Sc(h2o)wimmbad: Liebe

Sechs Bahnen. An diesen Rat erinnere ich mich, nicht aber daran, wer ihn mir gegeben hat. Sechs Bahnen am Stück, so lange braucht es demnach, um beim Schwimmen in den eigenen Rhythmus zu kommen. Sechs Bahnen, die an guten Tagen verfliegen und die es an schlechten durchzuhalten gilt: gegen Widerstände, Ängste, Müdigkeit. Danach, so das Versprechen, werde alles leichter.

Kurze Bahnen? Lange Bahnen? Auch das weiß ich nicht mehr. Woran ich mich erinnere, sind die Nachmittage im Hallenbad. Das Schwimmtraining, den Geruch von Chlor. Das Gefühl, im kalten Wasser einzutauchen und wie der ganze Körper darauf reagiert.

Als kleine Kinder haben wir nach dem Training in der dunklen Schwimmbadkneipe Cheeseburger aus Styroporboxen gegessen. Bis irgendwer uns fragte, ob uns das nicht sehr unsinnig vorkäme, Kalorien erst mühsam im Becken zu verbrennen – und dann wieder in uns reinzustopfen.

Von der Luft zärtlich erschlagen

Wir wussten damals nicht, was Kalorien sind, aber plötzlich war da dieses Wort – und damit eine Verbindung: Ein Grund, um zu schwimmen, konnte es demnach sein, an Gewicht zu verlieren. Oder zumindest, kein neues hinzuzugewinnen. Wir aßen die Burger danach weiter, aber sie schmeckten nie mehr so gut wie vor dieser übergestülpten Erkenntnis.

Die Diskussionen ums Föhnen nach dem Training, unter den blauweißen Hauben, die sich an der Wand hochschieben und runterziehen ließen. Als Kind habe ich nie gefroren. Ich wollte aus dem hitzigen Vorraum der Schwimmhalle raus an die kalte Luft und von ihr zärtlich erschlagen werden, ohne zu föhnen, die nassen Haare unter der Schlauchmütze.

An den Wochenenden fuhren wir in kleinen Bussen zu den Wettkämpfen. Bevor ich an der Reihe war, musste ich jedes Mal auf die Toilette, meine nervöse Blase ausschütteln. Es ist vorgekommen, dass ich dort noch saß, wenn mein Name aufgerufen wurde, aber immer schaffte ich es rechtzeitig auf den Block. Ich war eine gute Brustschwimmerin und fand meinen Namen am Tag danach in der Zeitung wieder. Aufregend war das und spaßig.

Bei der Staffel disqualifiziert

Die anderen Stile und ich, wir fanden nicht zusammen. Auf dem Rücken irrte ich kreuz und quer durchs Becken, beim Kraulen wurde es mir vom Hin und Her des Kopfes schwindelig und ich war zudem viel zu langsam, für einen ordentlichen Delfin bekam ich die Arme nicht weit genug aus dem Wasser und wurde dafür bei der Staffel disqualifiziert.

Es frustete mich, dass sich nicht überall Verbesserung einstellte, obwohl ich mich so sehr abmühte. Aber wenn ich in meiner Disziplin unterwegs war, fühlte ich mich auf eine Art leicht und richtig, die ich nur im Wasser kannte. Alles, was sich an Land schwer anfühlte, widerständig und mühsam, ließ ich dort zurück, wenn ich untertauchte. Auch darüber, ob mein Körper nach allgemeinem Maßstab richtig war, dachte ich nicht nach.

Irgendwann verkündete die Trainerin, sie nehme mich nicht mehr mit auf Wettkämpfe, weil sich das nicht lohne für eine Disziplin. Ich war betrübt, denn ich mochte diese Ausflüge – aber fügte mich. Als ich zuhause davon erzählte, waren meine Eltern enttäuscht, dass ihre Tochter als Einzige nicht gut genug war, um weiter anzutreten. Tatsächlich hatten alle, die zuvor bereits aussortiert worden waren, das Schwimmen danach aufgegeben.

Die Körpervorstellung der Anderen

Meine Mutter bewegte außerdem eine andere Frage. Schon als ich ein Kleinkind war, so erzählte sie, sei ihr mein breites Kreuz aufgefallen. Vielleicht wäre Schwimmen ja nicht wirklich ideal für mich, denn sicher wollte ich das nicht fördern. Da war sie wieder, diese Verbindung, die mit den Cheeseburgern angefangen hatte. Doch ich schüttelte sie ab.

Bald darauf trat ich aus dem Verein aus und kam nicht mehr ins Training. Ich schwamm nun für mich alleine – und es war mir egal, was das mit meinem Kreuz machte. Lediglich die besondere Stimmung bei Wettkämpfen vermisste ich, die kleinen bunten Fahnen über dem Becken, den Austausch mit anderen, die meine Leidenschaft teilten.

Als ich die elfte Klasse in den USA verbrachte, trat ich dort ins Swimteam ein und für einen kurzen Moment half mir das, in dem fremden Land anzukommen. Dann erklärte mir unser Coach, für die Wettbewerbe müssten wir unsere Arme und Beine rasieren und ich hörte von einem Moment auf den anderen auf.

Ich hatte keine Lust mehr auf die ständigen Vorschriften und Eingriffe, was ich mit meinem Körper zu tun, und wie er auszusehen hatte. Zwar konnte ich die Verunsicherungen, die dadurch in mir ausgelöst wurden, nicht komplett abschütteln, ich konnte aber gewisse Grenzen ziehen. Das zu realisieren, half mir ungemein.

Ich fand mich unter Wasser

Wer schwimmt, macht sich nackt; zwar nicht vollständig, aber es geht eine gewisse Preisgabe des Körpers damit einher. Im Erwachsenwerden und manchmal noch darüber hinaus musste ich einen Umgang damit finden. Im Becken aber hörten sämtliche Gedanken daran auf. Meine Mutter fand mich zu dick, mein Vater fand mich zu dünn, ich fand mich unter Wasser; auch in Phasen, in denen ich überall sonst verloren war.

Doch diese Sicherheit entglitt mir, als mein Leben in der Mitte des Studiums an zu vielen Stellen zugleich aus den Fugen geriet. Während Panikattacken mir die Luft aus der Lunge pressten, war ans Schwimmen zunächst nicht zu denken. Das lange, tiefe Becken, das in seiner Mitte ins schier unendliche Dunkel abkippten, schien unüberwindbar.

Da erinnerte ich mich an die sechs Bahnen. Strampelnd und angstvoll arbeitete ich mich durchs Nass. Eins. Schluckte Wasser. Zwei. Kämpfte gegen die aufsteigende Panik. Drei. Überwand mich. Vier. Löste mich aus der Hektik. Fünf. Fand meinen Rhythmus. Sechs. Und von vorn.

So schwimme ich seither, in abgezählten Sechserpaketen, auch wenn diese Zeit zwei Jahrzehnte zurückliegt. Ich habe meinen Rhythmus gefunden.

Die kindliche Faszination für Hallenbäder ist mir mit den Jahren ein wenig verloren gegangen und ich habe eine gesunde Arroganz gegen 25-Meter-Bahnen entwickelt. „Mein“ Freibad hat tolle 50-Meter-Bahnen, es ist von Mai bis September ein Ort, an dem ich auftanken kann und wo alles, was mich beschäftigt, vor der Tür bleibt – oder mindestens am Beckenrand.

Alles ist im Fluss

Was nicht bedeutet, dass ich mir beim Schwimmen keine Gedanken mache, aber wie mein Körper sind auch sie dann weniger schwer. Unter Wasser schlägt mein Herz besonders zart, fühle ich mich versöhnlich, lasse ich hinter mir, was lange her ist, was ich nicht ändern kann. Unter Wasser lerne ich, loszulassen und zu verzeihen.

Die kühle Feuchtigkeit hüllt mich ein wie eine federleichte Decke, sie umarmt mich wie eine gute Freundin, hält und wiegte mich. Im Wasser ist: alles im Fluss; das klingt wie eine Phrase, aber es fühlt sich wahr an.

Ich weiß nicht, woher es kommt, dass Menschen sich in unterschiedlichen Elementen wohlfühlen, ob es ein Zeichen dafür ist, woher wir kommen – oder wohin wir gehen. So lange ich bleibe aber, möchte ich schwimmen.

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