Die Woche am Bruchweg (23/20): Fleißige Dauerläufer

Jeder Sieg ist – genau wie jede Niederlage – eine Mannschaftsleistung. Und wer das Spiel der Mainzer gegen Eintracht Frankfurt gesehen hat, konnte sich davon überzeugen, denn da stand endlich mal wieder ein Team auf dem Platz. Dessen Breitwilligkeit, den Kampf anzunehmen, drückte sich schon allein in der Körperhaltung, daneben aber vor allem in der stark verbesserten Laufleistung aus. Der Trend war gegen Hoffenheim schon zu erkennen gewesen, als die 05er 113,55 Kilometer marschierten – zuvor waren es gegen Union Berlin lediglich 109,86 und gegen Leipzig gar nur 107,29 Kilometer. Danny Latza marschierte als Kapitän voran und riss nebenbei die meisten Kilometer (11,87), Mwene arbeitet auf der Außenbahn fleißig (#2 mit 11,16 Kilometern) und Moussa Niakhaté verzauberte mit einem Nikolče-Noveski-Gedächtnistor.

Mittendrin: Daniel Brosinski (#3 mit 10,65 Kilometern), zum ersten Mal seit dem 23. Spieltag von Anfang an dabei (und zum ersten Mal seit dem 22. über 90 Minuten). Für mich an diesem Tag der absolute Unterschiedsspieler im Team, der mit Fleiß und Leidenschaft nicht nur seine Abwehr dirigierte, sondern alle anderen wie an unsichtbaren Fäden mitzog. Als Sonntagslektüre krame ich deshalb meine Brosinski-Würdigung aus der Neuauflage der „111 Gründe, Mainz 05 zu lieben“ hervor. Viel Vergnügen.

#117 Weil Daniel Brosinski hier die Stimmung macht

Es gibt diese Spieler, die bei Fans lange Zeit unter dem Radar fliegen. Bis irgendwann auch die Letzten kapiert haben, wie wichtig sie für den Verein sind, winkt den entsprechenden Kickern schon fast die Rente und die Verliebtheit trägt so bereits eine Ahnung von Abschiedsschmerz in sich. So ein Spieler ist Daniel Brosinski. Im Sommer 2014 von Fürth an den Rhein gewechselt, gehört er in der aktuellen Generation der 05er mit seinen Anfang 30 schon zum alten Eisen.

Zwischendurch schien es gar, als könne der gebürtige Karlsruher seine beste Zeit in Mainz bereits hinter sich haben, bis er sich als derart variabler Spieler entpuppte, dass er plötzlich außer in Tor und Sturm auf quasi jeder Position der logische erste Ersatz- oder Wechselkandidat wurde. Noch entscheidender als seine spielerische Flexibilität ist aber die mentale Bereitschaft, immer genau das zu tun, was der Mannschaft am meisten nutzt – ganz unabhängig von eigenen Vorlieben oder Interessen.

Daniel Brosinski nach dem Spiel gegen die Eintracht. (Foto: TV/WP)

Diese Bereitschaft hat Brosinski nicht zwangsläufig und unter Druck entwickelt, sondern, so scheint es, aus voller Überzeugung. Die zweimalige Vertragsverlängerung binnen kürzester Zeit bis aktuell 2020 war insofern nicht nur konsequent, sondern ein wichtiges Signal: Brosi steht für Mainz 05 und der Verein steht zu Brosi – und wäre blöd, ihn eben nicht zu binden.

Seine Rolle auf dem Platz füllt Daniel Brosinski längst nicht nur spielerisch aus, sondern mit seiner ganzen Persönlichkeit und Reife. Der Ärger über vergeigte Spieltage, diese absolute Bereitschaft, den Bock umzustoßen, der Wunsch, über sämtliche Grenzen zu gehen, um den so wichtigen Sieg einzufahren, die Leidenschaft für sein Team und unser aller Herzensverein, all das strömt Daniel Brosinski aus jeder Pore, wenn er auf dem Platz steht.

Und weil weder einer alleine noch die Elf auf dem Platz ohne entsprechenden Rückenwind die Gegner mit purer Willenskraft aus dem Stadion fegen kann, wird Brosinski nicht müde, bei engen Partien die Fans zu animieren. Beispielhaft beobachten ließ sich das einst im Abstiegskampf der Saison 2016/2017 beim Heimspiel im April 2017 gegen die Berliner Hertha.

Zugegeben, auf der Hintertortribüne war der eine oder die andere erst fast erschrocken, als die Nummer 18 unterwegs zum Eckstoß plötzlich mit wild entschlossenem Gesichtsausdruck die Arme in die Luft riss und in Richtung Fans brüllte. Aber besser vom Hocker gefallen, als einfach nur sitzen geblieben – und bei seinem zweiten Antritt dieser Art sprangen die ersten Fans schon klatschend von den Sitzen, als Brosi sich nur in ihre Richtung wendete.

Denke, man hat gesehen, dass wir unbedingt den Dreier heute wollten und wir haben uns in alles reingeworfen. (…) Genau so geht’s im Abstiegskampf. Gras fressen. Laufen bis zum Ende. In jeden Zweikampf reinwerfen, wenn es sein muss auch lange Bälle spielen. Wenn das das Rezept zum Klassenerhalt ist, dann spielen wir das jetzt die letzten Spiele weiter.

Daniel Brosinski

Besonders schön ließ sich der emotionale Funke, den er ins Publikum springen ließ, bei den Jüngsten im Stadion beobachten. Im Block F erleben regelmäßig Mitglieder des KidsClubs die Spiele, an jenem Wochenende waren 50 von ihnen da, um das Team zum Sieg zu schreien. Wann immer Brosinski sich dem Block näherte, hüpften die Dötze von ihren Sitzschalen, johlten und jubelten ihm zu. Und als ein Vater, der später zum Spiel eintraf, seinen Sohn fragte, wer denn der Spieler sei und wieso das Kind ihm winke, antwortete dieser strahlend: „Das ist der Daniel Brosinski. Der macht hier die Stimmung.“ Und nicht nur das.

Natürlich liest sich die Würdigung aktuell mit einem fiesen Stechen in der Herzgegend, eben weil der beschriebene Kontakt mit den Fans nicht möglich ist. Dennoch war es ein ganz wichtiger Sieg und die Erleichterung darüber ist zwar nicht mit den Gefühlen zu vergleichen, auf deren Wogen Fans gestern in einer anderen Situation aus dem Stadion nach Hause geglitten wären. Aber sie ist da. Abzusteigen wäre in der aktuellen Situation doppelt fatal und der Sieg gegen Frankfurt könnte, zusammen mit den Ergebnissen vom Sonntag, den direkten Abstieg vereitelt haben.

Ein Sonderlob nach dieser Partie gilt außerdem Kunde Malong. Nicht nur für das wunderbare Tor zum 2:0 sondern auch, weil er danach ein wichtiges Zeichen setze in diesen aufgewühlten Zeiten. Rassismus ist keine Meinung, wer sich gegen Rassismus einsetzt, macht keine Politik, sondern ist einfach nur ein Mensch mit Herz und Verstand.

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