Die Woche am Bruchweg (15/20): Abstand halten

Zu Beginn der Runde, die Mainz 05 den Medienvertreter*innen an diesem Mittwoch via Skype anbietet, klingt Achim Beierlorzer tatsächlich ein bisschen, als kehre er gerade aus dem Urlaub zurück. Er habe die Tage mit der Familie genossen, erzählt der Trainer, Zeit mit seinen jüngeren Kindern (17 & 22) verbracht, sich um den Garten gekümmert. Aber natürlich hatte er auch zu tun und da der alte „Lehrerschreibtisch“ quasi mit der Verbeamtung aufgelöst worden ist, musste er innerfamiliär den seiner Frau anmieten.

Trainiert nun wieder ohne seinen Nachwuchs: Jeremiah St. Juste. (Foto: Mainz 05)

Es sei im Trainerteam darum gegangen, die Spieler zu beschäftigen, sie auch in dieser ungewohnten Situation weiterzuentwickeln. Aber eine „Vorbereitung auf das, was vielleicht kommt“ sei weder im Homeoffice noch nun zurück auf dem Platz möglich: „Zu unsicher.“ Was das Geschehen im Training, das die 05er in enger Absprache mit den Gesundheitsbehörden am Dienstag wiederaufgenommen haben, angeht, ist Beierlorzer ganz offen: „Das ist kein direktes Fußballtraining.“ Die gemeinsame Bewegung, an der frischen Luft zu sein und natürlich wieder mit dem Ball zu arbeiten – um solche Dinge geht es aktuell.

Auch der leiseste Anflug von, oh, ich fühle mich heute nicht so gut, muss dazu führen, dass der Spieler daheim bleibt.

Achim Beierlorzer

Damit ein gemeinsames Training jetzt überhaupt möglich ist, folgt der Club strengen Auflagen. „Entscheidend ist die Distanz“, betont Beierlorzer. Die soll immer zwei Meter betragen, weshalb die Akteure bei der Auftaktrunde „mehr als eine Armspanne“ auseinanderstehen. Kopfbälle sind verboten, die Spieler fassen die Bälle nicht an, das Trainerteam trägt Handschuhe, wenn es Geräte berührt. Von Vorteil sind die aneinandergrenzenden Plätze, die insgesamt mehr Raum bieten für die Übungen. Die wieder gemeinsam durchführen zu können, empfindet der Coach als richtige Entscheidung, schließlich sei Fußball ihr aller Beruf. In den Kabinen der Jugendteams sind die Spieler zu sechst beisammen, auch da „mit großem Abstand“, geduscht wird nach der täglichen Einheit (jeweils um 15 Uhr) erst in den eigenen Wohnungen. „Hätten wir eine Hallensportart, wären wir weiter zuhause“, ist Beierlorzer sicher.

Körperlich auf Abstand, kommunikativ ganz nah: Coach Beierlorzer. (Foto: Mainz 05)

Apropos Zuhause, in die Wohn- und Lebenssituationen der Spieler hat er in den letzten Wochen ungewöhnliche Einblicke bekommen. Und erzählt, dass er jeden einmal pro Woche angerufen habe („nicht bloß angeschrieben“), um nachzuhören, wie es seinen Jungs geht. Er weiß nun, wer mit der Familie zuhause war, wer Hunde und Katzen als Mitbewohner hat und auch, wer die Wochen im Homeoffice alleine verbracht hat. Vereinsamt sei da aber niemand. „Das wurde nicht als Problem geäußert“, erzählt der Coach, der zudem sicher ist: „Da brauchen wir auch keinen Psychologen.“ Vielmehr seien die „Mannschaftskameraden“ aus ganz eigenem Antrieb sehr viel füreinander da und hielten den Kontakt untereinander von sich aus intensiv. Er spüre, nicht nur im Verein, eine große Solidarität, sagt Beierlorzer: „Ich glaube, dass so eine Krise insgesamt zusammenbringt.“

Das Training läuft also wieder, wie aber sieht es aus mit den ausstehenden Partien? „Wir brauchen doch nicht darüber reden, dass wir den Fußball über die Gesellschaft stellen“, wischt der Trainer alle Gedankenspiele weg, in denen Fußball privilegiert behandelt werden könnte. Dennoch sieht er kein Problem damit, sämtliche Szenarien gedanklich durchzuspielen, auch solche, wonach Profis regelmäßig getestet würden, um spielen zu können. Niemand wisse eben, wie die Pandemie sich weiterentwickelt. Sprich, sollten Tests irgendwann problemlos verfügbar sein, verändert sich die Bewertung. Den Profisport aber gesondert zu behandeln, das sei „moralisch klar nicht vertretbar“, unterstreicht er.

Medienrunden in den Zeiten von Corona. (Foto: WP)

Wenn Beierlorzer über die Fußballblase in Zeiten nach Corona sagt: „Ich sehe keinen Grund, wieso sich da was verändern sollte“, mag das erstmal seltsam klingen. Schließlich besteht bei dem einen oder der anderen doch eine leise Hoffnung, das Profigeschäft, das gerade in Puncto Finanzen völlig übergeschnappt scheint, würde sich durch die Pandemie ein wenig selbst regulieren. Andererseits, wie realistisch ist es, dass dieses System durch einen Schreckmoment – egal, wie intensiv der auch ist – eine tatsächliche Änderung erfährt? Und ist Beierlorzer nicht einfach nur ehrlich?

Entsprechend verweist der direkt darauf, es wüssten schließlich alle, dass die Gespräche über die neuen Fernsehgelder schon vor der Tür stehen und schließt das Thema mit einem Satz, aus dem sein Kopfschütteln fast schon herauszuhören ist: „An der Blase an sich wird sich nicht viel ändern.“ Zu sehen gab es den Trainer in der Gesprächsrunde übrigens nicht, Beierlorzer hatte die Kamera dabei ausgelassen, ebenso wie die meisten Journalist*innen. Einblicke ins jeweilige Homeoffice blieben also aus.

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