Feministisches Couchgespräch in der Landesschau

Am Weltfrauentag 2021, dem feministischen Kampftag am 8. März, war ich in der Landesschau Rheinland-Pfalz eingeladen. Im „Couchgespräch“ mit Holger Wienpahl ging es unter anderem um meinen 05-Krimi „Vergiftete Hoffnung“ und meine Arbeit als Sportjournalistin, aber auch um mein Verständnis von Feminismus und wieso der für mich einen festen Platz im Fußball hat.

Die Kolleg*innen arbeiten dort nun schon seit vielen Monaten unter Corona-Bedingungen mit ungewohnten Abläufen und machen das wirklich famos. Special Shoutout an Annette Dany, die vom Vorgespräch über den Einspieler und die Betreuung vor Ort ganz wunderbar war.

Und natürlich herzlichen Dank für die Einladung!

1. FSV Mainz 05 Fußballfibel: Liebe ist ein Tuwort

Dieses Buch führt zu den Wurzeln des 1. FSV Mainz 05. Es erzählt Geschichten über Orte, die mit dem Verein bereist wurden, über Personen, die ihn geprägt haben und über Spiele, die die Fans nicht vergessen. Es sind Geschichten von Freude und Trauer, von Liebe und Freundschaft – und der tiefen Verbundenheit der Menschen mit einer Stadt, die ohne ihren FSV nicht komplett wäre.

Als wir dem Verlag im September 2019 die Zusage gaben, die Fußballfibel zum FSV Mainz 05 zu machen, saß Sandro Schwarz auf der Trainerbank, die Mannschaft hatte gerade zuhause Hertha BSC geschlagen und nach einem grauenhaften Start in die Saison schien es, als wäre das Schlimmste bald geschafft. Einige Probleme, mit denen der Verein zum Zeitpunkt der Abgabe im November 2020 kämpft, hatten sich da schon angedeutet, mit der Trainer-Entlassung wenig später waren sie brutal offensichtlich geworden. Bis dahin hatten wir uns die Zuversicht erhalten, es würde sich schon alles finden. So, wie es das bei Mainz 05 immer getan hat.

Die Neuerscheinungen der Fußballfibel zum Jahresbeginn. (Foto: CULTURCON)

Und mit „immer“ meinen wir natürlich: in den letzten 20 Jahren, in denen die unglaubliche Erfolgsgeschichte dieses Vereins geschrieben wurde. Denn auch wenn in der Saison 2020/21 die Stimmen lauter werden, die beklagen: „So schlimm stand es noch nie um Nullfünf!“, hat es schlechte und sehr schlechte Phasen, sportliches Gewürge und sich abwendende Fans immer wieder gegeben. Statt aber die letzten 20 Jahre als das Privileg zu begreifen, das sie sind – und Kraft daraus zu ziehen für den Weg durch dieses Tal – zerlegten sich die Beteiligten im und um den Verein in der jüngeren Vergangenheit in loser Reihenfolge selbst.

Wie soll man denn da eine Liebeserklärung schreiben? Ist eine Abrechnung nicht die bessere Alternative? Ein frustgeschwängertes Pamphlet, nach dem früher doch alles besser war? Wenn früher bedeutet vor Corona, war eines in Sachen Fußball tatsächlich besser, nämlich, dass wir ihn gemeinsam im Stadion erleben konnten. Die Krise schmerzt auch deshalb besonders, weil wir uns hilflos fühlen, nicht näher heranrücken können, zum Zusehen verdammt sind. Wir vermissen unseren Block, vermissen jene Menschen, mit denen wir die Spiele gemeinsam sehen, nach Abpfiff mit einem Bier in der Hand besprechen, mit denen wir Frust und Begeisterung teilen. Die Corona-Pandemie hat uns gezwungen, die Begegnung zu verlegen – statt in der Kurve haben wir uns auf Papier getroffen und diese Fibel geschrieben.

Herausgeber Oliver Heil und Herausgeberin Mara Pfeiffer (Foto: privat)

Viele haben wir dafür angesprochen, einige konnten in der aktuellen Situation ihre Muse nicht finden. Die meisten aber hatten Lust, sich auch und gerade jetzt mit dem Verein zu beschäftigen. Dem nachzuspüren, was sie einst zu Mainz 05 und ins Stadion gebracht hat, nachzudenken, wo Brüche waren, Menschen einen Text für die Fibel zu widmen, ohne die der Verein nicht da wäre, wo er ist – zwölf Spielzeiten hintereinander in der Ersten Liga, als einer von 18 Clubs im Oberhaus.

Wir haben Anhänger*innen aus dem Block gefragt und solche, mit denen wir vor Jahren das Fanzine DIE TORToUR geschrieben haben, wir haben Journalist*innen um Beiträge gebeten, die den FSV schon lange begleiten, haben Verantwortliche aus seinem direkten Umfeld angeschrieben und Menschen, die wir persönlich mit dem Verein verbinden. Dabei sind ganz unterschiedliche Beiträge herausgekommen, die uns in die Vergangenheit des Clubs führen, an Orte, die wir mit ihm bereist haben, zu Personen, die ihn geprägt und Spielen, die wir nicht vergessen haben. Als roter Faden schimmert durch die Texte eine unerschütterliche Zuneigung zum Verein.

Als wir im Corona-Frühling 2020 mit der Arbeit an der Fibel anfingen, waren wir uns nicht sicher, wie es mit Mainz 05 weitergehen würde in dieser herausfordernden Zeit. Die Frage können wir selbst jetzt, da das Buch erschienen ist, nicht beantworten. So viel aber ist gewiss: Wir werden den FSV weiter auf seinem Weg begleiten, wohin auch immer er führen mag. Weil wir gar nicht anders können. Liebe ist ein Tuwort.

Die Fibel ist erschienen bei Culturcon medien im Buchhandel sowie online erhältlich.

Mainz 05: Svensson als Schlüssel für eine neue Einheit

Lerby, Olsen, Arnesen, Hjulmand. Jede*r Fußballbegeisterte in Dänemark kann mit diesen Namen etwas anfangen – es sind die dänischen Trainer, die es auf mindestens ein Spiel als Chefcoach in der deutschen Fußballbundesliga gebracht haben. Nun ist es Bo Svensson, der als fünfter Däne gerade bei Mainz 05 diese Position übernimmt. Eine von vielen Klammern bei der Pressekonferenz, in der die Verantwortlichen den neuen Trainer vorstellten. Svenssons durchaus emotionale Reaktion auf die Fragen seines Landsmannes Søren Lissner (Politiken) zeigt indes, welche Bedeutung der liebevoll-stolze Blick aus der Heimat für den neuen Chefcoach des Tabellen-Siebzehnten hat.

Gut gelaunt und motiviert: Bo Svensson bei der PK am Dienstag. (Foto: Screenshot/Mainz 05)

Eine zweite Klammer sind die Trainer, unter denen Bo Svensson hier gespielt hat. Der Balanceakt zwischen dem nachvollziehbaren Blick zurück, welcher gerade aus den Fragen der Presse folgt, und dem notwendigen Blick nach vorn gelingt Svensson dabei gut. Natürlich habe er von allen Trainern etwas mitgenommen: Jürgen Klopp und Thomas Tuchel hätten in ihm, der nach der Profikarriere durchaus auch satt war vom Fußball, Lust auf den Trainerjob geweckt. Christian Heidel, mit dem er gegen Karriereende regelmäßig auf der Bank gefachsimpelt hat, habe ebenfalls einen Anteil daran. Martin Schmidt hat Svensson als Spieler erlebt und war sein Co in dessen erster Halbserie als 05-Profitrainer. Auch Kasper Hjulmand, von dem Schmidt bekanntlich übernahm, erwähnt Svensson stets: Bei ihm hat er als Assistent im Trainerteam erste Schritte gewagt.

Dänische Trainer in der 1. Bundesliga

Als sein Telefon an Heilig Abend Heidels Nummer zeigte, habe er zwei und zwei zusammenzählen können, sagt Svensson. Die Aufgabe reizt den Dänen, der Mainz als Verein und Stadt im Herzen trägt – seine Familie ist hiergeblieben, als er zum FC Liefering in die zweite österreichische Liga wechselte. „Es ist eine besondere Entscheidung für mich.“ Und eine mit Tragweite, denn Heidel macht deutlich, wie elementar Svenssons Ja auch für sein eigenes war. „Ich habe immer gesagt, der Trainer ist die wichtigste Person im Club“, betont er, und: „Bo Svensson müssen wir Mainz 05 nicht erklären.“ Man wolle mit ihm ein neues Projekt bei Mainz 05 starten, davon zeuge der langfristige Vertrag (3,5 Jahre) mit Gültigkeit in beiden Ligen.

„Bo ein wichtiger Mosaikstein.“ (Foto: Screenshot/Mainz 05)

Überhaupt, Christian Heidel. Ebenfalls einer, der Balance sucht – und sie findet in diesen ersten Auftritten nach der Rückkehr zu seinem Verein. Natürlich erklärt er die Entscheidung pro Bo, gibt aber auch Sportdirektor Martin Schmidt Raum, um Themen zu behandeln. Er besinnt sich und die Zuschauer*innen auf den Mainzer Weg, Trainer zu berufen, denen man die Bundesliga zutraut und ihnen Gelegenheit zu geben, sich zu entfalten. Er baut Brücken aus der Vergangenheit ins Jetzt und lässt Svensson und Schmidt als wesentliche Akteure diese Brücken aus dem Jetzt in die Zukunft entwerfen. All das macht er gelassen – und gut. Es ist richtig, festzuhalten, Fußball wird auf dem Platz gespielt und wie die Veränderungen der letzten Wochen dort ankommen, muss sich erst noch weisen. Es ist aber ebenso wichtig, aufzuzeigen, wie gut die Balance dieser neuen, alten Akteure untereinander ist und wie erkennbar sie an einem Strang ziehen, in eine Richtung miteinander losmarschieren. In und mit dieser Einheit kann viel bewegt werden.

Wir wollen mit Bo Svensson ein neues Projekt bei Mainz 05 starten.

Christian Heidel, Vorstand Strategie, Sport, Kommunikation

Dazu wird auch gehören, die Fehlerkultur zurückkehren zu lassen. Wer Trainer beruft, die in ihrer Entwicklung am Anfang stehen, muss bisweilen Geduld haben – und sie seinem Umfeld beibringen. Man stelle sich nur mal vor, wie Christian Heidel reagiert hätte auf den oft hässlichen Umgang, den etliche Fans hier mit Sandro Schwarz pflegten, der bereits für all das stand, was nun auch Svensson verkörpert. Wobei das keine Schuldzuweisung an die damals Handelnden ist, mehr ein Fingerzeig auf die ungute Gemengelage, in der Schwarz Trainer wurde, ein letztes Bedauern über den Gang der Dinge seinerzeit, aber auch der Hinweis: Dies ist die zweite Chance mit einer Idee, die zu dem Zeitpunkt durchaus schon eine ähnliche war. Nur dass offenbar niemand diese Ideen in Mainz so gut verkaufen kann wie Christian Heidel. Man muss das so sagen: Der Mann könnte in der Helau-Hochburg vermutlich Alaaf-Buttons anbieten und sie würden ein Renner. Ein Phänomen.

„Wir gucken, wo wir intern diese (Falkenmayers) Qualität zuführen können.“ (Foto: Screenshot/Mainz 05)

Bo Svensson jedenfalls, der seinen Co Babak Keyhanfar mit zurück nach Mainz bringt (Michael Falkenmayer wird zunächst freigestellt), sagt in wohltuender Ruhe die richtigen Dinge. Es gehe in dieser Lage um kurzfristige Erfolge, na klar. Es gehe aber auch um eine langfristige Strategie, um ein Konzept für Spiel und Verein. „Ich stehe für die Mainzer Tugenden“, dieser Satz geht Svensson ebenso selbstverständlich über die Lippen wie der, dass NLZ und Profis unter seiner Ägide noch enger verzahnt werden sollen. Er spricht vom notwendigen Respekt, vom Durchgreifen, davon, wie wichtig es sei, als Team geschlossen aufzutreten und zugleich Spieler individuell zu betrachten. „Wir müssen knallhart daran arbeiten, das Ding zu drehen“, aber: „Auf unsere Art und Weise.“

Der Weg, der vor dem Verein samt seinem Umfeld liegt, wird nicht einfacher dadurch, dass die drei Verantwortlichen auf dem Podium kluge Dinge sagen. Aber er wird klarer. Und klar ist auch, dass dieses Trio sich komplett einig ist darin, wie dieser Weg auszusehen hat. Kurzfristig ebenso wie als langfristige Strategie. Für diese Strategie ist Svensson als Trainer der Schlüssel. Es ist deshalb eine verdammt gute Nachricht, dass er zurück ist bei Mainz 05.

Mainz 05: Vorwärts zu den Wurzeln

Mit Aufbruchsstimmung allein wird Mainz 05 die Klasse nicht halten – das weiß natürlich auch Christian Heidel. Aber ohne die richtige Stimmung, ohne Zusammenhalt, ist in einem solchen Verein wenig zu holen. Deshalb ist es nicht überraschend, dass der neue Vorstand Strategie, Sport und Kommunikation bei der gemeinsamen Antrittspressekonferenz mit Sportdirektor Martin Schmidt sehr viel über die Stimmung im Umfeld des Vereins spricht. Wer Heidel dabei zuhört, fühlt sich automatisch erinnert an frühere emotionale Ansprachen des Mainzers. Das weiß natürlich auch der neue, alte Vereinsverantwortliche und es dürfte zugleich Fluch und Segen für ihn sein.

Er ist wieder da: Christian Heidel ist zurück in sportlicher Verantwortung bei Mainz 05.

Fluch vor allem, wenn die Mission nicht gelingen sollte – wobei damit nicht in erster Linie der Klassenerhalt gemeint ist, sondern das wichtige Vorhaben, die Stadt wieder hinter den Verein zu bekommen. Segen eindeutig für den Moment, denn die warme Welle, die Heidels Auftritt auslöste, war in den sozialen Medien, die doch so lange sehr unversöhnlich waren im Umgang mit Verein und Verantwortlichen, deutlich spürbar. Diesen positiven Schwung zu nutzen birgt eine Chance, die vermutlich nur Christian Heidel dem Verein geben kann.

Das merkwürdigste Weihnachtsfest

Doch der Reihe nach. Vereinsvorsitzender Stefan Hofmann, der bei der PK nicht zugegen war, und Aufsichtsratsvorsitzender Detlev Höhne, mit Heidel und Schmidt auf dem Podium, haben am 11. Dezember Kontakt zum ehemaligen 05-Manager aufgenommen. Es folgte die Einigung unter der bereits berichteten Prämisse, dass alle in Aufsichtsrat und Vorstand hinter der Idee stehen und Rouven Schröder im Amt bleibt. Die Wertschätzung für Schröder betont Heidel mehrfach und sagt, er sei überrascht gewesen von dessen Rückzug. Beide, Heidel und Schmidt, bestätigen auch erneut, es solle vorübergehend eine weitere Zusammenarbeit mit Schröder geben. Es dürfte aber im Interesse aller Beteiligten sein, die nicht ewig in die Länge zu ziehen.

Als klar ist, dass Rouven Schröder den Verein verlassen wird, bittet Heidel um Bedenkzeit für seine eigene Rolle, die der Aufsichtsrat nun doch in der vollen sportlichen Verantwortung sieht. „Es war vielleicht das merkwürdigste Weihnachtsfest, was ich jemals erlebt habe“, gewährt Heidel Einblick in seine Gefühlswelt. Da ist zum einen die Corona-bedingte Distanz zu weiten Teilen der Familie. Da ist zum anderen der erhebliche Druck, eine Entscheidung zu treffen, die gut ist für alle: Mainz 05, ihn selbst, seine Familie – Heidels Frau und die kleine Tochter haben ihren Lebensmittelpunkt in Spanien, die großen Kinder und seine Eltern leben in Mainz. Es sei nicht angenehm gewesen, so Heidel, und er habe diese Zeit gebraucht. Am 24. Dezember spricht er zum ersten Mal mit Schmidt, von dem er weiß, er trägt sich schon länger mit der Idee einer beruflichen Veränderung weg vom Trainerposten. Die alte Vertrautheit ermöglicht es den beiden, sich auch telefonisch darüber zu verständigen: Wir machen das. Gemeinsam.

Martin Schmidt: Eine Herzensmotivation, zum Verein zurückzukehren. (Fotos: Screenshots Mainz 05)

Es sei ein Gefühl wie nach Hause zu kommen, erklärt Heidel. „Ich habe mich vorher gefragt, wie werde ich mich fühlen und ich muss sagen, ich fühle mich gut.“ Martin Schmidt betont, er verspüre eine sehr große Dankbarkeit. „Eine Herzensmotivation, hierher zurückzukommen. Ich habe Mainz 05 sehr viel zu verdanken.“ Nun wolle er Stadt und Verein gern etwas zurückgeben. Als Motto ruft Schmidt passend „Vorwärts zu den Wurzeln“ aus und erklärt, Mainz solle wieder ein Trainerverein werden. Heidel betont, die Entscheidung, Jan-Moritz Lichte zu beurlauben, habe man sich nicht leichtgemacht. Der Wunsch, die weitere Saison mit einem neuen Trainer zu bestreiten, sei aber klar gewesen – und damit verbunden schnell das Gefühl, es wäre nicht fair, Lichte ausgerechnet noch in die Partie gegen Bayern München zu schicken.

„Wir sind uns der Schwere der Aufgabe bewusst“

Die Euphorie der beiden ist während ihres kompletten Auftritts spürbar, deutlich wird aber auch, sie gehen sehr realistisch an die heikle Mission. „Wir sind uns natürlich der Schwere der Aufgabe bewusst“, sagt Heidel, der von einer „Herkulesaufgabe“ spricht. Die Konstellation ist klar: Es wäre unseriös, die Gefahr des Abstieges nicht zu thematisieren, mit der zweiten Liga wird sich dennoch niemand beschäftigen, so lange sie keine Realität ist. Sollte es so kommen, wäre auch das für Mainz normal und man müsse dann eben die Kräfte bündeln für den nächsten Angriff, verdeutlicht der Sportvorstand. So sei das nun mal in Mainz.

Warum diese Wahrheit aus dem Munde von Christian Heidel für die Menschen offenbar einen anderen Klang bekommt und sie die Worte von ihm annehmen können, mag als Fragestellung müßig erscheinen. Es ist aber tatsächlich ein Thema, das Heidel künftig noch beschäftigen wird, denn das Wort „Strategie“ in seiner Aufgabenbeschreibung steht da nicht zum Spaß. Bedeutet, der einstige Macher möchte den Verein nicht nur für den Moment in die Spur zurückkriegen, sondern bei seinem erneuten Abschied, wann auch immer das sein wird, gut bestellt hinterlassen. Dazu wird dann gehören, dass Verantwortliche neben ihm existieren, denen man ebenso Glauben und Vertrauen schenkt wie ihm – und sein Abschied nicht ein Kartenhaus zum Einsturz bringt.

Ich würde mir wünschen, dass jeder unter seiner Kritik schreibt, Mainz 05 ist mein Verein. (…) Wenn das in meinem Herzen ist, kann ich es doch nicht ablegen.

Christian Heidel, Vorstand Strategie, Sport & Kommunikation

Zugleich wehrte sich der Mainzer gegen den Eindruck, er habe bei Mainz 05 in seiner ersten Ära bis zuletzt alle Fäden alleine in der Hand halten wollen. Das Thema Neustrukturierung habe er vielmehr maßgeblich mit angeschoben – die Älteren unter uns werden sich erinnern, diese war selbstverständlich auch schon zu seinen Zeiten Thema. Ob oder aus welchen Gründen sie nicht konsequent genug zur Umsetzung kam oder ob letztlich einfach der Abschied zu schnell erfolgte, das zu klären ist tatsächlich müßig. Klar ist, die Bruchstellen aus dieser Phase sind es letztlich, mit denen der Verein seither zu kämpfen hat. Dessen ist sich auch Heidel bewusst, der den Schritt zurück in die Verantwortung wohlüberlegt und mit Überzeugung geht. Wie gut es auch für ihn persönlich funktionieren wird, innerhalb der neuen Strukturen zu arbeiten, muss die Zukunft zeigen, einen Vertrauten wie Schmidt an seiner Seite zu haben, ist sicher hilfreich.

In diese Verantwortung bezieht Heidel aber, hier schließt sich der Kreis, deutlich das Umfeld des Vereins mit ein. Er sei niemand, der ständig in den sozialen Netzwerken unterwegs sei, habe sich aber ein Bild von der Stimmung machen wollen. Was er da vorfand, habe ihn schockiert. „Ich habe lesen müssen, dass es bis tief ins Persönliche geht, es Beleidigungen, Verunglimpfungen sind. Und so blöd es klingt, das war mit ein Grund, warum ich kommen möchte.“ Seine Botschaft: „Das geht hier nur gemeinsam.“ Natürlich ist auch die nicht neu und, siehe oben, es wird eine seiner Aufgaben sein, mit daran zu arbeiten, dass diese Stadt sie nicht nur von ihm annimmt.

Für den Moment aber ist es genug, dass die Worte überhaupt wieder Anklang finden in einem sehr schwierig gewordenen Umfeld. Heidel selbst weiß am besten, dass in seiner ersten Zeit bei Mainz 05 nicht immer alles golden war und er geht bei der PK offen damit um, dass es schwierige Zeiten gab und natürlich Fehler gemacht wurden. Es ist wichtig für alle Beteiligten, diesen Teil der Realität nicht auszublenden: Nostalgie oder Naivität wären fatal. Es ist deshalb wohltuend zu erleben, dass der neue, alte Macher diesen Gefahren augenscheinlich nicht erliegt. Hinzu kommt: Heidel kehrt zurück mit den Erfahrungen seiner Zeit auf Schalke, mit dem Warnschuss, den er gesundheitlich erlebt hat und mit einem Abstand von mehreren Jahren. Er hat die seltene Gelegenheit, mit einem neuen Blick auf die Situation Dinge anders zu machen und sich zugleich das zu erhalten, was immer bestens funktioniert hat: seine Verbindung mit den Menschen in dieser Region.

Das birgt unendliche Fallhöhen und Risiken, die in den letzten Tagen zurecht hoch und runter besprochen wurden und derer man sich bewusst sein muss. Es birgt aber auch eine magische Chance. Schließlich ist Christian Heidel zurück in der Hauptstadt der Fußballwunder. Bei einem Verein, der immer einmal mehr aufsteht, als er hingefallen ist. Willkommen Zuhause.

Mainz 05: Die nächste peinliche Vorstellung

Bei den Überlegungen, wie man den 1. FSV Mainz 05 (wieder einmal) neu aufstellen kann, ist den Verantwortlichen des Vereins speziell im Aufsichtsrat offenbar lediglich eine Sache eingefallen: Zurück in die Zukunft. Das hieß entsprechend, für das hinter verschlossenen Türen schon länger diskutierte „Projekt 2030“ (…) Christian Heidel um Mithilfe zu bitten.

Detlev Höhne sucht Erklärungen. (Screenshot: PK Mainz 05)

Auch wenn Aufsichtsratschef Detlev Höhne (li.) und Vorstandsvorsitzender Stefan Hofmann bei der kurzfristig anberaumten Pressekonferenz am Dienstagabend erkennbar bemüht waren, zu versichern, es sei dabei um einen vierten Vorstandsposten gegangen, der in keinerlei Konkurrenz zu dem bisherigen Sportvorstand Rouven Schröder gestanden hätte: Dem ist das Ganze zuletzt offenbar zu blöd geworden. Anders lässt sich kaum erklären, warum Schröder um eine vorzeitige Auflösung seines Vertrages gebeten hat. Denn dass jener Schröder den von ihm über Jahre gelebten Verein in einer Situation wie der gegenwärtigen verlässt, ist eine derart abwegige Nummer, dass Druck und Frust enorm gewesen sein müssen.

Detlev Höhne und Stefan Hofmann sprachen in besagter PK von der wirtschaftlich und sportlich schwierigen Lage des Vereins. Das eigentliche Dilemma, nämlich der komplette Verlust einer Vereinsidentität in den vergangenen Jahren, war gar kein Thema, was vermuten lässt, diese Problematik ist den handelnden Personen nach wie vor überhaupt nicht bewusst. Und auch nicht, wie intensiv gerade an einem Standort wie Mainz das eine mit dem anderen zusammenhängt. Nach Sandro Schwarz verheizt dieser Club, verheizt dieses Umfeld binnen gut eines Jahres die zweite Person, die den Verein mit jeder Faser gelebt hat. Und letztlich ist diese zweite Trennung in gewisser Weise auch eine Spätfolge der ersten im November 2019.

Natürlich lässt sich an beiden, Schröder und Schwarz, Kritik äußern, man muss nicht mit allem einverstanden sein, was sie angefasst haben und ja, es sind auch Fehler passiert. Von all den Schritten aber, die der Verein nach dem Abschied von Heidel unternommen hat, waren diese Personalien die mit dem größten Potential. Zumal bei Schröder zuletzt sehr deutlich erkennbar war, dass er aus komplizierten Situationen und diskutablen Entscheidungen der unmittelbaren Vergangenheit, zum Beispiel in Sachen Kader, Lehren gezogen hat, die nur unter Corona nicht so schnell umsetzbar waren, wie er das gewollt hätte.

Wie es an einem Standort wie Mainz, einst Insel der Glückseligkeit, möglich geworden ist, einen sportlich Verantwortlichen, der mehrere Abwerbeversuche abgewehrt hat, in der öffentlichen Wahrnehmung so negativ dastehen zu lassen, gehört zu den Geheimnissen, die dieser Club in den letzten Jahren angehäuft hat. Kein einziges Problem ist mit diesem Schritt jetzt gelöst, ganz im Gegenteil. Und was als nächstes passiert, steht vollkommen in den Sternen.

Die Pressekonferenz hat in ihrer kläglichen Hilflosigkeit an ähnliche öffentliche Auftritte der letzten Zeit angeknüpft. Zusammengefasst weiß gerade niemand, wie es weitergehen soll, alle hoffen ein bisschen auf Christian Heidel, dessen künftige Rolle aber auch völlig unklar ist, den Trainerposten möchte man natürlich nicht anfassen, bevor die sportliche Verantwortung nicht geklärt ist und wie es mit dieser verunsicherten Mannschaft nach dem nächsten Paukenschlag weitergehen soll: Nichts Genaues weiß man nicht. Was für ein Armutszeugnis.

Man muss das so deutlich sagen, mit Rouven Schröder verlässt der Mensch den Verein, der ihn in den letzten Jahren am intensivsten gelebt hat. Dieser Moment ist der letzte Beweis dafür, dass im Umfeld von Mainz 05 offenbar niemand eine Chance bekommt, der nicht Christian Heidel heißt. Jener hätte heute als Neuzugang in sportlicher Verantwortung selbst keine Chance mehr: „Der Autoverkäufer passt nicht zu uns“, würden die Expert*innen ins Internet schreiben und irgendwem nachheulen, der irgendwann vorher mal da war.

Es bleibt dabei, dass dieser Verein nach dem Abgang von Christian Heidel neue Strukturen brauchte. Das Chaos in den Jahren seither liegt auch darin begründet, dass in seiner Zeit alles an einer Person hing – so lässt sich heute kein Verein mehr führen. Strukturen allein sind aber keine Lösung, sie müssen auch mit den richtigen Personen gefüllt werden. Das hat Mainz 05 unterm Strich bis heute nicht geschafft. Die Aussichten sind sehr düster und wenn die Verantwortlichen immer noch glauben, der drohende Abstieg sei ihr größtes Problem, gilt das umso mehr.