Mainz 05: Aufgeben ist keine Option

Es mag seltsam klingen, aber wenn es etwas gibt, was nach dem Spiel des FSV Mainz 05 in Augsburg Anlass zur Hoffnung vermittelt, sind es die Interviewaussagen einiger Spieler und ihr sichtlicher, körperlicher und seelischer Schmerz über diese Niederlage. Wie oft wird in diesen Situationen lapidar irgendwas dahingesagt, wie oft habe ich mich schon über Spieler geärgert, denen solche Ergebnisse oder Serien nicht nahegehen und mich wie oft gefragt: Was soll sich verbessern, wenn das Team nicht fähig ist zur Selbstkritik, nicht erkennt, woran es liegt, Dinge schönredet und nach einem verlorenen Spiel zur Tagesordnung übergeht?

Nach der Partie in Augsburg war den Beteiligten anzuhören und zu -sehen, dass sie gerade nicht einmal wissen, wo die Tagesordnung hängt. Und ja, das ist ein gutes Zeichen.

Es muss wehtun, so zu verlieren. Es muss wehtun, nach dieser Niederlage an die Mikrofone zu gehen. Es muss wehtun, abends nach der Partie zuhause auf dem Sofa zu sitzen und sich darüber klarzuwerden: schon wieder verloren. Es muss in der Seele schmerzen, im Kopf, in den Füßen und in jeder Herzfalte. Der Schmerz muss so furchtbar sein, dass er größer wird, als die Angst vorm Verlieren, die den Spielern derzeit so erkennbar die Füße lähmt. So groß und mächtig, dass es nur noch ein Ziel gibt, ihn zu vernichten, was bedeutet, endlich wieder zu punkten und den Verein aus dieser sportlichen Krise herauszuführen.

Endlich die guten Trainingsleistungen aufs Feld bringen. (Foto: WP)

Danny Latza als Kapitän hat zum ersten Mal seit dem Trainingsboykott am Mikrofon nicht gewirkt, wie ein beleidigter Dreijähriger, der partout nicht verraten möchte, wieso er die kleine Schwester von der Schaukel geschubst hat. Ruhig, sachlich und schonungslos gegen sich und die Mitspieler benennt er die eklatanten Versäumnisse in der ersten Hälfte und sagt, der Leistungsabfall in Halbzeit eins sei im Vergleich mit dem Gladbach-Spiel unerklärlich. Was einerseits ja stimmt: Wieso schafft es das Team nicht, an zuletzt zwei gute Partien anzuknüpfen? Andererseits ist die Antwort nach fünf verlorenen Spielen denkbar einfach: Irgendwann steht dir eben der Kopf im Weg. Das würde wohl niemandem von uns im Job anders gehen, wenn wir fünf Aufträge verhauen hätten – und nun die Chance, mit dem sechsten zu beweisen, dass wir es besser können.

„Ich glaube, es hat auch mit der momentanen Situation zu tun. Ich glaube, wenn du Woche für Woche dich nicht belohnst (…), klar hat das dann auch was mit einer mentalen Sache zu tun.“

Danny Latza

Daniel Brosinski schien der Gang ans Mikrofon noch schwerer zu fallen als zuletzt. Nachdem er auf dem Feld schon komplett in sich zusammengesackt war, wollte er zunächst gar nicht raus mit der Sprache, kritisierte dann den „Schlafwagenfußball“ in der ersten Hälfte, nahm den Trainer aus der Schusslinie („Wir haben nicht gemacht, was er uns gesagt hat“) und die Mannschaft in die Pflicht, von der er sagte, nach der ersten Halbzeit hätte man im Prinzip alle elf, die auf dem Platz standen, auswechseln können.

Der Saisonstart ist so oder so komplett im Arsch. Das lässt sich weder wegdiskutieren, noch ändern, es ist einfach eine Tatsache. Eine weitere Tatsache ist aber, dass die Saison eben 34 Spieltage hat, von denen 28 noch zu absolvieren sind. Freilich kann nun jede*r nach Belieben auf alles draufhauen, der Verein ist aber gut beraten, das vollständig auszublenden, weil der Weg eben nur nach vorne weitergeht. Immerhin eine leichte Entschärfung der Situation schenken dem FSV einige Teams am Tabellenende, die bislang ähnlich schlecht dastehen.

„Wir sind insgesamt enttäuscht, natürlich vom Ergebnis, aber auch von dem, was wir in der ersten Halbzeit auf den Platz gebracht haben.“

Jan-Moritz Lichte

Fehler, die in der Vergangenheit gemacht wurden, sind nicht mehr zu ändern, sie ständig wieder zu diskutieren, zieht irgendwann nur allen Energie. Jan-Moritz Lichte hat jetzt vier Spiele geleitet als Cheftrainer, in zweieinhalb davon war seine Handschrift zu erkennen, was eine gute Quote ist nach einem Trainerwechsel. Die Probleme, die vor ihm schon da waren, kann er nicht in vier Wochen aufarbeiten, das kann niemand. Ergebnisse brauchen Zeit, die in der Bundesliga eigentlich nicht gegeben ist – und doch muss der Verein sie sich jetzt nehmen. Spielerisch ist das, was auf dem Platz passiert, nicht erst neuerdings oftmals erschreckend schwach. Unter Achim Beierlorzer wurde monatelang ein Mangel verwaltet, nun ist es Sache der Verantwortlichen, dem Fußballlehrer Lichte Zeit und Vertrauen zu geben, um wieder ein Team zu formen und eine Spielidee zu implementieren.

Natürlich kann man Mainz 05 jetzt bereits abschreiben (was ich im Übrigen trotz allem für einen Fehler halte), die Verantwortlichen dürfen das aber keinesfalls. Ihnen bleibt nur, weiterzuarbeiten, jeden Tag neu. Der Blick auf die Tabelle oder in ewige Ligastatistiken hilft dabei nicht, ebenso wenig die Beschäftigung mit dem (berechtigten) Frust der 05-Fans oder unsinnigem Lamento, es sei so schlimm wie noch nie: Wo waren diese Leute, als es gegen den Abstieg aus der 2. Liga ging? Auch bei öffentlich geäußerten Einwürfen von Leuten, denen der Verein vermeintlich am Herzen liegt und die nun in der Krise plötzlich aus der Versenkung auftauchen – leider unrühmlicher Standard im Fußballbusiness – gilt, wie ganz generell in diesem Herbst: Durchzug hilft. Was ansonsten hilft, ist einzig die Konzentration auf das, was mit der eigenen Arbeit beeinflusst werden kann.

Aufgeben ist keine Option.

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