Eine neue Zeitrechnung

Im April 2017 kassierte Mainz 05 im Spiel gegen den SC Freiburg die fünfte Niederlage in Folge. Groß waren da die Fragezeichen hinter der weiteren Zukunft des damaligen Trainers Martin Schmidt. Sportdirektor Rouven Schröder vermied zunächst ein klares Bekenntnis. Am Morgen danach stellte er sich vor die Presse und verkündete, man werde die Saison mit Schmidt weitermachen. Mainz sicherte sich an deren Ende mit 37 Punkten auf Platz 15 den Klassenerhalt. Erst dann trennten sich die Wege von Trainer und Verein.

Bruchweg: The Times They Are-A-Changing. (Foto: WP)

Ich erinnere mich sehr gut an die damalige Situation, weil sie für mich einen Grundstein gelegt hat in meinem eigenen Verständnis. Die Auftritte der Mannschaft in den besagten fünf Spielen hatten bei mir die Überzeugung reifen lassen, es brauche den berühmten neuen Impuls von außen, um die Klasse noch zu halten. Schröders Entscheidung, die dem Vernehmen nach nicht zuletzt geprägt war von der Haltung des da noch amtierenden 05-Präsidenten Harald Strutz, war für mich schwer nachvollziehbar. Klar hatte man an Kloppo immer festgehalten, aber war das nicht eine gänzlich andere Situation? Ich weiß aber ebenso genau, dass ich im Verlauf des Tages sinngemäß schrieb: Entscheidung gefallen, egal wie, jetzt müssen sich alle wieder hinter den Verein stellen. Schon damals war dies meine feste Überzeugung, dass es zur Natur der Anhängerschaft gehören muss, hinter ihrem Verein zu stehen. Was sollte sonst ihre Rolle sein?

Prägend war dieser Apriltag aber aus anderen Gründen, die sich erst in der Nachbetrachtung herauskristallisierten. Aus dieser heraus hatten Rouven Schröder und die weiteren beteiligten Verantwortlichen nämlich die richtige Entscheidung getroffen, weil Mainz 05 die Klasse hielt – ohne sich dem zu unterwerfen, was gemeinhin als die „Regeln des Geschäfts“ betitelt wird. Dieser Moment war deshalb so wichtig, weil man unter neuer Regie den alten, in den vergangenen zwei Jahrzehnten etablierten inneren Gesetzen treu geblieben war – und damit Erfolg hatte. Für mich bleibt es deswegen einer, der viel aussagt über das Wesen des Vereins zu diesem Zeitpunkt, auch über Rouven Schröder, weil er bereit war, das Risiko einzugehen, sich in diese Tradition zu stellen. Und der dafür belohnt wurde. Das Credo, der Verein steht über allem, bedeutet demnach, die für den Verein definierten Werte stehen über allem – und zu diesen Werten gehört es, sich nicht kirre machen zu lassen von Erwartungen, die von außen an einen herangetragen werden. Im Zweifel: Die Regeln des Geschäfts zu ignorieren.

Rouven Schröder äußert sich im Vereinskanal zur Trennung von Schwarz. (Quelle: Mainz 05)

Man kann das anachronistisch finden, romantisch, verklärt. Es ist aber die Herangehensweise, die ich in jenem April 2017 für mich verinnerlichte als eine, die den Mainzer Weg weiter ausmachen würde – daran hat sich nichts geändert. Geändert hat sich aber, was seitens der Verantwortlichen als aktueller Weg angesehen wird und als Resultat gaben diese am Tag nach der Niederlage gegen Union Berlin die Trennung von Chefcoach Sandro Schwarz bekannt. Vorerst wird nun Co Jan-Moritz Lichte das Training leiten, gesucht wird derweil ein neuer Trainer, zu dessen Profil Rouven Schröder am Sonntag noch nicht viel sagen wollte, nur dies: Er werde vermutlich von außen kommen. Dies ändere nichts daran, dass man von den Trainern im Verein überzeugt sei, erklärte der Sportvorstand, aber es sei der Zeitpunkt gekommen, auch mal anders zu schauen, als es zuletzt üblich gewesen ist. Dieser Ansatz ist, da man den Trainer nun mal entlässt, sicher nachvollziehbar: Wenn schon anders, dann auch ganz und gar – und nicht bloß die halbe Strecke.

Schröder wirkte in der kurzfristig einberufenen Pressekonferenz sichtlich niedergeschlagen, wie die meisten Vereinsmitarbeiter*innen, die bei Ankunft der Presse am Bruchweg waren. Natürlich sei das eine Situation, die „emotional auch weh tut“, sagte der Sportvorstand. Ein „sehr gutes, emotionales und einvernehmliches Gespräch“ sei der Entscheidung vorausgegangen, in dem Sandro Schwarz klar signalisiert habe, diesen Weg mitzugehen. Die Nachfragen blieben natürlich nicht aus, ob der Coach den Schritt von sich aus angeboten habe oder die Entscheidung vom Verein gekommen sei. Dazu sagte Schröder: „Es ist kein Frage-Antwort-Spiel. Es ist grundsätzlich so, dass wir als Verein natürlich den Takt vorgeben, dass wir die Verantwortung auch haben, zu sagen: So, es ist das Gefühl, dass wir uns trennen.“ Mehrfach betonte er, dieser Schritt sei eine Niederlage, die alle Verantwortlichen betreffe, nicht zuletzt die Mannschaft, die er sehr deutlich in die Pflicht nahm. „Wir wollten definitiv nicht diesen Mechanismus bemühen. Und trotz allem war es jetzt für uns in letzter Instanz der richtige Schritt.“

Bis zuletzt den Verein gelebt und geliebt: Sandro Schwarz. (Quelle: Mainz 05)

Einer, der – das war deutlich herauszuhören – auch dem Gefühl geschuldet ist, das Umfeld in der aktuellen Konstellation nicht mehr weiter hinter den Verein bringen zu können: „Nach und nach bekommst du ein Gefühl für die Situation. Sind wir noch in der Lage, in der Konstellation weiter zu arbeiten. Bekommen wir diese Geschlossenheit – auch im gesamten Umfeld – wieder hin. Auch mit negativen Erlebnissen, das ist ja wichtig, gibt’s da eine Toleranzgrenze oder ist das grundsätzlich negativ behaftet.“ In Teilen des Umfelds war, das muss man leider so klar sagen, die Personalie Sandro Schwarz von Anfang an negativ behaftet. Bemühungen, dies zu ändern, wurden einerseits unternommen – Beispiel die Gesprächsrunde mit Trainer und Fans – blieben aber andererseits Strohfeuer. Mit der Reaktion der Fans beim Spiel gegen Union Berlin scheint nun der Punkt erreicht, an dem die Sorge, das Umfeld vollständig zu verlieren für den gemeinsamen Weg, bei den Verantwortlichen zu groß wurde. Das ist, gerade für Mainz, schon ein bemerkenswerter Vorgang. Spannend ist dabei vor allem die Frage, wer nun derjenige sein soll, der dieses Umfeld von der Seitenlinie aus wieder hinter den Verein bringen soll.

„Ich verstehe das so in meinem Beruf, dass man seinem Trainer bedingungslos zur Seite steht und mit ihm in guten wie in schlechten Zeiten die Dinge bestreitet.“
Rouven Schröder

Zumal Schwarz im Verein selbst, bei den Menschen, die täglich mit und unter ihm arbeiteten, eine sehr hohe Anerkennung genossen hat. Das wird in Gesprächen immer wieder deutlich, weil diese Leute es deutlich machen, betonen, wie groß sein Anteil war an ihrer Entscheidung, sich Mainz 05 anzuschließen. Seine Entlassung berührt viele Punkte, die von außen gar nicht sichtbar sind und inwiefern das Nachbeben bedeutet, bleibt abzuwarten. Schröder jedenfalls hielt am Sonntag ein letztes Plädoyer für seinen Trainer: „Viele im Umfeld glaube ich wissen es immer noch nicht, wie leidenschaftlich Sandro diesen Verein gelebt und geliebt hat. Seine Spieler gelebt und geliebt hat. Jeden Tag sich den Arsch aufgerissen hat für die Nummer. Und es ist einfach so, dass mir das auch nahegeht, weil einfach der eine oder andere Spieler das in der Form nochmal deutlicher auch hören musste von meiner Seite, dass es für uns alle eine Niederlage ist. Das ist ein Punkt, wo sich jeder noch mal deutlich hinterfrage muss, wie die Reise weitergeht. Denn der Charakter wird entscheidend bleiben, auch für die Zukunft.“

Diese Zukunft zu gestalten ist nun sein dringlichster Auftrag. Erste Berater*innen hätten ihre Trainer nur Sekunden nach der Mitteilung über das Aus von Sandro Schwarz bereits bei ihm angeboten, sagte Schröder, ein Seufzen im Blick. So ist nun mal das Geschäft. Und mit der Entscheidung vom Sonntag ist Mainz 05 fürs Erste ein ganz normaler Bestandteil dieses Geschäfts geworden. So kam nach den emotionalen Einblicken von Rouven Schröder in die Vorgänge seit dem Abpfiff vom Samstag denn auch seine deutliche Ansage: „Es gilt jetzt, den Blick nach vorne zu richten, denn das ist unsere Aufgabe, und im Sinne des Vereins eine gute Lösung zu finden.“

Die Woche am Bruchweg (45/19)

Das Training am Bruchweg in der Woche nach dem 0:8 in Leipzig beginnt ruhig. Auf dem Platz schleichen die Spieler anfangs noch merklich, doch im Laufe des Vormittags wird ihr Gang in der herbstlichen Sonne aufrechter. Zunächst aber scheint es, als laste die Anwesenheit der Kiebitze auf ihnen, das Wissen um die vielen Augenpaare, die auf ihnen ruhen, die Frage, was denken die Menschen am Spielfeldrand, was fühlen sie. Später wird Sandro Schwarz in der Medienrunde sagen: „Du schämst dich. Auch jetzt noch. Null zu acht zu verlieren, das ist brutal. Alles tut weh.“ Genau diesen Eindruck vermittelt sein Team um kurz nach zehn an diesem Dienstagmorgen.

Anfangsverkrampfung: Zu Beginn des Trainings wirken die Spieler gehemmt. (Fotos: WP)

Anfangsverkrampfung: Zu Beginn des Trainings wirken die Spieler gehemmt. (Fotos: WP)

Es wird das einzige öffentliche Training in dieser Woche bleiben. Eine regelmäßige Beobachterin erzählt, dass sie vor der Einheit mit Jean-Paul Boëtius gesprochen hat. „Ich habe ihm gesagt, wie weh das tut.“ Der Niederländer habe erwidert, für niemanden tue es ihnen, den Spielern, so leid, wie für die treuen Fans. Weder Mannschaft noch Verantwortliche weichen dem Kontakt mit den Anhänger*innen aus. Niemand verkriecht sich. Als Sandro Schwarz später gefragt wird, ob er sich anschaue, was derzeit in den sozialen Medien abgehe, ist seine Haltung klar. Natürlich bekommt er das zugetragen und: „Dass alle unzufrieden sind, das kann ich doch nachempfinden.“ Seine Räume aber sind andere, betont er – und dort ist er auch ansprechbar. „Wenn sie zum Training kommen und mich jemand darauf anspricht, dann können wir sehr gerne über diese Dinge sprechen.“ Das spüren auch die Autogrammjäger, die an diesem Tag vor Ort sind.

Eingrooven auf die wichtige Einheit.

Eingrooven auf die wichtige Einheit.

Vor Ort ist in einer Woche wie dieser auch deutlich mehr Presse als sonst. Alle wollen sich einen Eindruck machen, wie der Umgang zwischen dem Team auf und dem neben dem Platz wirkt. Unter den Fans ist anfangs vor allem Niko Kovac Thema. Hat er tatsächlich hingeworfen? Oder nicht? Soll man neidvoll auf diese Entwicklung in München schauen oder ist man froh über die hiesige Stabilität in Personalfragen? Auch Rouven Schröder hat schließlich die Mannschaft gefordert – und nicht etwa den Trainer infrage gestellt.

Zuversicht zurückerarbeiten.

Zuversicht zurückerarbeiten.

Dieser wehrt sich vehement gegen die Formulierung, das Team sei durch Schröders Aussage angezählt, und verteidigt seine Spieler leidenschaftlich. „Das mache ich nicht mit. ‚Diese Mannschaft!‘ ‚Diese Spieler!‘ Nein, nein, nein.“ Kopfschütteln untermalt seine Worte. „Da sitzt niemand und denkt sich: ‚Ich habe mit der ganzen Sache nichts am Hut.‘“ Wie eng die Spieler und das Trainerteam zueinanderstehen, ist auf dem Trainingsplatz zu beobachten. Schwarz feuert nicht nur, wie sonst, lautstark an, er ist auch ständig selbst an der Linie in Bewegung, als wolle er seine Worte zu den Spielern tragen.

Die kommunizieren sehr viel untereinander. Robin Zentner ist dabei abermals auffällig, Boëtius fungiert als leidenschaftlicher Lautsprecher und zudem immer wieder als Übersetzer. Deutlich ist zu spüren, wie Niakhatés Präsenz Spielzüge verändert. Die Intensität auf dem Feld nimmt zu und es scheint, als hätten die Trainierenden sich ein wenig von der Last des Wochenendes freigelaufen. Schwarz bestärkt und lobt seine Spieler. Aufbauarbeit nennt sich das wohl, für konstruktive Kritik bleibt diese Woche noch genug Zeit, ohne das fremde Augen und Ohren über die Kommunikation auf dem Platz wachen.

Meine Spieler geben mir Hoffnung.
Sandro Schwarz, Cheftrainer

Schwarz beschönigt nichts, als er später mit den Journalist*innen spricht. Er macht deutlich, wie beschissen sich der Samstag für alle Beteiligten angefühlt hat, wie peinlich und beschämend das Ergebnis für sie sei. In einer solchen Situation gebe es zwei Möglichkeiten, so der Trainingsleiter: Alles in Schutt und Asche legen, die Spieler an die Wand nageln und alles infrage stellen – für ihn der falsche Ansatz. Das erste Gegentor? Vermeidbar. In den ersten 25 Minuten sei danach viel so gelaufen, wie sich die Mannschaft das vorgenommen habe.

Gemeinsames Auslaufen nach dem Training.

Gemeinsames Auslaufen nach dem Training.

Ab dieser 25 Minute lautet sein Fazit: katastrophal. „Die größte Entschuldigung, die wir bringen können, ist die Leistung auf dem Platz.“ Wem sollten noch mehr Worte helfen? „Leistung. Das ist der einzige Weg, um alle zufriedenzustellen.“ Das schlechte Gefühl wollten sie schließlich auch selbst loswerden. „Die Entschuldigung muss man uns ansehen.“

Die krachende Niederlage in Leipzig vergleicht der Coach mit der 1:6-Pleite am dritten Spieltag gegen Bayern München. „Da kannst du die Schablone drauflegen.“ Jede Erkenntnis helfe dabei, gemeinsam weiterzuarbeiten. „Ich bleib dabei, wir haben zu viele Spiele verloren. Aber ich werde nicht sagen, sie sind nicht lernfähig. Sie verlieren den Kopf, ja.“ Da spiele auch der Faktor „junge Mannschaft“ mit hinein, gleichwohl Schwarz den nicht als Entschuldigung heranziehen mag.

Stattdessen, Einzelgespräche, weil jeder Spieler anders ist, auch in seinen Bedürfnissen. „Der eine braucht vielleicht mehr den Zuspruch, das Positive.“ Ein Beispiel hierfür ist Ronaël Pierre-Gabriel (21), der bei drei Startelfeinsätzen bisher ausgerechnet die Spiele bei den Bayern und RaBa Leipzig miterlebte und zudem in der Partie gegen Wolfsburg bereits nach einer Stunde vom Feld musste.

Trainerbesprechung.

Trainerbesprechung.

„Weil er diese zwei Extremerfahrungen gemacht hat, wenn du mit ihm in die Analyse gehst, macht es jetzt sicher wenig Sinn, ihm nochmal alles aufzuzeigen, wie schlecht das ist, sondern du musst die Dinge inhaltlich aufarbeiten und ihm zeigen, warum er hier ist und was für ein Potential er hat.“ Dazu gehöre auch die notwendige Geduld. „Der kann das, zu einhundert Prozent.“

Im Glauben an jeden einzelnen Spieler, mit dem er und sein Team arbeiten, zeigt Sandro Schwarz sich ungebrochen und beantwortet die Frage, was ihm in der aktuell schwierigen Situation die meiste Hoffnung mache, mit Nachdruck und großer Klarheit. „Meine Mannschaft. Meine Spieler geben mir Hoffnung.“ Am Samstag haben sie die Gelegenheit, diese Hoffnung auch bei der Anhängerschaft wieder zu entfachen.

Die Woche am Bruchweg (44/19)

„Tut mir leid, dass ich überzogen habe.“ Sandro Schwarz eröffnet die wöchentliche Medienrunde gut gelaunt. Er bringt sozusagen die Stimmung vom Training mit, wo die Spieler nach dem Heimsieg gegen den 1. FC Köln – der 100. in der Bundesliga – fokussiert, aber auch deutlich gelöst schienen. Dabei waren sie viel im Dialog miteinander und wirkten hungrig auf Tore und Trainingssiege. Zum Abschluss der Einheit spielte Robin Quaison quasi seinen wuchtigen Schuss vom Freitag nach. Gut habe sich das angefühlt, bestätigt Schwarz das Offensichtliche. „Da gilt es jetzt, dranzubleiben.“

Gelöste Stimmung beim Training.

Gelöste Stimmung beim Training.

Das gute Gefühl des Trainers lässt sich mit Zahlen belegen: Wurden bei der Auswärtspartie in Düsseldorf noch gerade 15 Verteidiger überspielt, waren es gegen Köln 55. „Kompliment an alle, wie wir mit dem Rückstand umgegangen sind“ betont Schwarz, der das 1:0 des FC aber nicht als Weckruf empfunden hat. Man habe auch in den ersten Minuten Zug zum Tor entwickelt und nicht etwa „nur hinten drin gestanden“.

Im Schatten des Bruchwegs.

Im Schatten des Bruchwegs.

Der Vergleich zwischen den Spielen bei der Fortuna und gegen Köln sei gut geeignet, um „den Jungs zu zeigen, was es bedeutet, wenn wir nicht den letzten Schritt machen in der Konsequenz.“ Abgesehen davon wolle er sich mit dem letzten Auswärtsspiel nicht mehr beschäftigen. „Das haben wir seriös aufgearbeitet.“ Man habe – nicht zum ersten Mal in der gemeinsamen Arbeit – bewiesen, dass die Mannschaft mit schwierigen Situationen umgehen und eine Reaktion darauf finden könne.

Unter Beobachtung.

Unter Beobachtung.

„Entscheidend für den Verein, unabhängig von den handelnden Personen, ist es, da nicht jedes Mal ein Krisenszenario aufzumachen“, sagt Schwarz. Diese Klarheit, bei den Verantwortlichen ebenso wie bei der Mannschaft, aber auch bei den Fans, sei enorm wichtig für den Club. „Das ist Mainz 05. Das dürfen wir nie vergessen. Es wird auch wieder schwierige Momente geben.“ Die Fans seien ein wichtiger Faktor gewesen, betont der Trainer, der eine klare inhaltliche Linie zieht von der Mitgliederversammlung am Anfang zum Spiel am Ende der Woche. „Mit dem Publikum im Kreuz, das ist einfach überragend. Genau das brauchen wir.“

Die Mannschaft steht nun mit neun Punkten aus neun Spielen auf Platz 13, exakt wie zum selben Zeitpunkt der Vorsaison, als allerdings die Tordifferenz mit -5 etwas besser war als heute (-9). Befragt nach den Unterschieden zwischen damals und heute erklärt Schwarz, der größte sei im Pokal zu finden, wo man in der Vorsaison mit zehn Mann die erste Runde überstand. Das habe eine ganz andere Stimmung gesetzt als nun das Pokalaus mit den bekannten Begleiterscheinungen in Kaiserslautern. „Und was uns im Vergleich fehlt, sind die Unentschieden.“ Die höhere Anzahl an Niederlagen habe sich in der Stimmung niedergeschlagen, bewertet er realistisch. Die zwei Siege aus den letzten drei Spielen sind da erste Schritte in die richtige Richtung.

Bällebad.

Bällebad.

Neben dem Platz
Stürmer Ádám Szalai hat einen Eintrag bei Facebook veröffentlicht, in dem er sich für eine Episode vom Wochenende entschuldigt. Bei einem Heimatbesuch in Ungarn war er nach eigenen Angaben nach dem Genuss eines Glas Weins mit 0,1 Promille auf einem E-Scooter gefahren und angehalten worden. Dafür musste er eine Strafe zahlen.

„Sorry sorry sorry sorry sorry sorry sorry sorry sorry“, schreibt der 05-Stürmer, der sich zugleich überrascht zeigt, wie die Sache an die Öffentlichkeit gelangt ist. Sandro Schwarz nahm es gelassen und witzelte, er behalte besser für sich, was er auf das „Geständnis“ erwidert habe, bevor er Szalai lobte: „Großartig, diese Offenheit, damit umzugehen. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, das ist kein Thema.“

Frauen, Fußball, Feminismus: Ein weiter Weg

Wenn ich mich online äußere, passiert das inzwischen vor allem auf Twitter. Manchmal wird mir hinterher bewusst, dafür wäre auch mein Blog ein guter Platz gewesen und so geht es mir auch mit einem gestern veröffentlichten Thread, den ich nun noch hierhin umziehe.

Erinnert ihr euch an den Podcast, in dem Männer erörtern, wie fickbar sie uns FRÜF-Frauen finden? Ich erinnere mich, weil ich entsprechend besprochen wurde. In einer Turnhalle wegzimmern. Das war die Formulierung.

Toll, oder? Leider nicht ganz ungewöhnlich, als Frau im Fußball.

Wie kommen Frauen zum Fußball? (Foto: FRÜF)

Wie kommen Frauen zum Fußball? (Foto: FRÜF)

Wir haben damals auf den Podcast hingewiesen, ohne ihn zu verlinken und zunächst auch, ohne ihn zu benennen. Die Männer sagten, sie hätten darauf einen Shitstorm erlebt, seien bedroht worden. Wir haben uns klar gegen solches Verhalten positioniert. Der Podcast wurde eingestellt, was wir nie gefordert haben. Was ich fast originell fand, war das Entsetzen der Typen darüber, unangenehme Mails zu kriegen und nicht kontrollieren zu können, was über sie gesagt wird. Solche Post bekommen Frauen, die online sichtbar sind, permanent. Und genau diesen Kontrollverlust hatten sie zuvor uns zugemutet.

Nun wird das Geschehen von damals in einem anderen Podcast seziert, gespickt mit vielen Unwahrheiten. Die Quelle ist offensichtlich. Das alleine macht mich schon müde – aber da endet es nicht. Das Verhalten der Männer wird entschuldigt. Alkohol, lustige Herrenrunde, witzig. Wir Frauen sind bloß zu empfindlich. Ist euch das mal aufgefallen? Frauen glauben, Seximus zu sehen, wo gar keiner ist. Wenn Männer in einem Podcast sagen, sie wollen mich in einer Turnhalle wegzimmern, ist das witzig, ich kapiere das nur nicht. Die Podcaster jetzt haben mal gegoogelt, wer damit gemeint gewesen sein könnte: haha.

So wird die Geschichte fortgeschrieben und am Leben gehalten. Die Herren sind sich komplett einig und fühlen sich im Recht. Sie wünschen sich, jemand möge uns den Link zu ihrem Podcast schicken. Hihi. Der Übergriff, den wir erlebt haben, wird wiederholt, bekommt erneut Applaus. Ich möchte den Podcast nicht verlinken und es geht mir auch nicht um das spezielle Format. Worum es mir geht ist der Hinweis darauf, dass sowas immer weiter läuft. Dass wir diese Art von Behandlung permanent erleben. Und dass es einfach absolut nicht in Ordnung ist. Niemals.

Es sind keine singulären Ereignisse. Darin steckt die Überzeugung, Frauen so behandeln zu dürfen. Das ist der Alltagssexismus, von dem wir so oft sprechen. Bitte beteiligt euch nicht daran. Denn das ist der Kampf, den wir führen. Bitte stellt euch dabei an unsere Seite.

Im Nachhinein fiel mir noch die Verbindung zu einem aktuellen Thema ein.

In genau diesem Kontext muss m.E. auch das „Künast-Urteil“ gesehen werden. Es sagt aus: Frauen, die sich in der Öffentlichkeit bewegen, müssen das abkönnen. Schließlich haben diese Aussagen, so die Logik, alle einen Bezugsrahmen. Das ist schon pervers.

Es gab jede Menge Feedback zu diesem Thread, darunter natürlich auch ziemliche Dummheiten.

Die dümmste Bemerkung ist ja, dass Frauen keine Komplimente mehr annehmen können. Knapp dahinter die Aussage, ich würde hier die Falschen treffen. Schlage vor, ihr hört euch mal an, welche Fantasien Honks gerne mit euch ausleben würden. Fieses Gelächter inklusive. Nur so fürs Gefühl. Schafft ein paar hübsche Bilder im Kopf. Ich habe schon oft Post mit derartigen Fantasien bekommen. Aber die Wirkung ist krasser, wenn Leute es echt sagen. On Air. Und es dann Monate später wieder hervorgeholt wird. Das so deutlich zu kritisieren, trifft definitiv die Richtigen.

Insgesamt war die Solidarität mit dem FRÜF-Kollektiv gestern allerdings immens, was unglaublich gut getan hat.

Mit den Aussagen aus dem besagten Podcast nochmal auf diese Weise konfrontiert zu werden, war sehr, sehr unangenehm. Was für eine Welle von Unterstützung meine Tweets zu dem Thema anschließend losgetreten hat, macht mir tatsächlich ein bisschen Mut. Der Weg ist noch lang, aber der eine oder andere Schritt offenbar schon gegangen.

Mensch, Frau Nora: Wir sprechen über digitale Gewalt

Manchmal greifen Themen und Geschehnisse fast organisch ineinander: Am 6. März haben wir unseren neuen Podcast FRÜF – Frauen reden über Fußball vorgestellt. Die Reaktionen darauf waren überwältigend positiv. Bis zu dem Moment, als ein paar Männer in ihrem Podcast darüber sprachen, wen von uns Frauen sie wie attraktiv finden, ob dicke Frauen nun fickbar sind oder nicht und dass sie mich gern mal in einer Turnhalle wegzimmern würden. Wie reagiert man auf sowas? Schweigen? Rückzug? Öffentlichkeit? Wir haben uns entschieden, über das Thema zu sprechen, weil wir das, was da passiert – digitale Gewalt gegen uns Frauen – nicht hinnehmen wollen.

In den Tagen darauf schrieb ich unter anderem mit Nora Hespers, einer wunderbaren Kollegin aus Köln, zu den Vorkomnissen. Sie empfahl mir eine aktuelle Podcast-Folge von NETZPOLITIK.ORG zum Thema „Digitale Gewalt“. Zu Gast bei Chris Köver waren Netzpolitik-Expertin Anne Roth und Anna Hartmann vom Dachverband der Frauenberatungsstellen. Roth hat sich mit dem Thema der digitalen Gewalt speziell gegen Frauen auch in ihrem sehr empfehlenswerten Talk beim 35. Chaos Communication Congress beschäftigt.

In der Kommunikation wurde Nora und mir schnell klar, das Thema beschäftigt und betrifft uns auf eine Art und Weise, die wir nicht hinter verschlossenen Türen halten möchten. Das hat sehr viel damit zu tun, dass wir beide daran glauben, Menschen müssen Gegengewichte setzen und sein, wenn digitale Gewalt geschieht. Und zwar völlig unabhängig davon, wen sie (be-)trifft. Deswegen war ich zu Gast in Noras tollem Podcast Mensch, Frau Nora und wir haben darüber gesprochen, warum digitale Gewalt nicht losgelöst ist von analoger, warum sie Männern anders begegnet als beispielsweise Frauen oder Transmenschen und warum es wichtig ist, sie zu thematisieren.

[Quelle Video: Mensch, Frau Nora]