Nostalgie trifft Vorfreude (3): Der heilige Schuh

Als ich an diesem Spieltag meine Wohnungstür öffne, steht der Zwerg mit heftig in die Falten geworfener Stirn im Hausflur und sagt, den Finger anklagend auf seinen Cousin gerichtet: „Der Sebi ist für die Eintracht!“ Knapp fünf Jahre ist mein Neffe alt und muss feststellen, rein fußballerisch betrachtet hat sich der Feind bis in unsere Familie hineingewagt… Ich zupfe an seinem Trikot, in das er langsam aber sicher hereingewachsen ist: „Das tut mir leid für den Sebi, vor allem, weil wir ihn und seine Eintracht gleich haushoch aus dem Stadion fegen.“ Mein großer Neffe lacht, während wir uns zur Begrüßung umarmen, Jakob aber irritiert sein neues Wissen. „Und wenn ich jetzt auch für die Eintracht bin?“, erkundigt er sich. „Dann nehmen wir dich nicht mit“, scherze ich; Fußballerziehung verträgt kleine Drohgebärden. Jakob beeilt sich zu sagen: „Ich mach doch nur Quatsch. Wir sind Mainzer.“ Und dabei schlingt er seine kleinen Ärmchen um meine Beine und strahlt zu mir herauf. Auf dem Weg zum Stadion fällt Jakob eine weitere Besonderheit auf – fast alle Fans im Bus tragen ihre Trikots, sein Cousin aber ein normales T-Shirt. „Hat der Sebi denn kein Trikot?“, wundert er sich. „Doch, aber das darf er bei uns im Block nicht anziehen.“ Der Zwerg macht große Augen. „Das ist verboten?“ „Ja.“ „Aber meins nicht, gell?“, versichert er sich. „Nein, aber du trägst ja auch das richtige Trikot.“ Zart befühlt Jakob da das Mainz 05-Emblem, und als er den Blick des Großen sucht und findet, liegt kindliche Genugtuung darin.

Der Mann mit dem heiligen Schuh. (Foto: Michael Kranewitter, Wikimedia Commons, CC-by-sa 4.0)

Der Mann mit dem heiligen Schuh. (Foto: Michael Kranewitter, Wikimedia Commons, CC-by-sa 4.0)

Die Atmosphäre im Stadion ist sensationell. Vielleicht ist es, bei aller Abneigung gegen den inflationären Gebrauch dieses Begriffs, tatsächlich eine Art Derby-Fieber, vielleicht auch das gute Wetter, aber die Luft knistert definitiv. Jakob sitzt im Q-Block direkt vorne am Gitter auf dem Geländer und saugt alles in sich auf. „Heute ist mein erstes ganzes Spiel“, erklärt er Sebi – bei seinem ersten Besuch im Stadion waren wir mit nur einer Halbzeit eingestiegen – und ist ein wenig eifersüchtig, als der erklärt, er sei schon öfter für ganze Spiele hier gewesen. „Und immer haben die Mainzer verloren“, grinst er. „Heute nicht“, sagt Jakob gelassen voraus. Als die Choreografie über unsere Köpfe hinwegrauscht werden die Augen des Zwergs so groß und rund wie Wagenräder. Als „You’ll never walk alone“ erklingt, beschwert er sich lautstark darüber, keinen eigenen Schal zu haben. Und als das erste Tor fällt, bekommt er es nicht mit, weil er gerade staunend die Menschen im Block beobachtet und dem Spielfeld seinen Rücken zugewandt hat. In den Jubel fällt er natürlich trotzdem mit ein, hüpft auf dem Geländer auf und ab, klatscht erst mich ab und dann den etwas unwilligen Sebi. „Mist“, murmelt der.

„Wer ist der Mann mit dem gelben T-Shirt?“ „Das ist der Schiedsrichter.“ „Und wieso haben die Schiedsrichter da draußen Fahnen in der Hand?“ „Das sind die Linienrichter.“ „Wer sind die Kinder mit den Bällen?“ „Balljungen.“ Eine Frage jagt die nächste und es ist verrückt, wie viel der kleine Mann wahrnimmt, was er alles wissen will und wie die neuen Informationen in seinem Kopf zusammengesetzt und weiterverarbeitet werden. Der Große beobachtet das Spiel mit zunehmender Sorge, ich behalte mit demselben Gefühl ein paar Fans in unserem Rücken im Auge, die Umstehende schubsen und bepöbeln. Als das vermeintliche 2:0 als Abseitstor aberkannt wird, boxt sich einer von ihnen durch die Menge, klettert einen halben Meter neben dem Zwerg am Absperrgitter hoch, schüttelt und brüllt. Ich beuge mich zu Jakob. „Alles okay?“ Sein Blick hängt am Spiel, den Zaunaffen scheint er nicht wahrzunehmen, geschweige denn, dass ihm die Situation Angst macht. Stattdessen fällt er mir Minuten später zum tatsächlichen 2:0 um den Hals und lacht sich kringelig über den leidenden Gesichtsausdruck seines Cousins.

„Wieso muss der Mann gehen?“ In der 43. Minute erlebt der Kleine seine erste rote Karte. „Weil er einem anderen Spieler wehgetan hat.“ Jakob überlegt und ich kann beinahe sehen, wie hinter seiner Stirn die Parade von Spielern abläuft, die heute bereits die Wiese geküsst haben. „Das machen die aber doch dauernd“, stellt er erwartungsgemäß fest. „Aber diesmal war es besonders schlimm.“ Die Erklärung stellt ihn zufrieden, zumal bereits erneut Grund zum Jubeln besteht und dafür, Sebi auszulachen – es steht 3:0. Der Große schlägt sich wacker angesichts seiner sich in ihre Bestandteile auflösenden Mannschaft. Die zweite Halbzeit – ereignislos. Umso ereignisreicher die Minuten nach dem Spiel, als die komplette Mannschaft auf den Zaun beordert wird, samt Manager und Präsidenten. Jakobs Augen gehen von rund auf kugelrund. „Was machen die denn da“, wispert er, es klingt ein wenig ehrfürchtig. „Die wollen den tollen Sieg mit uns feiern. Und sich bedanken, weil wir dabei geholfen haben.“ „Wir?“ „Na klar, wir haben sie doch angefeuert.“ Die Idee scheint dem Zwerg zu gefallen, er strahlt. „Schau mal Jakob“, ist es nun an mir zu flüstern – denn inzwischen ist Ivanschitz direkt vor unserer Nase auf den Zaun geklettert. „Was“, wispert er aufgeregt zurück. Ich deute auf Ivanschitz’ Fuß. „Mit dem hier hat er das 1:0 geschossen.“ Der Zwerg zögert nur einen kurzen Moment. Dann streckt er die Hand aus – und berührt für einen kurzen, unvergesslichen Moment den heiligen Schuh.

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