Vergiftete Hoffnung: Ein schlimmer Verdacht

Ein halbes Jahr ist es her, dass Vergiftete Hoffnung im Societäts-Verlag erschienen ist. Es war ein halbes Jahr, in dem ich keine Lesungen halten konnte, in dem das Buch deshalb auch viel weniger sichtbar war, als 2018 der Vorgänger Im Schatten der Arena. Im März veröffentliche ich deshalb vier Ausschnitte aus dem 05-Krimi. Begleitet werden diese von den eingelesenen Kapiteln.

Eine schwarze Katze mit weißer Nase liegt in einem Päckchen mit lauter Exemplaren von "Vergiftete Hoffnung".

Auf wen wartet er bloß? Ungeduldig trippelt Jo von einem Fuß auf den anderen. Ihr ist mittlerweile richtig kalt. Sie widersteht der Versuchung, ebenfalls einen Schirm zu holen, obwohl sie weiß, im Kofferraum ihres Autos liegen gleich mehrere Exemplare. Aber sie will hier auf keinen Fall etwas verpassen. Wieder springen die Fußgängerampeln auf Grün, wieder zuckt Jo bei dem Geräusch erschreckt zusammen. Dann nimmt sie wahr, wie sich eine Person aus der Traube löst, die auf Höhe der Kneipe „Schick und Schön“ aus der Boppstraße kommend die Kaiserstraße überquert.

Sie kneift die Augen zusammen, um zu erkennen, ob die Silhouette sich auf Rainer Böttinger zubewegt. Tatsächlich. Doch bisher kann sie nicht sehen, wer da forschen Schrittes in ihre Richtung läuft, zumal ein großer, schwarzer Schirm Gesicht und Oberkörper der Person verdeckt. Böttinger hat Jo den Rücken zugedreht. Als er wahrnimmt, wer auf ihn zukommt, tritt er eilig seine brennende Zigarette aus und klappt den Kinderschirm zusammen. Ist ihm der etwa peinlich?

In gebückter Haltung schleicht Jo ein paar Meter an der Mauer entlang. Als sie den Kopf hebt, hat die Person mit dem Schirm diesen ebenfalls zugeklappt und schüttelt Rainer Böttinger lächelnd die ausgestreckte Hand. Jo starrt auf seinen Rücken und es kommt ihr vor, als könne sie sein breites Grinsen sehen. Was für ein schleimiger Kotzbrocken du bist. Sie knirscht wütend mit den Zähnen. Die Frau, der ihr Vater gerade fast in den Ausschnitt fällt, ist sehr groß, sehr schlank und sehr schön. Jo ist sich relativ sicher, sie noch nie gesehen zu haben. Mit klammen Fingern fischt sie in der Hosentasche nach ihrem Handy und versucht, damit ein Foto von den beiden zu machen. Ziemlich verwackelt, aber wer die Frau kennt, würde vielleicht etwas damit anfangen können.

Das Auto, das mit quietschenden Reifen neben den beiden hält, hat ein auswärtiges Kennzeichen. Jo kneift die Augen zusammen, um die Buchstaben entziffern zu können. LDS. Nie gehört. Sie tippt sie in ihren Chatverlauf mit Anda, als sich die Fahrertür des Porsches öffnet und Rolf Böttinger aussteigt. Ihr Halbbruder. Schon wieder. Das wird ja noch ein richtiges Familientreffen hier. Rolf läuft ums Auto herum und reißt die Bei- fahrertür auf. Eine leicht verhuschte junge Frau steigt aus. Er redet wild auf sie ein und drückt ihr die Schlüssel in die Hand. Zögernd geht sie zur Fahrerseite und steigt wieder ins Auto. Rolf klopft auf die Motorhaube und ruft etwas in Richtung seines Vaters, die beiden Männer lachen. Dann gehen sie zusammen mit der Unbekannten in das Gebäude hinein.

Jo wartet einen kleinen Moment, bis sie sich vor den Eingang traut. Von den Dreien ist nichts mehr zu sehen. Sie zögert. Soll sie ihnen einfach ins Gebäude folgen? Mit klopfendem Herzen läuft sie ein paar Stufen die Treppe hinauf. Vor dem Eingang steht ein Typ mit einer Security-Weste. Sie duckt sich rasch und schleicht wieder zurück. Neben dem Haupteingang führt ein Durchgang in den Hof hinter dem Gebäude. Jo erinnert sich, dass im Keller eine Zeitlang Konzerte und Festivals stattgefunden haben, bevor das Gebäude für die Geflüchteten umgebaut worden ist. Irgendwelche Idioten hatten deshalb gegen die neue Nutzung mit Schildern protestiert, auf denen „Partypeople yes, Boatpeople no“ zu lesen war. Jo schnaubt verächtlich. Was für Arschlöcher manche Leute einfach sind.

Im Hof braucht sie eine Sekunde, um sich zu orientieren. Zu ihrer Linken ist der Teil des Gebäudes, in dem die Verwaltung und die Gemeinschaftsräume untergebracht sind, das hat sie auf dem Plan auf der Homepage gesehen. Sie bleibt zögernd stehen. Einige der Verwaltungsräume sind im Sousparterre. Was, wenn die drei dort unten sind und durch einen blöden Zufall ihre Füße sehen, wenn sie da entlangläuft? Jo entfernt sich ein paar Meter vom Gebäude und duckt sich zwischen die Autos, die hier parken. In der Hocke bewegt sie sich langsam zwischen den Reihen und späht rüber zu den tiefliegenden Fenstern. In einem der Räume brennt Licht. Sie hält den Atem an und krabbelt rüber zum Haus, vorsichtig darauf bedacht, nicht in das Sichtfeld der Menschen in dem beleuchteten Raum zu kommen.

Jo kniet an die Wand des Gebäudes gepresst ein Stück neben dem Lichtkegel und lugt vorsichtig zwischen den Gitterstäben vor dem Fenster hindurch. Bingo. Die drei sind in dem Zimmer. Die Männer stehen mit dem Rücken zu ihr, die Frau in ihre Richtung, aber sie ist ganz auf die vierte Person konzentriert, die zusammengekauert auf einem Stuhl hockt. Jo rutscht ein Stück näher an die Gitterstäbe. Sie realisiert, dass die Fenster gekippt sind und dreht den Kopf, um zu hören, was da unten vor sich geht. Aber sie kann nichts verstehen.

Fuck man, redet doch mal ein bisschen lauter. Die beiden Männer treten ein Stück von dem Stuhl weg und Jo sieht, dass es eine junge Frau ist, auf die alle drei derart heftig einreden. Sie kommt ihr vage bekannt vor, ohne, dass sie sagen könnte, woher. Ihr Halbbruder schreit nun heftig auf das Mädchen ein, die mit starrem Blick an ihm vorbeisieht. Plötzlich schnellt seine Hand vor und er reißt an ihren langen, pechschwarzen Haaren. Jo unterdrückt einen Schrei. Sie sieht sich um. Was, wenn sie einen Stein oder sowas gegen das Fenster tritt, um die Runde da unten aufzuscheuchen?

„Was machen Sie denn da?“ Die Stimme bricht aus dem Nichts in Jos Gedanken. Sie fährt erschrocken herum und sieht den Mann mit der Weste hinter sich stehen. Fuck.

Vergiftete Hoffnung, Kapitel 21

aus: Vergiftete Hoffnung, Mainz 05-Krimi | Kapitel 21

Das Buch kann über jede Buchhandlung bezogen werden. Online ist es u.a. erhältlich im Shop der Autorenwelt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.