Mother’s little Helper: Was bleibt

Eigentlich sollte es ein entspanntes Wochenende mit der lieben Familie werden: Zu Papas Pensionierung kommt Marko (Lars Eidinger) samt Söhnchen zu Besuch zu seinen Eltern. Nicht im Gepäck ist die Kindsmutter, denn von der lebt er getrennt – was Mama und Papa aber nicht wissen sollen. Im Zug ein netter Flirt, doch am Bahnhof im elterlichen Kaff stellt sich die Dame als Freundin seines Bruders Jakob (Sebastian Zimmler) heraus; die Laune kann das aber nicht trüben.

Spaziergang mit Papa Günter (Ernst Stötzner), der von seinen Reiseplänen im Unruhestand berichtet. Ob die Mama… ? Nein, die wird nicht mitkommen; in all den Jahren habe er sich das Recht erworben, sich jetzt mal nur um sich zu kümmern. Seine Frau Gitte (Corinna Harfouch) weiß davon freilich nichts, die freut sich nach jahrzehntelanger berufsbedingter Fernbeziehung vielmehr darauf, ihren Gatten künftig mehr um sich zu haben.

„Kannst du sicher sein?“ (Foto: Verleih)

„Kannst du sicher sein?“ (Foto: Verleih)

Beim Abendessen – Mama, Papa, die erwachsenen Söhne, einer mit Freundin, der andere mit Kind – der Donnerschlag: Mutti hat die Pillen abgesetzt. Immerhin, alles ändert sich, ihr Mann beschreitet neue Wege, da wolle auch sie einen neuen Schritt wagen. Die erhoffte Freude seitens ihrer Lieben allerdings bleibt aus, denn Mutti ist depressiv, auf ihre Pillen seit Jahren eingestellt – und wer will schon die Verantwortung dafür mittragen, dass es ihr auch ohne gutgehen wird? Eben.

Kein Verständnis demnach auch für Verständnis: Sohnemann Jakob, leidlich erfolgreicher Arzt mit eigener Praxis aus dem Portemonnaie des Vaters, herrscht den fernen Berlinbruder als naiv an, als Marko laut überlegt, ob in der Entscheidung der Mutter nicht auch eine Chance liegen könne? Kein Mut, sondern Schwachsinn und Rücksichtslosigkeit – und wieso meldet sich da überhaupt einer zu Wort, der die letzten Jahre nie da war; der die Angst nicht kennt davor, den Schlüssel ins elterliche Türschloss zu stecken und nur Schweigen zu hören.

Daneben drückt den Vater, von Stötzner leider stocksteif und leidlich glaubwürdig gespielt, ein ganz anderer Schuh: Die mit neuem Selbstbewusstsein ausgestattete Gattin will ihn auf den anstehenden Reisen begleiten. Dagegen spricht vor allem eines: Zwar ist er durch 30 Jahre Pillen und Therapie bei ihr geblieben – zumindest irgendwie ein wenig, wochenends – doch wer will dazu noch große Gefühle von ihm erwarten? Längst lebt er daneben heimlich mit einer anderen Frau…

Der Vater verschnupft, Jakob betrunken und Marko irgendwie um eine Lösung bemüht – all das geschieht in strenger Abkopplung von Gitte, die ihre Lieben umsorgen darf, aber nicht wissen soll, worüber sie miteinander reden. Ob ihnen klar sei, wie das ist, bricht es plötzlich aus ihr heraus? Immer Flüstern, stets verschlossene Türen, keine Teilhabe, nur geschont werden: zum Kotzen.

Am späten Abend ein Moment der Nähe mit Marko. Rotwein, ein bisschen davon ist jetzt, ohne die Pillen, doch erlaubt. Ein freundliches Gespräch, dann ihre Hoffnung und der alles entscheidende Satz des Sohnes, achtlos dahingeplappert die Frage: Wie kann sie sicher sein, dass Günter sie noch liebt, nachdem er jahrzehntelang mehr Pfleger als Ehemann war? Das basse Erstaunen, das durch Gittes Gesicht wandert, die offensichtliche Erkenntnis: darüber hat sie noch nie nachgedacht. Eben so klar für die Zuschauer: nun wird sie nie mehr damit aufhören können – wohl aber aus dieser neuen Ohnmacht eine Entscheidung für sich ableiten.

Hans-Christian Schmid erzählt seinen Film vor allem über die Figuren, und neben vielen anderen ist eine große Stärke der Geschichte, dass man sie alle verstehen kann: Den Sohn, der gegangen ist, weil sein Leben eben so spielte, der sich daraus keinen Vorwurf machen lassen will. Den, der bleibt, und versucht, sich selbst zu sagen, es ist aus der Verantwortung heraus – und nicht wegen der Verlockung des väterlichen Geldes. Die Mutter, die sich der Krankheit nicht beugen möchte, sondern echtes Verständnis einfordert, die sich nicht abfinden will, sondern ihren eigenen Weg gehen. Obgleich geschmälert durch die schwache darstellerische Leistung: den Vater, der wegrennt, aber nicht so ganz, der bleibt, aber nur so halb.

Die Familie als Kollektiv, die helfen will, zugleich aber hilflos ist und ja: in manchen Momenten auch zurückschreckt; aus Überforderung. Pausen für sich einfordert vom Gefühl der Verantwortung, im tiefen Wunsch, dafür nicht gleich wieder mit dem eigenen schlechten Gewissen konfrontiert zu sein. Die Ohnmacht und die Sprachlosigkeit aller Beteiligten.

Neben dem Verständnis für die Figuren steht Wut, die sich zum einen ableitet eben aus der Empathie für die jeweils anderen. Wütend macht aber auch die Starre aus Angst und Bequemlichkeit, in der die Figuren sich selbst gefangenhalten, und dass sie zu wenig mit- und zu viel übereinander reden. Denn so, wie Markos Satz im Gespräch mit der Mutter unvermeidlich die Katastrophe auslöst, in der dieser Film schließlich (vor einem versöhnlichen Nachklapp) mündet, hätten viele kleine Sätze zur rechten Zeit, so die Hoffnung, der Familie auch ein anderes Ende bescheren können. Schließlich lässt sich auf die Frage „Was bleibt?“ nur eine Antwort finden: Jeder neue Tag – und das, was wir daraus machen.

Was bleibt
Buch: Bernd Lange
Regie: Hans-Christian Schmid
Darsteller: Corinna Harfouch, Lars Eidinger
Deutschland, 85 Minuten, FSK: 12

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