05-Gegnerbetrachtung: Hannovers letzter Schuss

Die Gegnerbetrachtung ist zurück. Vor jedem Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit PodcasterInnen, JournalistInnen oder BloggerInnen aus dem Umfeld des gastgebenden Vereins. Diesmal beantwortet Tobias Groebner vom Hannover-96-Fanblog The Walking Red meine Fragen.

Tobias GroebnerLieber Tobias, danke, dass du dir die Zeit für meine Fragen zu Hannover 96 nimmst. Zum Einstieg ein beliebter Klassiker: Wie bist du zu deinem Verein gekommen? Und kannst du dich daran erinnern, was dich damals fasziniert hat?
Ich bin so etwas wie der Prototyp eines Erfolgsfans. Mein Interesse an Hannover 96 entstand durch die Pokalsaison 1991/92. Besonders die Siege gegen den SV Werder Bremen im Halbfinale und gegen Borussia Mönchengladbach im Finale haben mein Interesse an Hannover 96, das vorher nicht sonderlich ausgeprägt war, geweckt. So war ich in der Saison 1992/93 das erste Mal bei einem Spiel im Niedersachsenstadion. Es war ein 3:1-Heimsieg gegen den damaligen Aufsteiger VfL Wolfsburg. Fasziniert hat mich sofort die Atmosphäre im Stadion. Ich fand es toll, wie tausende Menschen gemeinsam jubeln, singen oder auch enttäuscht sind. Seit dem Jahr war ich ein regelmäßiger Gast zu den Heimspielen. Die echte Liebe entstand dann 1996/97 in der Regionalliga.

Was sollte man neben deiner Leidenschaft für Fußball und den Verein über dich wissen, womit beschäftigst du dich im Leben neben dem Platz?
Neben dem Platz beschäftige ich mich vor allem mit Zahlen und Prozessen. Das bringt mein Job im Controlling mit sich. Bei dem ganzen trockenen Stoff, ist dann der Fußball am Wochenende der perfekte Ausgleich. Nebenbei versuche ich mich noch ein wenig mit der Schreiberei. So begleite ich Hannover 96 seit nunmehr vier Jahren auch als Blogger.

Geboren als Roter. (Cover: Verlag)

Geboren als Roter. (Cover: Verlag)

Im vergangenen Jahr hast du auch ein Buch über deinen Verein geschrieben: Geboren als Roter – Warum wir Hannover 96 lieben. Was sind für dich die wichtigsten Gründe?
Weil 96 einfach ein geiler Verein ist. Auch wenn sich in den letzten Jahren vieles zum schlechten verändert hat, haben wir doch am 23. März gezeigt, wozu eine Fanszene fähig ist – und uns einfach mal den Verein zurückgeholt.

Ein Thema, mit dem wohl jeder Fußballfan Hannover 96 assoziiert, ist die 50+1-Regel und Martin Kinds Versuche, eine Sondergenehmigung zu bekommen. Kannst du für die Leser meines Blogs, die sich nicht im Detail mit der Situation in Hannover beschäftigen, erklären, wie die aktuellen Entwicklungen aussehen und was Kind im Gegensatz dazu wollte?
Martin Kind möchte für Hannover 96 eine Ausnahmegenehmigung von der 50+1-Regel erwirken. Dazu hat er gemeinsam mit der Profispielbetriebsgesellschaft, deren Geschäftsführer er ist, und dem Verein, dessen Vorstandsvorsitzender er bisher gewesen ist, einen Antrag bei der DFL gestellt. Um eine Ausnahmegenehmigung zu bekommen, hätte er nachweisen müssen, den Verein über 20 Jahre hinweg erheblich gefördert zu haben. Diesen Nachweis blieb er schuldig. So hat die DFL den Antrag abgelehnt. Daraufhin hat Kind das Schiedsgericht des DFB angerufen, wo noch ein Verfahren anhängig ist. Mit der Mitgliederversammlung des Breitensportvereins am 23. März endete die Ära Kind. Der Aufsichtsrat, der den Vorstand beruft, wurde neu gewählt. Sämtliche Plätze gingen an Kandidaten, die sich gegen die Abschaffung von 50+1 in Hannover ausgesprochen haben und deswegen von der aktiven Fanszene unterstützt wurden.

Der etwas andere Fanblog. (Grafik: The Walking Red)

Der etwas andere Fanblog. (Grafik: The Walking Red)

Du schreibst bei The Walking Red über Hannover 96 und gehörst zum Supporters Club Rote Kurve. Wie hat es sich bei dir entwickelt, dass der Fußball nicht nur in dieser Clubliebe eine Rolle spielt, sondern du dich auch aktiv in die Vereinsarbeit einbringst?
Mit dem Schreiben über 96 habe ich im Jahr 2015 angefangen. Die Gründe dafür sind schnell erzählt: Ich konnte die sehr einseitige Presseberichterstattung in Hannover nicht mehr kommentarlos hinnehmen und wollte einen Gegenpol bilden. Fanthemen sollten einen Platz bekommen – und haben das dadurch. In der Roten Kurve fange ich gerade an, aktiv zu werden. Das hat sich alles am Abend nach der Mitgliederversammlung ergeben. Die Neuausrichtung des Vereins möchte ich gern unterstützen und mich einbringen.

Im kürzlich berufenen neuen Vorstand des Hannoverschen Sportvereins von 1896 e.V. sitzen auch zwei Ehemalige der Roten Kurve. Wie beurteilst du die Zusammensetzung des Gremiums und welche Konsequenzen erhoffst du dir dadurch, dass sich die Anti-Kind-Fraktion nun die Geschicke des Vereins leitet?
Zunächst würde ich nicht von einer Anti-Kind-Fraktion sprechen wollen. Es sind vielmehr engagierte Mitglieder, die sich für Transparenz und Mitbestimmung einsetzen. Ich begrüße sehr, dass der neue Vorstand in Ressorts aufgeteilt wurde, für die sich zukünftig Experten verantwortlich zeigen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Mit Sebastian Kramer, dem neuen Vorstandsvorsitzenden, ist der ehemalige Vorsitzende der Roten Kurve jetzt verantwortlich für den Breitensportverein. Basti ist echter 96er und liebt den Verein. Außerdem ist mit Robin Krakau ein ehemaliges Gründungs- und Aufsichtsratsmitglied der Roten Kurve ebenfalls in den Vorstand berufen worden. Ich erhoffe mir, dass der Antrag von Martin Kind auf Erteilung einer Ausnahmegenehmigung von der 50+1-Regel gestoppt wird. Zumindest wurde er zunächst auf ruhend gestellt, um den Antrag einzusehen und zu prüfen.

Neuer Vorstand, neuer 5-köpfiger Aufsichtsrat. Neuanfang? (Foto: Pro Verein)

Neuer Vorstand, neuer 5-köpfiger Aufsichtsrat. Neuanfang? (Foto: Pro Verein)

Hannover 96 hat nach einem Jahr in der 2. Liga den direkten Wiederaufstieg geschafft, eine positive Erstligasaison hingelegt – und steckt in der zweiten Saison im Oberhaus aktuell im maximalen Schlamassel. Was genau ist da schiefgelaufen?
Wie viel Zeit hast du? Keine Sorge, man kann es relativ einfach runterbrechen: Leistungsträger wie Martin Harnik, Salif Sane und Felix Klaus haben 96 verlassen. Der Qualitätsverlust konnte mit den gut gemeinten Neuzugängen nicht ausgeglichen werden. Abgesehen von Hendrik Weydandt, den man aus der Regionalliga eigentlich für die zweite Mannschaft verpflichtete, hat kein Transfer gegriffen. So kommt dann eben so eine Gurkensaison bei raus.

Seit Januar sitzt Thomas Doll auf der 96-Trainerbank. Medial wirken seine Auftritte oft eher skurril, auch der erhoffte sportliche Erfolg hat sich nicht eingestellt. Hat dich seine Berufung damals überrascht? Und wie beurteilst du seine Arbeit mit dem Team?
Sie hat mich sogar schockiert. Das konnte nicht funktionieren. Mir geht es dabei aber vor allem um den Menschen, weniger um den Trainer. Im November 2018 hatte er einen unsäglichen Auftritt bei Sky, in dem er sich als Sexist präsentierte. Solche Geisteshaltung möchte ich nicht auf unserer Trainerbank sehen. Die Arbeit mit den Spielern spielgelt sich ziemlich gut in den Ergebnissen wieder. Er ist schlichtweg nicht gut genug.

Thomas Doll ist aktuell Trainer bei Hannover 96. (Foto: Frank Schwichtenberg – CC BY-SA 3.0)

Thomas Doll ist aktuell Trainer bei Hannover 96. (Foto: Frank SchwichtenbergCC BY-SA 3.0)

Der Abstieg ist trotz der desaströsen Saison für den Verein noch nicht besiegelt, das Spiel gegen Mainz am Samstag bietet die letzte Chance. Hast du noch Hoffnung? Und wäre die Rettung in letzter Minute überhaupt wünschenswert?
Ich habe keine Hoffnung mehr. Bei einem Sieg in Berlin und einem weiteren Erfolg gegen euch, wäre vielleicht noch was gegangen. So ist der Abstieg in meinen Augen aber besiegelt. Ich freue mich auch schon auf die interessanten Gegner in der zweiten Liga. Doll sollte die Rettung auch nicht gelingen, nachher darf er noch blieben. Bitte nicht.

Gehen wir also davon aus, Hannover 96 steigt am Ende der Saison erneut in die zweite Liga ab. Was muss sich ändern, damit an der Leine wieder Stabilität einkehrt? Der Wiederaufbau mit Thomas Doll wurde ja durchaus als Möglichkeit thematisiert. Wen würdest du gerne in Verantwortung sehen?
96 muss sich selbst eine Philosophie verpassen, ein tragfähiges Konzept entwickeln. Die Verzahnung mit dem Nachwuchsleistungszentrum muss deutlich intensiviert werden. Die Spielidee sollte von der U17 bis zu den Profis identisch sein. Ein Wiederaufbau mit Thomas Doll wäre eine Katastrophe. Mein Wunschtrainer ist Alexander Kiene, der all das verkörpert, was ich gerade skizziert habe. Kiene hat gerade seinen Fußballlehrer gemacht und war schon als Trainer in der Region bei Ober- und Regionallisten äußerst erfolgreich.

Alles spricht dafür, dass uns am Samstag ein Kampfspiel erwartet, zumindest, wenn das 96-Team diese letzte Möglichkeit nutzen will. Was glaubst du, wie Thomas Doll seine Jungs auf den Platz schickt? Und welches Ergebnis tippst du?
Er wird vermutlich wieder versuchen, den Bock umzustoßen. Verzeih, das ist mittlerweile ein Running Gag in Hannover. Ich denke, wir werden die Startelf aus dem Hertha-Spiel sehen. Eventuell darf Nicolai Müller wieder als zweite Spitze ran, damit Weydandt nicht allein auf weiter Flur ist. Ich tippe auf einen knappen 1:0-Heimsieg, der am Ende aber auch nichts ändern wird.

KOMPAKT
Hannover 96 ist der beste Club der Welt, weil … wir Fußballdeutschland gezeigt haben, dass sich Fans ihren Verein zurückholen können.
Was ich an unserem Stadion besonders liebe, ist … die Nähe zum Maschsee. Ich denke, kein anderes Bundesligastadion ist so zentral und idyllisch gelegen.
Mein ewiger Lieblingsspieler ist eindeutig … Jan Simak. Genialer Fußballer, leider mit den falschen Freunden
Wer Hannover besucht, sollte unbedingt … einen Moment am Nordufer des Maschsees verweilen. Genießt es.
Besonders lecker essen Gästefans … direkt in Stadionnähe ist das Julian’s. Ein Restaurant im Courtyard-Hotel direkt am Maschsee. Dort lässt es sich vor und nach dem Spiel besonders gut essen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Meinen Gegenbesuch im Blog The Walking Red könnt ihr hier nachlesen.

So ein Tag… (Foto: Mainz 05)

So ein Tag… (Foto: Mainz 05)

LETZTE WORTE
Gut Lachen hat das Vorstandstrio des 1. FSV Mainz 05: Der Verein hat von der Deutschen Fußball Liga die Lizenz für die kommende Bundesligaspielzeit 2019/2020 erhalten – und das erneut ohne wirtschaftliche Auflagen und Bedingungen. Ein toller Erfolg für den Verein, ebenso wie natürlich der am letzten Spieltag festgezurrte Klassenerhalt.

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