besser gemacht, als zuletzt gegen Freiburg. Wie die „uns die Umschaltmomente genommen haben“, davon spricht er anerkennend. Der Franke ist einer, den das Spiel bis in diese Details interessiert. Wenn er über die Gegner redet, zählt er Freiburgs Spieler und die der Gladbacher in ihren möglichen Formationen ebenso flüssig auf, wie die eigenen, erklärt Stärken und Schwächen und wie sie damit umgehen wollen. Eine Idee könnte sein, für den gesperrten Kunde einen Innenverteidiger als zweiten Sechser auflaufen zu lassen. Sofern er denn mit zwei Sechsern spielt.

Welches System er im Kopf hat, das verrät er ebenso wenig wie den Namen des potentiellen IVs für die Position. „Sonst schreibt ihr das ja.“ Er lacht. Und analysiert schon wieder. Insgesamt sei ihm die Ballverlustquote zu hoch. Manchmal wünsche er sich mehr Mut, die Spieler, so sein Plädoyer, sollen einfach mal machen, es probieren. Die Gegentore fallen ihm zu einfach. „Vor dem Zweinull passiert ja nicht ein Fehler, da passieren fünf, sechs.“ Wie er das ändern will? „Am besten entscheidet man sich immer für das Richtige.“ So einfach ist das.

Move it, move it – die Spieler bei der Trainingseinheit. (Fotos: WP)

Nun sollte aber niemand den Fehler machen, seinen lockeren Umgangston als Leichtfertigkeit misszuverstehen. Spiele zu verlieren, das ist nichts, woran Beierlorzer sich gewöhnt. Fast scheint es an diesem Mittag, als sei der Trainer relativ entspannt, weil er die sich durchaus wiederholenden Fehler erst seit einigen Spieltagen erlebt – nicht schon die ganze Saison, wie alle anderen im Raum. Er strahlt den absoluten Glauben aus, die Niederlage am Samstag werfe seine Mannschaft in der Entwicklung nicht zurück. Und das ist ja gut so.

Man kann sich Beierlorzer richtig vorstellen im Einzelgespräch mit Spielern. Die nun von ihm selbst gezogenen Parallelen zu der Zeit als Lehrer, seine ruhige Art, Dinge zu erklären, zu analysieren, die eingestreuten Scherze und die demonstrative Zuversicht, das sind Bausteine, die ihn fast wie einen Vertrauenslehrer wirken lassen. Gleichzeitig hat er bereits gezeigt, dass er konkrete Erwartungen hat und auch deutlich werden kann, wenn er das Gefühl kriegt, seine Spieler setzen die nicht um.

Sein Credo, man dürfe in er Niederlage nicht kleiner werden und im Erfolg nicht größer, ist gerade für diese junge Truppe durchaus passend. Mit der Mischung aus Vertrauen und deutlichen Worten kommt er bei den Spielern bislang offenbar gut an. Am Samstag gegen Gladbach haben sie erneut die Chance, auch in den Details zu zeigen, dass sie seinen Weg verstehen und mitgehen möchten.